Er knallte die Tür zu und schleifte Hermine, deren Widerstand er einfach ignorierte, hinunter zu dem Kerkerraum, in dem sie immer trainierten.
Dort stellte er sie auf die Füße, am Kragen gepackt. Voller Wut schubste er Hermine gegen den kalten Stein. „Was hast du dir dabei gedacht, Mortém, verdammt noch mal?", schrie Blaise sie an. „Weißt du, wie riskant dein Ding war, das du hier durchgezogen hast? Jeder von uns hängt da drin."
Hermine sah, dass er am liebsten mit seinen Fäusten auf sie eingeprügelt hätte. Wahrscheinlich ließ er es nur deswegen, weil sie ein unwürdiger Gegner war. „Beruhige dich, es ist alles gut gegangen!", fauchte sie zurück, ihre Entschuldigung, ihn ignoriert zu haben, blieb ihr nämlich gerade im Hals stecken.
Blaise warf den Kopf in den Nacken und stützte sich mit seinen Händen auf beiden Seiten neben Hermine an der Wand ab. Er blickte ihr nahe und eindringlich in die Augen. „Du kapierst es nicht, oder?", knurrte er. Obwohl sie ihn genau verstand, schüttelte Hermine den Kopf, nicht minder wütend.
Blaise trat frustriert einen Schritt zurück und schien sich selbst zu beruhigen. „Ok, ich hab verstanden.", zischte er. „Du bist intelligent. Du bist gut. Aber das, bei Merlin, gibt dir nicht das Recht, einfach einen Egotrip durchzuziehen ohne irgendjemand darüber zu informieren! Verdammt!" Und er wandte sich ab und machte eine wütende Boxbewegung.
Hermine beobachtete ihn stumm. „Okay, ich hätte deine Hilfe annehmen sollen. Es war dumm, alles allein zu machen.", sagte sie schließlich leise und in friedfertigem Ton, auch wenn sie sich gerade gar nicht danach fühlte. Eigentlich kochte sie innerlich.
„Es war nicht nur dumm, sondern saudumm!", fuhr Blaise sie an, „Es gibt Leute hier, die kümmern sich um dich, weil du ihnen wichtig bist!"
Er blickte sie an, selbst überrascht über seinen letzten Satz. Hermine blickte auf einmal betreten auf. Sie und Blaise lieferten sich ein Blickduell. Hermine wusste nicht, was sie fühlen sollte. Einem Slytherin ein Gefühlsgeständnis zu entlocken, kam nicht alle Tage vor. Vielleicht waren sie doch zu uneigennütziger Freundschaft fähig.
„Es tut mir leid, ok?", sagte Hermine. „Ich war etwas eingeschnappt wegen… wegen unserem Gespräch…" Blaise verzog sein Gesicht, nickte aber. „Reden wir nicht mehr drüber. Du musst müde sein, komm.", sagte er hart. Sein Ärger schwang immer noch in seiner Stimme mit. Hermine haderte mit sich. Ron und Harry hätte sie jetzt als Hermine Granger umarmt, aber als Mercure Mortém umarmte man keinen Blaise Zabini.
Am nächsten Tag traf sich die DAA nach dem täglichen Trainingsprogramm bei Malfoy im Zimmer. Er wirkte erschöpft und müde, dennoch hatte er ein Lächeln für Mercure übrig, als Hermine das Zimmer betrat. „Ich möchte dir danken für eine erfolgreiche Mission. Es war anders als abgemacht, aber es hat sogar besser funktioniert als der ursprüngliche Plan. Gut gemacht, Mortém!"
Seine grauen Augen blickten Hermine ausnahmsweise nicht unfreundlich an, sondern neutral mit einer gewissen Anerkennung. Aus dem Augenwinkel heraus sah Hermine nur, wie Blaise den Kopf schüttelte. Sie hörte, wie er leise und ungläubig schnaubte.
Malfoy erzählte: „Bellatrix könnte nicht glücklicher sein, dass ich endlich ein vollwertiges Mitglied bin. Das eröffnet unserer Runde auch neue Möglichkeiten." Miles ließ einen lauten Pfiff hören. Hermine grinste. „Jedenfalls", fuhr Malfoy fort, „gab es gestern mir zu Ehren noch eine richtige kleine Feier, auch der Dunkle Lord war anwesend. Es schaut so aus, als wäre meine Familie wieder in seiner Gunst, zumindest hat Vater wieder einen Zauberstab bekommen. Ich werde jetzt vermutlich öfter zu Attacken eingeteilt, als Anführer einer kleinen Gruppe. Vornehmlich Muggel sollen die Ziele sein. Mit dem Haufen Vollidioten komme ich selber zurecht." Malfoy grinste. „Die mit einem Verwechslungs- oder Vergessenszauber zu belegen ist einfach. Wichtiger ist, dass wir die größeren Missionen zu verhindern versuchen."
Alle Anwesenden nickten zustimmend. „Tori, Daph, Pans, Milli – irgendwelche Neuigkeiten?", fragte Blaise.
Astoria antwortete: „Ich glaube, sie wollen irgendwas in London, Godric's Hollow. Anscheinend erwartet der Dunkle Lord, dass Potter dort in Kürze auftaucht. Sie haben Wachen dorthin entsendet."
Hermine zuckte unwillkürlich bei der Erwähnung Harrys zusammen. Natürlich würde er irgendwann nach Godric's Hollow gehen. Sie lief rot an, als sie bemerkte, dass das Blaise nicht verborgen geblieben war und er sie mit einem wissenden Gesichtsausdruck musterte. Sie sah schnell weg. Er fand wirklich mehr heraus, als für ihn gut war.
Bald löste Malfoy das Treffen auf. Als Hermine hinausgehen wollte, rief er sie allerdings zurück. „He, Mortém, du kannst noch mal schnell da bleiben!"
Blaise' Augenbrauen schossen in den Himmel. Ihm war das gar nicht recht, dass Hermine bei Malfoy blieb. Hermine zuckte nur mit den Schultern und ging zu Malfoys Bücherregal und lehnte sich abwartend dagegen. Was konnte Malfoy schon groß wollen?
„Ich weiß, dass Blaise da eine andere Meinung vertritt. Aber deine Aktion gestern war brillant.", begann Malfoy und stützte sich mit den Händen auf einen alten Sekretär. Von unten heraus schaute er Hermine an und sie bemerkte wieder seine grauen Augen, die perfekt zu den blonden Haaren passten… Blut stieg ihr in die Wangen. Malfoy und perfekt in einem Satz, da lief gerade in ihren Gedanken etwas sehr verkehrt.
„Ähmm… sicher, Malfoy. Ich hab mein Möglichstes getan und ich bin froh, dass alles so gut funktioniert hat. Jemand von außen hat mir mittlerweile eine Nachricht zukommen lassen, dass die Familie – von ein paar Stunden lang Schnecken kotzen abgesehen – wohlauf ist.", beeilte sich Hermine zu sagen und hoffte, dass sie damit nicht zu viel verriet.
Malfoy lachte. Er lachte? Malfoy lachte? Hermine blickte ihn verwirrt an. Ihr war neu, dass Malfoy auch andere Gefühlsregungen haben konnte als den arroganten, gleichgültigen Gesichtsausdruck, der mehr oder minder sein Markenzeichen war. Er sah menschlich aus, wenn er lachte. Irgendwie süß.
Hermine schüttelte die Gedanken ab. „Was ist so lustig?", wollte sie wissen. Malfoy grinste. „Naja, dass du den Avada mit dem Slugulus ausgetauscht hast – ich meine, wie kommt man denn darauf? Vom Bild her – der grüne Blitz – es hat ja perfekt gepasst…"
Hermine war fasziniert von ihrem Gegenüber. So frei hatte sie Malfoy noch nie gesehen. Hermine lächelte, bis ihr einfiel, dass sie wahrscheinlich viel zu feminin aussah. Außerdem bemerkte sie, dass Malfoy sie mit einem sonderbaren Gesichtsausdruck musterte.
„Ähmm, ja.", machte Hermine unintelligent. Eigentlich war es irgendwann während der dritten Klasse einmal sogar Malfoy gewesen, der ihr diesen Spruch beigebracht hatte. „Mir ist das einfach so eingefallen. Ich hab aber schon mit Blaise ausgemacht, dass in Zukunft immer alles besprochen wird." „Schon gut, Mortém.", winkte Malfoy ab, wandte seinen Blick aus dem Fenster und wischte sich eine Strähne aus dem Gesicht. „Zabini muss immer alles exakt durchplanen. Nicht so schlimm, Schwamm drüber." Er blickte Hermine wieder an und lächelte. Ihr Gesicht erwärmte sich. Hermine nickte beiläufig. Sie musste raus hier, und zwar schnell. „Okay. Wir sehen uns dann.", sagte sie und ließ einen verdutzten Malfoy stehen.
Sie kam gerade gar nicht damit klar, dass er so freundlich war. Sie hatte ihm aus der Patsche geholfen, aber…
Hermine schloss den Türflügel hinter sich und sah, dass Blaise an der Wand lehnte. „Hast du… gewartet?" Eigentlich wollte Hermine „gelauscht" fragen, aber das war so unhöflich wie die Antwort offensichtlich war. Blaise zog seine Brauen nach oben. „Offensichtlich, ja."
Nebeneinander gingen sie hinunter in den Kerker, um zu üben.
Hermine wich seinem Schlag aus und trat Blaise gegen sein Schienbein. Blaise bekam ihr Bein zu fassen und verdrehte es schmerzhaft. Hermine japste und fiel hin. Blaise ließ sie los und bot ihr seine Hand zum Aufstehen an. „Malfoy kann verdammt nett sein, nicht?", fragte er plötzlich aus dem Nichts heraus. Hermine ignorierte seine helfende Hand. „Was?", fragte sie nach. „Er ist charmant.", fügte Blaise hinzu. Hermine schnaubte und zuckte mit den Schultern. „Ist er das?", fragte sie provokant und wusste im Stillen nicht, ob sie zustimmen oder widersprechen sollte. Sein Lachen war es jedenfalls. Sie stand von selbst auf und griff Blaise erneut an.
Blaise wehrte ihren Angriff ab. „Keine Frau widersteht ihm lange." Hermine trat erbost nach ihm. „Was implizierst du da, Blaise?" Blaise trat nach ihr und Hermine sank stöhnend in die Knie. Sie war immer noch zu langsam und Blaise lenkte sie ab.
„Nichts, nur dass du ziemlich rot warst, als du aus seinem Zimmer gekommen bist. Was das wohl für Gründe hatte?", zog er sie auf. „Blaise.", sagte Hermine warnend. Sie ließ ihre Fäuste ärgerlich auf ihn einprasseln. Wut verlieh Kraft. „Was?", fragte er zurück, als wenn es ihm keinerlei Mühe bereiten würde, Hermines Schläge abzuwehren. „Malfoy. Hat. Keinen. Grund. Zu. Einem. Anderen. Mann. Nett. Zu. Sein.", stieß Hermine hervor zwischen den Schlägen. Erschöpft ließ sie ihre Fäuste sinken und wehrte Blaise' Schläge ab.
Er packte sie und warf sie unsanft zu Boden. Hermines Lungen entwich jede Luft. Blaise setzte sich auf sie und hielt mit einer Hand ihre beiden Arme fest. „Verloren.", sagte er siegessicher zu ihr. „Und Malfoy hat dich beeindruckt." Er lachte, als er Hermines wütenden Blick sah. Sie war nicht beeindruckt von Malfoy, sie kannte das kleine Arschloch seit sieben Jahren und heute war ein Tag von rund 2.500 Tagen, der erste Tag, an dem er sich ausnahmsweise zivilisiert benommen hatte.
Blaise ließ sie aufstehen und Hermine streckte ihre schmerzenden Glieder. „Ich brauch' meine Murtlap-Essenz.", stöhnte Hermine geschlagen. Sie zuckte zusammen. Ihre Stimme! Sie war so hoch!
Mit weit aufgerissenen Augen wandte sie sich zu Blaise um, der seinen Zauberstab auf sie gerichtet hatte. „Was… tust du?", fragte Hermine.
Blaise zuckte nonchalant seine Schultern. „Ich schätze, ich wollte einfach mal deine natürliche Stimme hören, Mercure." Er hatte auch noch den Nerv zu grinsen. „Das ist nicht witzig!", zischte Hermine wütend. Blaise' Grinsen verkündete anderes. Hermine schaute herüber zu Tür, wo sie ihren Zauberstab abgelegt hatte. „Suchst du den?", ärgerte Blaise sie und zeigte ihr ihren Zauberstab. Was für ein Arsch.
Hermine war verzweifelt. Sie hatte jetzt nicht die Kraft, ihren Zauberstab zurückzuerobern. Sie war müde konnte eigentlich nicht mehr. Blaise zuckte mit seinen Augenbrauen und grinste weiterhin. Hermine stürzte sich auf ihn. Blaise hatte nur eine Hand frei, die andere brauchte er, um die Zauberstäbe zu halten. Hermine umfasste ihn in einem Klammergriff und zog ihn nach unten, um sein Gesicht besser mit den Knien zu erreichen. Mies, aber meist wirkungsvoll, wenn Knie und fremde Nase kollidierten.
Blaise ließ die Zauberstäbe fallen und packte Hermines Knie und zog es nach oben und platzierte es an seiner Hüfte. Auch das zweite Bein zog er nach oben, sodass Hermine wirklich nichts anderes übrig blieb, als ihren Klammergriff zu verstärken, um nicht auf dem Boden zu landen.
Verdammt, was sollte das? Hermine merkte, dass er sie gegen die kalte Wand drückte. Sie ließ seinen Hals los. „Ich weiß, wer du bist, Mercure – aber ich werde es hier niemals aussprechen, wo die Wände Ohren haben.", sagte Blaise, nun ernst. „Ich mag dich, wirklich.", fuhr er fort und berührte kurz mit seiner Hand Hermines Wange. Sie war verwirrt. Blaise? Was… er wollte… aber… warum? Hermine verstand es nicht.
„Ich weiß, wer du bist, und dass du ziemlich tough bist. Gestern hab ich mir so verdammt viele Sorgen gemacht, Mercure, dass mir klar geworden ist, dass ich nicht nur von dir beeindruckt bin… sondern dass da mehr ist. Egal, wie du jetzt im Moment aussiehst oder wen du spielst, ich sehe nur die Person vom Weihnachtsball damals vor mir…", sagte Blaise leise.
Hermine fühlte sich, als wenn jemand einen Kübel kalten Wassers über sie geschüttet hätte, dicht gefolgt von einem mit heißem Wasser.
