SALVATION
Copyrights 343 Industries & Bioware
(V1.0)
0901 Uhr, 25. Juni, 2303 CE (Galactic Standard Time)
Unidentifizierte Alien-Raumstation
Asteroidengürtel, unbekanntes System
Liara durchquerte zielstrebig die mattgrauen Korridore der Alien-Raumstation. Nach einem mehr als zweimonatigen Aufenthalt bewegte sich einigermaßen sicher durch die verschlungenen Gänge innerhalb des Asteroiden. Nichts desto trotz passierte es immer wieder, dass sie eine Abzweigung verpasste und so in einem anderen Teil der Station mehrere Stunden umherirrte. Besonders in den ersten Tagen verliefen sich viele der über 100 Mann starken Crew. Manche von ihnen wurden erst Tage später völlig ausgehungert und dehydriert von einer Rettungsmannschaft gefunden. Zum Glück konnte auch der schlimmste Fall nach wenigen Tagen auf der provisorisch eingerichteten Krankenstation, wieder an die Arbeit zurückkehren. Athame musste wahrhaftig über sie wachen.
Als das Expetitionsteam, vor etwas mehr als einem Monat in diesem System ankam, schien es noch so als würde es hier nichts weiter zu entdecken geben. Ein blauer Riese, der von zwei kleinen Gesteinsplaneten umkreist wurde und das riesige Asteroidenfeld am Rand des Systems waren alles was die Schiffsensoren der Tempest in den ersten Stunden feststellen konnte. Erst bei einer genaueren Analyse stellte man fest, dass es erst kürzlich zu einer Explosion von dunkler Materie gekommen war.
Dabei wurde neben den tausenden Tonnen Metall, die bis dahin auf die Größe eines Regentropfens komprimierten waren, unter anderem auch das seltene und begehrte E-Zero freigesetzt. Bedauerlicherweise verteilte die Explosion das Element Zero auf die umliegenden umhertrudelnden Asteroiden, was es für einen Abbau zu gefährlich und zu teuer machte.
Eine wahrhaftige Verschwendung, dachte die junge Asari betrübt.
Dennoch war die Entdeckung eine kleine Sensation. Zum ersten Mal in der Geschichte der Asari konnte man bei der Entstehung von E-Zero fast live dabei sein. Liaras Spezies erforschte und kartographierte das All schon länger als jede andere noch existierende Rasse und trotzdem warf das seltsame Element bis heute noch Fragen auf.
Eine davon, vielleicht die wichtigste war dessen Entstehung. Bis heute war es keiner bekannten Person gelungen es im Labor künstlich nachzubilden. Dennoch konnten die Forscher auf der Tempest einen kleinen Erfolg verzeichnen. In dem Asteroidenfeld fanden sich Restspuren von Dunkler Materie, welche nach einer der gängigsten Theorien für die Entstehung von Element Zero verantwortlich sein musste.
Die Wissenschaftler an Bord waren sich über die Richtigkeit dieser These schnell einig. Trotz dieser neuen Erkenntnisse und den daraus gewonnen Forschungserkenntnissen konnte sich keine der anwesenden Asari-Wissenschaftlerinnen vorstellen woher die dunkele Materie kam.
Sollte es den Asari aber gelingen eine Lösung zu finden, würde es ihnen einen beinahe unbegrenzten Zufluss des seltenen Elementes bescheren und damit einen essentiellen Vorteil gegenüber alle anderen Spezies.
Aufgrund dieser immens wichtigen und bahnbrechenden Erkenntnisse, hatte Liaras Mutter strengste Geheimhaltung angeordnet. Die Matriarchin informierte nur Ratsherrin Tevos über den Fund. Zusätzlich schickte sie weitere ihrer loyalsten Anhängerinnen mit weiteren Transport -und Versorgungschiffen in das System.
Letzten Monat kam es dann zum Höhepunkt: Mit der Ankunft einer der gerade erst fertiggestellten Stealth Fregatte der Janiri-Klasse. Offiziell befand sich das Weltraumschiff auf einer Erkundungsmission im Perseus-Nebel, um Aktivitäten der Geth aufzudecken. Jetzt flog das Tarnschiff irgendwo in den benachbarten Systemen umher und hielt Ausschau nach potenziellen Feinden.
Als sich die ersten Wellen der Euphorie legten und die meisten Forscher wieder klar denken konnten, stellte Liara die entscheidende Frage. Woher kam die Dunkle Materie? Dunkle Materie gab es nur in schwarzen Löchern und von diesen gab es im näheren Umkreis keinerlei Anzeichen.
Während ein Teil der Crew noch über ihre Frage diskutierte, ordnete Captain Moira T'Varis weitere und genauere Scans der umliegenden Umgebung an.
T'Varis stand bereits seit langer Zeit im Dienste ihrer Mutter und war eine der erfahrensten Schiffskommandeure der Republik. Geboren wurde sie auf einer kleinen Kolonie am Rande des damals kolonisierten Raumes. Ihre Mutter war Ingenieurin bei einer der größten E-Zero Abbaufirmen der Galaxis und musste ständig ihren Arbeitsplatz wechseln. Daher verbrachte die junge T'Varis viel Zeit auf Schiffen und wusste schon als Kind, dass sie später mal ihr eigenes Schiff kommandieren wollte. Ihre Liebe zu Schiffen und das angeeignete Wissen von ihrer Mutter über E-Zero machte sie zum perfekten Kandidaten für diese Mission.
Daher überraschte es die junge T'Soni wenig, dass sie bereits kurz darauf auf eine weitere Anomalie stießen.
Einer der Asteroiden wies eine ungewöhnlich hohe Radioaktivität auf.
Weitere Scans zeigten, dass sich die gemessene Radioaktivität zweifellos dem Element Tritium zuordnen lies. Das in der Natur nur in Spuren vorkommende Isotop, kam zur Überraschung aller tief aus dem Inneren des Felsbrockens.
Liara blieb auf halbem Weg zur Kommandozentrale vor einem wandhohen Fenster stehen und starrte in die Dunkelheit vor ihr. Sie presste ihr Gesicht gegen das Fenster. Erkennen konnte sie aber nichts. Sie wusste aber nur zu gut was vor ihr in der riesigen, schlecht ausgeleuchteten Höhle lag.
Die Crew der Tempest hatte lange und hitzig darüber diskutiert ob man wirklich in das Innere des mit tiefen Kratern überzogenen Asteroiden fliegen sollte. Am Ende wurde ein kleines Team aus Freiwilligen mit einem kleinen UT-47 Kodiak Shuttle losgeschickt. Über ein Loch auf der Oberfläche, dass locker einen Durchmesser von 12km hatte, gelangten sie hinein.
Die Außenscheinwerfer der Kodiak erhellten nur einen Bruchteil, der Höhle im Inneren des Felsen.
Doch was Liara und die anderen dort entdeckten war unglaublich
So wie es aussah, hatte sich eine bis jetzt unbekannte Spezies tief in das Innere gesprengt und dort eine Station errichtet. In den ersten Augenblicken erinnerte es die junge Asari ein wenig an Omega mit seinen vielen Fabriken, Andockbuchten und verwinkelten Gassen. Im Gegensatz zur berühmt berüchtigten Heimat der selbsternannten Piratenkönigin des Terminus-Systems war diese aber ungleich kleiner und schwerer zu finden.
Schemenhaft konnte sie über die kleinen Bildschirme im Shuttle erkennen was außerhalb vor sich ging.
Die Wände waren mit Landeplattformen und Andockbuchten übersäht. Riesige Kräne, zum End- und Beladen von Frachtschiffen hingen an der Decke darüber und schienen nur drauf zu warten ihre Arbeit wieder aufnehmen zu können. Über den Andockbuchten befanden sich gigantische Hangartore.
Leider waren sie verschlossen und alle Versuche mit dem Omni-tool auf die Systeme der Station zuzugreifen scheiterten.
Auch ihre Scanner konnten das unbekannte Material nicht durchdringen. Somit ließ sich nur erahnen was sich dahinter verbarg.
Eine der Pilotinnen forderte kurz darauf die Unterstützung der Tempest an. Matron T'Varis steuerte das hochmodere und Millionen teure Schiff nur zögerlich hinein, aus Angst sie könnten mit den umliegenden Höhlenwänden kollidieren. Ihre Sorge um den Platz löste sich allerdings schnell in Luft auf, als sie und die verbliebene Crew des Forschungsschiffes die Höhle mit eigenen Augen sehen konnten.
Sie hatte einen Durchmesser von mehr als 36km. Mehr als genug Platz um einen ganzen Verband aus Fregatten darin unter zu bringen.
Mit den der Tempest vor Ort und ihren fortschrittlichen Sensoren erhielten sie einen ganzen Berg neuer Daten. Und was die Forscher feststellten schockierte sie. Die ganze Station schien ohne E-Zero zu funktionieren. Auch später, als die Wissenschaftler es geschafft hatten tief in das Innere der Alien-Station einzudringen konnten sie keine Spuren des Elementes finden.
Wenigstens war der Grund für die ungewöhnlich hohe Strahlung schnell gefunden. Ein kleines Leck in einem der Fusionsgeneratoren. Es konnte mühelos repariert werden und die restliche Strahlung verschwand nach kurzer Zeit gänzlich. Wäre das Loch nicht gewesen, wären sie höchstwahrscheinlich einfach an den Asteroiden vorbeigeflogen.
Und die Entdeckung des Jahrtausends wäre geräuschlos an ihnen vorbeigegangen.
Liara löste sich von der kühlen Scheibe. Für einen Moment waren ihre Kopfschmerzen erträglich geworden. Jetzt fühlte sie sich wieder müde und ausgelaugt von den letzten Tagen. Eine Pause wollte sie sich allerdings nicht gönnen. Den Bericht für ihre Mutter hatte die junge T'Soni bereits vor Tagen fertig gestellt und nun musste sie nur noch die Ankunft des Versorgungschiffes abwarten.
Alle paar Tage sollte ein Frachter das Forschungsteam mit Nahrung, Wasser, Geräten, zusätzlichem Personal und Neuigkeiten versorgen. Im Gegenzug wurden Proben der gefundenen Stoffe, die Berichte der einzelnen Teams und alles was noch irgendwie Interessant war zurückgeschickt. Jeder musste eine detaillierte und ausführliche Dokumentation über sein Themengebiet ausfüllen. Egal ob man Xenobiologin, Archäologin oder zum einfachen Wartungspersonal gehörte. Selbst Captain Moira T'Varis musste es tun. Benezia hatte jeden in ihrer Handverlesenen Gruppe mit bestimmten Aufgaben und Pflichten anvertraut – nur Liara nicht. Sie wusste weder warum noch wofür sie hier war.
Erst hatte die Matriarchin Shiala als ihre persönliche Leibwache abgestellt und ihr einige Tage danach verboten ohne Eskorte das Anwesen auf Serrice zu verlassen. Alles ohne sie zu fragen und das machte sie wütend, schließlich war sie keine 106 mehr.
Mit einem mürrischen Schnauben drehte sie sich vom Fenster weg und eilte weiter in Richtung ihres Zieles. Ihre langen, aber trainierten Beine trugen sie wie von alleine durch die leeren Gänge.
Ihr Nacken begann zu kribbeln. Die biotische Aura die sie umgab, geriet nur für einen Bruchteil einer Sekunde aus dem Gleichgewicht. Die meisten Asari in ihrem Alter hätten das leichte Ziehen weder wahrgenommen noch besonders viel Beachtung geschenkt. Die junge Matron war aber nicht wie die meisten ihres Volkes.
Matriarchin Benezia war eine der mächtigsten Biotikerinnen ihrer Rasse. Es war also kein Wunder das ihr Sprössling bereits in jungen Jahren eine hohe Begabung für die Biotik entwickelte. In den letzten acht Jahrzehnten hatte sich ihre biotische Stärke beinahe verdoppelt und sie war mittlerweile so ausgeprägt wie bei einer Asari in den letzten Jahrzehnten als Matron.
Aber die biotische Begabung der jungen T'Soni war nicht das einzige was sich veränderte. Liara wuchs noch ein paar Zentimeter und war nun fast so groß wie ihre Mutter. Ihre dunkelblauen Lippen wurden ein wenig voller und das letzte bisschen Babyspeck im Gesicht und am Körper verschwand völlig. Dafür wurden Liaras Brüste voller und ihr Po runder. Zu ihrem Ärger musst sie viele ihrer alten Lieblingskleidungsstücke anpassen lassen oder komplett entsorgen. Sie hatte früher wenig Wert darauf gelegt was sie trug. Bequem und zweckmäßig musste es sein. Auch heute noch.
Schlank und trainiert war sie dennoch, dafür sorgten ihre zahlreichen Reisen und kleineren Missionen die sie im Auftrag ihrer Mutter übernahm.
Mit Schrecken stellte Liara eines Tages vor dem Spiegel fest, dass sie ihrer Mutter in vielen Bereichen immer ähnlicher wurde. Auch die ständigen Auftritte in der Öffentlichkeit, bei Vorlesungen, Interwies oder als Vertretung für Benezia auf wichtigen Gipfeln wurden immer mehr zum Alltag und stärkten nebenbei ihre Selbstsicherheit. Oft wurde sie aufgrund ihres immer ähnlicheren Aussehens mit ihrer Mutter verwechselt. Es waren nicht wenige die behaupteten, dass sie der Matriarchin wie aus dem Gesicht geschnitten war.
Mit dem fortschreitenden Alter fing sie an, sich für Politik und Wirtschaft zu interessieren. Wollte die Zusammenhänge verstehen - Fachbereiche die sie früher kaum beachtete. Die Archäologie und die Protheaner blieben aber eines ihrer wichtigsten Hobbys. Benezia förderte mit Freude das neu geweckte Interesse ihrer Tochter und unter ihren Fittichen blühte die junge Asari erst richtig auf.
Vor einigen Jahren hatte sie damit begonnen ein eigenes Informationsnetzwerk zu knüpfen. Mit eigenen Quellen und Agenten die in regelmäßigen Abständen Berichte erstatteten. Am Anfang war es nur eine kleine Handelsbörse für proteanische Ausgrabungstücke, die sie verkaufte um damit ihre Ausgrabungen zu unterstützten. Die ältere T'Soni beobachtete die ersten Schritte ihres Kindes in diesem Gebiet mit großer Neugier. Benezia selbst herrschte über eines der größten und dichtesten Informationsnetzwerke der Galaxie und so war es abzusehen, dass Mutter und Tochter bei manchen Dingen zu direkten Konkurrentinnen wurden.
Dabei zog sie allerdings immer den Kürzeren. Benezia hatte weitaus mehr Erfahrung und Ressourcen als sie zur Verfügung. Trotz allem achtete die Matriarchin darauf, dass ihr Kind bei jeder Niederlage etwas lernte. Mit der Zeit entwickelte es sich zu einem lehrreichen Spiel für Liara.
Ein kaum hörbares Rascheln hinter ihr brachte sie zurück in die Realität.
„Wie lange folgst du mir schon?", fragte sie ihren Schatten ohne sich umzudrehen.
Die überraschte Kommandosoldatin mit der grünen Haut und dem dunklen Gesichts Tattoo um den Augen trat aus der Dunkelheit in das Licht. Shiala hatte nicht damit gerechnet, dass die junge T'Soni sie entdecken würde. „Nicht lange", erwiderte sie.
Liara schwieg. Sie glaubte der grünen Asari nicht. Schon vorher hatte sie gespürt, dass sich jemand in der Nähe befand. So nahe hatte sie die Person aber nicht vermutet, dass die erfahrene Soldatin in der Lage war ihre Anwesenheit so lange vor ihr zu verbergen war ihr ein wenig unheimlich. Geschmeidig schob sich Shiala hinter sie. „Seit ihr euer Zimmer verlassen habt Lady T'Soni", gestand sie schließlich reumütig. Die älter Matron folgte ihrer Mutter schon seit Jahrhunderten.
Sie kannte Liara schon seit ihrem ersten Atemzug und wusste, dass sie sich dem Einfluss von Benezia, soweit es ihr nur irgendwie möglich war, zu entziehen versuchte.
Shiala war sich im Klaren, dass Benezia versuchte Liara das Gefühl der Freiheit soweit und solange wie möglich zu erhalten. In Wirklichkeit war es aber eine Illusion. Die zukünftige Erbin des T'Soni Imperiums war schon seit ihrer Geburt in dieser Blase.
Jeder auf dieser Station war über kurz oder lang mit der Matriarchin verbunden. Egal ob Wissenschaftler, Sicherheitspersonal oder die zahlreichen Undercoveragenten. Wenn es darauf ankam würden sie alle für den Erhalt des Hauses T'Soni sterben. Selbst Pelessaria und Treeya, die so etwas wie Freundinnen für Liara wurden.
Je älter Liara wurde, desto mehr wurde sie sich dieser Illusion bewusst. Nur langsam und wiederwillig akzeptierte sie diese bittere Wahrheit. Würde sie sterben, starb mit ihr eines der ältesten und nobelsten Häuser ihrer Spezies. Das dadurch hinterlassene Vakuum könnte ihr Volk in eine tiefes Chaos stürzen.
„Gehen wir." Sie setzte sich ohne weiteres in Bewegung. Ihr Schatten folgte ihr beinahe lautlos.
Die beiden waren die letzten die im Kontrollraum der Station ankamen. Der Raum war vollgestopft mit Bildschirmen, Rechnern und einigen Datenpads die man mit Hilfe von selbstgebauten Adaptern mit den Alien-Rechnern verbunden hatte. Ihre Technik war bewundernswert. Leider waren fast alle Versuche sie nachzubauen oder darauf zuzugreifen gescheitert. Selbst nach Wochen beherrschten sie nur die grundlegendsten Basisfunktionen der Station.
T'Varis stand auf der linken Seite vor dem größten der Bildschirme. Sie begrüßte die beiden mit einer leichten, aber höflichen Verbeugung.
„Nun da wir alle vollzählig sind fangen wir besser an", in der sonst so ruhigen Stimme des Captains konnte man ein wenig Nervosität entdecken. Ein Abbild von einer Überwachungssonde am Rande des Systems zeigte drei verschwommene Schiffssilhouetten.
„Diese Bilder haben wir vor einer Stunde von einer unserer Sonden geschickt bekommen", fuhr die erfahrene Asari fort. „Und diese vor etwa 10 Minuten."
Ein anderes Bild erschien und zeigte deutlich vier turianische Fregatten. Unverkennbar an dem silbernen Rumpf und an den mit orangen Streifen versehenen Flügeln, die links und rechts aus dem Rumpf ragten. Die dreieckige Schiffsform war einzigartig in der Galaxie.
Nervöses Getuschel brach zwischen den Mitgliedern des Teams aus, selbst die sonst immer gut gelaunte Peebee sah besorgt aus.
„Ruhe!" Die Stimme von Shiala brachte alle augenblicklich zum Schwiegen. Niemand der sich in diesem Raum aufhaltenden Asari wollte sich mit einer von Benezias engsten und vertrautesten Anhängerin anlegen.
„Danke Shiala." Moira verschränkte die Arme hinter ihren Rücken.
„Könnte es sich um eine Patrouille handeln?", warf Alestia Iallis dazwischen, bevor der Captain weitersprechen konnte.
„Unwahrscheinlich Alestia. Sie haben einen direkten Kurs auf uns eingeschlagen. Für eine Patrouille sind wir zu weit vom den Grenzen der Citadel entfernt", erwiderte sie.
Weit war fast ein wenig untertrieben, dass nächste erkundete System war 120 Lichtjahre entfernt. Ihre Reise führte sie über das Maroon-System in ein noch unbenanntes System mit einem weiteren Primären Massenportal und von da aus zu einem Sekundärportal. Von da aus mussten so noch 6-7 Tage mit FTL fliegen, um schlussendlich hier anzukommen.
„Vielleicht hat Matriarchin Benezia die Entdeckung öffentlich gemacht und der Rat schickt die Turianer als Verstärkung", rief eine Asari über das Gemurmel hinweg.
T'Varis blick schweifte über die Menge, bis sie an Liara hängenblieb. Die beiden hielten für einige Sekunden Blickkontakt. Schweigend schüttelte die Tochter von Benezia den Kopf. Liara wusste genauso wenig wie der Captain. Da das Versorgungsschiff mit neuen Informationen und neuer Ausrüstung war bereits zwei Tage verspätet.
Möglicherweise war das Transportschiff verunglückt und eine der nahen Grenzpatrouillen hatte es gefunden. Kaum hatte sie den Gedanken zu Ende gedacht verwarf sie ihn wieder. Die Turianer hatten erst vor ein paar Wochen ihre Patrouillen an den Grenzen im asarischen Raum gestoppt und das dazugehörige Abkommen aufgekündigt. Seitdem herrschte Chaos an den Grenzen. Schmuggler und Sklavenhändler konnten fast ungehindert bis zu den Kolonien der Republik fliegen und nach Lust und Laune Plündern. Vor allem Übergriffe von baterianisch geführten Piratenflotten häuften sich in letzter Zeit.
Für die meisten kam es wenig überraschend.
Die letzten zwei Dekaden mit den Turianer, aber auch mit den Salerianern waren gelinde gesagt, schwierig. Im Rat herrschte kaum noch Einigkeit. Es wurde erbittert über jede Kleinigkeit gestritten. Hinzu kam noch ein weiteres Problem.
Die Turianer, waren wie die Quarianer, die einzigen zwei bekannten Völker deren biologische Grundlage auf rechtsdrehenden Aminosäuren beruhte. Eine Minderheit in der Galaxie. Es gab nur sehr, sehr wenige Planeten, mit natürlicher Nahrung auf Basis von rechtsdrehender Aminosäuren. Die Turianer selbst hatten nur eine knappe Handvoll dieser speziellen Welten und alle waren übervölkert.
Die Bevölkerung ihrer Spezies hatte sich in den letzten hundert Jahren vervielfacht.
Also suchten sie nach einer Lösung. Der Bann zur unkontrollierten Öffnung von Portalen wurde aufgehoben. Ab einem gewissen Punkt ließ sich die Euphorie kaum noch bremsen. Fast täglich wurden neue Portale geöffnet. Neue Systeme erkundet. Neue Planeten besiedelt. Die meisten Regierungen schürten den Entdeckungsdrang ihrer Bevölkerung und Unternehmen noch weiter an. Zurück blieb nur Tevos und die anderen Matriarchinnen als mahnende Stimmen. Seither hatte sich die Bevölkerung der Turianer verdreifacht, die der Salerianer und Baterianer mehr als verdoppelt. Nur die der Asari wuchsen um 700 Millionen auf ein wenig mehr als 14 Milliarden. Ein großes Reich brauchte viele Ressourcen. Ressourcen wie E-Zero, die leider immer knapper wurden.
„Ich empfange einen Spectre-Identifikationscode", informierte die am Kommunikationsterminal sitzende Nyxeris. „Es handelt sich um Saren Arterius, er bittet um Landeerlaubnis."
Der große Bildschirm hinter Moira zeigte die mittlerweile am Asteroiden angekommenen Fregatten. Ihre silbernen Hüllen glänzten im Sonnenlicht. Vorsichtig flogen sie über dem Eingang, immer mit einem Auge auf die umherfliegenden Brocken. Sie konnte es nur allzu gut nachvollziehen. „Ein Spectre wie unerwartet", murmelte Liara. Vielleicht war er der Grund warum sich ihr Versorgungschiff verspätete oder etwas musste ihre Mutter zum Handeln gezwungen haben. Hinter hier versteifte sich Shiala merklich.
„Öffnet Hangar 3C. Ich werde Arterius persönlich empfangen", wies der Captain an.
Die junge T'Soni wollte sich dem Captain bereits anschließen, als sie eine Hand auf der Schulter bremste.
„Ja?", fragte sie und wandte sich um.
„Lasst uns hier bleiben Lady T'Soni", Shialas Stimme klang besorgt.
Liaras Blick fiel zurück auf dem Bildschirm. Mehrere Shuttles flogen heran und steuerten auf den ihnen zugewiesenen Hangar zu.
„Ein dutzend", stellte sie nach einer kurzen Zählung fest. Für den Spectre hätte auch eines gereicht. In ihrem Nacken begann es wieder zu kribbeln. Stärker als zuvor. Sie begann leicht zu zittern.
„Gut wir bleiben und beobachten das ganze über die Kameras." Die grünäugige Asari hinter ihr schwieg, ihre Dankbarkeit spürte sie dennoch deutlich.
Die schweren Hangartore waren bereits geöffnet und gaben den Blick auf die sich im Anflug befindenden Kodiaks frei, als Moira ankam. Einige Asari hatten Kisten mit Lebensmitteln und anderen diversen Vorräten beiseitegeschafft, um die Landefläche zu vergrößern. Langsam glitten die silbernen Shuttles durch das bläulich wabernde Energieschild, dass dafür verantwortlich war den Sauerstoff in der Station zu halten. Für einige Sekunden schwebten sie in perfekter Formation nebeneinander.
Für einen Moment war nur das Geräusch der Triebwerke zu hören, dann drehten sie sich um 90 Grad und landeten gleichzeitig auf den grauen Titaniumboden.
Turianische Disziplin vom feinsten, schoss es der Matron durch den Kopf.
Die Tür öffnete sich mit einem leisen Zischen, sodass man in den Innenraum des Transporters sehen konnte. Leichtfüßig sprang Saren heraus. Captain T'Varis vermutete zu mindestens das es sich um den Spectre handelte. Er trug eine schwarze Rüstung wie jeder der anderen Turianer hinter ihm auch. Ohne Abzeichen oder sonstige Rangbekundungen. Eine solche Rüstung hatte sie noch nie gesehen. Ein Pheaston-Sturmgewehr lag locker in seiner Hand. Abschätzig betrachtete er die Matron vor ihm. Über seine Lippen huschte ein verächtliches Grinsen.
„Saren Arterius willkommen. Ich bin Captain Moi….", die blaue Asari machte noch einen Schritt nach vorne und verstummte urplötzlich. T'Varis spürte einen stechenden Schmerz in ihrem Unterleib. Reflexartig presste sie beide Hände auf die Stelle. In ihrem Kopf pochte es wie verrückt. Benommen senkte sie den Kopf und betrachtete ihre Hände.
Blut quoll aus der klaffenden Wunde in ihrem Bauch. Dicke Tropfen der blauen Flüssigkeit tropfte zwischen ihren Fingern hindurch auf den Boden und sammelte sich in einer Lache auf den Boden.
Kraftlos sackte sie auf die Knie.
Immer mehr Turianer strömten aus den Shuttlen und eröffneten das Feuer auf ihre Crewmitglieder im Hangar. Das panische Geschrei der anderen anwesenden Asari ging im lauten Gewehrfeuer unter.
Doch weder das eine noch das andere nahm die in ihrem eigenen Blut kniende Moira wahr. Ihre Augen waren starr auf Saren gerichtet, der mit einer statischen Ruhe und einem rauchenden Gewehr auf sie zukam.
„Wa…", begann sie zu röcheln, ehe der Spectre ihr mit seinem Gewehrkolben ins Gesicht schlug.
Der Kopf der braunäugigen Asari knallte auf den harten Untergrund. Ihre Augen waren unnatürlich weit aufgerissen, während sie mit ihren letzten Atemzügen mit ansehen musste wie der Hangar in ein Schlachthaus verwandelt wurde.
Der Rest der Station sollte kurz darauffolgen.
1743 Uhr, 25. Juni, 2596 (Militärkalender)
Militärkrankenhaus, Calais, Arcadis
Eidera System, (Linwood Sektor), Äußere Kolonien
„…, ein in mehrfach gebrochener Arm, sechs gebrochene Rippen, eine zertrümmerte Hand, innere Blutungen und last but not least ein Schädelbasisbruch", der Chefarzt ging um das Bett herum. „Wissen sie eigentlich wieviel Glück sie gehabt haben Admiral."
William saß auf der Kante des Bettes, mit seinen noch etwas ungelenkigen Fingern knöpft er sein Hemd zu. Sein Schädel pochte, als würde er jede Sekunde explodieren und seinen Arm war größtenteils immer noch taub.
„Hören sie mir zu Admiral?", der ältere Mann mit dem weißen Kittel verschränkte vorwurfsvoll die Arme vor der Brust.
„Drei Monate Koma würde ich nicht als Glück bezeichnen." Er blickte zu Doktor Lagarde auf.
„Ich hätte sie noch einmal drei Monate im Koma lassen können", der Arzt ging auf den kleinen Tisch am Fenster zu, der mit Blumen, gute Besserungskarten und anderen Dingen überhäuft war. „Wäre vielleicht besser so gewesen", fügte er hinzu und betrachtete eine der Karten. Er nahm sie in die Hand und hielt sie Grand unter die Nase. „Es waren, Gott weiß wie viele Leute hier. Als sie aus der Intensivstation rauskamen war das ganze Zimmer voll. Man hätte meinen können hier gäbe es etwas umsonst."
Mit einer schnellen Bewegung nahm er ihm die Karte aus der Hand und legte sie neben sich aufs Bett. Er hasste es, wenn ihm jemand vor dem Gesicht herumfuchtelte. Bis jetzt hatte er noch keine von ihnen angeschaut und hatte es auch nicht vor.
Gott, wie er diese Krankenhäuser hasste. Er hatte kein Problem kranken oder verwundeten Soldaten die Hand zu schütteln, ihnen zu sagen das sich das UNSC gut um sie kümmern würde und ihnen den Respekt zu zollen den sie verdienten.
Er hatte nur ein Problem damit selbst darin zu liegen. Ging wahrscheinlich den meisten Menschen so. Die Zeit in Krankenhäusern schien kaum zu vergehen. Eine Sekunde wurde zu einer Minute, eine Minute zu einer Stunde und eine Stunde fühlte sich an wie eine beschissene Woche.
Als er am Morgen auf den Oberarzt warten musste, wanderten seine Gedanken zurück zu den letzten Momenten bevor er das Bewusstsein verlor.
Fredricks, die mit bleichem Gesicht und einer hilflosen Miene über ihm gebeugt war, während ihr das Blut von den Händen tropfte. Ihre Lippen hatte sich zwar ununterbrochen bewegt, verstanden hatte er aber nichts. Jetzt im Nachhinein wusste er aber, dass der Major durchgehend nach Hilfe geschrien haben musste.
Immer und immer wieder durchlebte Grand, diesen speziellen Moment. Die Ärzte meinten, es wäre eine völlig normale Sache. In ein paar Wochen sollte sich alles gelegt haben.
Deswegen hasste er Krankenhäuser umso mehr. Seine Gedanken würden ihn noch in den Wahnsinn treiben. William musste raus. Raus und zurück in sein Büro. Zurück zu seiner Arbeit um ihn abzulenken, um wenigsten ein wenig Normalität und Kontrolle zurückzugewinnen.
Mit beiden Armen stützte er sich auf dem Bett ab und schwang sich auf.
„Vorsicht Admiral", Lagarde packte ihm unter dem Arm. „Sie sollten ihrem Körper noch ein paar Wochen Zeit geben, um wieder in Form zu kommen."
„Ich habe keine paar Wochen Doktor." Schwankend richtete er sich auf. Die linke Seite seines blessierten Körpers schmerzte und brannte unter den noch etwas unbeholfenen Bewegungen. Grunzend legte er eine Hand an die Seite und massierte die Stelle leicht. Es fühlte sich an als würden hunderte Ameisen durch seinen Körper krabbeln.
Unter seinem Hemd ertastete er eine zurückgebliebene Narbe. Sie würde ihm als Mahnmal seiner eigenen Dummheit dienen. Ein kleiner Preis für sein Leben.
„Haben sie mein Büro bereits verständigt?". Hinter ihm hörte er einen tiefen Seufzer, als der erfahrenen Militärarzt sich geschlagen gab.
„Nein. Ich hatte eigentlich gehofft, sie würden sich noch dazu überreden lassen einige Tage auf der Beobachtungsstation zu verbringen."
Dankend nahm ihm Grand den schwarzen Mantel ab. Das weiche Material schmiegte sich an seine Finger, doch die das Gewicht überraschte ihn. Er war schwerer als der Offizier zuerst angenommen hatte. Die drei Monate mussten ihm schwerer zugesetzt haben als angenommen.
„Ich nehme mir ein Taxi." Grand blickte zu dem überhäuften Tisch hinüber.
„Ich lasse ihnen alles zukommen. Morgen oder spätestens Übermorgen.", antwortete Lagarde, der seinem Blick gefolgt war.
„Danke." William reichte ihm die Hand zum Abschied.
„Schon gut." Der Admiral durchquerte das Zimmer, wurde aber noch einmal kurz vom Doktor aufgehalten bevor er es verlassen konnte. „Ich will sie hier nicht mehr sehen Admiral."
Ein bitteres Lächeln schlich sich auf seine trockenen Lippen.
„Da sind wir schon zwei", antwortete er und zog die Tür hinter sich zu.
2003 Uhr, 25 Juni, 2596 (Militärkalender)
Verteidigungsministerium, Calais, Arcadis
Eidera System, (Linwood Sektor), Äußere Kolonien
Keuchend nahm William die letzte Stufe der Treppe. Er hatte seine Hände so fest um das Treppengeländer gekrampft, sodass die Knöchel weiß hervortraten, wie ein Ertrinkender, der sich verzweifelt an alles klammerte was er finden konnte.
Er sah noch einmal zurück zur Treppe. Grand konnte fast hören wie sie ihn auslachte. In all den Monaten die er bereits hier stationiert war, hatte er die Stufen mehrere hunderte Male genommen.
Das Koma musste seinen Körper schwerer zugesetzt haben als er glaubte - oder glauben wollte. Es würde einige Wochen dauern, bis er sich wieder schmerzfrei und unbeschwert bewegen kann.
Er musste schrecklich aussehen.
Ausgemergelt. Krank. Schwach.
Zum Glück war es Sonntagabend und im Gebäude war nicht viel los. Dadurch gelangte er fast unbemerkt durch das Tor und in das Ministerium hinein. William schleppte sich die letzten paar Meter bis zur Tür, drückte die Klinke nach unten und stieß sie auf.
Er freute sich auf sein Bett. Im Gegensatz zu dem Bett im Krankenhaus, dass mehr einer Pritsche glich als einem Bett, würde sich seines Anfühlen wie der Himmel auf Erden.
Kurz überlegte er noch, ob es sinnvoll wäre nachzusehen wieviel Arbeit über die letzten drei Monate liegengeblieben war.
Noch in Gedanken versunken durchquerte der Admiral das Vorzimmer und öffnete müde den Zugang zu seinem Büro.
Doch der Raum dahinter lag nicht wie erwartet in völliger Dunkelheit, sondern war hell erleuchtet.
An seinem Arbeitsplatz saß bereits jemand.
Eine Frau, in seinem Alter. Sie trug weder eine Uniform oder ein für ihn erkennbares Rangabzeichen an ihrer weißen Bluse.
Ihre vollen dunkelbraunen Haarte, die zu einem einfachen, aber eleganten Dutt zusammengebunden waren glänzten im warmen Licht der Deckenlampen.
Sie schien ihm keinerlei Beachtung zu schenken. Der Blick der Dame war stur auf dem Display vor ihr gerichtet, während ihre Hände über die holografische Tastatur auf dem Tisch zu fliegen schienen.
„Was machst du noch hier?", fragte sie und strich sich eine widerspenstige Haarsträhne hinters Ohr. „Wolltest du heute nicht früher ins Bett?"
Für einige Momente stand er einfach nur da.
Stumm schloss er die Tür hinter sich und machte einige Schritte auf die Unbekannte zu. Erst als er direkt vor dem Tisch zum Stehen kamen, gelangten ihre Finger allmählich zum Stillstand. Die Tischoberfläche war in einem chaotischen Zustand, auf der einen Seite stapelten sich haufenweiße Dokumente und anderer Papierkram und die rechte Hälfte war übersäht von Holopads und einigen leeren Kaffeetasse.
William konnte sich bei bestem Willen nicht daran erinnern, sein Büro in einem solchen Zustand verlassen zu haben.
Ihr Kopf hob sich langsam und ihre Augen wanderten über seinem Körper hinauf, bis sie ihm Augen schauen konnte.
In ihren müden rehbraunen Augen sah er schieren Unglauben.
„Ich wurde aufgehalten", witzelte er unbeholfen.
Die Brünette stand sichtlich schockiert auf und wankte um den Schreibtisch herum. „Will…", ihre Stimme brach schluchzend ab. Große Tränen rannen ihr, klar wie der Tau am Moren über ihr schönes Gesicht. Ihre Lippen bebten.
Sie stolperte die letzten Zentimeter zu ihm, verlor dabei einen ihrer Heels und schlang die Arme um Grand. Die Finger der Frau krallten sich in seinen Rücken und ihre Tränen durchnässten das dünne Leinenhemd.
Wie eine Katze schmiegte sie sich an seine Brust. Eine ganze Weile standen die beiden so vor seinem Schreibtisch und William legte sein Kinn auf ihren Kopf, da die braunhaarige immer noch keine Anstalt machte sich von ihm zu lösen.
Ungewollt hatte er die Luft angehalten. Grand atmete aus und sog den frischen Duft ihrer erst kürzlich gewaschenen Haare ein.
Es war das beste Aroma das er jemals gerochen hatte. Sie roch nach Rosen und frisch gemähtem Gras.
William blickte auf die Frau in seinen Armen hinunter. Ihre Augen waren noch immer geschlossen und ihr Atem ging ruhig und gleichmäßig. Alles an ihr kam ihn so bekannt vor, die mandelförmigen Augen, ihr herzförmiges Gesicht oder die braunen Haare. Sie sah einer bestimmten KI zum verwechseln ähnlich. Nur größer und schöner.
Wiederwillig löste er sich, ging vor ihr auf die Knie und griff nach dem losen High Heel, der noch immer unbeachtet auf dem Teppichboden lag.
Grand drehte den schwarzen Schuh in seiner Hand, wie man darin laufen konnte hatte er bis heute nicht verstanden.
Behutsam massierte er mit seinen Fingern Charlottes Knöchel, ihre Haut fühlte sich warm und weich an. Zu seiner Zufriedenheit stellte er fest das ihr Gelenk weder angeschwollen war, noch schien sie größere Schmerzen zu empfinden.
Die ehemalige KI stützte sich auf seinen Schultern ab, als er den Schuh über ihren nackten linken Fuß stülpte. Behutsam setzte er ihren Fuß zurück auf den Boden.
„Danke", flüsterte sie leise, nachdem er sich nur mit Mühe wiederaufgerichtet hatte. Ihre Augen glänzten immer noch feucht.
„Wie bist du hierhergekommen William? Doktor Lagarde wollte uns doch verständigen?"
„Ich wollte nicht länger bleiben und habe mir ein Taxi genommen. Wäre es nach Lagarde gegangen würde ich noch mindestens eine Woche im Krankenhaus verbringen."
„Zu Recht. Ich hätte daran denken sollen wie stur du bist.", sie warf ihn einen vorwurfvollen Blick zu. „Du gehörst ins Bett und zwar sofort." Energisch wurde er von ihr durch die angrenzende Tür ins Schlafzimmer gescheucht.
Dort sah es fast immer noch so aus wie vor drei Monaten. Nur das Doppelbett war frisch überzogen worden und auf dem linken Nachtkästchen lag eine aufgerissene Taschentuchpackung und ein Holopad. Charlotte schien noch immer im Büro zu sein. Den Geräuschen zu folge schien sie etwas umzuräumen.
Auf der Suche nach einem frischen T-Shirt für die Nacht öffnete er eine der Schranktüren. Doch in der Schublade lagen keine T-Shirts, sondern etwas anderes, dass er in der Dunkelheit aber nicht erkennen konnte. Misstrauisch packte er das erste Kleidungstück mit zwei Fingern und zog es heraus.
Ein brauner Damenslip baumelte vor seinem Gesicht.
„Der ist neu", stellte er schmunzelnd fest und betrachtete das Kleidungstück, wenn man das bisschen Stoff überhaupt so nennen konnte, interessiert. Das Höschen ließ nur wenig Vorstellungsfreiraum was sich darunter befinden könnte.
Plötzlich ging das Licht an. „Das ist meiner", Charlotte riss ihm verlegen den Slip aus der Hand. Sie stopfte ihn zurück in die Schublade und knallte die Tür vor ihm zu. „Deine Sachen sind nebenan." Aus dem zweiten Schrank kramte sie ein olivfarbenes Oberteil hervor, auf dessen Rückseite das UNSC-Logo aufgedruckt war und warf es ihm zu.
Grand bis sich auf die Zunge um sein Lachen zu unterdrücken. Charlotte eilte zum Bett und packte sich ein Kissen, sowie eine Zudecke.
„Wo willst du hin?"
„Es ist dein Bett William, ich werde auf der Couch schlafen", sie klang ein wenig traurig. „Morgen suche ich mir etwas Eigenes."
„Wie lange schläfst du schon hier?"
„Schon seitdem ich aus dem Krankenhaus entlassen wurde. Und nach deinem Unfall war alles so chaotisch, ich hatte bis jetzt keine Zeit mich darum zu kümmern." Sie sah müde aus, so müde als könnte sie jeden Moment umfallen. Er brachte es nicht übers Herz sie aus dem Zimmer zu schmeißen. Die Couch war zudem nicht einmal sonderlich bequem, dass wusste er aus eigener Erfahrung.
„Charlotte!"
„Ja?", sie stand bereits in der Tür.
„Du kannst auch hier schlafen, wenn du willst. Das Bett sollte groß genug für uns sein."
„Ich will nicht stören, du brauchst deinen Schlaf."
Grand schnaubte kopfschüttelnd und sie behauptete er sei stur. „Du störst nicht." Er drehte sich um und ging in Richtung seines kleinen Badezimmers. „Denk darüber nach."
Er betrachtete sein Spiegelbild, während er sich die Hände wusch und die Zähne putzte. Seine Haut war blass geworden und die Augen des Admirals umgaben tiefe, dunkle Ringe. An seinem Hals entdeckte er eine weitere hässliche Narbe. Der Rest des Gesichtes war eingefallen und ausgezehrt.
„Du siehst aus wie ein alter Mann Grand", murmelte er verdrossen und spülte die restliche Zahnpasta aus.
Er riss sich förmlich das Hemd vom Körper und schmiss es achtlos in eine Ecke. Hose, Schuhe und die Socken folgten einen Moment später. Nur die Boxershorts lies er an. Morgen kommt alles in den Müll und zum Friseur musste er auch. Die dunkelblonden Haare waren bereits länger als die Norm es erlaubte.
Als er sein Spiegelbild nicht mehr länger ertragen konnte, drehte er sich um verließ das Badezimmer.
In seinem Schlafzimmer musste Charlotte das Licht ausgeschaltet haben. Einige Momente verharrte er regungslos in der Dunkelheit. Auf der linken Seite seines Doppelbettes konnte er die Umrisse eines Körpers erkennen.
„Ich hätte nicht gedacht, dass du jemals auf mich hören würdest", neckte er sie.
„Bilde dir ja nichts darauf ein", ertönte ihre gedämpfte Stimme, während er unter die Bettdecke kroch.
„Niemals. Gute Nacht Charlotte."
„Nacht Will."
Der Schlaf holte Grand nur wenige Minuten später.
Nur einmal in der Nacht wachte er kurz auf. Charlotte war in ihrem Schlaf über das Bett gewandert und drückte sich nun so dicht wie möglich an ihn.
AN: Grammatik, Satzbau, etc. war noch nie meine Stärke. Möchte jemand Korrekturlesen, der kann sich einfach bei mir melden. Ich versuche alle Kapitel in der nächsten Zeit nocheinmal zu überarbeiten.
