Blaise sah sie mit neutralem Blick an. Hermine zog ihren Kopf ein. War sie zu schnell, zu euphorisch gewesen?

„Und was ist es, an das du gedacht hast, Mercure?", fragte Blaise vorsichtig nach. „Von wo aus startet das Unterfangen?", fragte Hermine im Gegenzug. „Hm. Vom großen Saal aus, dort werden alle instruiert. Der Dunkle Lord stößt, wenn überhaupt, immer erst später hinzu." „Wir müssen unerkannt dorthin!", sagte Hermine aufgeregt, „Wir müssen verhindern, dass sie überhaupt erst losziehen." „Ich weiß, wie wir dorthin gelangen, aber es ist kein angenehmer Weg…", sagte Blaise.

„Pansy, gib den anderen Bescheid, finde heraus, wo Malfoy ist." Pansy sah ihn unglücklich an. „Draco ist in seinem Zimmer, er ist nicht einsatzfähig." Blaise fluchte leise. „Dann… trommle Astoria und Daphne, Theodor, Marcus, Malcolm, Miles und Millicent zusammen. Wir brauchen Hilfe."

Eine halbe Stunde später standen neun maskierte, schwarz gewandete Gestalten um Hermine herum. Sie hatte sich auch ihre schwarze Robe übergeworfen. Nur ihre Maske fehlte. „Velandum!", sagte Blaise und Hermine fühlte, wie sich ein dunkler Schleier über ihr Gesicht legte. „Ich brauche noch zwei Personen.", erklärte Blaise. „Zwei andere gehen zur Allgemeinen Besenkammer. Der Rest von euch platziert sich an den üblichen Orten und hält Wache. Wenn sich irgendetwas tut, dann gebt mir auf dem üblichen Weg Bescheid. Im Anschluss treffen wir uns bei Daphne im Zimmer. Spätestens in zweieinhalb Stunden. Und Astoria, du informierst mir Draco über das alles, sollten Mercure, Pansy, Miles und ich nicht zurückkommen. Er wird dann schon wissen, wo wir stecken. "

Ein paar der maskierten Gestalten nickten. Hermine konnte nicht bestimmen, wer wer war. „Auf geht's.", murmelte Blaise und Hermine, Miles und Pansy setzten sich in Bewegung. Sie huschten durch das Manor, hinauf in den dritten Stock. Niemand durfte sie sehen, sonst würden sie sicherlich mit dem Sabotageakt, den sie vorhatten, in Verbindung gebracht werden. „Hier im Haus gibt es alte Kohle- und Belüftungsschächte, nachdem nicht jedes Zimmer einen eigenen Kamin besitzt.", erklärte Blaise Hermine mit leiser Stimme. „Das dort vorne… das, was wie ein Kamin aussieht, das ist der Eingang zu den Schächten."

Aber in dem Kamin brannte ein Feuer. Hermine wunderte sich. Wie sollten sie da nur reinkommen? Doch bevor sie fragen konnte, hatte Miles schon seine Hand nach dem Schälchen mit Flohpulver ausgestreckt, das auf dem Kaminsims stand und warf es in die Flammen. Mit entschlossener Miene trat er in die grün lodernden Flammen und statt den Namen eines Ortes zu nennen, reckte er sich und griff nach etwas Unsichtbarem, an dem er sich hochzog.

Pansy warf wieder eine Prise Pulver ins Feuer und folgte Miles. „Du musst schnell sein, Mercure. Wenn die Wirkung des Flohpulvers nachlässt, herrscht wieder dieselbe Temperatur wie normal, und bis zu diesem Zeitpunkt musst du außer Reichweite sein. Nimm gleich die allererste Abzweigung.", riet Blaise ihr. „Du willst nicht in die heiße Abluft geraten."

Nervös ergriff Hermine eine Prise und warf sie in die Flammen. Entschlossener als sie sich fühlte trat sie in das Feuer und fühlte mit der Hand in dem Abzug, bis sie ein Loch in der Wand erspürte. Mit all ihrer Kraft zog sie sich nach oben und stemmte sich mit den Füßen gegen die Wand. So schmerzhalft eingeklemmt suchte sich nach der nächsten Stufe. Sie spürte, wie die Luft schon heißer wurde, das Pulver verbrannte langsam. Sie ächzte und zog sich wieder ein paar Zentimeter höher, bis sie es schaffte, ihren Fuß in die erste Stufe zu stellen. Danach war das Klettern kein Problem mehr, doch sie spürte die unerbittliche Hitze; die Flammen unter ihr waren nur noch ein mattes Grün.

Wo war die erste Abzweigung, von der Blaise gesprochen hatte? Auf einmal griff ihre Hand ins Leere. Hermine drohte den Halt zu verlieren und konnte sich gerade noch in dem Schacht rettend einspreizen. Links tat sich ein neuer Gang auf, das musste er sein. Ein Brausen und eine Hitzewelle zeigten ihr, dass es höchste Zeit war, sich in Sicherheit zu bringen. Auf alle Vieren kroch Hermine weiter. Wo waren die anderen? Die Hitze hier drin raubte ihr den Atem.

Zwischen ihren fest eingeschnürten Brüsten fühlte sie das Wasser stehen. Hinter sich hörte sie ein Kratzen und drehte sich um. Blaise war ihr gefolgt. „Nur weiter!", hustete er. Hermine hatte Panik. Was, wenn auf einmal ein Gang unlogischerweise nach unten abzweigen würde? Sie würde es nicht sehen in der Dunkelheit, sie musste sich jetzt ganz auf ihren Tastsinn verlassen.

Wie gut, dass Snape ihr in den Weihnachtsferien den Grundriss des Manors gezeigt hatte. Grob wusste sie, wo sie sich befanden. Nach einer Weile stieß Hermine gegen etwas Weiches. „Ahh, da seid ihr ja.", sagte Pansy. Miles, mit Nachnamen Bletchley, wie sich Hermine nun dunkel erinnern konnte, flüsterte: „Wir müssen jetzt hinunter in das Erdgeschoss. Gebt Acht beim Steigen. Nach sechsundvierzig Stufen kommt wieder eine Abzweigung und keine Stufe. Nach dreiundsiebzig Stufen wechseln die Stufen die Wand, es geht in eurem Rücken weiter."

Hermine kam das Grausen. Sie hatte Höhenangst und dann sollte sie auch noch in der völligen Dunkelheit irgendwo herumsteigen?

Miles begann mit seinem Abstieg. Er hielt noch einmal kurz inne und sagte: „Seid leise, wann immer ihr einen Lichtschein erkennen könnt, das sind die Entlüftungsschlitze in den Durchgängen, und dort stehen gelegentlich Todesser herum."

Pansy folgte ihm ohne zu Zögern und Hermine ließ sich in den Schacht gleiten, sobald sie Pansy nicht mehr erkennen konnte. „Nur nicht abrutschen, sonst reißt du noch zwei weitere in den Tod… und wenn Slytherins das können, kann ich das auch, ich bin eine Gryffindor!", flüsterte Hermine leise zu sich selbst.

Als Hermine, nicht nur durch die Hitze, schweißgebadet unten ankam, zitterten ihre Hände und Knie vor Nervosität und Anstrengung. Und den Weg mussten sie auch noch zurückgehen? Der blanke Horror.

Wenig später kam auch Blaise an. Miles lotste sie weiter. Hermines Knie fühlten sich schon wund an, als sie endlich Halt machten. Schon von weiten hatte sie das Stimmengewirr hören können.

„Wir müssen freie Sicht bekommen.", wisperte Hermine und drängte sich unter größter Anstrengung an Pansy und Miles vorbei. Sie blickte durch einen Entlüftungsschlitz am Boden. Sie waren genau über dem Saal. Das Gitter war nicht richtig befestigt; vielmehr lag es in einer steinernen Fassung. Vorsichtig hob Hermine es an und schob es lautlos zurück, sodass sich vor ihr nun ein kleiner Spalt aufgetan hatte.

„Wie viel Zeit haben wir noch?", fragte sie die anderen. „Eine dreiviertel Stunde.", erwiderte Miles leise. „Wer ist ihr Anführer? Wer leitet die Unternehmung?", flüsterte Hermine. „Amycus Carrow und Rudolphus Lestrange!", sagte Pansy.

Vorsichtig schob Hermine ihren Zauberstab durch den Spalt und zielte auf Carrow. „Confundo!", zischte Hermine. Er zuckte zusammen. Carrow war ein ziemlicher Idiot, daher genügte ein einfacher Verwechslungszauber. Lestrange allerdings war eine härtere Nuss. Hermine dachte an die Muggelgeborenen und die Thornwoods, deren unschuldige Leben auf dem Spiel standen. Dann dachte sie das Goyle Manor. Dorthin würde sie die Todesser schicken.

Imperio!", sagte sie mit Nachdruck, fast schon zu laut. Aber unter ihnen herrschte so ein Stimmengewirr, dass ihre Stimme sicherlich unterging. „Benimm dich normal, und führe deine Anhänger zu Goyle nach Hause. Appariert nicht, benutzt eure Besen.", murmelte Hermine. Sie sah, wie Lestrange zuckte und sich gegen sie wehrte. „Imperio!", sagte Hermine erneut und dieses Mal kämpfte Lestrange nicht mehr.

„Jetzt müssten die anderen eigentlich die Besen in der allgemeinen Kammer manipuliert haben. Los, gehen wir!", sagte Blaise und langsam traten sie den Rückzug an. Hermine war die letzte. Sie war so langsam, die anderen gewannen immer mehr Abstand. Irgendwann prallte sie auf etwas. Schon wieder. „Aua!", zischte Blaise. „Ruhe!", flüsterte Miles. „Hier steigt einer von uns aus. Es sind die Küchen." „Pansy, du. Und dann geh zu Draco…", bestimmte Blaise. Sie öffneten einen Entlüftungsschlitz und Pansy quetschte sich hindurch.

„Los, weiter, wir haben nicht mehr viel Zeit!", drängte Miles. Sie kletterten ein Stockwerk höher. „Mortém, du bist dran." „Geradeaus die zweite links, drei Treppen hoch, dann kennst du dich wieder aus.", sagte Blaise. Hermine war froh, endlich dem Belüftungssystem zu entkommen. Sie ließ sich auf den Boden fallen und machte den ersten Schritt, da hörte sie schon Schritte hinter sich.

Verdammt, sie hatte noch die Maske auf und niemand hatte ihr gesagt, wie sie zu entfernen war. Nur Patrouillen trugen Masken im Haus. Hermine schätzte die Entfernung ab bis zu der Treppe, die sie nehmen sollte. Viel zu weit weg. Sie wandte sich nach links und drückte bei der nächsten Tür die Klinke. „Alohomora!" Die Tür sprang auf und Hermine huschte hinein und drückte sich an die Wand. Dann erst blickte sie sich um. Das Zimmer war voller Gemälde. Einige waren aufgewacht und starrten sie mit unverhohlenem Misstrauen an. Eine Person öffnete den Mund… und begann zu schreien.

Hermine stürzte zur nächsten Tür, riss sie auf und rannte ins nächste Zimmer. Es war ein Spiegelsaal. „Weise mir den Weg!", flüsterte sie und ihr Zauberstab zeigte ihr die Himmelsrichtungen. Hinter sich konnte sie schon Gepolter hören. Irgendjemand hatte die Schreie der Bilder mitbekommen.

Hermine huschte weiter, und irgendwann hatte auch dieser Saal einen Ausgang. Sie konnte ihre Verfolger hören. Sie fluchten, weil sie in den Spiegeln nichts erkennen konnten. Hermine fand sich auf einer Treppe wieder und rannte die Stufen panisch nach oben. Niemand kam ihr entgegen. Sie sah Namensschilder an den Türen. Hier waren alle Anwärter beherbergt, das bedeutete, sie wohnte hier irgendwo. Hermine stürzte in ihr Schlafzimmer, das glücklicherweise leer war. Sie kramte ihr Zwei-Wege-Pergament hervor und hoffte, Dumbledore würde seinen Teil rechtzeitig lesen. In Runen schrieb sie nur: ‚Thornwood Hogstown. Gefahr. Haus räumen. Jetzt.' Dann hastete sie wieder nach draußen. Der Mädchentrakt musste auch in der Nähe sein. Daphne Greengrass… Hermine suchte ihren Namen, dann stürzte sie in das richtige Zimmer.

Blaise, Miles und ein paar andere waren schon anwesend. Blaise sah Hermine stirnrunzelnd an. „Mortém, du kannst als Anwärter nicht mit der Maske herumlaufen. Du verrätst uns alle damit, verdammt nochmal!" Oha, jetzt waren sie auf die Basis von Nachnamen zurückgekehrt. „Entschuldigung!", keuchte Hermine, „Ich wusste nicht, wie…" Blaise spitze die Lippen. „Diffugium!", sagte er und die Maske verschwand von Hermines Gesicht.

Die Tür öffnete sich erneut und ein paar weitere ehemalige Slytherinschüler hetzten herein. Pansy stolperte ganz zum Schluss hinein. Hermine konnte ihre Überraschung kaum verbergen. Pansy stand in einem äußerst knappen Kleid da, war geschminkt, hatte saubere Fingernägel und ein Tablett unter ihren Arm geklemmt. Nichts deutete darauf hin, dass Pansy Parkinson vor nicht einmal einer halben Stunde zu einem Trupp von Unruhestiftern gehört hatte und von Kopf bis Fuß mit Ruß beschmiert gewesen war.

Hermine sah an sich herab; völlig verschwitzt, stinkend und mit rußigen Händen und dreckigen Haaren stand sie da. Rasch legte sie ein paar grundlegende Reinigungszauber über sich, damit man ihr ihren Trip durch die Kamingänge nicht gleich ansah.

„Wie geht's Malfoy?", fragte Blaise sofort, nachdem er sich vergewissert hatte, dass alle der DAA unversehrt zurückgekommen waren. „Gut soweit. Er ist noch geschwächt, ich hab ihn aber eingeweiht. Draco wird es übernehmen, in ein paar Minuten hinunter zur Küche zu gehen, um sich eine Hühnerbrühe zu genehmigen und dabei zufällig an dem großen Saal vorbeikommen…"

Blaise nickte. „Leute, jetzt heißt es warten. Wenn unser Plan aufgeht, schickt uns Draco auf dem üblichen Weg die Nachricht." Hermine wandte sich an Theodor, weil Blaise gerade nicht so gut auf sie zu sprechen war. „Entschuldige bitte, aber was ist denn ‚der übliche Weg'? Das hab ich jetzt schon öfters gehört." Theodor grinste und statt einer Antwort entblößte er seinen Arm. Dort war eine Schlange tätowiert. Fasziniert beobachtete Hermine, wie sich das Tattoo bewegte und schlängelte. „Hierüber kommunizieren wir. Wir nennen es ‚Helles Mal'. Jeder darf sich sein Motiv selber aussuchen, auch die Stelle." Theodor grinste breiter, „Wenngleich eigentlich alle eine praktische Stelle wie den Arm nehmen. Will einer von uns allen oder nur einem anderen etwas mitteilen, tippt er nur mit dem Zauberstab auf sein Tattoo, nennt gegebenenfalls das Symbol des anderen und diktiert."

„Ähnlich wie bei den Todessern.", kommentierte Hermine. Ähnlich wie bei der DA, dachte sie. Theodor nickte. „Du solltest dir am besten mal Gedanken über dein Motiv machen. Die meisten nehmen ihren Patronus – oder zumindest das Tier, das sie dahinter vermuten. Nur wenige hier bringen nämlich einen gestaltlichen zusammen, wie du weißt." „Und du denkst, es ist eine Schlange bei dir.", stellte Hermine fest. „Klar.", grinste Theodor, „Was soll's denn sonst sein?"

Hermine war klar, sie würde ihren Otter nehmen. Am Arm.

„Ruhe!", rief da auf einmal Blaise in die Runde. Er krempelte seinen Ärmel hoch und Hermine konnte einen Fuchs erkennen. Aus dem spitzen Maul drangen schnell Buchstaben, Worte, hervor.

Blaise räusperte sich. „Draco. Er sagt, dass unten ein großes Chaos herrscht. Carrows Befehle widersprechen sich, Lestrange verbietet das Apparieren und will die Todesser in den Kampf führen, keiner kennt sich aus. Manche Todesser haben sich scheinbar den Befehlen, hierzubleiben oder auf Lestrange zu warten, widersetzt und sind zu den Besen gegangen. Aber die bocken jetzt herum und werfen alle ab." Blaise verstummte, als keine neue Botschaft nachkam. „Vielleicht haben wir ja Glück", meinte er, „und das hier lenkt sie so lange ab, bis der Dunkle Lord kommt und nach dem Rechten sieht, wenn sie schon nicht in Hogstown auftauchen."

Hermine hoffte, dass die Thornwoods in der Zwischenzeit fliehen konnten. Ihre Nachricht hatte Dumbledore in der Zwischenzeit hoffentlich erreicht und der Orden kümmerte sich wahrscheinlich um die Thornwoods.

„Ach ja, Mortém, gut gemacht.", lobte Blaise sie und klopfte ihr freundschaftlich auf den Rücken.