Alecto Carrow trommelte alle Anwärter zusammen, die bislang die Grundausbildung absolviert hatten. Hermine wusste, was nun kam. Sie würden bald eingeteilt werden in Aufgabenbereiche. Sie musste zusehen, dass sie irgendwie zu den Anwärtern kam, die für spätere Führungspositionen ausgebildet würden. Greifer war die denkbar schlechteste Alternative. „Nur wenn ihr in allen Bereichen brilliert, werdet ihr zu Führern ausgebildet. Läufer werdet ihr bei mittelmäßigen Resultaten und wenn ihr ganz schlecht seid, werdet ihr Greifer. Alles klar?" „Wie werden wir beurteilt?", rief jemand aus den hinteren Reihen.
„Ahh ja.", sagte Alecto genüsslich. Sie winkte einen Todesser herbei, der eine Tafel trug. „Hier werden eure Leistungen notiert. Je mehr Kämpfe, umso mehr Punkte. Je besseres strategisches Geschick, umso mehr Punkte. Je schneller ihr seid, je mehr Kraft ihr habt, umso mehr Punkte." Alectos Gesichtsausdruck versprühte pure Bosheit. Bislang war jeder mit jedem Freund, alle waren verbündet und hielten zusammen. Doch jetzt gerade eben hatte Alecto Konkurrenzkampf ausgerufen und der würde die gesamte Atmosphäre vergiften.
Hermine zweifelte stark an der Gerechtigkeit des Systems. Dass alte Reinblutfamilien – und zwar egal, was der Sprössling drauf hatte und was nicht – bevorzugt und die wenigen Führungspositionen besetzen würden, war doch schon im Vorhinein klar. Umso mehr musste sie sich anstrengen, dass jemand von dem unscheinbaren Franzosen Mercure Mortém Notiz nahm und ihn wegen seiner hervorragenden Leistungen im System aufsteigen lassen würde.
Deswegen ging sie am Abend zu Blaise. Er war ihr Tutor, wenn nicht ihm, wem sollte sie sonst trauen? Snape und Dumbledore waren unter „ferner liefen".
„Blaise… können wir mal fünf Minuten ungestört reden?", fragte sie ihn leise. Obwohl er schon im Schlafanzug dastand, nickte er sofort und beide gingen vor die Tür. „Heute hat Carrow eine Tafel ausgehängt, wo unsere Leistungen ab sofort notiert werden.", erzählte Hermine. „Und nur, wer in allen Bereichen gut ist, wird in eine Führungsposition befördert." Blaise sah sie an und Hermine wusste, dass er sie verstand. Sie war nicht geschaffen für die Arbeit von Greifern oder Läufern, einfach brutale Leute mit Spaß daran, Muggel zu quälen. Außerdem konnte die DAA Leute in Führungspositionen wesentlich besser brauchen. „Ich bin gut im Zaubern. Ich könnte viele beim Duellieren besiegen.", stellte Hermine fest, „Und auch bei dem Hindernisparcours. Aber Kraft hab ich keine. Ich hab keine Muskeln, kein Geschick darin." Sie war eine Frau, kein Schlägertyp, wie sie hier mitunter ausgebildet wurden. „Du musst mir helfen, Blaise."
Blaise kratzte sich am Kinn. „Ich weiß einen Kerkerraum, der fernab ist von den Kerkern, wo die Gefangenen gehalten werden. Dort könnten wir nachts trainieren. Das darf aber niemand erfahren. Hier hilft niemand niemandem. Warte kurz hier." Blaise ging wieder ins Zimmer und kam bald darauf wieder, vollständig bekleidet. „Los, komm schon!", forderte er sie auf. Hermine eilte ihm nach.
Blaise führte sie zu dem Kerkerraum. „Hast du dir den Weg gemerkt? In Zukunft werden wir getrennt gehen. Ich werde dir auf dem üblichen Weg den Zeitpunkt mitteilen." „Und wenn ich nicht kann?", fragte Hermine scheu. „Dann… schickst du auf demselben Weg dem Fuchs eine Botschaft.", sagte er und blickte ihr fest in die Augen. Hermines Gesicht wurde warm. Blaise vertraute ihr, weil er ihr seine Gestalt nannte. Auch wenn Hermine sie schon kannte.
„Und jetzt los. Schlag mich.", sagte Blaise. Hermine blickte ihn verwirrt an. „Schlag mich!", wiederholte Blaise. Hermine wusste nicht so recht, worauf er hinauswollte. Sie ballte ihre Hand zur Faust und schlug Blaise damit. Er zuckte nicht mit der Wimper. „Noch mal. Das war nicht fest genug.", sagte er bloß. Hermine runzelte die Stirn und schlug fester zu. „Noch mal." Sie wurde aggressiver und schlug noch fester zu. Dieses Mal wehrte sich Blaise, er packte ihren Arm und verdrehte ihn, sodass Hermine im Bruchteil von einer Sekunde vor Schmerzen stöhnend am feuchten, kalten Kerkerboden lag.
„Mortém, du schlägst wie ein Mädchen.", hörte sie Blaise sagen. „Daumen nicht über die Finger legen, sondern davor!" „Lass – mich – los – Zabini!", keuchte sie. Blaise ließ sie los. Hermine rappelte sich auf. „Ich schlage nicht wie ein Mädchen.", sagte sie empört. Blaise sah sie mit einem bemitleidenden Blick an. „Doch, Mortém. Du schlägst definitiv wie ein Mädchen."
„Du scheinst dich ja damit auszukennen, wie Mädchen schlagen. Hast du schon oft einen Korb bekommen für deine unverschämte Art?", fragte Hermine wütend. Es war unfair, sie war weniger auf Blaise wütend als auf sich selbst. Blaise lachte nur. Dann zeigte er ihr, wie sich richtig hinstellen musste. „Schau her, wie ich es mache. Rechtes Bein nach außen, linkes einen halben Schritt nach vorn. Mit links schlägst du zuerst, gehst einen Schritt vor und holst richtig Schwung mit deiner stärkeren Rechten. Dreh deinen Arm ein, schütze deinen Daumen."
Es war klar, dass Hermine nie die kräftigste Person werden würde, daher war die Technik umso entscheidender. „Wenn die anderen noch lang rumüberlegen, musst du sie schon überraschen. Das ist deine beste Chance.", erklärte Blaise ihr nach der gefühlt hundertsten Stunde. Aber Hermine hatte das Gefühl, dass sie sich verbesserte. Ihre Punktanzahl sprach sehr dafür. Bei strategischen Planungen war sie spitze, beim Duellieren auch sehr gut, bei den sportlichen Übungen hatte sie sich immerhin vom vorletzten Platz bis ins Mittelfeld vorgearbeitet. Blaise' Rat, die Gegner schnell zu attackieren, wirkte Wunder. Sie gewann zwar fast nie, aber Achtungserfolge und ein paar Pünktchen konnte Hermine dennoch erringen.
Natürlich war es Hermines Zimmergenossen nicht verborgen geblieben, dass sie und Blaise trainierten und dass sie Fortschritte machte. Eines Abends kamen Alex und Theodor auf sie zu, ein schwarzes Gewand in den Händen.
„Es ist nicht neu.", sagte Theodor beschämt, „Aber wir haben versucht, es passend zu hexen. Wir dachten… jetzt wo du ein paar Muskeln hast, dürfen das ruhig auch die Ladies sehen." Sie überreichten Hermine ein ärmelloses Shirt, das sie gut zum Boxen anziehen konnte. „Danke, Mann!", sagte Hermine gerührt. Am liebsten hätte sie die beiden umarmt, aber das ging ja nicht. Es tat gut, Freunde zu haben, die sich um sie kümmerten.
Hermine ging ins Bad. Die anderen hatten akzeptiert, dass sie da ihren Freiraum brauchte. Ihre Zimmergenossen benutzten das Bad oft gemeinsam und dachten sich auch nichts dabei, nur in Boxershorts herumzulaufen. Falls sie es komisch fanden, dass Hermine immer angezogen war, so sagten sie jedenfalls nichts dazu. Nach einer befreienden Dusche legte Hermine ihren Verband um ihre Brust wieder an und zog ein enges Shirt darüber, damit nichts Weißes von dem Verband hervorblitzen konnte. Theodors und Alex' Geschenk zog sie zum Schluss an. Es passte nicht ganz, es war etwas zu weit, aber Hermine war das gerade recht.
Den anderen gefiel es auch. „Heute", begann Theodor mit gewichtiger Stimme, „Ist der Dunkle, Dunkle Lord außer Haus. Es ist wieder ein Treffen. Party!" Theodor grinste breit. „Lasst uns feiern gehen!" Hermine folgte ihm und Blaise. In einem der vielen Säle hatten sich die jungen Todesser einquartiert. Musik dröhnte Hermine entgegen, Pansy und Daphne empfingen sie mit Champagnergläsern. Hermine wollte schon ablehnen, aber es wurde ihr so aufgedrängt, dass sie den Alkohol widerwillig entgegennahm.
Sie gingen zu dem Tisch, wo bereits Malfoy und Miles saßen. Schüchtern setzte sich Hermine hinzu und trank lieber noch ein zweites und ein drittes Glas Champagner, um nichts sagen zu müssen. Wann immer sie Malfoy begegnet war in den letzten Wochen, warf er ihr missmutige, abschätzige Blicke zu. Ihre Leistungen blieben ihm auch nicht verborgen. Erstens konnte ein jeder die Tafel mit den Punkten und den Initialen der entsprechenden Person sehen, zweitens prahlten Hermines Zimmergenossen zu gern mit ihr. Und wenn sie kleine DAA-Missionen durchzogen, war Hermine auch immer an vorderster Stelle mit dabei. Warum Malfoy sie nicht einfach akzeptieren konnte, war ihr schleierhaft. Sie wollte ihm doch nichts, nur helfen.
Pansy gesellte sich nach einer Weile zu ihnen und setzte sich auf ihren Lieblingsplatz, Malfoys Schoß. Sie hauchte ihm einen Kuss zu, bevor sie sich an seinem Champagnerglas bediente. Malfoy runzelte die Stirn und schob Pansy unhöflicherweise herunter. Pansy schmollte und warf Malfoy einen garstigen Blick zu, bevor sie sich Hermine näherte. Pansy stellte sich hinter Hermines Stuhl und flüsterte ihr etwas ins Ohr. Hermine wusste nicht wie ihr geschah.
Pansy bot ihr an, sie nachher in ihrem Zimmer zu besuchen. Sie spürte, wie Pansys Finger ihre Armmuskeln streichelten. Sie bemerkte Blaise' amüsiertes Gesicht. „Nur langsam, Pansy.", sagte sie leise.
Pansy kam um den Stuhl herum, ohne Hermines Arm loszulassen und zog sie mit sich nach oben. „Lust auf einen kleinen Tanz?", schnurrte Pansy. Sie zerrte Hermine ein paar Meter weiter weg in die Saalmitte und legte Hermines Hand auf ihre Hüfte. Hermine fügte sich widerwillig und tanzte ein Weilchen mit Pansy. Eigentlich war es gar nicht so schlimm, nur musste sie die Schritte umdenken und als Mann tanzen. Sie erinnerte sich an den Weihnachtsball in der vierten Klasse. Viktor Krum war sehr nett gewesen und der Abend hatte ihr wirklich Spaß gemacht…
Irgendwann kehrten sie an ihren Platz zurück und Pansy setzte sich direkt neben Hermine. Sie legte ihre Hände auf Hermines Oberschenkel und begann, dort auf und ab zu streicheln. Hermine war zwar leicht schwindlig wegen dem Alkohol und im Moment war ihr sehr viel egal, aber es missfiel ihr trotzdem. Pansy nutzte es aus, dass Malfoy sie nicht ausstehen konnte und versuchte, ihn eifersüchtig zu machen. Und es funktionierte auch prächtig. Malfoys Laune war am Nullpunkt angelangt und seine kalten, grauen Augen versprühten eisiges Feuer.
