Part 9 - Beginnings

Er saß zwischen Harry und Ginny. Sie flankierten ihn von beiden Seiten, die finsteren Blicke unverwandt nach vorne geheftet. Und es war ihm unangenehm. Alles war ihm noch unangenehm. Noch hatte er sich an diese Welt nicht gewöhnt. Auch noch Wochen nicht. Alles war schwierig und eigenartig, und es gab so viele Menschen hier, dass es ihm die Sprach verschlug.

Die Küchentür war verschlossen, und sie saßen stumm voreinander. Und es erschreckte ihn, wie sehr sein Großvater seinem Vater glich. Wäre sein Vater leichenblass und hätte lange Haare, natürlich.

„Er wird nicht mit Ihnen kommen", sagte Ginny wieder, und Kilian schwieg lediglich. Er hatte nicht das Bedürfnis, mit seinen Großeltern zu gehen.

„Dieses Umfeld ist wesentlich geeigneter für eine Eingliederung, als Ihr Zuhause. Wir haben Kinder in seinem Alter."

„Wir sind seine Familie", beharrte seine Großmutter steif, und Kilian fürchtete sich vor diesen Menschen. Er verstand, was sein Vater gemeint hatte. Und er verstand umso dringender, weshalb sein Vater hatte gehen wollen. Und er war ihm dankbar für diese Entscheidung. Denn bei diesen Leuten hätte er nicht aufwachen wollen. Es war schon in Drama gewesen, sie überhaupt zu überzeugen, bei Lily und Harry aufzutauchen.

„Wieso lassen wir Kilian nicht entscheiden?", sagte Harry schließlich, und Kilian hob den Blick zu seinem Gesicht. „Wo möchtest du leben, Kilian?", fragte er ihn neutral, aber die Hand seines Großvaters schlug flach auf den Tisch.

„Was soll er darauf schon antworten? Hier wurde ihm wochenlang das Gehirn gewaschen! Der Junge spricht nicht mal! Ich will gar nicht wissen, was sie für Schauergeschichten erzählt haben, um uns schlecht dastehen zu lassen!", fuhr Lucius Harry jetzt lautstark an.

„Oh, ich denke, das muss ich nicht, Mr. Malfoy. Ihr Handeln spricht klar für sich selbst!", konterte Harry zornig, aber Ginny schlichtete.

„Nicht! Wir werden nicht streiten. Wir werden nicht schreien. Kilian, möchtest du mit deinen Großeltern gehen?" Und kurz schwieg er. Aber er musste nicht großartig nachdenken, ehe er den Kopf schüttelte.

„Nein", entfuhr es ihm tonlos.

„Der Junge ist vollkommen scheu! Absolut schreckhaft! Was stellen Sie hier mit ihm an?", rief seine Großmutter verzweifelt, aber Kilian sprach.

„Ich will nicht bei euch leben", wiederholte er kopfschüttelnd. „Ob ich hier bleibe, bei Ginny und Harry, oder ob ich woanders bin – ich werde nicht bei euch sein." Und seine Großeltern sahen ihn an, als hätte er sie verraten. Auf das Schlimmste beleidigt. Und er erinnerte sich an das Gespräch mit seinem Vater vor einigen Jahren. Sie waren nicht nett. Das waren sie wirklich nicht. Er mochte vielleicht die Ähnlichkeit erkennen, sah, dass sie alle verwandt waren, aber… das war äußerlich. Innerlich hatte er nichts mit diesen Menschen gemein.

„Fein", spuckte ihm sein Großvater entgegen. „Aber komm nicht zu uns, wenn das Gold knapp wird." Es war eine seltsame Aussage. Kilian verfügte über kein Gold. Und er brauchte keins, hatte Harry gesagt. Er hatte sich darüber wenig Gedanken gemacht. Und selbst, wenn er Gold bräuchte – er würde garantiert nicht zu diesen Menschen gehen und danach fragen!

Sie erhoben sich, die Menschen, die seinen Nachnamen trugen, und verließen wortlos, ohne einen Blick zurück, die Küche.

„Das war… unangenehm", bemerkte Harry neben ihm.

„Mein Vater sagt, meine Großeltern wären von Natur aus unangenehm", entgegnete Kilian tonlos, und Harry verzog knapp den Mund. Es war ansatzweise ein Lächeln. Er persönlich glaubte, Harry konnte seinen Vater nicht sonderlich leiden. Es war nur eine Theorie, aber Harry sprach nicht viel über seinen Dad. Vielleicht wusste er auch nicht viel. Kilian war sich nicht sicher. Aber er hatte das Gefühl, es war ein sensibles Thema. Es störte ihn etwas, aber das sagte er nicht laut.

„Dein Vater hat recht", bestätigte Harry schließlich grimmig, und Ginny atmete erleichtert auf.

„Ich bin froh, dass es vorbei ist. War ja fast noch glimpflich", ergänzte sie kopfschüttelnd. „Und jetzt… zu anderen unangenehmen Dingen", wechselte sie das Thema und sah ihn direkt an. Er mochte diesen Blick nicht. Er kannte diesen Blick bereits. „Ich weiß, dass es Streit gab", ergänzte sie mit eindeutigem Blick. Er atmete lange aus. Es stimmte, dass Harry und Ginny Kinder in seinem Alter hatten, aber das bedeutete nicht, dass sie sich gut verstanden. Er erinnerte sich noch an Albus aus seiner Vision, und mit ihm verstand er sich am wenigsten. „Kilian, willst du darüber reden?", fragte sie ihn sanft, aber er verschränkte die Arme vor der Brust.

Was sollte er sagen? Albus suchte Streit. Eigentlich immer nur. Und er ging damit um, wie er mit allen Dingen umging, die Streit suchten. Er löste das Problem. Mit Worten, im besten Fall, aber eher mit Fäusten. Gesetze des Dschungels. Wäre Albus ein frecher Affe, hätte er ihm längst die Kehle aufgeschlitzt. Ganz einfach. Aber er wusste, seine Methoden spiegelten nicht die Gesellschaft wider, in der jetzt lebte. Sie spiegelten auch nicht tatsächlich seinen Intellekt wider, aber wenn der Schuh passte…? Die anderen nannten ihn schließlich Tarzan und Affenkönig. Ihm sollte es recht sein. Er beherrschte das Wort, ebenso wie das Schwert. Buchstäblich.

„Er hat Energie angestaut, die muss einfach rausgelassen werden", mischte sich Harry tatsächlich ein, beschwichtigte Ginny, und nur in Harry hatte er eine wahre Allianz gefunden. Fast nur in Harry zumindest.

„Das mag sein, aber ich denke, eine Entschuldigung ist fällig", bemerkte sie glatt. Kilian sah das ähnlich. Dieser verzogene Junge hatte sich zu entschuldigen, und- „Nicht wahr, Kilian?" Sie sah ihn so demonstrativ an, dass selbst er es begriff.

„Ich soll mich entschuldigen?", entkam es ihm. „Bei Albus?", ergänzte er ungläubig. „Weil er zu schwach ist, einen Kampf zu gewinnen? Oder weil er zu schwach ist, einen Konflikt mit seinem Verstand zu lösen?" Er riskierte einiges, aber er wusste, er hatte Recht. Aber Ginnys Blick war einigermaßen gnadenlos. So, wie er ihn von den Fotos her kannte. Harry schien über seine Worte nachzudenken, abzuwägen, und kam wohl zu dem Schluss, dass Kilian Recht hatte, denn er verzog resignierend den Mund.

„Ich möchte nicht, dass in diesem Haus überhaupt gekämpft wird", erwiderte Ginny streng. „Das weißt du, das weiß Albus, und-"

„-wieso muss er sich dann nicht entschuldigen?" Aber er wusste die Antwort. „Weil du denkst, ich habe angefangen?" Er hatte keinen Heimvorteil, ja. Aber… er hatte den Exotenvorteil. Zumindest bei Harry. Und bei ihr.

„Kilian-", begann sie sanfter, aber er schüttelte den Kopf.

„-vielleicht sollte ich hier wirklich nicht bleiben? Vielleicht… passt es einfach nicht", schloss er, denn er wusste, er blieb hier nicht für immer. Er wusste, er wohnte irgendwann woanders, nur hatte er nicht gedacht, dass sechs Wochen eine ausreichende Zeit waren, um auf eigenen Beinen zu stehen.

„Wir warten deine Ergebnisse ab, aber… ich nehme an, sie werden überdurchschnittlich gut ausfallen, und dann beginnst du ohnehin mit der Ausbildung", sagte Harry wieder, und nur Ginny schien wirklich wütend zu sein.

„Ich möchte, dass er sich entschuldigt. Unabhängig von allen anderen Dingen."

„Wieso muss sich Albus nicht entschuldigen?" Kilian beharrte auf diesem Standpunkt, denn… es war ungerecht. Er kannte es nur zu gut von früher. Als Scorpius der kleine Prinz gewesen war, und Kilian eigentlich immer nur den Fußabtreter hatte spielen dürfen. Und er hatte es satt. Allerdings stach der Gedanke an Scorpius immens in seiner Brust. Er vermisste seinen kleinen Bruder. Der hätte ihn nie beleidigt. Nie direkt ins Gesicht, denn er wusste, dass Kilian der Stärkere war. Albus war einfach… leichtsinnig und dumm. Aber Ginny schenkte ihm diesen verdammten Blick, den er von seiner Mum nur zu gut kannte.

„Du bist der Ältere. Du hast Verantwortungsbewusstsein, du bist der klügste Junge, den ich kenne, und-"

„-ich hab verstanden", unterbrach er sie grimmig. Merlin, es war immer dasselbe.

„Kilian-"

„-ich hab doch gesagt, ich habe es verstanden!", wiederholte er gereizt und erhob sich zornig vom Tisch. „Wenn er die Entschuldigung nicht annimmt, und mich beleidigt und wieder angreift, dann schlage ich ihm die Faust ins Gesicht." Er sah Ginny direkt an, und sie wirkte milde schockiert. Er hatte keine Angst vor Albus. Genauso wie er vor vorlauten Affen keine Angst hatte. Er hatte vor gar nichts Angst. Und dann verließ er die Küche.

Sie waren draußen, flogen ihre teuren Rennbesen, und er hielt sie alle für unbegabt. Außer sie. Sie flog hervorragend. Und er wusste, es ging teilweise darum, dass er fremd war, dass er neu war, dass er der Junge war, der von einer seltsamen Insel kam, wie sie sagten. Aber… es ging auch um Lily. Denn er mochte Lily, und Lily war diejenige gewesen, die weinend ihre Mutter geholt hatte, als Albus beschlossen hatte, ihn anzugreifen. Dämliche Entscheidung, natürlich. Kilian hatte ihn so schnell außer Gefecht gesetzt, dass es fast peinlich war. Albus neidete seine Statur, seinen Körperbau, seine Selbstbeherrschung – er war ein unangenehmer Junge. Kilian mochte ihn nicht, konnte ihn nicht gut riechen – ja, hasste ihn förmlich. Kilian hatte noch nie ein Konkurrenzgefühl empfunden, aber genau das war es, was sich jetzt stark ausprägte.

Kilian war kein normaler Junge. Er hatte keine Schule besucht, kannte keine fremden Jungen in seinem Alter, aber er hatte geahnt, dass es Probleme geben würde. Nicht mit Harry. Harry verstand. Harry brachte ihn zur Arbeit, ließ ihn unten im Ministerium trainieren, bei den Auroren, wo er eines Tages hingehören würde, denn nur zu schnell wurde Kilian rastlos, verlor die Geduld und brauchte die Bewegung, die Gefahr, das Training.

So funktionierte sein Kopf, er konnte es nicht ändern.

„Hey, Malfoy!", begrüßte ihn Albus von seinem Besen aus und setzte zur Landung an. Die übrigen Weasley-Kinder landeten ebenfalls. Sie waren überwiegend freundlich. Überwiegend…. Und nur von seinen Eltern kannte es Kilian, dass sie sich mit ihrem Nachnamen ansprachen, und es war ein eigenartiges Spiel. Aber Albus meinte es ernst. „Na, nehmen dich deine Großeltern mit?" Ein fieses Lächeln zeichnete Albus' Gesicht. Aber Kilian ging darauf nicht ein. Er sagte lediglich, was er sagen musste.

„Es tut mir leid, dass wir aneinander geraten sind." Es fiel ihm schwer, aber vieles fiel ihm schwer, und er tat es dennoch. Das war das Leben, sagte seine Mum immer. Hatte sie immer gesagt. Er vermisste sie.

„Mir nicht", behauptete Albus lediglich, aber es war Kilian egal.

„Es war dumm, und ich hoffe, du akzeptierst meine Entschuldigung." Die Worte waren hohl, würden aber reichen müssen, denn mehr Aufwand würde er nicht in diesen Neandertaler investieren. Seine Zeit war zu wertvoll.

„Hat meine Mum dich gezwungen, dich zu entschuldigen?", wollte Albus spöttisch wissen, und Kilian kannte solche Gespräche noch zu gut.

„Nein. Ich entschuldige mich, weil ich der Ältere bin und es besser wissen sollte." Es ging Albus auf die Nerven, es sah es deutlich. Und es störte ihn tatsächlich, dass Kilian älter war. Wenn auch nur ein Jahr. Mit James verstand er sich gut. Seltsam, nicht wahr?

„Du bist ein Arschloch", entgegnete Albus mit schnalzender Zunge, und Kilian hatte einen Haufen neuer Schimpfworte gelernt, seitdem er hier war. Seine Mum wäre schockiert.

„Alby, wie wäre es, wenn du einfach mal den Mund halten würdest? Wie kannst du so scheiße sein?", fuhr Lily ihn an. „Kilian hat völlig recht, und-"

„-oh, wir wissen alle, dass du ihn am liebsten sofort heiraten würdest, Lil, ok? Halt dich da raus!", fuhr Albus seine Schwester an, und Kilian spannte die Fäuste an. Es funktionierte nicht. Nicht gut. Wirklich nicht gut.

„Es reicht", mischte sich Harrys Stimme ein, und Kilian war fast dankbar. „Albus, ich möchte drinnen mit dir reden." Es versetzte der munteren Stimmung hier draußen einen absoluten Dämpfer, und Kilian marschierte strikt vorwärts durch den Garten, verließ das Grundstück, und seine Schritte trugen ihn zum nahen Wald. Es war ansatzweise wie sein Zuhause. Die Bäume wuchsen hoch, waren nicht sattgrün, waren nicht exotisch, aber sie waren immerhin Bäume.

Er brauchte das Gefühl von Natur, um runter zu kommen. Um nicht ständig auszurasten, und seine Kräfte zu beweisen. Er war der Stärkste hier. Er wusste das. Harry wusste das. Und deshalb hatte Harry mit ihm schon mehrere Gespräche geführt und ihm versprochen, dass seine Kräfte, seine Ausdauer und seine magische Begabung für einen guten Zweck eingesetzt werden wurden, aber es dauerte Kilian zu lange!

Er hatte die verdammte Prüfung abgelegt, hatte bewiesen, dass er genauso viel wusste, wie die dummen Hogwartsschüler seines Jahrgangs, und jetzt wartete er darauf, dass der Zaubergamot entschied, dass er einen Abschluss erhielt. Er wollte hier raus, er wollte das tun, zu dem er bestimmt war! Er wollte nicht warten, eingesperrt, wie ein Tier, während er von Menschen beleidigt wurde, die ihn nicht verstanden, die einfach nur neidisch waren!

„Hey", hörte er ihre atemlose Stimme hinter sich und wandte sich schnell um. Er hatte vor Wut nicht mal gemerkt, dass sie ihm gefolgt war. Sein Herz schlug schneller, immer wenn er sie sah. Seine Hormone spielten einigermaßen verrückt, und es war anstrengend in ihrer Nähe zu sein. „Bist du… ok?", fragte sie ihn, die blauen Augen voller Sorge, die kupferfarbenen Haare so leuchtend, dass sie aus Gold hätten sein können.

„Nein", antwortete er wahrheitsgemäß und etwas gepresst.

„Es tut mir leid, dass Albus so ist", sagte sie schließlich still.

„Er kann mich nicht leiden und ist gleichzeitig neidisch, das ist alles", deduzierte er es auf das Wesentliche, und Lily seufzte schwer.

„Jaah. Wahrscheinlich", bestätigte sie. „Ich… will nicht, dass du gehst." Er wandte sich um, um sie anzusehen, und ihre Worte taten gut.

„Du gehst ohnehin nach Hogwarts. Du wirst mich monatelang nicht sehen", erwiderte er, und Schmerz zuckte über ihr Gesicht.

„Ich weiß, und das… ist furchtbar." Sie war seltsam offen mit ihren Gefühlen. Sie war von Anfang an nett und freundlich zu ihm gewesen, hatte ihm geholfen, war immer für ihn da, und er wusste… er wusste, dass… sie ihn mochte. Die Visionen hatten es ihm gezeigt. Er wusste, dass… da mehr sein würde, als… Freundschaft. Und es machte ihn wahnsinnig, es zu wissen. Und er wusste nicht, ob Harry ihn dafür hassen würde. Ob Albus ihn dafür hassen würde, aber da war er sich ziemlich sicher. Und er hasste, dass er in jeder Lebenslage mehr als nur Erfahrung hatte, außer… außer hierbei. Bei diesen Gefühlen. Diesen verdammten Gefühlen, die Überhand gewannen, die ihm jedes rationale Denken unmöglich machten. Denn… er wollte sie berühren, wollte sie… näher spüren. Er wollte sie küssen, aber er wusste nicht, wie.

„Tja…", sagte er, denn er wusste nicht, was er sagen sollte.

„Du willst gehen, oder?", wagte sie zu fragen. Er mied ihren Blick und atmete aus.

„Vielleicht ist es besser für alle", sagte er dumpf, aber sofort widersprach sie, kam näher, und er musste alle Beherrschung aufbringen, sich nicht zu rühren.

„Nicht für alle", flüsterte sie. „Ich will nicht, dass du zu deinen Großeltern gehst", sagte sie kopfschüttelnd, und er musste lächeln.

„Das will ich auch nicht", bestätigte er bloß. „Aber… ich bin volljährig, und… ich will mich nicht mit deinen Brüdern anlegen. Ich will nicht bei euch wohnen, wenn es… so viele Probleme verursacht."

„Dad wird es regeln", versprach sie ihm blind.

„Ich glaube, das… wird er nicht können", widersprach er ruhig. „Außerdem…", begann er und betrachtete ihr hübsches Gesicht. Merlin, sie war ihm so vertraut. Wenn sie wüsste, wie oft er an sie gedacht hatte. Wie selbstverständlich ihre Anwesenheit für ihn war. „Außerdem würde er nicht wollen, dass ich unter seinem Dach lebe, wenn…"

„Wenn was?"

„Wenn er… alle meine Gedanken kennen würde", schloss er, etwas beschämt, und wollte den Blick abwenden, aber sie sah ihm fest ins Gesicht. Es zog in seiner Mitte. Wie sie ihn ansah! Es war fast zu viel.

„Was für Gedanken?" Sie fragte, aber er sah, sie wusste es. Musste es wissen! Dieses wunderhübsche Mädchen seiner Träume. Der Grund, weshalb er die Insel überhaupt hatte verlassen wollen!

„Lily…", begann er, und er konnte nicht anders. Sein Herz hämmerte dumpf gegen seine Rippen. Nicht mal beim Kampf gegen den Bären vor so vielen Jahren hatte es so schnell geschlagen, wie heute.

„Ja?" Weit waren ihre Augen, und er war schon so lange in sie verliebt, dass es fast unwirklich war, endlich vor ihr zu stehen.

„Darf ich… dich küs-?" Aber er kam nicht weiter. Buchstäblich nicht weiter als das, denn sie warf sich praktisch in seine Arme, so stürmisch, so befreit, dass es ihm zu Kopf stieg. Und sie ließ ihm kaum Zeit. Es war sein erster Kuss, und er konnte nicht weiter nachdenken. Seine Augen fielen zu, als ihre Lippen fast ungeduldig seine fanden. War es ihr erster Kuss, fragte er sich, denn fast schien es nicht so. Er atmete durch die Nase ein, roch sie, roch ihren Duft, und seine Arme legten sich automatisch um ihre Taille, und auch, wenn er nicht wusste, was er tun sollte, funktionierte es fast instinktiv.

Er spürte ihre Hände in seinem Nacken, in seinen Haaren, und es verursachte ihm eine massive Gänsehaut. Ihre Lippen öffneten sich, und er glaubte, vor Aufregung zu sterben, als er ihre Zunge spürte.

Sie übernahm definitiv die Führung hier, und er konnte sich nur mitreißen lassen, öffnete seine Lippen, und ihre Zungen trafen sich.

Wow! Dass er die Insel verlassen, seine Familie zurückgelassen hatte, dass ihn die meisten Potters nicht sonderlich leiden konnten – alles war egal! Es war es vollkommen wert gewesen! Alleine für diesen Moment! Für diesen Kuss!

Er wusste, er liebte Lily Potter. Jetzt wusste er es ziemlich sicher.

*seven years later*

Wo blieb er?

Wo steckte sein bester Freund? Ausgerechnet heute?!

„Na, kommt die bessere Hälfte zu spät?", neckte ihn Devon, der Sohn von Pansy und Ron, mit dem er heute die Spätschicht übernommen hatte. Devon hatte sich auch schon umgezogen, und war dabei, das Ministerium zu verlassen. Kilian funkelte ihn an.

„Witzig, Dev", entgegnete er anerkennend.

„Du wirst zu spät kommen. Und sie wird ausflippen", erinnerte er ihn grinsend, und Kilian verzog den Mund.

„Ohne dich und deine dämlichen Kommentare, wüsste ich wirklich nicht, wie ich überleben sollte!", knurrte er.

„Oh, gern geschehen", erwiderte Devon mit einem fiesen Lächeln. „Aber ernsthaft", fuhr er fort, und sah aus wie Ron, wenn er ihn so ansah, „ich halte das Geheule nicht aus. Also, beeil dich, ja?"

„Ja", bestätigte er gereizt, und kopfschüttelnd trat Devon in den Kamin. Er apparierte zum Fuchsbau. Dort feierten sie alle Geburtstage. Und ausgerechnet heute kam er zu spät! Lilys Geburtstag war das absolut Wichtigste Ereignis für ihn. Und er kam ohnehin jedes Mal zu spät, denn sie hatte immer in der Woche Geburtstag, und wenn nicht, musste er garantiert ohnehin arbeiten.

Sein Blick fiel wieder auf seine Uhr. Es hatte keinen Sinn. Es war weit nach neun, und seine Freundin würde ihn in Fetzen fluchen, wenn er nicht-

Der äußerte Kamin loderte auf, und fast sprang er aus den Flammen. Er klopfte sich lässig die Asche vom Jackett, und Kilian stöhnte erleichtert auf.

„Verflucht noch mal, was hast du getrieben? Bist du in die Mienen appariert und hast gegen tausend Drachen gekämpft? Es war ein simpler Gefallen, Mann!", fuhr er ihn an, denn er würde sich nie wieder auf ihn verlassen!

„Krieg dich ein, ja?" Albus' Augen blitzten verschwörerisch. „Charlie ist unzuverlässig, und ich kann nicht ändern, dass er ein langsamer Vollidiot ist", ergänzte er achselzuckend, und seine Brüder zu beleidigen ging ihm immer leicht über die Lippen. „Außerdem soll er meine Schwester umhauen, oder nicht?" Und dann zog er die Schachtel aus der Tasche. Kilian schnappte sie aus seinen Fingern und öffnete den Deckel.

Wow. Albus hatte nicht übertrieben. Der Ring war göttlich. Elfensilber-Diamanten waren schwer zu kriegen und unbezahlbar, aber Albus hatte sich umgehört, und Charlie hatte ihm gesagt, dass Mienengräber die Bruchstücke behalten durften. Und so ein Bruchstück hatte Charlie gehabt, und Kilian hatte es ihm abgekauft, nachdem er seinem Großvater das halbe Ohr abgekaut hatte.

Lucius verschenkte nicht gerne sein Gold, aber wenn Kilian lange genug bettelte, dann konnte er den alten Knochen erweichen.

Und ein zwielichtiger Zwerg in Rumänien war so freundlich gewesen – für einen ebenfalls horrenden Preis – den Bruchstückstein zu pressen und in eine Platinfassung zu setzen. Und jetzt leuchtete und funkelte der Diamant in alle Pastellfarben, und Kilian fühlte sich verdammt überlegen.

„Sie wird umkippen!", flüsterte er begeistert.

„Es ist halb zehn", merkte Albus an. „Zuerst wird sie uns verfluchen, dann wird sie umkippen." Kilian hob den Blick zum Gesicht seines besten Freundes.

„Danke, Mann", sagte er erleichtert, und Albus verdrehte die Augen.

„Werd nicht rührselig, ja?" Kilian musste grinsen. Vor fünf Jahren hatten er und Albus sich das letzte Mal geprügelt, und er konnte nicht mal mehr sagen, um was es gegangen war. Und als sie beide mit blutenden Nasen am Boden gelegen hatten, hatte Albus plötzlich angefangen zu lachen. Und Kilian dachte, er hätte jetzt völlig den Verstand verloren, aber Albus hatte ihn angesehen und gesagt, dass er wirklich verrückt sein müsste, denn er hätte wirklich vermisst, von Kilian die Fresse poliert zu bekommen, und – aus welchem Grund auch immer – hatte Kilian dann ebenfalls angefangen zu lachen, und wie zwei Wahnsinnige haben sie am Boden der Küche des Fuchsbaus gelegen – denn dort waren die meisten Auseinandersetzungen passiert – und Molly hatte dann, als sie beide entdeckt hatte, einen Anfall bekommen, und sie hatten beide die Küche aufräumen müssen.

Seit diesem Abend hatten sie sich nicht mehr miteinander angelegt. Und am nächsten Tag hatte Albus vor seiner Tür gestanden, hatte ihn gefragt, ob er ihm bei einigen Zaubern helfen würde, die er für seine Prüfung brauchte, und Kilian hatte nicht einmal gezögert.

Am Tag darauf hatte Kilian nicht anders gekonnt, als Albus zu besuchen, und Albus hatte es auch nie hinterfragt. Sie hatten begonnen, abends wegzugehen – ganz zu Lilys Missfallen, und Kilian hätte nie gedacht, so viel Spaß in seinem Leben zu haben, wie mit Albus Potter. Sie waren aus fast allen Clubs der Winkelgasse geflogen, hatten sogar von George im Zauberscherzeladen Hausverbot bekommen, und Kilian hatte Albus nahezu sofort in seine und Lilys Wohnung ziehen lassen, als es mit seiner Freundin den Bach runtergegangen war – wieder einmal ganz zu Lilys Missfallen….

Albus war natürlich schnell wieder ausgezogen, aber Kilian vermisste ihn immer noch. Sie machten zusammen Sport, schlichen sich in Muggelkinos und machten sich über 3D-Effekte lustig. Eine Beziehung hielt nie lange bei Albus, und im Spaß versprach ihm Kilian, dass ihm das wandernde Auge vergehen würde, sobald seine Schwester hier ankam, und er glaubte, Albus wartete nur darauf, Aurora tatsächlich kennenzulernen.

Albus Potter war sein bester Freund, seltsamerweise. Und nur ihm erzählte er manchmal, dass er Sorge hatte, ob sie überhaupt noch kommen würden. Kilian hatte fast vergessen, wie Scorpius aussah, wie das Lachen seines Vaters klang. Er hatte fast alles vergessen. Er wusste nicht mehr, wie sich das Fell eines Blauaffen anfühlte, wie warm die aufgehende Sonne gewesen war oder wie leuchtend die Farbe der Lagunenbäume.

Es war traurig, aber langsam vergaß er alles. Am schlimmsten war, dass er sich nicht mehr an den Duft seiner Mutter erinnern konnte, wenn sie ihn umarmt hatte. Er hatte nichts mitnehmen können, konnte sich nichts ins Gedächtnis rufen, und mit jedem Jahr, das verging, verlor er die Hoffnung, dass sie jemals kommen würden.

Er sah Albus jeden Tag, aber sehr selten erzählte er von seiner Vergangenheit. Nur wenn Albus ihn bat und drängelte, dass er von damals erzählte. Lily hatte alle seine Abenteuer längst aufgeschrieben. Für später, wie sie immer behauptete. Und wenn Albus und er trainierten – Albus war in der Auroreneinheit unter ihm stationiert – dann kämpften sie im Geiste gegen Dschungelmonster. Albus mochte die Idee, und Kilian dachte noch immer so. So hatte er gelernt zu kämpfen, und es fiel ihm leichter, sich solche Gegner vorzustellen, als andere Zauberer.

„Lass uns gehen. Ich hoffe, dass Lily nicht ganz so sauer wird, wenn ich sie um ihre Hand bitte", sagte Kilian lächelnd.

„Es wird Zeit", entgegnete Albus lediglich. Und ja, es wurde Zeit. Kilian hatte warten wollen. Warten, bis seine Familie hier war. Aber… er war fast fünfundzwanzig Jahre alt, und… er wollte Lily heiraten. Er konnte nicht mehr länger warten. Egal, wie sehr es schmerzte.

„Ach, sie ist dir doch sowieso nicht lange böse. Großer Fehler von ihr", ergänzte Albus grinsend.

„Fick dich, Al", entgegnete Kilian, jedoch mit großer Zuneigung in der Stimme. Sie schlenderten zu den Kaminen.

„Ist dir klar, dass wir dann verwandt sind?", entfuhr es seinem besten Freund begeistert. „So richtig?" Kilian nickte lächelnd.

„Kann's kaum erwarten", bestätigte er.

„Aber James wird nicht dein Trauzeuge, oder?" Fast klang Albus ernsthaft besorgt. Ja, Kilian verstand sich immer noch gut mit James, aber… es war kein Vergleich.

„Bist du wahnsinnig?", fragte Kilian ihn, als sie die Roste erreicht hatten.

„Gut", entfuhr es Albus erleichtert. „Ich habe nämlich schon die geilsten Ideen für die beste Junggesellenparty der magischen Welt!" Kilian schwante Übles.

„Wird Lily es erlauben?", entkam es ihm vorsichtig, und Albus dachte kurz nach.

„Meiner Erfahrung nach, ist es immer besser, sich später zu entschuldigen, als vorher um Erlaubnis zu fragen, Malfoy", entgegnete er mit wissendem Blick. Kilian atmete lange aus, bevor sich seine Mundwinkel hoben.

„Abgemacht!", sagte er, bevor Albus auf das Rost trat.

„Fuchsbau, aber pronto", verlangte er, und schon verschluckten die Flammen ihn.

Kilian war traurig, weil er diesen Moment wirklich mit seinen Eltern hatte teilen wollen, aber… er war auch wirklich glücklich, weil er wusste, dass es die einzig richtige Entscheidung war, Lily um ihre Hand zu bitten.

Und mit diesen Gedanken betrat er das Rost, dachte an den gemütlichen Fuchsbau und seine herrlich zornige Freundin, und verschwand.

Es war lange nachdem sie angestoßen hatten. Lange nachdem Kilian Malfoy auf ein Knie gegangen war, vor seiner hübschen Tochter in ihrem schönsten blauen Seidenkleid, lange nachdem der junge, blonde, gut gebaute Malfoyerbe, dem seine Tochter nie widerstehen konnte, ihr den sündhaft teuren Ring auf den Finger gesteckt hatte, und Harry kurz vor seinem inneren Auge bereits langfristige Kontakte zu den alten Malfoys aufblitzen sah, die ihn ängstigen. Zwar war Lucius Malfoy in den letzten Jahren um einiges umgänglicher geworden, aber er blieb immer noch Lucius Malfoy.

Seine Tochter würde so viel Gold besitzen, dass sie nicht wissen würde, wohin damit. Und… sie würde Malfoy heißen.

Es war lange nachdem Harry einen kurzen Blick mit Ginny getauscht hatte, aber seine Frau war gänzlich gerührt gewesen, sah kein Malfoy-Problem, in keinster Weise, und seufzend hatte Harry Kilian in die Arme geschlossen, denn Merlin! Wer war er schon, diese Verbindung im Kern anzuzweifeln?

Am meisten erfreute ihn die enge Verbindung, die Kilian und Albus pflegten. Die Männer verbrachten kaum eine Stunde ohne den anderen. Es war seltsam, aber nicht unangenehm. Nein, es war… beinahe vollkommen nachvollziehbar. Sie ähnelten sich in ihrem Charakter, und Kilian war wohl der perfektere Bruder, wenn man so wollte.

Und es war ein schöner Abend, eindrucksvoll und familiär. Molly und Arthur hatten schon geweint, Ron und Pansy hatten Lily und Kilian gratuliert, und es wunderte Harry, was für eine enge Bindung Kilian auch zu Ron aufgebaut hatte. Es war… eigenartig manchmal. Obwohl Kilian Draco so ähnlich war, dass Ron es unmöglich leugnen konnte, hatte er sich in den letzten Jahren ebenso um Kilian bemüht, wie Harry es getan hatte.

Wahrscheinlich erkannte Ron durch all die Äußerlichkeiten, die so deutlich den Malfoynamen trugen, Hermines Charakter. Denn der scharfe Verstand, die Kalkulation immer im Blick, die rationale Ruhe – das war Hermine. Er mochte aussehen wie sein Vater, aber im Innern, war Kilian Hermine. Durch und durch.

Deshalb liebte Ron den Jungen wohl.

Es war wunderbar zu sehen, wie gut sich Kilian eingefügt hatte, in ihre Gesellschaft, in ihre Familie. Was für einen guten Job er leistete, immer pünktlich, absolut verlässlich.

Er arbeitete mittlerweile in Harrys Team, denn er wusste, auf Kilian konnte er sich in jeder Situation verlassen. Und jetzt… würde er sein Schwiegersohn werden. Merlin…. Wer hätte das geahnt?

Und mit jedem Jahr, das verging, wuchs Harrys Hoffnung. Kilian war zurückgekommen, also… würde Hermine auch wiederkommen. Und es war egal, wie lange es dauerte. Harrys Hoffnung war mittlerweile felsenfest. Es war die eine Sache, die er mit Sicherheit wusste, auch wenn er sah, dass Kilian manchmal zweifelte. Er wusste, er vermisste seine Eltern, seine Geschwister. Er war lange Zeit der Außenseiter gewesen, aber… mittlerweile gehörte er zum engsten Kern.

Hermine würde es so gewollt haben. Und genau das hatten Ginny, Ron und Harry getan. Sie hatten den Jungen willkommen geheißen. Denn sie waren auch seine Familie.

Und tatsächlich erschien auch der letzte Gast. Harry riss die Augen von seiner Tochter los, die eng umschlungen mit seinem zukünftigen Schwiegersohn tanzte, und Ted Lupin bahnte sich seinen Weg zu ihnen. Er trug noch die Uniform, und Lily hatte bereits Folter und Qualen angedroht, dafür, dass Ted zu spät war. Und es gab immer ein Problem. Es gab immer irgendeine Kleinigkeit, die zu erledigen war, und Ted Lupin war der beste Mann dafür.

Und Harry befiel dieselbe Gänsehaut, die er vor sieben Jahren verspürt hatte.

Ron ließ die Musik mit einem Wink verstummen, und alle starrten Ted an. Und dann nickte er, ein wenig außer Atem, große Erwartung im Blick.

„Gerade sind fünf Menschen am Pier angekommen. Sie sind… im Wasser appariert." Harrys Blick glitt über Kilian, der reglos verharrte. Ted fing den Blick des jungen Mannes, und nickte erneut. „Deine Eltern sind hier", schloss er, mit einem ungläubigen Lächeln, und dann tauschte Kilian einen Blick mit Lily, und seine Tochter hatte rote Wangen vor Aufregung.

„Wir müssen los!", sagte Lily heiser. „Jetzt sofort!" Sie sah sich animierend um, und tatsächlich meldete sich Albus.

„Ich bin nüchtern. Lasst uns in Paaren apparieren! Kil?" Er wandte sich an ihn, aber Kilian war wie versteinert.

„Ich…"

„Was?" Albus sah ihn fragend an. „Wir… müssen zu ihnen, bevor…"

„Ich… hab Angst", entfuhr es Kilian plötzlich, und die anderen verstummten.

„Deine Eltern sind hier. Sie leben. Du wartest darauf, seitdem du angekommen bist! Reiß dich zusammen, beweg deinen Arsch, und komm endlich!" Sein Sohn besaß viele gute Qualitäten, aber Takt war keine davon, dachte Harry dumpf, aber Kilian erwachte zum Leben.

„Ok", wisperte er. „Lass uns gehen", ergänzte er rau, und Harry war dankbar, denn er wollte los! Ginny war vollkommen nervös, und Ron und Pansy stürmten ebenfalls nach draußen. Alles ging sehr schnell, und alles wiederholte sich, dachte Harry abwesend.

„Wo sind sie?", rief Harry Ted zu, und dieser antwortete im Laufschritt.

„Sie werden ins Mungo gebracht. Wir sollten uns beeilen, bevor die Presse davon Wind bekommt. Du weißt ja, was damals los war!", schloss Ted, und die ersten Paare apparierten bereits. Ja, Harry erinnerte sich. Sein Haus war drei Wochen lang belagert worden, Kilians Gesicht war in jeder magischen Zeitung der westlichen Hemisphäre erschienen, und es hatte ewig gedauert, bis die Öffentlichkeit endlich genug Details erfahren hatten, damit diese Geschichte nicht mehr ihr Leben beeinträchtigte.

Und jetzt geschah alles von vorne. Aber… Harry war es egal!

Sie apparierten zum Mungo. Die Stadt war ausgestorben um diese Zeit. Nacheinander glitten sie durch das Glas des verlassenen Kaufhauses, nur um vom grellen Licht der verstärkten Petroleumlampen geblendet zu werden. Sie erreichten den Tresen im Laufschritt. Er und Ginny, Lily und Kilian, Albus, James, Molly, Arthur, George und Fred. Sie waren genug Leute, um einen wahren Tumult auszulösen. Aber es herrschte schon jetzt hektisches Treiben auf den Gängen.

Sie sprachen durcheinander, bis endlich ein Heiler um die Ecke bog. Aber er war nicht alleine. Und alle verstummten.

Ihre Haare waren lang. Wirklich lang. Die Nässe hatte die Locken ein wenig gebändigt, und der dicke Zopf hing flach ihren Rücken hinab. Sie war so braun, wie er sie in Erinnerung hatte. Älter, als er sie in seinen Gedanken vor sich sah, aber… unverkennbar.

„Ich brauche einen Kamin! Ich muss einen Anruf-!" Aber der Heiler deutete gereizt nach vorne, auf ihre kleine Ansammlung, und Hermines Blick folgte. Ihre Augen weiteten sich, als sie wohl die meisten von ihnen erkannte.

Es war so eigenartig. Sie war da. Als wäre sie nie fort gewesen. Und dann erkannte sie ihren Sohn. Ihre Augen füllten sich mit Tränen. Harry erkannte es auch auf diese Entfernung, denn er sah den Glanz in ihrem Blick.

„Kilian", flüsterte sie, und mit einem Ruck löste sich Kilian aus ihrer Menge, und zuerst waren seine Schritte zögernd, ehe er in einen Sprint fiel. Er riss seine Mutter praktisch von den Beinen, schloss Hermine fest in die Arme, hob sie praktisch vom Boden hoch, denn er war größer als sie. Viel größer.

„Hermine?" Er hörte die Stimme aus einiger Entfernung. Eine tiefe Stimme, eine vertraute Stimme. Der massive Körper von Draco Malfoy bog um die Ecke. Er hatte einige Verbände umgelegt bekommen. Sein rechtes Bein war bandagiert, so auch sein Arm. Seine Haare waren so hell wie früher, noch heller, denn einige graue Strähnen durchzogen das dichte Blond. Und auch Draco Malfoy erkannte seinen Sohn. Ohne Worte kam er näher, zog das Bein etwas nach, aber er schien unverletzt, und noch immer wirkte er massiv in seiner Gestalt. Er zog seinen Sohn an sich, und Harry erkannte Draco jetzt noch deutlicher in Kilian. Sie maßen dieselbe Größe, hatten einen ähnlichen Körperbau. Kilian umarmte seinen Vater so heftig, dass dieser wankte, aber er blieb stehen. Harry sah, dass Draco die Augen geschlossen hatte, und Hermine wirkte so unfassbar erleichtert.

Niemand wagte, die Szene zu stören. Aber irgendwann löste sich Kilian von seinen Eltern. Er sah beide an, und auch Draco weinte bescheidene Tränen.

„Wo ist Rory?", flüsterte Kilian, aber Harry verstand ihn.

„Aurora! Scorpius!", krächzte Dracos belegte Stimme, und keine zehn Sekunden später, erschien ein hochgewachsenes, unvergleichbar hübsches Mädchen im Flur, einen kleinen Jungen auf dem Arm. Ihre Haare waren so lang wie Hermines, eine Spur heller, eine Spur wilder, aber ihr Gesicht…- Sie sah aus wie seine Hermine. Wie früher! Sie war wunderschön! Er bemerkte, wie Albus neben ihm fast auf die Zehensitzen ging, um sie zu sehen. Und Harrys Mundwinkel hoben sich, als eine jüngere Ausgabe von Kilian ebenfalls um die Ecke lief. Er war unverletzt und musste Kilians jüngerer Bruder sein. Sie waren alle da. Sie hatten es geschafft.

Kilians Schwester setzte den jüngsten Spross ab, fasste ihren Bruder ins Auge, und dann breitete sich ein unglaubliches Lächeln auf ihrem Gesicht aus. Sie besaß den Körper einer Amazone, wie ihre Mutter damals. Schlank und stark, und sie stahl sich augenblicklich in Harrys Herz, ohne, dass er sie kannte.

Wortlos fielen sich die Geschwister in die Arme, und der junge Scorpius zögerte keine Sekunde, und umarmte Kilian und seine Schwester ebenfalls. Es war rührend, und es war so unglaublich. Keiner von ihnen wagte, diese Szene zu unterbrechen, auch wenn Harry sehen konnte, wie dringend Ron zu ihr wollte. Wie dringend Ron Hermine in die Arme schließen wollte.

Kilian ging schließlich auf die Knie, und der jüngste Malfoy verharrte etwas scheu neben seiner Mutter.

„Ich bin Kilian. Es ist wirklich schön, dass du hier bist", sagte er mit unfassbarer Freude, und der Junge kam näher. Er war höchstens sieben Jahre alt, und Harry war heilfroh, dass er überlebt hatte. Aber er schien gänzlich unversehrt zu sein.

„Hi", erwiderte der Junge scheu. „Ich… bin Harry", sagte er, und Kilian umarmte ihn ohne Zögern. Und Harry hatte gar nicht gemerkt, dass seine Augen feucht geworden waren. Und dann sah Hermine ihn an. Ihr Lächeln war so strahlend wie das ihrer Tochter. Und als sie sich von ihrer Familie löste und den Abstand zu ihnen schloss, bewegten sich Harry, Ron und Ginny gleichzeitig.

Sie fielen einander in die Arme, weinten und lachten, hielten sich minutenlang, und auch Draco schloss Harry in eine so feste Umarmung, dass ihm kurz die Luft wegblieb. Auch Ron wurde in den schraubstockartigen Griff geklemmt, und Ron lachte tatsächlich über diese Geste, umarmte Draco ebenfalls, und Pansy weinte Krokodilstränen. Die gesamte nächste Stunde über.

Die Kinder stellten sich vor, waren allesamt aufgeregt, und Albus sprach fast ausschließlich mit Aurora, gab vor ihr an, wie es nur Albus Potter konnte, und Harry beobachtete es mit gerunzelter Stirn. Die Reporter sammelten sich auch um diese mitternächtliche Stunde vor den Pforten des Mungos, aber sie wurden nicht eingelassen. Merlin sei Dank!

Und Hermine war gänzlich angetan von seiner Tochter, die sich so scheu und so zaghaft vorstellte, als hätte sie Angst. Kilian erzählte seinen Eltern von der Verlobungsfeier, und beide waren kurz sprachlos, aber nicht lange. Sie umarmten Lily, und seine Tochter weinte wieder Tränen der Freude, und es war alles so emotional und wunderbar, dass Harry sich am liebsten gesetzt hätte.

Das Mungo kümmerte sich schließlich um Verpflegung, und niemand warf die große Potter-Weasley Familie raus. Nein, sie durften alle in ein riesiges Vierbettzimmer, schoben die beiden Tische zusammen, und störten sich nicht am klinischen Geruch, an den grellen Lampen.

Nein, sie lauschten Draco und Hermine, obwohl Aurora mehr zu erzählen hatte, und natürlich saß Albus neben ihr.

Kilian war sehr schweigsam, hielt Lilys Hand in seiner, und ab und kam eine Schwester, die Dracos Verbände überprüfte, aber ansonsten… fühlte es sich alles vertraut und wunderbar an.

Für Molly und Arthur stand außer Frage, dass sie im Fuchsbau bleiben würden, aber Harry wusste, sobald Lucius Wind davon bekam, dass sein Sohn wieder da war, würde er eine ganze Armee von Hauselfen schicken, die Draco und Hermine, samt Kinder abholten. Noch hatte er Draco nicht von Lucius' Sinneswandel erzählt, aber er nahm an, es würde nicht ungelegen kommen, dass der alte Drache sein Herz gefunden hatte.

Hermine war wieder da. So schön und stark. Mit ihrer Familie. Ihre vier Kinder um sich versammelt, während Dracos gesunder Arm wie selbstverständlich um ihre Taille lag. Sie erzählten, dass sie hatten warten müssen, bis der kleine Harry stark genug gewesen wäre, um im Wasser zu überleben, bevor sie die Insel hatten verlassen können, und dass es an der Zeit gewesen war, denn alle Fische in ihrer Lagune waren verschwunden, das Wetter war rauer geworden, und es war, als hätte die Insel einen Herbst durchlebt, als wäre es ein Zeichen gewesen, dass es langsam Zeit wurde, nach Hause zu kommen.

Aurora und Lily sprachen viel miteinander, während Albus immer wieder versuchte, dazwischen zu kommen, und Kilian beschäftigte sich mit Scorpius und dem kleinen Harry, erzählte ihnen von seinem Leben hier, während Ginny und Ron Hermine in einer Tour mit Fragen über Fragen quälten. Alle anderen waren wie Harry gänzlich überwältigt, lauschten, lachten und waren einfach nur erfüllt von dem großartigen Gefühl der Wiedervereinigung mit ihrer Freundin.

Draco und Hermine bedankten sich immer wieder bei ihm und Ginny, dafür, dass sie Kilian aufgenommen hatten, sie bedankten sich bei der gesamten Familie, und natürlich war Draco besonders dankbar, dass Harry seine Gefängnisstrafe beseitigt hatte. Aber Harry winkte ab, beteuerte, dass er es gerne getan hatte, dass Kilian ein wunderbarer Mensch sei, dass er nichts lieber getan hatte, als zu helfen – und es stimmte.

Das war es, was Freunde taten. Was Familie tat. Denn Harry hatte, wie Kilian, in den Weasleys eine Familie gefunden. Und Hermine und Draco schuldeten ihnen keinen Dank. Harry erkannte jetzt, das Hermine die richtige Entscheidung getroffen hatte. Dass etwas Wunderbares daraus entstanden war.

Und endlich war sie wieder da. Endlich würde sie das Leben genießen können, was sie schon so lange verdient hatte. Vereint, mit ihrer Familie. Sie hatte nicht gefunden werden müssen. Nicht von ihm zumindest. Hermine hatte sich selber gefunden, ganz alleine. Und sie hatte sich auch selber gerettet. Harry hatte… lediglich ein wenig geholfen.

Es war das Ende dieses Abenteuers, begriff er, mit gewissem Wehmut. Aber, wenn er darüber nachdachte, und das Glück seiner Tochter in ihren Augen sah, dann war es alles erst der Anfang. Das Leben war eine Reihe an Abenteuern. Manche fanden auf geheimnisvollen Inseln am Rande der Welten statt, und andere begannen an den unscheinbarsten Orten.

~ The End ~