XXVIII.


Averill Sorkin steckte behutsam ein weiteres Räucherstäbchen in den pyramidenförmigen Bronzehalter auf dem Altar. Er arrangierte das halbe Dutzend Stäbchen, bis sie einen perfekten Kreis bildeten, dann nahm er sein silbernes Feuerzeug und entzündete sie.

Blaugraue Rauchspiralen stiegen von der Pyramide auf und erfüllten den kleinen Raum erstaunlich schnell mit dem Honigduft von marissianischer Myrrhe. Es würde natürlich niemals auch nur annähernd so lieblich duften wie alderaanischer Weihrauch, aber was rein materielle Dinge anging, so hatte Averill inzwischen gelernt, sich mit dem zufrieden zu geben, was er kaufen konnte, auch wenn es noch so unzureichend sein mochte. Denn alderaanischer Weihrauch war nirgendwo mehr zu bekommen, nicht einmal dann, wenn man dazu bereit war, mit lupenreinen Diamanten dafür zu bezahlen. Averill wusste das nur zu genau, denn er hatte es versucht. Oft genug.

Eine der Kerzen, die er um den Glaswürfel in der Mitte des Altars aufgestellt hatte, flackerte und zischte. Ihr überlanger Docht rußte und blakte vor sich hin. Averill stutzte den Docht mit Hilfe einer kleinen Schere, die er eigens für diesen Zweck bereit gelegt hatte, vorsichtig ein wenig zurecht und schon brannte die Flamme wieder ruhig und gleichmäßig.

Einen Moment lang betrachtete er versonnen die Kerzen, sechs schlanke azurblaue Säulen, die genau wie die Räucherstäbchen die Seelen der Menschen verkörperten, die er verloren hatte... seine geliebten Eltern, seine wunderbare Frau, seine beiden süßen Töchter und den kleinen Sohn, der nie geboren worden war. Dann fuhr er unendlich sanft mit dem Zeigefinger über die geriffelte Kante des Glaswürfels, der das einzige Familienporträt enthielt, das ihm noch geblieben war.

„Der Tag wird kommen, meine Lieben, seid unbesorgt", flüsterte er. „Es wird vielleicht noch länger dauern als ich befürchtet habe, aber er wird kommen. Ich werde nicht eher ruhen, bis ihr gerächt seid ... bis wir gerächt sind … bis ganz Alderaan gerächt ist. Ich werde nicht ruhen, bis ich eure Mörder zur Strecke gebracht habe ... sie alle … einen nach dem anderen. Ich werde alles tun, alles, was ich tun muss, um das Imperium vollkommen auszulöschen … genau so vollkommen, wie es unsere Welt ausgelöscht hat..."

Averill ließ sich auf dem Stuhl vor dem Altar nieder, der in seinem früheren Dasein ein Schreibtisch gewesen war und noch dazu der einzige Tisch überhaupt, denn mehr Platz war nicht in dieser klaustrophobisch engen Schuhschachtel von einer Kabine, die man ihm als Quartier zugewiesen hatte. Eine schmale (und recht harte) Koje an der anderen Wand, darüber ein Regal, das neben dem Tisch die einzige Ablagefläche in dem Raum war, daneben ein Spind und schließlich die Tür, die zu einem winzigen Waschraum führte, den er sich auch noch mit seinem Nachbarn (irgendeinem glubschäugigen Calamari-Lieutenant) teilen musste.

Es war eine ziemlich bescheidene Bleibe für einen ehemaligen Herzog von Alderaan, der in den weiten hallenden Marmorsälen eines fürstlichen Palais aufgewachsen war. Und es war eine wirklich armselige Unterkunft für einen Mann, der seit geraumer Zeit ein äußerst großzügiger Spender für die notorisch geldbedürftige Allianz war.

Aber das alles interessierte Averill Sorkin nicht. Hätte er in einer komfortableren oder angenehmeren Umgebung leben wollen, hätte er sich einfach in seine 15-Zimmer-Villa an einem der schönsten Sandstrände von Marissa Prime zurückgezogen, die übrigens das einzige Anwesen war, das er jetzt noch besaß. Und er besaß diese Villa nur deshalb noch, weil er sie vor fünf Jahren klammheimlich unter dem Namen eines marissianischen Freundes erworben hatte. Damit hatte er dieselbe weise Voraussicht bewiesen wie sein armer Vater, der seit Palpatines Aufstieg zum Imperator ebenfalls klammheimlich auf so diskreten Kernwelten wie Helvesia und Kaymenaily anonyme Nummernkonten für seine Familie eingerichtet hatte, von deren Ertrag Averill als der einzige Erbe heute lebte – und die Rebellion auch.

Ja, die Sorkins waren immer sehr vorsichtig gewesen, was ihr Hab und Gut anging. (Was blieb einem auch anderes übrig, wenn man mit einer weitläufigen, aber dafür grenzdebilen Verwandtschaft wie den Organas geschlagen war?) Und diese Vorsicht hatte sich als wahrer Segen erwiesen, denn das Imperium war unverfroren genug gewesen, sich nach der Zerstörung von Alderaan alles unter den Nagel zu reißen, was an alderaanischen Vermögenswerten noch vorhanden gewesen war.

Häuser und Grundstücke waren galaxisweit beschlagnahmt worden, Bankkonten (offizielle!) und Aktiendepots waren zunächst eingefroren und schließlich endgültig konfisziert worden und sogar Waisenkinder hatte man automatisch enteignet, indem man sie einfach per Dekret zu Mündeln des Staates erklärte. Averill hatte sogar von Fällen gehört, in denen Eltern das Sorgerecht für ihre eigenen Kinder entzogen worden war, weil nun alle überlebenden Alderaaner grundsätzlich als „potenziell verdächtige Personen mit einer Tendenz zu gefährlichen politischen Umtrieben" galten. Es gab wirklich keine Barbarei, vor der dieses monströse Imperium zurückschreckte …

Averill erinnerte sich nur zu gut an den Tag, an dem das Imperium die ultimative Barbarei begangen hatte …

Er hatte sich zu dieser Zeit auf Marissa Prime aufgehalten, um persönlich den Abschluss von Renovierungsarbeiten zu beaufsichtigen, deren Baulärm weder die Sommerferien seiner Kinder noch das Nervenkostüm seiner hochschwangeren Frau beeinträchtigen sollte. Er wusste noch ganz genau, dass er draußen auf der Veranda gestanden und auf das Meer hinausgeblickt hatte, auf die heiter glitzernde türkisfarbene See unter der ebenfalls türkisfarbenen Kuppel eines endlosen wolkenfreien Himmels.

Er hatte gerade müßig darüber nachgedacht, ob er zum Steg hinuntergehen und mit seinem dort vertäuten Segelboot noch eine kurze Runde durch die felsige kleine Bucht drehen sollte, bevor die Ebbe einsetzte und das Wasser zu flach dafür wurde. Oder ob er doch lieber hier auf der Terrasse bleiben und Lyssas Anruf abwarten sollte, mit dem sie ihm mitteilen wollte, wann genau sie mit den Mädchen auf Marissa eintreffen würde, schon übermorgen oder doch erst nächste Woche …

Als er den Aufschrei aus dem Haus gehört hatte, hatte er sich nur mit vager Neugier gefragt, was das tollpatschige neue Stubenmädchen wohl jetzt wieder kaputt gemacht haben mochte – also wirklich, dieses kleine Trampel würde ihre Probezeit hier nicht überstehen, wenn sie beim Abstauben noch eine von Lyssas wertvollen Porzellanfigurinen zertrümmert hatte!

Doch dann war Zuran, sein Kammerdiener, durch die Verandatür heraus gewankt, als ob er sich nur noch mit Mühe auf den Beinen halten konnte, und sein purpurfarbenes Gesicht hatte so ausgesehen, als ob der alte Mann kurz vor einem Herzinfarkt stand.

„Euer Gnaden … oh, Euer Gnaden!" hatte er nur gewimmert.

Averill war auf ihn zu gestürmt, sein Komlink in der Hand und schon halb dabei, die Nummer der örtlichen Notrufzentrale zu wählen. Aber Zuran hatte ihn überraschend kraftvoll am Handgelenk gepackt und ihn in das Wohnzimmer hineingezerrt, was nicht gerade für seinen unmittelbar bevorstehenden körperlichen Zusammenbruch sprach. Und im Wohnzimmer hatte er nur stumm auf den Holovidschirm gedeutet, auf dem gerade eine Sondersendung von Galaxy News lief, während Tränen über sein gutes altes Gesicht strömten …

Und Averill hatte gesehen, was geschehen war … Und er hatte begriffen, warum Lyssa noch nicht angerufen hatte und warum sie nie wieder anrufen würde … Nie wieder ... Und dann hatte er selbst angefangen zu schreien …

Er erinnerte sich nicht mehr daran, was er direkt danach getan hatte. Er wusste nur noch, dass er irgendwann mitten in der Nacht am Strand wieder zu sich gekommen war, sein feuchtes Gesicht in den feinen, puderweißen Sand gepresst, und dass irgendein rationaler Rest seines Bewusstseins sich etwas verdrossen gefragt hatte, warum zum Henker seine Kleider völlig durchnässt waren und warum Zuran und das neue Mädchen und die Köchin heulend wie eine Meute arkanischer Schlittenhunde neben ihm hockten und immer wieder flehten, dass er doch bitte, bitte aufstehen und mit ihnen ins Haus zurückkehren sollte.

Aber er war liegen geblieben, weil es einfach besser so war und weil er nicht die Absicht hatte, je wieder aufzustehen und irgendwohin zu gehen. Wozu auch? Doch schließlich waren der Gärtner und der Stallbursche auf der Szene erschienen, zwei muskelbepackte und recht simpel gestrickte Mannsbilder, die beide von Marissa stammten und daher relativ ungerührt von der Tragödie ihres neuen Arbeitgebers waren. Und sie hatten ihn aufgehoben und ins Haus geschleppt, während die Köchin und das Stubenmädchen hinter ihnen hergelaufen waren und irgend etwas von heißen Bädern, Suppen, Wärmflaschen in seinem Bett und ärztlicher Hilfe gezetert hatten.

Aber Zuran, die treue Seele, war die ganze Zeit an seiner Seite geblieben und hatte seine Hand gehalten und ihm immer wieder erzählt, dass er einfach nicht das Recht dazu hatte, sich im Meer zu ertränken, denn was sollte aus ihnen allen werden, wenn ihr Herzog jetzt ins Wasser ging oder sich sonst irgendwie ins Jenseits beförderte?

Und das war es garantiert nicht, was die arme liebe Lady Lyssa sich von ihrem Ehemann gewünscht hätte. Und der Fürst würde toben, wenn er seinen Sohn jetzt in diesem traurigen Zustand sehen könnte. Und was würde erst die Fürstin dazu sagen, die immer eine Zunge wie ein Breitschwert gehabt hatte? Und überhaupt … wollte Seine Gnaden denn keine Vergeltung für das, was die Imperialen, diese Bestien, ihnen allen angetan hatten?

Vergeltung …

Rache!

Der Gedanke war seltsam einleuchtend gewesen. Und in den folgenden Wochen, während Averill auf einem von seinem Arzt verordneten Dauertrip aus Beruhigungsmitteln zwischen Alpträumen und noch alptraumhafteren Wachphasen vor sich hin dämmerte, hatte dieser Gedanke sich zu einer Offenbarung entwickelt. Und am Ende zu dem spontanen Impuls, der ihn wieder aus seinem Bett herausgetrieben und ihn dazu gebracht hatte, seinen marissianischen Freund anzurufen, der ein Wirtschaftsmogul war und über ein entsprechend weitverzweigtes Netzwerk verfügte, das auch in weniger legale Kreise hineinreichte.

Auf diesem Weg hatte Averill schließlich nach einigen Monaten und ein paar ziemlich riskanten Bauchlandungen und anderen kostenintensiven Rückschlägen Kontakt zu der Allianz aufgenommen – denn waren die Rebellen nicht geradezu prädestiniert dazu, ihm bei seiner Vendetta zu helfen? Doch, das waren sie. Und sie hatten sogar schon vielversprechende Erfolge vorzuweisen, nämlich die Vernichtung dieses perversen technologischen Schreckgespenstes, das Alderaan den Tod gebracht hatte.

Averill war sofort dazu bereit gewesen, die Allianz mit allem zu unterstützen, was er aufbringen konnte – sogar dann, als er den womöglich größten Rückschlag von allen erlebt hatte: Die erste Konfrontation mit Leia Organa während eines offiziellen Dinners mit dem Oberkommando der Allianz und anderen Geldgebern.

Das war ein schlimmer Augenblick gewesen … Und ein Augenblick voller Versuchungen!

Averill hatte nur mit größter Mühe einem weiteren spontanen Impuls widerstanden, nämlich dieses kleine Luder ins Jenseits zu befördern – und zwar mit einem schnellen gut gezielten Hieb mit dem ausgesprochen scharfen Steakmesser, das direkt neben seinem Teller und damit verlockend nah bei Organas Milz und anderen leicht verletzbaren Organen gelegen hatte. Denn war diese Göre, die unverdienterweise immer noch unter den Lebenden weilte, nicht schuld daran, was Alderaan zugestoßen war? Hatte sie sich nicht im Auftrag ihres schwachsinnigen Vaters mit dem Imperium angelegt, nur um sich dann auf frischer Tat mitten in einem eindeutigen Akt des Hochverrats erwischen zu lassen? Hatten die Imperialen Alderaan nicht nur ihretwegen als Zielscheibe für ihre abartige neue Waffe auserkoren?

Und sie, die für all das verantwortlich war, lebte und atmete und stolzierte hier vor seinen Augen umher oder saß sogar neben ihm am Tisch. Und sie spielte das Opferlamm und die große Heldin, während seine unschuldigen Kinder tot waren … und zwei Milliarden andere unschuldige Alderaaner noch dazu. Es war unerträglich …

Averill hatte klirrend sein Besteck niedergelegt (eine Salatgabel, nicht das Steakmesser!), dann war er aufgestanden und hinaus gegangen, bevor die Versuchung zu einem blutrünstigen Dolchstoß in den benachbarten Kleiderständer aus weißer Schimmerseide übermächtig geworden war.

Und draußen in dem Garten eines abgelegenen Herrenhauses irgendwo auf Ceilonis, wo das Treffen stattgefunden hatte, hatte er zu dem kalten weißen Mond dieses fremden Himmels hinauf gestarrt und sich voller Bitterkeit gefragt, ob Alderaan und ihm all dieses Leid erspart geblieben wäre, wenn nicht eine allzu romantisch veranlagte Urahnin der Sorkins aus blinder Liebe den falschen Mann geheiratet und sich damit selbst von der Thronfolge ausgeschlossen hätte, was kurz darauf dazu geführt hatte, dass der Organa-Clan zur neuen Herrscherdynastie avanciert war ...

Die Organas, die rund dreihundert Jahre lang alles getan hatten, um aus Alderaan eine völlig hilflose Welt voller pazifistischer Künstler und anderer naiver Traumtänzer zu machen, und die lieber überall neue Stadtparks angepflanzt hatten, statt sich um eine halbwegs wirkungsvolle Verteidigungsanlage zu kümmern …

Die Organas, die beim Niedergang der alten Republik zugesehen und die Hände in den Schoß gelegt hatten, statt einfach ein paar fähige Attentäter anzuheuern und Palpatine auszuschalten, als noch Zeit genug dafür gewesen wäre, die Entstehung des Imperiums zu verhindern, was nun wirklich die vernünftigste Lösung von allen gewesen wäre …

Die Organas, die irgendein namenloses Balg aus Gott weiß welcher Gosse aufgesammelt und adoptiert hatten, weil sie nicht einmal dazu in der Lage gewesen waren, selber einen Kronprinzen zu produzieren … Die Organas, die eben dieses Balg von der Leine gelassen und auf die Jagd nach dem bestgehüteten militärischen Geheimnis der Galaxis geschickt hatten, statt diesen Auftrag professionell ausgebildeten Spionen zu überlassen … (Nicht notwendigerweise den Bothanern!)

All das war Averill Sorkin an jenem Abend auf Ceilonis durch den Kopf gegangen und er war beinahe einer anderen Versuchung erlegen – nämlich seinen ersten siebenstelligen Barscheck für die Rebellion wieder einzustecken und einfach wegzugehen. Aber stattdessen hatte er die Zähne zusammengebissen und war geblieben. Er hatte seinen mehr als gerechtfertigten Groll auf die letzte (Möchtegern-)Organa verdrängt und sein Geld doch in die Allianz investiert, die sich übrigens schnell als Fass ohne Boden entpuppt hatte. Er hatte ihnen Millionen gegeben und andere Leute auch. Und nicht alle taten das aus idealistischen Gründen: Sein Freund, der marissianische Industriekapitän, gehörte auch zum Vorstand eines Rüstungskonzerns, der mit seinen regelmäßigen Waffenlieferungen an die Rebellen solide Profite einfuhr.

Aber die Allianz war trotz aller pekuniären Zuwendungen nie ganz so schlagkräftig geworden wie Averill es sich gewünscht und ursprünglich auch vorgestellt hatte. Und es gab andere Schwierigkeiten, mit denen er überhaupt nicht gerechnet hatte: Denn die Rebellen waren überwiegend Idealisten (nicht alle, aber die meisten doch!) und sie hingen unbegreiflich abgehobenen Moralvorstellungen nach. Sie hatten eine Art Kodex, der von wirklich stark übertriebenen ethischen Maßstäben gekennzeichnet war. Sie legten eine Haltung an den Tag, die in einem Krieg mit völlig amoralischen Untieren wie den Imperialen einfach nicht angebracht war, wie Averill fand.

Er selbst war der Meinung, dass man ein völlig skrupelloses Terrorregime wie das Imperium nicht zerschlagen konnte, wenn man es mit Samthandschuhen anfasste, weil man sich selber von Skrupeln fesseln ließ. Er glaubte, dass man dazu bereit sein musste, ebenfalls Angst und Schrecken zu verbreiten, um so ein System in die Knie zu zwingen. Und er stand nicht alleine da mit dieser Ansicht – es gab durchaus Rebellen, die seine Einstellung teilten, und der eine oder andere Offiziersrang war auch dabei. (Ironischerweise hatte ausgerechnet der mittlerweile verschollene General Madine dazu gehört, was bedauerlich war, weil Averill den Ex-Imperialen schon aus Prinzip verabscheut hatte.)

Doch der Rest des Oberkommandos war in dieser Hinsicht ungefähr so flexibel wie ein Fels in der Brandung, was in der Vergangenheit immer wieder zu Konflikten und entsprechend hitzigen Diskussionen geführt hatte, wenn Averill an den Sitzungen teilnahm, was er als ein wichtiger Vertreter des Kapitals immer tat. Es handelte sich dabei übrigens nicht nur um sein Kapital. Er vertrat auch die Marissa-Fraktion und verschiedene andere anti-imperial eingestellte Welten, was ihm natürlich einen gewissen Einfluss verlieh.

Aber wenn es um rein strategische Entscheidungen ging, dann hatte Averill nichts zu melden, wie man ihm oft höflich, aber deutlich zu verstehen gab (was ihn übrigens nie davon abhielt, seine Meinung zu dem jeweiligen Thema zu sagen.) Dieser Hinweis kam für gewöhnlich von General Rieekan, der durch und durch ein Organa-Mann war, was ihn in Averills Augen naturgemäß ebenfalls zum Feind machte – eine Feindschaft, die von Rieekan aus ganzem Herzen erwidert wurde. (Was Leia Organa selbst anging, so wurden automatisch die Messer gewetzt, sobald sie sich im selben Raum aufhielten – aber natürlich nur im übertragenen Sinne und nicht wortwörtlich … Obwohl Averill gelegentlich mit Sehnsucht an das unbenutzte ceilonisische Steakmesser zurückdachte.)

Das war übrigens der hauptsächliche Grund dafür, warum Averill sich ausgerechnet auf der Freedom niedergelassen hatte: Um Rieekan zu ärgern. Und natürlich revanchierte der General sich dafür – zum Beispiel indem er Averill in diesem Hamsterkäfig unterbringen ließ.

Aber Averill Sorkin war immun gegen kleingeistige Schikanen dieser Art. Er war ein Mann mit einer Mission. Sein persönlicher Rachefeldzug gegen das Imperium war zu seinem einzigen Lebensinhalt geworden. Umso schlimmer also, dass der entscheidende Schlag gegen das Imperium sich gerade als Fehlschlag erwiesen hatte … Und was für ein Fehlschlag!

Averills Hände ballten sich unwillkürlich zu Fäusten, und das so fest, dass er spüren konnte, wie der quadratische Saphir auf seinem Siegelring sich schmerzhaft hart in seinen Mittelfinger hineinpresste.

Er hatte den Endor-Plan natürlich befürwortet – kein Wunder also, dass Rieekan sich gleich wieder aufgepumpt hatte! –, obwohl er von der Zuverlässigkeit der Bothaner nie wirklich überzeugt gewesen war. Aber die Gelegenheit, das Imperium mitten in sein verdorbenes schwarzes Herz zu treffen, war einfach zu perfekt gewesen. Viel zu perfekt, wie sich inzwischen herausgestellt hatte …

Und doch konnte er es kaum fassen, dass die Allianz so spektakulär versagt hatte. Und das nachdem das Oberkommando einmal so etwas wie echten Mumm bewiesen hatte – zum ersten Mal in der Geschichte der Rebellion überhaupt, wie er dachte.

Aber jetzt stand die Rebellion am Abgrund – oder befand sich sogar schon im freien Fall. Wenn die Imperialen nicht auftauchten, um ausmerzen, was von der Allianz noch übrig war, dann würde sie sich wahrscheinlich einfach von selbst auflösen. Alle Anzeichen sprachen dafür. Averill hatte es gesehen, als er in diesen Hangar gegangen war, um die Stimmung auszuloten und gleichzeitig selber ein bisschen Stimmung zu machen. Und er hatte kurz darauf mit eigenen Augen gesehen, wie die Rebellen auf der Freedom auf Mon Mothmas Rede reagiert hatten.

Die Leute hatten die Hoffnung verloren. Sie hatten ihr Vertrauen verloren und ihren Kampfgeist noch dazu. Und sie waren wütend genug, um nach einem Sündenbock für ihre Misere zu suchen. Wenn Mon Mothma und ihr Schoßhund jetzt nicht ganz schnell die Samthandschuhe auszogen und einen radikalen Kurswechsel einschlugen, der den Rebellen wenigstens so etwas wie eine neue Perspektive eröffnete, dann würden alle sentimentalen Tiraden der Welt nicht verhindern, dass die Überreste der Allianz einfach auseinander bröselten wie ein zu Asche verbrannter Holzscheit unter dem Hieb eines Feuerhakens.

Und weder Averill Sorkin noch die anderen Finanziers, als deren Sprecher er hier fungierte, würden weiterhin ihr Geld in eine verlorene Sache hineinstecken, so viel stand fest. Nicht, wenn es auch noch Alternativen zur Allianz gab. Und es gab Alternativen. Es hatte sie immer gegeben …

Eine davon saß zurzeit im Hapan-Sektor (oder irgendwo in der Nähe, genau wusste man das nie bei dieser umtriebigen Truppe, die schon jetzt einen faszinierend großen Aktionsradius hatte!) und wartete nur darauf, endlich die finanzielle Unterstützung zu erhalten, die die Allianz jahrelang genossen hatte, ohne etwas wirklich Sinnvolles damit anzufangen, ohne echte oder vielmehr dauerhafte Ergebnisse zu erzielen …

Und der Mann, der diese Bewegung anführte, ließ sich nicht durch irgendwelche ethischen oder moralischen Allüren von seinem eigentlichen Ziel abbringen. Er war dazu bereit, das Imperium mit seinen eigenen brutalen Methoden zu bekämpfen, er war dazu fähig, dem Imperator und seinen Spießgesellen eine Dosis von ihrem eigenen Gift zu verpassen. Eine Dosis nach der anderen – und das bis zum bitteren Ende, wenn es sein musste …

Die Räucherstäbchen waren abgebrannt und hatten nur ein paar verkohlte Myrrhekrümel an der Basis der Bronzepyramide hinterlassen. Averill wischte die Krümel mit einer lässigen Handbewegung auf den Boden herunter – wozu gab es Reinigungsdroiden?

Er löschte die Kerzen, zog seinen Siegelring aus und massierte seinen Mittelfinger, der jetzt eine deutlich gerötete Druckstelle aufwies. Er öffnete eine kleine mit Schnitzereien verzierte Holzschatulle und bettete den Ring auf das hellgraue Samtpolster, in dem bereits eine silberne Krawattennadel steckte, die ebenfalls mit einer tropfenförmigen Saphirperle verziert war. Nach kurzem Überlegen nahm er auch noch seine Ohrringe ab und legte sie neben die Krawattennadel, womit das Set wieder komplett war.

Sein letztes Geburtstagsgeschenk von Lyssa …

Er hatte sie so damit aufgezogen, dass sie ausgerechnet Saphire für ihn ausgewählt hatte, denn Blau war die traditionelle Trauerfarbe des alten Alderaans, des sorkinianischen Alderaans gewesen. Es galt als Unglücksbringer, Edelsteine in diesem Farbton zu verschenken, doch Lyssa, die selbst von Marissa Prime gekommen war, hatte das nicht gewusst …

„Aber es ist ein so schönes Blau. Sieh nur, wie klar und tief es ist. Und die Steine werden dich immer an die Farbe meiner Augen erinnern", hatte sie gesagt und ihn auf die Stirn geküsst.

Und Averill hatte gelacht, erfüllt von dieser nachsichtigen Zärtlichkeit, die nur seine Frau und seine Kinder in ihm auslösen konnten.

„Als ob ich deine Augen jemals vergessen könnte", hatte er neckend gesagt und sie zurück geküsst. (Nicht auf die Stirn!)

Danach waren sie zu Bett gegangen. Es war die letzte Nacht gewesen, die sie miteinander verbracht hatten. Und als er am Morgen nach Marissa abgereist war, ohne zu ahnen, dass ihre kurze Trennung bis in alle Ewigkeit dauern würde, hatte er Lyssas Geschenk mitgenommen. Er hatte die Ohrringe und den Siegelring getragen, als er sich von ihr verabschiedet hatte, um ihr zu zeigen, dass er ihre Gabe trotz allen Aberglaubens zu schätzen wusste – ein letzter Liebesbeweis an seine Frau, für den er heute noch dankbar war. Er trug die Saphire seither jeden Tag …

Averill schaltete das Deckenlicht ein und blinzelte, bis sich seine Augen wieder an die Helligkeit gewöhnt hatten, die das Schummerlicht seiner Andachtsstunde ablöste. Er rückte die Gegenstände auf dem Altar ein wenig zur Seite, damit er mehr Platz hatte, und holte einen tragbaren Holotransmitter aus der Schreibtischschublade. Er stellte das Gerät auf und setzte sich wieder auf seinen Stuhl.

Er zögerte ein paar Herzschläge lang, während er überlegte, ob er wirklich das Risiko eingehen sollte, den Transmitter jetzt schon zu aktivieren. Aber wenn Mon Mothma ihren Sermon quer durch die halbe Galaxis schicken konnte, ohne sich darüber Sorgen zu machen, dass das Trägersignal der Freedom jederzeit von dem nächstbesten imperialen Schiff oder Sondendroiden aufgefangen werden konnte und damit ihren Standort verriet, worüber sollte er sich dann den Kopf zerbrechen? Und seine Botschaft ging immerhin nicht über ein schlecht codiertes Breitbandsignal an jeden innerhalb von zehn Parsecs, der zuhören wollte, sondern nur an einen ganz bestimmten Empfänger, der garantiert mehr von Sicherheit verstand als die Teenager-Hacker von irgendwelchen obskuren Piratensendern. Und darüber hinaus hatte Averill Sorkin nichts mehr zu verlieren. Und die Allianz nicht mehr viel …

Er schaltete den Transmitter mit einem energischen Tastendruck ein und wartete. Er musste nicht lange warten.

Der Mann, dessen winziges dreidimensionales Abbild nur Minuten später über Sorkins Transmitter erschien, sah aus wie der typische zerstreute Professor, den man auf dem Campus jeder x-beliebigen Universität hätte treffen können. Es lag vielleicht an seinen lockigen weißen Haaren, die sein viereckiges Gesicht in einer flusigen Halo umrahmten wie das gesträubte Kopfgefieder einer Schleiereule. Oder an der goldgeränderten Nickelbrille, die auf dem äußersten Rand seiner großen kolbenförmigen Nase thronte und jeden Moment herunterzurutschen drohte. Oder vielleicht auch an seinem schwarzen Satinmorgenrock, der irgendwie an einen akademischen Talar erinnerte.

Aber auf keinen Fall sah er aus wie ein rigoroser Untergrundkämpfer, dessen raffinierte und rabiate Sabotageakte ihn schon vor längerer Zeit in das obere Drittel der imperialen Fahndungsliste gebracht hatte, wo er mangels näherer Informationen zu seiner Person einfach als „der Leitwolf" bezeichnet wurde. (Tatsächlich hätte der imperiale Geheimdienst inzwischen jeden, der ihnen Informationen über den Rädelsführer der berüchtigten „Grauen Wölfe" beschaffen konnte, mit einer fast ebenso hohen Belohnung bedacht wie einen Kopfgeldjäger, der ihnen Mon Mothma höchstpersönlich auf einem Silbertablett ausgeliefert hätte.)

Der Mann gähnte demonstrativ, schubste seine Brille ein wenig höher auf seinen Nasenrücken hinauf und dröhnte jovial: „Averill! Ich habe mit Ihrem Anruf gerechnet, aber nicht so früh."

„Dann wissen Sie also schon Bescheid?" fragte Averill gepresst.

„Natürlich weiß ich Bescheid. Es läuft seit gestern Abend durch sämtliche Holokanäle von den Kernwelten bis zum Hinterhof der Galaxis. Die armen Nachrichtensprecher haben schon Schaum vor dem Mund vor lauter offizieller Begeisterung. Und unsere braven imperialen Bürger sind inzwischen völlig aus dem Häuschen … Überall Jubel, Trubel, Heiterkeit – der Radau auf den Straßen ist wirklich kaum noch auszuhalten! Ich wette, Palpatine hat inzwischen vor Freude den roten Teppich in seinem Thronsaal durch getanzt."

„Es wird der letzte Freudentanz seines Lebens sein, wenn es nach mir geht", erwiderte Averill grimmig.

„Vielleicht. Vielleicht auch nicht ... Ich habe übrigens auch Mon Mothmas rührende kleine Predigt gehört, bevor die Zensur wieder mal den eisernen Vorhang runter gelassen hat. Ich war wirklich beeindruckt – ungefähr drei Sekunden lang ...

Sagen Sie mir eines, Averill: Ist die Frau immer noch so heroisch drauf oder leidet sie einfach nur an komplettem Realitätsverlust?"

„Das können Sie sicher besser beurteilen als ich, wenn Sie nachher mit ihr reden, Garm."

„Ach, ich weiß nicht, ob ich jetzt schon Kontakt mit ihr aufnehmen soll. Ich wollte ihr eigentlich noch ein bisschen Zeit lassen, um ihre Wunden zu lecken und um über ihre Situation nachzudenken. Ich meine, so richtig gründlich nachzudenken …

Und ich habe wirklich keine Lust auf noch mehr sinnloses Gezänk – davon hatte ich schon genug. Diese Frau kann ja so anstrengend sein ..."

„Tun Sie es lieber jetzt gleich, Garm, oder Sie werden vielleicht lange keine Gelegenheit dazu bekommen, mit ihr zu reden oder zu zanken oder sonst was. Wir bleiben nicht ewig hier und wer weiß, wann ..."

„Soll das etwa heißen, Sie treiben sich immer noch in der Nähe von diesem Endor-System herum?" fragte Garm mit einer Schärfe, die in einem totalen Widerspruch zu seiner bisher gezeigten Leutseligkeit stand.

„Na ja, nicht gerade in der Nähe, aber wir sind noch an dem Sammelpunkt."

„Bei Godins Bart! Wer hat das entschieden und warum?"

„Mothma. Und Rieekan natürlich. Und weil wir warten."

„Auf was? Darauf, dass die ganze imperiale Flotte eintrudelt und euren Scherbenhaufen zusammenfegt und in die Mülltonne wirft?" fragte Garm sarkastisch.

„Wir warten noch auf Überlebende."

„Also wenn eine geschlagene Armee auf der Flucht sich eines nicht leisten kann, dann ist es genau so ein gefühlsduseliger Blödsinn. Aber das ist wieder typisch Mothma!"

Dem war nichts hinzuzufügen, wie Averill fand. Also schwieg er.

„Und wenn wir schon beim Thema gefühlsduselige Weiber sind: Ist Organas Tochter immer noch bei euch?"

„Sie war bei diesem Einsatzkommando. Sie ist auch noch nicht zurückgekommen. Sie wird wohl tot sein", sagte Averill mit geheuchelter Gleichgültigkeit. (In Wirklichkeit dachte er, dass Organas mutmaßlicher Tod momentan der einzige Silberstreif am Horizont war – falls sie überhaupt tot war. Dieses Mädchen hatte nämlich neun Leben wie die sprichwörtliche alderaanische Drachenfliege. Oder sie hatte einfach mehr Glück als Verstand.)

„Und Sie weinen ihr nicht gerade nach, wie ich sehe", erwiderte Garm.

„Warum sollte ich ihr nachweinen? Ich habe nichts für sie übrig. Gar nichts!" sagte Averill heftig.

„Ist sie nicht Ihre Cousine oder so was?"

„Nur zweiten Grades. Und auch das nur dem Namen nach. Und sie ist nicht mal eine echte Organa", betonte Averill. „Außerdem hat sie Alderaan auf dem Gewissen ..."

Das rutschte ihm heraus, bevor er es verhindern konnte. Er konnte Alderaan einfach nicht vergessen. Nicht einmal drei Sekunden lang. Nicht einmal eine Sekunde lang …

Garm sah ihn nachdenklich an. „Ihr Hass hat Sie hart gemacht, mein Freund."

„Mein Hass ist alles, was mich noch am Leben hält", antwortete Averill.

„Was ich durchaus verstehe, das können Sie mir glauben. In meinem kleinen Wolfsrudel sind alle voller Hass auf das Imperium. Und das ist genau das, was ich brauche. Wir könnten nämlich nicht tun, was wir tun, wenn es nicht so wäre. Und wir müssen es einfach tun, oder nicht?"

„Ja!" sagte Averill und er sagte es mit Nachdruck.

„Unter diesen Umständen ist es vielleicht gar nicht so schlecht, dass Organa weg ist. Denn ganz ehrlich: Das Letzte, was ich jetzt will, sind noch mehr Frauenzimmer mit Märtyrerkomplex, die mir Knüppel zwischen die Beine werfen. Eine von der Sorte ist schon schlimm genug ..."

Averill war derselben Meinung.

Garm gähnte noch einmal und das so ausgiebig, dass sein Kiefer knackte. Er reckte und streckte sich behaglich, dann sagte er lässig: „Also gut, ich werde Mothma anrufen. Jetzt gleich, damit Ihre arme Seele Frieden hat. Stimmt die Nummer noch, die Sie mir gegeben haben?"

Averill nickte nur, obwohl er niemals Frieden haben würde, ganz egal, was der Leitwolf heute Nacht noch trieb. Seine Seele würde erst Frieden finden, wenn das Imperium geschlagen und er selbst wieder mit seinen Liebsten vereint war. Nicht einen Tag früher …

Garm spähte über den Rand seiner Brille hinweg und sagte: „Aber ich muss Sie warnen, mein Freund, es wird nicht einfach werden. Ich kann für nichts garantieren – vielleicht erreiche ich gar nichts. Mothma war immer eine Prinzipienreiterin und ich fürchte, dass wird sich auch nicht so schnell ändern. Was machen wir, wenn sie Nein sagt?"

„Dann komme ich zu Ihnen und alle meine Freunde werden mit mir kommen. Und die Allianz kann von mir aus mit all ihren Prinzipien den Bach runtergehen!" sagte Averill schroff.

„Ein Mann, ein Wort. Das gefällt mir. Egal, wie das hier ausgeht – ich freue mich schon auf die Zusammenarbeit mit Ihnen."

„Ich auch. Und jetzt rufen Sie endlich an!" Averill unterbrach die Verbindung, ohne eine Antwort abzuwarten. Er konnte sich ein wenig Unhöflichkeit leisten.

Er atmete tief durch. Es war getan. Was auch immer jetzt geschehen würde, es lag in Mothmas Hand.

Aber nicht mehr lange, wenn sie die falsche Entscheidung traf …


Mon Mothma hatte sich lange ruhelos von einer Seite auf die andere gewälzt, ohne Schlaf zu finden. Aber gerade als sie dabei war, endlich doch noch in die Arme irgendeiner gnädigen Traumgöttin hinein zu sinken, wurde sie durch ein klagendes Maunzen irgendwo in ihrer Kabine wieder aufgeweckt.

„Wenn das jetzt doch Ihre verdammte Katze ist, Carlist, dann ziehe ich ihr gleich das Fell über die Ohren ... Und morgen früh mache ich dasselbe mit Ihnen", brummte sie verdrießlich vor sich hin.

Doch das Maunzen ertönte erneut und Mon Mothma wurde plötzlich bewusst, dass es eher nach dem Summton ihres Koms klang als nach Rieekans Stubentiger auf einsamer nächtlicher Pirsch durch fremde Jagdgründe.

Sie öffnete mit Mühe ihre schweren Lider und setzte sich langsam in ihrem Bett auf. Der daumengroße Mediaplayer, der ihr noch vor kurzem entspannende Thetawellen-Klänge ins Ohr gedudelt hatte – eine Empfehlung des Schiffsarztes, der bei Schlafproblemen seiner Patienten eher zu esoterischen Methoden riet als Tabletten zu verschreiben –, glitt sanft von ihrer Bettdecke herunter und landete mit einem leisen Klicken auf dem Boden.

Mon Mothma schwang ihre Beine über den Bettrand, bückte sich nach dem Player und legte ihn auf ihren Nachttisch, bevor sie widerwillig aufstand. Es war eiskalt in ihrer Kabine – vermutlich war jetzt auch noch die Heizung ausgefallen – und ihr dünner Pyjama aus chandrilanischer Baumwolle bot nicht gerade viel Schutz. Also griff sie zuerst nach einem wallenden Kimono aus dickem Frotteestoff und schob auch ihre nackten Füße in ein Paar weiche Slipper, bevor sie missmutig zu ihrer Kom-Konsole hinüber stapfte.

Sie warf noch einen Blick auf die Zeitanzeige – es war erst kurz nach vier, herrje! –, dann nahm sie das Gespräch endlich an.

„Guten Morgen, Mothma. Oder sollte ich lieber gute Nacht sagen?"

Mon Mothma starrte verblüfft auf das Männergesicht, das auf ihrem Bildschirm aufgetaucht war. Es war ein Gesicht, das sie seit vielen Jahren nicht mehr gesehen hatte. Es war ein Gesicht, von dem sie eigentlich gehofft hatte, es nie wieder zu sehen …

„Garm Bel Iblis!" hauchte sie.

„Und ganz zu Ihren Diensten – wie immer." Bel Iblis neigte den Kopf in einer spöttischen Verbeugung. Die ungewohnten Brillengläser funkelten im Licht einer Stehlampe, die hinter ihm stand.

„Dass Sie mich gleich wieder erkannt haben … Und ich dachte schon, mein neues Outfit würde Sie vielleicht zuerst verwirren. Wie Sie sehen, gebe ich mich jetzt nicht mehr ganz so soldatisch wie früher. Die Zeiten von Millimeterhaarschnitt und Uniform und diesem ganzen Kram sind vorbei. Je unauffälliger, desto besser. Tarnung ist ja so wichtig in unserem Geschäft ...

Sie dagegen haben sich gar nicht verändert, meine Liebe. Kein bisschen. Ist es nicht ein klein wenig leichtsinnig, dass Sie immer noch genau so aussehen wie Ihr aktuelles Fahndungsplakat? Sie könnten zumindest mal über eine andere Haarfarbe nachdenken, auch wenn Ihnen dieser Mahagoniton nach wie vor wundervoll steht. Aber er sticht so ins Auge, finden Sie nicht auch? Und es gibt heutzutage so natürlich wirkende Perücken ..."

Mon Mothma hatte sich inzwischen von ihrer Überraschung erholt. Und gegen subtile Beleidigungen war sie schon seit ihrer Zeit als Senatorin gefeit – ganz besonders dann, wenn sie von Bel Iblis kamen.

„Wie haben Sie mich gefunden, Garm?" fragte sie mit schneidender Stimme.

„Oh, das war ganz einfach. Vielleicht ein bisschen zu einfach. Aber bevor Sie sich jetzt unnötige Sorgen machen: Wir haben einen gemeinsamen Bekannten, der zufällig auf Ihrem Schiff residiert."

„Lord Sorkin!" stöhnte Mon Mothma in einer Mischung aus Frustration und Resignation.

„Nicht ganz, aber Sie sind dicht dran. Er heißt jetzt einfach nur noch Mister Sorkin, oder nicht? Er hat seinen Titel nach der Sache mit Alderaan doch abgelegt, so viel ich weiß."

Mon Mothma ging nicht auf dieses Haarspaltereien ein. Sie würde sich Lord … nein ... Mister Sorkin später vorknöpfen – und wie! Sie stellte sich vor, wie sie ihn bei seinen Ohrringen packte und ihn schüttelte. Kräftig! Der Gedanke hatte etwas ungemein Befriedigendes …

„Kommen Sie zur Sache, Garm. Was wollen Sie von mir?"

Bel Iblis machte große erstaunte Augen, ein Effekt, der durch die kleinen runden Brillengläser wirkungsvoll verstärkt wurde. Mon Mothma fragte sich, ob diese Brille tatsächlich nur der Tarnung diente oder ob der Mann einfach nur zu eitel war um zuzugeben, dass er eine echte Sehhilfe brauchte, weil er inzwischen zweifellos an Altersweitsicht litt – was übrigens die einzige Art von Weitsicht war, die dieser Fanatiker jemals aufweisen würde.

„Was ich will? Ich will Ihnen nur helfen, das ist alles."

„Ich brauche Ihre Hilfe nicht", sagte Mon Mothma energisch, obwohl sie natürlich sehr wohl Hilfe brauchte. Aber nicht aus dieser Richtung. Nicht, wenn sie es irgendwie vermeiden konnte …

„Ach nein? Da habe ich aber heute etwas ganz anderes gehört. Die Spatzen pfeifen es schon von den Dächern … Ich könnte auch sagen, die imperialen Aasgeier krächzen es inzwischen von jedem Sendemast, wenn Ihnen diese Metapher lieber ist …

Sie haben bei Endor Prügel bezogen und das gewaltig – und nicht ganz unverdient, wie ich Ihnen leider sagen muss. Ein offener Angriff auf einen Todesstern?! Das ist doch Wahnsinn! Wie konnten Sie sich nur auf so etwas einlassen?"

Mon Mothma fühlte, wie ihr Gesicht zu glühen begann – Kälte hin oder her. Dass ausgerechnet dieser Mann es wagte, ihr Vorhaltungen zu machen!

„Ich weiß, dass Sie das nicht nachvollziehen können, Garm. Offene Angriffe sind ja nicht gerade Ihre Stärke, nach allem, was ich so höre", sagte sie giftig. „Sie hätten sich an meiner Stelle wahrscheinlich eher nach Carida geschlichen und ein paar Bomben auf die Militärakademie dort abgeworfen."

Auf Bel Iblis breitem Gesicht erschien ein gänzlich humorloses Lächeln, das an das zynische Grinsen eines Totenschädels erinnerte.

„Was für eine fabelhafte Idee! Ich werde bei Gelegenheit gerne auf Ihren Vorschlag zurückkommen, Mothma. Obwohl Carida für meine momentanen Möglichkeiten ein bisschen zu gut verteidigt ist, wie ich zugeben muss.

Nein, ich würde erst mal ein etwas leichteres Zielobjekt ins Auge fassen. Da gibt es zum Beispiel dieses Internat auf Lethe, so eine teure Nobelschule für die Sprösslinge der imperialen Elite. All diese Moffs und Gouverneure schicken ihre Bälger da hin, um sie in dieser Kaderschmiede zu perfekten kleinen Imperialen erziehen zu lassen, gut gebügelt und schnörkellos bis zur letzten Hirnwindung. Ich bin sicher, dass es einen ziemlich großen Eindruck hinterlassen wird, wenn ich dort ein paar Bomben abwerfe."

Mon Mothma war schockiert. „Garm ..." keuchte sie entsetzt.

„Tja, das ist eben der Unterschied zwischen uns, meine Teure. Im Gegensatz zu Ihnen weiß ich, dass man einen Krieg nur gewinnen kann, wenn man den Feind dort trifft, wo es ihm wirklich weh tut. Und das so oft wie nur möglich."

„Das können Sie nicht machen!"

„Oh doch, ich kann. Ich habe so was Ähnliches schon mal durchgezogen, Mothma, das wissen Sie doch."

„Ja, das weiß ich nur zu genau. Und deshalb sieht das Imperium in uns allen Terroristen."

„Ach, kommen Sie, Mothma. Die Imperialen sehen grundsätzlich in jedem einen Terroristen, der es wagt, auch nur den Mund aufzumachen. Das ist doch ihre einzige Rechtfertigung für all die Greueltaten, die sie begehen. All diese Verhaftungen und Folterungen, die Arbeitslager, die Erschießungskommandos – alles ohne jede juristische Handhabe, alles ohne einen Hauch von Legalität. Und ich will gar nicht erst damit anfangen, was sie mit Demonstranten machen … Oder mit all den anderen kleinen Massenmordaktionen, die sie so gerne durchziehen ..."

„Ich verstehe, warum Sie sich so radikalisiert haben, Garm, aber das bedeutet noch lange nicht, dass ich Ihre kleinen Massenmordaktionen gutheißen muss."

Bel Iblis stieß einen übertrieben geduldigen Seufzer aus um anzudeuten, dass seiner Langmut bereits zu viel zugemutet worden war.

„Womit wir wieder mal beim Thema wären. Also wirklich … Wie oft haben wir diese Diskussion schon geführt? Und wie oft müssen wir sie noch führen?"

„Wir müssen gar nichts, Garm. Sie wollten mit mir reden, nicht umgekehrt. Vergessen Sie das nicht."

"Ich wollte mit Ihnen reden, weil ich das Kriegsbeil zwischen uns endlich begraben möchte. Ich will mich wieder an einen Tisch mit Ihnen setzen. Ich will wieder mit Ihnen gemeinsam dem Imperium an die Gurgel springen."

Mothma schüttelte den Kopf. Sie konnte kaum glauben, was sie da hörte.

„Ich begreife einfach nicht, wie Sie sich das vorstellen. Die Allianz kann sich unmöglich mit den Grauen Wölfen einlassen. Das wäre völlig unvereinbar mit allem, wofür wir stehen. Was unterscheidet Sie eigentlich noch vom Imperium? Haben Sie darüber schon mal nachgedacht? Sie sind genauso gewalttätig, genauso erbarmungslos, genauso unmenschlich ..."

„Also ich habe noch keinen Planeten ausgelöscht – obwohl ich ernsthaft darüber nachdenken würde, wenn ich einen Todesstern hätte. Ganz ehrlich: Coruscant würde ich aus dem All pusten, ohne auch nur mit der Wimper zu zucken. Aber ich würde mich vorher wenigstens vergewissern, dass es sich auch wirklich lohnt. Ich würde sicher stellen, dass der Imperator tatsächlich da ist – und möglichst viele von seinen Henkersknechten noch dazu. Nein, noch besser: Ich würde einfach die 25-Jahre-Jubiläumsfeier abwarten, um sicher zu gehen, dass ich die ganze Bande auf einmal erwische ..."

„Da sehen Sie es! Und an die Zivilbevölkerung würden Sie nicht einen Gedanken verschwenden. Und genau das ist der Grund dafür, warum wir nie wieder an einem Tisch sitzen werden, Garm."

Bel Iblis' Augen blitzten auf vor Zorn. Und schon war es vorbei mit dem Vorspiegeln von Hilfsbereitschaft oder dem Wunsch nach einem neuen Bündnis. (Als ob Mon Mothma auch nur einen Augenblick lang auf dieses Theater reingefallen wäre!)

„Jetzt hören Sie mir mal gut zu, Mothma. Ich habe die Nase voll von diesen Spielchen. Lassen Sie uns einfach ganz offen miteinander reden.

Unser Freund Sorkin ist sehr enttäuscht von Ihnen. Und seine Freunde sind es auch. Und ich glaube, wir sind uns wohl beide darüber im Klaren, dass Sie nach diesem Supergau bei Endor auch bei Ihren übrigen Sympathisanten verspielt haben. Sobald sich die frohe Botschaft verbreitet, dass das Imperium schon wieder einen voll einsatzfähigen Todesstern in der Hinterhand hat, lassen die Sie schneller fallen, als Palpatine Tod den Rebellen! sagen kann. Die drehen Ihnen alle auf einmal den Geldhahn zu – und dann können Sie sich mit Ihrer Allianz begraben lassen!"

Mon Mothma hatte für einen Moment das deutliche Gefühl zu ersticken. Genau das war es, was sie schon befürchtet hatte. Aber bis jetzt war ihre düstere Prognose immerhin nur reine Spekulation gewesen. Doch Bel Iblis' Worte ließen keinen Zweifel daran, dass er dank seiner Kontakte zu Sorkin bereits als gegebene Tatsache voraussetzte, was sie selbst nur als Wahrscheinlichkeit angesehen hatte. Und es sollte noch schlimmer kommen ...

„Und das ist noch nicht das Ende, wie Sie in Ihrer pathetischen kleinen Rede so schön gesagt haben. Aber es ist der Anfang von Ihrem Ende, Mothma, denn Sie haben überhaupt keinen Rückhalt mehr, nicht einmal bei Ihren eigenen Leuten! Die wenigen, die Sie jetzt noch unter Ihrer Fuchtel haben, werden Ihnen bald in Scharen davonlaufen, wenn Sie nicht endlich in die Spur kommen und Ihren Rebellen zur Abwechslung mal einen Job geben, den sie auch wirklich bewältigen können, ohne dabei gleich drauf zu gehen."

Bel Iblis hielt inne und atmete tief durch. Er rang sichtlich um Beherrschung. Dann sagte er ein wenig ruhiger: „Sie haben gar keine andere Wahl, als mit mir zu kooperieren. Also lassen Sie gefälligst dieses zimperliche Getue – Sie können sich so etwas einfach nicht mehr leisten. Seien Sie vernünftig und kommen Sie so schnell wie möglich in den Hapan-Sektor. Dort können wir uns treffen und in aller Ruhe miteinander reden."

Er betrachtete Mon Mothmas starres Gesicht und war offenbar nicht zufrieden mit dem, was er sah.

Er fuhr noch milder als zuvor fort: „Eines können Sie mir glauben: Ich drücke Ihnen nicht gerne die Pistole so auf die Brust. Aber auch ich habe keine andere Wahl. Ich brauche genauso dringend eine ordentliche und regelmäßige Finanzspritze wie Sie. Und auch wenn unsere Ansichten so weit auseinander gehen, was die Führung dieses Kriegs betrifft, so haben wir immer noch einen gemeinsamen Feind, der nur davon profitiert, wenn wir uns uneins sind.

Also lassen Sie uns einmal an einem Strang ziehen – lassen Sie es uns wenigstens versuchen! Und um Ihnen meinen guten Willen zu zeigen, komme ich Ihnen sogar einen Schritt entgegen: Ich verzichte auf das Lethe-Projekt.

Und ich bin bereit, mit der Allianz das zu teilen, was ich schon habe. Aber darüber reden wir später noch ausführlicher. Nur eines: Ich habe hier in Hapan Waffenbrüder gefunden, die uns beiden noch sehr nützlich sein werden. Zumindest können sie uns diesen Thrawn für eine Weile vom Hals halten."

Mon Mothma wurde sofort hellhörig. „Wer ist Thrawn?"

Bel Iblis grinste und dieses Mal war es ein echtes Grinsen, das sogar eine Spur des alten Charmes enthielt, den er früher besessen hatte, als er noch kein eiskalter Terrorist gewesen war.

„Ach, das wissen Sie noch gar nicht? Na, dann habe ich mal eine frohe Botschaft für Sie: Der Imperator hat offenbar einen neuen Alphawolf in seinem Rudel: Ein Großadmiral, der in den Randsystemen herumspukt und ungefähr alles erobert, was um eine Sonne kreist und so was wie Leben aufweist. Aber Rebellen jagt er auch nebenher – allerdings nur so zum Spaß, wenn er gerade nichts Besseres zu tun hat. Er ist brillant, nach allem, was so über ihn erzählt wird. Wirklich brillant und wirklich unmenschlich – eindeutig ein Typ von Vaders Kaliber."

„Oh nein! Das hat uns gerade noch gefehlt ..."

„Sie sagen es, meine Liebe. Also seien Sie klug und kommen Sie nach Hapan. Und kommen Sie bald."

„Ich werde darüber nachdenken", erwiderte Mon Mothma steif.

„Aber denken Sie nicht allzu lange darüber nach. Sie wissen ja: Die Uhr läuft." Bel Iblis beugte sich dichter an die Videokamera heran und wisperte verschwörerisch: „Tick … tack … Tick … tack!"

Der Bildschirm wurde wieder dunkel. Er hatte aufgelegt …

Mon Mothma sank auf die zweisitzige Couch, die neben ihrer Kom-Konsole stand, und vergrub ihr Gesicht in ihren Händen. Ihre Gedanken wirbelten durcheinander und rotierten wie Mühlräder in ihrem Kopf herum, während sie zu verarbeiten versuchte, was sie gerade erfahren hatte, herauszufinden versuchte, was davon wahr sein mochte und was schamlose Übertreibung oder sogar offene Lüge war, die Spreu vom Weizen zu trennen versuchte …

Aber egal, von welcher Seite her sie das Problem anging, sein Dreh- und Angelpunkt bestand momentan weder in den möglicherweise bald verschlossenen Geldbörsen ihrer künftigen Ex-Verbündeten noch in dem Dilemma, ob sich die Allianz auf eine Vereinigung mit einer durch und durch kriminellen Widerstandsbewegung einlassen durfte oder nicht.

Nein, die zentrale Frage beruhte auf einem ganz anderen Faktor: Konnte Mon Mothma sich noch auf die Männer und Frauen unter ihrem Kommando verlassen oder nicht? Durfte sie noch auf die Loyalität ihrer Rebellen zählen oder nicht?

Sie grübelte darüber nach, bis das Display an ihrem Kom in blassroten Ziffern 6:30 Uhr anzeigte, dann hielt sie es nicht länger aus und rief Rieekan an.

Rieekan antwortete sofort. Und obwohl er genauso übernächtigt und müde aussah, wie sie sich fühlte, war er immer noch in Uniform und es war offensichtlich, dass er sein Quartier wohl erst vor wenigen Minuten betreten hatte – Mon Mothma konnte im Hintergrund seine Katze sehen, eine langschwänzige weiße Form mit dekorativen violetten Tigerstreifen, die gerade mit einer Gier über ihren randvollen Futternapf herfiel, die implizierte, dass das Tier schon lange auf sein Frühstück gewartet hatte. Oder sogar noch länger auf sein Abendessen …

„Es tut mir so Leid, Carlist", sagte sie entschuldigend. „Sie haben offenbar noch nicht eine Minute geschlafen. Aber ich muss Sie einfach etwas fragen ..."

„Nur zu. Ich bin ganz Ohr", erwiderte Rieekan so gütig, als wäre es das Normalste von der Welt, rund um die Uhr im Dienst zu sein und trotzdem immer noch für Anfragen aller Art verfügbar zu sein.

Aber er zog seinerseits fragend die Augenbrauen hoch, als Mon Mothma zauderte. Es fiel ihr unendlich schwer, ihre Frage in Worte zu fassen, aber irgendwie musste sie es schließlich aussprechen.

„Carlist, haben Sie irgendwie den Eindruck, dass... Also … wie ist so die Stimmung unter unseren Leuten?"

„Ich kann natürlich nur für die Freedom sprechen, Mon ..."

„Ja, natürlich."

„Also … gut ist die Stimmung nicht. Die Leute stehen unter Schock und sie sind sehr niedergeschlagen, was in Anbetracht der Umstände ja auch nicht anders zu erwarten ist. Ich finde, wir sollten so schnell wie möglich so eine Art Trauerfeier abhalten."

„Ja, natürlich! Aber ich meine eigentlich … Gibt es irgendwelche Anzeichen dafür, dass eine gewisse … Unzufriedenheit besteht, die über die normalen Stressreaktionen hinaus geht?"

Jetzt war es Rieekan, der zauderte. „Es ist noch viel zu früh, um das zu beurteilen, Mon", sagte er schließlich ausweichend.

Und Mothma erkannte sofort, dass er etwas zurückhielt. „Ist da irgend etwas, das ich wissen sollte, Carlist?"

Rieekan schnitt eine kleine Grimasse. „Ich wollte Sie eigentlich erst später darüber informieren, aber wenn Sie schon fragen ... Calrissian und Commander Antilles waren vorhin kurz bei mir und haben mir erzählt, dass es Streit gegeben hat. Ein Bothaner ist angegriffen worden und es sind wohl ein paar ziemlich harte Worte gefallen."

„Oh nein!"

„Antilles hat gesagt, dass die beteiligten Männer sich schnell wieder beruhigt haben, aber wir sollten die Sache trotzdem ein wenig im Auge behalten – zumal Lord Sorkin daran beteiligt war", fügte Rieekan mit sichtlichem Widerwillen hinzu.

Schon wieder dieser Sorkin, dachte Mon Mothma.

„Und wie schätzen Sie persönlich die Situation ein? Glauben Sie, dass die Stimmung noch weiter kippen könnte?"

„Es ist noch viel zu früh, um das zu beurteilen", wiederholte Rieekan.

„Seien Sie ganz ehrlich zu mir, Carlist. Müssen wir in nächster Zeit damit rechnen, dass uns viele Leute desertieren?"

„Wir hatten immer mal ein paar Fahnenflüchtige zwischendurch. Schließlich sind die Leute freiwillig bei uns. Wir können sie nicht zwingen zu bleiben, wenn sie nicht mehr wollen oder nicht mehr können, weil sie dem ständigen Druck nicht gewachsen sind. Wir können sie ja schließlich nicht einfach erschießen, so wie es das Imperium mit seinen Deserteuren macht."

Rieekan kniff die Hautfalte über seiner Nase zwischen Daumen und Zeigefinger ein – ein alderaanisches Mudra, das stressreduzierend wirken sollte – und seufzte ein wenig, bevor er fortfuhr: „Ganz ehrlich? Wir müssen mit allem rechnen, Mon. Aber falls Sie das beruhigt: Ich glaube nicht ernsthaft, dass es so schlimm wird.

Doch was unsere Leute jetzt wirklich dringend brauchen, das ist ein bisschen Zuversicht. Wir müssen ihnen so bald wie möglich ganz konkret sagen, wie es weiter geht, wie unser nächster Schritt aussieht, damit sie etwas haben, worauf sie sich konzentrieren können – etwas Positives."

„Wäre es positiv, wenn wir ihnen sagen könnten, dass wir uns mit einer anderen Rebellenbewegung zusammenschließen?"

„Ganz bestimmt!" erwiderte Rieekan mit so viel Enthusiasmus, wie er nur aufbringen konnte.

„Und wenn es sich bei diesen anderen Rebellen um die Grauen Wölfe handeln würde?"

„Wie kommen Sie denn jetzt ausgerechnet darauf?!"

„Weil Garm Bel Iblis sich gerade bei mir gemeldet hat..."

Rieekan war perplex genug, um sie mit halboffenem Mund anzustarren. Mon Mothma gab eine Kurzfassung ihres Gesprächs mit Bel Iblis wieder und sah den General hoffnungsvoll an.

Sie hatte fest damit gerechnet, dass er sofort vehement Protest einlegen und ihr damit die Bürde dieser Entscheidung zumindest teilweise abnehmen würde, aber zu ihrer Bestürzung blieb Rieekan still und sah nur gedankenverloren vor sich hin.

Die Katze, die inzwischen ihr Futter in Rekordzeit verschlungen hatte, sprang mit einem geschmeidigen Satz auf einen Lehnstuhl ihres Besitzers und von dort aus auf seine Schulter, wo sie sich anmutig zusammenrollte. Rieekan kraulte ein wenig geistesabwesend ihren Hals.

Die Katze schnurrte. Ihre mandelförmigen Bernsteinaugen fixierten Mothmas Gesicht mit dem intensiven und grausamen Interesse, das ihre wild lebenden Artgenossen einer zappelnden Maus gegenüber empfinden mochten. Mothma hatte schon immer den Eindruck gehabt, dass Katzen sich von ihr geradezu magisch angezogen fühlten. (Die kleinen Biester schienen ihre Allergie oder ihre Abneigung oder beides instinktiv zu erahnen und sich darüber zu freuen.)

„Carlist?" fragte sie vorsichtig.

Rieekan erwachte abrupt aus seiner Trance – vielleicht war er auch einfach nur mit offen Augen in einen Sekundenschlaf verfallen.

„Tja, das kommt nun wirklich unerwartet", sagte er bedächtig.

Natürlich kannte der General die Entstehungsgeschichte der Grauen Wölfe. Er wusste, dass Garm Bel Iblis zu den Gründungsmitgliedern der Allianz gehört hatte, dass sich seine Wege aber sehr schnell von denen Bail Organas und Mon Mothmas getrennt hatten, als ihre Meinungsverschiedenheiten über die richtige Vorgehensweise gegenüber dem Imperium sich zu unüberbrückbaren Gegensätzen herauskristallisiert hatten.

Danach hatte Bel Iblis seine eigene Widerstandsbewegung ins Leben gerufen, eine Privatarmee, mit der er die Imperialen heimsuchte und ihnen einen Aderlass nach dem anderen verpasste, ohne sich dabei jemals um die Kollateralschäden zu kümmern. Und im Lauf der Jahre hatte sich die Gruppe unter der zunehmenden Brutalität des Imperiums so radikalisiert, dass sie zivile Opfer nicht nur billigend in Kauf nahm, sondern sie sogar bewusst anvisierte – undenkbar für eine Bewegung wie die Allianz!

„Und was halten Sie davon, Carlist?"

Rieekan klaubte die Katze von seiner Schulter, was mit einem beleidigten Fauchen und einem Tatzenhieb geahndet wurde, und setzte das Tier behutsam wieder auf dem Boden ab.

Dann sagte er ruhig: „Es wäre vielleicht wirklich das Beste, wenn wir uns für eine Weile in den Hapan-Sektor zurückziehen würden. Zumindest wären wir dort vorläufig sehr viel sicherer als bei Sullust oder in irgendeinem anderen System, wo wir uns früher schon aufgehalten haben und wo uns die Imperialen garantiert zuerst suchen werden."

„Und was ist mit Bel Iblis?"

„Wir sollten uns wenigstens mal anhören, was er uns anzubieten hat. Außerdem könnten wir die Gelegenheit nutzen, um selbst Verhandlungen mit der Hapan-Hegemonie aufzunehmen. Sie sind nicht gut auf das Imperium zu sprechen – schon gar nicht seit dem Handelsembargo. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis es deswegen zu einem offenen Konflikt kommt.

Der Imperator will um jeden Preis expandieren, das wissen wir ja, und das Embargo zeigt ganz deutlich, dass er schon ein Auge auf Hapan geworfen hat. Es würde mich nicht wundern, wenn er bald jemanden losschickt, um den ganzen Sektor für ihn zu erobern."

Mon Mothma dachte sofort an diesen Großadmiral … Thrawn oder wie er hieß. „Ich fürchte, Palpatine hat schon jemanden losgeschickt, um genau das zu erledigen."

„Umso besser für uns – der Feind eines Feindes ist immer ein Freund. Und was die Grauen Wölfe angeht – wer weiß? Vielleicht schaffen wir es sogar, sie wieder auf unsere Seite rüber zu lotsen. Einen Versuch wäre es wert."

„Oder sie schaffen es, unsere Leute auf ihre Seite rüber zu lotsen", erwiderte Mothma. Sie war voller dunkler Vorahnungen.

„Wir müssen versuchen, optimistisch zu denken, Mon", sagte Rieekan freundlich.

„Ja ... Was bleibt uns auch anderes übrig?" sagte Mothma bitter. Sie fühlte sich gerade sehr weit entfernt von jeder optimistischen Gemütsregung.

„Dann schlage ich vor, dass wir noch bis zwölf Uhr hier warten … und dann in Richtung Hapan starten."

„Heute schon?!" Mothma war unwillkürlich erschrocken. Sie hätte lieber noch eine Weile über die ganze Angelegenheit nachgedacht – in der Hoffnung, doch noch einen anderen Ausweg zu finden …

Oder in der noch absurderen Hoffnung, dass die Sterne doch noch ein Einsehen hatten und die nächste Nachrichtensendung mitteilte, dass der Imperator plötzlich und unerwartet von einer tödlichen Virusinfektion dahingerafft worden war … und dass rein zufällig am gleichen Tag ein Meteor auf Darth Vader gefallen war … und dass der Todesstern auf unerklärliche Weise von einem Schwarzen Loch aufgesogen worden war …

Aber das war natürlich reines Wunschdenken und Mon Mothmas Wünsche waren noch nie in Erfüllung gegangen …

„Ich dachte eher an morgen. Oder vielleicht übermorgen...", widersprach sie.

„Es hat wirklich keinen Sinn, noch länger hier zu bleiben", sagte Rieekan milde, aber doch etwas bestimmter als zuvor.

„Also gut", sagte Mothma schweren Herzens. „Dann heute um zwölf."

„Und Sie sollten bis dahin ein wenig schlafen, Mon."

„Sie aber auch, Carlist."

„Das werde ich – sobald ich auf der Brücke Bescheid gesagt und veranlasst habe, dass auch die anderen Schiffe benachrichtigt werden."

Und damit endete dieses Gespräch …

Mon Mothma schleuderte ihre Slipper in irgendeine Ecke und schlüpfte in ihrem Kimono und mit klappernden Zähnen in ihr Bett, das sich jetzt ungefähr so behaglich anfühlte wie ein Tiefkühlfach in einem Leichenschauhaus.

Und nachdem sie das Licht ausgeschaltet hatte, lag sie fröstelnd und mit weit geöffneten Augen in der totenstillen Dunkelheit ihrer Kabine und fragte sich, wie viele Nackenschläge und Prüfungen das Schicksal für sie und ihre Rebellen noch bereit halten mochte ...

Und sie fragte sich voller Gram, woran es lag, dass ausgerechnet der Weg derer, die nur Gutes im Sinn hatten und das Beste für alle erreichen wollten, mit so vielen Hindernissen und Fußangeln gepflastert war, warum es immer ein so dornenreicher und leidvoller Pfad für sie sein musste, während all diejenigen, deren Ziele von Selbstsucht und Bosheit bestimmt waren, stets so mühelos voranzukommen schienen, als ob die Finsternis ihrer Herzen ihnen Flügel verlieh …