Das war also Manchester. Eine verlassene Straße, in der nicht jede Straßenlaterne funktionierte, heruntergekommene Häuser. Hermine folgte den Todessern, ihr Anführer erklärte ihnen ihre Position. „Ford, du gehst links herum und postierst dich in der Gartenlaube und behältst das Wohnzimmer im Blick. Nott, du bleibst auf der Straßenseite. Gegen 22 Uhr starten wir den Zugriff, wenn die Verstärkung eingetroffen ist, verstanden?"
Hermine verharrte und blickte gelegentlich auf ihre Uhr. Sie hatte also noch zwei Stunden Zeit, um die Familie zu warnen. Sie huschte in den Schatten der Sträucher und Bäume zu ihrem Versteck in der Gartenlaube der Familie. Von hier aus sah das Haus nicht mehr so unscheinbar aus wie von der Straße, sondern jetzt, wo die Verschleierungszauber abfielen, wie eine kleine Villa.
Hermines Eingeweide verknoteten sich und sie spürte, dass sie eigentlich mal musste vor Anspannung. Auf einmal traf es sie wie ein Blitz. Es nutzte zwar der Familie etwas, wenn sie sie rettete, aber Draco Malfoy nutzte es recht wenig. Wenn nicht die Watsons, dann halt in zwei Wochen eine andere Zauberfamilie. Daran hatte keiner aus der DAA bislang gedacht.
Hermine kontrollierte ihren Atem und versuchte, ihre Nervosität unter Kontrolle zu halten. „Denk nach, Hermine, denk nach…", flüsterte sie leise. Sie sah durch das Wohnzimmerfenster eine glückliche Familie. Eltern, die mit ihren Kindern ein Puzzle auf dem Boden zusammensetzen und lachten.
Vor ihrem inneren Auge sah sie Draco Malfoy, der an einem Dunklen Mal scheiterte und leichenblass war bei der Aussicht auf einen Vierfachmord.
Sie zog aus ihrer Tasche ein Stück Pergament. „Memo procreo!", flüsterte Hermine und ein kleiner Papierflieger faltete sich aus dem Pergament. Sie diktierte dem Memo: „Benehmt euch normal, ihr werdet beobachtet. Verbrennt das Memo, wenn ihr das gelesen habt. Ihr seid in Gefahr. Die Todesser werden euch angreifen. Wenn ihr flüchtet, werden sie euch verfolgen…." Anschließend heftete sie an das Memo noch ein Päckchen mit einem Pulver, das sie immer in ihrer mobilen Apotheke in dem erweiterten Rucksack dabei hatte. Dann sprach sie eine Beschwörung und für den Hauch einer Sekunde legte sich ein metallisches Glitzern über das Haus der Watsons.
Hermine war klar, dass ihr Plan, Malfoy und die Watsons zu retten, riskant war. Aber er musste einfach funktionieren.
Sie verwandelte sich wieder zurück. Das war nicht schlimm, solange sie im Dunkeln geschützt da saß. Und der Vielsafttrank reichte nicht für die Wartezeit und die Zeit für den Angriff und danach. Sofort brannte ihr Arm, als das Tattoo wieder erschien. Blaise bombardierte sie mit Nachrichten. Ihr ganzer Arm war vollgeschrieben mit besorgten Nachrichten. Als sie verblasst waren, tippte Hermine ihr Otter-Mal entschlossen an, Blaise abermals ignorierend. Sein hübsches Gesicht mit besorgter Miene tauchte kurz vor Hermines Augen auf, dann besann sie sich wieder auf das Wesentliche. „An das Frettchen: Ich gebe das Kommando zum Start. Slugulus Eructo vs. Avada Kedavra, grüner Lichtblitz. MM" Malfoy würde es schon verstehen.
Hermine beobachtete die Watsons durch das Fenster. Sie spielten weiterhin mit den Kindern, doch die Eltern waren deutlich beunruhigt. Kleine Gestern verrieten sie. Hermine betete, dass es den anderen Greifern nicht auffiel. Sie wollten flüchten und disapparieren, aber Hermine kannte auch Zauber, die an bestimmten Stellen ein temporäres Apparationsverbot legten. Die Opfer in dem Haus mussten sich wohl oder über ihrem Schicksal fügen – oder offen auf die Straße direkt ins Verderben stürzen und Hermine hoffte, dass sie das nicht tun würden.
Alraunenpulver brauchte etwa fünf Minuten nach dem Schlucken, bis es seine betäubende Wirkung entfalten konnte. Das Opfer eines solchen Giftanschlags würde in einen betäubenden Tiefschlaf fallen, wo praktisch alle Körperfunktionen außer Kraft gesetzt wurden. Etwa 30 Minuten später würde sich das System so verlangsamen, dass man die Atmung komplett einstellte.
Hilfreich, wenn man einen Schwerverletzten zur Heilung für kurze Zeit betäuben musste. Schlecht, wenn man demjenigen nicht das Gegenmittel innerhalb einer halben Stunde einflößte.
Hermine sah auf ihre Uhr. Fünf vor zehn. Sie nahm den letzten Schluck Vielsafttrank, würgte und spürte, wie sie wieder in ihre Kleidung hineinwuchs. Kaum war sie fertig mit ihrer Verwandlung, hörte Hermine ein Rauschen, Knacken und Rascheln, das die rasche Ankunft mehrerer Todesser verkündete.
Die Watsons spielten immer noch am Boden des Wohnzimmers, auch wenn sie nicht bei der Sache waren. Hermine betete, dass alles nach ihrem Plan klappte.
Sie huschte zur Straße, wo bereits eine Ansammlung Maskierter stand. Eine letzte Gestalt erschien, und das war Bellatrix und sie pickte einen aus der Menge heraus, der sich als Draco Malfoy entpuppte; er hatte seine Maske abgenommen. Er sah gar nicht gut aus. Er sah so aus, als würde er sich gleich übergeben.
Bellatrix lachte höhnisch. „Mein lieber Neffe, nun zeige uns, was in dir wirklich steckt." Malfoys Gesichtsausdruck verhärtete sich und er hob seinen Zauberstab. „Das werde ich, Tante. Angriff!", befahl er und maskierte sich und Hermine stürzte vor, auf ihn zu. Einen Moment lang weiteten sich Dracos Augen; dann erkannte er Mercure Mortém in demselben Moment, wie sich auch alle anderen in Bewegung setzten. Malfoy wartete auf Hermine, gemeinsam stürmten sie in das Haus.
Sie hörten bereits Bellatrix „Expelliarmus! Stupor!" kreischen und ein paar gemeinere Flüche, die die Gegner außer Gefecht setzten. „Draaaaco!", säuselte sie und als Hermine und Malfoy ins Wohnzimmer traten, sahen sie eine außer Gefecht gesetzte Familie. Die Kinder waren bereits bewusstlos, die Eltern gefesselt und hatten das blanke Entsetzen in den Augen.
Sie waren dicht umringt von Todessern. Jeder wollte der nächste sein, wenn der junge Malfoy seinen ersten Mord beging. Hermine drängte sich dicht hinter ihn. „Zeit lassen!", raunte Hermine. Die Eltern waren noch nicht so weit. Hermine sah Pulver am Boden, ein aufgerissenes Päckchen. Sie hatten das Pulver offenbar genommen, aber es wirkte noch nicht.
Malfoy bewegte sich unruhig neben ihr. „Alle vier. Ich will alle vier.", sagte er fordernd. Bellatrix lachte schrill. „Wirst du jetzt übermütig? Bring erst mal einen zustande, Neffe." Sie traute ihm das nicht zu. Hermine sah, wie Clark Watson, der Vater, müde wurde und sich kaum noch auf den Beinen halten konnte. Sie stieß Malfoy in den Rücken und packte seinen Arm, in ihrer Hand ihren Zauberstab. „Avada Kedavra!", stieß Malfoy hervor. „Slugulus Eructo!", dachte Hermine angestrengt und während aus Malfoys Zauberstab nur ein grünlicher Schimmer hervortrat, schoss aus ihrem knapp darunter liegenden ein grüner Lichtblitz, der den Mann in die Brust traf. Er sank zusammen, würgte, würgte - und wurde ohnmächtig.
Gerade noch rechtzeitig.
Malfoy drehte sich siegessicher zu seiner Tante um. Ein boshaftes Lächeln umspielte sein Gesicht; Bellatrix hatte einen erstaunten, aber stolzen Ausdruck. „Nur weiter, Draco.", flüsterte sie überwältigt. „Avada Kedavra!", murmelte Draco – so leise, dass man seine mangelnde Inbrunst und Freude nicht heraushören konnte. Hermine schoss ihren Schneckenwürgzauber erneut ab. Er traf eines der ohnehin ohnmächtigen Kinder, das nach hinten geschleudert wurde und liegen blieb.
Das zweite Kind.
Die ohnmächtig werdende Mutter.
Draco ließ seinen Zauberstab sinken. Hermine zog sich zurück.
Bellatrix nickte wohlwollend. „Willkommen im Kreise der richtigen Todesser, Draco." Zu allen anderen sagte sie: „Das Haus gehört euch, und vergesst das Mal nicht." Die Todesser – oder die Greifer und Läufer unter ihnen – schwärmten aus, um das Haus zu plündern. Hermine lief mit ihnen mit und tat so, als würde auch sie Dinge unter ihrer Robe verstecken.
So langsam wurde die Zeit knapp. Sie musste die Familie wiederbeleben. Und sie verwandelte sich bald zurück. Qualvoll zogen sich die Minuten dahin.
„Los, wir gehen! Die Auroren und der Orden sind sicher schon unterwegs!", sagte einer der Todesser zu Hermines Erleichterung und alle folgten ihm rasch. Hermine zog ein Fläschchen aus ihrem Rucksack, den sie unter ihren weiten Roben trug und träufelte jedem das Gegengift in den Mund. Keine Minute später folgte sie den anderen, die noch beschäftigt waren, das Dunkle Mal aufsteigen zu lassen und das Haus anzuzünden.
Hermine klammerte sich mit weichen Händen und zitternden Knien an den Portschlüssel und wurde zurück ins Malfoy Manor befördert.
Sie wand sich durch die Menge, um in der allgemeinen Aufregung noch dem Trubel entfliehen zu können. Sie rannte zu dem Besenschrank, der mittlerweile leer war und wartete im Dunkeln, bis sie sich zurück verwandelte, zog ihre Kleidung an, maskierte sich und hastete zu den Räumlichkeiten der Anwärter.
Als Hermine in ihr Zimmer stürzte, fühlte sie sich zum ersten Mal wieder sicher und vor allem siegessicher. Alle Mitglieder der DAA – außer Malfoy – waren anwesend und starrten sie an. Blaise trat hervor, mit einem undefinierbaren Gesichtsausdruck. „Was hast du getan, Mortém?", fragte er stellvertretend für alle.
Hermine erinnerte sich jetzt erst daran, dass es für alle so aussehen musste, als wäre ihre Mission völlig gescheitert, angesichts des Jubels, der ein paar Stockwerke weiter unten herrschte. Und sie kam mit einem fetten Grinsen hereingeschneit. Ihr Siegesgefühl flaute rasch ab und machte einem sehr unguten Gefühl im Magen Platz. Blaise packte sie an den Schultern und sie sah, dass er sich zusammenreißen musste, sie nicht zu schütteln.
„Ich… ich hab Malfoy und die Halbblutfamilie gerettet. Sie müssten mittlerweile wohlauf und auf der Flucht sein." Sie erzählte von ihrer spontanen Eingebung, wie sie Malfoy vor einem erneuten Initiationsmord bewahren konnte.
Theodor klopfte ihr auf die Schulter. „Alter, das war genial!" Pansy und Millicent umarmten sie. Doch Hermine hatte nur Augen für Blaise. Sie schämte sich dafür, ihn den ganzen Tag ignoriert zu haben, es war kindisch gewesen. Er wollte nur helfen. Zabini hatte sein Gesicht in den Händen vergraben und seufzte erleichtert auf.
Er nahm die Hände vom Gesicht und sagte: „Raus jetzt. Alle raus. Wir besprechen das morgen, wenn jeder eine Nacht darüber geschlafen hat." Maulend zogen alle Leine. Kaum war der letzte weg, zerrte Blaise sie aus ihrem Raum. So laut, dass Alex und Theodor es hören konnten, sagte er zu Hermine: „Wir haben noch ein Wörtchen miteinander zu reden."
