„Wenn ich denjenigen erwische, der sich diesen kindischen Scherz erlaubt hat, den foltere ich, bis er den Verstand verliert!", kreischte Bellatrix Lestrange. Hermine war müde, und schon seit einer Viertelstunde schritt Bellatrix vor sämtlichen Anwärtern auf und ab und schrie sie unentwegt an. Ihr Mann, so hieß es, hatte unter einem Imperiusfluch gestanden und hatte, zusammen mit Carrow, den gestrigen Einsatz scheitern lassen. Lord Voldemort hatte beide schwer bestraft und keiner der beiden war heute bei der Ausbildung gesehen worden.
Hermine hatte Angst, dass Bellatrix heute wieder sie auswählen würde. Doch sie wählte einen Tutor und einen Anfänger aus, der erst vor ein paar wenigen Tagen dazugestoßen war. Heute wollte sie wohl Blut sehen. Es war ein grausames Gemetzel, der Anfänger hatte nicht die geringste Chance. Bellatrix lachte und Hermine lief es kalt den Rücken hinunter.
Beim Abendessen fragte Hermine Blaise: „Was muss ich denn tun, um mir ein Tattoo stechen zu lassen?" Blaise zog seine Augenbrauen hoch, doch er antwortete: „Malfoy hat sich das ausgedacht und er ist auch derjenige, der dich tätowiert. Los, nehmen wir es gleich in Angriff. Nach gestern hast du es dir verdient." Blaise schlang noch ein paar Bissen herunter, dann zog er Hermine mit sich.
Sie wanderten quer durch das Malfoy Manor. Hermine musste es einmal mehr bewundern. Das alte Mobiliar, Bilder, die schon seit Generationen dort hängen mussten, Stuckaturen an Wänden und Decke… fast wie ein Museum. Irgendwann erreichten sie am Ende eines Ganges eine Tür… oder besser gesagt, ein Tor. Blaise klopfte und nach ein paar Sekunden öffnete sich ein Flügel der Tür. Blaise trat ein und Hermine folgte ihm.
Sie sah Malfoy in einem Ledersessel vor dem Kamin sitzen, einen dicken Wälzer auf dem Schoß. Weiter hinten stand ein riesiges Bett, woran sich eine Art Bibliothek anschloss. Bis zur Decke – und es waren gewiss fünf Meter – türmten sich die Regale auf. Sie ging hinter Blaise auf Malfoy zu. Der Dielenboden knarzte unter ihren Schritten und mit einem Mal kam sich Hermine unbeholfen und schwer vor.
„Blaise!", sagte Malfoy. „Ich hätte fast schon jemand anderen erwartet." Er runzelte seine Stirn. „Setzt euch."
„Ich denke, dass Mercure es mittlerweile verdient hat, ein Helles Mal zu tragen.", begann Blaise mit einem leichten Lächeln. „Gestern hat er sich bewährt und der Erfolg der Mission ist zu einem Gutteil auf ihn zurückzuführen."
Hermine bemerkte, dass Malfoy sie mit seinen kalten, grauen Augen von oben bis unten musterte. Er sah ihre schlammbespritzte Kleidung, ein blaues Auge, eine Schramme auf ihrer Wange. Sie wurde rot. Malfoy spielte mit seinem Zauberstab herum. Dann nickte er langsam. „Blaise traut dir.", stellte er fest. „Ich kann dich nicht leiden, Franzose. Aber ich höre immer wieder von allen, wie nützlich und gut du bist." Er legte eine Pause ein. „Welches Symbol möchtest du haben?"
„Ich… ich", stotterte Hermine, perplex von dem Themenwechsel, „Einen Otter hätte ich gern. So einen da: Expecto Patronum!" Malfoy sah sie mit zusammengekniffenen Augen an, dann folgte sein Blick dem Patronus, der um Hermine herumtollte.
Malfoy war noch blasser als sonst. „Ich… ähm… es tut mir leid, der Fluch. Ich hätte nicht einen so schlimmen nehmen sollen.", würgte Hermine hervor. Malfoy sah sie verächtlich an. „Entschuldige dich hier niemals, Mortém. Das ist eine Schwäche. Du hast das Beste getan, was du tun konntest. Das und nicht weniger hab' ich erwartet."
Hermine wurde wütend. Der Patronus verschwand. Gerade eben hatte sie sich bei ihrem Erzfeind entschuldigt, da nahm er es nicht an, ja im Gegenteil, verachtete sie für ihre angebliche Weichheit. Jedoch bevor sie etwas erwidern konnte, wandte sich Malfoy ab und ging zu einem Wandschrank, wo er eine Leinwand, Feder und Pinsel herausholte.
Er platzierte alles vor dem Kamin, dann musterte er Hermine abermals und begann zu zeichnen. Hermine bemerkte, dass Blaise in seinem Sessel eingedöst war. Sie juckte es, Malfoys Privatbibliothek näher in Augenschein zu nehmen, doch wagte sie es nicht, sich von ihrem Sessel zu entfernen. Stattdessen beobachtete sie Malfoy, wie er einen Otter malte. Das Feuer warf ihm einen warmen Glanz ins Gesicht und gab seinen Haaren einen orangefarbenen Schein. Immer wieder wischte er sich eine widerspenstige Strähne aus dem Gesicht, die zu kurz war, um sie hinters Ohr zu klemmen.
Hermine war fasziniert von dem Anblick. Nie hätte sie Draco Malfoy zugetraut, dass er erstens gerne Bücher las und zweitens künstlerisch kreativ war. „So, fertig. Was sagst du?", unterbrach Malfoy das minutenlange Schweigen und drehte das Gemälde zu Hermine. Blaise zuckte zusammen und öffnete träge die Augen.
„Wow… das ist…", Hermine unterbrach sich. Sie konnte doch nicht wie ein Mädchen antworten und „Ohhh" machen. Sie hüstelte. „Sehr schön." Ein Otter schlängelte sich im Wasser, sah glücklich aus, wie ihr Patronus. „Wo willst du ihn hin haben?", fragte Malfoy. „An meinen Arm, bitte." „Ja, dann los, ausziehen.", forderte Malfoy sie auf. In Hermines Wangen kroch erneut eine Wärme, die nichts mit dem Feuer zu tun hatte. Sie krempelte einfach nur umständlich ihr Shirt bis zur Schulter hoch.
Malfoy zog seine Augenbrauen hoch und tauschte einen Blick mit Blaise aus; dieser jedoch zuckte nur mit den Schultern. Malfoy war genervt. „Setz dich da hin und halt still.", befahl er. Hermine ließ sich in einen Sessel sinken und legte ihren Arm auf die Lehne. Mit seinem Zauberstab sog Malfoy seine Zeichnung auf und legte seinen Zauberstab dann an Hermines rechten Unterarm. „Te exonero insignioque finitus! Moves et dicis!", murmelte er leise wie ein Mantra vor sich hin. Es brannte ein bisschen und Hermine schloss ihre Augen. Sie wollte auf gar keinen Fall, dass Malfoy sah, wie wässerig ihre Augen gerade eben wurden.
Als das Brennen nachließ, öffnete Hermine ihre Augen und sah Malfoys wunderschöne Zeichnung verkleinert auf ihrem rechten Unterarm. „Gute Arbeit!", brachte sie hervor. „Wenn du gefangen wirst… und du denkst, es könnte dich oder uns verraten, dann saugst du die Tinte ganz einfach wieder ab mit atramentum sugo.", erklärte Malfoy, „Ich habe die Tattoos nicht permanent gehext so wie es zum Beispiel beim Dunklen Mal der Fall ist."
Malfoy ließ sich erschöpft wieder in seinen Sessel zurückfallen. „Reconcilio sanguis!", murmelte Hermine und deutete verstohlen auf Malfoy. Ihre Art sich zu bedanken war, den Gegenfluch zu ihrem Ausblutungsfluch zu sprechen. Sie sah, wie Malfoys Körper wie elektrisiert zuckte. Beinahe sofort nahm er eine gesündere Farbe an. Malfoy schüttelte sich, dann wandte er sogleich seinen Kopf zu Hermine um. „Warst du das, Mortém? Hab ich nicht gesagt-" Von Dankbarkeit wohl keine Spur, dachte Hermine. Doch Blaise unter brach Malfoy. „Lass gut sein, Draco. So ist er nun mal und wir können froh sein, dass wir jemanden aus H...H…Hchrm, hchrm", hustete Blaise und fasste sich an die Brust, „Verschluckt, Entschuldigung – Beauxbatons haben, der in heilender Magie bewandert ist. Er hat uns schon viel geholfen, Draco. Aber du residierst ja nicht mit den gemeinen Leuten, daher bekommst du das gar nicht mit.", endete er mit einem Augenzwinkern zu Hermine.
Hermine begann zu schwitzen. Blaise' Hustenanfall hatte zu gekünstelt angehört und außerdem… er hätte vielleicht auch Hogwarts statt Beauxbatons sagen wollen… sie ballte ihre Hände zu Fäusten.
Blaise und Malfoy unterhielten sich noch ein bisschen über die Ausbildung. Hermine hörte mit halbem Ohr zu. Ihre Gedanken kreisten ganz um Blaise' verbalen Ausrutscher. War es nun ein Zufall und ein echtes Husten gewesen oder wusste er, dass sie nicht derjenige war, der zu sein sie vorgab?
„…Mortém? Schläfst du schon?", fragte Blaise. Hermine zuckte zusammen. „War grad ganz woanders…", murmelte sie. „Komm, wir gehen. Gute Nacht, Draco!" Malfoy begleitete sie noch zur Tür und öffnete sie. Dabei strich er ganz leicht und wohl versehentlich Hermine Arm. Hermine schreckte zurück und ging hinter Blaise hinaus. Doch draußen drehte sie sich noch einmal um. „Malfoy- was hast du gewählt als Helles Mal?", fragte sie und im selben Moment bereute sie es schon wieder, als sie seinen Gesichtsausdruck sah.
Malfoy hatte seinen Augenbrauen hoch- und seinen Mundwinkel verzogen. Dennoch ließ er sich zu einer Antwort herab. „Ein Frettchen." Hermine starrte ihn an. Sie hörte, wie Blaise hinter ihr verdruckst kicherte. „Halt den Mund, Zabini!", zischte Malfoy und sah Blaise mit einem hasserfüllten Gesichtsausdruck an. „Gute Nacht." Damit schloss er die Tür direkt vor Hermines Nase.
Ein Frettchen. Woher hatte Moody das gewusst? Und irgendwie war es witzig, dass Malfoy sich gerade dieses Tier ausgesucht hatte, das ihn an einen der unangenehmsten Momente seines Lebens erinnern musste…
„Was war so witzig? Man kann sich nun mal nicht aussuchen, welchen Patronus man bekommt. Ich hab doch selber ein Tier, das einem Marder gar nicht so unähnlich ist.", sagte Hermine zu Blaise, obwohl sie natürlich ganz genau wusste, was an dem Frettchen so lustig war. Sie hatte ja selbst Probleme, keine Miene zu verziehen.
Blaise lachte. „Also erstens… es war eine verdammt persönliche Frage, ziemlich mutig… kaum einer weiß aus erster Hand, was Malfoy sich selbst tätowiert hat. Ich, Pansy, Theodor… und jetzt du. Niemand sonst hat sich getraut zu fragen. Jedes Mitglied der DAA entscheidet selbst, mit wem er kommunizieren will und mit wem nicht. Nur Draco kennt alle, logischerweise. Und ich auch, ich bin sozusagen sein stellvertretender Anführer und kümmere mich um den Großteil der Kommunikation.
Zweitens gab es damals in der vierten Klasse einen lustigen Zwischenfall. Draco wollte Harry Potter verhexen, doch ein Professor hat ihn dabei erwischt und zur Strafe in ein Frettchen verwandelt, das er in den Kerkern auf und ab hüpfen ließ vor aller Augen. Aber erwähne das niemals in seiner Gegenwart, und erzähle es auch nicht herum, sonst weiß er, dass ich es war und du musst es auch irgendwie büßen.", warnte Blaise sie grinsend.
Hermine gestatte sich nun doch ein kleines Lachen. „Aber Malfoy kann mich nicht leiden. Warum nicht?", fragte sie. Erinnerte sie ihn zu sehr an Hermine Granger? Oder war es etwas anderes?
Blaise blickte sie nachdenklich an. „Er sieht, dass du besser bist als er. Er ist von dir beeindruckt, als sein bester Freund sehe ich das. Du bringst einen Patronus hervor, kannst ihn in einem Duell besiegen, kannst heilen… er kann das meiste nicht. Und du bist gut, nicht verdorben. Du bist Konkurrenz." „Ich?", fragte Hermine entgeistert. „Ja.", bestätigte Blaise, „Du hast nur eine Schwäche, nämlich deine Menschlichkeit, und die hat Malfoy sehr schnell herausgefunden und lässt dich daher spüren, dass du in seinen Augen ein Loser bist. Auch wenn er dich widerwillig wegen deines Könnens respektiert."
„Aber… er hasst mich.", murmelte Hermine. „Nein.", widersprach Blaise, „Er kann dich nur nicht sonderlich leiden. Bellatrix hasst er. Und den Dunklen Lord."
