SALVATION

Copyrights 343 Industries & Bioware

(V1.0)

0710 Uhr, 03. Mai, 2596 (Militärkalender)

Verteidigungsministerium, Calais, Arcadis

Eidera System, (Linwood Sektor), Äußere Kolonien

„Bitte Sir." Ein junger Soldat hielt ihm zuvorkommend die Tür auf.

„Danke." William betrat, wie schon häufiger diese Woche das große Gebäude, indem alle Fäden der Army aus dem Linwood Sektor zusammenliefen.

Wie jedes Mal in den vergangenen Tagen, war sein Ziel das Büro von Major Fredricks. Sie hatte den mit Abstand größten und schönsten Raum im ganzen Ministerium für sich beansprucht. Ihr Arbeitszimmer war um einiges größer als das seine und von dort hatte man einen wundervollen Blick auf die Straßen von Calais.

Vor allem bei Sonnenaufgang.

Möglich wurde diese Aussicht durch die 14m lange und drei Meter hohe halbkreisförmige Glaswand, welche die komplette Zimmerseite zur Straße hin einnahm. Früher wurde der Raum für Präsentationen genutzt und ist deswegen mit einem leistungsstarken Holoprojektor ausgestattet.

Ein mittlerweile vertrauter Anblick bot sich ihm, als er nach einen unbeantworteten Klopfen die Tür öffnete.

Datenpads, Bücher und einige andere Dinge die er nicht erkannte lagen unbeachtet überall auf dem Boden. Auf ihrem Schreibtisch stand noch immer die alte Kaffeetasse von Vorgestern und einige Fensterbereiche waren mit altmodischen Papierkarten von Straßen, Gebäuden oder ausgedruckten Satellitenaufnahmen zugeklebt. Eine der Karten sprang ihm sofort ins Auge. Es war eine Luftbildaufnahme von Calais und ihrer Umgebung.

An verschiedenen Orten hatte Anabelle kleine zusätzliche Zettel angeheftete, auf denen weitere Informationen notiert waren. Nur auf einem der gelben Notizzettel war ein fettes Fragezeichen gemalt.

Fort Green. Die Militärbasis lag außerhalb der Stadtgrenze gut versteckt im Wald und schmiegte sich an die hinter ihr emporstreckende Gebirgskette. Am unteren Bereich des Stützpunktes, dort wo keine Berge als natürliche Hindernisse waren, hatte man hohe Betonmauern errichtet und diese mit zusätzlichen Türmen und Aussichtsplattformen befestigt. Durch ihre hervorragende Lage an der Bergkette, konnte man die Basis nur von einer Seite erreichen, was es sehr einfach machte diese im Ernstfall zu Verteidigen.

„Haben sie bitte noch einen Moment Geduld Sir. Ich bin gleich bei ihnen."

Mit zusammengekniffenen Augen suchte Grand nach dem Herkunftsort ihrer Stimme, bis er nach einigen Sekunden eine kniende Anabelle fand, inmitten einer holografischen Stadt. Wundernd, dass ihm das große Hologramm bis jetzt nicht aufgefallen war, ging er zu ihr hinüber.

Der Projektor war das eigentliche Highlight des Raumes, er konnte ganze Städte in 3D auf den Boden werfen, Schlachten simulieren oder Filme abspielen. Durch das Berühren eines der Gebäude, konnte man sich zusätzliche Informationen darüber anzeigen lassen. Zum Beispiel wie alt es war, welche Geschäfte es darin gab und deren Öffnungszeiten.

Zivilisten nutzen diese Möglichkeiten gerne um Routen zu planen oder neue Geschäfte in den Städten zu entdecken. Für den normalen Bürger war es eine tollte Sache, aber William glaubte kaum das die junge Frau vor ihm gerade nach einem neuen Schuhgeschäft suchte.

„Probleme?", fragte er nach einer kurzen Pause, in der erfolglos versuchte die unbekannte Stadt zu identifizieren.

„Ja und nein. Irgendwas passt mit meiner Authentifizierung nicht." Sie stöhnte leise auf, ließ sich langsam nach hinten sinken und saß jetzt vor einem großen Gebäudekomplex.

William machte einige Schritte um sie herum und ging neben ihr in die Hocke. Jetzt konnte er auch die Bauten erkennen. Definitiv UNSC. Es war ein Militärstützpunkt, wie Fort Green.

„Charlotte hat sie doch freischalten lassen oder nicht?"

„Doch hat sie. Ich kann ja auf alles zugreifen nur auf die unterirdischen Anlagen in diesem Bereich nicht." Sie deutete mit ihrem Zeigefinger auf einen rot markierten Bereich tief in der Erde.

„Was ist mit den anderen Bunkeranlagen?"

„Kein Problem. Nur die macht mir Schwierigkeiten. Ich kann nicht einmal erkennen ob es dahinter weitergeht und wie weit." Fredrick massierte sich erschöpft die Stirn.

„Was ist das eigentlich für eine Stadt?"

„Palisa, die Hauptstadt von Halea", kam es nach einer kurzen Pause. „Der Witz daran ist, es ist nicht die erste Anlage. Gestern wollte ich auf den Bunker in Fort Green zugreifen und dort war es genauso."

„Hmm, seltsam."

Grand wandte seinen Blick kurz von dem Hologramm ab und starrte nach draußen. Normalerweise sollte sie auf alle Anlagen Zugriff haben, er hatte Charlotte dafür extra beauftragt ihr die Freischaltung zu besorgen. Sie war seiner Bitte auch nachgekommen, die junge Offizierin hatte alles bekommen was sie benötigte: Zugriffscodes und die Erlaubnis Informationen über alle Einrichtungen einzuholen.

„Charlotte melde Miss Fredricks bitte ab und mich an."

Er wartete einige Sekunden, aber nichts geschah.

„Charlotte? "

Die junge Offizierin schaute ihn mit einem leicht belustigten Blick an.

„Was?"

"Sir, Charlotte befindet sich zurzeit im Krankenhaus. Schon vergessen?"

Natürlich.

Er hatte ihren Datenchip noch persönlich dort abgeben. Soweit er wusste wurde ihrer Datenmatrix gerade in einem Körper hochgeladen, es würde noch einige Tage dauern bis der Prozess abgeschlossen ist. Danach würde man sie noch drei weitere Tage im künstlichen Koma lassen, bevor man beginnen würde sie aufzuwecken. Für die meisten KIs war die erste Zeit sowieso chaotisch.

Sie hatten mit hunderten neuen Eindrücken, Emotionen und Erfahrungen zu kämpfen.

Hunger. Durst. Das erste Mal die Wärme der Sonne im Gesicht spüren.

All das war neu und ungewohnt. Sie mussten lernen zu Laufen und zu schreiben. Dinge, die jeder Mensch schon als Kind erlernt hatte. Wenn alles gut lief konnte er sie in einer Woche besuchen, aber bis dahin musste er geduldig bleiben.

„Gewohnheit", erwiderte er. „Julia melde mich bitte an."

Eine 20cm große, junge Frau mit langen hellbraunen Haaren, die zu einem Dutt hochgesteckt waren, erschien vor ihm. Ihr helles weißes Kleid schien wie ihm Wind zu wehen, während sie sich auf eines der Miniaturwolkenkratzer niederließ.

„Erledigt." Die ganze Szene erinnerte ihn irgendwie an einen alten Film aus dem 20. Jahrhundert.

„Lieutenant Enfield hat ihnen außerdem einige Dokumente zukommen lassen."

„Worüber?"

„Weiß ich nicht, die Daten sind verschlüsselt."

„Egal. Enfield kommt später sowieso vorbei, so dringend wird es ja nicht sein", erwiderte er. „Sag ihr sie soll hierher kommen", fügte er noch hinzu bevor er sich wieder seinem kleinen Problem zuwandte. Mit einigen geübten Handbewegungen vergrößerte er das betreffende Gelände.

Nun da die Stadt verschwunden war und nur noch die Bunkeranlage am und im Berg zu sehen war, erkannte Grand die wahre Größe des Komplexes. Die riesigen Höhlen der alten Mienenanlage hatte man zu gigantischen Lagerstätten für Güter, Waffen und Fahrzeuge umgebaut. Der Bunker konnte ohne Probleme über 15000 Soldaten beherbergen, ohne die zusätzlichen Einrichtungen an der Oberfläche.

Dennoch waren viele, vor allem in den unteren Ebenen, liegende Stollen noch gar nicht oder nur teilweiße ausgebaut. Viele der Räume standen leer und es schien, als hätte man damals vorgehabt mehr als eine Division dort zu stationieren. William schätzte, dass etwa zwei bis vier Divisionen dort Platz hätten.

„Ziemlich beeindruckend nicht wahr?", kam es von Anabelle. Nickend stimme er ihr zu.

Die ganze Anlage lag mehrere hundert Meter tief unter der Wasseroberfläche, zusätzlich lagen darüber noch einmal genauso viele Meter Stein und Geröll. Bei einer Stadt dieser Größe, auf einem Planeten ohne wirkliche strategische Bedeutung, hatte man dort eine Menge Material und Personal stationiert. Was ihn aber am meisten interessierte lag ganz unten.

Dort wo der riesige Lastenaufzug endete war nur ein großes Tor, durch dem ein Mammoth ohne Schwierigkeiten hindurchpassen würde. Alles was hinter dem Tor lag war so verschwommen das man nicht mehr erkennen konnte. Je nach Rang und Sicherheitsfreigabe konnte man so festlegen wer auf was zugreifen durfte. Für Zivilisten waren alle militärischen Anlagen unkenntlich gemacht worden, für ihn als obersten Befehlshaber in diesem Sektor sollte eine solche Sperre theoretisch gar nicht existieren.

Theoretisch. Dennoch war sie da.

Das kleine Fenster blinkte in einem dunklen Rot, als wäre es über die Neugier der beiden Offiziere verärgert. Einige erfolglose Versuche später, platzte dem Admiral endgültig der Kragen.

„Julia schick eine Nachricht an den verantwortlichen Offizier. Sag ihm er soll mit dem Aufzug zu dem verfluchten Tor hinunterfahren, es öffnen und mir einen Bericht zukommen lassen was dahinter ist."

„Aye Sir", kam es von der jungen KI. Ihr Hologramm begann zu verblassen und lies ihn und Major Fredricks alleine in dem großen Raum zurück.

Anabelle beneidete die künstliche Intelligenz – sich in Luft aufzulösen wäre in Situationen wie dieser äußerst praktisch.

„Sir?", begann die junge Farbige nach einigen Minuten vorsichtig. Ihr Vorgesetzter glotzte immer noch verärgert auf den gesperrten Bereich. Als sie keine Antwort bekam fuhr sie zögerlich fort.

„Wir haben die gleiche Situation in Fort Green", erinnerte ihn die braunäugige Offizierin.

Sie bekam nur einen mürrischen Blick zu zugeworfen und innerlich stählte sie sich bereits für den kommenden Anpfiff. Seit Charlotte nicht mehr zur Verfügung stand, kam es ab und an mal vor, dass einer seiner Soldaten seinen Verdruss zu spüren bekam. Julia versuchte zwar die entstandene Lücke bestmöglich zu füllen, aber man merkte ihr an, dass sie noch nicht die Abgebrühtheit und die Erfahrung ihrer Vorgängerin besaß.

„Zeigen sie es mir", kam die kurze Antwort.

Dankbar, dass sie nicht in die Schusslinie seiner verstimmten Laune gekommen war, ließ sie die Bunkeranlage auf Palisa verschwinden und ersetzte sie durch Fort Green.

Fort Green war 5-mal größer als irgendein vergleichbarer UNSC Stützpunkt im Linwood-Sektor. Er war das Zuhause von mehr als 250.000 Army Soldaten und 17.000 zivilen Mitarbeitern. Die Basis besaß fünf Landebahnen, mehrere Fusionsgeneratoren für die Erzeugung von Strom, eigene Fabriken für die Herstellung von Waffen, Fahrzeugen und Munition und Gott weiß noch alles.

Wie auf Palisa hatte weder Fredricks noch er Zugriff auf die untersten Anlagen, aber im Gegensatz zu Halea konnten sie hier direkt auf das interne Netzwerk der Festung zugreifen.

„Julia verbinde dich mit dem Netzwerk und finde heraus was dort unten nicht stimmt." „

Diagnose läuft Admiral Grand", kam ihre leise Stimme aus den Lautsprechern.

„Ich kann keine Verbindung mit den unteren Ebenen herstellen."

„Warum nicht?" fragte Anabelle.

„Weil die dieser Teil der Anlage nicht mit dem Netzwerk verbunden ist."

„Dann wurden die Verbindungen entfernt?"

„Nein."

„Huh?" Julias kleiner Avatar erschien wieder im Hologramm und blickte kurz zu der verwirrten Frau und deute dann mit einen ihrer schlanken Finger auf den rot eingefärbten Bereich.

„Das System innerhalb dieses Bereiches ist komplett abgeschottet und es gibt keine Verbindungen hinein oder hinaus."

„Man wollte wohl verhindern, dass jemand von außen hineinkommt", murmelte der Major.

„Oder hinaus", fügte William hinzu.

„Glauben sie, das UNSC hat dort unten irgendwelche Experimente durchgeführt?"

„Nein nicht wirklich Major. Wenn man an irgendwas rumexperimentieren, will sucht man sich einen abgelegenen Ort und tut dies nicht 50km entfernt von einer 32 Millionenstadt."

„Admiral, Lieutenant Enfield hat soeben die Pforte passiert und ist auf dem Weg zu ihnen", teilte ihm seine KI mit.

„Danke." Er wandte sich an die Frau mit den dunkelbraunen Augen.

„Machen wir eine Pause Fredricks, vielleicht hat Enfield was Interessantes zu berichten."


„Sie ist gleich da Sir."

William schaute kurz zu dem Hologramm der KI hinüber. Wiederwillig erhob er sich von dem gemütlichen Sofa, durchquerte den Raum, öffnete die Tür mit einem Ruck und blickte in das erschrockene Gesicht von seinem Lieutenant.

„Umm … Sir", sie salutierte.

„Rühren", erwiderte er. „Kommen sie rein."

„Hallo Lieutenant, schön dass sie da sind", grüßte Anabelle freundlich.

„Ma'am." Die Blonde legte ihren mitgebrachten Koffer auf den Tisch. „

Sie haben was für mich?", fragte Grand ein wenig neugierig.

„Ja. Haben sie meine geschickten Dokumente gelesen?"

„Nein, wir hatten – haben noch immer Probleme mit den Freischaltungscodes."

„Ok. Nun ich hab neue Informationen über ...", sie verstummte kurz und ließ ihren Blick zu der anderen Offizierin schweifen. „… über das Projekt Noah."

Er hatte mit vielem gerechnet, aber nicht damit.

Alles was sie zu ihrer kleinen Schnitzeljagd herausfinden konnten endete in einer Sackgasse oder stellte sich als Falschinformation heraus und als mehrere Monate ohne neue Informationen verstrichen waren, hatte er das ganze Unterfangen in seinem Kopf bereits zu den Akten gelegt.

Enfield anscheinend nicht.

Grand hatte immer wieder mal mitbekommen, dass sie und Charlotte tausende Dokumente nach Hinweisen durchforschten, fündig wurden sie allerdings nicht. Bis jetzt.

„Noah Sir?", kam es interessiert von der Braunhaarigen.

Weder sie noch seine jetzige künstliche Intelligenz wussten davon. Ohne neue Erkenntnisse hatte er bis jetzt auch keinen Sinn darin gesehen sie in das Unterfangen einzuweihen.

Je weniger Menschen davon wussten, umso besser.

„Alles was ich jetzt sage bleibt vertraulich unter uns. Verstanden Major?"

„Ja, Admiral." Ihre Augen glühten vor Neugier.

„Das gleiche glitt für dich Julia."

„Wenn sie wollen kann ich denn Raum verlassen."

„Blödsinn, früher oder später hättest du sowieso etwas mitbekommen." Ihr kleines Hologramm blinkte vor Freude.

„Ich gebe euch die Kurzfassung: Kurz nach meiner Ankunft im Linwood-Sektor stieß ich im meinem jetzigen Büro auf mehrere Festplatten die verschlüsselte Dateien über ein Projekt mit dem Namen Noah enthielten. Die meisten hinterlegten Dokumente waren aber zu stark beschädigt oder gelöscht. Alles was wir herausfinden konnten war, dass etwa um 2552 herum viel Geld, Material und Personal in einige Systeme außerhalb der Grenzen flossen. Um was es sich aber genau handelt oder wo deren genauer Aufenthaltsort liegt, ist bis jetzt allerdings unbekannt."

Er nickte Enfield zu. „Sie sind dran."

Lorena strich sich durch ihre blonden Haare. „Egal um was es sich handelt, bei einem Projekt dieser Größe mussten Unmengen an Material und Personal herangeschafft werden. Lebensmittel, Baumaterialien, Personal, Waffen, alles was man so brauchen könnte. Also haben wir beschlossen nach möglichen Schiffen zu suchen, die für diese Aufgabe infrage kämen. Da es sich um kein militärisches Schiff handeln konnte und die meisten zivilen Schiffe in dieser Zeit einfach zu klein waren um die erforderlichen Ressourcen zu transportieren, blieb eigentlich nur noch ein Typ übrig."

Sie ließ ein großes 3D Modell eines 2,5km langen Schiffes erscheinen, an der Stelle wo noch Minuten zuvor die Bunkeranlagen von Fort Green zu sehen waren.

„Ein Phoenix-Klasse Kolonieschiff. Groß genug um alles unter zu bringen was man für einen Außenposten oder einer neuen Kolonie benötigt."

„Damals gab es dutzende solcher Schiffe, die im Krieg gegen die Allianz hier in diesen Systemen unterwegs waren, sei es um Flüchtlinge abzuladen oder Material und Soldaten an die Front zu bringen", warf Grand dazwischen.

„Korrekt, aber nach etwas Recherchieren bin ich auf eine Anomalie bei einem der Schiffe gestoßen. Die UNSC Clinton. Sie hat vier Versorgungsflüge von Oria nach Eternis unternommen, für eine Firma mit dem Namen Merida Industry. Auf Nachfrage haben mir die lokalen Behörden auf Eternis mitgeteilt, dass bei ihnen nie ein Schiff mit diesem Namen angekommen sei. Die Firma Merida Industry hat es anscheinen auch nie geben, weder in diesem Sektor noch in einem anderen war sie in einem Handelsregister hinterlegt. Alles was ich gefunden habe war eine verlassene Lagerhalle und ein inaktives Konto bei einer kleinen Bank."

„Können wir nicht herausfinden wer das Konto eröffnet hat?", schlug Julia vor.

„Hab ich schon überprüft."

„Und?"

„Der Kerl von der Bank wusste nichts von diesem Konto oder wer es eröffnet hat."

„Man kann nicht einfach so ein Konto eröffnen, ohne Angaben", meinte Anabelle nachdenklich. „Jemand hat sich ins System gehackt. Oder?" „Das denke ich auch Admiral", erwiderte Enfield.

„Die einzige Organisation die in der Lage wäre dauerhaft und unbemerkt die Sicherheitssysteme einer Bank zu umgehen ist…"

„ONI", vollendete Grand den Satz.

„Ganz genau. Und bei denen brauchen wir nicht nachfragen. Wenn die davon Wind bekommen erfahren wir nie was sich hinter all dem verbirgt." „Also stecken wir in einer Sackgasse", murmelte die andere Soldatin enttäuscht.

„Wir haben vielleicht noch eine Chance", sagte Lorena mit einem breiten Grinsen im Gesicht. „Ich konnte die UNSC Clinton ausfindig machen."#

„Sie ist noch aktiv?", wollte Grand ungläubig wissen.

„Aktiv nicht, aber noch intakt. Raten sie mal wo sie momentan ist Sir."

„Keine Ahnung."

„Ich gebe ihnen einen Tipp. Es gibt dort einen Haufen Schrott."

„Agrion?!" Sie nickte zustimmend mit dem Kopf.

„Die Clinton wartet dort immer noch auf ihre Verschrottung - seit über vier Jahrzehnten! Wir sollten ein Team schicken um mögliche, zurückgelassene Informationen zu bergen."

„Sehe ich auch so Lieutenant. Packen sie ihre Sachen und bereiten sie sich vor."

„Wo treffen wir uns Admiral?", kakte die blonde Offizierin nach.

„Sie gehen allein.", bekam sie als überraschende Antwort.

„Bitte was?", stammelte sie überrumpelt.

„Die Nightfall sollte sich noch im Orbit befinden, dort treffen sie sich mit Shepards Team und mit seiner Hilfe bergen sie alles was nützlich sein könnte. Sie übernehmen das Kommando für diese Operation, je weniger die Crew des Schiffes weiß desto besser. Julia informiert in der Zwischenzeit den Captain der Nightfall."

Grand ging zu den Fenstern hinüber und blickte in die grobe Richtung von Fort Green. Seine Hände verschränkte er hinter seinen Rücken.

„Major Fredricks und ich werden einen kleinen Ausflug in die Berge machen. Fragen?"

Julia war die erste die das Wort ergriff. „Ich habe die Befehle an die Nightfall weitergeleitet, zudem habe ich den angesetzten Termin zur Routineinspektion des Schiffes nach vorne verlegt. Das verschafft Lieutenant Enfield und der Fregatte ein Alibi für ihre kurzfristige Ankunft."

„Gut mitgedacht", lobte William sie.

„Ich bereite mich vor und organisiere einen Pelican. Wenn sie breit sind sagen sie Bescheid."

Der Major salutierte und verließ das Büro. Zurück blieb nur eine immer noch verunsichert dreinschauende Lorena.

„Was wenn es sich als eine Sackgasse herausstellt?"

„Dann stehen wir eben wieder am Anfangt", antwortete er mit einem Schulterzucken, bevor er fortfuhr. „Sie kriegen das hin Lieutenant. Sehen sie es als kleine Praxisübung", versuchte er sie aufzubauen.

„Für was?" „Für die Zukunft. Sie haben Potenzial Enfield, sie wissen es nur nicht."

„Wohl kaum", seufzte die Frau.

„Wir werden sehen." Er deute in Richtung Tür. „Und jetzt gehen sie, ihr Schiff wartet."

„Aye, Aye Admiral", verabschiedete sie sich und schloss die Tür hinter sich.

Zurück blieben nur William und das seit Monaten immer wieder zurückkommende Gefühl, dass irgendetwas nicht stimmte.


1140 Uhr, 03. Mai, 2596 (Militärkalender)

Über den Dächern der Stadt, Calais, Arcadis

Eidera System, (Linwood Sektor), Äußere Kolonien

Mühelos glitt der alte D77H-TCI Pelican mit seinen zwei Passagieren im Laderaum über die Dächer der Millionenmetropole.

Unter ihnen herrschte reges Treiben. Viele Einwohner der Stadt genossen die mittägliche Sonne in den zahlreich angelegten Parkanlagen oder faulenzten an den Sandstränden am Flussufer. William verfluchte sich nicht zum ersten Mal in diesem Jahr für seine dämlichen Ideen.

Statt wie der Rest der Bevölkerung das wunderschöne Wetter und die Wärme zu genießen, saß er mit seiner grau-schwarzen BDU im Laderaum und starrte durch das offene Heck auf die vorbeiziehende Landschaft unter ihm.

Trotz der offenen Lucke war es viel zu heiß. Vielleicht hätte er einfach seine weiße Ausgehuniform anlassen sollen, andererseits bot seine normale weiße Uniform keinen zusätzlichen Schutz wie die BDU.

Sie bot neben der grauen Schutzweste ein Holster für eine Pistole und noch zwei kleinere Softcases, in denen man zusätzliche Munition oder andere Kleinigkeiten verstauen konnte. Die BDU war eine Mischung aus Uniform und Kampfrüstung, die speziell für Offiziere entwickelt wurde, um sie in direkten Auseinandersetzungen mit dem Feind besser vor Verletzungen zu schützen.

Ihm gegenüber saß Major Fredricks. Sie hatte ihre Augen geschlossen und genoss sichtlich die kurze Ruhepause.

Wie sie es schaffte so entspannt zu sein war ihm ein Rätsel.

Im Gegensatz zu ihm trug sie die volle Kampfmontur eines Army Soldaten. Ausgerüstet war sie mit einer Panzerung für die Brust, Schultern, Knie und Oberschenkel, mehreren Granaten, einem Messer und einem Rucksack, der momentan zwischen ihren Beinen auf dem Boden lag. Hinzu kamen noch eine geholsterte Pistole und ein entsichertes Sturmgewehr, das sich auf einen der freien Plätze neben ihr befand.

Es sah mehr so aus als wolle Anabelle in den Krieg ziehen, als mit dem Admiral eine alte Bunkeranlage zu erkunden. Als er sie darauf ansprach, meinte sie nur Vorsicht ist besser als Nachsicht und solange sie ihre Ausrüstung selber schleppte war es ihm auch egal.

„Noch ca. fünf Minuten bis Ankunft Sir", informierte ihn der Copilot.

Auf den Weg zur Rampe klopfte er ihr kurz auf die Schulter.

„Aufwachen Major, ihr Nickerchen ist vorbei." Hinter sich hörte er nur einen gequälten Seufzer gefolgt von einem lauten Gähnen. Einige Sekunden später stand sie neben ihm an der Luke und beobachte den unter ihnen liegenden Stützpunkt.

„Ausgeschlafen?", fragte er. Die Antwort bestand aus einem müden Blick und einem leisen Grunzen. Durch den Pelican ging ein Ruck, als er mit lautem Getöse auf einem Landepad vor dem Flugzeughangar landete. Die beiden verließen das Flugzeug und steuerten auf einen bereits winkenden Soldaten zu, der vor einem Transportwarthog stand.

„Guten Tag Sir, ich soll sie zu Major Stumpf bringen", brüllte der jung Soldat über den Lärm der Triebwerke hinweg.

„Dann lassen sie uns gehen."

Grand drehte sich noch einmal um und gab den, im Heck warteten Piloten, ein kurzes Handzeichen. William machte es sich in dem Beifahrersitz des Fahrzeuges gemütlich und beobachtete wie sich das Flugzeug zurück in die Lüfte erhob, um danach hinter den Baumwipfeln des umliegenden Waldes zu verschwinden.


C-73.

Das war die offizielle Nummerierung des Bunkers. Eines Versorgungsbunkers um genauer zu werden. V

on diesen gab es vermutlich einige auf der Basis. Was William aber am meisten enttäuschte war die Sache, dass es nichts Auffälliges an dem Gebäude gab. Im Inneren konnte er zahlreiche Mechaniker erkenne die mit der Reparatur und Instandhaltung von unzähligen Panzern, Warthogs und einigen Wolverines beschäftigt waren. Gabelstapler transportierten Kisten mit Ersatzteilen und Munition durch die Gegend.

Einige Soldaten saßen um einen kleinen Tisch und spielten Karten.

„Admiral." Fredricks deutete nach rechts, von wo ein Soldat auf die beiden zumarschiert kam.

„Sir", er salutierte zackig, „willkommen in Fort Green." „

Danke und sie sind?"

„Major Stumpf", antwortete der gebräunte Mann mit den blauen Augen und dem fein säuberlich getrimmten Bart im Gesicht.

„Laufen sie immer in voller Montur herum Major?"

„Normalerweise nicht, aber als ich ihre Nachricht bekam das sie in die unteren Ebenen wollen, entschloss ich mich sie zu begleiten." Er schaute in die Richtung des großen Lastenaufzuges in der hinteren Ecke.

„Wissen sie Admiral", begann er als sich das Trio in Bewegung setzte, „ich war selbst einmal dort unten - konnte das Tor aber nicht öffnen."

Er drückte einige Knöpfe an dem Bedienfeld und der Aufzug setzte sich langsam in Bewegung nach unten.

„Können sie mir sagen was sich da unten befindet?"

„Eine große graue Tür aus Titan, sonst nichts."

Stumpf lehnte sich an das Geländer und verschränkte die Arme vor der Brust. „Ich habe nochmals in den Archiven nach Informationen über diese Bunkeranlagen gestöbert – erfolglos."

„Sagten sie Bunkeranlagen?", fragte Grand verdutzt.

„So ist es. In den Bergen gibt es drei weitere verschlossene Türen die seit Jahrzehnten ungeöffnet sind. Sie befinden sich in kleineren, gut verborgenen Stützpunkten."

„Kann nicht sein, ich habe alle Basen auf diesen Planeten in einer Liste zusammengefasst", schaltete sich Fredricks in das Gespräch ein.

„Offiziell gibt es sie gar nicht. Ich selbst erfuhr es nur aus einigen schriftlichen Notizen von meinem Vorgänger."

„Sind sie nicht bemannt?", hackte die gleichrangige Offizierin nach. Ein lautes quietschen unterbrach das Gespräch und der Aufzug kam ruckartig zum Stehen. Völlig ruhig ging Stumpf zum Bedienfeld hinüber und presste seine Hand gegen den Scanner. Darauf setzte er sich wieder in Bewegung.

„Sicherheitsüberprüfung", beantwortete er die unausgesprochene Frage.

An Anabelle gewandt für er fort. „Nein sie stehen leer. Zur Sicherheit lasse ich sie mit Drohen überwachen, damit sich niemand unerlaubt Zutritt verschafft." Ein dumpfes Geräusch markierte das Ende ihrer Fahrt. Nachdem sich die schweren Aufzugstüren geöffnet hatten und Grand hinausgetreten war, standen sie etwa 60 Meter von ihrem Ziel entfernt.

Und sie waren nicht alleine.

Vor dem Tor hatten sich bereits 3 Squads aus je 12 Army Soldaten versammelt, einige Techniker die damit beschäftigt waren Lichtstrahler und Generatoren aufzubauen, zwei Warthogs und ein Cyclop mit einem Schweißgerät auf dem Rücken.

„Ich sehe sie haben sich schon Gedanken gemacht. Gute Arbeit."

„Danke Admiral."

Wenige Meter bevor sie an dem Tor ankamen zupfte ihn Fredricks am Arm.

„Sehen sie mal nach oben."

Hörig folgte er ihrer Anweisung. Über ihnen, in Stein gehauen, konnte Grand das Symbol des Militärgeheimdienstes erkennen.

„Der Tag wird immer besser", murmelte er.

„Achtung", ertönte es von einem Coporal, als sich die Truppe näherte. Die Soldaten unterbrachen augenblicklich ihre Tätigkeiten und nahmen Haltung an.

„Rühren und weitermachen", erwiderte Stumpf knapp.

„Hier herüber Sir", sprach er und führte sie an das Terminal des Tores. Ein Techniker stand bereits wartend daneben.

Admiral Grand presste seine Hand gegen den Bioscanner und wartete auf eine Reaktion. Sekunden später fing das Feld an rot zu blinken, dass gleiche Blinken wie auf der holographischen Karte im Verteidigungsministerium.

„Öffnen", wies er den Techniker an.

„Ja Sir", die Frau öffnete die Seite des Terminals und schloss ein kleines Gerät daran an. Kaum hatte diese den Start Button betätigt ertönte ein laustes mechanisches Klicken.

„Oh", gab sie überrascht von sich.

„Was Oh?", fragte William.

„Das System hat einschneiden gemerkt, dass sich jemand unerlaubt Zugriff verschaffen will und die Tür verriegelt.

„Und wie kann ich sie jetzt öffnen." Seine Stimme wurde lauter.

„Von Innen vielleicht", quietschte sie leise hervor. Er warf ihr nur einen verärgerten Blick zu.

„Wir gehen zu Plan B über Admiral", lenkte ihn der Major ab.

„Specialist sie sind dran", schrie er zu dem Piloten zu. Geschmeidig wie eine Katze sprang dieser in das Fahrzeug und aktivierte den Schweißbrenner. Eine zwei Meter lange, bläuliche Flamme schoss aus dem rechten Arm des Cyclops.

„Keine Sorge wie sind da in wenigen Minuten durch", versicherte Major Stumpf ihm mit voller Überzeugung.


45 Minuten später waren sie gerade mal 22cm vorrangekommen, bei dieser Geschwindigkeit würde es Tage dauern bis sie sich durch das Tor geschweißt hätten. Zeit, die Grand nicht hatte und selbst wenn er sie hätte würde es ihm deutlich zu lange dauern. Er würde etwas mit großer Sprengkraft brauchen, um durch das vier Meter dicke Titan-A Tor zu kommen.

Praktischerweise befand er sich auf einen Militärstützpunkt der Army, was ihm Zugang zu diversen Fahrzeugen verschaffte.

William hatte auch schon eines ihm Kopf.

„Lassen sie es gut sein Major", wandte er sich an den Mann.

„Sir?"

„Holen sie eine Cobra von oben."

„Das kann unmöglich ihr ernst sein Admiral. Eine Cobra hat genug Feuerkraft um hier alles zum Einsturz zu bringen", entgeistert starrte ihn Stumpf an und auch Fredricks sah nicht gerade begeistert aus, behielt ihren Kommentar aber für sich.

„Zur Kenntnis genommen."

Er wandte seinen Blick von dem Offizier ab und verschränkte die Arme hinter seinem Rücken. Dem Soldaten blieb nur eine Antwortmöglichkeit. „Ja Sir." Er brüllte noch einige Befehle zu seiner Truppe und schlurfte danach in Richtung des Aufzuges davon.

Minuten später Rollte eine fast 9 Meter lange Cobra aus dem Aufzug, gefolgt von weitern Soldaten und einem M808 Kampfpanzer, besser bekannt als Scorpion. Die Cobra begann sich mehrere Meter vor dem Tor aufzubauen, währende die restlichen Angehörigen der Army damit begannen den Bereich davor zu räumen. Als sich alle hinter der aufgebauten SP42 und dem Scorpion versammelt hatten, meldete sich der Schütze über Funk.

„Bereit wenn sie es sind Sir."

„Feuer frei."

Mit ohrenbetäubenden Krach schlug das erste Projektil ein und die freigesetzte Druckwelle wirbelte massig Staub auf. Kleinere Steinchen rieselten von der Decke. Manche Soldaten begannen zu Husten, andere hingegen fluchten und versuchten den herabfallenden Steinen auszuweichen. Die Tür hingegen war noch heil, aber sie war eingedellt.

„Immerhin ein kleiner Erfolg", murmelte Fredricks neben ihm.

„Weiterfeuern", befahl er der Crew der Cobra.

Insgesamt brauchten sie drei Schüsse um ein Loch zu erzeugen, dass groß genug war um hindurchzusteigen und fünf weitere um es so zu vergrößern das auch die restlichen Fahrzeuge es passieren konnten.

Für den Panzer würde es trotzdem eng werden.

Er glaubte aber nicht das er in eine Situation kommen würde, bei der ihn bräuchte. Grand lugte vorsichtig durch das Loch. Auf der anderen Seite gab es kein Licht. Keine Notallbeleuchtung oder einen Alarm. Nichts.

„Na dann mal los", ermutigte er sich selbst.

Er hatte bereits zum ersten Schritt angesetzt, als sich ein gepanzerter Handschuh auf seine Schulter legte und ihn stoppte.

„Ladies first", sagte Major Fredricks.

Mit ihrem Sturmgewehr im Anschlag schob sich die Farbige vor ihm und stapfte vorsichtig durch das Loch.

„Sieht sauber aus", sie aktivierte die kleine Lampe an der AR und schwenkte die Waffe durch den Raum.

„Es ist kühl hier", bemerkte er. Stumpf und seine Truppe kamen ebenfalls durch die Passage und fingen an sich zu verteilen. „

Sind das Container?", bemerkte ein Privat. Er zeigte auf schlecht erkennbare Objekte in der Dunkelheit. „Sieht ganz so aus", pflichtete ihm ein andere bei.

Sie standen fein säuberlich aufgereiht rechts und links von dem Durchgang. Und sie schienen keine Ende zu nehmen. Die zwei Warthogs rollten langsam an der Gruppe vorbei und setzten sich an die Spitze. Ihre Scheinwerfer erhellten die Umgebung, aber sie erreichten nicht einmal annähernd das Ende. „Sieht aus wie eine Lagerhalle", meinte Stumpf von der gegenüberliegenden Seite der des Weges.

Fredricks stoppte die das Team plötzlich. William konnte gerade noch anhalten bevor er in sie hineinlief. „

Was ist?"

„Hören sie das?" Der Offizier hörte nur das Grollen der vor ihnen zum Stehen gekommenen Warthogs. Mit etwas Konzentration konnte man noch ein leiseres Geräusch im Hintergrund feststellen.

„Hört sich an wie das Drehen eines Geschützlaufs."

Er hatte den Satz kaum beendet, da war Anabelle bereits nach vorne gesprintet und brüllte den Fahren etwas zu.

Für das erste Fahrzeug kam die Warnung viel zu Spät.

Die ersten Kugeln schlugen bereits in die Motorhaube ein. Zerfetzten sie wie ein Stück Papier um Sekundenbruchteile später das gleiche mit der Windschutzscheibe zu tun. Der Fahrer dahinter hatte keine Chance zu Reagieren.

Von Geschossen durchsiebt sackte er blutüberströmt auf seinen Sitz zusammen.

Die Schützin konnte ihr M12 gerade noch in die grobe Richtung des Angriffes drehen, nur um dann tot herunterzufallen.

Ein Projektil spaltete ihr Gesicht und verteilte dessen Inhalt auf den Boden und über die Scheibe des hinteren Fahrzeuges.

Dem zweiten LAAG erging es nicht besser. Der Corporal der den Warthog lenkte, hatte bereits den Rückwärtsgang eingelegt, er kam aber nicht mehr weiter als seinen Fuß auf das Gaspedal zu pressen.

Ohne Fahrer und außer Kontrolle raste es rückwärts gegen einen der Container am Rand und einige der Soldaten sprangen panisch zur Seite.

Einer der Soldaten war zu langsam und eines seiner Beine wurde von den großen Reifen zerquetscht.

Er schrie wie am Spieß.

Glücklicherweise konnte einer seiner Kumpels ihn schnell genug in Deckung ziehen. Der Gunner war schon vorher heruntergesprungen und robbte in eine der Gassen zwischen den Containerreihen. Grand konnte nur fassungslos auf das Chaos vor ihm starren.

Drei seiner Leute warten innerhalb von Sekunden tot, einer verkrüppelt und zwei weitere Verwundet.

Aus den Augenwinkel konnte er noch eine verschwommene Bewegung erkennen.

Die Kraft des Aufpralles ließ ihn zurückstolpern und er krachte in eine Wand aus Metall. Zwei Hände packten ihn am Arm und zogen ihn weg von dem Geschehen hinter einen der Frachtbehälter.

„Admiral!", hörte er eine entfernte Stimme.

Auf einmal herrschte fast Totenstille, nur die brennenden Fahrzeuge und das Schreien des überfahrenen Soldaten waren zu hören.

Der Kugelhagel war so schnell verschwunden, wie er gekommen war.

„Sir alles in Ordbung?", fragte eine besorgte Anabelle. Sie drückte ihn mit einer Hand gegen die Wand.

„Was ist passiert?", stammelte er noch mitgenommen. „

Unser Eindringen muss die automatischen Verteidigungssysteme aktiviert haben. Ständen hier nicht so viele Container könnte man unsere Überreste vom Boden auflesen."

„Scheiße so war das Ganze nicht geplant. Was machen wir jetzt?"

„Keine Ahnung Sir", schulterzuckend wandte sie sich von ihm ab und blickte auf die andere Seite des Weges.

Auf der anderen Seite kauerten Stumpf und die restlichen Soldaten. Der junge Privat mit dem zertrümmerten Bein war mittlerweile Ohnmächtig geworden, aber ohne ein richtiges Krankenhaus würde man es ihm abnehmen müssen. Der Junge brauchte Hilfe und zwar schnell.

„Können wir ihn hier raus holen?", William deutete auf den Schwerverletzten.

Ein junger Soldat schob sich mit einem geschulterten SPNKR an ihm vorbei nach vorne.

„Das Risiko wäre zu groß. Ich kann das Geschütz nicht einmal sehen so dunkel ist es und es reagiert wahrscheinlich auf … Verdammt was soll das?"

Ihre Hand schnellte nach vorne und packte den Kerl mit dem Raketenwerfer noch bevor er an ihr vorbei auf das offene Feld treten konnte. Er krachte neben Grand an die Containerwand und ließ vor Schrecken die Waffe fallen.

„Hast du noch alle Tassen im Schrank", blaffte sie ihn an.

„Ich … Ich wollte das Geschützt ausschalten", versuchte er sich zurechtfertigen.

„Einen Scheiß tust du. Es hätte dich zerlegt, noch bevor du gesehen hättest wo es ist." Sie schubste ihn mit einem Stoß zurück nach hinten zu seinen verbliebenen Kameraden. Erst nachdem sie ihm noch ein paar unschöne Kommentare über seine Intelligenz hinterhergeworfen hatte wandte sie sich wieder ihrem Vorgesetzten zu.

„Ich lass den Panzer holen. Das ist unsere beste Option."

„Unsere einzige womöglich", erwiderte er trocken.

Kaum hatte Anabelle den Befehl über Funk weiter gegeben, dahörte man bereits wie der Motor des 35 Tonnen schweren Monsters ansprang. Man konnte das Ächzen und Quietschen des Metalls hören als sich der Panzer durch die Öffnung im Tor hindurchquetschte. Nach dem der Scorpion etwa die Hälfte der Distanz zwischen ihnen und dem Tor zurückgelegt hatte, musste er die ersten Treffer einstecken.

Eine der Kugeln traf den Scheinwerfer des Fahrzeuges und ließ ihn zerbersten. Tausende kleine Splitter schossen in alle Richtungen. Mit was auch immer das Geschütz feuerte, es war verdammt effektiv.

Grand und der Rest hatten sich weiße weiter in die Zwischengänge zurückgezogen um möglichen Querschlägern zu entgehen. Weitere Projektile rissen Golfballgroße Stücke aus der Panzerung des alten M808.

Die Antwort des alten Mädchens ließ aber nicht lange auf sich warten. Sie machte einen kleinen Satz nach hinten, als sie ihr Hauptgeschütz abfeuerte. Irgendwo weiter hinten konnte man hören wie etwas auf den Boden krachte. Aber der Kugelhagel hielt weiterhin an. Er war nur schwächer geworden. Unter dem anhaltenden Dauerfeuer, fing der Scorpion an gefährlich an zu qualmen. „

Es sind zwei", dämmerte es Fredricks.

„Was meinen sie …".

Die Soldatin hatte sich aber bereits in Bewegung gesetzt.

So schnell sie es nur konnte schulterte sie den Raketenwerfer, der vorher noch wenige Meter weiter vorne achtlos auf dem Boden lag und schlitterte um die Ecke. Der Fahrer des Kampfpanzers hatte das zweite Geschütz ebenfalls bemerkt und versuchte den Turm so schnell wie möglich in dessen Richtung zu drehen. Seine Panzerung musste bereits zu viel wegstecken und er war kurz davor zu explodieren.

Doch ehe es dazu kommen konnte schlug eine Rakete in das Geschütz an der Decke ein, riss es mit brachialer Gewalt aus der Halterung und verteilte die Überreste auf den Boden.

Mitten auf dem Weg stand Major Fredricks.

Den qualmenden SPANKR immer noch geschultert.

Von einigen Soldaten im Hintergrund war anerkennendes Klatschen und Pfeifen zu hören. Major Stumpf auf der anderen Seite war einer der ersten, der realisierte das keine Gefahr mehr bestand. Er fing augenblicklich damit an seinen Leuten Befehle zu erteilen.

Die Verwundeten wurden so schnell es ging aus der Höhle nach draußen vor das Tor geschafft, wo schon Sanitäter mit weiterer Verstärkung warteten. Erschöpft beobachte Grand wie immer mehr UNSC Personal durch den Eingang strömten. Flutlichter wurden von Technikern entlang des Weges aufgebaut und zwischen den Containerreihen suchten kleinere Einsatzteams nach weiteren versteckten Fallen.

Weitere Warthogs schafften die zerstörten Fracks weg, nachdem sie weitere Ausrüstung abgeladen hatten. Mittlerweile musste sich die halbe Basis hier unten versammelt haben, so kam es Grand jedenfalls vor. Elegant schlängelte er sich bis zu Major Fredricks durch, die sich an die Rückseite des Panzers lehnte. Als er vor ihr stehen blieb, blickte sie kurz vom Boden auf.

„Ich hab die Kugel schon kommen sehen." Sie deutete mit ihren Kopf auf ein 15 cm großen Krater, den ein Geschoss nur wenige Zentimeter neben ihr verursacht haben muss.

„Es war mutig von ihnen Major", erklärte er, ohne den Blick von dem Loch abzuwenden.

„Es war dumm", begann sie mit einem Kopfschütteln.

„Das war nicht dumm. Eher – gewagt."

Sie schnaubte nur abfällig.

„Vielleicht kriegen sie sogar einen Orden."

„Bloß nicht", sie grinste kurz. Nach einem kurzen Moment löste sie leise stöhnend von dem Panzer.

„Gehen wir. Ich will wissen was ONI hier so Wichtiges vergraben hat, um auf uns schießen zu lassen."

„Nicht nur sie", pflichtete er ihr bei. Die beiden marschierten den Weg entlang, vorbei an den noch immer rauchenden Schrotteilen der Geschütztürme, auf die am hinteren Ende liegende Stahltür zu.


„Beilen sie sich ein wenig", beschwerte Stumpf sich bei dem Techniker, der gerade versuchte die etwa 5 Meter breite Sicherheitstür zu öffnen.

„Wie geht's voran", wollte William wissen, der gerade mit Anabelle zu der etwa 50 Mann starken Truppe stieß.

„Kann sich nur noch um Minuten handeln Sir", versicherte ihm der Techniker. „Die Verriegelungscodes sind schwächer als bei dem großen Tor."

„Noch etwas?"

„Wir haben keine Torsteuerung oder eine Möglichkeit um das Licht anzuschalten gefunden. Ich vermute es gibt einen zentralen Kontrollraum von dem alles gesteuert wird", antwortete ihm der Major. Sein Blick wanderte nach oben, aber erkennen konnte er nichts, da das Licht der hastig aufgebauten Strahler nicht bis an die Decke reichte. Er wandte sich wieder den wartenden Admiral zu. „

Sobald die Tür offen ist lasse ich den Bunker auf den Kopf stellen."

„Haben sie dafür genug Leute?"

„Ich denke schon. Weitere Verstärkung ist bereits unterwegs."

Ihre Unterhaltung wurde von einem leisen Piepen unterbrochen, bevor die Tür sich langsam öffnete. Man konnte nicht viel erkennen, aber es handelte sich definitiv nicht um einen weiteren Raum. Vor der Gruppe lag ein schlecht beleuchteter Gang, der in das Herz der Anlage führen sollte. Nur die rote Notbeleuchtung war angesprungen. Stumpf aktivierte die Taschenlampe an seinem Sturmgewehr.

„Sollten wir etwas Interessantes finden, erfahren sie es als erster Sir."

Er und seine Soldaten verschwanden nach und nach im Inneren. William blickte der Gruppe hinterher, bis auch der letzte außer Sicht war. „Dann lassen sie uns mal loslegen Major." Sie nickte zustimmend. Beide liefen hinüber zu einer kleinen Gruppe Army Angehörigen, die vor einem der vielen ungeöffneten Container warteten. „Aufmachen", befahl Fredricks den jungen Corporal.

„Ja Ma'am." Zwei seiner Kameraden entriegelten die Tür und zogen sie auf. Grand starrte in einen leeren Behälter. Er fuhr sich mit seiner Hand über das Gesicht. Sein Tag wurde immer besser. Anabelle war in den Container hineingetreten, als wolle sie sich versichern das er auch wirklich leer war.

„Sieht leer aus Major", meldete einer der Soldaten.

„Das sehe ich selber", knurrte sie ihn an. „Den nächsten."

Der zweite Behälter wurde geöffnet.

Wieder nichts.

Der dritte.

Leer.

Der vierte.

Leer.

Nach mehr als 32 Stichproben gab Grand schließlich auf. Seine Laune war auf einem neuen Tiefpunkt angekommen. Er hatte die Schnauze gestrichen voll, heute ist alles schief gelaufen, was schieflaufen hat können.

Plötzlich wurde es Hell, als hätte jemand die Decke entfernt und die Sonne hereingelassen. Erst jetzt konnte man das ganze Ausmaß der Höhle erkennen. Sie war viermal so groß wie er zuerst vermutete.

An der Decke war eine Art Transport –und Kransystem befestigt mit dem man die Container weiter ins Innere transportieren konnte. Es erinnerte ihn etwas an die großen Weltraumhäfen im Orbit, wo täglich tausende Tonnen industrielle Güter umgeschlagen werden. Sein Blick wanderte gemächlich über die Decke bis er an dem Kontrollraum über der Tür hängenblieb.

Dort oben, 150 Meter über den Boden, standen einige von Stumpfs Leuten. Als sie ihn erblickten begannen sie zu winken. Grand hob die Hand, dabei deutete er gleichzeitig in die Richtung des Tores. Einer schien seine Botschaft verstanden zu haben.

Das Tor öffnete sich schwer ächzend. Der ankommende Nachschub musste sich nun nicht mehr durch das Loch quetschen, was vor allem den Fahrern Zeit und Nerven sparte. „

Sir, Stumpf hat was gefunden", informierte ihn Fredricks leise von der Seite.

„Hat er gesagt was."

„Nein Sir. Er meinte sie sollten es sich selbst ansehen." Sie runzelte mit der Stirn

„Er schickt uns jemanden zur Abholung."

Grand lehnte sich müde an einen der Container. Der Tag begann seinen Tribut zu fordern. Er schob den Ärmel von seiner Uniform ein wenig zurück, um einen kurzen Blick auf seine Uhr zu werfen. Er hatte gehofft die ganze Aktion würde vielleicht ein, maximal zwei Stunden dauern. Jetzt war es kurz vor fünf am Nachmittag und Grand blieb nichts anders übrig als weiterzumachen, das war er den Toten gegenüber schuldig.


„Wir konnten bis jetzt in Erfahrung bringen das sich der Komplex grob in zwei Bereiche aufteilen lässt. Momentan konzentrieren wir uns auf diesen Bereich, aber es wurden kleinere Gruppen losgeschickt um den anderen Teil der Anlage zu erkunden. Major Stumpf vermutet, dass der zweite Teil und die anderen versiegelten Bunker in den Bergen irgendwo zusammenlaufen. Der Geheimdienst muss etwas ganz großes vorgehabt haben", brabbelte Corporal Hayley freudig vor sich hin.

Die junge, blondgelockte Soldatin quasselte schon fast die ganze Zeit auf Grand und seine Begleitung ein.

Anabelle neben ihm verzog genervt das Gesicht.

Er konnte es ihr nicht verübeln.

Die Blonde redete wie ein Wasserfall, aber das schlimmste daran war ihre hohe Stimme.

„Wir sind da Admiral", die Gruppe war vor einem Aufzug zum Stehen geblieben.

„Gott sei Dank", murmelte William.

„War der Weg so anstrengend?", fragte die Blondine aufrichtig.

William biss sich auf die Zunge. Er musste sich schnell etwas einfallen lassen.

„Wissen sie Corporal, ich bin es nicht mehr gewohnt so lange ohne Unterbrechung auf den Beinen zu sein", log er.

Neben ihm hörte er ein Raunen.

„Danke, dass sie uns begleitete haben. Ohne sie wären wir verloren gewesen", fuhr er schnell fort und schenkte ihr noch ein anerkennendes Nicken, bevor er in den Aufzug trat.

„Sehr elegant Sir", bemerkte Anabelle belustig, als sich der Aufzug in Bewegung gesetzt hatte.

„Halten sie den Mund", gab er bissig zurück.

„Was haben sie für mich Major", rief Grand noch bevor er ihn erblickte.

„Hier drüben Sir."

Der Offizier stand vor einem Terminal und hielt ein Datenpad in seiner rechten Hand. William stand in einem kreisförmigen Raum. Es kam ihm vor als stände er auf einer Aussichtsplatform. Die Fenster waren durch dicke Titanschotten versiegelt.

„Sehen sie sich das an." Der Major drückte einen Knopf auf dem Bildschirm vor ihm. Die Schotten fuhren langsam nach oben und enthüllten den Blick auf eine riesige dahinterliegende Kammer.

Er stützte sich auf das Bedienpult ab und blickte neugierig in die schlecht ausgeleuchtete Kammer.

„Sind das …", neben ihm presste Anabelle ihr Gesicht an die Scheibe.

Große graue Behältnisse hingen an den Wänden. „Ganz recht - Cryo-Kapseln. Genau 10.000 Stück in jedem Raum", antworte Stumpf.

10.000 Kapseln. 60.000 insgesamt.

Grand versuchte nachzuvollziehen was ONI damit geplant hatte.

Vor 60 Jahren, als die meisten Schiffe gerade einmal 3 Lichtjahre pro Tag waren Cryo-Kapseln unverzichtbar. Eine Strecke von der Erde in die äußeren Kolonien konnte da schon mal mehrere Monate in Anspruch nehmen. Das erklärte aber immer noch nicht warum man sie hier hortete – 2400 Meter unter der Erde. In einem Bunker der von der Größe nur mit den Anlagen auf den Inneren Kolonien und einigen wenigen anderen vergleichbar ist. W

illiam schossen allerhand Szenarien durch den Kopf, aber keine die ansatzweise Sinn ergab. Aus den Augenwinkeln bemerkte er wie Fredricks in jede einzelne Kammer starrte. Seine wichtigste Frage war allerdings noch unbeantwortet geblieben.

„Sind die Pods leer?", seine Frage richtete sich an den Offizier der noch immer schweigend neben ihm stand.

Wortlos reichte ihm dieser ein Holopad.

„Was zur Hölle soll das", murmelte er.

Die Liste mit den Namen schien kein Ende zu nehmen.

„Sehen sie sich eines der Profile an Sir."

Er tippte einen der Namen an. Ein Bild der Person erschien. Eine junge Frau mit dunkelbraunen Haaren und blauen Augen. Ende zwanzig vielleicht.

„Ellen Ryder, Spezialsitin für Neuralimplantate und eine der führenden Personen auf dem Gebiet der KI Forschung. Seit zwei Jahren mit Alec Ryder verheiratet." Seine Augen wanderten über das Profil, bis er das Datum fand.

„Die letzte Aktualisierung war 2552", bemerkte er und gab das Pad Major Stumpf zurück.

„Ganz recht Sir. Seitdem gab es keine neuen Einträge, weder in der Liste noch auf irgendwelchen anderen Rechnern im Bunker."

Stumpf blickte mit nachdenklicher Miene auf das Pad in seiner Hand. „Wir haben bis jetzt keine weiteren Informationen gefunden warum oder weshalb ONI sich die ganze Mühe gemacht hat, aber die Kapseln sind definitiv alle leer", fuhr er fort.

„Lassen sie die Liste überprüfen und finden sie alles über die vermerkten Personen heraus. Woher sie kommen, was sie jetzt machen und ob sie in irgendeiner Weise mit dem Geheimdienst in Verbindung stehen", wies Grand ihn an.

„Ja Sir." Der Major wandte sich zum Gehen.

„Da wäre noch etwas Major."

„Ja Sir?", Stumpf blieb in der Aufzugstür stehen und drehte sich um.

„Seien sie diskret."

„Bin ich immer Admiral", antwortete der Offizier und verschwand im Aufzug.

„Fredricks?", er lief einmal im Kreis, um den Aufzug herum.

„Wo sind sie Major?" Williams Blick fiel auf eine offene Tür, die er zuvor nicht bemerkt hatte.

„Hier draußen", hörte er eine gedämpfte Stimme. S

ie stand auf einer Art Gerüst. Ihr Blick war in die Tiefe gerichtet.

„Von hier aus kommt man über Leitern bis nach unten", sie deutete auf einige Leitern neben ihr. Er lehnte sich neben ihr ans Geländer.

„Jetzt wissen wir auch für was ONI die ganzen Container benötigte."

Der Admiral folgte dem Blick der Soldatin. Hundert Meter unter den beiden standen fünf Container halb voll beladen. Die Türen waren geöffnet und es sah so aus als würde die Crew jeden Moment zurückkommen um weiterzumachen. Zwei andere hingen in der Luft an einer Art Kran. Auffallend war die Ähnlichkeit mit dem Transportsystem in der oberen Höhle. Was auch durchaus Sinn ergeben würde. Man transportierte die Container herunter wo sie entweder ent –oder beladen wurden.

„Ich will es mir aus der Nähe ansehen", noch bevor Fredricks reagieren konnte kletterte er die Leiter hinunter.

„Sir ich rate ihnen dringend davon ab. Alles hier ist feucht und rutschig."

„Ich pass schon auf", versuchte er sie zu beschwichtigen. Über ihm hörte er ein leises Fluchen und wie Anabelle ein paar Befehle in ihr Com blaffte. Der Boden war rutschig. Mit vorsichtigen Schritten bewegte er sich auf ein Gerät zu, das wie eine Kransteuerung aussah. Die Soldatin hatte derweil ihre AR auf den Rücken gepackt und begann nun ebenfalls mit dem Abstieg.

Grand drückte neugierig einen großen grünen Knopf.

Ein paar Lichter sprangen an und man konnte hören wie die Motoren der Kräne anfingen zu brummen. Das war aber auch der einzige Knopf den man noch gut erkennen konnte.

Bei den anderen war die Farbe bereits verblichen oder abgeblättert. William konnte nur raten. „Was soll schon passieren?", dachte er und begann eine der andern Tasten zu betätigen.

Mit lautem Rumpeln setzte sich einer der hängenden Container in Bewegung und kollidierte wenige Sekunden später mit dem anderen.

„Oh Scheiße", zischte er und schlug mit flacher Hand auf den Not-Aus Schalter am Pult.

Fredricks war gerade am Boden, als die beiden Behälter zusammenstießen.

Eines der Stahlseile, riss und peitschte durch die Luft.

Grand warf sich mit einem beherzten Satz nach links zu Boden.

Der vordere Container hing nun bedrohlich schief in der Luft und man konnte hören wie der Inhalt gegen die verriegelten Türen krachte.

Er rappelte sich auf.

Im gleichen Augenblick wurden die Türen durch das enorme Gewicht der sich im inneren befindenden Cryo-Kapseln aufgedrückt.

Fredricks Schrei gingen im Lärm der herabstürzenden Pods unter. Einer knallte dort auf wo er vor Sekunden noch gestanden war und zermalmte die Kransteuerung unter sich.

Funken flogen und Trümmerteile schossen in alle Richtungen.

Er drehte seinen Kopf und erst jetzt erkannte er wie einer genau in seine Richtung flog. Wie in Zeitlupe versucht er mit einem weiteren Sprung nach rechts aus der Schussbahn zu kommen.

Vergeblich.

Die Kapsel knallte vor ihm auf, sprang wie ein Ball wieder in die Luft und riss ihn mit brachialer Gewalt zu Boden.

Sein Kopf knallte auf den Boden.

Für einen Moment wurde es kurz Schwarz.

Sein ganzer Körper Schmerzte wie die Hölle.

Grand lag auf der linken Seite.

Etwas Warmes lief im über das Gesicht und tropfte ihm ihn die Augen. Er rollte sich auf den Rücken.

Seinen linken Arm konnte er nicht mehr bewegen. Der Versuch sich aufzurichten scheiterte an den höllischen Schmerzen.

Das Herz in seiner Brust raste wie wild.

Mit seiner rechten Hand tastete versuchte er die linke Kopfseite abzutasten.

Irgendwo oben ertönten Schreie und er konnte hören wie Soldaten über den Metallsteg rannten.

Er schloss kurz die Augen.

Sein Atem war schnell und flach.

Als er sie wieder öffnete sah er wie Fredricks sich über ihn gebeugt hatte. Ihre Augen waren weit aufgerissen und ihrem Gesicht fehlte jegliche Farbe. Sie sagte etwas, aber das einzige was er hörte war sein rasendes Herz.

Der Major kramte in ihrem Rucksack und zog eine Dose heraus.

Grand stöhnte leise, als sie versuchte, mit dem BioFoam seine Wunden auf der linken Seite zu verarzten. Eine weitere Dose folgte, die Leere warf sie achtlos weg.

Sie drehte sich kurz in Richtung der Leiter und fuchtelte wild mit ihren Händen.

Im Licht konnte er ihre blutverschmierten Hände erkennen.

Das Blut lief langsam an ihrem Arm hinunter und tropfte auf den Boden.

Die Ränder seines Gesichtsfeldes wurden Schwarz.

Er schloss langsam die Augen. Verzweifelt versuchte Anabelle ihn daran zu hindern.

William hatte bereits zu viel Blut verloren und sein Kopf sackte schlaff zur Seite.


04. Mai 2596, 02:10

Äußere Kolonien, Linwood Sektor

Im Orbit von Agrion

„Wo soll ich landen John", fragte Kaidan ohne den Blick von der Frontscheibe abzuwenden.

Shepard stand hinter ihm im Cockpit des Pelican und hielt sich mit der linken Hand an seinem Sitz fest.

„So nahe wie möglich an der Brücke."

„Etwas unterhalb der Brücke gibt es eine Landebahn für kleinere Schiffe", schlug die einzige weibliche ODST im Einsatzteam vor, die im Copiloten Sitz links neben John und hinter dem Piloten saß.

„Von da aus kommen wir über einen Aufzug nach oben."

„Groß genug für unseren Pelican Ash?" Alenko verlangsamte den Flug des Schiffes.

„Denke schon", antwortete die Brünette.

Der Pilot versteifte sich merklich in seinem Sitz.

„Siehst du, kein Grund zur Panik", beruhigte sie ihre Kameraden, als das Kolonieschiff zu sehen war.

„Du kannst uns nicht böse sein Ash. Das letzte Mal als du sowas sagtest hat uns das einen Flügel gekostet." John klopfte ihr auf die Schulter.

„Und einen ganzen Haufen Nerven", murmelte Kaidan. Shepard lachte. Der Schrecken musste immer noch tief bei Alenko sitzen. „

Bring uns einfach rein", wies er ihn an und ging nach hinten zu seinem restlichen Team.

„Ma'am wir sind so gut wie da", informierte er die junge Offizierin als er durch die Tür nach hinten in den Frachtraum trat. „

Danke Chief."

Hinter dem verspiegelten Helm konnte er Enfields Gesichtsausdruck nicht erkennen, aber an Hand ihrer Stimme konnte er hören, dass sie nervös war. Ein wenig tat ihm die hübsche Blonde leid. Sie hatte kaum praktische Erfahrung wie man ein Einsatzteam leitete und noch weniger wie man sich im Weltraum bewegte. Vielleicht hatte der Admiral sie deswegen einfach so ins kalte Wasser geworfen.

Das zu mindesten hatte John von Coats erfahren.

Enfield schien die einzige Person zu sein, die wusste warum sie hier waren. Captain Evens hatte auf dem Flug mehrmals versucht Informationen aus der Offizierin zu pressen, warum sie an Bord war und der Termin für die Inspektion vorverlegt worden ist.

Alles schmeicheln und drohen nutzte nichts.

Die Frau blieb stur und verwies immer auf ihrer Befehle. Am Ende hatte ihr Evens befohlen die Informationen preiszugeben und Lorena mit einer Anklage vor dem Militärgericht gedroht, sollte sie sich weigern.

Eine leere Drohung.

Das einzige was sie wirklich machen konnte, war sich bei Admiral Grand über die Vorenthaltung von möglichen einsatzrelevanten Daten zu beschweren. John konnte gut verstehen warum sein Captain Enfield so in die Zange nahm, weder ihr noch ihm gefiel es uniformiert irgendwo hineinzustolpern.

Am Ende blieb ihnen aber nichts anderes übrig als die Situation so zu akzeptieren wie sie ist, außer sie wollten sich persönlich in einer Privataudienz mit dem Admiral unterhalten. Es gab im UNSC viele ungeschriebene Regeln und eine davon war, nie mit einem Admiral zu diskutieren.

Niemals. Man konnte nur verlieren.

Der Pelican setzte lautlos im Hangar des Kolonieschiffes auf.

„Einsatzbereitschaft herstellen", ließ er über das Intercom verlauten.

Er nahm zwei Sturmgewehre aus der Halterung und reichte eines Alenko der gerade mit Williams im Schlepptau aus dem Cockpit kam. Ashley schnappte sich eine Pistole und eine SMG und befestigte sie an ihren Oberschenkeln. Zum Schluss schulterte sie noch die Tasche mit dem Verbandsmaterial.

Coats der neben der Lorena saß nahm sich seine Schrotflinte und reichte ihr eine M6C Magnum.

„Soll ich was nehmen?", fragte er Jenkins der neben ihm auf dem Boden kniete.

Der Corporal war erst etwas mehr als ein Jahr mit in Shepards Team und somit der jüngste ODST in der Gruppe. Er trug den Rucksack mit dem Sprengstoff. „Wird schon gehen", antworte dieser und gab ihm ein Daumen-hoch-Zeichen.

„Bist du sicher, dass wir alles haben." Jenkins blickte ihn an und öffnete den Rucksack ein wenig, damit er dessen Inhalt besser erkennen konnte.

„16 C-12 Sprengladungen", er zog eine blumenförmige Scheibe heraus.

„Und mein persönlicher Favorit. Eine Lotus Mine." Shepard musste sein Gesicht nicht erkennen um zu wissen, dass der junge Kerl hinter seinem Visier grinste wie ein kleines Kind.

„Sei vorsichtig mit dem Ding, wenn sie hoch geht bleibt von uns nur Staub übrig", erinnerte ihn John ein wenig unwohl. Eine Mine dieser Art konnte einen Scorpion Panzer mit Leichtigkeit zerfetzten und brachte selbst Titanium-A zum Schmelzen.

„Keine Sorge Boss, solang die Mine nicht scharf geschalten wurde ist sie harmlos wie eine Buchstütze." Der junge Mann griff nach seiner M739 und schulterte den Rucksack.

Kopfschüttelnd wandte sich Shepard an Enfield. „Bereit Ma'am?" „Legen wir los Chief." Es dauerte einen Moment bis der Pelican die Luft aus dem Frachtraum gepumpt hat. Shepard betätigte den Knopf für die Luke.

Lautlos bewegte sich die Gruppe über die Landeplattform in Richtung des Aufzuges. Er selbst war noch nie auf einem Kolonieschiff der Phönix-Klasse gewesen, aber aus der Grundausbildung wusste er, dass die meisten Schiffe dieser Art während des Krieges dazu eingesetzt worden sind um Material und Truppen an die Front zu schaffen. Er konnte es sich kaum vorstellen, wie viele Soldaten sich in den hunderten Räumen aufgehalten haben müssen. Zu seiner Glanzzeit musste das Schiff nur so von Leben gewimmelt haben.

Seltsamerweise waren die Räume an denen sie vorbeikamen leer. Bei alten Schiffen, die man zum Verschrotten schickte machte man sich vorher nicht die Mühe sie noch einmal gründlich zu säubern. In der Regel entfernte man nur das Zeug, welches man weiter verwenden oder verkaufen konnte. Der Rest bei dem sich der Aufwand nicht lohnte, wurde einfach zurückgelassen.

„Da vorne Shepard", kam es von Williams die an der Spitze der Gruppe war.

„Das muss einer der Aufzüge sein."

„Jenkins sie sind dran. Der Rest bleibt hier in einer sicheren Entfernung."

Der Corporal befestigte drei seiner C-12 Sprenglandungen an der Tür und steckte einen Zünder hinein. John beobachte aus sicherer Entfernung wie der Grünschnabel sie zündete. Für einen Sekundenbruchteil erhellte eine kleine Sonne die Umgebung. Es war als hätte man ihm eine Blendgranate direkt vor die Füße geworfen. Das Ergebnis konnte sich allerdings sehen lassen.

Die Tür war … weg.

Ein paar Überreste die nicht geschmolzene oder verdampft waren trieben im Vakuum, aber sonst war nicht viel übrig geblieben.

„Guter Job Kleiner", lobte Alenko ihn. John schritt zum Schacht und warf einen prüfenden Blick hinein.

„Und?" Coats und Enfield waren neben Shepard stehengeblieben.

„Sieht gut aus", antwortete er seinen alten Freund. „Der Aufzug ist irgendwo da unten. Wir sollten keine Probleme haben bis hoch zu kommen." Er deaktivierte seine Magnetstiefel und stieß sich von der Kante ab. Shepard schwebte lautlos durch den Schacht. In seinem Kopf zählte er die Decks ab an denen er schon vorbei geflogen war. Nach dem siebten griff er nach dem Aufzugsseil um sich daran festzuhalten. Das musste es sein. Suchend blickte er sich um. Irgendwo musste doch eine Art Griff sein um die Tür zu öffnen.

„Hab dich." Er zog daran und die Tür sprang ein Spalt weit auf. „Gott verdammt. Michael schwing deinen Arsch hier hoch."

Coats tauchte kurze Zeit später neben ihm auf.

„Hilf mir die Tür aufzudrücken." Einen Kraftakt später war der Spalt groß genug um sich hindurchzudrücken. Jenkins war der erste der vor der Brückentür stand und sie misstrauisch beäugte.

„Ich hab mich mal schlaugemacht. Die Tür ist mindestens 60cm dick und besteht aus feinstem Titanium-A."

„Was heißt das jetzt", zischte Ashley ungeduldig. Sie hasste Weltraumeinsätze. So wie Shepard hatte sie am liebsten Dreck unter den Füßen. „Wir brauchen das Baby hier." Er zog die Mine aus seiner Tasche und klebte sie mit sechs anderen Sprengkörpern an die Tür.

„Hey Corporal, sind sie sicher? Wir wollen die Tür nur öffnen und nicht die Brücke sprengen", warf Alenko dazwischen.

„Ja, ja." Jenkins scheuchte die Gruppe hinter die nächste Ecke, bevor er den Zünder aktivierte.

Shepard zuckte zusammen und presste sich dichter an die Wand, als der gelb, orangene Feuerball nur eine Armeslänge an ihm vorbeischoss. Für eine Sekunde glaubte er, Jenkins hätte sich verkalkuliert und sie würden alle bei lebendigen Leib gerillt werden.

Die Schildanzeige auf seinen HUD blinkte bedrohlich. Die Hitze hatte die Schildstärke fast bis auf null reduziert.

„Ich bring ihn um", drohte Ash als alles vorbei war.

„Ich bring den Mistkerl um."

Kaidan konnte sie gerade noch rechtzeitig am Arm packen. Mit Mühe und Not schaffte er es die furiose Soldatin gegen die Wand zu drücken.

Neben ihm hielt Coats eine völlig fertige Lorena im Arm, die vor Schreck zusammengesackt war.

„Jenkins gehen sie zurück zum Pelican", befahl Shepard.

„Sir, ich …."

„Los Corporal oder ich sage Kaidan er soll Williams loslassen", gab er ihm zu verstehen.

Nachdem Jenkins sich kurz zu der noch immer tobenden Ashley wandte, packte er schnell seine verbliebenden Sachen und machte sich aus dem Staub. „Ma'am alles in Ordnung?", fragte die Blonde.

„E… Es geht schon", brachte sie nach einigen Versuchen heraus.

„Williams ist sein kleinstes Problem, wenn wir wieder auf dem Schiff sind", teilte im Coats wütend über einen Privaten Funkkanal mit.

Es war nicht das erste Mal, dass Jenkins seine Kameraden in eine brenzlige Situation brachte. John hatte gehofft, dass der ehemalige Marine es schaffte, seinen Leichtsinn mit der Zeit unter Kontrolle zu bringen. Seine draufgängerische Art ist ein großes Problem. Für sich. Für das Team. Für die Mission. Was die Lage noch verschlimmerte war die Anwesenheit einer Offizierin. Wenn davon auch nur ein Wort bis zu Grand durchsickerte, würde er sich für das unprofessionelle Verhalten seiner Gruppe rechtfertigen müssen.

Er hatte schon oft seinen Kopf für Jenkins bei Captain Evens hingehalten, aber irgendwann war Schluss. Shepard musste eine Lösung finden. Sollte Coats ihn in die Finger bekommen, war Schicht im Schacht.

„Ich kümmere mich darum", versprach er ihm und betrat durch das Loch die Brücke der Clinton.

Für ein Schiff das stolze 2500 Meter lang war und über 1500 Kolonisten transportieren konnte, erschien ihm die Brücke fast ein wenig beengt. Die Mitte des Raumes dominierte ein großer Holotisch. An den Wänden hingen unzählige Bildschirme. Diejenigen in der unmittelbaren Nähe der Tür waren durch die Hitze der Explosion geschmolzen.

„Wollen sie uns nicht langsam verraten was wir hier suchen Lieutenant", versuchte er sein Glück. Zu seiner Überraschung bekam er diesmal sogar eine halbwegs informative Antwort.

„Alles was auf die vergangenen Aufenthaltsorte dieses Schiffes schließen lässt. Vor allem Logbücher, Sternenkarten, Navigationsdaten und Slipspace Berechnungen."

„Warum interessiert sich die Navy für ein altes Kolonieschiff", hakte er weiter nach.

„Das Chief – ist geheim."

„Ach kommen sie Ma'am. Geben sie uns wenigsten etwas", bettelte er.

„Tut mir leid Shepard." Er warf einen hilfesuchenden Blick über ihre Schulter auf Coats, der aber wiederum nur mit den Schultern zuckte.

„Wir haben den Navigationskonsole ausfindig gemacht", kam Williams Stimme über das Com und unterbrach die beiden in ihrer Unterhaltung. Ohne ein weiteres Wort ging die Offizierin an Shepard vorbei und gesellte sich zu Ashley und Kaidan.

„Was haben wir", wollte er wissen.

„Nichts fürchte ich", murmelte Alenko. John ging vor dem Computer des Navigationsoffiziers in die Knie.

Die Klappe zum inneren des Rechners war aufgerissen und überall schwebten die Überreste zerstörter Bauteile umher. Er nahm eine der Komponenten in die Hand und drehte sie immer wieder zwischen den Fingern. Es musste ein Stück einer Speicherkarte gewesen sein.

„Der ganze Weg war also umsonst." Ash wandte sich ab und stapfte in Richtung Tür.

John blickte ihr nach.

Die Brücke war wie der Rest der Clinton fast schon klinisch sauber. Er nahm sein Sturmgewehr und leuchtete noch einmal tief in das Gehäuse.

„Moment Chief", Lorena beugte sich über die Konsole und holte etwas mit ihren langen, schlanken Fingern aus dem Gehäuse.

Eine golden schimmernde Patronenhülse.

„Na sie mal einer an", er nahm ihr die Hülse aus den Fingern.

Er kannte das Kaliber.

12.7x40mm. Standartmunition.

Mit einer geübten Bewegung löste John das Magazin aus seiner, an der Hüfte befestigten M6D, nahm die oberste Patronen heraus und hielt sie nebeneinander.

„Da wollte wohl jemand seien Spuren beseitigen." „Was auch geklappt hat. Die Festplatten sind jedenfalls Schrott", meinte Alenko nachdenklich. „Kann man sie nicht wieder zusammensetzten", wollte Enfield wissen.

„Keine Chance Ma'am." Kaidan schüttelte den Kopf.

„Gibt es kein Backup?"

„Ich denke wenn jemand so gründlich war, gibt es aus kein Backup", antwortete der Technikexperte im Team.

„Außer … ."

„Außer was?", wollte die Offizierin ungeduldig wissen.

„Der Slipspaceantrieb speichert im Normalfall den letzten Sprung im Zwischenspeicher ab. Man muss ihn manuell am Terminal löschen. Eine Sicherheitsmaßnahme." „Und wo ist das Terminal?"

„Im Maschinenraum fürchte ich", murmelte der ODST leise.

„Scheiße. Wir haben nicht genug Sprengstoff für alle Türen", erinnerte Coats Shepard.

„Vielleicht schafft es Alenko die Generatoren wieder hochzufahren", schlug eine wiederkehrende Ashley vor, die ihre Diskussion über den offenen Kanal mitgehört hat.

„Ein Versuch ist es wert", stimmte er ihr zu.


John stand vor dem Slipspaceantrieb. Das teuerste Stück Technik, dass die Menschheit je gebaut hat. Erzählte man zu mindestens. Schwer zu glauben das dieses Museumstück vor ihm, jemals jemanden wo hin gebracht hatte. Es war auch kein Wunder, das der Antrieb niemanden sonderlich interessierte. Kolonieschiffe hatten keinen besonders guten Ruf in punkto Schnelligkeit.

Sicherheit war das oberste Gebot, schließlich mussten die Schiffe mehrere zehntausend Menschen zu ihren neuen Heimatwelten bringen. Neben ihm versuchte ein gedankenversunkener Petty Officer die Sicherheitsprotokolle des Antriebes zu umgehen. Seit etwas mehr als einer Stunde. Er hasste Warten. Es gab ihm ein Gefühl der Hilflosigkeit.

Nichts war für John schlimmer als zuschauen zu müssen und zu hoffen, dass alles gut ging.

„Eine halbe Stunde noch Kaidan", brach er die Stille.

„Hmm?"

„Die Luft reicht nur noch für eine halbe Stunde", informierte er ihn.

„Ich hab es gleich."

„Schon gut, lass dir Zeit."

Eine weitere ereignislose Viertelstunde verstrich, bis Alenko die Arme in die Höhe riss. „Heureka." Er steckte einen Speicherchip in die Konsole und lud den Datensatz herunter.

„Lass uns verschwinden."

Beide joggten im Eiltempo zurück zu ihrem Pelican, dort wurden sie bereits erwartet.

„Mission erfolgreich Lieutenant." Alenko übergab ihr den Chip.

„Danke. Gute Arbeit. Der Admiral wird zufrieden sein.", lobte und bedankte sich die Offizierin bei dem gesamten Team. Shepard presste seine Hand gegen den Knopf und hinter im schloss sich die Rampe des Pelican.


0210 Uhr, 04. Mai, 2596 (Militärkalender)

Schrottfeld, Orbit, Agrion

Beta Columbae System, (Linwood Sektor), Äußere Kolonien

Donald starrte missgelaunt durch das Brückenfenster seines Frachtschiffes auf den, in einigen tausend Kilometern entfernten Asteroidengürtel. Innerlich verfluchte er die Navy und ihre Unpünktlichkeit.

Würde das Militär nicht so gut zahlen, könnten sie sich selbst um ihren Scheiß kümmern.

Er war ein gieriger alter Bastard, für den letztendlich nur das Geld zählte.

Es sollte ein einfacher Job werden, versicherte man ihm. Nur die Waren an den vorgesehenen Punkt transportieren, abladen und dann das Geld einsacken. Grunzend nahm er noch einen Schluck aus seiner Bierflasche und kratzte sich am Bauch.

„Hoffentlich sind die Wichser bald da, ich hab heute noch etwas anderes vor", maulte der Captain des Schiffes.

„Keine sorge Boss, sie sind bestimmt bald da", entgegnete Tim, der einzige andere Mensch auf der Brücke. „Denk einfach an das ganze Geld, dass wir bekommen sobald wir Reach erreichen."

„Das Geld das ich bekomme", korrigierte er ihn.

„Was auch immer."

Der Gedanke an das Geld lockte ihm ein Grinsen aufs Gesicht. Neben den Vorräten der Navy hatte er auch noch einen kleineren, etwa 2 mal 2 Meter großen Behälter von Liang-Dortmund geladen. Darin befanden einige Mikrogramm Dunkle Materie, die durch ein Gravitationsfeld in der Schwebe gehalten wurde. Das neue schwarze Gold wurde es auch genannt. Ein einziges Gramm war mehrere Billionen Credits wert und reichte aus um einen ganzen Planeten jahrzehntelang mit Energie zu versorgen.

Die Erde und das UNSC lechzten nach dem schwarzen Gold. Es versorgte all die neuen Spielzeuge der Navy mit Energie, egal ob es die neuen Schiffstypen, die riesigen Schildgeneratoren oder die mächtigen Orbitalplattformen waren.

Der Hunger der inneren Kolonien war kaum zu stillen.

Gut, dass die Navy im Linwood-Sektor momentan zu wenig Schiffe besaß, sonst hätten sie es womöglich selbst transportiert. Aber so bekam er einen dicken Patzen Geld für zwei einfache Frachtflüge. „

Zwei Slipspaceportale öffnen sich", informierte ihn Tim und riss ihn aus seinen Gedanken.

„Wurde auch Zeit. Sag Lutz im Laderaum Bescheid. Schick Lisa und den Neuen zur Unterstützung."

„Geht klar." Aus seinem Sessel konnte er beobachten, wie sich die über 500 Meter lange Fregatte aus dem Slipstream schob. Etwas weiter hinter ihr erschien ein kleineres Schiff. Es war nur etwas länger als 140 Meter und man konnte es, dank dem fehlenden UNSC Wappen leicht als ein ziviles Schiff identifizieren. Donald tippte auf ein Forschungsschiff. Der gelb-schwarze Anstrich kam ihm irgendwie bekannt vor.

Liang-Dortmund.

Seine Augen hafteten noch einen neidvollen Moment an dem viel moderneren und neueren Schiff.

Wildcat was für ein beschissener Name", grunzte er. „Tim sag ihnen wir sind zum Andocken und verladen bereit", wies er seinen Mitarbeiter launisch an.


„Das kann doch nicht sein", fluchte Tim und stützte sich auf der Konsole vor ihm ab.

„Was ist?", wollte Donald wissen, ohne seinen Blick von den verschwindenden Schiffen zu nehmen. Aus den Augenwinkeln beobachte er, wie Tim verdrossen auf der Navigationskonsole herumtippte.

Erst als das Portal hinter der Fregatte zusammenbrach wandte er sich vollends seinem ersten Offizier zu.

„Bei einem der Asteroiden am Rand des Feldes messe ich eine hohe radioaktive Strahlung."

„Und was ist daran so interessant?" Radioaktive Himmelskörper waren keine Seltenheit. Gelangweilt lehnte sich der Captain des Schiffes in seinem Stuhl zurück. „Unsere Fusionsreaktoren produzieren exakt die gleiche Strahlung, aber um genaueres zu erfahren müsste ich näher ran."

Sich einem Asteroidenfeld zu näheren war verrückt. Kein Mensch konnte vorhersagen wie sich die Gesteinsbrocken verhalten würden. Selbst eine KI tat sich schwer alle herumfliegenden Brocken im Auge zu behalten, geschweige denn ihren Kurs zu berechnen.

Nur wenige wagten sich hinein und noch weniger kamen auch wieder heraus.

Er stützte sich auf seinen rechten Arm und seine Finger trommelten auf der lederüberzogenen Lehne. Die Chancen standen vergleichsweiße gut, dass es sich in diesem Fall um eines der vermissten Schiffe handelte.

Fünf Raumschiffe wurden letzten Monat als vermisst gemeldet und das nur in diesem Sektor. Viele glaubten, so etwas gäbe es nicht mehr, aber die Realität sah meist ganz anders aus. Vor allem hier außen, in den äußeren Kolonien war so etwas Gang und Gäbe.

Das UNSC versicherte zwar immer, dass sie nach den Vermissten Ausschau hielten, aber die Erfolgschance das Schiff zu finden waren wahnsinnig gering. Meist fand man nur Trümmerteile und die Leichen der Crew.

Donald interessierte sich wenig für den Verbleib der Besatzung, dass wirklich wichtige für ihn war die mögliche Fracht die er bergen könnte.

„Ich versuche die Wildcat zu kontaktieren, vielleicht kann das UNSC helfen", fuhr Tim nachdenklich fort.

„Bist du noch ganz sauber", fuhr er ihn an.

„Wir holen uns das Schiff selbst."

„Was ist mit den Asteroiden?"

„Ich hätte gedacht die Strahlung kommt von einem der Felsen am Rand."

„Ja, aber…"

„Dann los."

Wiederwillig programmierte Tim den neuen Kurs in den Computer ein und begann das Schiff vorsichtig in Bewegung zu setzten. So gut er konnte steuerte er das Schiff vorbei an den herumfliegenden Asteroiden. Sie waren bis auf wenige zehntausend Kilometer an ihr Ziel herangekommen, als es plötzlich knallte.

Der alte Frachter wurde brutal herumgerissen.

Donald wurde aus seinem Sitz geschleudert und schlug mit seinem Kopf auf eines der Instrumente vor ihm auf.

Dem anderen Menschen auf der Brücke erwischte viel schlimmer. Tim kollidierte mit seiner Konsole. Regungslos sackte er zu Boden.

Blut rann über das Gesicht des blonden Mannes.

Sofort nach dem Zusammenstoß ertönte das Kreischen der Sirenen.

Irgendwo im Schiff musste ein Feuer ausgebrochen sein.

Vier Decks unter ihnen fraß sich das Feuer unaufhaltsam immer weiter durch das Schiff, genau in die Richtung des Behälters mit der Dunklen Materie. Der Captain kämpfte sich stöhnend auf die Knie.

Mit seiner verbliebenen Kraft robbte er in Richtung Steuerkonsole, dort befand sich der Knopf mit dem die Hangar Tore öffnen konnte. Das Vakuum wurde den Sauerstoff aus dem Frachtraum ziehen und das Feuer löschen.

Doch es war zu spät.

Bevor er den Knopf drücken konnte fraß sich das Feuer durch die schützende Hülle des Behälters und zerstörte das Antigravitationsfeld.

Die Dunkle Materie fiel wie ein schwarzer Regentropfen zu Boden.

Bei der darauf folgenden Explosion wurde mit einem Schlag mehr Energie freigesetzt, als die lokale Sonne in letzten zweihundert Jahren erzeugte.

Für wenige Bruchteile einer Sekunde entstand eine kleine, zweite Sonne am äußersten Rand des Systems.

Sie vernichtete alles, sogar Asteroiden die sich mehrere hundert Kilometer entfernt befanden.

Von dem Schiff und seiner Besatzung blieb nur kosmischer Staub und die freigesetzte Strahlung zurück.