Blaise kam mit Neville, Dean und Luna zurück. Sie machten sich ein Bild von der Lage. Als Neville Hermine sah, konnte sie sehen, wie die Zahnrädchen in seinem Kopf zu laufen begannen. Er kommentierte aber nichts. Jetzt irgendwen zu hinterfragen, war der denkbar blödeste Zeitpunkt überhaupt. Er nickte ihr nur zu, dann sagte er laut: „Gut, wir werden zusammenarbeiten. Wir werden zu euch kommen, denn wir haben nicht die Zeit, es allen Verteidigern zu erklären, warum wir auf einmal Slytherins und Todesser in unseren Reihen haben."
„Draco? Blaise?", flüsterte Hermine. „Lasst die DAA unter Nevilles Führung. Er wird das hier schon machen. Kommt mit mir, es gibt noch etwas, das wir tun müssen, bevor Harry und der Dunkle Lord miteinander in den finalen Kampf gehen." Nach ein paar letzten Anweisungen folgten ihr die beiden. „Was hast du vor?", wollte Blaise wissen.
„Ich kann es euch auf die Schnelle nicht erklären. Aber es gibt da ein magisches Artefakt voll Dunkler Künste. Es ist existenziell wichtig für den Dunklen Lord. Nur wenn es zerstört ist, kann Harry ihm gegenübertreten. Wir müssen ihm helfen, es zur rechten Zeit zu zerstören. Jetzt, wo… Dumbledore nicht mehr ist. Aber zuerst müssen wir uns den Todessern anschließen.", sagte Hermine rasch. Sie wusste, wo sie Harry zu dem entscheidenden Zeitpunkt finden würde. Draco und Blaise folgten ihr ohne Widerrede. Wahrscheinlich wussten sie einfach selbst nicht, was sie jetzt noch tun sollten.
Hermine kannte die geheimen Ausgänge des Schlosses, auch ohne die Karte des Rumtreibers zur Hand zu haben. Jahrelanges Regelbrechen musste sich auch irgendwann einmal bezahlt machen. Unerkannt stahlen sie sich nach draußen und huschten durch den Schlossgarten, wo sie sich den Todessern wieder anschlossen, im Trubel unbemerkt. Hunderte Maskierte warteten mehr oder minder geduldig darauf, dass Harry Potter ausgeliefert wurde.
Hermine, Blaise und Draco drängelten sich vor bis zu der Linie, die die Todesser hinter ihrem Herren gebildet hatten. Sie quetschten sich in die erste Reihe. Hermine fühlte die Blicke von Draco und Blaise. Sie waren typisch Slytherin. In der ersten Kampfreihe stehen war etwas, das Hermine machte, aber kein anständiger, auf sich selbst bedachter Slytherin. Was für Feiglinge sie doch waren, dachte Hermine. Ihr Puls raste auch, aber was war ihr Mut im Vergleich zu dem, was Harry bald tun würde? Die Prophezeiung besagte, dass nur einer von beiden leben könne.
Sie spürte Draco neben sich. Langsam schob sie ihre Hand zwischen seine Roben und ergriff seine Hand. Malfoy drückte ihre Hand und streichelte sie mit seinem Daumen. Gut, er war bei ihr. Nach quälenden Minuten schließlich bewegte sich etwas vor dem Schlossportal. Hermine fiel auf, dass Dumbledores Leichnam nicht mehr dort lag, wo sie ihn hatte zuletzt kämpfen sehen.
„Ich bin gekommen, Tom Riddle.", sagte Harry laut und deutlich. „Professor Dumbledore und Professor Snape hast du getötet. Sein Verrat an dir – wieder einmal hast du nichts verstanden, Tom. Aber ich habe, was du möchtest." Harrys despektierliche Art reizte Voldemort ungemein. Hermines Herz klopfte panisch. Snape war tot? Sie hatte ihn doch vorher erst noch gesehen? Was war in dieser Stunde noch alles passiert?
Harry hielt das Diadem hoch. Voldemort ließ ein wütendes Zischen hören. „Dumbledore hat dein Geheimnis durchschaut, Tom. Und ich habe ihm geholfen, deine Werke zu zerstören.", Harry lachte wie verzweifelt. Voldemort scheute den offenen Kampf, aber er konnte nicht weg, wenn er wusste, dass Harry den letzten Horkrux auch noch zerstören würde.
Er trat aus den Reihen der Todesser hervor, auf Harry zu. Dieser machte sich nicht einmal die Mühe, seinen Zauberstab zu heben. „Harry, was tust du da?", flüsterte Hermine entsetzt. Sie hatte das Schwert und Harry provozierte ihn. „Avada Kedavra!", zischte Lord Voldemort.
Harry duckte sich reflexartig und hielt nur den Horkrux in die Reichweite des Fluches. „Nein!", schrie Lord Voldemort. Im selben Moment blitzte der Todesfluch an dem Diadem ab traf einen Todesser aus den eigenen Reihen, der zusammenbrach und sich nicht mehr bewegte. Das Diadem segelte in hohem Bogen aus Harrys Hand. Damit hatten wohl weder der Dunkle Lord noch Harry gerechnet. Beide hatten wohl gedacht, dass der Fluch ausreichen musste, um den Horkrux zu zerstören. Offenbar nicht, wenn er in einem derart machtvollen Objekt untergebracht war.
Voldemort begann zu lachen, als er realisierte, dass Harry sein bestes Druckmittel verspielt hatte. „Accio Diadem!", rief Harry. Nichts passierte. Ein Todesser hechtete danach, warf es hoch, und das Schmuckstück fiel in Riddles Hände. Hermine umklammerte den Griff des Schwertes, das sie unter ihren Roben versteckt hatte.
Harry und Lord Voldemort fochten ein Blickduell aus, jeder wartete auf den Angriff seines Gegners.
Hermine demaskierte sich, als Harry in ihre Richtung blickte. Dann zog sie das Schwert und stürzte nach vorn, um sich zum zweiten Mal innerhalb weniger Stunden gegen Lord Voldemort zu stellen. Harry feuerte den ersten Fluch ab. Voldemort sah sie kommen und es brauchte nicht mehr als eine Handbewegung seinerseits, um Hermine beiseite zu wischen wie ein lästiges Insekt. Hermine prallte gegen die steinerne Treppe, ihr Handgelenk knackte unheilvoll und Godric Gryffindors Schwert wurde ihr von dem Aufprall aus der Hand gerissen. Harrys nächster Schutzzauber ließ Voldemort in seiner Wucht straucheln; reflexartig ließ er das Diadem fallen.
Und dann brach die Hölle los. Das Portal des Schlosses öffnete sich und nur Sekundenbruchteile später duellierten sich Todesser wie Verteidiger des Schlosses. Hermine wurde überrannt. Sie versuchte verzweifelt, zu dem Schwert zu gelangen. Als sie es nach Sekunden wertvoller Zeit endlich zu fassen bekam, wurde ihr klar, dass sie es mit ihrer gebrochenen Hand nicht benutzen konnte. Sie richtete sich auf und wehrte verirrte Zauber mit einem Schildzauber ab. Langsam, viel zu langsam kroch sie auf Harry und Voldemort zu. Niemand unterbrach ihren Kampf, alle duellierten sich um sie herum.
Das Diadem lag neben Voldemorts Füßen. Es war zu weit weg. Im nächsten Moment sah sie einen Todesser, der sich nahe genug vor wagte, gedeckt von einem anderen, um das Diadem an sich zu nehmen. „Nein!", keuchte Hermine atemlos. Es durfte nicht verloren gehen! Das Duo wandte sich um und kämpfte sich langsam zu Hermine vor. Der mit dem Horkrux ließ seine Maske fallen und Hermine sah am blonden Haar, dass es Draco Malfoy war. Sie ließ ihre Schutzzauber fallen, nahm mit der gesunden Hand das Schwert und warf es Draco zu. Es war ein ungeschickter Wurf, doch das Schwert landete nahe bei seinen Füßen.
Ein Fluch traf Hermine und ihre Füße klappten unter ihr weg. Sie fiel um, auf ihre gebrochene Hand. Ein stechender Schmerz durchfuhr sie und für einen Moment wurde ihr schwarz vor Augen.
Sie war gelähmt und sah, wie Draco Malfoy das Schwert anhob und mit aller Gewalt in das Diadem rammte. Ein schrilles Kreischen ertönte und der Horkrux löste sich in der Luft auf. Von Voldemort kam ein wütendes Knurren. Er duellierte sich nun noch verbitterter mit Harry, während eine ganze Todesserschar über Draco und Blaise herfiel. Sein blonder Haarschopf war das letzte, das sie von ihm sah.
Jemand löste den Zauber und zog Hermine auf die Beine, drückte ihr den Zauberstab in die Hand. „Los, Hermine!", schrie Ginny sie an. „Gib mir Deckung, Ginny!", schnaufte Hermine. Ginny sprach Schildzauber aus, während Hermine ihre Hand heilte. Normalerweise dauerte es Stunden, einen Bruch zu behandeln, aber die dunkle Heilmagie aus Malfoys Büchern ermöglichte es in Sekundenschnelle. Hermine wollte gar nicht wissen, was es sie kostete, diese Dunkle Magie anzuwenden.
Sie sprang auf ihre Füße und blickte sich nach Draco um. Er war nirgends zu sehen. Ein Todesser kam auf Hermine zu und sie duellierte sich mit ihm, es war ein einfacher Sieg für sie. Ein Todesser nach dem anderen fiel unter ihren Flüchen, sie kannte ihre Kampftechniken ja selbst am besten. Langsam schien der Orden nach vorne zu rücken.
Ein mörderischer Siegesschrei ertönte. Alle Kämpfe stoppten, Hermine ließ ihren Zauberstab sinken und sah, dass Harry zu Boden gegangen war. Er stand nicht wieder auf.
„Hogwarts! Harry Potter ist gefallen, ergebt euch jetzt!", ertönte Voldemorts magische Stimme über das Schlossgelände.
Hermine ließ ihren Zauberstab kraftlos sinken. Hagrid stürmte vorbei und hob den toten Harry auf, wollte ihn wegtragen… es war alles umsonst gewesen? Harry war für sie alle gestorben, doch wofür?
Todesser und Ordensmitglieder trennten sich und Hermine nutzte die Chance, sich wieder zu maskieren. Mit etwas Glück konnte sie sich noch einmal unter der grauen Maske unerkannt in die Reihen des Feindes begeben. Sie musste Draco finden. Er hatte genauso wie sie Hochverrat begangen und sie mochte sich nicht vorstellen, was die Todesser mit Verrätern wie ihm anstellten. Sie musste es sich auch nicht vorstellen, sie wusste es auch so. Und es war Dumbledores Wille gewesen, dass sie auf ihn aufpasste und ihn rettete.
Lord Voldemort war verschwunden, die Todesser kesselten die Ordensleute ein und Hermine nahm rasch einen Platz in der Reihe der Todesser ein. Der Dunkle Lord schritt die Stufen des Portals hinauf und verkündete seinen Sieg: „Nun hat sich gezeigt, dass Harry Potters Macht nicht so groß war wie Dumbledore immer behauptet hat! Von heute an herrsche ich über euch! Wenn ihr euch ergebt und alle Schlammblüter ausliefert, so wird euch nichts geschehen!"
„Nicht so schnell, Tom!", sagte jemand laut und die Reihen öffneten sich, um Harry Potter hindurch zu lassen. Mit einem jähzornigen Aufschrei stürzte Tom Riddle nach vorne und schrie erneut: „Avada Kedavra!" Und Harry rief: „Expelliarmus!" Ihre Zauberstäbe verbanden sich und während Hermine nur fasziniert zusehen konnte, machte sich neuer Kampfesgeist bei den Verteidigern Hogwarts' breit.
Harry brach die Verbindung und der Todesfluch prallte zurück auf Lord Voldemort. Mit einem lauten Aufschrei barst sein Körper. Zerfetzt blieb er am Boden liegen.
Nun wandte sich das Blatt in Sekundenschnelle. Hermine wurde entwaffnet, bevor sie etwas unternehmen konnte, ebenso alle anderen Todesser, die innerhalb der Apparitionssperre von Hogwarts waren.
Minerva McGonagall hatte die Führung übernommen. Sie schickte Fesselflüche überall hin und die Ordensmitglieder nahmen alle fest. „Professor McGonagall!", rief Hermine, „Bitte, ich bin es, Hermine Granger!" Ihr Professor kam und sah sie musternd an. Sie schnappte sich Hermines Arm und entblößte das Dunkle Mal. „Miss…Granger!? Wir glaubten Sie tot! Warum… was tun Sie? Es tut mir leid, aber sicher ist sicher." Damit wandte sie sich ab und überließ Hermine ihrem Schicksal. Wo war Harry? Sie sah weiter drüben, dass sich Ginny über seine erschöpfte Gestalt beugte. Er konnte ihr auch nicht helfen.
Wenige Augenblicke später erschienen die ersten Mitarbeiter des Zaubereiministeriums. Auroren und die Magischen Strafverfolger. Wer noch nicht demaskiert war, dem wurde seine Maske abgenommen, die Fesseln wurden verstärkt und irgendwann wurde auch Hermine abgeführt. Es hieß, dass Kingsley Shacklebolt im Moment des Falls von Voldemort das Ministerium in den Griff bekommen habe, erzählten sich Auroren und Ordensmitglieder.
Zusammengepfercht in riesigen Gitterboxen wurden sie nach Askaban transferiert. Alle mit Masken, schwarzen Roben und Dunklem Mal waren mitgenommen worden. Auch der ein oder andere Todesseranwärter, wie Hermine in der Menschenmenge erkannte. Immer wieder brachen Streit und Tumult aus und Hermine hoffte inständig, dass sie keiner erkannte und angriff. Hier drin, zwischen all den Männern, war sie ohne ihren Zauberstab komplett wehrlos und niemand da draußen würde ihr zu Hilfe kommen.
Hermine hatte furchtbare Angst vor Askaban. Ohne ihren Patronuszauber, wer sollte ihr da helfen gegen die Dementoren?
In dem Gefängnis wurden sie getrennt und in Kerker geworfen, zehn Personen pro Verlies. Gegenüber konnte man noch Gefangene erkennen, mehr allerdings nicht. Es stank, es war laut und die Eiseskälte der Dementoren glitt über sie hinweg, eine konstante Erinnerung der Schuld, die sie in den Augen der gerechten Bürger auf sich geladen hatten.
Hermine blickte sich um und sah in ihrer Zelle neben zahlreichen unbekannten Gesichtern ein bekanntes… Blaise! Er saß am Boden und lehnte halb ohnmächtig an der nasskalten, modrigen Wand. „Blaise!", wisperte Hermine, „Bist du ok? Ich bin es!" Blaise öffnete ein geschwollenes Auge und legte seinen Zeigefinger gegen seine Lippen. „Geh!", flüsterte er und Hermine ging verwirrt zurück an ihren Platz an den Gitterstäben des Verlieses.
Sie bemerkte die Blicke der Männer, die ihr misstrauisch folgten. Hermine lief es kalt den Rücken hinunter. Wenn jemand sah, wer sie wirklich war. Eine Frau und Hermine Granger, das Schlammblut des Goldenen Trios, wie man sie gelegentlich nannte… dann wäre ihr Leben hier verwirkt. Sie hoffte, dass Harry um ihre Freilassung kämpfte. Aber hier erfuhr man nichts, hier stand die Zeit still. Der einzige Lichtblick, so traurig es auch war, kam zu dem Zeitpunkt, wenn der Wärter den Eimer für die Notdurft leerte und fades Essen stehen ließ. Dann war auf einmal das Gefühl der Dementoren weg, der Patronus des Wärters strahlte auch auf die Gefangenen ab. Hermine aß nichts, ließ die Männer darüber streiten, trank nur ein paar Schlucke Wasser aus dem Krug. Und nur, wenn alle schliefen, benutzte sie den Kübel. Sie ignorierte Blaise und tauschte nur heimlich verstohlene Blicke mit ihm aus.
Wenn sie nur wüsste, ob Draco Malfoy noch lebte!
Einmal, als Blaise sich erhob und zum Wasserkrug ging, tat Hermine es ihm gleich. „Draco…", flüsterte sie nur. Blaise blickte sie schmerzerfüllt an und zuckte mit seinen Schultern. Er wusste es auch nicht. Hermine schob sich zum Trost den Ärmel nach oben und betrachtete ihren Otter. Draco hatte ihn gemalt, sie erinnerte sich noch gut daran, wie sie seine aristokratischen Gesichtszüge im Schein des Feuers bewundert hatte. Für Wochen hatte sie vor der Schlacht nichts von der DAA durch ihr Tattoo vernommen. Hatte Malfoy gewusst, dass Blaise sie erst abgeschnitten und dann wieder aufgenommen, als er durch sein Dunkles Mal gespürt hatte, dass es auf das Ende zuging?
Hermine schlief auch nicht. Sie hatte Angst, dass jemand sie entdecken könnte. Sie wehrlos missbrauchen und töten könnte. Die Werwölfe hatten wohl ihr eigenes Verlies bekommen, aber den anderen hier war genauso wenig zu trauen. Und Blaise konnte sie auch nicht gegen acht andere Männer verteidigen.
Zuerst hörte sie, wie immer wieder Menschen kamen, sich Tore öffneten und schlossen. Immer und immer wieder. Dann wurden Menschen, Todesser, vorbeigeführt. Nicht mehr in den schwarzen Roben wie Hermine und alle anderen in ihrem Kerker sie noch trugen, sondern graue, verwaschene Roben, Häftlingsuniformen.
Tagelang hörten und sahen sie Todesser gehen und Stunden später wieder kommen.
„Wo ist sie?", hörte Hermine auf einmal eine wütende Stimme. „Führt mich sofort zu ihr!" Schrill hallte eine Frauenstimme in den Kerkern wider. Das war doch… Molly Weasley?
