Kapitel 3:
„Da seid ihr ja."
Hermione ließ zügig das Handgelenk von Malfoy los. Sie hatte nicht damit gerechnet, dass alle auf sie warten würden. Mit Neville konnte sie umgehen, doch die Tatsache, dass all ihre Mitschüler im Gemeinschaftsraum auf sie warteten – nun ja das war etwas unvorhergesehen.
Sie spürte die Blicke geradezu auf ihnen ruhen und sie wollte am liebsten genervt die Augen verdrehen und etwas patziges von sich geben, doch andererseits war sie beinahe dankbar, dass man sich Sorgen um sie machte. Zumindest sagte sie sich, dass es Sorge sein musste.
„Wir sollten zum Mittagessehen gehen.", unterbrach Susan dann die unangenehme Stille. Es hatte so gewirkt, als hätte jeder in diesem Raum etwas sagen wollen, doch niemand hatte sich getraut und so hatten sie schweigend dagestanden. Es hatte beinahe wie Minuten gewirkt, dabei war Hermione sich sicher, dass es nur Momente gewesen waren.
„Großartige Idee, dann muss ich hier nicht mehr stehen und mich angaffen lassen.", murrte der Blonde neben Hermione und sie runzelte ihre Stirn. Er hatte seine Hände in seinen Hosentaschen vergraben und Hermione ahnte, dass er sich wirklich zusammenreißen musste, um nicht noch abfälliger zu klingen. Sie war sich sogar sicher, dass auch die anderen Slytherins ihm übel aufstießen. Sie hatten mindestens genauso auffällig gestarrt. Verstehen konnte sie es definitiv. Sie fand es mindestens genauso schrecklich wie er. Sie wurden immerhin angestarrt wie Tiere im Zoo.
Das half der Atmosphäre natürlich nicht weiter. Im Gegenteil, die Luft knisterte schon beinahe, so geladen war die Stimmung.
„Stell dich nicht so an."
Zabinis Stimme wirkte ruhig, kühl, beinahe reserviert. Hermione vermutete, dass es auch daran lag, dass er sich schlecht fühlte. Sie war sich beinahe sicher, dass wenn er nicht an dieser Situation beteiligt wäre, er es durchaus lustig finden würde. Sie hatte mehrfach beobachtet, dass Slytherins sich durchaus am Leid der eigenen Leute erfreuen konnten. Schadenfreude schien ihnen Nahe zu liegen und wenn sie ehrlich war, dann sah sie daran auch nichts falsches. Sie schienen im Normalfall auch alle damit umgehen zu können.
„Im Gegensatz zu dir steh ich nicht so darauf, wenn man mich beobachtet Zabini."
Hermiones Augen weiteten sich und sie hörte wie hier und da jemand nach Luft schnappte, während die Slytherin Damen anfingen zu prusten. Sie hatte mit der Schadenfreude wohl tatsächlich recht.
„Du musst deine schlechte Laune nicht an mir ausleben, Mann. Klar, wir alle verstehen es – ihr zwei seid wirklich nicht zu beneiden, aber es bringt nichts, wenn du dich benimmst wie ein Arsch."
Man hörte wie sehr Zabini sich zusammenreißen musste. Seine Hände verkrampften sich, seine Stimme zitterte und seine Augen funkelten – eindeutige Zeichen dafür, dass Zabini gar nicht erfreut war. Hermione war sich nicht sicher, ob sie in einen Streit zwischen Schlangen geraten wollte, doch hatte sie eine Wahl?
„Ich benehme mich wie ein Arsch? Lass mich mal darüber nachdenken – stimmt, du hast recht ich bin auch das Arsch das sich so daneben benommen hat und den Streit provoziert hat. Bin also selbst Schuld an der Misere hier. Moment Mal, nein bin ich nicht – du bist ja schon dieses Arsch..."
„Draco...", ermahnte Daphne ihn plötzlich, doch der schüttelte nur den Kopf, ein beinahe bösartiges Lächeln auf den Lippen tragend.
„Unterbrich mich nicht Greengrass.
Du bist das Arsch, dass sich über Finnigan lustig machen musste. Du bist das Arsch, dass es ihm unter die Nase schieben musste. Du bist das Arsch, dass nun da steht und Schuld an der Sache hier ist und trotzdem – Überraschung – bin ich der Gearschte. Danke Mann. Wirklich. Danke. So einen Freund wünscht sich doch jeder."
Seine Stimme wurde von Wort zu Wort lauter und triefte geradezu vor Sarkasmus und Hermione bemitleidete Zabini schon beinahe. Um ehrlich zu sein gab sie ihm die wenigste Schuld an der Sache, aber Malfoy schien es anders zu sehen. Er sah die Sache wohl aber auch nicht ganz objektiv, zumindest nicht in diesem Moment.
„Bist du fertig?"
„Oh noch lange nicht, ich hab dir noch eine ganze Menge zu sagen Zabini. Und wartet nur bis ich anfange Finnigan dort drüben meine Meinung zu sagen..."
„Malfoy.", Hermione hatte einen Schritt weiter auf ihn zugemacht und sah ihn nun finster an.
„Und du fang gar nicht erst an Granger – wenn du dich nicht eingemischt hättest, hätten die Beiden eine aufgeplatzte Augenbraue und eine dicke Nase, aber das hier wäre nie passiert."
Er machte eine schnelle Handbewegung – zeigte erst auf sich und dann auf sie. Es sollte wohl ihre Situation beschreiben. Sehr wortgewandt. Sie konnte nicht anders als die Augen zu verengen.
„Ist das dein ernst Malfoy?"
Sie hatte ihre Arme vor der Brust verschränkt und starrte ihn fassungslos an. Sie wusste, dass ihre Stimme mittlerweile mindestens genauso gereizt klang wie seine.
„Oh Granger ich hab noch gar nicht angefangen. Warte ab bis ich diesen Versager von Lehrer in die Finger bekomme..."
Sie wusste nicht so recht wieso sie es getan hatte, aber erst als sie so vor ihm stand und die entsetzten Blicke der Anderen sah und den roten Abdruck auf seiner Wange bemerkte, wurde ihr bewusst, dass sie ihm eine Ohrfeige gegeben hatte. Bereuen tat sie es dennoch nicht.
„Reiß dich zusammen Malfoy. Weder Seamus noch Zabini wollten das. Geschweige denn von mir oder Professor Montgomery. Weißt du wie man so etwas hier nennt? Einen Unfall. L!"
Sie war laut geworden, hatte ihre Hände in ihre Hüften gestemmt. Sie wusste, dass alle sie sprachlos ansahen. Interessieren tat es sie jedoch nicht wirklich.
Er funkelte sie an. Sie wusste, dass er sie am liebsten verhexen würde. Es machte ihr jedoch keine Angst. Er machte ihr keine Angst. Sollte er doch, sie hatte größere Probleme bewältigt.
„Und jetzt hör auf dich zu bemitleiden. Das ist ja unerträglich."
Ihre Stimme zitterte noch immer vor Wut. Selbst sie konnte es hören.
„Jetzt wissen wir zumindest, wer die Hosen anhaben wird...", hörte sie plötzlich Nott glucksen und für eine Sekunde dachte sie die Situation würde wieder kippen. Sie dachte Malfoy würde seinen Zauberstab nehmen und erst Nott für das Kommentar umlegen und sie dann verhexen, doch stattdessen, starrte er sie nur an. Sein Blick gefiel ihr nicht und sie war sich ziemlich sicher, dass es noch ein Nachspiel für sie haben würde.
Es vergingen noch einige Momente, bis er schließlich eine Kopfbewegung in Richtung Ausgang machte.
Hermione sah ihn verwundert an, nickte jedoch, bevor sie ihm zum Ausgang folgte. Sie hatte dennoch das Gefühl, dass dies nicht das Ende sein würde. Sie hatte das seltsame und beunruhigende Gefühl, dass es ihm nicht gefiel wie sie mit ihm gesprochen hatte. Sie war sich außerdem sicher, dass er es ihr verständlich machen würde, dass sie es nicht noch einmal wagen sollte es dennoch zu tun. Dieses Gefühl nagte über den gesamten Weg zur großen Halle an ihr.
Und dann nagte etwas anderes an ihr. Sie standen im Eingang und für eine Sekunde hatte sie auf den Gryffindortisch zusteuern wollen, doch dann sah sie zu Malfoy herüber und der schien ähnliche Gedankengänge zu haben, denn auch er sah plötzlich zu ihr herüber.
Diese Sache wurde immer nerviger. Sie war bisher zu schockiert von der Situation gewesen, hatte sich überfordert gefühlt mit der Sache um sich tatsächliche Gedanken zu machen. Und nun wurde ihr langsam das Ausmaß der Geschichte bewusst.
„Einen Tag Gryffindor, einen Tag Slytherin? Oder bestimmte Mahlzeiten hier und andere dort?", fragte sie schließlich beinahe diplomatisch. Sie wollte nicht direkt an ihren Streit anknüpften. Schon gar nicht vor der Lehrerschaft.
„Ich sitze nicht mit Finnigan zusammen."
Hermione rollte ihre Augen. Hinter ihnen kamen auch endlich ihre Mitschüler an, die offensichtlich einen Sicherheitsabstand hatten einhalten wollen. Sie gingen langsam um sie herum, da Malfoy und sie mitten im Weg stehen geblieben waren.
„Als ob ich dich in der Nähe haben wollte.", zischte Seamus im Vorbeigehen und Hermione musste ihrem Mitschüler einen vernichtenden Blick zuwerfen, damit er nicht noch nachsetzte.
„Das willst du bestimmt nicht Finnigan, sonst bring ich dich dieses Mal zum explodieren...", warnte Malfoy und schüttelte Hermiones Hand ab, die sie ihm warnend auf den Oberarm gelegt hatte.
„Fass mich nicht an Granger. Ich sitze nicht neben diesem Trottel. Der ist doch an allem Schuld."
„Wundervoll Malfoy, da wir ja jetzt alle festgestellt haben wie großmütig und überhaupt nicht nachtragend du bist – da uns die gesamte Schülerschaft aufmerksam zuhört – können wir ja rüber zum Slytherintisch gehen und etwas essen."
Sie zischte ihn an. Sie war mittlerweile vollkommen genervt von seinem unreifem Verhalten und die Tatsache, dass seine Mitschüler es auch noch lustig fanden und die ganze Sache mit glucksen und kichern kommentierten, machte es nicht besser. Es nervte sie nur noch mehr.
Ohne auf eine Antwort von ihm zu warten machte sie sich auf den Weg. Sie spürte schon nach drei Schritten ein leichtes Unwohlsein, doch es ließ sofort wieder nach als sie bemerkte, dass er ihr nachkam. Die Brünette befürchtete, dass dieses Jahr wohl doch anstrengender werden würde, als geplant und für einen Moment bereute sie es tatsächlich wiedergekommen zu sein.
Malfoy setzte sich und Hermione ließ sich auf den Sitz neben ihn gleiten, jedoch ließ sie einen relativ großen Sicherheitsabstand zwischen ihnen. Sie war vielleicht nicht in der Lage sich von ihm zu entfernen, doch das bedeutete noch lange nicht, dass sie ihm näher kommen musste als nötig.
Sie bemerkte wie sich Daphne neben sie setzte, während Nott, Goyle, Zabini und Parkinson sich ihnen gegenüber niederließen. Ihr fiel auf das sowohl Tracey Davis als auch Millicent Bullstrode sich etwas von ihnen entfernt hingesetzt hatten, doch sie wagte nicht zu fragen, was das zu bedeuten hatte. Sie saß zwar bei den Schlangen, doch das bedeutete ja noch lange nicht, dass sie sich mit ihnen anfreunden musste.
Es war ja nicht so, dass sie einen schwachen Geduldsfaden hatte, doch die ständigen Blicke trieben sie in den Wahnsinn. Mittlerweile starrten nicht nur ihre Mitschüler aus ihrem Jahrgang – nein mittlerweile starrten beinahe alle Schüler und sogar die Lehrer unverhohlen. Es war zum verrückt werden.
Plötzlich verstand sie Malfoy und wieso er so schnippisch geworden war.
Hermione war nicht einmal in der Lage in Ruhe ihr Essen zu genießen. Sie legte ihre Gabel genervt hin und sah auf und selbst dann starrten sie sie weiter an.
Malfoy neben ihr tat plötzlich ganz cool und unterdrückte ein Grinsen, während er in seinem Auflauf stocherte. Offensichtlich schien er die Situation zu genießen. So als würde er sagen wollen - siehst du?!
Letztlich schob sie ihren Teller von sich und verschränkte ihre Arme vor der Brust und schlug ihre Beine übereinander. Distanz schaffen konnte ja nicht schaden.
„Machst du eine Diät?", fragte Zabini plötzlich amüsiert und Hermione starrte ihn fassungslos an.
„Nein...ich werde nur nicht gerne beim Essen beobachtet wie ein Affe im Zoo."
Sie rollte mit den Augen und verlieh ihrer Stimme eine Prise Sarkasmus.
„Was ist ein Zoo?"
Das war wirklich zu viel für die Gryffindor. Hermione presste ihre Fingerspitzen gegen ihre Schläfe und schloss ihre Augen. Sie hatte plötzlich Kopfschmerzen bekommen und ihr wurde übel. Sie wusste auch, dass es nicht mit Malfoy zusammen hing. Nein, es hing mit allen Anderen zusammen. Diese Unverfrorenheit, die sie alle besaßen, trieb sie in den Wahnsinn. Bald würde sie ein Fall für St. Mungos sein.
„Willst du das wirklich wissen Nott?", fragte sie schließlich. Sie hatte mehrfach tief ein und ausgeatmet, doch beruhigt hatte sie sich dennoch nicht.
„Würde ich sonst fragen Granger?"
„Punkt für dich.", murrte sie und überlegte dann, wie sie am Besten einen Zoo beschreiben sollte. „Ein Zoo ist...nun ja eine Attraktion in der Muggelwelt. Dort werden viele verschiedene Tiere in Gehegen gehalten – oder in Aquarien oder Terrarien. Je nach dem was für ein Tier es ist natürlich. Dann können Muggel sie sich ansehen. Kinder sind meistens ganz begeistert von Zoos."
„Muggel halten Tiere gefangen? Und schauen sie sich dann an?"
„Sozusagen. Die meisten Tiere werden in den Zoos geboren und wären nicht mehr in der Lage selbständig zu leben. Sie sind das Leben im Zoo gewohnt. Sie werden versorgt und sie müssen nicht um ihr Überleben kämpfen, wenn man bedenkt, dass Muggel ihre natürlichen Lebensräume mehr und mehr ausbeuten und zerstören."
Ihre Stimme wurde immer drängender und sie bemerkte wie sie sich langsam in dieses Thema vertiefte. Zu Beginn hatte sie es nur erklären wollen, doch nun spürte sie den Drang die genaueren Umstände zu erläutern und deutlich zu machen, wie wenig sie von Zoos hielt. Und wie wenig sie von der Ausbeutung vieler Lebensräume hielt. Sie steigerte sich gerne in solche Themen hinein, das hatte Harry ihr einmal ziemlich direkt gesagt, als sie mal wieder von der Befreiung der Hauselfen gesprochen hatte. Außer ihr schien niemand Interesse an der Emanzipation dieser Wesen zu haben.
„Und da soll jemand Muggel verstehen.", sagte Parkinson schließlich nur und sah sie beinahe abfällig an. Für einen Moment hatte Hermione sogar die Befürchtung, dass Parkinson sich vergessen würde, doch stattdessen nahm sie ihren Becher mit Kürbissaft und nahm einen großen Schluck.
Hermione zuckte letztlich nur mit den Schultern und war froh, dass sie es nicht weiter erklären musste, denn sie würde sich nur noch mehr in dieses Thema hineinsteigern und dann … nun ja es endete nie gut, wenn sie sich in eine Thematik hineinsteigerte.
Etwas gutes hatte das Ganze jedoch schon, denn die Slytherins konzentrierten sich plötzlich auf ihr Essen und Hermione schaffte es doch noch ein zwei Bissen zu sich zu nehmen, während ihre Gedanken um die armen Tiere in den Muggelzoos kreisten.
„Wenigstens haben wir alle den selben Unterricht.", sagte Malfoy schließlich und riss Hermione damit aus ihren Gedanken. Sie sah zu ihm herüber. Die Anderen unterhielten sich alle noch, keiner beachtete sie.
„Mh, macht es definitiv leichter."
„Du hast übrigens recht, wir müssen uns über so einige Dinge noch unterhalten."
Hermione biss auf ihre Unterlippe und nickte. Es waren ihr vorhin schon so einige Dinge durch den Kopf geschossen. Ansprechen wollte sie diese dennoch nicht.
„Ich will nur eine Sache los werden...", begann er dann und Hermione sah wieder zu ihm herüber, ehe sie ihre Augen weitete. Er hatte seine Finger um ihr Handgelenk gelegt und drückte nun etwas fester zu als nötig.
„Wenn du es dir noch einmal gestatten möchtest so mit mir zu sprechen und mich vor den Anderen zu ohrfeigen, dann gestatte ich es mir dein Leben zur Hölle zu machen. Und ich habe das Gefühl ich werde so einige Wochen Zeit haben das zu tun."
Er hatte sich dazu zu ihr vorgebeugt und flüsterte es ihr beinahe ins Ohr. Seine Stimme war drohend und er ließ seine Worte noch einige Momente nachhallen, bevor er seine Hand wegzog und sich wieder aufrecht hinsetzte.
Hermione rieb ihr schmerzendes Handgelenk, biss sich dabei auf ihre Unterlippe um nicht doch noch eine Szene zu machen. Sie hatten alle genügend gestritten. Sie hatte immer noch Kopfschmerzen und sie fühlte sich schlecht genug. Vielleicht war es Zeit Größe zu zeigen und den Streit nicht weiter voran zu treiben?
„Alles okay?", fragte Daphne sie plötzlich und Hermione drehte sich zu ihr herum. Sie spürte Malfoys Blick – so durchdringend wie Messerstiche.
„Ja sicher, ich habe mir nur Gedanken darum gemacht...das wir ja so viel Unterricht verpasst haben. Ich werde mir noch die Unterlagen besorgen müssen. Ich bin nicht hierher zurückgekommen nur um meine Bildung schweifen zu lassen...", begann sie ihre kleine Rede. Sie bemerkte wie einige Slytherins sie beinahe amüsiert betrachteten – so als hätten sie genau das von ihr erwartet – während andere wie Parkinson und Goyle eher entnervt wirkten. Doch je mehr sie redete, umso mehr lenkte sie sich von dem schmerzenden Handgelenk und ihrem Bedürfnis Malfoy zu verhexen ab.
Wie sollte das bloß gut gehen?
