Hermine schaffte es, sich von ihm loszumachen. „Spinnst du komplett, Blaise? Wie kommst du auf solche Theorien? Wer und was bin ich deiner Meinung nach?! Ich hätte nicht gedacht, dass ausgerechnet du mir in den Rücken fällst, jetzt wo ich es endlich geschafft habe, dass sogar Malfoy denkt, ich könnte es am besten von allen schaffen.", sagte sie empört, wütend. Ihre Angst kochte hoch und sie hielt mit aller Gewalt den Deckel darauf. Konnte Blaise ihr Geheimnis wissen? Wenn ja, warum hatte er sie nicht schon längst verraten?
„Halt mich nicht für dumm, Mercure. Ich weiß, dass du ein Mädchen bist. Ich habe mittlerweile eine gute Ahnung, wer du wirklich bist, aber eigentlich will ich es gar nicht wissen. Ich will nicht, dass die Mission scheitert. Deinetwillen, wegen Draco und nicht zuletzt wegen mir. Ich muss den Kopf für dich hinhalten."
„Du spinnst ja komplett. Ich geh jetzt schlafen und vergesse das Gespräch hier ganz schnell.", sagte Hermine ungläubig und verlieh ihrer Stimme eine gute Portion Ärger. Wie konnte er es wissen? Sie zitterte, die Angst kroch in ihre Eingeweide, benebelte ihr Gehirn. „Nicht so schnell.", erwiderte Blaise und hielt sie fest. Er tat ihr weh, doch Hermine ließ es sich nicht anmerken.
Unbeirrt fuhr Blaise fort: „Schon in deiner ersten Woche habe ich es herausgefunden. Ich bin kein Idiot wie Alex, Theo - oder Draco, bei Merlin. Es war einfach so offensichtlich, dazu hätte ich die kleinen Hinweise eigentlich gar nicht benötigt. Das Frauenzeug ganz unten im Mülleimer. Ich wollte etwas sehen, das dich verrät. Ein anderes Mal lag Verbandsmaterial herum, als ich rein zufällig hereinkam. Aber es gibt kaum eine so schwere Verletzung, dass du sie nicht heilen könntest. Ich kenne nur eine Hexe in unserem Alter, die so gut ist. Nicht ein einziges Mal hab ich Bartstoppeln auf deinem Gesicht entdeckt, wenn ich dich morgens aufgeweckt hab. Und nicht zuletzt, du schlägst wie ein Mädchen. Wir boxen zusammen, Mercure, ich spüre deinen Körper beim Sparring oft genug an meinem, dass ich bei Schlägen feststellen konnte -… Oder glaubst du, es ist Zufall, dass ich dir noch nie auf deine verwundbarsten Teile geschlagen habe?"
Hermine fühlte, wie ihre Wangen heiß und ihre Augen feucht wurden. Eine Fackel sehr weit hinten im Gang warf ein flackerndes Licht in Blaise' Gesicht. Mit einem sehr sonderbaren Ausdruck sah er sie an. Hermine war froh, dass er wahrscheinlich nicht sehen konnte, wie rot sie geworden war und dass ihre Augen glänzten. Leise sagte sie: „Und was… was willst du jetzt machen?" Alles abzustreiten war töricht und beleidigte wirklich Blaise' Intelligenz. Er hatte ungefähr 100 Indizien.
Blaise atmete geräuschvoll aus. „Ich mag dich, wirklich. Ich will nicht, dass dir etwas zustößt. Darum habe ich dich auch, sobald ich es herausgefunden hatte, in mein Tutorenprogramm aufgenommen. Zuerst war es Neugierde, aber dann habe ich gemerkt, was für ein guter Freund Mercure Mortém ist."
Hermine wusste nicht so recht, was sie darauf sagen sollte. Doch Blaise redete einfach weiter. „Ich will und werde gar nichts machen. Warum sollte ich dich verraten? Ich habe es bisher nicht getan und sehe auch keinen Grund dazu. Ich weiß, dass du mit irgendjemand aus der Außenwelt in Verbindung stehst. Ich bin wohl der einzige, der hinterfragt hat, wo du einen Vielsafttrank herbekommen hast. Wo du diese heilende Magie gelernt hast. So weit geht der Unterricht in Beauxbatons nicht. Und du bist viel zu vertraut mit England. Englischen Sitten, Bräuche, Essen. Du bist keine echte Französin, du warst auf Hogwarts. Und wenn ich raten müsste, dann würde ich auf Ravenclaw oder Gryffindor tippen. Du hast Mut, verdammt viel sogar, wenn du dich freiwillig in eine Schlangengrube begibst. Du bist sehr intelligent und begabt."
Hermine stöhnte innerlich. Wie kam es, dass jemand sie so genau beobachtete?
„Wer glaubst du war es, der dich nach dem Duell mit Malfoy ins Zimmer gebracht hat? Draco wurde untersucht, aber ich habe es für dich verhindert, dein Geheimnis wäre unweigerlich aufgeflogen."
Eine Hitzewelle schoss durch Hermines Körper. So viele Beinahe-Unfälle, Gelegenheiten, wo sie sich verraten hatte, wenn jemand genau aufgepasst hätte… kraftlos ließ sie sich gegen die Wand sinken und schloss die Augen. Was gab es zu alledem noch zu sagen? Was hatten sie, Snape und vor allem Dumbledore sich dabei gedacht?
„Für mich bist und bleibst du Mercure Mortém. Es wird sich nichts ändern für mich, ich kenne dich so. Nur… jetzt weißt du, dass du einen Verbündeten hast. Nimm meine Hilfe an, Mercure – oder wie du wirklich heißt – denn egal, was du beabsichtigst, du hast einen Schwur geleistet, unsere Missionen müssen erfolgreich sein. Ich meine es ernst, nimm meine Hilfe an." Hermine nickte schwach. Das musste sie erst einmal verdauen.
In dieser Nacht konnte Hermine nicht schlafen. Ihre Knie zitterten vor Nervosität. Erstens wusste sie, was ihr morgen bevorstand mit der Mission. Zweitens war sie ertappt worden und auch wenn Blaise ihr versichert hatte, dass er sie nicht verraten würde, und auch wenn sie ihm traute… eine Unsicherheit blieb dennoch: wer hatte es sonst noch herausgefunden? Blaise dachte zwar niemand außer ihm selbst, weil die anderen alle Idioten waren – womit er freilich Recht hatte – aber ganz sicher konnte man sich natürlich nicht sein.
Und Hermine schämte sich ungemein, dass Blaise sie so durchleuchtet hatte. Sie schämte sich, ein Mädchen zu sein und dass Blaise das wusste. Es war ein völlig absurdes Gefühl, Hermine verstand es selber nicht. Aber was musste er von ihr denken? Sie war eine Frau, und stattdessen schnürte sie mit einem Verband das ein, was sie dazu machte, leugnete ihre wahre Existenz. Natürlich tat sie das nicht freiwillig, sondern weil Dumbledore sie darum gebeten hatte, aber dennoch war ihr Mercure Mortém in den letzten Monaten so in Fleisch und Blut übergegangen, dass sie sich mit dem schüchternen Franzosen selbst identifizieren konnte, keine Probleme mehr hatte, in diese Rolle zu schlüpfen.
Und sie mochte Blaise wirklich gern, ja, sie fand ihn sogar attraktiv, wenn sie einmal ehrlich zu sich selbst war. Und er hatte gesagt, dass er sie mochte. Das konnte man jetzt natürlich auch so verstehen, dass er sie als Frau nicht übel fand und sie nicht einfach nur als guten Freund betrachtete. Aber dennoch, sie hatte ein sehr blödes Gefühl mit ihm und das lag vielleicht auch daran, dass er ihr intimstes Geheimnis, das sie hier hatte, einfach so nach wenigen Tagen gelüftet hatte. Und irgendwie machte das Hermine wütend.
Ich weiß jetzt, was er weiß, dachte Hermine, während sie dem Schnarchen der anderen Jungs lauschte und ins Leere starrte. Aber das Thema, dass sie ein Mädchen war und blieb, sollte nie wieder auf den Tisch kommen. Erstens hatten hier die Wände Ohren. Zweitens wollte Hermine es nicht zulassen, dass jemand ihre Fassade ins Bröckeln brachte, so mühselig wie sie alles aufrechterhielt.
Und sie würde die Mission alleine durchziehen. Sie wollte sich Malfoys Respekt alleine verdienen, keine Hilfe von Blaise annehmen. Wenn sie wirklich ein Mann gewesen wäre, hätte er wahrscheinlich auch keinen Zweifel an ihren Fähigkeiten gehabt. Sie würde sich vor Malfoy und Blaise bewähren, dann war das leidige Thema ihrer Kompetenz auch endlich vom Tisch. Und na wenn schon, dann war sie eben schwächlich und konnte niemanden mit Fäusten überwältigen. Aber in Strategie und Zaubern machte ihr keiner dieser Deppen etwas vor.
Lautlos stieg Hermine aus ihrem Bett, kleidete sich an und stopfte sich alles in ihre Taschen, was sie für ihre Mission brauchen würde. In dem Rucksack, der früher einmal ihre Handtasche gewesen war, fand sie noch Schlaftrank. In einem hatte Blaise ja Recht. Sie konnte hinterrücks keinen verhexen und angreifen, und wenn es widerliche Leute wie die Greifer waren. Aber sie wäre nicht Hermine Granger, wenn sie nicht einen alternativen Plan im Hinterkopf hätte.
Hermine krempelte ihren rechten Ärmel hoch und berührte mit ihrem Zauberstab den Otter, der in seiner Bewegung innehielt und ihre Worte förmlich aufsog. „An den Golden Retriever: Vier Schokoeclairs aus der Küche mitbringen zu Missionsbeginn." Sie waren zu dritt, so konnte sie die anderen Greifer außer Gefecht setzen, wenn es sein musste und etwas schief laufen sollte. Um den echten Dustin Ford würde sich Miles kümmern.
Den ganzen Tag drückte sich Hermine davor, Blaise zu begegnen. Es wäre ihr so unglaublich peinlich und unangenehm, ihm jetzt ins Gesicht blicken zu müssen. Lieber würde sie von einer gelungenen Mission heimkommen, selbstbewusst und siegessicher, als Beweis, dass sie kein Versager und kein richtiges Mädchen war, das außer geziert Lächeln nichts konnte – wie Blaise anscheinend befürchtete.
Abends um halb sieben würde ihre Schicht in Manchester beginnen. Zeit zum Abendessen hatte sie daher nicht. Hermine war zwar wie jeden Abend halb am Verhungern, aber Pansy dachte hoffentlich daran, ihr etwas aus der Küche mitzubringen, wenn sie Pansy den Schlaftrank für die Eclairs bringen würde. Den ganzen Tag hatte ihr rechter Unterarm unangenehm gebrannt. Ohne darauf zu schauen wusste sie, dass es immer Blaise gewesen war, der sich nach ihr erkundigen und seine Hilfe anbieten wollte. Aber Hermine konnte auch stur sein, wenn sie wollte. Nicht, dass nicht sie immer Ron predigte, offener und weniger stur zu sein.
Nervös machte sie sich auf den Weg in die Kerker, wo die Greifer hausten. Miles erwartete sie schon am Eingang. „Ich hab ihn schon. Hier rein!", murmelte er hektisch und zog sie in eine Besenkammer. Dort lag der Greifer bewusstlos, mit Schokoladenflecken im Gesicht. „Obliviate!", flüsterte Hermine und hoffte, dass er sich an nichts mehr erinnern würde. „Geh jetzt, Miles, gleich wird's eng hier – und sag ihnen, dass alles funktioniert hat, wenn ich herauskomme.", sagte Hermine. Sie wollte auf gar keinen Fall, dass er während ihrer Verwandlung anwesend war.
Miles verließ die Kammer und Hermine schluckte den Vielsafttrank. Anschließend stahl sie Dustin Fords Hemd, Hose und Robe und wagte sich dann heraus. Miles stand noch unbeteiligt herum und sie nickte ihm zu. „Viel Glück!", sagte er leise und verschwand dann. Hermine ging weiter, so wie Pansy ihr den Weg beschrieben hatte.
Es gab noch ein paar andere Todesser, die mit Hermine zusammen Schicht hatten. Hermine suchte sie und heftete sich an sie, weil sie keine Ahnung hatte, wie die Todesser an den Ort ihrer Wache kamen. „He, Ford, wird das heute noch was?!", raunzte einer ihrer „Kollegen" sie an und Hermine bemerkte, dass der Todesser einen alten Turnschuh in den Händen hielt. Sie und zwei andere beeilten sich, den Schuh zu berühren und dann fühlte Hermine das vertraute Ziehen hinter ihrem Nabel.
