XXII.

Jezzro Bryllykzzyngyr (unter seinen Kameraden und auch unter den höheren Chargen der Allianz unter zwei verschiedenen Kurzversionen dieses Zungenbrechers bekannt) kaute vor lauter Nervosität auf seinem ohnehin schon sehr mitgenommenen Daumennagel herum. Er hatte sich noch nie in seinem Leben so einsam gefühlt. Und er hatte Angst. Große Angst.

Es kam ihm so vor, als würde er schon seit mindestens einem Monat hier unter einem Baum sitzen und warten. Und seine gegenwärtige Gesellschaft trug auch nicht gerade zu seiner Beruhigung bei. Der gefangene Sturmtruppensoldat, den er leider bewachen musste, feixte schon seit geraumer Zeit über das ganze Gesicht. Wie er das überhaupt fertig brachte, war Jezzro einfach schleierhaft. Es war mit Sicherheit eine gewisse Herausforderung zu grinsen wie ein Honigkuchenpferd, wenn man einen Knebel im Mund stecken hatte.

Außerdem fragte er sich, was der Imperiale eigentlich so komisch fand. Immerhin hockte er in seiner Unterwäsche – also halbnackt – und an Händen und Füßen gefesselt auf einer dicken Matte besonders pieksiger Piniennadeln. Und möglicherweise hockte er sogar mitten in einer Spinnenkolonie, wenn Jezzro all das Gehusche und Gekrabbel unter den Piniennadeln und das eine oder andere lange haarige schwarze Bein, das sich hier und da zeigte, richtig deutete. Aber diese kleinen Unannehmlichkeiten schienen diesen Kerl nicht weiter zu stören. Vielleicht waren Sturmtruppensoldaten ja so abgebrüht, dass sie gar nichts mehr störte.

Jezzro dagegen, der sich nicht nur vor mordlustigen Imperialen, sondern auch vor großen schwarzen Spinnen graulte, war inzwischen sehr, sehr angespannt, um es milde auszudrücken.

„Was ist so lustig, hm? Ich könnte dich jederzeit abmurksen, weißt du", teilte er seinem Gefangenen markig mit, als er die Stille schließlich nicht mehr ertrug.

In Wirklichkeit hatte er keineswegs die Absicht, irgendjemanden abzumurksen – nur wenn es sich eben gar nicht mehr vermeiden ließ. (Jezzro hoffte sehr, dass es sich vermeiden ließ.) Was das Töten von anderen Leuten anging, war er nämlich noch so etwas wie eine Jungfrau. Er war zu dem Akt an sich bereit, wenn seine Stunde kam, aber es musste ja nicht unbedingt dazu kommen. Noch nicht …

Der Imperiale schien ihm diese Gedanken irgendwie von seiner sommersprossigen Nasenspitze abzulesen, denn jetzt feixte er womöglich noch mehr – obwohl gerade eine wirklich gigantische und extrem haarige Spinne über sein linkes Knie kroch. Jezzro konnte kaum noch hingucken. Aber er musste Wache schieben, also bewachte er den grässlichen Achtbeiner … nein, den Imp, auf dem das Viech herumkrabbelte! … und harrte der Dinge, die da kommen sollten. Er wünschte sehnsüchtig, die Dinge würden ein bisschen schneller kommen …

Irgendeine weise Person – vermutlich eine Fanfiction-Autorin namens Fenjala, die epische und langatmige Geschichten über Jezzros geliebte Holo-Trilogie Starquest verfasste – hatte einmal geschrieben, dass es nichts Schlimmeres im Universum gab als Wünsche, die in Erfüllung gingen.

Jezzro fand, dass diese Aussage vollkommen richtig war, denn er hatte schon öfters ganz ähnliche Erfahrungen im realen Leben gemacht. Demzufolge traf ihn jetzt fast der Schlag, als die Dinge tatsächlich in Bewegung kamen – und zwar in Form eines weiteren Sturmtruppensoldaten, der plötzlich hinter seinem gefangenen Kollegen auftauchte, aber leider weder halbnackt noch gefesselt war, was ihn natürlich zu einer unmittelbaren Gefahr für Leib und Leben machte...

Jezzro war gerade im Begriff, seine tötungstechnische Unschuld doch noch zu verlieren, als der unerwünschte Neuankömmling mit einem verzweifelten „Nicht schießen, Blix!" hastig seinen Helm herunterzerrte.

„Galen! Endlich..."

Jezzro ließ seine unbenutzte Waffe wieder sinken. Sein Blick schweifte von dem fahlen schweißnassen bärtigen Gesicht des Majors zurück zu dem Pinienhain, zwischen dessen moosbewachsenen Stämmen er gerade erschienen war, aber er konnte niemanden sehen. „Wo sind die anderen?"

„Tot. Oder so gut wie", sagte Galen tonlos.

„Was?! Was ist passiert?"

„Wir sind verschaukelt worden, Kleiner, das ist passiert. Die haben uns reingelegt." Der Major schleuderte wütend den verhassten Helm auf den Boden.

„Wer?"

„Die Imperialen … diese Hurensöhne!"

Galen trat den Gefangenen, der mehr grinste als je zuvor, mit aller Kraft in die Seite, um seinen aggressiven Gefühlen gegenüber dem Imperium Luft zu machen. Die Spinne, die es sich inzwischen auf der Schulter des Soldaten gemütlich gemacht hatte, flog in hohem Bogen durch die Luft und landete ungefähr zwei Meter entfernt vor Jezzros Füßen. Aber das war nicht der Grund, warum der junge Mann sofort in einem Anfall von Panik aufsprang. Nicht wirklich...

„Was?!"

Der Major nickte grimmig. „Ja, Kleiner. Die Imps haben uns gerade so richtig den Arsch aufgerissen. Und vielleicht hat ihnen auch noch jemand dabei geholfen", sagte er düster.

„Galen, ich verstehe kein Wort. Ich ..."

„Was gibt's da noch zu verstehen? Wir haben versagt! Wir haben es nicht geschafft. Weil die Imps uns total überrascht haben. Sie … sie waren plötzlich einfach da … Hunderte von denen … Ich hab keine Ahnung, wo die alle so schnell hergekommen sind."

Der Major schüttelte langsam den Kopf, als er die unbegreiflichen Ereignisse der letzten Stunde vor seinem geistigen Auge Revue passieren ließ.

„Irgendwas war mit meinem Kommunikator … und mit diesem blöden Helm auch! Das verfluchte Ding hat auf einmal gerauscht wie verrückt … Ich konnte gar nichts mehr hören außer diesem verdammten Rauschen … Ich wollte die anderen warnen, Blix, aber sie haben es offenbar gar nicht mitgekriegt. Und dann haben die Imps sie auch schon aus dem Bunker rausgetrieben wie eine Schafherde, unsere ganze Truppe. Und ich konnte nichts tun … absolut gar nichts ... Die Imps hätten doch sofort gemerkt, dass ich nicht zu ihnen gehöre.

Und dann haben diese Plüschbärchen plötzlich angegriffen … keine Ahnung wieso ... Sie haben ihr Bestes gegeben, aber es waren einfach zu viele Imps … Sie hatten gar keine Chance … Und unsere Leute auch nicht ..."

Galen schnaubte und wischte sich heftig mit dem Handrücken über die Augen. „Ich habe gesehen, wie sie Tully erledigt haben", sagte er heiser. „Und Kelso. Und Scroolan. Und Mirdikai und Velvarin sind unter einen von diesen beschissenen AT-STs geraten. Der hat die beiden einfach in den Boden gestampft … einfach so..."

„Was ist mit der Prinzessin? Was ist mit General Solo?"

„Ich weiß nicht. Sie sind auch in den Wald gerannt, als es losging. Ich bin ihnen gefolgt, aber sie waren plötzlich einfach weg und ich konnte sie nicht mehr finden … Es war alles so unübersichtlich. Überall Bäume und Imps und Ewoks … Die haben Hunderte von Ewoks umgebracht, Kleiner … Es war ein Massaker. Es ist ein Massaker. Sie sind immer noch dabei, die Imps..."

„Und Commander Skywalker?"

„Der? Der war nicht dabei! Und ich wette, er hatte einen verdammt guten Grund dafür", sagte Galen erbittert.

„Was meinst du damit?"

„Ach komm schon, Kleiner, wie blauäugig bist du eigentlich? Skywalker verschwindet gestern Abend einfach von der Bildfläche. Die Prinzessin und Solo wollen uns nicht sagen, wo er abgeblieben ist. Und heute fallen die Imps über uns her und machen Hackfleisch aus uns. Glaubst du wirklich, das ist ein Zufall?"

„Das ist doch Blödsinn, Galen!"

„Ach ja? Bist du dir da so sicher?"

Jezzro wusste kaum, was er dazu sagen sollte. Commander Skywalker war ein Held der Rebellion (sein ganz persönlicher Held übrigens auch, denn er war nicht nur ein Starquest-Fan!) und in jeder Hinsicht ein Vorbild. Außerdem war Skywalker nett, was man von Major Galen jetzt nicht unbedingt behaupten konnte – sogar dann, wenn er keine abstrusen Verschwörungstheorien ausbrütete.

„Ein paar von den Jungs behaupten, dass er sogar ein Jedi ist", sagte er schließlich, als würde das allein genügen, um jeden Verdacht zu zerstreuen.

Die Jedis waren nämlich eine enorm mystische und mythische Bruderschaft von edlen Kämpfern für das Gute, das wusste doch nun wirklich jeder … oder zumindest jeder anständige Rebell. (Die Jedis spielten übrigens auch eine sehr wichtige Rolle in Starquest, obwohl sie dort ein reiner Frauenverein waren und als vollbusige Amazonen in Metallbikinis dargestellt wurden. Außerdem wurden sie dort als Beni Saij bezeichnet, weil die imperiale Zensur sonst die Drehbuchautoren verhaftet hätte – und Freizeitautoren wie Madame Fenjala gleich noch mit dazu.)

„Also ich glaube das nicht", stellte er fest.

Galen schlug sich mit der Hand an die Stirn vor lauter Frustration, verkniff sich aber einen Kommentar. Er hatte jetzt an Wichtigeres zu denken. Vorläufig ...

„Wie auch immer, wir müssen jetzt verschwinden, Blix. Wir schlagen uns irgendwie zur Tydirium durch und hauen ab. Wenn das Gemetzel da oben auch nur halb so schlimm ist wie hier unten, dann kommen wir vielleicht gerade noch so durch, ohne dass sie uns bemerken."

„Wir können doch nicht einfach so abhauen. Wir müssen wenigstens versuchen, die Prinzessin und den General zu finden... Und was ist eigentlich mit dem Wookie?"

„Keine Ahnung. Die sind alle erledigt – oder Schlimmeres!" Und als er Jezzros Gesichtsausdruck sah, beschwörend: „Wir können nichts mehr für sie tun, Kleiner. Inzwischen schleichen hier so viele Imps herum, dass wir wahrscheinlich selber gleich draufgehen. Sei vernünftig. Wir haben keine andere Wahl." Und als Jezzro immer noch zögerte... „Herrgott, Blix! Willst du hier sterben oder was?!"

„Und was machen wir mit dem da?"

Jezzro deutete auf ihren Gefangenen, dessen Grinsen inzwischen erloschen war. Vielleicht ahnte er, dass seine Stunde gekommen war …

Galen richtete seinen Blaster auf den Mann und erschoss ihn einfach, ohne auch nur mit der Wimper zu zucken.

Jezzro fiel der Unterkiefer runter. Er war sprachlos, aber dieses Mal vor Empörung.

Galen sah auf den Sturmtruppensoldaten hinunter und da war blanker Hass in seinen Augen, nichts als Hass. Er spuckte auf die Leiche des Mannes und sagte: „Nur ein toter Imperialer ist ein guter Imperialer ... Komm jetzt, Kleiner!"

Er drehte sich um und ging auf und davon.

Jezzro Bryllykzzyngyr warf einen letzten bestürzten Blick auf den toten Gefangenen und trottete dann widerwillig hinter dem Major her.

Er hatte keine andere Wahl ...