XXVII
„... aber das ist noch lange nicht das Ende. Es ist … Es ist nicht … Es sollte … Wir sollten darin eine Gelegenheit sehen … eine historische Gelegenheit sehen, um uns … um uns zu … Um uns was?! Ach, verdammt!"
Mon Mothma knallte das Datapad, über dem sie schon seit einer gefühlten Ewigkeit brütete, mit so viel aggressivem Schwung auf ihre Schreibtischplatte hinunter, dass es ein protestierendes Knirschen von sich gab. Gleich darauf flackerte der flache Bildschirm ein- oder zweimal auf und erlosch dann zu ihrer Bestürzung ganz und gar.
„Oh nein! Bitte nicht!"
Sie nahm das Datapad hastig wieder auf und versuchte es neu zu starten, aber ein trostloses kleines Piepsen war und blieb das einzige Lebenszeichen des Gerätes. Als sie den Schwenkarm ihrer Schreibtischlampe näher an das Datapad heranrückte, entdeckte sie einen feinen, aber langen Riss, der sich quer durch das ganze Kunststoffgehäuse zog. Und aus diesem Riss drang schwach, aber unverkennbar der Geruch von schmorenden Elektronikteilen.
„Und ich habe nicht mal eine Sicherungskopie davon gemacht … So ein Mist!"
In einer plötzlichen Aufwallung von neuem Elend und ganz allgemeiner Weltuntergangsstimmung sank sie schluchzend in ihren Schalensessel zurück. Sie tastete blind nach einer mit bunten Spiralmustern verzierten Schachtel und zupfte ein frisches Papiertaschentuch heraus, das gleich darauf zusammengeknüllt und völlig durchgeweicht in einem eckigen Bastkorb unter ihrem Schreibtisch endete, wo sich inzwischen ein richtiger kleiner Haufen von ebenfalls feuchten Papierknäueln angesammelt hatte.
Es dauerte eine ganze Weile, bis Mon Mothma sich wieder ein wenig gefasst hatte. Doch dann stand sie auf und schleppte sich in die winzige Nasszelle hinein, die sich an ihr Büro anschloss. Sie erschrak selbst, als sie in dem unbarmherzig hellen und wenig schmeichelhaften Licht eines Leuchtpaneels das verhärmte Gesicht sah, das ihr aus dem kleinen Spiegel über dem Waschbecken entgegen starrte.
Ihre verweinten Augen unter den gedunsenen Lidern waren rot und trüb wie gekochte Tomlicas und ihre Haut war fleckig gestreift von einer Mischung aus zu vielen Tränen und verwischtem Mascara. Sie sah alt und verbraucht aus. Sie sah einfach verheerend aus – und das ungefähr eine Dreiviertelstunde vor dem wichtigsten Auftritt ihres Lebens …
Sie war gerade dabei, mit einem Handtuch und sehr viel kaltem Wasser die schlimmsten Spuren der Verwüstung und ihrer allzu offensichtlichen Verzweiflung zu beseitigen, als der Türsummer ertönte.
„Herein!" rief sie und war unwillkürlich betroffen, als sie hörte, wie brüchig ihre sonst so melodische flötengleiche Altstimme klang. Nicht einmal die kleinen Tricks, die ihr Rhetoriklehrer auf Chandrila ihr beigebracht hatte (und die er selbst von einem erfahrenen Gesangslehrer am Joolliar-Konservatorium gelernt hatte), würden das rechtzeitig in Ordnung bringen ...
Die Tür öffnete sich und Rieekan erschien in dem vagen Dämmerlicht der auf Nachtzyklus geschalteten Flurbeleuchtung wie ein Phantom. Er sah auch wirklich aus wie ein Geist … oder wie eine Manifestation ihrer überwältigenden Schuldgefühle …
„Ich wollte nur mal kurz nach Ihnen sehen, Mon. Was macht Ihre Rede?"
„Gar nichts mehr. Ich habe sie nämlich gerade eben zusammen mit meinem Datapad zum Schweigen gebracht – und zwar endgültig … Was sich allerdings schlimmer anhört als es wirklich ist, denn sie war sowieso miserabel … Mit Abstand die schlechteste Rede, die ich je geschrieben habe …
Carlist, ich habe keine Ahnung, was ich unseren Leuten nachher sagen soll. Ich weiß einfach nicht, wie ich ihnen das alles erklären soll."
„Es wird Ihnen schon etwas einfallen, Mon. Reden Sie einfach aus dem Stegreif, improvisieren Sie – das war doch immer Ihre große Stärke."
„War es das? Ich glaube nicht. Ich glaube an gute Vorbereitung. Und außerdem … nicht einmal das größte Improvisationstalent aller Zeiten könnte die Allianz jetzt noch retten ..."
Mon Mothma wischte sich mit dem Handtuch über ihre Augen, die sich mit einer neuen Flutwelle von Tränen füllen wollten. Sie konnte offenbar einfach nicht aufhören zu weinen. Es war wirklich erbärmlich ...
„Oh Carlist! Wenn ich nur auf Sie gehört hätte", stammelte sie. „Sie waren der Einzige, der gegen unseren Plan war. Sie haben mir gesagt, dass das Risiko zu groß ist, dass wir nicht alles auf eine Karte setzen dürfen ..."
Rieekan sagte behutsam: „Aber die anderen waren alle dafür. Und der Plan war nicht schlecht. Es hätte funktionieren können."
„Aber es hat nicht funktioniert! Und wie stehen wir jetzt da? Wir sind fertig, Carlist. Wir haben so viele Leute verloren, die wir nicht einfach so ersetzen können … Und praktisch unsere ganze Führungsebene ist weg! Ackbar und Dodonna … Turvaal und Fancey ... Cracken und Madine. Und ich will gar nicht erst mit all den anderen anfangen, mit Leia oder mit Solo oder dem jungen Skywalker ..."
„Wir wissen nicht mit Sicherheit, dass Madine tot ist. Laut dem Captain der Bestine hatte die Warbride Probleme mit der Navigation. Möglicherweise ist sie einfach zu früh oder zu spät aus dem Hyperraum raus gekommen. Madine könnte also immer noch hier auftauchen. Und das gilt auch für Solo und Skywalker – und die Prinzessin ... "
Rieekan verstummte und sah sehr angestrengt auf seine Stiefelspitzen hinunter, um Mon Mothma nicht in die Augen schauen zu müssen. Als einer der engsten Vertrauten von Bail Organa hatte er Leia seit ihren Kindertagen gekannt. Mit ihr sein allerletztes Bindeglied zu den Organas und damit zu seiner verlorenen Welt einzubüßen, war mehr, als er ertragen konnte. Er wollte sich nicht einmal mit dem Gedanken befassen. Nicht jetzt.
„Aber wir können nicht ewig am Sammelpunkt bleiben und auf die Nachzügler warten – falls es überhaupt noch Nachzügler gibt, was mit jeder Stunde unwahrscheinlicher wird. Eigentlich sind wir schon viel zu lange hier, Carlist. Wir müssen weiter … obwohl ich nicht einmal weiß, wohin."
Mon Mothma strich sich fahrig durch ihren ohnehin schon ziemlich zerzausten kastanienbraunen Haarschopf, was bei ihr ungefähr die gleiche Emotion ausdrückte wie das Händeringen bei leichter erregbaren Frauen.
„Wo sind wir jetzt noch sicher? Wer wird uns jetzt noch helfen? Sobald die Leute erfahren, dass das Imperium einen neuen Todesstern hat, werden alle vor Angst erstarren. Sie werden alle fürchten, dass ihre Welt oder sogar ihr ganzes Sternensystem zum nächsten Alderaan werden könnte. Sie werden uns nicht mehr unterstützen, weder mit Geld noch mit Ausrüstung noch mit sonst was. Woher sollen wir neue Schiffe bekommen? Woher sollen wir neue Piloten nehmen? Wer wird sich uns jetzt noch anschließen wollen? Es ist aussichtslos, Carlist."
„Es war immer aussichtslos", sagte Rieekan. „Aber hat uns das jemals davon abgehalten zu kämpfen? Und wir haben gekämpft, weil wir genau wussten, dass irgendjemand Palpatine aufhalten muss, dass man sein Imperium daran hindern muss, sich wie ein Krebsgeschwür auszubreiten, unkontrolliert, bis die ganze Galaxis davon befallen ist und daran zugrunde geht. Und wer sollte sonst dagegen kämpfen? Wer, wenn nicht wir?"
„Aber wie sollen wir das machen? Wie soll es jetzt weitergehen?" Mon Mothma rang jetzt wirklich die Hände.
„Wir machen es einfach so, wie wir es schon immer gemacht haben. Wir suchen uns ein Versteck in irgendeinem Randwelt-System und bauen dort eine neue Basis auf. Wir verlegen uns wieder auf die Guerilla-Taktik, mit der wir immer gut gefahren sind: Kleine Ziele, kleine Angriffe, kleine Erfolge, kleine Fortschritte. Und in der Zwischenzeit finden wir neue Leute ...
Ach, kommen Sie, sehen Sie mich doch nicht so ungläubig an, Mon! Sie wissen doch genau, dass wir immer neue Rebellen finden werden. Warum? Weil es unmöglich ist, unter einer so brutalen Willkürherrschaft wie dem Imperium auf Dauer friedlich zu leben. Weil es unmöglich ist, ein Leben in haarsträubender Ungerechtigkeit und ständiger Angst ewig zu ertragen. Weil es immer jemanden geben wird, der diesen unmenschlichen Druck nicht mehr aushält und der dazu bereit ist, aufzustehen und Widerstand zu leisten …
Wir werden neue Piloten finden und neue Verbündete und mit ihnen neue Finanzierungsmöglichkeiten, neue Ausrüstung und neue Schiffe … Und eines Tagen werden wir wieder so weit sein, wie wir es vor Endor waren. Und dann – wer weiß? Natürlich wird das alles eine Weile dauern, aber ..."
„Zwanzig Jahre, Carlist!" wisperte Mothma. „Ich habe zwanzig Jahre gebraucht, um die Allianz aufzubauen und sie so weit zu bringen, wie wir es vor Endor waren. Und jetzt soll ich wieder ganz von vorne anfangen? Ich weiß nicht, ob ich das noch einmal schaffe … Ich weiß nicht, ob ich noch einmal die Kraft dazu habe."
„Was wäre denn die Alternative, Mon? Wollen Sie aufgeben und sich einfach wieder in Ihr Privatleben zurückziehen? Und wie soll das aussehen, hm? Wollen Sie unter einer falschen Identität nach Chandrila zurückkehren und dort Rosen züchten oder sich auf irgendeiner Randwelt verstecken und dort ein Obdachlosenasyl leiten? Wollen Sie jeden Tag in den Nachrichten sehen, was das Imperium so alles anstellt, während Sie in Ihrer Küche stehen und Brot backen oder Ihre Katze füttern?
Wollen Sie jeden Tag für den Rest Ihres Lebens Angst davor haben, vom imperialen Geheimdienst doch noch aufgestöbert zu werden oder beim Gassigehen mit Ihrem Hund von einer neugierigen Nachbarin oder einem zufällig vorbeikommenden Sturmtruppensoldaten wieder erkannt zu werden?"
„Seien Sie nicht albern, Carlist!" Mothma schwankte zwischen Ärger und Amüsement. Die Ideen, auf die dieser Mann kam! „Ich hatte nie vor Rosen zu züchten, ich habe keine besonderen Fähigkeiten im Umgang mit Obdachlosen, soviel ich weiß, und Sie wissen doch ganz genau, dass ich gegen Tierhaare allergisch bin."
„Und Sie wissen genau, dass Sie mir gerade ausweichen, Mon – sehr geschickt und scharfzüngig, aber darauf falle ich nicht rein. Ich kenne Sie schon zu lange und viel zu gut, um mich von Ihnen an der Nase herumführen zu lassen. Also: Was würden Sie konkret tun, wenn Sie die Allianz wirklich verlassen würden? Was könnten Sie überhaupt noch tun? Ich meine, ohne dass Sie sich ewig dafür in Grund und Boden schämen müssten, dass Sie gekniffen und uns alle im Stich gelassen haben, als wir Sie am meisten gebraucht hätten."
„Ich weiß es nicht", gestand Mon Mothma. „Wirklich nicht. Wahrscheinlich gar nichts."
„Richtig", sagte Rieekan und mimte Gelassenheit. (Aber in Wirklichkeit war er erleichtert, denn er hatte schon halb befürchtet, dass Mon Mothma tatsächlich mit dem Gedanken spielte, der Rebellion den Rücken zu kehren und in ein Zivilistenleben zurück zu flüchten – allerdings ohne die Begleitung von Katzen oder Hunden oder anderen allergieträchtigen Vierbeinern.)
„Und deshalb huschen Sie jetzt in Ihr Bad zurück und machen sich ein bisschen frisch. In einer halben Stunde komme ich wieder und hole Sie ab – und dann legen Sie gefälligst eine Rede hin, die uns alle so inspiriert, dass es uns vor Begeisterung umwirft."
„Carlist … Ich sage das nicht gerne, aber wenn Sie sich wirklich Mühe geben, dann können Sie so imperial sein wie Madine in seinen allerschlimmsten Momenten!"
„Ich betrachte das als Kompliment – auch wenn es als Beleidigung gemeint ist", erwiderte Rieekan trocken. „Und jetzt gehen Sie und bereiten Sie sich darauf vor, wieder eine tüchtige und tapfere Rebellenanführerin zu sein... Oder ich setze nachher meine Katze in Ihrem Quartier aus, so dass Sie heute Nacht ununterbrochen niesen müssen!"
Er war klug genug selber zu flüchten, bevor Mon Mothma antworten konnte …
Etwa dreißig Minuten später bestieg die Anführerin der Rebellen und designierte Präsidentin einer neuen galaktischen Republik, die bis jetzt nur in den Verfassungsstatuten der Allianz existierte und wahrscheinlich niemals das Licht der realen Welt erblicken würde, im Konferenzraum der Freedom das Podest eines leicht veralteten Holoprojektors, der aus Platzgründen dort untergebracht worden war.
Sie warf einen letzten nervösen Blick in ihren Taschenspiegel, um ihr Makeup zu überprüfen, das gerade dick genug aufgetragen war, um zu verbergen, was es verbergen sollte. Sie fuhr sich ein allerletztes Mal mit einem Kamm durch ihr kurzes Haar und gurgelte zum allerallerletzten Mal mit einem Glas Minteywasser, um ihren immer noch leicht gereizten Kehlkopf zu beruhigen.
Sie räusperte sich zweimal und intonierte mit halbwegs klarer Stimme: „Test 1… Test 2... Test 3...", als der Techniker, der für die Aufzeichnung und Übertragung verantwortlich war, ihr ein Zeichen machte.
Sie wartete sein nächstes Daumen-hoch-Signal ab, dann sah sie direkt und ohne zu blinzeln in die Kamera des Holoprojektors hinein und begann...
Und es war seltsam: Obwohl sie in all den Stunden zuvor, als sie sich auf der Suche nach den richtigen Phrasen den Kopf zermartert hatte, nichts gefunden hatte, was auch nur annähernd inspirierend geklungen hätte, flossen ihr die Worte nun einfach zu, ganz leicht und mühelos, als hätte sie wochenlang mit einem erfahrenen Team von chandrilanischen Kommunikations- und Medienfachleuten an einem rhetorischen Juwel gefeilt und es schließlich auswendig gelernt, um es jetzt nach allen Regeln der Kunst zum Besten zu geben.
Sie sprach von den Völkern der Galaxis, die unter dem Joch der imperialen Diktatur litten und deren einzige Aussicht auf ein selbstbestimmtes Leben in Freiheit, Frieden und Wohlstand auf dem Mut und der Aufopferungsbereitschaft derer beruhte, die bereit waren für die zu kämpfen, die nicht für sich selbst kämpfen konnten …
Sie sprach von all den Epochen und Zeitaltern, in denen Gewalt und Schrecken geherrscht hatten, und erinnerte daran, dass jede Form von Tyrannei zum Scheitern verurteilt war, weil das wahrhaft Böse sich am Ende immer selbst zerstörte …
Sie sprach von den dunklen Zeiten, die bereits hinter ihnen lagen und die ihnen noch bevorstanden, die sie aber gemeinsam überstehen würden, wenn sie nur alle zusammenhielten und jeder so viel gab, wie er geben konnte …
Sie sprach mit einer Leidenschaft und Inbrunst, von der sie noch vor kurzem nicht mehr geglaubt hatte, sie je wieder aufbringen zu können …
… und es war nur gut, dass sie in diesem Augenblick nicht ahnen konnte, dass ihre glühenden Worte zwar die Herzen von Millionen berührten, die dank der gefährlichen Arbeit von Piratensendern über die verschlungenen Pfade von zahllosen Holonet-Plattformen für wenige kostbare Minuten an ihrer Rede teilhaben konnten, dass aber ausgerechnet die Seelen der Männer und Frauen, in denen sie damit unbedingt einen neuen Funken entfachen wollte, zum größten Teil kalt und unbewegt blieben.
„Das Imperium glaubt jetzt, dass wir besiegt sind. Aber das sind wir nicht. Noch lange nicht.
Ich sage euch: Das hier ist nicht das Ende! Es ist nicht einmal der Anfang vom Ende … Es ist einfach nur das Ende vom Anfang ..."
Und damit endete Mon Mothmas Ansprache.
Und auf tausend Welten fielen sich Wesen aller möglichen Spezies um den Hals (oder um ähnlich gelagerte Körperregionen) und versicherten sich gegenseitig lachend oder auch weinend in tausend verschiedenen Sprachen, dass das Imperium eines Tages doch noch fallen würde, weil die Rebellen schon irgendwie und irgendwann dafür sorgen würden.
Aber auf den Schiffen der Allianz herrschte nur Schweigen, während die Rebellen – manche allein in ihren Kabinen, manche gruppenweise in Gemeinschaftsräumen zusammensitzend – mit steinernen Mienen ihre Koms abschalteten ...
