Hermine war überrascht. Was hatte Malfoy vor? Er betätigte einen Mechanismus, der sich scheinbar hinter einem Vorhang an der Wand befand. Nun, das weckte Hermines Interesse ganz bestimmt. Sie stand auf und trat hinter Malfoy. Eine Tür tat sich auf und dahinter konnte sie im fahlen Schein des Tageslichts eine Wendeltreppe erkennen. „Incendio!", flüsterte Malfoy und die Fackeln entlang der Treppe entzündeten sich. „Wo gehen wir hin, Draco?", fragte Hermine. „Du wirst sehen. Es wird dir gefallen.", meinte Malfoy leichthin und stieg abwärts. Hermine folgte ihm und die steinerne Tür hinter ihnen schloss sich. Sie hatte ein mulmiges Gefühl, aber sie sagte sich, dass sie Malfoy vertrauen konnte. Ihre Beziehung basierte eigentlich sogar auf mehr Vertrauen als die Freundschaften, die sie zu den DA-Mitgliedern pflegte.

„Vater kennt diesen Gang hier nicht. Andernfalls hätte er ihn verbarrikadiert oder mir niemals dieses Zimmer gegeben als Kind.", sagte Malfoy triumphierend. Sie gingen an einer Abzweigung vorbei. „Wo geht es hier lang?", fragte Hermine. Malfoy lachte leise. „In die Freiheit. Aber dazu ein anderes Mal." Er führte sie weiter hinab, das Gemäuer war feucht und Hermine war sich sicher, dass hier alles Mögliche an widerlichem Getier hauste. Sie hatte auf einmal ein altes Bild vor Augen, damals, in der zweiten Klasse, als sie versteinert wurde… Aber darüber würde sie später nachdenken, wenn sie wusste, was sie störte.

Sie erreichten eine Tür und nach einem leisen „Alohomora!" öffnete sie sich. Malfoy, nahm eine Fackel und trat ins schummerige Licht. Hermine folgte ihm. Sie waren in eine riesige Bibliothek getreten. Der Saal sah aus wie das Kirchenschiff einer sehr alten Kathedrale, lange, hohe Fenster und fahles Licht. Meterhoch türmten sich die Bücherregale auf. „Wow.", machte Hermine nur. Ihre Vermutung war also gar nicht so falsch gewesen. Die Hogwarts-Bibliothek war nicht größer als diese hier. Nur das Sortiment unterschied sich bestimmt gewaltig.

Malfoy schritt voran, zielstrebig, bis er zu einem Regal in der Mitte des Saals kam. „Das hier ist die Sektion mit den Büchern zum Heilwesen. Dachte, das interessiert dich am meisten.", sagte er, vielleicht etwas verlegen. Aber er grinste Hermine an.

„Hier habe ich mir früher oft die Zeit vertrieben. Es gibt Vieles zu Dunkler Magie, daher hätte Mutter nie erlaubt, dass ich alleine hierher komme.", erzählte Malfoy. Hermine lachte. In ihren Ohren klang ihr Lachen viel zu hell und weiblich. Sie räusperte sich. „Es wären keine guten Eltern, wenn sie ein Kind solche Sachen lesen ließen." Hermine trat von Malfoy weg und streichelte in dem Regal über die Buchrücken. Sie mochte den Geruch und das Gefühl, wenn man über Papier oder Pergament strich.

Sie dreht sich zu Malfoy um, der sie mit einem seltsamen Lächeln beobachtete. Sein Lächeln verschwand aber, sobald Hermine sich umgedreht hatte und machte einem neutralen Gesichtsausdruck Platz. Konnte er nicht einmal human sein? Hermine lächelte scheu zurück. „Ja, es gefällt mir hier. Vielen Dank, dass du mir das hier zeigst." Damit wandte sie sich wieder den Büchern zu und las die Titel.

Hermine entging vollkommen, dass Malfoy auf der anderen Seite des Buchregals entlang ging und sie beobachtete, wie sie sich die Bücher aussuchte und mit welcher Ehrfurcht sie über die Seiten streichelte. Es dauerte nicht lange und Hermine hatte sich ein paar Bücher herausgesucht.

„Darf ich diese hier mitnehmen?", fragte sie Draco. Er deutete ein Nicken an.

Nach einer viel zu kurzen Zeit geleitete er sie wieder nach oben in sein Zimmer, wo sich Hermine rasch verabschiedete. Sie drängte darauf, die neuen Bücher zu lesen. Und ihr schneller klopfendes Herz brauchte auch mal wieder eine kleine Verschnaufpause.

Blaise hatte schon ungeduldig auf sie gewartet. Sobald Hermine die Tür hinter sich geschlossen hatte, zog er sie an sich und küsste sie. Sanft löste sich Hermine von ihm. „Was ist denn mit dir los?", fragte sie verwundert, in Gedanken bei ihren Büchern. „Ich habe dich vermisst.", gestand Blaise kleinlaut. „Tut mir leid, dass ich dich vorhin so angeraunzt habe. Ich denke, ich will einfach nicht noch…" Seine Stimme verlor sich. „Nicht noch….was?", bohrte Hermine sofort nach. „Nicht noch jemand an Draco Malfoy verlieren.", stieß Blaise hervor. Seine braunen Augen blickten fest und treu in ihre. „Ähm… was?", fragte Hermine verdattert. „Von wem sprichst du?"

Blaise' eine Hand ruhte auf Hermines Hüfte und die andere streichelte ihr Gesicht. Hermine mochte dieses Gefühl der Sicherheit, das Blaise ausstrahlte. Aber er gab ihr nicht dieses jähe Stechen, dieses überwältigende Gefühl, das Malfoy bei ihr auslöste, wenn er sie nur anblickte.

„Ich spreche von Astoria. Es gab eine Zeit, damals in Hogwarts. Ich mochte sie wirklich gern und hab mir Mühe gegeben, dass sie auf mich aufmerksam wird. Aber Draco ist auch auf sie aufmerksam geworden. Er wusste auch, dass ich sie mag. Er hat sie verführt. Ende der Geschichte", erzählte Blaise. Das war es, was Hermine an Malfoy hasste. Er hatte oft keine Art, mit Menschen umzugehen. Harry und Ron würden sich niemals eine Frau streitig machen, zu heilig war ihnen ihre Freundschaft. Malfoy schiss darauf und nahm sich, was er wollte. Warum nur fand sie dieses Arschloch attraktiv?

„Ich bin nicht Astoria und wir sind nicht mehr 14.", sagte Hermine. Sie waren nicht mehr in dem Alter, wo jede Aufmerksamkeit des anderen Geschlechts eine temporäre Verliebtheit hervorrief. Das mochte noch bei ihr und Viktor Krum so gewesen sein, aber das war sehr, sehr lange her. Für jetzt brauchten sie Trost und die Nähe eines anderen, der verstand, was es bedeutete, ein Todesser zu werden. Auf eine Art und Weise beschmutzt zu sein, was selbst den reinsten Geist wie Hermine in Mitleidenschaft zog.

Diese Nacht schlief sie in der Umarmung von Blaise ein, seit Langem ein friedlicher und erholsamer Schlaf.

Am nächsten Morgen erwachte Hermine, umklammert von Blaise. Ihr Brustverband drückte unangenehm und ihr war etwas zu heiß mit Blaise unter einer Decke und so viel Körperkontakt. Sie bewegte sich, um sich zu befreien. Blaise grummelte nur schlaftrunken und ignorierte ihre Versuche vollständig. Hermine spürte etwas an ihren Rücken drücken, es war ein sehr seltsames Gefühl. Blaise' Hände waren aber um sie geschlungen, das konnte nur bedeuten, dass… eine heiße Welle durchfuhr Hermine. Oh nein, das war ihr peinlich. Wahrscheinlich war es auch ganz und gar nicht gut, wenn sie sich weiter bewegte und Blaise weiter an dieser Körperstelle berührte.

Hermine verharrte regungslos in ihrer Position. War das normal oder reagierte Blaise auf sie in dieser Weise? Konnte ein Mann so auf sie reagieren? Je länger sie darüber nachdachte, umso wärmer wurde ihr. Das lag aber jetzt definitiv nicht mehr an Blaise' Körperwärme allein, wie sich Hermine eingestehen musste. Dieser Teil ihres Lebens oder Körpers musste tot sein, wenn sie hier überleben sollte. Dieser Gedanke brachte Hermine wieder zurück in die Wirklichkeit. Mit einem Gewaltakt befreite sie sich aus Blaise' Armen und flüchtete in ihr Bad. Wahrscheinlich hatte sie ihn aufgeweckt, aber das kümmerte Hermine nicht.

Sie ließ sich ein heißes Bad ein und erlaubt sich ein einziges Mal, während dem Bad ihren ganz persönlichen Träumen nachzuhängen.

Für den restlichen Tag schaffte sie es nicht, Blaise in die Augen zu sehen. Wenn es ihm auffiel oder er das komisch fand, so sagte er jedenfalls nichts dazu. Die andere Alternative war, mit Malfoy zu arbeiten und sich hauptsächlich mit ihm zu unterhalten. Weder der eine noch der andere konnte von Hermines angenehmen Tagträumen in dem Bad wissen, oder dass ihr lange vernachlässigter Körper nun leider hypersensibel reagierte. Was ihnen aber auffiel war, dass Mercure Mortém heute besonders grantig und kampflustig war. Hermine entging definitiv nicht, wie sich Draco und Blaise ein ums andere Mal anblickten und die Augen rollten.

Natürlich war es nicht ihre Schuld, dass Hermine sich so fühlte, aber sie spürte nun mal das ungerechte Bedürfnis, ihren Unmut an jemandem auszulassen. Also dirigierte sie die beiden unwirsch herum, um den Ortungszauber auch sachgemäß auszuführen.

Malfoy war derjenige, der den entsprechenden Zaubertrank braute. Hermine wusste zwar, dass sie es mindestens genauso gut konnte, aber Mercure Mortém konnte ja nicht wissen, wie gut ein Malfoy darin war. Also las sie lediglich von dem Pergament vor und schickte Blaise herum, um die entsprechenden Zutaten zu besorgen. Oder anders gesagt, einen Hauselfen damit zu beauftragen, die Zutat zu besorgen.

Schließlich kam der Moment, als nur noch eine Zutat fehlte. Ein Teil von Harry. Geduldig wartete der Magieball in dem Bassin darauf, in den Trank gegeben zu werden.

„Draco, hole bitte ein paar Phiolen, damit wir das dann abfüllen können. Blaise, räume die Reste hier weg.", kommandierte Hermine sie herum. Beide taten widerspruchslos wie geboten – der Zauber musste perfekt sein und das lief am besten, wenn Mercure seinen Willen bekam. Unterdessen schöpfte Hermine heimlich ein paar Kellen von dem Trank ab. Wer wusste schon, wann man so etwas noch einmal brauchen konnte? Rasch verstaute sie alles in ihrer Hosentasche, bevor die anderen beiden wieder kamen.

„Na dann, rein damit.", sage Blaise gut gelaunt und leerte den Inhalt des Beckens in den Kessel. Lautlos schwappte die Flüssigkeit hin und her, bis alles absorbiert war, dann nahm der Trank eine klare Farbe an. „Wie im Lehrbuch.", kommentierte Blaise selbstzufrieden.

Malfoy schöpfte den Trank ab und korkte die Fläschchen zu. „Gut, dann müssen wir jetzt noch unseren Mitstreitern Bescheid geben, dass wir unsere Suchmission nach draußen verlagern.", sagte er mit indifferenter Stimme. Hermine wusste, dass er immer noch zwiegespalten war zwischen seiner Todessermission, die er erfolgreich bewältigen musste und der Tatsache, dass Harry der einzige war, der zwischen ihm, seiner Familie, allen Zauberern und Voldemort stand.

Sie informierten noch die DAA über ihren Fortschritt und dass sie in wenigen Stunden aufbrechen würden. Hermine hoffte, dass Harry bis dahin schon eine Art Trittsiegel irgendwo hinterlassen hatte, sodass sie ihn finden würden.

Während Draco an seinem Tisch wichtige Unterlagen zusammenstellte, setzten sich Blaise und Hermine an seine Feuerstelle auf die Sessel. „Was war heute los, Mercure? Wir haben etwas Großartiges erreicht. Aber du wirkst so unentspannt und…verzeih, launisch.", erkundigte sich Blaise. Hermine schoss augenblicklich das Blut ins Gesicht. Sie zuckte mit den Schultern. „Scheiß Tag.", sagte sie und beließ es dabei. Blaise runzelte die Stirn, wusste es aber besser als nachzufragen.

Wenige Stunden später standen die drei maskiert mit Greyback, Avery, Bellatrix und den anderen beiden Todessern namens Gordon und Thompson in den Startlöchern.

Malfoy entkorkte eines der Fläschchen und sprach: „Invenio personam!" Das Fläschchen zerbrach und die Flüssigkeit zerstäubte sich in alle Richtungen. Hermine fragte sich, was nun passierte. Malfoy ging in die Knie. Sie und Blaise stürzten herbei, um ihm wieder aufzuhelfen. „Nicht!", kreischte Bellatrix wie irre. „Lasst ihn, ihr Nichtsnutze! Lasst die Magie arbeiten!" Hermine erstarrte und auch Blaise rührte sich nicht. Sie wollte Malfoy helfen, aber sie hatte zu viel Angst vor Bellatrix. Sicherlich würde sie ihrem eigenen Neffen nichts antun?

Langsam erhob sich Malfoy, wie eine Marionette im Theater. „Ich sehe es…", sagte er hohl. „Folgt mir." Er streckte seine Arme aus und Hermine ergriff rasch seine Hand. Wieder einmal bemerkte sie, wie auffällig klein ihre Hand in Malfoys war. Blaise legte seine Hand auf ihre Schulter und schon spürte Hermine das unangenehme Gefühl des Seit-an-Seit-Apparierens.


A/N: hoffentlich hat es euch bislang gefallen! Ihr dürft gerne einen Kommentar da lassen und mir sagen, was ihr von der Story haltet ;)