Part 8 – Endings

*three years later*

Ihre Beine baumelten aus weiter Höhe, während sie ihm zusah. Seit den frühen Morgenstunden war er dabei, das Boot zu fetten, damit es nicht lecken würde. Sie wusste, es würden nur noch ein paar Tage vergehen, bevor er tatsächlich in See stechen würde, und mittlerweile konnte sie gar nicht mehr sagen, seit wie vielen Wochen sie nicht mehr mit ihm sprach.

Der warme Wind blies ihr übermütig die lockigen Haare ins Gesicht, und sie schob sie gereizt zurück. Scorpius war im Wald unterwegs, besorgte Kilian sogar ausreichend Proviant, auch wenn er ihn nicht brauchen würde, und Aurora konnte nicht begreifen, dass sie die einzige war, die noch bei Verstand war.

Ihr Bruder plante seit einer ganzen Weile, die Insel zu verlassen, hatte seinen Körper trainiert, beherrschte seinen Zauberstab um Längen besser als sie, und nach ihrem letzten Streit, war sie nicht sicher, ob sie gewinnen würde. Sie hatte sich geschworen, nicht mit ihm zu reden.

Er hatte sich zu entschuldigen. Sie wusste, er würde nicht plötzlich beschließen, hier zu bleiben, aber… immerhin sollte er sich von ihr verabschieden.

Ihr Streit war sinnlos gewesen. Aurora hatte beharrlich ihren Standpunkt verteidigt, dass sie die Insel garantiert nicht verlassen würde, wohingegen Kilian einfach nur ein Arschloch gewesen war, der behauptete hätte, ein Abschied wäre nicht nötig, denn sie würden sich nur allzu bald wiedersehen.

Für Aurora stand fest, das hier wären die letzten Tage, die sie ihren dämlichen Bruder sehen würde. Und es tat weh. Denn… er schien es nicht erwarten zu können, sein Zuhause zu verlassen.

Sie stieß sich in die Höhe, sprang auf die bloßen Füße, denn sie zog es vor, barfuß unterwegs zu sein. Die Plattform war für sie keine Herausforderung, und sie griff fast blind nach den höheren Ästen. Sie besaß genügend Armmuskulatur, um sich problemlos in die Höhe zu ziehen. Sie schwang die Beine, nutzte die Kraft, schwang sich höher, wie einer der kleinen Affen, und sie erreichte die nächste Ebene. Mit ausreichend Schwung sprang sie auf den nächsten Baum, balancierte in zehn Metern Höhe auf dem flachen Ast, lief weiter, kannte sich auf den Ästen beinahe besser aus als am Boden, und sie würde sich nicht vorstellen können, die Insel jemals zu verlassen.

Über dem Boden, hoch in den grünen Wipfeln war ihr Zuhause. Es war ihre Oase. Ungestört konnte sie wandern, nachdenken, ihren Körper trainieren, auf Arten, die am Boden unmöglich waren. Manchmal kam es ihr vor, als flöge sie durch die Wipfel, durch das satte Grün, und der fließende dünne Stoff, den sie als weiten Rock trug, hinderte sie nicht, nein, er formte sich im Wind, passte sich ihren Bewegungen an, war luftig und bequem.

Sie fiel nie. Sie war eins mit dem Dschungel, den Bäumen, den Tieren am Boden, den Vögeln in der Luft. Sie war die Natur.

Sie hatte die letzte Woche viel Zeit hier oben verbracht. Jeder in ihrer Familie hatte seine Art, mit der Trauer umzugehen. Und sie glaubte, Skills' Tod hatte ihren Dad am schlimmsten getroffen. Er hatte sich ganze vier Tage in den Dschungel zurückgezogen, hatte keinen Kontakt mit ihnen gehabt, während ihre Mum einfach in sich gekehrt war. Scorpius hatte viel geweint, und Kilian? Kilian hatte ihrem Dad den schweren Gang abgenommen, den Affen zu beerdigen. Wenn man es so nennen konnte. Sie glaubte, es war das erste Mal gewesen, dass ihr Dad etwas nicht gekonnt hatte.

Er hatte es nicht fertig gebracht.

Kilian hatte den Affen zum Strand schweben lassen, hatte ein großes Feuer gelegt und Skills verbrannt. Mit einem Zauber hatte er dann die Asche konserviert, nur um sie über den Bergen zu verstreuen. Es war wirklich nett gewesen.

Und Skills hatte keine Schmerzen gehabt, er war… einfach vor der Höhle am Feuer eingeschlafen und am nächsten Tag nicht wieder aufgewacht.

Es kam nicht überraschend. Er war immerhin achtzehn Jahre alt gewesen. Unfassbar alt für einen wilden Blauaffen. Aurora hatte das weiche Fell ein letztes Mal gestreichelt, hatte sich innerlich verabschiedet, und es war ok. Es war, wie es sein musste. Alles fand sein Ende irgendwann. Es war der ewige Kreis, nahm sie an. Und die Insel holte sich, was ihr gehörte wieder zurück. Und Skills war wieder eins mit der Insel. Auch Aurora fühlte sich im Gleichklang mit diesem Paradies, mochte es auch nicht immer schön sein. Und seit letzter Woche fühlte sie sich umso mehr als Teil dieser Insel. Nicht nur, weil sie hier geboren war. Einfach weil sie hier litt und lebte und liebte.

Es war ein Gefühl, was sie nicht beschreiben konnte. Sie flog zum nächsten Ast, höher, sprang zum nächsten Baum, kannte die Wege im Schlaf, und nach vielen Kilometern hielt sie inne, schaute halb über den weiten Dschungel, hinaus über das endlose Wasser, genoss den Wind in den Haaren, ließ ihren Körper vom Wind nach rechts und links schaukeln, und dann blickte sie hinab ins Dickicht.

Sie verengte die Augen. Aus der Ferne erkannte sie Kilians Quelle. Ihr Weg führte sie ab und an hier vorbei, an den Felsen, dem plätschernden Wasser, und sie sah es golden durch die Blätter schimmern. Aurora bückte sich instinktiv, ging in die Hocke und beobachtete mit wachsamem Blick die Quelle. Es war eine Vision.

Sie wusste es. Sie machte sich nichts aus den Blicken in die Zukunft, aber ihre Neugierde siegte. Langsam kletterte sie hinab, elegant und mühelos.

Fast lautlos landete sie mit einem geschmeidigen Sprung auf dem weichen Boden, und sie näherte sich dem goldenen Schein. Und sie hatte das eigenartige Gefühl, als rufe die Quelle sie. Als wäre die Vision für sie bestimmt, als warte sie nur darauf, dass sie kam.

Ihre Schritte stockten, und ihr Herzschlag beschleunigte sich allmählich. Es war, wie Kilian sagte. Das goldene Licht war blendend, und irgendwann klärte sich der Blick, irgendwann konnte sie erkennen.

Es war die Insel. Vollkommen gebannt, wischte sie sich die Haare zurück, aber nicht ohne zumindest einem Hauch von Misstrauen betrachtete sie das Bild, was sich ihr offenbarte. Es war die Lagune, sie erkannte die Hütte, die Höhle, den Wasserfall. Es war ihr Zuhause. Und ihre Mum saß am See, schien die Fische auszunehmen, und sie verengte die Augen, als das Bild näher rückte. Die Frau hob den Blick, sah sich um, und erst jetzt begriff sie, dass sie nicht ihre Mutter sah.

Die Frau sah ihr nur zum Verwechseln ähnlich.

Aurora erkannte sich selbst, und sie schätzte, ihr Abbild müsste in den Zwanzigern sein. Sie sah zumindest aus, wie eine erwachsene Frau.

Und sie stellte fest, dass niemand sonst an der Lagune war. Und fast war es eine langweilige Vision. Das einzige, was sie zufriedenstellte, war, dass sie scheinbar auf der Insel blieb. In ihrem Zuhause. Sie setzte sich auf den flachen Felsen, erlaubte sich, zuzusehen, und es verging einige Zeit, in der sie einfach nur ihr Abbild betrachtete, beobachtete, wie sie Feuer machte, wie sie aß, wie die Sonne unterging, und noch immer kamen weder ihr Vater oder ihre Mutter aus der Hütte oder dem Wald. Auch Scorpius war nicht zu entdecken.

Und irgendwann erhob sich ihr Abbild, spazierte in der Abendsonne um den See, nur um irgendwann zu apparieren. Die Vision folgte der Gestalt, und ihr Abbild landete irgendwo am Strand. Aurora kannte die Stelle ungefähr. Dort wuchsen die schönsten Blumen. Die Blüten waren giftig, aber die Stiele nicht. Behutsam pflückte ihr zukünftiges Ich die Blumen, hielt sie vorsichtig, und wanderte den Strand entlang. Es war ein schönes Bild, aber Aurora hatte ein komisches Gefühl. Sie konnte es nicht direkt benennen.

Dann erreichte sie die offene Bucht der Insel, dort wo jetzt gerade noch Kilians Boot lag. Und auch aus der Entfernung erkannte sie etwas im Sand. Etwas Dunkles. Je mehr ihr Abbild sich näherte, umso klarer wurde das Bild. Es war ein hoher Fels. Sie wusste, dieser stand jetzt noch nicht da, und er wirkte eigenartig bewusst dort platziert. Ihr Abbild erreichte den Monolit, und dann öffnete sich ihr Mund, in stummem Verständnis. In ungläubigem Horror, denn ihr Abbild bückte sich schließlich, um die schönen Blumen vor dem hohen Felsen abzulegen.

Aurora wurde augenblicklich kalt.

War das…?

Dann setzte sich ihr Abbild in den feinen Sand, blickte zum Fels empor und schwieg weiterhin. Sie stützte ihre Arme auf die Knie, und Auroras Herz tat schwere Schläge. Waren ihre Eltern tot? War ihr Bruder tot?

War es das, was sie sah? Ihr Mund war sehr trocken geworden. Was sollte das? Was zeigte diese verdammte Vision? Dass ihre Eltern starben, wenn… wenn… sie versuchten die Insel zu verlassen?!

Sie wusste, ihre Eltern planten ebenfalls, irgendwann nach England zurückzukehren. Nur noch nicht jetzt, denn… ihre Mum war schwanger. Wieder einmal. Hatte sie das Kind bekommen? Wo war ihr Geschwisterchen?

Waren sie alle tot?

Aurora wurde übel bei dem Gedanken allein!

Und dann hob das Abbild plötzlich den Blick, wandte sich um, und Aurora hielt die Luft an, denn… die Frau sah ihr direkt ins Gesicht, als könne sie sie sehen. Die Gänsehaut überkam sie augenblicklich.

Sie erkannte sich selbst, und sie erkannte die unglaubliche Trauer im Blick der Frau. Mit einem Mal war sie sich sicher, dass es stimmte! Sie hatte ihre Eltern verloren. Es konnte nicht sein! Es durfte nicht sein!

Ihre Mum hatte ihr gesagt, Visionen ließen sich nicht ändern, aber… das konnte nicht sein!

Der traurige Blick aus ihren eigenen Augen verfolgte sie schon jetzt, und sie kam auf die Beine, wich nach hinten zurück, floh vor der Vision, floh vor ihrem Abbild und rannte fluchtartig durch den Dschungel, ließ die Quelle hinter sich, und wusste nicht, was sie damit anfangen sollte!

Sie wollte nach Hause! Sie wollte zu ihrer Mum!

Es war eigenartig. Die Gewissheit, die er sonst empfunden hatte, war nach Skills' Tod angekratzt. Er dachte häufig an den Affen, und dass der Verlust für seinen Vater so unerträglich gewesen war, hatte ihn erkennen lassen, wie sehr er seine Eltern liebte. Alles war nicht ganz so einfach. Alles kam mit einem Preis.

Es waren anstrengende Gedanken.

Vor allem heute.

Gerade heute.

Er hörte sie. Es riss ihn direkt aus seinen Gedanken. Er wusste, es war sie. Niemand sonst kam hier hoch. Für Scorpius war es noch zu schwer, und seine Eltern hatten kein Interesse an der Plattform.

Er beobachtete wachsam den Rand, und dann griffen ihre Hände um das Holz, zogen sich empor, und er wusste nicht, warum sie nie hier hoch apparierte, warum sie immer kletterte. Wem wollte sie etwas beweisen?

Und kühl betrachtete er ihre schlanke Gestalt. Sie war ein hübsches Mädchen, unweigerlich. Aber sie war auch stur und dumm.

Und anscheinend nahm sie ihn wieder zur Kenntnis. Das tat sie seit Wochen nämlich nicht mehr. Nicht mal als Skills gestorben war, hatte sie mit ihm gesprochen. Das nannte er Sturheit.

„Wir müssen reden", sagte sie schlicht, und war vom Klettern nicht mal außer Atem. Er spannte den Kiefer an und betrachtete sie einige Sekunden lang.

„Redest du mit mir?", vergewisserte er sich, und sie verzog gereizt den Mund, als sie sich näherte und sich neben ihn setzte. Ihre Gestalt umgab etwas Gestresstes, etwas… Nervöses.

„Ja", bestätigte sie, ohne ihn anzusehen.

„Willst du dich entschuldigen?", vermutete er mit überheblichem Unterton, aber der Blick, den sie ihm schenkte, verriet ihm, dass das wohl das letzte war, was sie wollte.

„Nein", entgegnete sie so selbstverständlich, dass es ihn fast wütend machte. „Ich… ich hatte eine Vision heute. An der Quelle." Kurz weiteten sich seine Augen. Aurora hasste die Quelle. Sie mied sie, wie ein Affe das Wasser.

„Seit wann-?", begann er, aber sie unterbrach ihn rigoros.

„-sie werden sterben", schloss sie bitter. Er schwieg, sah sie an, wusste darauf keine direkte Antwort. Aber sie führte diese Worte aus. „Mum, Dad, Scorpius. Sie werden alle sterben." Und er musste ehrlich sagen, dass er es nicht glaubte.

„Bist du dir sicher?" Und so musste er klingen, denn sie fasste ihn wütend ins Auge.

„Ich habe es gesehen. Ich war da! Ich saß an ihrem Grab, habe ihnen Blumen gebracht, Kilian!", fuhr sie ihn praktisch an. „Was soll ich tun?"

Und sie fragte ihn tatsächlich. Sie wollte seinen Rat – seine Lösung. Er schüttelte den Kopf.

„Ich… verstehe nicht. Du…? Bist du dir ganz sicher?", wiederholte er, denn er glaubte es immer noch nicht.

„Ja!", knurrte sie. „Ich… bin schon älter, vielleicht Anfang zwanzig. Und… niemand ist mehr hier. Niemand ist auf der Insel."

„Vielleicht… lügt die Vision?", schlug er vor, denn er wusste keine Antwort. Und sie hob gereizt eine dunkle Augenbraue.

„Ja? Hat sie das bei dir schon getan? Würdest du dich blind in eine so dämliche Gefahr begeben, wenn es alles Lügen wären?" Und nein. Er glaubte nicht, dass es Lügen waren. Tat er nicht. Die Visionen logen nicht. Aber… wie konnte das sein? Seine Eltern konnten nicht sterben!

„Und… hast du gesehen, was passiert? Ich meine-?"

„-nein!", rief sie verzweifelt. „Es war einfach… passiert. Es war einfach vorbei!" Ihr Blick war glasig, und echte Angst ruhte in ihrem sonst so gelassenen Blick. „Was… soll ich tun?" Sie fragte ihn. Wieder. Als wüsste er die Antwort.

„Hast du es Mum und Dad erzählt?", fragte er sofort, aber sie schüttelte heftig den Kopf.

„Nein. Ich… konnte nicht. Wie… könnte ich das?", fuhr sie ihn an. „Mum glaubt den Visionen! Mum sagt, sie sind immer wahr und können nicht verändert werden!", rief sie panisch. Und Kilian wusste das, denn… er glaubte es selbst.

„Sie… waren tot, und du warst es nicht?", wiederholte er dumpf, um zu verstehen, und Aurora nickte schwach. „Wo… wo war das Grab?" Sein Verstand arbeitete jetzt. Es musste eine Lösung geben. Die Visionen zeigten immer Lösungen. Immer mehr oder weniger gute Ausblicke. Nie so etwas… Grauenvolles!

„Am Strand", erwiderte sie, und sofort schoss ihm eine Idee in den Sinn.

„Sind… sind sie ertrunken? Waren sie deshalb am Strand beerdigt?" Er verzichtete darauf, zu fragen, ob Aurora sie deshalb am Strand beerdigt hatte, aber das musste er gar nicht. Wer sollte es sonst getan haben. Und sie wirkte ehrlich ratlos.

„Das… das weiß ich nicht, Kilian."

„Es macht Sinn", murmelte er, dachte wieder nach, und sie atmete schwerer, hielt die Tränen wohl nur mühsam zurück. „Vielleicht…" Und er schwieg.

„Vielleicht was?", bohrte sie nach, und er atmete aus.

„Vielleicht… als sie die Insel verlassen wollten?", schlug er widerwillig vor. „Vielleicht hat der Centacepta sie gefressen?"

„Was?!", entkam es ihr. „Du denkst, sie sterben beim Versuch, die Insel zu verlassen? Du denkst, sie… lassen mich hier?", entkam es ihr wesentlich unsicherer, und er zuckte die Achseln.

„Nein! Ich weiß es alles nicht, ok? Das sind bloß Vermutungen. Aber ja, du machst eine ziemlich große Sache daraus, dass du niemals hier verschwinden möchtest, also – ja. Vielleicht lassen sie dich hier!"

„Und das soll die Antwort sein? Wenn ich nicht mit ihnen gehe, dann sterben sie alle?", schrie sie jetzt praktisch, und Kilian war sich nicht sicher, ob das die Lösung war. „Und dann was? Ich komme mit, und vielleicht sterben wir alle trotzdem?" Sie sah ihn herausfordernd an, aber er hatte keine Antwort darauf.

„Vielleicht… hat Mum Probleme mit der Geburt. Es war bei mir so. Vielleicht müssen sie… gehen?", sagte er irgendwann, und Aurora verzog den Mund. Sie glaubte ihm nicht, wollte ihm nicht glauben. „Wahrscheinlich ist die Lösung einfach. Wahrscheinlich-"

„-bin ich schuld, dass sie sterben?", beendete sie den Satz für ihn, auch wenn er etwas anderes hatte sagen wollen.

„Geh einfach mit ihnen, wenn sie die Insel verlassen, verdammt", fuhr er sie an. „Was soll die Vision dir sonst sagen wollen? Du wärst so oder so alleine in der Zukunft. Und jetzt weißt du sogar, dass deine Familie gestorben wäre!" Er wurde langsam auch zorniger.

„Vielleicht war es kein Grab!", rechtfertigte sie sich jetzt mit roten Wangen.

„Warum hast du dann Blumen abgelegt?", griff er ihre Worte auf, und er sah den Zorn in ihrem Blick auflodern. Wütend erhob sie sich, um ihn zurückzulassen. Sie war so. Sie regte sich schnell auf, war schnell wütend, und… handelte unüberlegt.

„Rory", hielt er sie widerwillig auf, denn er wollte nicht, dass es so endete. So egal es ihm sein wollte, so wenig konnte er es durchziehen. Sie wandte sich gereizt um. Gerade heute konnte er nicht egoistisch sein.

„Weißt du was, ich verzichte auf deine Ratschläge! Es sind dumme Ratschläge, ok?" Wütend wollte sie absteigen, aber er erhob sich.

„Ich reise heute Abend ab. Bevor die Sonne untergeht."

Und das hielt sie tatsächlich auf. Langsam wandte sie sich um und schien ihren Zorn kurz zu vergessen.

„Was?", entkam es ihr, wie ein Hauch. Mit der Hand kämmte er sich die Strähnen zurück, und wischte sich die Hände an der alten Jeans ab.

„Ich habe das Segel schon vor einigen Tagen hier deponiert", eröffnete er ihr, während er die Desillusionierung aufhob, und das weiße Segel in Sicht kam. Es lag hier oben, damit es seine Eltern nicht finden würden. Damit sie nicht… wussten, dass es soweit war.

„Du… du willst heute…?"

„Ja", antwortete er ruhig. „Ich war vorhin an der Lagune, habe allen gesagt, ich bräuchte noch etwas Zeit, aber… ich bin seit gestern fertig. Ich habe alles, was ich brauche." Demonstrativ schlug er das Segel zurück, und Auroras Augen fixierten das glänzende Schwert. „Und… wenn ich es offiziell mache, mich wirklich verabschiede – vielleicht… tue ich es dann doch nicht. Vielleicht… kann ich es nicht. Deshalb… mache ich es heute." Dann hob sich ihr Blick zu seinem Gesicht. Und selten sah er seine Schwester weinen. Wirklich selten, wenn überhaupt.

Und bevor er begriff, war sie auf ihn zugestürmt und warf sich schluchzend in seine Arme.

„Nein", wisperte sie, schlang die Arme um seinen Nacken, und er drückte sie an sich, atmete sie ein, und sie roch nach wilden Blumen und ganz nach ihr selbst.

„Rory", murmelte er in ihre Haare, aber er spürte, wie sie heftig den Kopf schüttelte. „Ich muss gehen", flüsterte er.

„Musst du nicht!", widersprach sie schluchzend.

„Du musst mich gehen lassen. Und… du wirst auch eines Tages gehen. Die Insel… will uns nicht für immer haben, verstehst du?", flüsterte er. „Das Leben wartet auf uns", schloss er lächelnd, und sie hielt ihn nur fester.

„Was, wenn du stirbst?", jammerte sie, und er lachte auf.

„Die Vision lässt mich nicht sterben", sagte er bloß.

„Sie lässt Mum und Dad sterben!", rief Aurora in seinen Armen, und er seufzte lange auf.

„Nur, wenn du bleibst. Ich glaube…, es ist eine Warnung, Rory. Du wirst die Insel verlassen müssen. Für Mum und Dad – und weiß du was?", fragte er, und wartete, bis sie sich langsam von ihm löste.

„Was?", flüsterte sie, die Augen glasig und verweint, und es zog in seinem Innern. Es schmerzte, sie so zu sehen.

„Dann sehen wir uns wieder", schloss er. „Es ist nicht Lebwohl. Nur auf Wiedersehen", ergänzte er lächelnd.

Aber wieder warf sie sich in seine Arme, und er drückte sie noch mal fest.

Er wusste nicht, wie viel Zeit wirklich verging, aber es kam ihm wie Stunden vor, dass er seine kleine Schwester hielt. Sie war fünfzehn Jahre alt, und sie kam ihm immer so erwachsen vor. Nur jetzt gerade nicht. Sie fürchtete sich, er wusste das. Aber deshalb konnte er nicht bleiben. Sie musste die Visionen akzeptieren. Sie wollten helfen, wollten die Zukunft zeigen. Und er war sich sicher, diese Zukunft, die sie gesehen hatte, würde sie ändern können. Nur sie alleine. Seine Zeit hier war vorbei. Seit Jahren hatte er keine Vision mehr gesehen. Er vermisste sie kaum, denn er wusste, was er zu tun hatte.

„Vergiss mich nicht", murmelte sie gegen seinen Hals und er drückte sie noch einmal fest.

„Niemals, Rory. Niemals", versprach er. Und er wusste, es bestand die Chance, dass er heute sterben würde. Es bestand die Chance, dass er seine Schwester und seine Familie niemals wiedersah. Aber… tief in seinem Innern glaubte er es nicht.

Tief in seinem Innern wusste er, es gab Hoffnung, es gab ein Widersehen, es gab ein wunderbares Leben, was auf ihn wartete.

Und irgendwann traten sie an den Rand der Plattform und überblickten den weiten Ozean, den die untergehende Sonne in märchenhaftes Licht tauchte. Sie standen nebeneinander, spürten den jeweils anderen, und noch nie hatte er sich seiner Schwester so nahe gefühlt. Das Meer spülte die weiße Gischt an den Strand, und er wusste, es wurde Zeit.

Es würde keinen besseren Augenblick geben. Er hatte seinen Bruder umarmt, sich von seiner Schwester verabschiedet, und seinen Eltern hatte er gewunken und ihnen gesagt, sie würden sich später wiedersehen.

Und das würden sie. Später. Bald….

~*~…

Er schlotterte, schlug blind um sich, und er wusste nicht, wo er war. Wasser war überall gewesen, und er war sich sicher, er hatte das Monster abgeschüttelt, hatte ihm das Schwert in die Brust gestochen, und er war sich sicher, er hatte es geschafft! Er hatte das Schimmern erreicht, das Portal!

Und er war sich sicher, er war gelandet!

Er war sich sicher, er-

„Ruhig! Ganz ruhig!", verlangte eine fremde Stimme von ihm. „Augen auf", befahl die Stimme monoton, und blinzelnd gehorchte er. Gleißendes Licht traf ihn, und blinzelnd schlossen sich seine Augen wieder.

„Ist er ok?", fragte eine weitere Stimme, und die erste Stimme antwortete.

„Ich nehme an, es ist der Schock. Ganz einfach eine Art… Jetlag, wie die Muggel es nennen würden. Sein Gehirn dürfte Schwierigkeiten damit haben, die Zeitsprünge zusammenzufügen", schloss die Stimme, und Kilian verstand nicht wirklich. Er verstand gar nichts.

„Dad?", krächzte seine Stimme unkontrolliert, und er tastete blind nach vorne, wollte den Körper der Stimme spüren, und öffnete die Augen wieder, die sich allmählich an das Licht gewöhnten.

„Mein Name ist Heiler Goodwell, und du befindest dich im Sankt Mungo Hospital, Kilian." Sein Atem beruhigte sich. Sankt Mungo. Sankt Mungo…! Er war da! Er war angekommen! Seine Umgebung nahm Formen an, Umrisse, und er erkannte die beiden Gestalten jetzt. Und fast wäre er zurückgezuckt, denn der Heiler war schwarz.

Merlin! So etwas hatte er noch nicht gesehen. Sein Blick glitt über die andere Person, und sein Erinnerungsvermögen erwachte.

„Harry", flüsterte er rau. Es war der Mann von den Bildern, es war-! „-Harry Potter!", wisperte er, und der Mann, den er nur von bewegten Fotos kannte, lächelte ein erleichtertes Lächeln.

„Hallo Kilian. Willkommen Zuhause", begrüßte er ihn mit warmem Blick, und Kilian konnte spüren, wie sich seine Mundwinkel hoben.

„Ich… ich habe es geschafft", entfuhr es ihm tonlos.

„Ja", bestätigte Harry mit glasigem Blick.

„Es besteht kein Grund zur Sorge. Kilians Werte sehen hervorragend aus. Wir werden ihn beobachten und dann… können Sie ihn mitnehmen, Mr. Potter. Ich werde Sie kurz verlassen. Das sollte Ihnen Gelegenheit geben…, dem Jungen seine Fragen zu beantworten." Nickend verließ der dunkelhäutige Mann das Zimmer, und fasziniert sah Kilian ihm nach. Er kannte nur seine Familie, keine weiteren Menschen, aber dann fiel sein Blick zurück auf Harry.

„Du bist tatsächlich hier", sagte er wieder, und Kilian wusste nicht, ob er sich Harrys Stimme jemals vorgestellt hatte, aber plötzlich war es, als hätte er sie immer schon gekannt. Und dann überkamen ihn die Gefühle. Blind und unaufhaltsam. Tränen füllten seine Augen, und beschämt hob er die Hände vor sein Gesicht. Aber er hörte den Stuhl knarren, und dann spürte er die Arme, die ihn einfach in eine Umarmung zogen. „Schon gut", flüsterte Harry ruhig. „Das muss eine unfassbare Reise gewesen sein. Ich will alles wissen. Jedes Detail, Kilian. Du machst dir keinen Begriff, wie lange wir schon auf dich warten."

Lange hielt ihn der fremde Mann, den Kilian nicht kannte, aber es war ein wunderbares Gefühl. Es nahm ihm den Schmerz, den er empfand, wenn er daran dachte, dass seine Eltern nicht auf dieser Welt waren, dass er sie nicht mehr wiedersehen konnte, wenn er es wollte. Dass er ihnen nicht die Nachricht zukommen lassen konnte, dass er es geschafft hatte.

Er vermisste sie schrecklich. So sehr, dass er nicht wusste, ob es nicht ein Fehler gewesen war. Seine Umgebung überreizte ihn stark, und mit geschlossenen Augen ließ er sich von Harry halten, bis er sich beruhigt hatte.

Aber die Müdigkeit überkam ihn erneut. Es war, als wäre er auf einem anderen Planeten gelandet, weit fort von seinem Zuhause. Er hätte nicht gedacht, dass das Heimweh ihn so schnell erreichen würde.