Wie passend, dass Draco Malfoy auf dem größten Diwan fläzte. Ein Fuß stand am Boden, den anderen hatte er auf die Tischkante gestellt. Eine Obstschale thronte auf seinem Schoß und er pflückte Trauben ab, die er beifällig in seinen Mund ploppen ließ. In seiner anderen Hand hielt er ein Glas Whisky. Um ihn herum saßen einige Leute, darunter auch Pansy Parkinson, wie Hermine erkannte.

Eine neue Welle Wut schoss in ihr hoch. Dafür riskierte ihr Leben? Dass Malfoy, Zabini, Parkinson, Greengrass und wie sie alle hießen, eine verdammte Party feierten? Das musste Snape wohl vergessen haben zu erwähnen.

Ihre Wangen, das wusste Hermine, nahmen nun eine eindeutig rote Farbe an. Zabini sah sie an und deutete ihre Röte völlig falsch. „Kein Grund, schüchtern zu sein, Mercure. Komm!", sagte er leicht spöttisch und führte Hermine direkt zu Malfoy hin.

Hermine wurde nervös.

Zabini begrüßte seine Slytherin- und Todesser-Kumpanen, und stellte Hermine vor. Sie sah, wie sich Malfoy ihr zuwandte und sie mit einem eindringlichen Blick maß. Sie hielt seinem Blick stand. Diese grauen Augen schienen sie regelrecht zu durchbohren. Aus dem Augenwinkel nahm Hermine wahr, dass Zabini Malfoy zunickte. „Willkommen, Mercure Mortém.", sagte Malfoy in seinem gewohnt herablassenden Ton. „Bitte!" Er winkte einem der Mädchen zu, das sofort zu Hermine eilte und ihr ein Glas Weißwein anbot.

Hermine wollte schon abwinken, doch welcher Siebzehnjährige lehnte jemals Alkohol ab? Sie nickte dem Mädchen zu und musterte sie unwillkürlich. Sie war sicherlich in Hogwarts, ihr Aussehen kam Hermine sehr bekannt vor.

„Nun, Blaise, wie kommst du auf unseren Franzosen?", fragte Malfoy gelangweilt. „Mercure? Oh, er hat sich schon als sehr hilfreich und geschickt erwiesen. Daher habe ich ihn ausgewählt für mein Tutorium.", antwortete Blaise. Malfoy nickte. Dann wandte er sich sagte direkt an Hermine. „Es ist schon lange her, dass jemand so schnell ausgewählt wurde. Nun… du stammst nicht aus England – wie kommst du hierher?"

„Ich… ich komme aus der Nähe von Marseille. Meine Eltern haben mich geschickt.", antwortete Hermine unsicher. Doch Malfoy schien das zu genügen. Wahrscheinlich wusste er das ohnehin schon und wollte es nur aus ihrem Mund bestätigt haben.

Er wandte sich wieder seinen Trauben zu und zog Pansy, die bisher vor ihm gesessen hatte, hoch auf den Diwan und beschäftigte sich eingehender mit ihr. Hermine drehte peinlich berührt ihren Kopf weg. Sie würde niemals in der Öffentlichkeit herumknutschen wie Malfoy.

Blaise fasste sie am Arm und zog sie mit sich. „Zeit, die anderen kennenzulernen!", sagte er und stellte Hermine der Reihe nach den meisten der Anwesenden vor. Hermine konnte nicht sagen, dass ihr schnell langweilig wurde. Manche hatten wirklich interessante Geschichten, doch sie wunderte sich einmal mehr, wieso sich so intelligente Leute nur für Voldemorts Sache einspannen ließen.

Nachdem sie ihre Runde gedreht hatten, sagte Zabini zu ihr: „So, jetzt kennst du mal die wichtigsten Leute unserer Generation. Also ich meine die, die später mal Führungspositionen innehaben werden. Du gehörst da vielleicht auch mal dazu, wer weiß – besser frühzeitig Freunde schaffen. Aber jetzt gehen wir etwas feiern!"

Sie gingen wieder zu Malfoy zurück, der immer noch wie Dionysos persönlich herumhing und es sich gut gehen ließ. Zabini und Hermine nahmen ihm gegenüber Platz. Malfoy ließ mehr Champagner kommen. Blaise flüsterte Hermine zu: „Aber wenn der Dunkle Lord im Haus ist, wird hier nicht gefeiert… das wagt keiner!"

Hermine beschränkte sich ganz aufs Zuhören. Malfoy erzählte von seinem Trainingsprogramm. Mit Hermines hatte es so gut wie gar nichts mehr gemeinsam. Er musste beispielsweise den ganzen Tag Unverzeihliche Flüche üben, gelegentlich sogar an lebenden Personen, wenn man jemanden aus den Kerkern verhören musste. Ansonsten hatten ihn Bellatrix und sein eigener Vater unter ihre Fittiche genommen und Draco war bei vielen Treffen anwesend, um die Politik mitzubekommen.

„In einigen Tagen werde ich übrigens meinen Initiationsritus feiern.", erzählte Malfoy beiläufig. Damit erreichte er genau, was er vermutlich beabsichtigt hatte. Pansy quiekte, Blaises Kopf ruckte nach oben, Hermine zog erstaunt ihre Augenbrauen nach oben und ein paar andere machten überraschte Laute. Die allgemeine Aufmerksamkeit hatte Malfoy gewiss.

„Wurde auch Zeit!", sagte einer, den Zabini Hermine als ehemaligen Durmstrangschüler Nikolai Krastev vorgestellt hatte. „Wie lange bist du jetzt schon dabei?" Malfoy verzog seine Lippen zu etwas, das ein Lächeln sein konnte. Er krempelte seinen linken Ärmel hoch.

„Bevor ich wieder nach Hogwarts ging, um meine Mission zu erfüllen, haben sie mich bereits alle Eide schwören lassen und mich zum Todesser gemacht.", sagte Malfoy, als wenn er besonders stolz auf diese Tatsache wäre. „Aber es musste schnell gehen, ich hatte keinerlei Ausbildung und Anwärterzeit durchgemacht. Ich muss mich noch beweisen, wenn ihr versteht, was ich meine. Dann erst bin ich ein vollwertiger Todesser und darf an den wichtigsten Versammlungen teilnehmen.", erklärte er weiter.

Hermine hasste den Anblick auf seinem Arm. Und sie hasste Malfoys Selbstgefälligkeit, wie er hier saß und das so erzählte, als wäre nichts dabei. Sie blickte sich um. Keiner schien durch das, was Malfoy gerade erzählt hatte, schockiert oder überrascht zu sein. Jeder schien zu wissen, worum es ging. Hermine wunderte sich, was Malfoy mit „sich beweisen" gemeint hatte.

Dass es eine Aufnahmezeremonie gab, hatte Snape ihr bereits erklärt. Und auch, dass es nicht selten den Tod einer Person beinhaltete. Aber was genau musste Malfoy tun? Und war es nicht eigentlich ihre Aufgabe, ihn von diesen Untaten abzuhalten? Aber er schien das zu wollen. Hier war er der König, außerhalb der Todessergesellschaft nur ein kleines Arschloch und fernab von jeder Informationsquelle.

Nach einer Weile des Feierns bemerkte Hermine, dass es langsam leerer wurde. Kein Wunder, ihre Ausbildung war anstrengend und die Leute müde. Auch ihr war es ehrlich gesagt genug. Jeder Muskel ihres Körpers schmerzte und sie musste gegen die bleierne Müdigkeit ankämpfen, damit ihr nicht andauernd die Augen zufielen. Warum wollte Blaise denn nicht gehen? Mussten sie jetzt wirklich die letzten sein, die gingen?

Irgendwann waren nur noch Hermine, Blaise, Malfoy, Parkinson und die „Kellnerin", die Hermine so bekannt vorgekommen war, übrig. Hermine fühlte sich komisch im Kopf. Der Alkohol zeigt seine Wirkung bei ihr. Sie war ja nichts gewöhnt und die zwei Gläser Wein ließen ihren Kopf schwimmen.

Kaum, dass der letzte gegangen war, schubste Malfoy Parkinson von seinem Schoß, nahm die Füße vom Tisch und setzte sich vernünftig hin. Blaise streckte sich und sah aufmerksam drein.

Hermine wandte ihren Blick wieder Malfoy zu und wurde schlagartig rot, als sie merkte, wie er sie schon die ganze Zeit gemustert hatte. Sie starrte widerborstig zurück und zog ihre Augenbraue hoch, unwillkürlich Malfoys normale Art imitierend.

„Blaise sagt, man kann dir trauen.", stellte Malfoy ungerührt fest. „Ja, das sagt er.", fühlte Hermine sich bemüßigt zu antworten. „Beschwöre das Dunkle Mal!", befahl Malfoy ihr. Hermine ergriff ängstlich ihren Zauberstab.

Das Dunkle Mal war so ziemlich das Gegenstück zu einem Patronuszauber. Es verbreitete ein mulmiges Gefühl und Schrecken und man musste sich bei der Beschwörung der Formel nicht seinen glücklichsten, schönsten Moment heraussuchen, sondern den widerwärtigsten überhaupt. Zumindest fühlte es sich für Hermine so an. Ein echter Todesser würde wahrscheinlich die höchste Freude fühlen bei der Erinnerung an eine grausame und schändliche Tat.

Ihre Finger krampften sich um ihren Zauberstab. „Morsmordre!", zischte sie leise die Beschwörung, die ihr Snape beigebracht hatte.

Ein dünner, schwarzer Rauchfaden schlängelte sich aus ihrer Zauberstabspitze und bildete eine verschwommene Schlange, jedoch verblasste ihr jämmerlicher Zauber in Sekundenschnelle wieder.

Hermine fürchtete eine Schelte, oder dass Malfoy sie für ihren schlechten Zauber hinauswerfen würde. Er konnte das Dunkle Mal sicherlich sofort und ohne Probleme beschwören.

Doch Malfoy nickte. „Gut.", sagte er lediglich dazu.

Hermine versuchte, ihn neutral und emotionslos anzusehen, aber in ihr tobten die Gedanken. Sie konnte kein Mal beschwören, weil sie ein guter Mensch war und noch nie etwas richtig Böses und Gemeines getan hatte. Genauso wie ein Todesser keinen Patronus beschwören konnte, weil er keine wahre, reine Freude kannte und in Angst lebte.

Sie sah Blaise an und er nickte ihr lächelnd zu. „Darf ich dich bitten, einen Patronuszauber auszuführen? Lernt man den in Beauxbatons?" Hermine deutete ein Nicken an. Sie drängte ihre Angst zurück und dachte an Harry, Ron, Ginny, Luna und Neville. „Expecto patronum!", sagte sie und ihr Otter erschien. Er tollte um sie alle herum. Hermine lächelte erfreut.

Die anderen schienen sehr beeindruckt zu sein. Blaise schenkte Hermine ein echtes, zufriedenes und auch erleichtertes Lächeln. Als er sah, dass Hermine nicht verstand, was vor sich ging, sagte er: „Das ist wirklich anspruchsvolle Magie. Von uns bringt keiner einen gestaltlichen Patronus zusammen. Es schafft aber auch keiner ein gestaltliches Dunkles Mal."

Hermine dachte nach. Sie hatte gerade bewiesen, dass sie zu den Guten gehörte. Warum sollten die Slytherins das sehen wollen?

„Ich hab es dir ja gesagt, Draco. Mercure ist ein fähiger Zauberer.", meinte Blaise. Er trug wieder seinen zufriedenen, erleichterten Gesichtsausdruck. Er hatte sich in Hermine wohl nicht geirrt. An Hermine gewandt, sagte er: „Als du uns den komplizierten Heilungszauber gezeigt hast, wusste ich, dass du kein wahrer Todesser bist."

„Aber, ich bin-", wollte Hermine widersprechen, doch Blaise redete einfach weiter, ihren Einwand ignorierend. „Das war auch einer der Gründe, weswegen ich dich ausgesucht habe, Mercure. Wenn ich dein Tutor bin, kann ich auf dich aufpassen und aus der Schusslinie nehmen."

„Aber, warum-", begann Hermine erneut, doch abermals unterbrach Blaise sie. „Du musst dich nicht rechtfertigen oder widersprechen, wir sind froh und dankbar um Leute wie dich. Nicht jeder Reinblüter ist aus Todesserholz geschnitzt, egal welche Ansichten man teilt. Aber wir brauchen auch jemand, der Heilungszauber beherrscht. Und wir brauchen-"

„Genug, Zabini!", herrschte Malfoy ihn an. Zu Hermine, sagte er in normalerem Ton: „Er hat recht. Doch bevor wir dich in unserem Kreis hier aufnehmen, musst du dich einem Unbrechbaren Schwur unterziehen. Ich jedenfalls traue dir nicht, Mortém."

Malfoy war nicht dumm, das musste man ihm lassen, dachte Hermine bei sich.

„Wenn du jetzt einsteigst, gibt es kein Zurück.", warnte Malfoy sie. „Worin einsteigen?", fragte Hermine. Malfoy warf ihr einen spöttischen Blick zu. „Ja, ich werde einsteigen, was immer es auch ist.", willigte Hermine wider besseres Wissen ein. Aber dieses exklusive Slytheringrüppchen konnte ihr noch extrem viel nützen.

Malfoy wischte sich ein paar Haarsträhnen aus dem Gesicht. „Zabini, du verbürgst dich für ihn!", sagte er zu Blaise. Langsam kniete er sich nieder und Hermine folgte ihm. Sie betete innerlich, dass sie nichts Unmögliches schwören musste. Sie streckte ihre schwitzende rechte Hand aus und Malfoy ergriff sie. Hermine wurde bewusst, wie feminin und klein ihre Hand in Malfoys Männerhand aussehen musste. Sie hoffte, dass das nur ihr auffiel.

Blaise stellte sich neben die beiden und legte seinen Zauberstab auf ihre Hände. „Wirst du, Mercure Mortém, dich unter den Mantel des Schweigens hüllen?" „Das werde ich.", versprach Hermine. Nichts, was sie nicht ohnehin schon tat. Aus seinem Zauberstab schlängelte sich ein feuriges Band, das sich langsam um Hermines und Malfoys Hände legte. „Und wirst du unsere Sache mit all deinen Mitteln unterstützen?" „Das werde ich." „Und wirst du dich den Todessern anschließen, so wie es vorgesehen ist, damit unsere Sache nicht stirbt?" Hermine schluckte. „Ja, das werde ich.", sagte sie schließlich und das magische Band sank in ihre Hände ein.

Hermine starrte wie elektrisiert auf ihre und Malfoys Hand. Sie hatte fest und panisch zugedrückt und zog jetzt ihre Hand zurück, als wenn sie sich verbrannt hätte.

Malfoy stand auf, Blaise gab ihr seine Hand und zog sie nach oben. Dann klopfte er ihr auf die Schulter. „Willkommen in der DAA. Dumbledores Anderen Armee."