XXIX


Weiß. Alles war weiß. Die Wände, die Decke, der Boden … Nichts als blendendes Weiß. Es war so grell, dass es ihre überforderten Augen schmerzen ließ …

War sie wieder in diesem sonnendurchfluteten Penthouse-Appartement in Cloud City? Sie konnte es nicht sehen, es war einfach zu hell …

Doch dann schob sich ein wohltuender Schatten zwischen sie und die gleißende Sonne und eine Stimme, eine vertraute Stimme, die sie aber noch nicht ganz einordnen konnte, sagte: „Einen Moment. Ich dimme gleich das Licht. So … Ist es jetzt besser?"

Sie blinzelte in die Lichtquelle hinein, die plötzlich ihre stechende Intensität verloren hatte, und sie entdeckte, dass es nur eine Lampe an der Decke gewesen war, nicht die Sonne, die durch ein sternförmiges Dachfenster herein strahlte. Also doch nicht Cloud City?

Sie versuchte ihre Umgebung zu erfassen, zu begreifen, wo sie war, aber sie konnte ihren Blick nicht wirklich fokussieren und auch ihr benebelter Verstand ließ sie im Stich …

Dann beugte sich die Schattengestalt über sie und die Stimme – irgendwie so vertraut und zugleich doch so fremd – fragte eindringlich: „Leia? Siehst du mich? Erkennst du mich?"

Leia …

Ja, das war ihr Name. Aber den Schatten erkannte sie trotzdem nicht, denn sie konnte nur seine Umrisse sehen. Er war zu undeutlich …

Und sie war so müde … So schrecklich müde …

Ihre Augen schlossen sich wie von selbst und sie driftete davon …


Als sie wieder zu sich kam, herrschte ein angenehmes Dämmerlicht ringsum. Es war gerade hell genug, dass sie die schmale schwarze Gestalt identifizieren konnte, die auf einem Stuhl am Fußende ihres Bettes saß, die Arme über der Brust verschränkt und den blonden Kopf gesenkt, die schlanken Beine lang ausgestreckt. Es war Luke … Und er döste offenbar gerade vor sich hin …

Sie versuchte etwas zu sagen, um ihn zu wecken, um seine Aufmerksamkeit zu erregen, aber ihre Zunge lag wie ein dick aufgequollenes strohiges Polster in ihrem ausgetrocknetem Mund und wollte nicht gehorchen. Auch ihre Kehle war staubtrocken. Sie war noch nie so durstig gewesen …

Sie sah, dass ihr rechter Arm an einen Tropf angeschlossen war, der an einem Gestell neben ihrem Bett hing. Daneben war ein Display voller medizinischer Anzeigen. Aber links von ihr stand ein Tischchen und darauf eine Schnabeltasse, die mit einer orangefarbenen Flüssigkeit gefüllt war. Doch als sie voller Verlangen die Hand danach ausstreckte, zuckte ein scharfer Schmerz durch ihren ganzen Oberkörper… Sie stöhnte unwillkürlich auf …

Luke fuhr sofort hoch, als hätte ihn ein Peitschenhieb getroffen.

„Leia … Warte, ich helfe dir!"

Und im nächsten Augenblick war er bei ihr und hielt ihr die Schnabeltasse an die Lippen, während er sie vorsichtig stützte, den Arm um ihre Schultern gelegt.

Leia trank gierig in großen Schlucken den kalten süß-sauren Fruchtsaft, der in ihren ausgedörrten Mund hineinströmte. Er schmeckte köstlich. Ihr war, als hätte sie nie in ihrem Leben etwas Besseres getrunken als diesen Saft. Er war der reinste Nektar. Sie wollte nie wieder damit aufhören, ihn in sich hinein zu schlürfen …

„Langsam, langsam", mahnte Luke. „Du wirst dich noch verschlucken." Und als sie fertig war: „Willst du mehr davon? Ich kann dir noch etwas holen … Oder willst du lieber etwas anderes trinken? Wasser vielleicht?"

Leia schloss kurz die Lider, um ein Nein anzudeuten. Ihr Durst war gestillt – vorläufig.

Luke ließ sie unendlich behutsam auf ihr Kissen zurück gleiten, dann setzte er sich so langsam und mit so viel Bedacht auf ihre Bettkante, als ob er fürchtete, die leiseste Erschütterung könnte Leia zerbrechen wie Glas. Er nahm ihre linke Hand in seine rechte, sehr sanft.

„Hast du starke Schmerzen? Soll ich einen Arzt rufen?" fragte er besorgt.

Leia sann darüber nach. Aber das peinigende Stechen und Brennen hatte schon wieder nachgelassen und war im Moment nicht mehr als ein unangenehmes, aber dumpfes Pulsieren irgendwo in ihrer Brust. Sie senkte erneut verneinend ihre Wimpern und Luke atmete ein wenig auf.

„Ich hab mir solche Sorgen um dich gemacht ..."

Das war nicht zu übersehen. Leia betrachtete das bleiche Gesicht ihres Bruders, dessen wächserner Teint durch seine pechschwarze Tunika noch betont wurde, die bläulichen Schatten unter seinen Augen, den angespannten Zug um seinen Mund …

Er sah aus wie ein blasser müder Märchenprinz nach einem mörderischen Duell mit einem menschenfressenden Oger – was übrigens ein ziemlich passender Vergleich war, wenn es um Vader ging …

Vader!

Leia gab ein erschrockenes kleines Keuchen von sich, als der gnädige Dunstschleier, der sie bis jetzt von der rauen Wirklichkeit abgeschirmt hatte, sich abrupt lichtete und ihr alles wieder einfiel …

Sie versuchte zu sprechen, aber alles, was sie herausbrachte, war ein heiseres kleines Krächzen.

„Han?"

Luke drückte ermutigend ihre kalten Finger und sagte beruhigend: „Keine Angst! Er ist auch hier … das heißt, nicht direkt hier... Sie haben ihn natürlich eingesperrt … Aber er ist gut versorgt worden und er ist in Sicherheit. Und Chewie ist bei ihm."

Leia nickte, aber sie war nicht beruhigt, nicht wirklich, denn da war ja noch etwas anderes, etwas unwahrscheinlich Wichtiges, etwas Furchtbares …

„Flotte?" wisperte sie tonlos.

Und jetzt war es Luke, der für einen Moment die Augen schloss, und als er sie wieder öffnete, hatten sie einen verdächtig feuchten Glanz …

„Nein", flüsterte er.

Und in diesem einen Wort lag alles, was Leia wissen musste …

Sie erwiderte den Druck von Lukes Hand, indem sie ihren Daumen auf seine Finger presste, und so saßen sie einen Augenblick lang schweigend zusammen, vereint in einer Traurigkeit, die zu groß war für bloße Worte …

Zwei Tränen rollten langsam über Leias Wangen, mehr nicht – sie schwor sich, dass sie erst später weinen würde, wenn niemand sie dabei beobachten konnte, nicht einmal ihr Bruder. Aber Luke sah es doch.

„Wir werden trotzdem mit Palpatine fertig werden", sagte er leise. „Du wirst schon sehen. Wir schaffen das, du und ich – auch ohne die Allianz. Und wir sind nicht alleine."

Aber sie waren alleine, dachte Leia trostlos. Ultimativ alleine …

Und in der Hand des Feindes! Oder in der Höhle des Rancors … Wo auch immer das sein mochte …

Sie sah sich unwillkürlich um, suchte nach Hinweisen auf ihren Aufenthaltsort … nein, ihr Gefängnis. Aber alles, was sie entdeckte, war ein x-beliebiger Lazarettraum, der überall hätte sein können. Sogar auf dem Todesstern …

Waren sie etwa auf dem Todesstern? Die bloße Vorstellung ließ sie innerlich zu Eis erstarren ...

„Wir sind hier auf der Executor", sagte Luke. „Du warst bewusstlos, als sie dich an Bord gebracht haben. Danach haben die Ärzte dich in ein künstliches Koma versetzt. Das war vorgestern..."

Zwei Tage! Auf Vaders Flaggschiff! Es konnte jetzt nicht mehr viel schlimmer werden – oder doch?

„Wir sind auf dem Weg nach Coruscant. Wir werden in etwa einer Woche dort eintreffen."

Also das war schlimmer. Sehr viel schlimmer!

„Und da ist noch etwas ..." Luke zögerte ein wenig, dann sagte er: „Er will dich sehen, Leia. So schnell wie möglich. Es könnte also sein, dass er bald hier aufkreuzt."

Es war natürlich nicht nötig, dass er ihr erklärte, wer sie sehen wollte. Aber es war offensichtlich sehr nötig, dass sie ihm erklärte, was sie mit diesem Besucher anstellen würde, falls er tatsächlich dreist genug war, hier aufzukreuzen…

Es kostete Leia erstaunlich viel Kraft, ihrem Bruder das mitzuteilen, aber sie bekam es hin, obwohl sie danach völlig verausgabt war.

Luke, dem das natürlich nicht entging, sagte besänftigend: „Schon gut. Reg dich nicht so auf. Ich werde es ihm ausrichten. Ich werde alles tun, um ihn dir vom Hals zu halten. Aber du brauchst jetzt Ruhe. Ich komme später wieder, ja?"

Leia nickte nur. Sie fühlte sich wirklich erschöpft. Außerdem hatte sie viel Stoff zum nachdenken …

Luke gab ihr einen Kuss auf die Wange und ging …


Der Bereich, in dem das Lazarett der Executor lag, war abgeschieden genug, um bemerkenswert ruhig zu sein, aber das änderte sich nur allzu bald, wenn man ihn verließ. Und wie immer, wenn er belebtere Korridore betrat, wünschte sich Luke Skywalker, er hätte eine dieser Tarnkappen, die in Tatooines Sagenwelt eine so große Rolle spielten, oder generell die Fähigkeit, sich irgendwie unsichtbar zu machen …

Er fragte sich, was seine Erscheinung so auffällig machte, dass wirklich jeder, der ihm über den Weg lief, ihn zuerst anstarrte und dann sofort demonstrativ wegsah. Er kam zu dem Schluss, dass es wohl daran liegen musste, dass er die einzige Person weit und breit war, die weder einen Helm noch eine Offiziersmütze trug, sondern barhäuptig durch die Gegend wanderte.

Er spielte mit dem Gedanken, die Macht zu nutzen, um per Levitation irgendeine geeignete Kopfbedeckung zu stehlen … nein … auszuleihen. Oder sollte er die Sache einfach auf die Spitze treiben, indem er sich irgendetwas anderes auf den Kopf setzte, etwas wirklich Auffälliges? Vielleicht sollte er eine der Topfpflanzen plündern, die er bei einem Zwischenstopp in einer Offizierskantine gesehen hatte, und sich aus ihren Zweigen einen Kranz winden … Oder vielleicht sollte er ein paar bunte Papierservietten von dort zerreißen und sein Haar mit Konfetti dekorieren …

Möglicherweise lag die allgemeine Aufmerksamkeit aber doch eher an seiner zweifelhaften Berühmtheit …

Dieser Verdacht überkam ihn, als er einen Turbolift betrat, wo er nicht nur auf Admiral Piett stieß, der ihn freundlich grüßte, sondern auch auf zwei Fähnriche, die ungefähr in seinem Alter sein mochten und ihn ganz unverhohlen mit großäugiger Faszination angafften. Luke überlegte, ob er ihnen anbieten sollte, ein Foto von ihm zu machen, aber er widerstand der Versuchung …

Die jungen Männer konnten sich nicht einmal dann von seinem fesselnden Anblick losreißen, als der Lift anhielt und der Admiral alleine ausstieg, obwohl offensichtlich von ihnen erwartet wurde, dass sie ihrem Vorgesetzten an den Fersen hingen.

„Hätten Sie vielleicht die Güte, mich heute noch auf die Brücke zu begleiten, meine Herren, oder wollen Sie lieber bis zum Ende Ihrer Schicht da drinnen bleiben?" fragte Piett mit mildem Sarkasmus.

Die Fähnriche sprinteten sofort aus dem Aufzug hinaus, beide sichtlich peinlich berührt. Luke bekam gerade noch mit, dass der Admiral ihm zuzwinkerte, bevor sich die Lifttüren wieder schlossen, und er musste trotz allem ein wenig vor sich hin schmunzeln. Er mochte Piett irgendwie …

Aber er war doch froh, als er endlich wieder vor der Tür seines Vaters stand, die sich dank einem Codezylinder, den er inzwischen benutzen durfte, jetzt auch für ihn öffnete.

Er fand Vader auf der großen Couch im Wohnbereich, wo er in seiner ganzen beachtlichen Länge lag wie hingegossen, sein Kopf auf einem Lederpolster und seine Füße lässig überkreuzt auf die Rückenlehne gestützt. Er hatte ein Datapad vor seiner Nase und schien etwas zu lesen. Vielleicht sah er sich aber auch nur irgendwas im Holonet an, denn Luke war ziemlich sicher, dass er das Werbejingle eines bekannten Deosprays gehört hatte, bevor er hereingekommen war.

„Na? Ist die schlafende Schöne wieder zum Leben erwacht?" fragte Vader, ohne seinen Blick von dem Datapad zu lösen.

„Ja."

Luke ließ sich in einen der Sessel fallen, die die Couch umrahmten, und sah auf seinen Vater hinunter. Es war immer noch sehr ungewohnt für ihn, Vader ohne seine typische Montur zu sehen, sozusagen völlig in Zivil. Er war nicht einmal in das klassische Sithlord-Schwarz gehüllt, das Luke eigentlich als obligatorisch für seine ganze Garderobe vorausgesetzt hatte. Aber tatsächlich war der Pullover, den Vader jetzt trug, von einem dunklen Weinrot und er hatte eine graue Bundfaltenhose dazu an, beides sehr leger geschnitten, aber mit dem gewissen Etwas, das eine teure Marke verriet.

„Und wie geht es ihr?"

„Nicht gut", antwortete Luke. „Und ich soll dir einen schönen Gruß von ihr bestellen und dir sagen, dass sie dich von ganzem Herzen hasst und dass sie dich erdrosseln wird wie Jabba, wenn du bei ihr auftauchst – und zwar mit dem Schlauch von ihrem Tropf."

Vader sah ihn über den Rand das Datapads hinweg an. „Gar nicht mal so schlecht für den Anfang", sagte er.

Luke forschte in dem löwenhaften Gesicht und versuchte zu erkennen, ob er gerade zum Besten gehalten wurde, aber Vader erwiderte seinen Blick völlig gleichmütig und ohne jede Spur von Erheiterung, weder in seiner Miene noch in der Macht.

„Das ist jetzt nicht dein Ernst, oder?"

„Warum nicht?"

„Kommt es oft vor, dass jemand dich erwürgen will, sobald er dich sieht?"

„Nicht oft, aber manchmal schon", sagte Vader achselzuckend. „Allerdings will man in der Regel wenigstens damit warten, bis ich eingeschlafen bin."

Luke überdachte diese unerwartete Insider-Information kurz, dann erklärte er: „Ich werde dich jetzt nicht danach fragen, wer dich erwürgen will, sobald du eingeschlafen bist."

„Gut. Die Antwort würde dir sowieso nicht gefallen. Aber du wirst es zweifellos auch so herausfinden. Und das ziemlich bald..."

Luke sagte sich, dass er diese Entdeckung durchaus abwarten konnte. Es gab genug aktuelle Probleme, die ihn beschäftigten.

„Versprich mir, dass du Leia noch eine Weile in Ruhe lässt. Sie sollte wenigstens wieder halbwegs auf den Beinen sein, bevor sie sich mit dir … mit unserer Situation auseinander setzen muss."

„Wenn du meinst ..."

„Ja, ich meine es! Und außerdem sollten wir mal über Han reden."

„Da gibt es nichts zu reden. Absolut gar nichts!" klang es kategorisch zurück.

„Ich will ihn sehen, Vater. Ich will sehen, wie es ihm geht."

„Es geht ihm gut genug", sagte Vader schroff.

Das war nun nicht gerade das, was Luke hören wollte. Es klang irgendwie beunruhigend – vor allem dann, wenn man bedachte, was der arme Han auf Bespin so alles mitgemacht hatte …

„Du … du machst doch nicht wieder irgendwelche schrägen Sachen mit ihm, oder?"

„Ich weiß gar nicht, was du damit sagen willst", behauptete Vader, obwohl er es sehr wohl wusste.

Vater!"

„Er lebt! Und ich habe ihn nicht einmal in Carbonit einfrieren lassen – noch nicht!" betonte Vader. „Was willst du mehr?"

„Ich will mich selbst davon überzeugen", beharrte Luke.

„Später."

Wann?"

Vader legte sein Datapad endlich zur Seite und erhob sich aus seiner Ruheposition. Er baute sich vor seinem Sohn auf und sah aus seiner Zwei-Meter-Höhe auf ihn herab. Aus Lukes Perspektive sah er aus wie der Turm einer Festung. Sehr groß. Und völlig unnachgiebig …

„Irgendwie habe ich das Gefühl, dass du anfängst dich zu langweilen, Junge. Bevor du also weiter hier herum quengelst und mir damit auf die Nerven gehst, sollte ich dir vielleicht ein bisschen Arbeit verschaffen, damit du etwas Sinnvolles zu tun hast."

„Ich habe schon etwas Sinnvolles zu tun. Ich muss mich um Leia kümmern – und um Han auch!" fügte Luke hinzu. (Er konnte eigensinnig sein, wenn er musste.)

„Dein Corellianer ist so sicher wie im Schoß seiner Großmutter. Und du musst wirklich nicht rund um die Uhr am Bett deiner Schwester kleben wie ein lebendes Trostpflaster. Angeblich braucht sie doch Ruhe, oder nicht?" sagte Vader sardonisch.

Und Luke wurde klar, dass sie eine Patt-Situation erreicht hatten – oder lief das hier gerade auf eine ziemlich sithmäßige Erpressung heraus? Würde Vader Leia jetzt doch schon heimsuchen, wenn Luke weiter darauf bestand, Han zu sehen? Es war vielleicht weise, ein wenig mehr Geduld an den Tag zu legen, bevor die Dinge eskalierten …

„Was für eine Arbeit?" fragte er schließlich. (Er konnte sich das ja immerhin mal ansehen – vor allem, wenn es sich deeskalierend auswirkte.)

„Eine, die dir gefallen wird", sagte Vader geheimnisvoll.

„Na schön. Aber glaub bloß nicht, dass ich mich so leicht ablenken lasse!"

„Als ob ich jemals auf so eine Idee kommen würde, oh misstrauischer Junior ... Warte einen Moment, ich bin gleich wieder da."

Und Vader verschwand in seinem persönlichen Refugium. Aber es dauerte keine fünf Minuten, bis er zurückkam – jetzt wieder in seiner kompletten Aufmachung, sozusagen Vader total.

„Eines muss man dir lassen: Du bist wirklich schnell", sagte Luke anerkennend, als sie das Quartier gemeinsam verließen. „Das geht bei dir ruckzuck – wie ein Schauspieler beim Kostümwechsel."

„Ich hatte viel Zeit zum Üben", erwiderte Vader trocken.

„Es hilft natürlich auch dabei, dass das Teil jetzt eigentlich nur noch eine Attrappe ist, oder?"

„Du sagst es, Junge."

„Wird dir diese ständige Umzieherei eigentlich nie lästig?"

„Ich bin daran gewöhnt. Außerdem ist es eine Imagesache. Du weißt ja: Kleider machen Leute", sagte Vader.

Und Luke fiel prompt etwas ein, das er bis jetzt völlig vergessen hatte.

„Wenn wir schon von Kleidern reden … Leia braucht dringend etwas zum Anziehen. Ihr Zeug ist völlig hinüber und sie kann ja nicht in so einem Krankenhauskittel herumlaufen, wenn sie aus dem Lazarett rauskommt."

„Richtig. Daran habe ich noch gar nicht gedacht…" Vader begutachtete kritisch die inzwischen ebenfalls leicht mitgenommene (und ziemlich zerknautschte!) Kluft seines Sohnes, bevor er fortfuhr: „Und du brauchst natürlich auch ein paar Sachen zum Wechseln. Warum hast du mich nicht schon früher darauf angesprochen?"

„Hmmm … Aus Mangel an Gelegenheit?"

„Du hättest irgendwann irgendwas sagen können! Na ja, macht nichts … Das werden wir heute gleich nachholen. Wir werden schon etwas für euch auftreiben."

Inzwischen hatten sie nach zwei verschiedenen Liftfahrten und einem längeren Fußmarsch Gefilde betreten, die Luke immerhin vage bekannt vorkamen.

„Wo gehen wir eigentlich hin?", erkundigte er sich. „In den Hangar?"

„Nicht ganz. Hier rein!"

Vader schob seinen Sohn durch eine große Tür, die sich zischend vor ihnen öffnete. Und schon standen sie in einer riesigen Werkhalle, die mit Menschen und Maschinen und hektischer Betriebsamkeit gefüllt war. Der Lärm war ohrenbetäubend.

Vader dirigierte Luke weiter, bis sie zu einer Hebebühne kamen, auf der ein teilweise demontierter TIE-Jäger thronte. Eine Gruppe von Mechanikern in schwarzen Overalls werkelte an ihm herum.

„Ich soll bei der Reparatur von einem TIE mithelfen?" schrie Luke über das allgemeine Getöse hinweg. Er wusste nicht recht, was er von dieser Aufgabe halten sollte.

„Wenn du Lust dazu hast ... Aber ich hatte eigentlich etwas ganz anderes mit dir vor", dröhnte Vader zurück.

Er lotste seinen Sohn an der Hebebühne vorbei und in eine Ecke hinüber, wo es eine weitere Tür gab, die in eine sehr viel kleinere Werkstatt führte.

Luke war erleichtert, als sich die Tür hinter ihnen schloss und der Geräuschpegel sofort drastisch absank. Er sah sich neugierig um und entdeckte mehrere T8-Droiden in verschiedenen Stadien der Zerlegung oder des Zusammenbaus, je nachdem, wie man es sah. Aber ihnen gegenüber standen regungslos zwei sehr viel vertrautere Formen …

„Aber das ist ja R2! Und 3PO ..."

Und für einen Augenblick war Luke Skywalker beinahe glücklich, denn er hatte schon befürchtet, dass auch diese beiden Gefährten, die ihn von Anfang an durch alle seine Abenteuer begleitet hatten, rettungslos verloren waren, für alle Zeiten auf Endor gestrandet oder aber von den Imperialen erbeutet und für ihren eigenen Gebrauch umfunktioniert, was noch schwerer zu akzeptieren gewesen wäre.

„Ich habe mir schon gedacht, dass du deinen Astromech unbedingt wieder haben willst. Und dieser Protokolldroide gehört ja wohl auch irgendwie dazu."

„Aber ja! 3PO und R2 gehören einfach zusammen", sagte Luke enthusiastisch. „Sie sind wie ein altes Ehepaar. Oder wie ein Komiker-Duo. Ich würde keinen von ihnen jemals hergeben – nicht für alles Geld der Welt." Und schon war er eifrig dabei, die Droiden zu untersuchen. „Wow! Die zwei haben ja ganz schön was abgekriegt ..."

„Du kannst sie hier reparieren, wenn du willst. Natürlich können das auch meine Mechaniker für dich übernehmen ..."

„Auf keinen Fall!" sagte Luke entschieden. „ Das mache ich alles selber."

Kein Imperialer würde jemals Hand an seine Droiden legen – nicht, wenn er es verhindern konnte. Schon bei der bloßen Vorstellung, dass irgendein übereifriger Techniker eine Datenspeicherbereinigung durchführte und die schrulligen, liebenswerten Persönlichkeiten von 3PO und R2 durch irgendeine seelenlose anonyme Subroutine überschrieben wurden, lief Luke eine Gänsehaut über den Rücken. Es wäre so, als würde ein guter Freund einer Gehirnwäsche unterzogen werden – oder gleich einer Lobotomie. Es war nicht auszudenken! Er würde so etwas niemals zulassen.

Vader war unwillkürlich belustigt über den energischen Tonfall seines Sohnes.

„Dann sind wir uns ja mal einig", sagte er. „Willst du gleich jetzt damit anfangen?"

„Ja."

„Gut", sagte Vader knapp. Er deutete auf die wohlsortierten Regale, die die Wände der Werkstatt säumten. „Du solltest hier alle Werkzeuge und Ersatzteile finden, die du brauchst. Wenn doch irgendwas fehlt, dann frag einfach die Mechaniker da draußen. Sie werden dir alles geben, was du haben willst.

Und Luke: Falls du dir irgendwann doch noch einen unserer Jäger aus der Nähe ansehen willst oder vielleicht ein anderes Schiff, dann sag es den Männern ruhig. Ich bin sicher, sie werden sich freuen, dir alles zu zeigen."

Luke war sich da gar nicht so sicher – bis jetzt hatte noch kein Imperialer Freude bei einer Begegnung mit dem Todessternkiller gezeigt (nicht einmal Admiral Piett!) –, aber er hielt es für klüger, kein Wort darüber zu verlieren. Er wollte niemanden in Schwierigkeiten bringen …

„Dann gehe ich jetzt. Viel Spaß, Junge."

Vader wandte sich ab und Luke erkannte, dass er im Begriff war, alleine hier zurückgelassen zu werden … irgendwo auf den unteren Ebenen dieses gigantischen Schiffes, das die Ausmaße einer fliegenden Stadt hatte … einer labyrinthartig verschlungenen Stadt …

„He … Moment mal! Wie komme ich denn nachher wieder zurück? Ich glaube nicht, dass ich den Weg alleine finde."

„Du hast doch auch den Rückweg vom Lazarett gefunden!"

„Ja, aber das ist auch nicht so weit weg von unserem … von deinem Quartier."

„Ach Junge", sagte Vader mit einem nachsichtigen kleinen Seufzer. „Du hast doch den Codezylinder, den ich dir gegeben habe. Du kannst dich damit überall auf dem Schiff an jedem Computerterminal einloggen und dir einen Lageplan anzeigen lassen."

„Ach so … Das habe ich nicht gewusst. Ich habe gedacht, der wäre nur für die Tür."

„Na, jetzt weißt du es. Reicht das oder soll ich nachher jemanden schicken, der dich hier abholt und dich pünktlich zum Abendessen wieder nach Hause bringt, damit du dich auch ja nicht verirrst?" fragte Vader mit mildem Spott.

Das war ja peinlich! Luke errötete bis unter die Haarwurzeln.

„Nein. Ich komme auch alleine zurecht", sagte er steif.

„Ich schicke dir lieber doch einen von meinen Adjutanten", erwiderte Vader. „Er kann dann unterwegs auch gleich mit dir einkaufen gehen."

„Einkaufen?"

„Ja, natürlich. Ich leihe dir ja gerne ein paar von meinen Hemden, aber du willst bestimmt nicht auch noch meine Unterhosen und meine Socken tragen – oder doch?"

Vader lachte. Lukes Gesicht nahm einen noch tieferen Purpurton an. Es war kindisch, aber er konnte es nicht unterdrücken.

„Ich dachte nur … Also ich wusste nicht, dass es hier auch so was wie einen Shop gibt."

„Tatsächlich gibt es mehrere Shops, so viel ich weiß – ich war noch nie persönlich auf diesem Deck, für so etwas habe ich meine Adjutanten. Aber ja, es gibt hier Einkaufsmöglichkeiten. Oder hast du gedacht, dass jedes Crewmitglied einen ganzen Koffer voller Shampoo und Duschgel und Rasierzeug mit an Bord bringt?"

Vader amüsierte sich prächtig. Luke dagegen wusste vor lauter Verlegenheit kaum, wo er hinsehen sollte.

Er hatte wirklich noch nie darüber nachgedacht, wie das Alltagsleben an Bord eines imperialen Schiffes ablaufen mochte oder wie die Leute hier an so wichtige Dinge wie Hygieneartikel herankamen – zumal er gleich am ersten Abend auf der Executor in seiner Nasszelle einen versiegelten Plastikbeutel mit allen notwendigen Pflegeprodukten vorgefunden hatte.

Er war daher automatisch davon ausgegangen, dass es hier ungefähr so funktionierte wie auf jedem Schiff oder Stützpunkt der Allianz: Dass es so etwas wie eine streng rationierte monatliche Zuteilung gab, die einem ausgehändigt wurde und die man dann äußerst sparsam verwenden musste, damit alles so lange reichte wie nur möglich. Denn manchmal dauerte es bei der Allianz viel länger als vier Wochen, bis man die nächste Ration bekam.

Und Luke erinnerte sich nur allzu gut daran, was für ein Drama es sein konnte, wenn man drei Monate lang keine neue Rasierklinge mehr auftreiben konnte oder wenn einem die dringend benötigte Sonnencreme mit dem extra hohen Lichtschutzfaktor ausging, wie es einmal auf Hoth der Fall gewesen war. Aber solche trivialen Probleme blieben den Imperialen offensichtlich erspart …

Auf dem Schiff einkaufen gehen – also wirklich! Von so etwas konnte man als Rebell nur träumen …

Es war wahrhaftig kein Wunder, dass die Imperialen so erfolgreich waren – nicht bei den unbegrenzten Ressourcen, die ihnen überall zur Verfügung standen.

„Kann ich jetzt gehen oder soll ich lieber hier bleiben und auf dich aufpassen?" sagte Vader neckend.

„Ich komm schon klar", murmelte Luke.

„Davon bin ich überzeugt", erwiderte Vader nicht ohne Ironie.

Und dann ging er wirklich.

„Also gut … legen wir los", sagte Luke vor sich hin, als die überwältigende Präsenz seines Vaters sich entfernte – körperlich und in der Macht.

Er nahm sich zuerst 3PO vor – die Schäden an R2 waren viel umfangreicher. Er aktivierte den goldfarbenen Droiden, um einen besseren Eindruck davon zu bekommen, wo der größte Defekt liegen mochte.

ACH DDDU MEINE GGGÜTE … ACH DDDU MEINE GGGÜTE...", plärrte 3PO in Maximallautstärke.

Luke, der direkt neben ihm stand und mit seinem linken Ohr nur Zentimeter von 3POs Audioausgang entfernt war, fiel fast um. Hastig schob er den Volumeregler herunter und dämpfte das Gestotter des Droiden auf ein erträgliches Maß.

Ihm blieb gerade noch genug Zeit um zu erkennen, dass 3POs Motivator auch einen Knacks davongetragen haben musste (weil er zu rotieren anfing wie ein Propeller!), dann gab es ein lärmendes BÄÄÄNG! und ein ausgesprochen alarmierend klingendes FIIIZZZ! und der Droide kippte einfach hintenüber wie ein gefällter Baum. Das Klirren, mit dem er auf dem Boden aufschlug, war bestimmt noch bis in die Halle hinaus zu hören … Vielleicht aber auch nicht …

„Oje! Ich hoffe nur, dass deine Hauptplatine das überstanden hat …"

Luke begann die Regale zu durchstöbern, auf denen Dutzende von sorgfältig beschrifteten Kisten, Kästchen und Etuis Werkzeuge und Instrumente in allen nur denkbaren Größen, Formen und Varianten enthielten. Es war der Traum jedes Handwerkers ...

Onkel Owen und verschiedene andere Mitglieder von Lukes Bekanntenkreis hätten bei diesem wundervollen Anblick kreativer Ordnungsliebe vermutlich vor Freude geweint und sich dann mit einem Radio, einem Sechserpack Bier, zwei Tüten Chips und einer Hängematte häuslich eingerichtet, um diesen Hort männlicher Glückseligkeit nie wieder verlassen zu müssen. Aber ausgerechnet das einzige Utensil, das Luke Skywalker jetzt wirklich dringend gebraucht hätte, war nicht da …

Er stieß einen resignierten kleinen Seufzer aus und ging mit sich selbst zu Rate. Nach kurzem Nachdenken beschloss er, stattdessen dem Rat seines Vaters zu folgen und sich wieder in die Werkhalle hinaus zu wagen. Er nahm Kurs auf die Hebebühne mit dem TIE und blieb bescheiden in ungefähr drei Metern Abstand stehen.

Er räusperte sich diskret, aber natürlich hörte ihn niemand. Doch nach einer kleinen Weile wurde er trotzdem von einem vierschrötigen Mann mit Glatze und einem enormen roten Schnauzbart entdeckt, der mit erfreulicher Promptheit auf ihn zukam.

„Kann ich Ihnen irgendwie helfen … Sir?" fragte er mit einem skeptischen Blick auf Lukes Tunika, die einen deutlich erkennbaren Mangel an kleinen bunten Quadraten aufwies.

Luke dachte, dass es ziemlich viel über den imperialen Drill aussagte, dass jedermann auf diesem Schiff sofort mit „Sir" angesprochen wurde, auch wenn er keinerlei Rangabzeichen vorweisen konnte, die ihn zu dieser Anrede berechtigt hätten.

„Ja. Ich konnte da drinnen keinen K60-Schraubenschlüssel finden." Luke deutete mit dem Daumen über seine Schulter hinweg auf die Droiden-Werkstatt. „Können Sie mir bitte einen besorgen?"

Die Augen des Schnauzbarts wanderten zur Werkstatt hinüber und dann zurück zu Luke – und plötzlich wurde der Mann kreideweiß.

Und schon ist der böse Rebell wieder entlarvt! dachte Luke mit einer Spur von Galgenhumor.

„Ja, Sir! Natürlich, Sir! Sofort, Sir!" japste der Schnauzbart. „Ich hol gleich einen, Sir."

Und er rannte los, als würde er von Furien gehetzt.

Oder der böse Ableger von Lord Vader dem Großen und Schrecklichen …

Die doch leicht panische Reaktion ihres schnauzbärtigen Kollegen weckte natürlich das Interesse des übrigen Teams. Es dauerte nur Sekunden und schon wurde Luke erneut angestarrt. Einer der Mechaniker, der oben auf dem TIE hockte und bisher damit beschäftigt gewesen war, irgendein Teil an einem der Flügel anzuschweißen, schob sogar extra sein Schutzvisier hoch, um die dunkle Bedrohung besser sehen zu können.

Luke erwiderte seinen Blick und versuchte so wenig Furcht einflößend auszusehen wie nur möglich, obwohl er allmählich wirklich ein wenig gereizt war.

Der Schnauzbart kam im Galopp zurück, keuchend wie ein Blasebalg, und überreichte ihm den gewünschten Schraubenschlüssel so vorsichtig wie eine Haftmine, die jederzeit explodieren konnte.

„Danke sehr! Vielen, vielen Dank", sagte Luke und bedachte die ganze Runde mit seinem sonnigsten Lächeln. „Ich geh dann mal wieder. Schönen Tag noch allerseits."

Er ging zwei Schritte rückwärts, drehte sich betont langsam um und trat in bewusst gemäßigtem Tempo den Rückzug an, sozusagen im Schleichgang, damit es nicht so aussah, als ob er flüchtete. Obwohl er eigentlich ganz gerne geflüchtet wäre …

In seinen schützenden Kokon zurückgekehrt, machte er sich endlich ans Werk. Er arbeitete schnell und konzentriert.

Und er ließ sich durch nichts stören – nicht einmal durch all die verschiedenen Leute, die immer wieder vor dem Sichtfenster in der Tür auftauchten und ihre Nasen gegen das Glas pressten, um ihn zu beobachten …

Nein, Luke Skywalker war die Ruhe selbst …

Jedenfalls tat er so als ob ...