Hermine fragte sich wohl zum hundertsten Mal, was zur Hölle sie hier bloß tat. Weder ihre Eltern noch Harry und schon gar nicht Ron verstanden, warum das hier tat. Es war sogar so weit gegangen, dass Ron mit ihr Schluss gemacht hatte, obwohl sie nie richtig zusammen gewesen waren.
Aber Snape hatte ihr leidgetan. Sie vertraute auf Dumbledores Urteil. Sie hatte ihren Entschluss in dem Moment gefasst, als sie Snape so kaputt gesehen hatte. Was er tat, war unglaublich mutig und er verdiente es nicht, ohne jegliche Hilfe sein Leben tagtäglich aufs Spiel zu setzen. Harry und Ron würden ohne sie zurechtkommen. Sie hatten eine gute Überlebensstrategie. Hermine dachte sich insgeheim sogar, das sie ihnen bei den Todessern vielleicht sogar nützlicher sein konnte, denn möglicherweise konnte sie bei Voldemort spionieren. Er musste einfach gemerkt haben, dass seine Seelenstückchen eins nach dem anderen vernichtet wurden und somit war er unter Zugzwang und verriet vielleicht irgendetwas. Hermines Eltern würden nach Australien auswandern.
Aber damit Snapes und Dumbledores perfider Plan gelingen konnte, musste sich Hermine zuerst einer kompletten Verwandlung unterziehen. Einerseits sollte sie mit Snapes Hilfe Dunkle Magie lernen. Flüche, Unverzeihliche Flüche. Die mussten ihr in Fleisch und Blut übergehen, die Anwendung korrekt sein. Magie perfekt auszuüben würde für Hermine noch das geringste Problem darstellen.
Schwieriger würde ihre Verwandlung in puncto Sprache werden. Dumbledore und sie hatten sich entschieden, sie mit einem französischen Akzent in die Kreise der Todesser einzuführen. Hermine sprach recht gut Französisch- zumindest gut genug, damit jemand, der dieser Sprache nicht mächtig war, getäuscht werden konnte.
Hermine hatte einmal während der Sommerferien Beauxbatons und den Unterricht dieser Schule besucht, oberflächliche Fragen darüber würde sie beantworten können. Dank Fleur Delacour – jetzt Weasley – wusste sie, wie sich französischer Akzent anhören musste und offenbar traute Dumbledore ihr zu, diesen zumindest anfangs treffend nachahmen zu können. Als die Ignoranten, die sie waren, würden die Todesser hoffentlich keinen Unterschied bemerken.
Die dritte Art der Verwandlung würde Hermine jedoch am schwersten fallen. Es war weithin bekannt, dass Voldemort Frauen – von Bellatrix Lestrange abgesehen – beinahe verachtete. Hermine ahnte, warum dies so war: seine Enttäuschung über seine eigene Mutter, die sich so erbärmlich in einen Muggel verliebt hatte und als Hexe im Kindbett gestorben war. Damit sie also nicht schon im Vorhinein als nutzlos eingestuft werden würde, hatte Dumbledore beschlossen, dass sie sich als Mann ausgeben musste, um bei den Todessern erstens nicht als Freiwild angesehen zu werden und zweitens, dass sie nicht schon im Keller an eine gläserne Decke stoßen würde.
Hermine fühlte sich mit alldem alles andere als wohl. Snape, der ihr Lehrer sein sollte, konnte ihr vermutlich alles beibringen – musste es sogar – aber ihr beibringen, sich wie ein Mann zu geben, das konnte er nicht. Zwar gab es einen ähnlichen Spruch wie Sonorus, den Vox alta- Zauber, der die Stimme nicht lauter, sondern tiefer machte. Aber das allein definierte ja noch keinen Mann.
Außerdem drängte die Zeit. Hermine sollte knappe drei Wochen bekommen, um sich komplett umzustellen. Diese Zeit verbrachte sie in Hogwarts, wo sie sicher war.
Auch wenn Severus Snape nun ein gealterter, gebrechlicher Mann war, so hatte er doch nichts von seinem weithin bekannten Sadismus eingebüßt.
„Miss Granger, ich hoffe doch, Sie wissen den Ernst der Lage einzuschätzen.", dozierte er zu Hermines Missfallen. „Sie sollen für einen Mann gehalten werden, das ist Ihnen doch klar!?" Hermine hasste es wie die Pest, wenn jemand mit ihr sprach, als wäre sie geistig zurückgeblieben. So langsam verstand sie Harrys unbändigen Hass auf ihren ehemaligen Zaubertränkelehrer.
„Ist Ihnen das klar!?", fauchte Snape erneut, als sie ihn nur stur anblickte. „Los, gehen Sie und laufen Sie um den See."
Hermines Augen verengten sich.
„Zwei Mal!", giftete Snape, als er ihren Gesichtsausdruck sah. „Das wird Ihnen nicht schaden!"
‚Sagt er mir gerade, ich sei fett?! ', dachte Hermine empört.
„Merlin, hören Sie auf, mich so anzustarren. Sind Sie nicht angeblich die klügste Hexe Ihres Alters?", sagte Snape leiser und deutlich genervt. „Tun Sie, was ich sage – trainieren Sie, jeder zwölfjährige Junge hat mehr Kraft als Sie! Man soll Sie für einen Mann halten!"
Hermine holte so leise es ging tief Luft und atmete langsam aus.
„Und fliegen Sie täglich eine Stunde mit dem Besen! Besser noch zwei Stunden!", schob Snape hinterher.
„…aber…", setzte Hermine an, doch Snape überhörte ihren Einwand geflissentlich. „In zwei Stunden sehe ich Sie wieder hier!"
Auch der Unterricht in Okklumentik und Dunkler Magie verlief kaum besser.
„Ich konnte schon wieder in Ihre Gedanken eindringen!", zischte Snape verärgert. „Habe ich Ihnen nicht aufgetragen, sich jeden Abend von allen Gedanken frei zu machen?"
Hermine gab ihr Bestes, und Dumbledore bestärkte sie darin, dass sie alles richtig machte, doch Snape war es nie gut genug. Manchmal dachte sie, dass er nur deswegen so widerlich zu ihr war, weil sie durch ihre Wut auf ihn noch mehr angespornt wurde. Doch meistens war sie nahe an einer Weißglut und mittlerweile hasste sie Snape bestimmt mehr als Harry es je getan hatte.
„Legilimens!", befahl Snape einmal mehr.
…Hermine und Harry liefen durch den Verbotenen Wald, den Hippogreif Federflügel mit sich ziehend. „Schnell, Harry! Vergiss nicht, niemand darf uns sehen!", stöhnte Hermine, völlig außer Atem, als sie sich selbst mit Ron und Harry auf Hagrids Hütte zugehen sah… sie flogen mit dem Hippogreif zum Nordturm, wo Sirius gefangen gehalten wurde… ihr neues, schönes, rotes Fahrrad… sie stürzte und ihr Vater, der ihr Fahrradfahren beibrachte, half ihr wieder auf…Viktor Krum kam ihr immer näher…
Hermine wand sich. Ballte ihre Fäuste zusammen. Nein, nein, nein. Sie weinte. Der Troll im Mädchenklo kam drohend auf sie zu. Protego! Raus aus meinem Kopf!
Hermines Sicht wurde plötzlich wieder klar. Sie hatte Snape erfolgreich aus ihrem Kopf vertrieben, zum ersten Mal.
Sie sah, wie ihr Professor die Lippen verächtlich kräuselte. „Ich habe mich immer gefragt, wie Black den Dementoren entkommen konnte. Jammerschade.", sagte er boshaft. „Üben Sie weiter!"
„Wenn Sie einen Unverzeihlichen Fluch sprechen, dann müssen Sie ihn auch so meinen!", sagte Snape zum wohl hundertsten Mal. „Imperio!", versuchte sich Hermine erneut. All die bösen Sprüche wie Sectumsempra hatte sie fast ohne mit der Wimper zu zucken ausgeführt. Mehr als die korrekte Aussprache und die richtige Zauberstabbewegung gehörten nicht dazu. Zumindest, wenn man irgendein bedeutungsloses Objekt verhexte. Aber die Unverzeihlichen ließen sich leider nur an lebendigen Wesen durchführen.
In diesem Fall ein Grindeloh in einem riesigen Aquarium. Wahrscheinlich hatte Snape absichtlich ein menschenähnliches Wesen genommen, sodass man sehr gut sehen konnte, wie er auf die Zaubersprüche reagierte.
„IMPERIO!", rief Hermine mit zittriger Stimme, dennoch nachdrücklich. Der Grindeloh machte einen Handstand in dem Aquarium.
Hermine freute sich nicht darüber, dass sie endlich, nach stundenlangem Üben, den Dreh heraus hatte. Sie riskierte einen Seitenblick auf Snape, der sie unerbittlich antrieb, und sie sah, dass er für einen kurzen Moment anerkennend nickte.
„Üben Sie für heute noch alle Zauber, die ich Ihnen für die Okklumentik beigebracht habe.", trug er ihr auf und entließ Hermine schließlich. Snape beendete die Unterrichtsstunden immer erst dann, wenn Hermine einen erkennbaren Fortschritt machte; mitunter triezte er sie bis um drei in der Früh, wenn das nötig war, und gab ihr dann auch noch zusätzliche Hausaufgaben auf, sodass Hermine nicht selten nur zu ein, zwei Stunden Schlaf pro Nacht kam.
Auch ihren sportlichen Erfolg maß Snape. Erbarmungslos setzte er ihre Übungsstunden immer früher an, sodass ihr immer weniger Zeit für dasselbe sportliche Pensum blieb, wenn sie noch eine angemessene Zeit schlafen wollte.
Und zusätzlich stand Hermine noch mit Harry und Ron in Kontakt – trotz ihres Streites über ihre Mission – und half ihnen weiterhin bei der Horkruxsuche. Wenn die beiden ungewöhnliche Zaubersprüche brauchten, ging Hermine in die Bibliothek und recherchierte. Alle zwei Tage schickten sie ihnen eine Eule mit neuen Vorschlägen und Ideen, die gelegentlich auch von Dumbledore stammten.
Hermine fühlte sich gegen Ende der drei Wochen Vorbereitungsfrist ziemlich ausgelaugt. Obwohl sie bislang alle Zauber gemeistert hatte und Snape auch nicht mehr in ihre Gedanken eindringen konnte, fühlte sie sich wie geschlagen. Sie konnte einfach nicht mehr. Das hier war schlimmer als jeder Prüfungsstress. Wie in aller Welt sollte sie nur bei den Todessern überstehen, in ihrer derzeitigen Kondition?
Auch Professor Snape fiel ihr Zustand offenbar auf und auch, dass seine ehemalige Musterschülerin langsam unkonzentriert wurde und ihr untypische Fehler unterliefen.
„Miss Granger", sagte Snape in erstaunlich mildem Ton, „Sie dürfen jetzt nicht nachlassen, unter keinen Umständen! Bleiben Sie wachsam, sonst wird alles umsonst sein. So wie Sie sich jetzt fühlen, so wird es bei den Todessern immer sein!"
Hermine stützte sich den schmerzenden Kopf. „Ich glaube, ich kann das nicht!", murmelte sie. In ihrem Leben hatte sie wohl mehr geschafft als das harte Training, aber bislang hatte sie immer Harry und Ron an ihrer Seite gehabt. Sie fehlten ihr ungemein. Zu dritt meisterten sie das Unmögliche, aber allein?
Und es gab Gefühle, die konnte Hermine einfach nicht abstellen. Sie konnte sich dazu überwinden, einigermaßen emotionslos Flüche anzuwenden, die keine bleibenden Schäden verursachten. Aber vor den Dunklen Künsten schreckte sie nach wie vor zurück. Und sie konnte nicht anders, als ihre Freunde zu vermissen und in Gedanken ständig bei ihnen zu sein.
„Sie müssen sich auf das Wesentliche konzentrieren – und das ist Ihr Überleben!", warnte Snape sie eindringlich. Er brauchte keine Legilimentik zu beherrschen, um Hermines Gedanken zu lesen. Dies beunruhigte sie mehr als alles andere, denn sie wusste, dass Bellatrix Lestrange und Voldemort selbst Snapes Okklumentikkünsten in nichts nachstanden.
„Lieber Harry, lieber Ron,
ich weiß nicht, wo ihr euch momentan aufhaltet und ihr dürft es mir auch nicht verraten, denn ich gehe übermorgen auf Dumbledores Mission für den Orden des Phönix. Ich möchte euch nicht gefährden. Nein, ich darf euch immer noch nicht genau verraten, was ich tun werde. Aber wir werden in Korrespondenz bleiben- ob persönlich oder über Dumbledore, kann ich noch nicht sagen.
-Harry: wegen deiner Frage zu einem alternativen Öffnungszauber: wenn du mit deinem Zauberstab eine Neun zeichnest und ungesagt „Ouvre" sprichst, solltest du das Buch aufmachen können.
Prof. Dumbledore meint, Hufflepuffs Tasse könnte bei einem sehr treuen Diener Voldemorts untergebracht sein. Das könnten die Lestranges sein, nachdem die Malfoys schon das Tagebuch besessen und die Blacks sich als unwürdig erwiesen haben. Vielleicht weiß Ron noch bekannte Reinblut-Familien?
Liebe Grüße
Hermine
Hermine legte ihre Feder beiseite und ließ die Tinte trocknen. Liebevoll strich sie über das „Lieber Harry, lieber Ron" und seufzte. Wie sollte sie das Kommende nur ohne ihre beiden besten Freunde überstehen?
Dumbledore und Snape hatten ihr klar gemacht, dass sie, um in die höheren Kreise aufzusteigen, das Dunkle Mal entgegennehmen müsste und dass es grausame Aufnahmezeremonien gab. Snape hatte ihr einige geschildert und Hermine verfolgten die Geschichten sogar noch nachts.
Hermine führte in ihrer letzten Vorbereitungswoche viele Gespräche mit Dumbledore und auch mit Snape, in denen sie mit ihnen vereinbarte, dass sie nach Marseille reisen und sich dort als neuer Todesser-Anwärter rekrutieren lassen würde.
Snape bläute ihr den Grundriss des Malfoy Manors ein und erklärte ihr, wie die Todesser- Treffen normalerweise abliefen. „Wenn Sie erst einmal dabei sind, dann müssen Sie alleine da durch, denn ich bin momentan davon ausgeschlossen."
Dank Harry hatte Hermine neben Dumbledores Geschichte noch eine zweite Version davon, was am Ende ihres sechsten Jahrs auf dem Astronomieturm abgelaufen war und dass Draco Malfoy, dessen Aufenthaltsort und Verfassung sie herausfinden sollte, bis zu einem gewissen Grad unschuldig war. Sie hatte noch weitere Namen, vorwiegend von Slytherinschülern, bekommen, die sie ausfindig machen und nach Möglichkeit aus allem Ärger heraushalten sollte.
Wie sie das anstellen sollte, wusste Hermine noch nicht. Dumbledores Motive leuchteten ihr durchaus ein. Er wollte nicht, dass die Kinder in den Krieg der Eltern hineingezogen wurden und dann, wenn Harry Voldemort besiegt haben würde, mitverurteilt würden. Ein Leben ohne abgeschlossene Schulausbildung, aber mit einem Aufenthalt in Askaban wäre undenkbar, ein ewiges Stigma.
Auf der anderen Seite ärgerte es Hermine, dass gerade sie für dumme, arrogante Arschlöcher wie Draco Malfoy, Pansy Parkinson, Theodor Nott oder Blaise Zabini ihr Leben riskieren sollte, wo selbige sie nur als minderwertiges Schlammblut ansahen.
