Hermine saß, in ein riesiges Badehandtuch eingewickelt, im Bad der Vertrauensschüler. Vor ihr auf einem zweiten Stuhl thronte ein Berg an Kleidung. Hermine besah die Kleidung und seufzte. Männerkleidung. Nicht, dass sie sich immer besonders feminin anzog, aber das hier war trotzdem komisch.
Sie nahm sich die Seife aus der Halterung und verwandelte sie in eine große Schere. Bevor sie es bereuen konnte, packte Hermine entschlossen eine Handvoll Haare und schnitt sie ab. Nur ein paar Zentimeter ließ sie stehen. Dann färbte sie ihre verbleibenden Haare schwarz. Anschließend zog sie sich ihre neue Kleidung an.
Hermine besah sich im Spiegel und war so ganz und gar nicht zufrieden mit ihrem Aussehen. Sie besaß nicht übermäßig viel Brust – aber doch immerhin so viel, dass es trotz des schlabberigen Pullovers auffiel. Und ihre Hose saß auch nicht gerade richtig, es fehlte einfach irgendwas Entscheidendes und außerdem war sie viel zu lang.
Hermine zog sich wieder aus und verwandelte sich aus einem T-Shirt eine Bandage, die sie fest um ihren Brustkorb wickelte. Sie holte tief Luft; die Bandage saß fest wie ein zu enges Korsett. Sie kürzte auch ihre neue Hose um ein paar Zentimeter, zog sich wieder an und zupfte ihre Verkleidung zurecht.
Nicht perfekt, aber ganz passabel, befand Hermine. Zuletzt zog sie noch eine rabenschwarze Robe über, die einen ziemlich verschleiernden Effekt besaß.
Sie ließ ihren Koffer neben sich herschweben und begab sich ins Schulleiterbüro zu Dumbledore, von wo aus sie zu einem Verbündeten nach Marseille flohen würde.
Der Schulleiter und Snape erwarteten sie schon. „Miss Granger.", Dumbledore nickte zustimmend zu ihrem Aussehen. „Vergessen Sie nicht, Sie können das hier immer abbrechen, wenn Sie sich unsicher fühlen. Wenn sich Probleme ergeben, können sie mir oder Professor Snape jederzeit eine Nachricht zukommen lassen."
Hermine nickte, mit einem unguten Gefühl im Magen.
„Von nun an werden Sie auch einen anderen Namen tragen, Mr Mercure Mortém." „Mercure Mortém", wiederholte Hermine leise für sich selbst. „Ihr neuer Name, Miss Granger, wird die gebildeteren Todesser auf eine französisch-italienische Herkunft schließen lassen, sollten sie jemals über Ihre Abstammung nachdenken. Je komplizierter Ihre Herkunft wird, umso unwahrscheinlicher ist es, dass sie die entsprechenden ausländischen Reinblutfamilien nachvollziehen können und kennen. Sprechen Sie so wenig wie möglich über Ihre Familie und wenn, dann lassen Sie anklingen, dass ihre Ansichten zum Blutstatus neutral sind oder sie tendenziell ‚Schlammblüter' mögen – auf diese Weise wird man nicht auf die Idee kommen, nicht existierende Personen als Todesser zu gewinnen.", erklärte ihr Dumbledore. „Aber das müssen Sie immer der Situation anpassen."
Hermine nickte.
„Ich nehme an, dass wir mindestens einmal pro Woche miteinander kommunizieren werden.", fuhr Dumbledore fort, Hermines blasse Wangen und zittrigen Hände ignorierend, „Ich weiß, Mr Mortém, dass Sie Alte Runen sehr erfolgreich belegt haben – gehe ich recht in der Annahme, dass Sie sehr weitreichende Kenntnisse haben, die über das Standardrepertoire hinausgehen?"
Abermals nickte Hermine. „Sir, ich habe viel darüber gelesen und bin mir sicher, weniger gebräuchliche Runen wiederzuerkennen." Dumbledore schenkte ihr ein aufmunterndes Lächeln. „Ich bin mir sicher, dass Sie Ihre Botschaften an mich hinreichend verschlüsseln können."
Insgeheim war Hermine dankbar, dass sie ihre Handtasche – jetzt verwandelt als Rucksack – dabei hatte, denn innen drin befand sich ein Runenwörterbuch.
Snape stand die ganze Zeit daneben und sagte keinen Ton.
„So, jetzt bringen wir Sie nach Marseille. Miss Granger – Mr Mortém?" Dumbledore hielt ihr ein Schächtelchen mit Flohpulver sowie einen Zettel mit einer genauen Anschrift darauf hin. Hermine nickte ihm und Snape rasch zu, und bevor sie es sich in letzter Sekunde noch anders überlegen konnte, warf sie das Pulver in den Kamin und las die Adresse ab.
Sekunden später tauchte sie in einer heruntergekommenen Spelunke auf. Beinahe hätte sie gelächelt, weil sie so sehr an den Hog's Head in Hogsmeade erinnert wurde. Aber Hermine besann sich und beließ ihr Gesicht so neutral wie möglich.
„Ey!", herrschte sie der Wirt an. „Une bière, s'il vous plaît!", sagte Hermine schnell und warf ihm ein paar Münzen auf den Tresen. Ihr großzügiges Trinkgeld sollte ihr für den Rest des Tages Ruhe garantieren. Postwendend wurde ihr ein Butterbier vorgesetzt. Mit einem abfälligen Gesichtsausdruck, als würde sie sich furchtbar ekeln, trat sie dann doch näher an den Wirt heran. „Est-ce que vous avez une chambre libre? ", wollte sie wissen. Das Gesicht ihres Gastgebers hellte sich auf: doch noch zahlende Kundschaft. „Oui, Monsieur." Er zeigte ihr saubere, wenngleich abgewohnte Zimmer und Hermine wählte sich dasjenige aus, das noch am besten aussah. Geld spielte keine Rolle, denn Dumbledore hatte sie mehr als großzügig ausgestattet.
Als der Wirt gehen wollte, fragte Hermine vorsichtig: „Est-ce que vous savez… si… il y a une réunion ce soir?"
Der Wirt warf nun ihr einen geringschätzigen Blick zu, à la ‚Aha, so einer bist du also!' und antwortete: „Oui, ce soir à huit heures." Hermine nickte. „Monsieur.", schob der Wirt noch spöttisch nach. Hermine ärgerte sich, dass er sie jetzt für ein Reinblutarschloch hielt. Andererseits machte sie ihre Sache offenbar so gut, dass Menschen, die nichts mit Todessern zu tun hatten, sie für einen hielten.
Hermine stürzte ihr schales Bier herunter, um sich etwas Mut anzutrinken. Wenn sie schon so ein Gesöff zu sich nehmen musste, nutzte es hoffentlich auch. Heute Abend musste sie so tun, als wäre sie begeistert von den Idealen der Todesser und sich sofort als Neumitglied einschreiben. Wie das gemacht wurde, hatte Snape ihr einmal erzählt und Hermine graute davor.
Einige Stunden später ging sie wieder herunter ins Lokal und bestellte sich etwas mit sehr viel Fleisch, weil sie dachte, dass Männer im Allgemeinen gerne Fleisch aßen – bestes Beispiel war Ron. So langsam trudelten sonderbare Gestalten ein. Auf der einen Seite schien es zwielichtes Gesindel zu sein, das auf ein besseres Leben im Glanze der Todesser hoffte, auf der anderen Seite waren es furchtbar arrogant und schnöselig wirkende Männer, die in ihrer feinsten Sonntagsrobe eintraten und zu den Tischen herüber trippelten, um sich die Lackschuhe auf dem dreckigen Boden nicht zu beschmutzen.
Hermine verbarg ihr Gesicht unter der Kapuze ihres Umhangs, legte ihren Ellenbogen auf den Tisch und aß weiter. Es war klar, in welche Richtungen es für die entsprechenden Personen gehen würde, wenn sie sich wirklich für die Todesser entschieden. Das Gesindel würde die absolute Drecksarbeit leisten, so wie Fenrir Greyback, Crabbe und Goyle. Die Lackaffen würden in die höheren Kreise einsteigen und die Politik machen, Befehle erteilen. Hermine wusste, dass sie in den Nachwuchs kommen würde, so sehr nach Quidditch das auch klang – aber die Jugend wurde einer Gehirnwäsche unterzogen und langsam auf zukünftige Führungspositionen trainiert.
„Bonne soire!", dröhnte eine Stimme in grässlichem Französisch, die Hermine nur allzu gut kannte. Einer der Carrows. Auf Englisch erklärten sie, worum es ging und worauf es bei den Todessern ankam. Hermine dachte, dass es wie Werbung für eine Armee war, nur dass man hier seine sämtlichen sadistischen Züge frei ausleben konnte.
Einige wenige verließen den Raum nach wenigen Minuten. Doch die große Mehrheit blieb und als es dann dazu kam, sich tatsächlich zu verpflichten, zögerten die wenigsten. „He Bursche!", zischte Amycus Carrow, „Bist du überhaupt schon volljährig?" Hermine ballte ihre Fäuste, von ihrer langen Robe verborgen, und antwortete: „Sonst stünde ich nicht hier, oder?" Amycus lachte und streckte ihr ein blutiges Messer entgegen. Hermine wollte nicht wissen, welche seltsamen Krankheiten ihre Vorgänger möglicherweise hatten. Sie schluckte ihren Ekel herunter und ließ es zu, dass er in ihre Hand ritzte. Mit ihrem eigenen Blut unterschrieb Hermine mit ihrem falschen Namen, dem Dunklen Lord ab sofort treu zu sein.
Es wurden bald darauf Pläne verteilt, sodass jeder wusste, wo und bei wem er sich zu melden hatte. Erwartungsgemäß wurde Mercure Mortém für das Malfoy Manor eingeteilt, wo alle Jugendlichen beherbergt wurden. Direkt unter der Nase Lord Voldemorts.
Hermine vermutete, dass der Grund dafür war, dass sich der Dunkle Lord seinen Nachwuchs gern selbst erzog: so viele Versager und Verräter wie in der Elterngeneration duldete er bei den Jüngeren vielleicht nicht mehr. Und auch Mädchen nahm er unter seine Fittiche, hatte Snape erklärt. Jedoch nicht, um auch sie zu fanatischen Kämpfern zu erziehen, sondern sie vielmehr darauf abzurichten, später gute Mütter mit vielen reinblütigen Kindern zu werden.
So reiste Hermine am nächsten Tag ins Malfoy Manor, von ein paar anderen Anwärtern begleitet. Sie wurden nicht empfangen, zumindest nicht von Menschen. Hermine war entsetzt, wie die Hauselfen hier behandelt wurden. Offenbar wurde sie genauso grausam gequält wie ein hilfloser Muggel, der den Todessern in die Hände fiel. Und ihre Kleidung bestand nur aus ein paar notdürftig geflickten Lumpen. Doch sie erinnerte sich daran, dass sie keine Freundlichkeit oder gar Mitleid zeigen durfte.
Also stieß sie ihren Koffer wortlos in Richtung eines kräftiger aussehenden Elfen, der den Koffer angstvoll anhob, sich tief verbeugte und ihr bedeutete, ihm zu folgen. Sie bemerkte, dass er den Koffer mehr schleifte als trug. Wie viel einfacher war doch ein simpler Mobilitätszauber! Dem Elfen schien es auch aufzufallen, dass der Koffer schleifte, und als er den Koffer in Hermines Zimmer abstellte, zog er vorsichtshalber den Kopf ein, als erwarte er Schläge. Hermine wies zur Tür. „Raus jetzt!", sagte sie scharf und der Elf verschwand mit einem Plopp.
Hermine atmete tief durch. Sie war drin. Sie sah sich um. In dem Zimmer, wo sie bleiben sollte, wohnten schon drei andere Personen. Sie war gespannt, wer das wohl sein würde.
Sie setzte sich auf das einzig freie Bett und begann zu lesen. Sie verhexte den Titel, sodass er auf Französisch geschrieben stand. Nach einer Weile hörte sie ein Poltern im Gang und viele Stimmgeräusche. Bald wurde ihre Tür aufgerissen und drei schwarzgewandete Männer stolperten herein.
Zwei davon erkannte sie sofort, es waren Blaise Zabini und Theodor Nott aus Slytherin. Der dritte war ihr völlig unbekannt.
Als sie von ihr Notiz nahmen, blieben die Jammergestalten stehen. „Ein Neuling!", stellte Zabini mit indifferenter Stimme fest. „Ich heiße Blaise Zabini und das ist Theodor Nott – wir kommen aus Hogwarts – und das ist Alex Edwardson aus Durmstrang."
Hermine registrierte, dass Zabini der Anführer dieser Gruppe war. Er hatte ein sehr selbstsicheres Auftreten. Sie erhob sich vom Bett. „Ich… eh, ich bin Mercure, Mercure Mortém, aus Beauxbatons."
„Du sprichst gut, für einen Franzosen.", stellte Blaise sofort fest. „Bei uns waren vor einigen Jahren beim Trimagischen Turnier Gäste von deiner Schule und ihr Englisch war grausam!" Er lachte leicht. „Oh!", machte Hermine unintelligent, „Meine Eltern haben mir immer Sprachunterricht geben lassen!" Das war noch nicht einmal gelogen.
Das erste Interesse an Hermine war verflogen, nun wandten die Jungen sich wieder ihnen selbst zu. Sie begannen, sich zu entkleiden. Hermine zog es vor, wieder in ihr Buch zu blicken, aber sie konnte nicht umhin, diverse Verletzungen an ihren Zimmerkameraden zu bemerken.
„Was ist denn mit euch passiert?", wollte sie entsetzt wissen. „Es ist serr hartes Training!", antwortete Alex. „Wirr müssen üben Flüche und Kämpfe!" „Lasst mal sehen!" Hermine erhob sich und versuchte nicht zu erröten, während sie die halbnackten Jungen musterte. „Sano corpori!", sagte sie, nachdem ihr klar war, dass sie keine gravierenderen Verletzungen hatten.
„Danke, Mercure!", sagte Blaise, verblüfft, dass sie alle drei auf einmal geheilt hatte. „Lernt man das in Beauxbatons?" Hermine nickte. „Ja, wir haben medizinischen Unterricht statt Wahrsagen!" Das stimmte, aber Hermine hatte sich alle Sprüche natürlich selber angeeignet, bevor sie mit Harry und Ron auf Horkruxsuche gegangen war. In der nächsten Stunde brachte sie ihren drei Kameraden einige nützliche Zauber bei, nachdem sie bemerkt hatte, wie stümperhaft sie ihre Blessuren bisher geheilt hatten.
Hermine war froh, gleich einen guten Eindruck zu machen und dass sie sich mit den anderen auf Anhieb verstand. Vorsichtig fragte sie, was sie erwarten würde, und die drei erklärten ihr, wie die Treffen und Trainings normalerweise abliefen.
Das erste Treffen war für den morgigen Tag anberaumt. Hermine war nervös, weil sie nicht genau wusste, was sie erwarten würde. Sie wusste nur eines von den anderen drei: Bellatrix Lestrange schaute regelmäßig vorbei, pickte sich ein Opfer heraus, das sie vor allen anderen quälte und die Gegenwehr testete.
Hermine drückte sich so lange herum, bis Zabini, Nott und Alex im Bett waren. Dann wagte sie sich ins gemeinsame Bad und verschloss panisch die Tür hinter sich. Keiner durfte sie entdecken. Nachdem sie sich vergewissert hatte, dass bestimmt niemand hereinkommen konnte, entledigte sich Hermine ihrer unbequemen Kleidung und holte tief Luft.
Dann ließ sie sich in das Bad gleiten und entspannte sich etwas. Ganz loslassen konnte sie aber nicht. Nicht, wenn hier in diesem Haus Voldemort residierte und sie eine der meistgesuchtesten Personen war.
