Kapitel 37:
Ihr Blick sorgte dafür, dass alle verstummten. Der Blick war eine Mischung aus Erstaunen, Entsetzen und blankem Horror, weswegen Daphne schluckte und irritiert zu Tracey herüber sah, die wiederum blickte fragend zu Neville … und der zuckte nur mit den Schultern, sprang von seinem Platz und ging zu Hermione herüber. Er zog sie in eine lange, feste Umarmung und strahlte sie an, als er sich von ihr zurück zog. „Alles Gute zum Geburtstag.", sagte er fröhlich und damit brach er ihr Schweigen. Und ihren versteinerten Blick.
Hermiones Ausdruck fing an zu bröckeln und es gelang ihr einen Mundwinkel langsam hochzuziehen, ehe sie die Hand ihres Freundes ergriff und diese drückte. Sie schaffte es nicht einmal laut Danke zu sagen, stattdessen hauchte sie die Worte kaum hörbar. Neville hörte sie dennoch und sein Lächeln wurde noch etwas breiter.
„Alles Gute Mione.", stimmte dann auch Harry ein und ging auf seine beste Freundin zu und nachdem er sie gedrückt hatte, zog Ginny sie in eine feste Umarmung. Ron stand direkt neben ihr und wirkte etwas befangen, doch auch er schlang seine Arme kurz darauf um seine Ex Freundin. Es fiel ihm sichtlich schwer sich zu lösen und sein Blick wirkte traurig, als er einen Schritt zurück machte, doch er versuchte an diesem Tag keinen Aufstand zu machen. Er wollte, dass Hermione sich wohl fühlte und glücklich war. So glücklich sie eben sein konnte.
Es dauerte eine ganze Weile, bis all ihre Mitschüler ihr gratuliert hatten. Manche drückten sie, manche gaben ihr nur die Hand – so wie Goyle oder Bullstrode – aber alle lächelten sie ehrlich an und wirkten so, als würden sie es ernst meinen. Es erstaunte und überforderte die Brünette. Als Pansy ihr als Letzte von allen Anwesenden gratulierte und ihr Wangenküsse aufdrückte, glaubte Hermione sie würde noch in einem bizarren Traum feststecken.
„Nun da wir alle persönlich Alles Gute gesagt haben, könnten wir frühstücken, oder? Mein Magen knurrt schon seit zwei Stunden.", jammerte Theo und entspannte damit die Situation etwas. Einige ihrer Mitschüler glucksten, manche rollten ihre Augen, aber was das Beste war … die Aufmerksamkeit wurde auf ihn gelenkt und Hermione hatte die Gelegenheit sich zu entspannen. Ihr schon vollkommen verkrampftes Gesicht dankte es ihr.
„Gut dann setzen wir uns. Wir können das Geburtstagskind danach immer noch beschenken.", sagte eine überaus motivierte Daphne und setzte sich auf einen der vielen Plätze. Sie bemerkte wie zögerlich Hermione auf den für sie bestimmten Platz am Kopf des Tisches zuging. Sie sah auch wie ihre Hände zitterten, wie ihre Knöchel weiß hervortraten, als sie sich an der Rückenlehne des Stuhls festhielt. Irgendwie wurde sie das Gefühl nicht los, dass dieses Geburtstagsfrühstück keine gute Idee war.
Das Frühstück an sich verlief ruhig. Man redete leise und da Hermione nicht wirklich redselig wirkte, ersparten ihr die meisten ihrer Mitschüler träge und halbherzige Konversationen. Stattdessen unterhielten sie sich untereinander und genossen es alleine in dem Gemeinschaftssaal essen zu können. Ohne all die Anderen – vor allem ohne Lehrer.
Hermione rührte in ihrem Kaffee, der mittlerweile kalt war und starrte gedankenverloren auf ihren Teller, der leer war. Keiner sprach sie darauf an, auch wenn es auffiel.
Draco griff nach ihrer linken Hand, die auf ihrem Oberschenkel lag und sich in den Stoff ihres Kleides krallte. Sie war angespannt und er sah es und er hasste es. Er hatte gewusst, dass diese Idee dumm gewesen war. Er hatte aber auch nicht gewusst in welchem Ausmaß die Anderen feiern wollten. Er hätte ihnen von Anfang an sagen sollen, dass diese Idee nach hinten losgehen würde.
Verhindern konnte er es nicht mehr, aber besser machen … vielleicht konnte er zumindest das tun.
Seine Finger legten sich sachte auf ihre Haut und umschlossen ihre Hand. Er sah zuerst keinerlei Reaktion, doch dann blinzelte sie mehrfach und langsam öffnete sich ihre schon vollkommen steife Hand und ließ locker. Er bemerkte wie sie sich drehte und sie ihre Finger mit seinen kreuzte. Eine vertraute, intime Geste, die er nicht einzuschätzen wusste, die er aber auch nicht unterbinden wollte … oder konnte.
Sie entspannte sich so sehr, dass sie nach der Tasse mit ihrem Kaffee griff und einen Schluck trank …
„Ewh, der ist ja eiskalt."
„Hättest du nicht vor dich hingeträumt, wäre er noch heiß"
Wäre es jemand Anderes gewesen als Neville, hätte Hermione wahrscheinlich ein bissiges Kommentar von sich gegeben. Aber es war Neville. Und sie konnte Neville niemals böse sein. Sie konnte es einfach nicht.
„Wie gut das ich zaubern kann.", sagte sie darauf nur und zuckte mit ihren Schultern. Mit einem Wink ihres Zauberstabes war ihr Kaffee wieder warm und das Problem gelöst. Neville lächelte ihr zu und als sie ihren Kopf leicht schief legte und ihn beobachtete, da fiel ihr auf, dass nicht nur sie unter dem Tisch Händchen hielt. Neville saß neben Tracey und strich ihr beruhigend mit dem Daumen über den Handrücken. Sie konnte es schwer erkennen, aber sie war sich sicher, dass ihre Augen sie nicht täuschten. Ein Lächeln schlich sich auf ihr Gesicht. Sie freute sich für ihren Freund, der sonst so schüchtern war und einfach kein Glück mit Mädchen zu haben schien. Vielleicht würde sich das ja jetzt ändern.
Als sie ihren Blick von Neville abwendete, griff sie doch noch in den Brotkorb und schnappte sich einen auch schon recht kühl gewordenen Toast und begann zu frühstücken. Sie beschloss zumindest den Versuch zu wagen und diesen Tag zu genießen.
„Sag mal Granger – ist das nicht die Kette, die du gestern so angesabbert hast?", fragte Theo als der Tisch schon wieder verschwunden war. Er war abgeräumt worden und war dann durch das Fenster geflogen – zurück in die Abstellkammer aus der er gekommen war.
Hermione spürte wie sie in ihrer Bewegung inne hielt. Sie hatte nicht angenommen, dass das Collier bei ihrer Kleiderwahl auffallen würde, denn ihr Kleid war auffällig genug für ihre Verhältnisse. Es zeigte immerhin ihre Schultern, auch wenn die Ärmel lang waren. Es reichte bis knapp über ihre Knie und ein großer, aber schlichter Gürtel in ihrer Taille machte es etwas Figurbetonter, als es eigentlich war. Sie hatte nicht übertreiben wollen, aber sie hatte das Gefühl gehabt, dass dieses Collier mehr verdiente als eine einfache weiße Bluse.
Daphne sah nun auch zu ihr herüber und sofort blitzten ihre Augen auf und sie nickte zur Bestätigung.
„Ja das ist die Kette aus der Boutique.", murmelte die Blondine und natürlich rissen sie so die Aufmerksamkeit auf sich. Plötzlich interessierte sich jeder für das Schmuckstück um ihren Hals. Sie wünschte sich mit einem Mal, dass sie ihre Haare doch offen getragen hätte. Sie hätten sie verstecken können. Doch nun war es eindeutig zu spät.
„Hast du sie ihr geschenkt Mann?", fragte Theo dann an Draco gerichtet, denn er konnte sich wohl nicht vorstellen, dass Hermione sich diese Kette selbst gekauft hatte. Er hielt sie für ein Mädchen, welches nicht unbedingt viel Geld in Accessoires und Kleidung investierte. Da war eine solche Kette undenkbar.
Der Blick von Ron traf sie. Sie konnte spüren wie er sie anstarrte. Sein Blick war einerseits verletzt, aber auch eisig und die Eifersucht loderte so richtig in seinen Augen. Es war als würde er ihr mit jedem dieser Blicke Stiche versetzen, die sie zusammen zucken ließen.
„Ich frage mich wirklich wieso ihr immer alle so neugierig sein müsst. Könnt ihr nicht einmal etwas sehen und bemerken und dann eure verdammte Klappe halten?", murrte der Slytherin neben Hermione. Er wollte nicht darüber reden und das versetzte ihr einen weiteren Stich. Er wollte nicht zugeben, dass er es gewesen war, der ihr die Kette gegeben hatte. Auch wenn es nur für einen Tag war.
„Verdammt noch mal, ist doch nur ne Frage."
„Ihr fragt nie nur eine doofe Frage – ihr könnt es alle einfach nicht lassen eure Nasen aus Angelegenheiten raus zu halten, die euch nichts angehen."
„Stimmt – geht mich absolut nichts an, dass du Granger eine Kette kaufst die wahrscheinlich mehr kostet als die meisten Menschen im Jahr verdienen. Ich frage mich nur was dein Vater dazu sagt, dass du so mit seinem Geld um dich wirfst."
Hermione spürte wie ihre Unterlippe zu zittern begann bei den Streitereien. Immer diese Streitereien und immer waren sie und Draco der Grund. Sie hasste es. Sie hasste alles. Sie hasste diesen Tag. Sie hasste die Tatsache, dass sie sich nicht einmal wegen diesem dummen Collier freuen konnte, weil er der Auslöser für weiteren Streit war. Sie hasste, dass sie nicht in der Lage war alleine mit Ginny … oder Daphne, oder auch mit sonst irgendwem darüber zu reden.
Und sie hasste vor allen Dingen, dass ihre Eltern ihr nie wieder gratulieren würden. Sie kannten sie nicht mehr.
Tränen traten in ihre Augen und als sie leise schluchzte, erstarb der Streit, der zwischen Theo und Draco begonnen hatte, sofort.
„Hey … das ist doch kein Grund zu weinen ...", sagte Theo irritiert und kratzte sich am Hinterkopf. Er wusste nicht was los war, aber er ahnte, dass er zumindest einer der Auslöser für den emotionalen Zusammenbruch der Gryffindor war. Ihm gefiel es nicht, wenn Mädchen weinten. Er konnte damit nicht umgehen.
Sofort waren Ginny, Harry und auch Neville und Daphne an ihrer Seite, doch das Mädchen ignorierte sie alle. Sie schluchzte weiter, als heiße Tränen über ihr Gesicht liefen und ihre Finger sich wieder in den Stoff ihres Kleides krallten. Sie riss richtig an dem Stoff, ihre Hände zitterten und ihre Stimme versagte bald bei ihrem Schluchzen.
„Es war eine dumme Idee. Du hattest Recht.", sagte Daphne an Neville gewandt, der miesmutig zu seiner Freundin sah, die sich noch immer nicht rührte, oder reagierte.
Das Schluchzen verstummte, ihr Zittern hörte auf und sie wirkte katatonisch, was umso beunruhigender auf ihre Mitschüler wirkte.
Daphne sah fragend zu Draco hoch, der jedoch auch ganz blass um die Nase geworden war.
„Draco?", sie legte eine Hand auf seinen Oberschenkel.
Er war nicht weggetreten wie Hermione, doch auch er schien sich unwohl zu fühlen. Man sah ihm an, dass ihr Zustand ihn beeinflusste. Es war nicht mehr zu leugnen.
Daphnes Berührung jedoch hatte ausgereicht um ihn zu Hermione herüber sehen zu lassen. Sie sah schrecklich aus und es machte Dinge mit ihm, die er nicht erklären konnte. Es versetzte ihm regelrechte Stiche.
Der Zauber machte seltsame Dinge mit ihnen und er begann so langsam seine eigenen Gedanken und Schlüsse zu formen. Er wusste vor allen Dingen, dass er es hasste, wenn es ihr nicht gut ging. Er fühlte sich unwohl, ihm wurde schlecht … und am schlimmsten war es, wenn sie sich eigentlich gut verstanden und es ihr schlagartig schlecht ging. Nach dem heutigen Morgen waren sie sich nah gewesen, er hatte gespürt wie es ihr ging auch während des Frühstücks und er hatte auch bemerkt, wie er ihre Stimmung beeinflussen konnte mit einfachen Dingen wie einer Berührung. Und jetzt spürte er ihre hoffnungslose Verzweiflung so stark, dass es sich wie seine eigene anfühlte. Vielleicht weil dieses Gefühl so stark in ihr heranwuchs, dass er es nicht ignorieren konnte. Es war wie eine dunkle Wolke, die sich ausbreitete und einen Sturm ankündigte. Und er konnte nur erahnen wie stark er sein würde. Wie stark er sein könnte, wenn er nichts unternahm.
Er blendete alles und jeden aus, als er sich zu ihr herum drehte. Seine Finger umschlossen ihr Handgelenk und er beugte sich etwas zu ihr vor. Es war als wären sie alleine. Alles Andere war in diesem Moment absolut unwichtig. Nur sie zählte.
„Mione … komm zurück. Lass mich nicht wieder alleine.", flüsterte er beinahe zärtlich. Seine rechte Hand fuhr hoch und sein Zeigefinger legte sich unter ihr Kinn um es leicht anzuheben und zu ihm herum zu drehen. Ihr Blick war immer noch abwesend und es war, als würde sie durch ihn durch sehen. So wie an dem Tag, als sie ihm von Weasleys Betrug berichtet hatte. Da hatte sie zuerst auch diesen teilnahmslosen Ausdruck gehabt. Und dann war sie wie eine Naturgewalt explodiert – wie ein Vulkan, der plötzlich ausbrach und alles zu Tage brachte, was tief in ihm steckte.
Er hatte sie damals mit einer Ohrfeige zurück geholt und damit eine Reaktion hervorgerufen. Diesmal konnte er das nicht.
„Ich weiß, dass du sie vermisst. Ich weiß das dieser Tag schwer ist. Aber lass mich nicht alleine. Bitte ...", setzte er fort und sein Daumen strich zärtlich über die Haut ihrer Wange. Die Finger seiner anderen Hand strichen behutsam über ihren Handrücken, was dazu führte, dass zumindest ihre Hände langsam locker ließen. Er konnte sehen, dass etwas ganz tief in ihr zu Arbeiten schien … und er konnte es fühlen. Sie kämpfte dagegen an und das spürte er. Es war einfach für sie sich zurück zu ziehen und nicht mit der Situation konfrontiert zu werden.
„Warum … ich hab doch … wieso ...", stammelte Theo vor sich hin und blickte auf seine Hände hinab, denn er fühlte sich offensichtlich schlecht. Er konnte kaum fassen, was er da sah. Nicht die Tatsache, dass Draco sich so rührend um Hermione kümmerte ließ ihm keine Ruhe. Nein. Die Tatsache, dass Hermione in einem solchen Zustand war, verstand er einfach nicht. Er hatte doch nichts schlimmes gesagt. Er hatte Draco triezen wollen. Mehr nicht.
„Ich glaube … nicht das es wirklich etwas mit dir zu tun hat.", sagte Tracey nach einer ganzen Weile und blickte mitfühlend zu Theo, ehe sie wieder zu Hermione blickte. Sie alle saßen noch immer da und beobachteten die Zwei, als wäre es das Normalste der Welt. Am liebsten würde sie sie alle anschreien und sagen, dass sie gehen sollten … aber sie konnte selbst nicht aufstehen und verschwinden. Sie wollte wissen, ob er sie zurück holen konnte. Sie sorgte sich. Um Beide.
Sie war sich nicht sicher, ob sie alle so dachten. Wahrscheinlich war bei den Meisten die Neugier im Vordergrund vor allem da Draco so offen zeigte, dass etwas zwischen ihnen war. Es befriedigte wahrscheinlich die Sensationsgier in den Meisten von ihnen. Es zerstörte aber auch so einige Hoffnungen – sie sah nur kurz zu Weasley herüber und in seinem Blick konnte sie all die geplatzten Träume sehen. Selbst in Pansys Gesicht konnte sie noch immer sehen, wie sehr es sie traf, dass die Beiden sich so nahe standen, auch wenn das Mädchen sich in letzter Zeit so gut geschlagen hatte. Es war dennoch unverkennbar.
„Wir hätten diesen Geburtstag einfach … vergehen lassen sollen.", murmelte Harry, der sich schuldig fühlte. Ginny hatte einen Arm um ihn gelegt und ihren Kopf an seine Schulter gelehnt.
„Das spielt keine Rolle mehr. Wir können nur hoffen, dass er … es besser machen kann.", sagte ein zutiefst verletzter Ron. Er hatte sie noch nie so gesehen und er hatte sie in so vielen Situationen erlebt.
Es arbeitete in ihr. Je öfter seine Finger über ihre Haut fuhren und je öfter er darum bat, dass sie ihn nicht alleine lassen sollte, umso mehr arbeitete es. Er sah es. Fühlte es. Zum ersten Mal fühlte er den Zauber so deutlich wie jetzt. Sie hatten schon öfter diese Verbindung zu einander aufgebaut – manchmal auch unbewusst – aber jetzt fühlte es sich wie ein wirklicher Zugang zu ihr an. So als wäre er der Einzige, der zu ihr durchdringen konnte.
Das Schlimme war, dass sie ihn immer wieder versuchte abzuwehren. Immer wenn er einen Fortschritt zu machen schien, blockte sie wieder ab und es fühlte sich schrecklich an. Er hasste dieses Gefühl von Machtlosigkeit. Es erinnerte ihn an den Moment, als sie von Bellatrix gequält worden war und er ihr hatte helfen wollen. Er hatte sie gesehen. Weinend auf dem Boden. Sie hatte geschrien. Sie hatte sich gewunden. Er hatte nichts getan. Er war feige gewesen. Er hätte sie retten können. Immer wieder sagte er sich, dass er dann getötet worden wäre – aber sein Herz konnte diese logische Aussage nicht begreifen. Auch vor dem Zauber hatte er ein schlechtes Gewissen ihr gegenüber gehabt. Er hatte sie einfach so leiden lassen. Er hatte es mitansehen müssen. Er war machtlos gewesen. Es hatte sich für ihn noch schlimmer angefühlt, als mitansehen zu müssen wie Dumbledore ermordet wurde.
„Es tut mir Leid. Es tut mir Leid, dass ich dir wieder nicht helfen kann.", flüsterte er leise und seine zweite Hand wanderte zu ihrem Gesicht. „Diesmal lässt du dir nicht helfen. Lass mich dir doch helfen, bitte. Lass mich nicht wieder zusehen wie du …"
Draco brach ab und das Zittern in seiner Stimme ließ sie blinzeln. Und dann beugte er sich vor und hoffte, dass es wie ein Märchen sein würde. Das er sie wiedererwecken konnte indem er sie küsste und alles wäre wieder gut. So war es doch in Muggelmärchen oder etwa nicht?
Seine Lippen lagen auf ihren und zuerst fühlte es sich falsch an, denn sie regte sich noch immer nicht. Doch bald reagierte sie. Sie schloss ihre Augen langsam und das allein ließ Dracos Herz etwas schneller schlagen. Er konnte noch immer ihren Widerstand spüren, doch er schmolz langsam dahin. Wie in einem Märchen – er wollte am liebsten darüber lachen wie klischeehaft es doch war.
Ihre Hände bewegten sich zaghaft und griffen nach seinem Hemd um sich daran fest zu halten, als sie langsam zu sich kam. Er hatte sie zurück geholt, doch damit hatte er auch den Schmerz zurück geholt und wieder flossen heiße Tränen über ihre Wangen.
„Shhh … alles ist gut. Du bist nicht alleine.", flüsterte er und lehnte seine Stirn gegen ihre, doch das Mädchen schüttelte nur ihren Kopf.
„Sie werden es nicht erleben Draco. Nichts davon. Nicht meinen Abschluss. Sie werden nicht dabei sein, wenn ich meinen ersten Job bekomme … wenn ich heirate und Kinder kriege. Sie werden nie mehr dabei sein. Wie soll ich mich da freuen. Ohne sie wäre ich nicht da … und …"
Er zog sie in eine feste Umarmung, denn er wusste nicht, was er ihr darauf antworten sollte. Wie er ihr sagen sollte, dass alles gut war, wenn sie doch ihre Eltern so schrecklich zu vermissen schien. Er hatte auf der falschen Seite gestanden … und er hatte seine noch. Das Leben konnte wirklich schreckliche Scherze machen.
„Du hast Harry. Und Ginevra. Und … Ronald auch. Daphne und Neville. Und das sind noch lange nicht alle. Sie alle ersetzen deine Eltern nicht, aber du bist nicht allein. Ich kenne deine Eltern nicht, aber ich kenne meine. Ich weiß, dass Eltern … wollen das man weiter macht." Er stockte. „Bleib nicht stehen nur weil es schwer ist."
Sie lachte trocken und sah zu ihm hoch. Ihr Blick gefiel ihm nicht.
„Schau mich doch an. Ich bin … ein emotionales Wrack. Ich reagiere ständig über und habe diese Stimmungsschwankungen und … das ist doch nicht normal. Was ist los mit mir?"
„Ist irgendeiner von uns normal? Wir sind alle … wesensverändert. Wir alle sind traumatisiert und gehen auf unsere Weise damit um. Du versuchst es von dir zu schieben und dann irgendwann beginnt dein Kopf zu arbeiten, deine Gedanken rasen und ich kann förmlich spüren wie du dich der Dunkelheit hingibst. Wie du einfach davon getrieben wirst. Wie du dich in dich zurück ziehst und mich von dir schiebst. Aber du kannst mich nicht wegstoßen Mione. Du kannst mich nicht los werden."
„Du wirkst normal auf mich … genauso ein Schnösel wie in den ersten zwei Jahren.", krächzte sie um Abstand zu schaffen. Er durchschaute sie zu sehr. Er drang zu ihr durch und sie wollte das nicht. Sie wollte sich nicht noch verletzlicher ihm gegenüber machen. Er wusste schon zu viel und kannte sie zu gut.
„Glaubst du, dass mich das verärgert?"
Hermione zuckte mit ihren Schultern und er seufzte frustriert.
„Was kümmert es dich eigentlich? Nur weil du … es auch fühlst, wenn ich schlecht drauf bin ..."
„Merlin verdammt, ich will nicht das es dir schlecht geht. Und jetzt hör auf so zu tun, als wüsstest du das nicht."
„Du weißt nicht was du sagst. Da spricht der dumme Zauber aus dir. Es hat dir vorher noch nie etwas ausgemacht mich leiden zu sehen."
Sie schaukelten sich hoch. Hermione wollte ihn nicht an sich ran lassen und er wurde wütend, weil sie ihn so abblockte. Und das nur weil sie glaubte etwas über ihn zu wissen. Oder vielmehr weil sie Angst hatte, dass er ihr weh tun würde.
„Und wie es mir etwas ausmacht. Verdammt noch einmal … es hat mir etwas ausgemacht. Ich habe mich gehasst. Ich konnte dir nicht helfen. Ich hab dich beschützen wollen, aber ich war so verdammt feige. Du warst es nie. Du hast nichts verraten … sie hätte dich töten können und du hast nichts gesagt."
Sein Ausbruch war ehrlich, er war laut und er traf sie. Sie hatten schon mehrfach darüber gesprochen – irgendwie – aber sie hatte ihn noch nie sagen hören, dass er sie hatte beschützen wollen.
Warum?
„Draco ..."
„Verdammt nochmal … du weißt das ich die Wahrheit sage. Du musst es doch fühlen.", die letzten Worte sprach er wieder sanfter aus und ihr Blick wurde dabei weicher. Versöhnlicher.
„Ich hab vorhin etwas vergessen – du hast nicht nur Potter und Wieselette … du hast mich.", seine Finger wanderten und legten sich in ihren Nacken. Ihr Herz machte einen Satz und er konnte spüren wie die Dunkelheit und Wut und Trauer langsam bei Seite geschoben wurde. Er hatte die richtigen Worte gefunden. So wie damals. Er kannte sie wirklich besser als geahnt. In solchen Momenten schien er beinahe automatisch die richtigen Worte zu finden – so als würde die Verbindung zwischen ihnen ihm den Weg leiten.
„Ich bin kein Spielzeug ...", wiederholte sie die Worte, die sie nicht zum ersten Mal zu ihm sagte, doch es klang schwach. Er hatte sie schon längst wieder für sich eingenommen.
„Nein. Das bist du nicht.", flüsterte er gegen ihre Lippen und küsste sie kurz darauf.
Und dann traf es ihn wie einen Blitz. Er konnte fühlen wie ihr Herz schneller schlug und wie sie sich langsam entspannte. Wie sie sich von all den negativen Gedanken befreite und das nur wegen ihm. Es war als würde er es zum ersten Mal wirklich in Betracht ziehen.
Sie liebte ihn wirklich. Sie ließ nur ihn an sich ran – natürlich konnte er das mit der Verbindung erklären, aber man konnte nicht alles auf einen dummen Zauber schieben. Sie war eifersüchtig. Sie gab ihm immer wieder nach. Sie versuchte ihn eifersüchtig zu machen. Sie reagierte auf bestimmte Aussagen auf besonders intensive Art und Weise. Sie war mit ihm nach Malfoy Manor gegangen …
Als er den Kuss löste, sah er sie lange an und wie ihre Wimpern leicht flatterten, ehe sie ihre Augen wieder öffnete. Er sah die Röte auf ihren Wangen. Er sah das leichte, beinahe versteckte Lächeln in ihrem Gesicht. Er sah wie warm ihre Augen wirkten, wenn sie zufrieden zu sein schien. Und da begann er sich zu fragen, ob es wirklich möglich war, dass sie sich in ihn verliebt hatte. Und wenn ja … wann es passiert war.
Und dann war da noch die wichtigste aller Fragen – war er in der Lage ihr nicht das Herz zu brechen? Denn so tief er in diesem Zauber steckte, so sicher war er sich dennoch, dass er sie nicht liebte. Er mochte sie. Sehr. Er konnte sich auch durchaus eingestehen, dass er in der Vergangenheit Interesse an ihr gehabt hatte. Doch verliebt – das war er noch nie gewesen.
Und Hermione Granger würde vielleicht das erste Mädchen werden, welche er tatsächlich mochte und gleichzeitig in seinem Bett haben wollte, aber er war sich sicher, dass das nichts mit Verliebtsein zu tun hatte.
Und dann war da immer wieder dieser pochende Gedanke in seinem Hinterkopf, dass sie sowieso etwas besseres verdient hätte als ihn. Auch wenn ihn dieser Gedanke in den Wahnsinn trieb. Allein die Vorstellung, dass jemand Anderes sie in den Armen halten könnte, trieb ihn an den Rand des Wahnsinns.
„Draco ..."
Er sah in ihre Augen, die ihn amüsiert anblitzten.
„Nun warst du weg.", sagte sie mit diesem neckischen Ton, den sie sonst eigentlich nur hervorholte, wenn sie etwas getrunken hatte.
„Ich habe nachgedacht."
„Überanstreng dich nicht.", grinste das Mädchen schließlich und da schüttelte er all die ernsten Gedanken ab und drückte sie in das Sofa. Und als sie so lachend und quietschend unter ihm lag, weil er sie kitzelte, bemerkte er das Räuspern, Kichern und natürlich auch das Getuschel.
… ihm wurde erst jetzt wieder bewusst, dass sie nicht alleine waren. Und auch Hermione schien es genau in diesem Moment zu bemerken. Sie Beide sahen sich lange an und begannen zu lachen. Sollten die Anderen sie doch für verrückt halten. Vielleicht waren sie das ja auch.
