Am Ende des Trainingstages ließ Bellatrix alle wie üblich zusammentrommeln. „Heute habt ihr wieder einmal kaum Fortschritte erzielt, ihr unnützen Fresser. Stehlt Essen, Zeit… ihr werdet bald besser werden, sonst werdet ihr merken, was wir hier mit solchen wie euch wirklich machen.", demütigte Bellatrix die Anfänger. „Du!", sie zeigte mit einem ihrer knochigen Finger auf einen bulligen Typen in der ersten Reihe. „Balthasar Black, nicht wahr?" Er nickte. Bellatrix krümmte ihren Zeigefinger und holte ihn her. „Mortém!", sagte sie hämisch und Hermine stieg zu Balthasar Black auf die Bühne. Steif verneigte sie sich vor ihm. Er nickte nur kurz und sah sie verächtlich an.

Hermine machte sich frei von allen Gedanken. Balthasar umkreiste sie und wartete darauf, dass sie sich regte. Hermines Hand mit dem Zauberstab zuckte und schon schoss Black einen Fluch ab. ‚Protego' dachte Hermine und baute einen Schutzschild ab, hinter dem sie blitzschnell den Animi defectus- Fluch nachschoss. Gelähmt sank Black zu Boden.

Es war nicht schwer gewesen, ihn zu besiegen, er war zu übereifrig und vorschnell gewesen, hatte ihre Finte nicht durchschaut. Bellatrix warf ihr einen garstigen Blick zu. Die Carrows schafften Black weg und Bellatrix entließ die Neulinge mit einer ungeduldigen Handbewegung.

Blaise, Miles, Theodor und Malfoy kamen auf Hermine zu. „Sauber, Mortém!", nickte Blaise ihr zu. Malfoy trat dichter heran und zeigte mit seinem Zeigefinger auf Hermine, dann Blaise. Eine entnervende Geste, nachdem Lestrange sie immer anwandte. „Ihr zwei – ich muss euch sprechen. Dringend." Malfoy warf ihnen mit hochgezogenen Augenbrauen einen gewichtigen Blick zu und legte mit leicht wehender Robe einen Abgang hin. „Pahh, Schnösel. Was für ein Angeber.", murmelte Miles, jedoch so laut, dass es Hermine und die anderen sehr wohl mitbekamen. „Er kann manchmal etwas… dramatisch sein.", entschuldigte Blaise seinen Freund. Hermine entfuhr ein unmädchenhaftes Schnauben. „Ähem.", räusperte sich Theodor, grinsend. Miles feixte. Blaise blähte seine Nasenflügel auf. Ihm missfiel es, dass sich alle über Malfoy amüsierten. „Alter…!", sagte Theodor, der eine Strafpredigt kommen sah. „Entspann' dich. Wir alle kennen Malfoy und wissen, was er leistet."

Hermine wusste, dass Blaise Draco oft genug kritisierte, aber ihn in der Öffentlichkeit vehement verteidigte und sehr loyal war. „Los, Blaise, gehen wir noch schnell Abendessen!", sagte sie rasch, bevor er noch zu argumentieren anfangen konnte. Die Führeranwärter wurden wesentlich besser verköstigt als während ihrer Grundausbildung. Heute gab es Steak mit Bratkartoffeln. Herrlich. Hermine schlug kräftig zu, jetzt wo ihr Magen sich nicht mehr aus Angst vor einem Duell zusammenzog und ihr Übelkeit verursachte.

Blaise und sie gingen anschließend in Dracos Zimmer. Er wartete schon auf sie. „Setzt euch!", meinte er freundlich und bot ihnen Sessel um die Feuerstelle an und stellte ein paar Gläser und eine Whiskyflasche auf das Beistelltischchen. Hermines Augen verengten sich. Sie hasste dieses widerwärtige Getränk. Was daran so edel sein sollte – und wenn Odgen ihn ein Jahrhundert lang gelagert hatte – erschloss sich ihr in keinster Weise. Malfoy bekam von ihren Gedanken wenig mit; munter schenkte er aus uns übergab ihr ein Glas. „So, nun – warum seid ihr hier?", begann Malfoy. „Vöglein haben gezwitschert, dass der Orden das Desaster mit den Werwölfen wesentlich besser überstanden hat als wir – Bellatrix dreht völlig am Rad, sie vermutet Verrat. Unsere Seite hatte böse Verluste, die müssen kompensiert werden. Blaise, für dich bedeutet das eine baldige Initiation."

Blaise nahm es regungslos hin, aber Hermine sah, wie sein linkes Auge nervös zuckte. „Ich habe fast damit gerechnet.", sagte er endlich. „Draco, was steht an?"

Malfoy hob die Hände. „Ich würde vermuten, dass sie mit dir was Ähnliches vor haben wie mit mir. Nachdem meine Initiation schon so ein Erfolg war.", mutmaßte er. „Was können wir tun?", fragte Hermine ratlos. „Im Moment nur Augen und Ohren offen halten.", gab Malfoy zu. Blaise wandte sich zu Hermine. Seine Hände bewegten sich unruhig in seinem Schoß und seine Stimme war nicht mehr ganz so fest wie sonst immer. „Ich weiß nicht, wie ich sagen soll, Mercure… ich… was du für Draco getan hast, war unglaublich, und ich wünschte… aber das kann ich nicht von dir verlangen…", seine Stimme brach ab.

Er tat Hermine schrecklich leid. Jemanden ermorden zu müssen, war unvorstellbar. „Blaise, ich werde alles tun, dass du es nicht tun musst. Aber… bei Malfoy hier war alles Zufall, hat einfach zusammengepasst und ich weiß nicht, ob uns noch einmal so eine Aktion gelingen kann.", erklärte sie. Ihr fiel während dem Sprechen auf, dass sich Malfoys Lippen zu einem schmalen Strich verzogen, als sie ihn beim Nachnamen nannte.

Um sich darüber keine Gedanken machen zu müssen, nahm Hermine lieber einen Schluck Whisky und kämpfte gegen den Hustenreiz an. Malfoy meinte: „Ich befürchte, wir können einstweilen nur sehr wenig planen- sicherlich läuft es wieder auf irgendwas Spontanes hinaus wie bei meiner Aufnahmezeremonie. Aber wir können Sprüche suchen, Dinge herausfinden, die uns nützlich sein könnten. Ungesagte Zauber, die den Gegner ausschalten, jedoch ohne zu töten oder zu quälen." „Draco, das ist etwas zu idealistisch, findest du nicht?", warf Blaise ein. „Wie viele von diesen Zaubersprüchen kennen wir und wie viel hat es uns schon genutzt!" „Mir eine Menge!", mischte sich Hermine ein. „Aber wie sollen wir auf die Schnelle was herausfinden? Wir reden hier von Tagen, nicht von Wochen.", sagte Blaise niedergeschlagen.

„Reiß dich zusammen, Zabini!", fauchte Malfoy wütend. „Fang jetzt hier nicht zu weinen an wie ein kleines Mädchen. Du wusstest, welch Schicksal dich hier erwartet und du hattest Monate, dich vorzubereiten, egal auf welche Weise." „Oh, hast du mal dich selber im Spiegel angeschaut, Malfoy, als Lestrange dich gerufen hat und du eine ganze Familie umbringen solltest? Du kannst dich heute doch nur noch selber im Spiegel anschauen, weil Mortém dich gerettet hat!", sagte Blaise wütend. Beide blickten Richtung Hermine, die versteinert dasaß. „Sie hätte mich umgebracht, wenn ich es nicht getan hätte.", zischte Malfoy. „Ach so, und dass ich beim Versagen nicht umgebracht werde, erleichtert jetzt mein Schicksal so ungemein?", gab Blaise lauter und wütender zurück.

Silencio!", sagte Hermine und zeigte auf die Streithähne. Augenblicklich kehrte Ruhe ein und zwei Augenpaare mit mörderischen Blicken trafen sie. Gut, dass keiner der beiden einen Basilisken als Vorfahre zu haben schien. „Euer Streit trägt nichts zur Lösung des Problems bei. Ich gehe jetzt. Gute Nacht." Damit erhob sich Hermine und ging in ihr und Blaises Zimmer. In ihrem Kopf fügten sich Ideen, Gedanken zusammen, Pläne formten und zerstäubten sich… sie konnte es jetzt nicht ertragen, einem Schuljungenstreit zuzuhören.

Sie würde Blaise retten, koste es, was es wolle. Das war Dumbledores Auftrag: rette die Guten. Hermines Gedanken wurden jäh unterbrochen, als sie ein Glimmen in ihrem Schrank wahrnahm. Jemand kontaktierte sie mithilfe des Zweiwege-Pergaments. Sie eilte und holte es. „Ich muss Sie treffen. Um Mitternacht in dem Ballsaal. SS" Hermines Herz klopfte wie wahnsinnig. Seit Monaten hatte sie kaum etwas von Snape gehört und gesehen, außer von diversen, zufälligen Begegnungen während ihrer Anwärterausbildung. Hermine legte sich schlafen. In ein paar Stunden würde sie sich herausschleichen. Vor Nervosität konnte sie kein Auge zumachen. Als Blaise irgendwann hereinkam, stellte sie sich schlafend. Sie rümpfte die Nase angesichts des Gestanks nach Whisky, den Blaise mit sich hereinzog. Schien so, als vertrage er sich wieder mit Malfoy.

Kurz vor Mitternacht stahl sich Hermine desillusioniert aus dem Zimmer. Sie kannte die Wege und Wachen mittlerweile gut genug, dass sie ohne Begegnung ein paar Stockwerke tiefer bei dem Ballsaal ankam. Eine Gestalt erschien am Ende des Gangs. Hermine hielt die Luft an. Langsam näherte sie sich ihr; ein Humpeln machte sich trotz der langen Roben bemerkbar und Hermine atmete auf. Es war tatsächlich Snape. Sie ließ den Desillusionszauber verschwinden. „Wen haben Sie geliebt?", fragte sie sicherheitshalber. „Lily Potter.", knurrte Snape bitterböse. Er stellte ihr keine Frage. Wahrscheinlich hatte er eh schon mithilfe von Legilimentik festgestellt, dass sie sie war.

„Wie haben Sie es geschafft, den Phönix zu rufen? Das war sehr riskant!", zischelte Snape. Er fiel andauernd mit der Tür ins Haus und Hermine musste sich erst einmal entsinnen. „Er kam, weil ich ihn gebeten habe zu kommen und dann hat er Malfoy von einem Werwolfbiss geheilt. Und wir waren allein!", verteidigte Hermine sich verärgert. Snapes Kopf ruckte nach oben und seine tief hängende Kapuze gab ein vernarbtes Gesicht preis. Hermine sah, dass er fragen wollte, tat es aber nicht. „Wir sind hier, weil ich Informationen vom Orden habe. Wie Sie wissen, sollen Sie aufsteigen, um einen Spion zu enttarnen. Nun, mittlerweile glauben wir zu wissen, wer er sein könnte. Moses Goldstein – der Vater eines Ihres ehemaligen Mitschülers. Sofern möglich, finden Sie etwas über ihn heraus. Wen er informiert. Im Gegenzug müssen wir Sie besser einschleusen. Dumbledore ist über Ihren steilen Weg bereits informiert. Ihr nächster Schritt muss das Dunkle Mal sein.", fuhr Snape in barschem Ton fort. Kein Wort darüber, ob sie noch konnte, wie sie sich fühlte… „Es dauert sehr lang – siehe Malfoy – bis sich jemand das Mal verdient. So schnell geht das nicht!", verteidigte sich Hermine. Snape wischte ihren Einwand mit der Hand weg. „Stellen Sie sich gefälligst nicht so dumm! Wir haben die Initiation für Sie längst organisiert. Darum habe ich Sie auch hierher bestellt.", schnappte er. Hermine fühlte sich dämlich und überfahren – ein sehr ungewohntes Gefühl. Sie wollte etwas erwidern, aber Snape gab ihr nicht die Zeit dazu. „Wir lassen gerade eine Mission in Frankreich laufen, seit ein paar Wochen. Sie werden die Mission absichtlich verraten, haben durch Ihre Familie von dem Orden gehört. Sie werden in Frankreich mitkämpfen und die Operation der Todesser anführen. Als Lohn werden Sie dann aufgenommen werden. Dafür sorge ich zu gegebener Zeit.", erklärte Snape.

Hermine war baff. Wieder einmal hatte man komplett über ihren Kopf hinweg entschieden. Dumbledore hielt es nicht für nötig, sie zu fragen und rechtzeitig einzuweihen. Stattdessen schickte er Snape als Botschafter vor. Sie hing mit ihrem Leben hier drin und war dennoch die Letzte, die etwas erfuhr. Nun verzog Snape das Gesicht. „Potter und Weasley geht es gut. Sie verfolgen zusammen mit Weasleys kleiner Schwester recht erfolgreich den Plan von Potter und Dumbledore – falls Sie mit dieser Information etwas anfangen können. Dumbledore hat mich gebeten, dies auszurichten."

Nun, das waren doch mal wertvolle Informationen. Harry und Ron jagten zusammen mit Ginny nach den Horkruxen und zerstörten sie. „Gut, ich verstehe. Danke.", sagte Hermine lediglich. Innerlich freute es sie, dass nun Snape derjenige war, der nichts verstand. So fühlte sie sich immer dann, wenn Dumbledore über sie entschied und vorerst nichts Sinn ergab.

„Arthur Weasley wird die Mission in Frankreich führen. Er wird sterben. Naginis Gift zerfrisst ihn weiterhin. Das wird seine letzte Tat. Näheres erfahren Sie zu gegebener Zeit. Ich muss gehen.", sagte Snape wie beiläufig und während Hermines Knie schwach wurden und sie sich gegen die Mauer lehnen musste, kehrte Snape ihr den Rücken und verschwand. Arthur musste sterben? Er war wie ihr magischer Ersatzvater… In Hermines Augen formten sich Tränen. Und nun opferte er die letzten Tage für Hermines Mission und wusste vielleicht gar nicht… Hermine schniefte leise.

Das Geräusch hallte leise in dem Gang wieder. Hermine zuckte zusammen. „Lass dich nicht gehen, Mercure Mortém! Sei stark!", knurrte sie leise und wischte sich die Tränen weg. Dann desillusionierte sie sich wieder und ging zurück in ihr Bett.