Kapitel 24:
„Schon seltsam ...", murmelte Daphne leise vor sich hin, während sich der Klassenraum langsam füllte.
Noch vor kurzem hatten sie alle zusammen zu Mittag gegessen, danach hatten sich die Wege für einige Minuten getrennt. Einige von ihnen waren noch einmal auf ihr Zimmer gegangen um ihre Taschen umzuräumen, andere hatten noch Bücher in der Bücherei gesucht … wiederum Andere hatten ihre Zeit damit verbracht sich nach Hermione und Draco zu erkundigen. Sie zum Beispiel.
„Sie tauchen schon wieder auf. Mach dir keinen Kopf. Vom vielen Grübeln und Sorgen machen bekommst du am Ende noch Falten.", trietzte Pansy ihre Freundin und Daphne konnte nicht anders als Schmunzeln. Pansy war ausgelassener geworden und um ehrlich zu sein gefiel es Daphne gut wie sich das Mädchen entwickelt hatte. Sie hatte den schleichenden Prozess bemerkt und es unkommentiert gelassen. Vielleicht auch weil der Prozess in eine vollkommen unvorhergesehene Richtung ging und durchaus positiv wirkte. Pansy wirkte ausgeglichener, sie war offener, redete deutlich mehr mit ihren Freundinnen und was das aller Beste war – sie schien nicht mehr an Dracos Rockzipfel zu hängen wie ein kleiner Welpe. Daphne fragte sich um ehrlich zu sein, ob Hermiones kleiner Gefühlsausbrauch bei Tisch nicht etwas damit zu tun hatte. Wenn ja, dann verdankten sie ihr alle so einiges. Nicht nur Pansy hatte darunter gelitten, auch sie alle hatte es enorm starke Nerven gekostet immer wieder in die Dramen zwischen Draco und Pansy hineingezogen zu werden. Und genau das schien nachzulassen.
„Ich frage mich einfach wo sie sind, dass ist alles. Sie sahen nicht gut aus – und ich will einfach nur nicht, dass so etwas wieder passiert. Und wenn … dann sollten sie an einem Ort sein, an dem man sie auch findet."
„Du machst dir wirklich zu viel Sorgen Daph. Es wird ihnen nichts passieren. Und jetzt erzähl mir lieber etwas anderes. Etwas spannendes. Du hast mir schon lange nichts mehr erzählt.", forderte die Dunkelhaarige ihre Freundin auf und die Mädchen senkten ihre Stimmen, als die Professorin den Raum betrat.
Es war nicht so, als wäre der Unterricht nicht wichtig, aber die Privatgespräche waren es ebenso. Also teilten Beide ihre Aufmerksamkeit und unterhielten sich weiter, während sie halbherzig mitschrieben, was gesagt wurde.
„Spannend … ich kann dir nur erzählen, dass ich Weasley den Hals umdrehe, wenn ich ihn das nächste Mal sehe. Ich habe mich selten so über jemanden aufgeregt."
Daphne plusterte ihre Wangen leicht auf und das ließ Pansy grinsen. Sie kannte Daphne zwar durchaus angriffslustig, doch der Gesichtsausdruck, den Weasley ihr ins Gesicht zauberte war neu für das Slytherin Mädchen. Er war eine Mischung aus angriffslustig, wütend, irritiert und irgendwie hatte es auch etwas kindlich schnippisches. Als würde sie schmollen.
„So häufig wie du über ihn sprichst könnte man meinen, dass du ihm nicht nur den Hals umdrehen willst.", zog Pansy die Blondine auf, die ihr Gesicht ruckartig zu ihrer Sitznachbarin herumdrehte.
„Du bist will vollkommen durchgedreht."
„Und du verstehst seit neustem keinen Spaß. Oder zumindest nicht, wenn ich den Namen Weasley erwähne, huh?"
„Ich kann ihn eben nicht ausstehen."
„Nicht verwunderlich."
Daphne starrte auf das Stück Pergament vor ihr und nach einiger Zeit des Schweigens, stieß sie hörbar die Luft aus ihren Lungen.
„Ich habe grundsätzlich nichts gegen ihn. Auch nicht gegen Potter oder das Weasley Mädchen – Ginny – aber ich verstehe einfach nicht, wie … wie es so weit kommen konnte. Ich dachte, dass wir langsam auf dem Weg der Besserung waren."
„Es wird immer Rückschläge geben.", entgegnete Pansy in einer gespielt ernsten Stimme, was Daphne die Augen rollen ließ.
„Wenn du schon versuchst deinen Vater nachzuahmen Pans, dann wenigstens richtig … dazu musst du dann aber wohl einige Zigarren vorher rauchen, sonst kommt deine Stimme nicht so tief."
Beide Mädchen kicherten, dabei waren sie jedoch so laut, dass sie zur Ruhe ermahnt wurden. Danach erstarb dann auch das Gespräch. Fürs Erste.
„Das war immer ihr Rückzugsort. Ob sie noch häufig hier sitzt?"
„Glaube ich wohl kaum. Ich kann mir kaum vorstellen, dass sie mit Malfoy zusammen hier an einem der Tische sitzt und lernt."
Ron nickte seiner Schwester leicht zu und ließ seine Finger über die Buchrücken gleiten. Er war in seinen Gedanken versunken, weswegen er das Mädchen übersah, welches er leicht mit seiner Schulter anrempelte. Die Bücher in ihrem Arm fielen zu Boden und sofort beugte er sich vor, um sie wieder aufzusammeln.
„Es tut mir leid. Ich hab nicht aufgepasst.", sagte er als er nach dem letzten Buch griff. Als er wieder hochkam, erkannte er erst, dass er Susan Bones angerempelt hatte. Das Mädchen schüttelte nur leicht den Kopf und nahm ihm die Bücher dankend ab.
„Hast du keinen Unterricht?"
„Nicht im Moment, nein. Im Gegensatz zu Hermione und Malfoy, oder auch Daphne und Lisa – besuche ich nicht jedes Unterrichtsfach, welches Hogwarts zu bieten hat.", sagte die Rothaarige und lächelte ihren ehemaligen Mitschüler an.
„Und ihr wartet darauf, dass der Unterricht zu Ende ist? Wollt ihr noch bleiben und warten bis Hermione und Malfoy wieder da sind?", fragte sie neugierig und Ron sah sie ganz verwirrt an. Ginny und Harry traten neben ihn und blickten eben so verwirrt zu ihr herüber.
„Was meinst du mit wieder da sind? Wo sind die Beiden?"
„Ihr wisst es nicht? Naja Daphne, Lisa und Tracey wollten vorhin nach den Beiden sehen, aber sie waren nicht im Krankenflügel. Madame Pomfrey wusste auch nicht wohin sie gegangen sind, nur dass sie am Abend wieder da sein würden."
Susan hielt die Bücher eng an ihren Körper gepresst, so als wolle sie damit etwas Abstand – eine Art Schild – aufbauen. Sie war zwar höflich und durchaus freundlich, doch sie war auch distanziert Menschen gegenüber, mit den sie selten sprach.
Ron sah zu Harry und dann zu Ginny. Sie alle wirkten überrascht von der Neuigkeit und wussten nicht so recht was sie darauf sagen sollten. Und genau das wurde Susan bewusst, weswegen sie ungeduldig von einem Fuß auf den Anderen trat.
„Nun ja wir sehen uns bestimmt noch. Ich muss mich beeilen. Die nächste Stunde beginnt gleich und ich wollte Megan noch von ihrem Unterricht abholen. Bis später – denke ich.", sagte sie schließlich und ging um die Gruppe herum. Sie ließ sie einfach in dem Gang zurück.
Es dauerte noch eine Weile bis Ron endlich seine Sprache wieder fand.
„Sie sind einfach verschwunden … und keiner weiß wohin. Sie haben nicht einmal etwas gesagt."
„Sie schulden dir auch keine Erklärung.", sagte Ginny nur, aber auch sie wirkte irgendwie sprachlos. Aber auch besorgt.
„Vielleicht war es ja wichtig … Hermione wird uns schon noch sagen wo sie waren. Macht euch keinen Kopf.", sagte Harry deutlich optimistischer und hoffte innerlich, dass er Recht behielt.
„Was ist das für ein Zimmer?"
Hermione betrat das deutlich gemütlicher wirkende Zimmer. Es hatte den selben Boden wie Malfoys, doch es lagen zwei flauschig aussehende Teppiche darauf. Der eine Teppich – oder eher gesagt Läufer – lag direkt vor der Tür und führte geradewegs auf das Himmelbett zu und der andere Teppich lag rechts von ihnen auf dem Boden. Auf ihm stand ein kleiner Couchtisch und um ihn herum stand ein Ledersofa und zwei große Ohrensessel. Auch dieser Raum hatte einen Kamin, auf dem Sims befanden sich einige Bilderrahmen mit Fotos und auch an den Wänden hingen Bilder. Die Vorhänge vor den großen Fenstern waren nicht smaragdgrün sondern altrosa und waren aufgezogen und man konnte das herrliche Wetter geradezu spüren. Der Ausblick war außerdem atemberaubend. Hermione konnte es von der Tür aus sehen. Der Garten war riesig und dahinter lag Wald soweit das Auge reichte.
Ihr Blick fiel auf den großen, antiken Kleiderschrank und dann auf das Himmelbett mit den altrosa Samtvorhängen und der silber-grauen Seidenbettwäsche mit altrosa Ornamenten. Es sah nicht nach einem Gästezimmer aus, aber es passte auch nicht zu Malfoy. Was für ein Zimmer war das also?
„Das war Mal das Zimmer, welches Tracey immer bewohnt hatte."
Sofort blickte Hermione zu ihm herüber und ihre Augenbrauen zogen sich automatisch zusammen. Es klang irgendwie seltsam, was er da sagte. Andererseits war Hermione neugierig auf die Geschichte dahinter.
„Was bedeutet – das Zimmer, dass sie mal bewohnt hatte? Wieso hat sie hier gewohnt?"
„Ganz schön neugierig."
„Warum hast du mich sonst in das Zimmer gebracht? Du hast bestimmt einen Plan im Hinterkopf gehabt – ich kann mir nur vorstellen, dass du mir davon erzählen magst … aus welchem Grund auch immer."
Malfoy lächelte leicht, ging auf ihre Argumentation aber nicht weiter ein.
„Traceys und meine Eltern sind eng miteinander befreundet. Ihre Eltern waren schon immer etwas weniger streng und haben ihr viel Freiraum gegeben. Und mit Freiraum meine ich vor allem, dass sie selten zu Hause waren. Wenn es mal wieder so weit war, dann kam sie nach ein oder zwei Tagen hierher und fragte, ob sie bleiben könne. Ihr käme das Haus so leer ohne ihre Eltern vor. Irgendwann haben Mutter und Vater ihr ein Zimmer umgestaltet und mit den Jahren hat es sich mit ihr verändert. Ich erinner mich daran wie es damals alles … pink war und auf jeder Decke und jedem Kissen Herzchen aufgedruckt waren."
Während Hermione Malfoy lauschte wurde ihr bewusst, wie wenig sie eigentlich von dem Beziehungsgeflecht unter den Slytherins … aber auch unter den anderen Schülern wusste. Nicht nur von den Schülern selbst wusste sie wenig, auch von ihren Verhältnissen zueinander wusste sie beinahe nichts. Hätte Malfoy ihr diese Geschichte nicht erzählt, sie würde wahrscheinlich immer noch nicht verstehen, was Tracey und ihn verband. Es war tatsächlich etwas geschwisterliches – so klang es zumindest.
„Wieso weiß Parkinson nichts davon?"
„Im Grunde weiß niemand davon. Tracey war es immer unangenehm, dass ihre Eltern sie allein gelassen haben, also haben wir immer geschwiegen. Wenn Pansy, Blaise oder auch Theo hier waren … dann war Tracey meist auch da, aber entweder hat sie so getan als wäre sie eben zu Besuch oder sie hat sich gar nicht erst blicken lassen. Es ist nie aufgefallen. Und ich glaube es ist ihr auch recht so."
„Arbeiten ihre Eltern immer noch so viel?"
„Ja, sie hat bis vor kurzem auch immer wieder hier geschlafen … nun ja bis es eben immer schlimmer wurde, da hat sie sich am liebsten bei sich aufgehalten und sich aus allem rausgehalten. Tracey hat – auch wenn sie es vielleicht nicht offen sagt – nie wirklich Stellung bezogen und ich glaube sie möchte es auch nicht. Was verständlich ist."
Noch nie hatte Hermione so viel über Tracey Davis gehört und noch nie hatte sie so viel Respekt für sie empfunden. Es musste schwer sein, wenn man von Kindesbeinen an immer auf sich gestellt war. Es war sicherlich schön zu wissen, dass die Eltern noch da waren, aber es war bestimmt schwer sie nie um sich herum zu haben.
„Und wieso zeigst du mir ihr Zimmer?"
„Ich dachte es würde dir besser gefallen als meines. Tracey kommt nicht mehr hierher, es wurde schon lange nicht mehr genutzt … ich dachte du würdest dich wohler fühlen wenn wir hier wären. Und wie ich schon gesagt habe … ein Schläfchen wäre nicht schlecht."
Hermione konnte ihm da nur zustimmen. Ein Schläfchen wäre wirklich nicht schlecht. Sie spürte auch, dass der Schlaf trotz Schlaftrank nicht wirklich erholsam für sie gewesen war. Sie verspürte außerdem wieder dieses leichte Pochen in ihrer linken Schläfe und sie war sich sicher, dass etwas Ruhe helfen würde.
„Wenn du es nicht seltsam findest hier ein Nickerchen zu halten, dann soll es mir auch recht sein.", sagte sie schließlich und Malfoy grinste sie an, ehe er auf das große Himmelbett zu ging.
Sie hatten ihre Schuhe schnell abgestreift und waren mindestens genauso zügig unter der kühlen Seidenbettwäsche verschwunden. Sie hatten natürlich ihre Kleidung anbehalten, aber im Bett liegend lockerten beide die Krawatten in ihren jeweiligen Hausfarben ehe sie diese abnahmen und bei Seite legten.
„Na dann schlaf gut Granger."
„Du auch.", lächelte die Brünette, ehe sie die Decke enger um sich schlang und ihr Gesicht in dem weichen Kissen vergrub.
Es war irgendwie doch seltsam in dem Bett zu liegen, in dem Tracey Davis Jahre lang geschlafen hatte, aber sie fand es irgendwie auch nett, dass er an sie gedacht hatte. Er hatte wahrgenommen wie unwohl sie sich in seinem Zimmer gefühlt hatte. Etwas in ihr war aber auch unsicher – der Gedanke, dass er sie nicht in seinem Zimmer haben wollte, ließ sich einfach nicht vollkommen abschütteln. Und dieser Gedanke verletzte sie enorm und sie wusste nicht wieso.
„Wir nehmen eine Abkürzung."
„Ich kenne deine Abkürzungen Theo, am Ende sind wir zwanzig Minuten zu spät anstelle pünktlich zu sein."
„Ach halt die Klappe Blaise.", murrte Theo nur und sofort spürte er eine Hand auf seiner Schulter, die er am liebsten abschütteln wollte, doch er tat es nicht.
„Hey Mann, was ist los? Du bist wirklich mies gelaunt, oder?"
„Ach … es ist nichts. Lass uns weiter gehen."
Blaise merkte natürlich, dass irgendetwas nicht stimmte, aber er wusste einfach nicht was. Er konnte sich keinen Reim drauf machen aber er wollte seinen Freund auch nicht nerven. Theo bog gerade um die Ecke und er tat es ihm gleich und da lief er auch schon direkt in ihn hinein.
„Sag mal … warum bleibst du steh …", und da stoppte er dann auch, denn er sah warum Theo gebremst hatte. Vor ihnen in einem kleinen verlassenem Gang standen Lisa und Terry. Nun ja sie waren eher aneinander gepresst und Terry hatte seine Zunge in ihrem Hals, aber sie standen definitiv da und Theo war ruckartig stehen geblieben. Blaise war laut gewesen und auch Theo war nicht gerade leise und dennoch waren die Beiden vollkommen in ihrer eigenen Welt. Terry hatte seine Hände über ihre Seiten gleiten lassen und das Mädchen drückte sich enger an ihn. Blaise bemerkte natürlich, wie Theo seine Hände zu Fäusten ballte. Es dauerte noch einige Augenblicke, ehe er sich von dem Anblick losreißen konnte. Er drehte sich sofort wieder herum und verschwand. Er ließ einen verdutzten Blaise zurück, der aber langsam zu begreifen begann …
„Trace, kann ich dich eben sprechen?"
Theos Stimme zitterte regelrecht, weswegen Tracey ihn sofort mit fragendem, aber auch besorgtem Blick ansah. Sie hatte eigentlich jetzt Unterricht, aber die Art und Weise wie Theo sie angesprochen hatte, bereitete ihr Sorgen, weswegen das Mädchen lediglich nickte und sich von ihrem Platz erhob. Der Unterricht hatte noch nicht begonnen, denn Montgomery ließ sich wie immer etwas Zeit und somit hatten sie noch etwas Luft.
„Falls wir nicht wieder da sind, wenn er rein kommt … entschuldigst du mich bitte?", fragte Tracey an Daphne gerichtet und die Blondine nickte natürlich.
Tracey und Theo schlüpften noch einmal durch die Tür nach draußen und betraten einen leeren Klassenraum nebenan. Das Mädchen bewegte sich auf das Lehrerpult zu und hüpfte dann mit ein wenig Schwung hinauf.
„Also?", fragte sie mit hochgezogener Augenbraue, als Theo auf sie zukam. Sie blickte ihn gespannt an, doch sie erhielt keine Antwort. Er sagte nichts. Er ließ seine Hände lediglich die Außenseiten ihrer Oberschenkel hochwandern und zog sie mehr zum Rand des Pultes heran, ehe seine Lippen sich auf ihre pressten. Tracey war überrascht von diesem plötzlichen Überfall, doch sie konnte die Dringlichkeit in seinem Kuss spüren. Irgendetwas war passiert und sie merkte es an der Art wie er ihre Bluse aufzuknöpfen begann und seine Hände dann auf ihrem Po platzierte nur um sie noch näher zu sich zu ziehen. Die Blondine erwiderte den Kuss schließlich, ihre Beine schlangen sich um seine Hüfte und ihre Arme um seinen Hals. Sie konnte spüren wie dringend er diese Ablenkung brauchte … sie wusste nicht wovon und weswegen, aber sie war für ihn da wenn es sein musste. Sie war immerhin seine Freundin und Freunde waren für einander da. Und wenn sie so für ihn da sein sollte, dann würde sie es eben sein.
„Ich bin gleich wieder da.", entschuldigte sich Harry bei seinen Freunden. Sie hatten sich in den Gemeinschaftsraum der Achtklässler gesetzt – natürlich nachdem sie sowohl Professor McGonagall, als auch einige der Schüler selbst gefragt hatten – und warteten darauf, dass der Unterricht für den Tag vorbei sein würde.
Ginny und Ron unterhielten sich gerade über ihre Geschwister, weswegen Harry kein schlechtes Gewissen hatte sich für kurze Zeit rauszuschleichen. Er wollte seine Gedanken sortieren und dazu brauchte er Ruhe und Abstand.
Als er auf den Gang hinaustrat, atmete der Dunkelhaarige tief aus und schob seine Hände tief in seine Hosentaschen. Er wusste genau wieso er nicht wiedergekommen war und dennoch fühlte es sich gut an wieder die gewohnte Umgebung um sich zu haben. Es war ein Gefühl von nach Hause kommen, auch wenn die Ereignisse dem Ort die gewohnte Sicherheit, die er sonst ausgestrahlt hatte, genommen hatte.
Harry lief den Gang hinunter und sah sich dabei genau um, so als wollte er sehen wo sich etwas verändert hatte. Er wusste, dass die Reparaturarbeiten langwierig gewesen und noch immer nicht vollständig abgeschlossen waren. Er konnte sich kaum vorstellen wie viel Arbeit in diesem Schloss gesteckt hatte. Wie viel Zeit man investiert hatte, um das Schloss wieder unterrichtstauglich zu machen.
Er ging gerade an einem Klassenzimmer vorbei aus dem Schüler strömten und er erkannte sofort, dass es seine eigentlichen Mitschüler waren. Wenn er noch hier zur Schule gehen würde. Er sah Megan und Ernie, auch Justin und Dean verließen den Raum, doch er wollte niemanden ansprechen. Er war ganz zufrieden damit, dass er einige Momente für sich hatte.
Er wollte eigentlich schon erleichtert aufatmen, weil keiner ihn bemerkt hatte, als Parkinson aus dem Raum geschossen kam und direkt in ihn hineinrannte. Harry hielt sich die schmerzende Stirn und Parkinson taumelte ein wenig, ehe sie kurzerhand nach Harrys Handgelenk griff um nicht zu fallen. Leider funktionierte es nicht, denn sie zog ihn lediglich mit sich zu Boden.
Es vergingen einige quälend lange Sekunden, ehe Harry bemerkte, dass er über Parkinson lag und ihr bewusst wurde, wen sie da eigentlich mit zu Boden gezogen hatte. Sofort schob sie ihn so barsch von sich, dass er zur Seite wegrutschte. Er stieß sich dabei seine Knie, doch mehr als ein leises Keuchen gab er nicht von sich.
Harry war deutlich schneller als Parkinson, er war schnell wieder auf den Beinen und aus einem Reflex heraus, hielt er ihr seine Hand hin. Die verdutzte Slytherin ergriff seine Hand dann auch tatsächlich und ließ sich von Harry hoch helfen.
„War meine Schuld.", murmelte das Mädchen, ehe sie ihm seine Hand schnell wieder entzog und ihre Tasche schulterte.
„Ich hätte nicht im Weg rumstehen sollen. Naja … ich hoffe du hast dir nicht weh getan."
Das Gespräch mochte freundlich wirken, doch man konnte sehen und hören wie angespannt Beide waren. Sie waren ganz steif und man sah ihnen an wie unwohl sie sich fühlten. Sie hatten nie wirklich viele Worte miteinander gewechselt und wenn, dann waren es niemals nette gewesen und nun standen sie hier und versuchten sich an etwas Small Talk. Nicht gerade einfach – für keinen von Beiden.
„Nicht wirklich. Uhm – ich werd dann auch mal weiter. Ich hab Unterricht, noch einmal … sorry Potter."
Man hörte wie schwer es ihr fiel das zu sagen. Sie gab sich aber Mühe, was Harry irritiert aber auch bewundernd fest stellte. Sie war anders geworden, und das bemerkte Harry schon daran, dass sie ihn nicht giftig anfunkelte. Er fragte sich, was die Zeit wohl alles noch mit sich bringen würde. Es war als würden die Streitigkeiten zwischen den Häusern nachlassen, denn bisher hatte es kaum Konfrontationen gegeben. Und sie waren schon eine ganze Weile im Schloss und sie hatten alle Slytherins gesehen. Sie hatten sogar mit ihnen beim Frühstück gesessen. Nun ja den Streit mit Daphne Greengrass wollte er nicht zählen, denn er verstand wieso sie so aufgebracht war. Ron hatte die Standpauke verdient, er hatte sie immerhin auch schon von Ginny erhalten.
„Dann will ich dich nicht aufhalten Par … Pansy."
Harry wusste nicht wieso er sie beim Vornamen nannte und wieso es sich nach einem Erfolg anfühlte. Es sollte sich nicht so anfühlen oder? Es tat es aber. Es war als würden sie nach und nach die Vergangenheit zurück lassen und sich auf neue Pfade begeben. Vielleicht würde er nicht alleine auf diesen Pfaden wandern … er konnte zumindest schon einige Menschen sehen, die mit ihm gingen. Hermione zum Beispiel, auch Neville und Tracey Davis schienen diesen Weg gehen zu wollen. Vielleicht auch Daphne Greengrass. Und auch wenn es für ihn nicht ganz nachvollziehbar war – Malfoy schien diesen Weg auch eingeschlagen zu haben.
Pansy sah ihn noch lange an, sie war sich nicht sicher ob sie jetzt auch zum Vornamen umschwenken sollte, doch sie schüttelte lediglich den Kopf und schenkte ihm ein halbherziges Lächeln. Insofern sie Harry Potter überhaupt anlächeln konnte. Dann verschwand sie auch schon um die Ecke, und doch ging ihr die kurze Begegnung mit ihm nicht so schnell aus dem Kopf.
„Wie lange bist du wach?"
„Höchstens fünf Minuten."
„Ich glaube Madame Pomfrey hat recht – mit dem spiegeln meine ich. Es ist wirklich so, als würde der Andere automatisch mit wach werden.", murmelte der noch verschlafene Slytherin.
„Ich glaube, dass es aber nicht nur damit zu tun hat. Ich glaube es hat auch etwas mit der Nähe an sich zu tun.", erwiderte die Brünette und drehte sich auf den Rücken. Sie starrte den Betthimmel an, ließ dabei ihre Gedanken zu den Worten von Madame Pomfrey schweifen. Es war alles so schwer zu begreifen und zu erfassen. Es war als wüssten sie einfach nichts über die Gesamsituation und das machte es nur noch schwieriger für sie. Und auch die Geschichte von Narzissa Malfoy hatte ihr nicht weiter geholfen. Es war als stünden sie noch immer ganz am Anfang.
„Ich glaube, dass sie außerdem Recht hat damit, wenn sie sagt das der Spiegelungseffekt zunimmt je näher wir uns stehen. Im Moment verstehen wir uns gut, umso klarer kann ich deine Stimmungslage spüren. Ich weiß einfach, dass du gerade nachdenklich bist … ohne dich dabei viel ansehen zu müssen. Ich kann förmlich spüren, dass deine Gedanken rasen."
Hermione schloss ihre Augen und atmete tief durch. Sie wusste immerhin das er Recht hatte, denn auch sie konnte spüren wie er sich in eben diesem Moment fühlte. Es war kein Gefühl, welches sich einfach beschreiben ließ. Es war wie eine Ahnung, ein Gefühl ganz tief in ihrem Bauch, welches sie selten täuschte. Sie würde es schon beinahe als Intuition bezeichnen, jedoch mit einer Prise Wissen beigemischt. Sie wusste und spürte, dass er gerade sehr entspannt war und sich im Gegensatz zu ihr keinerlei Gedanken machen konnte oder wollte.
„Was glaubst du wie wird das hier enden?", fragte sie schließlich in die Stille hinein und bereute beinahe in dem selben Augenblick die Frage gestellt zu haben. Was sollte er auch sagen? Egal was er sagen würde, es würde nicht das sein was sie hören wollte. Und allein dieser Gedanke ängstigte sie. Denn sie war sich unsicher was sie eigentlich hören wollte. Oder besser gesagt, sie wollte sich nicht eingestehen was sie aus seinem Mund vernehmen wollte. Was er ihr sagen sollte. Sie wollte sich vor allem nicht eingestehen, was es bedeutete.
„In einigen Wochen endet es mit dem Gegentrank.", sagte er langsam und bedacht darauf nichts falsches zu sagen. Er konnte immerhin ihre Stimmungslage wahrnehmen. Wie verwirrt sie war – wie hin und hergerissen sie zu sein schien. Gerade jetzt konnte er es beinahe greifbar spüren.
„Und solange … möchte ich mich nicht fragen was sein könnte. Es wird sowieso ganz anders kommen als wir denken. Ist es doch jetzt schon oder? Ich dachte nämlich felsenfest, dass ich dich erdrosseln werde … und nun sieh uns an Granger."
Hermione nickte, sah aber weiter stur zum Betthimmel hoch. Es war eine viel bessere Antwort als erwartet und dennoch nicht gut genug.
„Hey ...", Malfoy legte eine Hand auf ihre Wange und drehte ihr Gesicht zu sich herum. Er sah wie ausdruckslos ihr Blick wirkte und es machte etwas unbeschreibliches mit ihm. Vor allem sorgte es aber dafür, dass er statt Worte Taten sprechen lassen wollte.
Ohne lang zu überlegen rutschte er näher zu ihr und zog ihr Gesicht näher zu seinem. Als ihre Lippen sich trafen, war es als würden all ihre negativen Gedanken fortgespült werden. Sie spürte wieder einmal nur dieses Kribbeln und Prickeln in ihrem Bauch. Es war als könnte er jedes Problem, jeden Zweifel und jeden negativen Gedanken ganz einfach mit seinen Lippen von ihr nehmen können. Und dann ersetzte er es auch noch durch dieses wundervoll aufregende Gefühl in ihrem Inneren, welches sich ganz warm in ihr ausbreitete. So als würde sie an einem eisig kalten Tag eine herrlich süße, heiße Tasse Kakao trinken. Es wärmte sie komplett von innen und ließ sie wohlig aufseufzen bei dem Geschmack – bei dem Genuss.
Hermione schmiegte sich an ihn, ihre Lippen pressten sich dabei etwas enger auf seine und sie konnte ein sanftes Stöhnen nicht unterdrücken, als er seine Finger in ihren Haaren vergrub. Obwohl er sich immer über ihre Haare lustig gemacht hatte, schien er sie nun umso mehr zu mögen. Immer wieder fuhren seine Finger in diese hinein, wenn sie sich näher kamen und Hermione genoss es unglaublicherweise.
Es dauerte nicht lang und er beugte sich über sie, drückte sie dabei fester in die Matratze und die Brünette teilte ihre Beine, so dass er sich zwischen diese legen konnte. Und obwohl er so eng an sie gedrückt war und er zwischen ihren Beinen lag, vertieften sie den Kuss nicht noch mehr. Er war anders, als die Küsse zuvor. Er war nicht getrieben von Lust oder Leidenschaft, von Wut oder Frustration. Irgendwie hatte dieser Kuss etwas echtes, etwas beinahe gefühlvolles.
Vielleicht war es auch genau dieser Kuss, der Hermione endlich dazu brachte sich etwas einzugestehen. Sie hatte Gefühle für Malfoy und sie konnte es nicht ändern, nicht stoppen oder rückgängig machen. Sie konnte sich auch eingestehen, dass je länger sie miteinander verbunden waren, es immer stärker wurde … und sie konnte nur erahnen wie es für sie enden würde.
Und während er sanft an ihrer Unterlippe sog, versprach sie sich etwas. Sie versprach sich, dass sie die Zeit genießen und es nicht hinterfragen würde. Sie wollte endlich leben. Sie wollte nicht so ernst sein und immer nur vernünftig sein. Sie wollte ihn mit Haut und Haaren und wenn es ihr irgendwann das Herz brach, dann sollte es so sein. Aber für diesen Moment wollte sie ihn und das Prickeln auf ihrer Haut, das Pochen zwischen ihren Beinen, das Erhitzen ihres Körpers und die Sehnsucht nach seinen Berührungen. Sie wollte so viel sie bekommen konnte und das ohne wenn und auch ohne aber.
