„Der Dunkle Lord darf nie erfahren, dass du diesen Teil an dir hast, Draco. Wir müssen alles von dieser Energie nehmen.", sagte Hermine entschlossen. Sie wusste nicht, wie sie diese Art der Magie von Draco extrahieren sollten. Es würde kompliziert sein. Recherchearbeit würde nötig sein. Gut, dass sie und das Team der Suchaktion freigestellt waren von den restlichen Verpflichtungen wie zum Beispiel dem Unterricht für die Führeranwärter.
Die Malfoys hatten einen schier unermesslichen Schatz an Wissen, aufbewahrt in hunderttausenden Büchern. Hermine hatte das Gefühl, dass die Bibliothek der Malfoys der in Hogwarts in nichts nachstehen musste – so viele Bücher wie Malfoy die Hauselfen bringen ließ. Sie bedauerte, dass sie keinen Zugang bekam. Eintritt nur für Familienmitglieder, hatte Malfoy behauptet. Nun, schade. Aber wer wusste schon, ob am Eingang nicht als Blutstest auch irgendein verrücktes Portrait hing und sie als „Schlammblut" beschimpfte.
Auch Blaise half bei der Suche nach einem geeigneten Zauber. Er war auch derjenige, der nach stundenlangem Suchen fündig wurde. „Mercure, Draco – ich glaube, ich habe hier eine Lösung!", freute er sich. „Extraho magiam lautet die Beschwörung." Draco und Hermine eilten herbei und lasen selbst das Kapitel zu dem Zauber. Hermine war nicht wohl bei dem Gedanken, denn auch dieses war Dunkle Magie. Sie wollte diese Zauber nicht ausführen, aber sie wusste, dass sie von allen hier die fähigste Hexe war und diesen Spruch am ehesten meistern konnte. Wenn nicht sie, dann schaffte es niemand. Und Malfoy konnte es auch nicht selbst machen.
Sie, Blaise und Draco standen in Malfoys Zimmer. Alle Augen ruhten auf Hermine. „Bist du dir sicher, dass du das kannst?", fragte Blaise zum gefühlt hundertsten Mal. Es tat nichts, um Hermines Nervosität irgendwie zu senken. Malfoy verzichtete ausnahmsweise darauf, sie lächerlich zu machen. „Ich vertraue darauf, dass du das machst. Du hast mir bereits geholfen und wirst es wieder tun.", sagte er selbstsicher. Hermine errötete leicht angesichts seines Zuspruchs. Das wiederum brachte Blaise auf die Palme. „Beginnen wir.", schlug Hermine mit leicht zitternder Stimme vor.
Die Nebenwirkungen des Spruchs konnten fatal sein. Falsch ausgeführt, würde die Narbe aufbrechen als hätte Hermine Malfoy selbst mit dem Sectumsempra aufgeschlitzt. Und weder sie noch Blaise hätten Snapes Vermögen, diese Art von Wunde wieder zu heilen.
Malfoy ging zu seinem Bett und zog unterdessen sein Oberteil aus. Hermine war das unangenehm, aber sie würde jetzt gleich auf Tuchfühlung mit ihm gehen müssen. ‚Also gewöhn' dich besser an den Anblick!', sagte sie sich selbst.
Ein Blick zu Blaise sagte ihr schon alles, was sie sich selbst dachte. Malfoy zog natürlich eine Show ab, er konnte es einfach nicht lassen. Und tief in seinem Innersten war er mit Sicherheit genauso unsicher wie Hermine und Blaise.
Sie näherte sich Malfoy, der regungslos und abwartend auf seinem Bett lag. Blaise stellte sich daneben mit einem Gefäß hin, das einem Denkarium nicht unähnlich war. Hermine setzte sich zu Malfoy auf das Bett und wand sich innerlich. Sie war bewandert mit Heilungsmagie und Malfoy war nur wie jeder andere auch, wie Harry… kein Drama, ihn zu behandeln, oder?
Vorsichtig und mit den Fingerspitzen berührte sie Malfoys Narbe. Sie fühlte sich warm an, aber nicht heiß. Testend drückte Hermine an der Narbe herum. Es war hartes Gewebe, die Haut war noch sehr verspannt. Sie blicke Malfoy an und konnte nicht umhin festzustellen, dass sich ein rötlicher Hauch in sein Gesicht geschlichen hatte. Dass ihm das Prozedere nun doch unangenehm war, offensichtlich, war für Hermine ein Moment für die Ewigkeit. Normalerweise hatte er die Oberhand, nicht aber bei sämtlichen Abschlussprüfungen in Hogwarts; nicht als hüpfendes Frettchen; nicht jetzt in genau diesem Moment. Auch Hermine war über Schadenfreude und Genugtuung nicht erhaben.
Wesentlich sicherer sagte sie: „Ich werde jetzt beginnen, Draco." Sie blickte ihn fest an und sah, dass sich langsam eine Gänsehaut auf seinem Oberkörper formte. „Ich werde mich beeilen.", versprach sie. So kalt war es doch nicht, dass es ihn fror? Oder war er einfach nur nervös? Blaise blickte Malfoy an und hatte einen Gesichtsausdruck aufgesetzt, der beinahe mörderisch war. Sicherlich täuschte sie sich da?
„Extraho magiam.", murmelte Hermine und führte die Zauberstabbewegung über Malfoys Narbe aus. Ein eisblaues Licht brach aus ihrem Zauberstab und manifestierte sich bei seiner Brust. „Extraho magiam, extraho magiam, extraho magiam...", murmelte Hermine immer wieder und wieder und achtete penibel darauf, die Bewegungen nicht zu langsam, nicht zu schnell und nicht zu fahrig zu machen. Irgendwann war der gesamte Narbenbereich wie von einem Netz umsponnen mit dem blauen Licht. Jetzt durfte ihre Konzentration nicht nachlassen.
Sie blickte wieder zu Malfoy, der regungslos an die Decke starrte und einfach nur abwartete. Er machte keinen Ton. Gut so. Hermine suchte den Augenkontakt zu Blaise und nickte ihm zu. „EXTRAHO MAGIAM!", rief sie und zog das Netz, das mit ihrem Zauberstab verbunden war, mit der beschriebenen, ruckartigen Bewegung zu sich. Die Fäden von Licht, die Malfoys Brust zu perforieren schienen, wurden aus seiner Haut gerissen und rollten sich zusammen.
Malfoy stöhnte laut vernehmlich und Wasser floss aus seinen Augen, die er mittlerweile geschlossen hatte.
Hermine hatte einen Ball von Magie, den sie schnell in das Becken gab, das Blaise ihr hinhielt.
„Mal- Draco, alles in Ordnung?", fragte Hermine alarmiert, als er seine Augen nicht öffnete. Sie legte ihre Hand auf seine Brust. Sein Herz schlug noch und die Brust hob und senkte sich langsam. Hermine zog ihre Hand rasch zurück, sie hatte wieder das Gefühl, dass der schiere Hautkontakt mit Malfoy ihr Verbrennungen zweiten Grades zufügte. Sie sprang von seinem Bett auf und drehte Blaise den Rücken zu, bevor er ihren verräterischen Gesichtsausdruck sehen konnte.
„Sieh mal, Blaise…", murmelte Hermine und deutete auf Malfoys Narbe. Sie verblasste von dem leuchtenden Rot zu einem dünnen, rosa Strich, den man in Kürze vielleicht gar nicht mehr richtig sehen würde. Malfoy bewegte sich aber immer noch nicht. Kurzentschlossen holte Hermine aus und gab Malfoy eine schallende Ohrfeige. „Whoa!", entfuhr es Blaise. Malfoys Augen flatterten und er schüttelte desorientiert den Kopf, sah Hermine irritiert an. Sie hatte ihre Hand immer noch halb erhoben. „Hat dir schon mal jemand gesagt, dass du zuschlägst wie ein Mädchen?", murmelte Malfoy, rieb sich aber die Wange. „Hat es funktioniert?", fragte er und begann, sich selbst zu untersuchen. Verblüfft stellte er fest, dass die Narbe kaum mehr sichtbar war. „Ich denke schon, schau her.", meinte Blaise und zeigte Malfoy den blauen Ball aus Magie.
„Ich fühle mich etwas erleichtert.", stellte Malfoy fest. „Dein Körper musste dieser schlechten Magie dauerhaft etwas entgegensetzen – das ist jetzt weg und du wirst wahrscheinlich stärker.", erklärte Hermine. Malfoy machte zustimmende Laute, während er langsam aufstand und sich wieder ankleidete. „Du solltest aber ruhen.", ermahnte Hermine ihn. Er war sichtlich geschwächt, da sollte er keinen komplizierten Ortungszauber durchführen. Und Hermine war auch am Ende ihrer Kräfte. Dieser Spruch hatte auch ihr viel Energie entzogen. „Ja, das hier hat bis morgen auch noch Zeit.", stimmte Blaise Hermine zu.
Malfoy signalisierte schließlich widerwillig sein Einverständnis und Hermine war froh, endlich wieder in ihr Zimmer gehen zu können. Dort ließ sie sich prompt auf ihr Bett fallen. Blaise folgte ihr und setzte sich dazu. Vorsichtig ergriff er Hermines Hand und hielt sie, dann platziert er einen Kuss auf Hermines Wange. „Du hast heute viel geleistet…ich weiß, wie schwer dir das fallen muss.", murmelte er. Hermine entspannte und legte ihren Kopf gegen seine Schulter. Ihre Augen waren geschlossen, doch konnte sie sich nicht auf das konzentrieren, was Blaise sagte.
Sie sah Malfoy vor ihrem inneren Auge. Draco, dachte Hermine. Wie sich dieser Name auf ihrer Zunge seltsam anfühlte, wenn sie ihn aussprach…
Sie hielt ihr Gleichgewicht und öffnete ihre Augen. Blaise war aufgesprungen und blickte sie mit einer Mischung aus Verletzlichkeit, Ärger und Verzweiflung an. Hatte sie es laut ausgesprochen? „Du denkst an Draco?", fragte Blaise ungläubig. „Ich… es tut mir leid, Blaise. Es war nur… mein Kopf ist so voll und heute hat sich alles um ihn gedreht.", sagte Hermine hilflos. Sie fühlte sich entnervt, weil sie entgegen ihrer sonstigen Gewohnheit nicht an den schwierigen Zauber dachte, den sie erfolgreich ausgeübt hatte, sondern an alle anderen, unwichtigen Details. Zum Beispiel Malfoys weiche Haut oder seine schlichte Eleganz, sein Äußeres, das vielleicht nicht im ganz klassischen Sinne attraktiv war, sein gesamter Habitus aber schon.
Blaise wanderte in ihrem Zimmer auf und ab und schimpfte vor sich hin. „Bitte, Blaise, ich wollte nicht…" Am liebsten hätte Hermine gesagt, dass Malfoy einfach nur ihr Zielobjekt ihrer Mission war, die Dumbledore ihr aufgetragen hatte. Aber erstens konnte sie das nicht sagen, zweitens, so realisierte sie, wäre es gelogen. Da war etwas mehr für Malfoy da als eine einfache Beziehung zwischen ihm als neutralen Zielobjekt und dem Ausführen ihres Auftrages.
„Ich geh jetzt mal spazieren.", meinte Hermine, stand auf und ließ einen verdutzten Blaise zurück. Manchmal brauchte sie einfach Ruhe, um zu denken. Sie wanderte eine Zeitlang im Manor hin und her, bis sie feststellte, dass sie vor Draco Malfoys Zimmer stehen geblieben war. Sie ging näher an die Flügeltüren heran und ein schlechtes Gewissen packte sie, weil ihre Füße sie wie automatisch zu der Person brachten, die sie im Moment die meisten Nerven kostete.
Im nächsten Moment hatte ihre Faust schon angeklopft. Hermine verfluchte sich innerlich selbst. Was sollte sie jetzt sagen? „Oh Draco, ich wollte dich ja so gerne sehen!", sagte ihre innere Stimme mit Pansys säuselndem, unechtem Ton.
Die Tür öffnete sich. Malfoy hatte sie wie ein Muggel sogar höchstpersönlich von Hand geöffnet und lehnte halb am Türrahmen, in der anderen Hand eine Flasche Feuerwhisky. „Du hier?", fragte er mit langgezogenem Ton. Seine Augenbrauen verschwanden schon wieder unter dem Haaransatz.
Sein Gesichtsausdruck ging Hermine direkt in den Magen. Ob das gut oder schlecht war, konnte sie so nicht beantworten. Was sie allerdings beantworten musste, bevor ihre Denkpause zu peinlich wurde, war Malfoys Frage. „Ich wollte nach dir sehen. Ob du dich nach der Anwendung von Dunkler Magie erholst. Die Lehrbücher sagen-" „Ja ja, schon gut.", sagte Malfoy mit einem sichtlichen Augenrollen. Dann machte er den Weg frei und trottete vor Hermine zu den Sesseln vor seinem Kamin.
„Du siehst, es geht mir bestens.", sagte er nonchalant. „Prost, auf dass unsere Suche nach Potter erfolgreich wird." Er hob träge die Hand, in der er den Schnaps hielt. Er ließ sich in seinen Sessel fallen und sah dann erst, dass sich Hermine nicht von der Tür wegbewegt hatte. Er seufzte laut und theatralisch, griff nach seinem Zauberstab auf dem Tisch und machte eine nachlässige Bewegung. Die Tür schlug hinter Hermine zu. Langsam ging sie und setzte sich auf die äußerste Kante des Sessels, der am weitesten weg war von Malfoy.
Sie verstand Malfoy nicht. Er hatte den Zauber überlebt und sollte sich ausruhen, doch nun saß er da und betrank sich am helllichten Tag?
„Accio Glas.", grummelte Malfoy und ein Whiskeyglas flog in seine Hand. Er wollte schon einschenken, dann maß Hermine mit einem spöttischen Blick und goss nur ein paar Schlucke Whisky ein, schubste das Glas über den Tisch zu ihr.
„Du siehst, es geht mit bestens.", wiederholte er. „Aber was ist mit Potter? Was?" Er warf Hermine einen fragenden Blick zu. Sie verstand nicht, was er sagen wollte. „Entspann' dich, Mortém." Er warf Hermine wieder aus der Bahn. Malfoy machte eine unwirsche Geste, weil sie immer noch so dasaß, als wollte sie flüchten. Hermine setzte sich ganz auf ihren Sessel.
Malfoy redete schon wieder weiter: „Wir finden jetzt Potter. Was ist, wenn wir ihn gefangen nehmen? Gibt es dann noch so etwas wie Hoffnung?"
Auf einmal verstand Hermine seinen Punkt. Wenn Voldemort Harry tötete und nicht alle Horkruxe zerstört waren und dieses Tier weiterlebte in alle Ewigkeit… ja, das waren Vorstellungen, die Hermine lieber nicht hatte. Bereitwillig trank sie einen Schluck des ekelhaften Gebräus.
„Denken wir positiv… Draco.", sagte sie vorsichtig. „Wir wissen nicht, wie es ausgehen wird und was kommt. Ich denke, es wird ohnehin ein Tag kommen, an dem sich Harry Potter und der Dunkle Lord gegenüberstehen." „Potter war zu Schulzeiten so ein kleines Arschloch. Regeln schienen für ihn, Weasley und Granger nicht zu gelten.", fauchte Malfoy erregt. „Ich kann ihn nicht leiden, aber sein Schicksal? Wünsche ich meinem ärgsten Feind nicht. Unglaublich, dass wir alle von Potter abhängen."
Hermine sagte vorsichtshalber nichts dazu. Sie war nämlich heilfroh, dass die Welt von Harry abhing und nicht von irgendeiner anderen Person. Neville Longbottom, beispielsweise. Auch er hätte der Auserwählte sein können.
Malfoy beugte sich vor und betrachtete Hermine nachdenklich. „Erzähl was von dir.", sagte er schließlich und schenkte Hermine ein Lächeln, das ein Ziehen in ihrem Magen verursachte.
„Da gibt es wirklich nicht viel.", sagte sie abwehrend und unterdrückte den Impuls, mit ihren Fingern zu spielen. „Wie kommst du hierher, Mercure. Ich kenne keine Person hier, die weniger ins Manor gehört wie du.", sagte Malfoy langsam. Warnglocken schrillten in Hermines Kopf. Er durfte ihre wahre Identität nicht entdecken.
„Es war weniger meine Entscheidung als die der Familie. Die Mehrheit ist relativ neutral eingestellt, aber eine Person sollte schon nach England gehen und unsere reinblütigen Anliegen unterstützen. Es gibt nicht gerade viele junge Männer, also fiel die Wahl schnell auf mich.", beeilte sich Hermine zu sagen.
„Eigentlich wollte ich lieber ein Studium zum Heiler beginnen oder so etwas, hab nie richtig darüber nachgedacht, ehrlich gesagt.", grübelte sie. Sie fragte sich wirklich, was sie jemals machen sollte, wenn der Krieg endlich vorbei wäre.
„Du bist jedenfalls ein mächtiger Zauberer. Ich kenne nicht viele mit so einer Macht.", antwortete Malfoy.
Es war selten, dass man mit ihm eine normale Konversation betreiben konnte. Das letzte Mal war nach ihrer Initiation gewesen, als er sie getröstet oder ihr zumindest gut zugesprochen hatte. Jetzt war er halb betrunken. Gab es auch normale Situationen, in denen Draco Malfoy menschlich war? Hermine mochte die Umstände nicht. Sie mochte auch nicht in seiner Gesellschaft sein, aber dann wiederum mochte sie es doch. Es war so widersprüchlich!
Malfoy strich sich sein Haar nach hinten. Eine widerspenstige Strähne nervte ihn. Hermine dachte aber, dass es vielleicht nur wieder Show war, die er abzog. Ihr tat es gar nicht leid, dass sie ihn vorhin mit einer Ohrfeige aufgeweckt hatte.
Er stand auf, stellte die Flasche auf den Tisch und machte eine auffordernde Geste. „Komm mit, ich zeig' dir was."
