An dem neuen Ort blickte sie sich um. Es war klar, warum Harry gerade diesen Ort gewählt hatte. Für einen Kampf eignete er sich denkbar schlecht. Ein Labyrinth aus Felsen und Gestein, Bäumen, Gräben und Gebüsch. Aber um sich schnell wieder aus dem Staub zu machen und in Deckung zu gehen - perfekt. Vielleicht saß auch schon einer vom Orden irgendwo herum und beobachtete das Geschehen, aber Hermine wusste nicht, inwieweit Harry, Dumbledore und der Orden miteinander in Verbindung standen.
Greyback ging sofort auf Erkundungstour. Mit seiner Nase, die auch in menschlichem Zustand wie die eines Hundes funktionierte, konnte er alle möglichen Dinge wittern. Nach einer Weile sagte er triumphierend: „Hier war er." Dort war eine Lagerstelle angelegt, Fußabdrücke. Wie als hätten Harry, Ginny und Ron dort campiert. Malfoy trat heran und inspizierte die Stelle. „Nun gut. Thompson, Gordon, ihr werdet das hier bewachen. Sobald sich nur ein Ästchen bewegt, ruft ihr mich." Als Nachgedanken fügte er hinzu: „Aber ruft nicht den Dunklen Lord, wenn ihr Fehlalarm auslöst…möchte ich nicht in eurer Haut stecken." Clever, dachte Hermine. Wenn er konnte, würde Malfoy Voldemort von Harry fernhalten.
Die Mannschaft, außer den beiden abgeordneten Todessern, rückte wieder ab. Jetzt hieß es warten. Es konnte nicht lange dauern, schätzte Hermine. Harry wusste, dass sie kommen würden.
Er ließ sie allerdings noch eineinhalb Tage zappeln, dann stürmte Malfoy den Anwärterunterricht, an dem Hermine und Blaise mittlerweile wieder teilnahmen. „Mortém, Zabini – es wird ernst.", kündigte Malfoy an. Hermines Herz schlug rasend schnell. Jetzt war ein Punkt der Wahrheit gekommen, an dem nicht nur ihre Loyalitäten getestet wurden. „Velandum rubrum!", dachte Hermine und maskierte sich. Blaise ging neben ihr und berührte sie einmal kurz an der Schulter. Er wollte sie aufmuntern und beruhigen. Hermine nickte ihm zu.
Sie apparierten an den Ort zurück, an dem Harry seine Spuren hinterlassen hatte. Thompson und Gordon saßen in ihrem Versteck und beobachteten einen Punkt in der Ferne. „Sie haben hier ihr Zelt aufgebaut und versuchen gerade, einen Schutzwall zu errichten.", berichtete Thompson.
Hermine sah auch durch das Omniglas. Es waren Ron, Harry und Ginny, die Kreise um das Zelt schritten, als bauten sie einen magischen Schutz auf. „Gut, wir haben keine Zeit zu verlieren.", sagte Malfoy. Bellatrix zitterte schon vor Vorfreude, wie ein Jagdhund, bevor er auf Wild gehetzt wird. Hermine wandte sich ab. Sie zitterte auch, aber vor Angst um ihre liebsten Freunde.
Langsam pirschten sie sich an. Bis auf 50 Meter ließen sich die drei Flüchtigen nichts anmerken, dann stellte sich Harry beschützend auf, neben ihm Ron und auf der anderen Seite Ginny. Hermine hoffte inständig, dass die drei frühzeitig disapparieren würden. „Ist es wirklich Potter und das Schlammblut?", zischte Bellatrix. „Ich weiß nicht!", sagte Malfoy und Hermine merkte, er log. Er sah zwar keine Hermine Granger, aber er kannte definitiv Harry Potter und die Weasleys, die er als Blutsverräter betrachtete.
Bellatrix trat aus dem Schatten eines Felsens hervor und zeigte sich. „Stellt euch, ihr Feiglinge! Versteckt euch vor dem Dunklen Lord, statt zu kämpfen!", rief sie. Harry trat ein paar Schritte vor. Malfoy gestikulierte, um die drei einen Ring zu bilden. „Und lasst sie ja nicht disapparieren!", befahl er nachdrücklich.
„Feiglinge sind wir, Bellatrix? Nicht wir sind es, die uns maskieren.", lachte Harry von oben herab. Er zog etwas aus seiner Tasche und hielt es ihnen hin. Hermine erkannte es sofort. Es war das Medaillon des Salazar Slytherin. „Hier, bring das deinem Herrn und richte ihm viele Grüße aus!", provozierte er Bellatrix. Mit einem wütenden Aufschrei stürzte sie sich nach vorn und wich den Flüchen aus, die Ron und Ginny auf sie abschossen.
Hermine stahl sich auch näher an das Geschehen heran, bis sie in Reichweite für die Zauber war.
Leichtfüßig hüpfte Harry zwischen den Steinen hin und her und führte auf diese Weise Bellatrix weiter weg von dem Geschehen. Sie war die gefährlichste. Mit den anderen würden Ron und Ginny schon fertig werden. Wenn das seine Strategie war, dachte sich Hermine, war es aber höchste Zeit für ihn, von hier zu verschwinden. „Los!", rief Malfoy und sie standen auf, um Ron und Ginny zu attackieren. Hermine schoss blindlings Flüche ab, ohne auf ihre Freunde zu zielen. Ron und Ginny wichen zurück, jeden Moment mussten sie disapparieren. Einer der Todesser ging nach einem Fluch von Ginny zu Boden. Ron disapparierte und im selben Moment hörte Hermine einen markerschütternden Schrei.
Sie sah, wie Ginny zu Boden fiel, verletzt. Dann sprang Blaise, der ihr am nächsten war, hinzu und schien sie festzuhalten. Hermine rannte, so schnell es bei diesem Gelände ging, auf die beiden zu. Warum disapparierte Ginny denn nicht? Mit Blaise würde sie schon fertig werden!
Als Hermine ankam, sah sie, dass Ginnys Bein in einem sehr unnatürlichen Winkel abgeknickt war. Ihr Zauberstab war geknickt, sie war auf ihn gefallen. Blaise hielt oder stützte sie, sodass sie ihr Gewicht nicht auf dem kaputten Fuß lagerte. Noch bevor Hermine etwas aus der Situation machen konnte, war Greyback herbeigesprungen. „Todesserdreck!", spie Ginny aus und versuchte sich zu wehren und zerkratzte Blaise' Arme und riss seine Maske herunter. Ihre Augen wurden groß, als sie ihn erkannte. „Du dreckiger Slytherin, lass mich sofort los!", schrie sie ihn an, doch Blaise fixierte ihre Arme so, dass sie sich nicht mehr rühren konnte. Malfoy kam hinzu. Ginny spuckte ihm ins Gesicht. Langsam wischte Malfoy seine Maske ab.
„Was ist hier los, Neffe?", begehrte Bellatrix zu wissen. Sie hatte in der einen Hand das Medaillon, in der anderen Hand ihren Zauberstab. „Zabini hat einen Blutsverräter gefangen.", sagte Malfoy mit höhnischem Unterton. Ginny brach erneut in eine Schimpftirade aus. „Silencio!", fauchte Bellatrix. „Fesselt sie und nehmt sie mit. Der Dunkle Lord wird sehr angetan sein von ihr.", befahl sie. Hermine trat hervor und sprach sie ein leises „Incarcerus". Seile wanden sich um Ginnys Körper und zurrten ihn fest. Blaise packte seine Gefangene, warf sie über seine Schulter und disapparierte. Alle anderen verschwanden und Hermine ließ sich in die Knie sinken. Sie hatten Ginny gefangen. Ginny. Sie stieß einen verzweifelten Schrei aus. Und es war nur ihre Schuld, weil sie Harry darum gebeten hatte.
Nach ein paar Minuten apparierte auch Hermine zurück ins Manor. Dort war gerade Partystimmung. Die Todesser gröhlten und jubelten und ließen die gefesselte Ginny durch die Reihen schweben. Der ein oder andere Fluch wurde auf sie abgeschossen, aber Ginny gab keinen Laut von sich. Hermine konnte es kaum mitansehen. Auf einmal spürte sie jemand hinter sich. „Komm, wir gehen!", sagte Blaise. „Malfoy wird sie gleich in die Verliese bringen und sehen, was er für sie tun kann."
Da kam Malfoy persönlich daher. „Mercure, ich – ich muss nachher mit dir sprechen. Ich brauche dich.", sagte er mit einer sehr untypischen Stimme. Hermine nickte nur. Für ihn war die Mission aus Voldemorts Sicht glänzend verlaufen. Aus seiner eigenen Sicht hätte er vermutlich gerne auf die Gefangennahme einer Klassenkameradin verzichtet.
Gerade, als Hermine sich abwandte, fing ihr Dunkles Mal an zu brennen. Sie und Malfoy blickten sich alarmiert an. Blaise blickte sie fragend an. „Der Dunkle Lord ruft.", teilte Malfoy ihm ohne Umschweife mit. „Ich nehme an, dass du mitkommst, wenn du sie gefangengenommen hast, Blaise."
Sie hasteten in Richtung Thronsaal. Dort wartete schon Lord Voldemort. „Bellatrix, du hast mich gerufen?" Er spielte ihr den Ball zu. „Die Mission meines Neffen Draco war erfolgreich!", prahlte Bellatrix. Malfoy trat rasch hinzu, damit sie ihm nicht die Butter vom Brot nehmen konnte. „Vielen Dank, dass du das so siehst, Tante.", sagte er aalglatt und verbeugte sich tief vor dem Dunklen Lord. „Wir konnten Potter ausfindig machen und die Blutsverräterin Ginevra Weasley, seine treue Anhängerin, gefangen nehmen. Dies haben wir Blaise Zabini zu verdanken, der sie im Duell besiegt hat."
Das stimmt nicht. Ginny war gestolpert und hatte sich das Bein und den Zauberstab gebrochen. Daher konnten sie sie fangen. Aber gut, das musste Voldemort ja nicht wissen. „Das ist einer deiner Führeranwärter, Draco?", fragte der Dunkle Lord angetan. „Ich muss ja sagen, dass ich dir die Mission gegeben habe, um dich auf die Probe zu stellen. Aber statt zu scheitern, bringst du mir einen neuen Todesser mit in unsere Reihen. Tritt hervor, Blaise Zabini."
Blaise ging selbstbewusst zu Lord Voldemort und ließ sich auf ein Knie sinken. „Mein Lord, es ist mir eine Ehre, Euch zu dienen.", sagte Blaise. Hermine sah, wie Voldemort Blaise näher zu sich winkte. Blaise zuckte ein wenig. Hermine wusste, er wurde gerade mit dem Legilimentik-Zauber belegt und die vorherigen Ereignisse durchwühlt. Scheinbar sah der Dunkle Lord nichts, was ihn störte. „Wie ihr wisst, muss ein Mord an einem Muggel oder Schlammblüter verübt werden, damit ich euch als Todesser akzeptiere. Aber die Informationen, die uns Ginevra Weasley zu Harry Potter geben wird, übersteigen den Wert eines toten Schlammblüters dutzendfach, nicht wahr?", lachte der Dunkle Lord.
Blaise nickte zustimmend. „Nun denn.", fuhr der Dunkle Lord fort, „Mögest du bekommen, was du dir ersehnst." Blaise streckte seinen Arm aus und der Dunkle Lord stach das Dunkle Mal in seinen Arm. Danach war er entlassen und trat zurück. Er hielt sich seinen schmerzenden Arm.
Doch die Todesserversammlung war mitnichten schon vorbei. „Bellatrix, ich sehe, dass du ein Geschenk für mich hast?", fragte der Dunkle Lord. Er hatte wohl ihre Gedanken gelesen. „Ja, mein Lord.", sagte Bellatrix atemlos. „Potter ließ es zurück, bevor er, dieser Feigling, disappariert ist." Sie holte das Medaillon hervor und reichte es dem Dunklen Lord. In dem Moment, in dem er erkannte, was es war, glühten seine roten Augen vor Zorn. „Potter! Woher hat er das Medaillon!", zischte er wütend und die ersten Reihen der Todesser wich zurück. Er öffnete das Medaillon und fischte einen Zettel heraus und las, was dabei stand. Wütend zerknülle er den Zettel und er zerfiel augenblicklich zu Asche in seiner Hand. „Crucio!", rief er nur und richtete seinen Zauberstab in die Menge. Ein Mann begann zu schreien. Voldemort ließ von ihm ab, suchte sich wahllos ein neues Opfer. Hermine schrumpfte in sich zusammen. Sie hatte Angst. Der Dunkle Lord quälte die Todesser solange, bis er genug hatte und disapparierte.
„Draco, Mortém, auf ein Wort!", hielt Malfoy Sen. die jungen Todesser auf. Die beiden folgte Dracos Vater in einer Traube von Todessern in einen kleineren Saal. Sie setzten sich an einen riesigen, ovalen Tisch, an dem gewiss zwanzig Leute Platz hatten. „Der Dunkle Lord hat mich beauftragt, euch über die Neuigkeiten aus dem Orden des Phönix zu informieren. Unsere Quelle berichtet von schlimmen Verlusten nach dem Kampf in Cornwall."
Einer der Todesser rief dazwischen: „Das wissen wir auch so, dafür brauchen wir Goldstein nicht!" Ein anderer sagte: „Was nützt uns Information, wenn wir keinen über ihn einschleusen können?"
„Ruhe!", rief Malfoy Sen. und schlug mit seinem Gehstock auf den Tisch. „Wenn ihr euch unprofessionell verhaltet, entferne ich euch wieder aus der Gruppe.", sagte er zur Allgemeinheit. „Mein Plan ist es, einen der jüngeren einzuschleusen, die noch nicht das Dunkle Mal entgegengenommen haben. Er muss unauffällig sein. An alle, die hier mit der Ausbildung zu tun haben oder sie gerade absolvieren, macht euch Gedanken und schlagt mir einen geeigneten Kandidaten vor." Dabei blickte er Hermine und Draco streng an.
Erst danach waren sie entlassen. Hermine und Draco hatten fast den gleichen Weg, daher gingen sie zusammen. „Ich wollte noch mit dir reden… Mercure.", unterbrach Malfoy ihr kameradschaftliches Schweigen. „Ja, ich weiß noch…Draco.", betonte Hermine. „Worum geht es denn?" Malfoy beobachtete sie aus den Augenwinkeln. „Das muss ich dir zeigen… nicht hier.", sagte er langsam und es klang fast nervös und unsicher. Sein Tonfall war seltsam. Aber Hermine vertraute ihm. „Ich komme später noch vorbei. Erst einmal muss ich das hier loswerden." Sie deutete auf ihre schmutzige, blutbespritzte Robe. Wahrscheinlich war es Ginnys Blut. Sie traute sich auch nicht, in der Öffentlichkeit zu fragen, ob Malfoy Ginny anständig verarztet hatte, bevor er sie in die Verliese gesteckt hatte.
„Bis später." „Bis später.", verabschiedeten sie sich und jeder eilte in eine andere Richtung.
Hermine schloss ihre Zimmertür hinter sich und ließ sich müde dagegen fallen. Bevor sie sich versah, war Blaise bei ihr und hielt sie fest. Langsam richtete er sie wieder auf. Hermine blickte in seine Augen, um zu lesen, wie es ihm ging. Sie sah aber etwas ganz anderes, als sie erwartet hätte. Sie kamen sich immer näher und bevor Hermine fragen konnte, was Blaise wollte, hatte er schon seine Lippen auf ihre gesenkt und küsste sie leidenschaftlich. Hermine gab nach und erwiderte seinen Kuss. Blaise hob sie hoch, sodass sie ihre Beine um seine Hüfte schlingen musste. Er machte sich daran, ihre Robe aufzuknöpfen. Er küsste ihren entblößten Hals und saugte daran. Seine Hände schlüpften unter ihr T-Shirt und erkundeten alles, was darunter lag. Blaise knurrte ungeduldig, als er ihren Brustverband spürte.
Hermine war vollkommen überrollt von seiner Leidenschaft. Dass jemand sie auf diese Weise begehrte, war ihr relativ unbekannt. Ihr Körper reagierte auch noch darauf. Sie war überzogen von Gänsehaut angesichts seiner kalten Hände auf ihrer warmen Haut.
Blaise wechselte die Position und während er seine Robe fallen ließ, bugsierte Hermine nun herum und sie fand wieder Halt an der Wand. Sie konnte spüren, wo sich Blaise' Leidenschaft sammelte.
Also so wird es sein…, dachte Hermine. Es wird also Blaise Zabini sein, als neuer Todesser, sie beide verschwitzt und dreckig, gepresst an die Wand. Hermine hatte sich ihr erstes Mal sicherlich anders und romantischer vorgestellt. Und wenn sie jemals darüber fantasiert hatte, dann waren vielleicht noch Ron oder Viktor Krum in die engere Auswahl gekommen. Panik wallte in ihr hoch.
In diesem Moment öffnete sich ihre Zimmertür und jemand kam, ohne anzuklopfen, herein.
