Kapitel 40:
Ein markerschütterneder Schrei hallte durch ihr Zimmer. Erst als sie aus ihrem Bett aufgeschreckt war, bemerkte sie, dass sie es selbst gewesen war, die geschrien hatte. Ihr Körper zitterte noch immer und sie spürte wie ihr die Tränen über die Wangen liefen. Ein leises Schluchzen entfleuchte ihrem Mund, ehe sie ihren Handrücken gegen diesen presste um sich selbst zum Schweigen zu bringen.
Sie schälte sich aus ihrer Bettdecke, strampelte sie regelrecht von sich und ging in Richtung des großen Fensters. Sie zog die Vorhänge zurück und öffnete dann beide Seiten des Fensters so weit sie nur konnte. Der Schwall kalten Windes ließ sie aufkeuchen, er beruhigte sie aber auch gleichzeitig.
Das Mädchen ließ sich auf die Sitzbank vor dem Fenster gleiten und lehnte sich mit ihrem Rücken gegen das kühle Fensterglas, welches sonst immer nach außen hin gerichtet war. Es kühlte ihren erhitzten, noch immer zitternden Körper ab und sorgte dafür, dass sie wieder klare Gedanken fassen konnte.
Sie hatte schon lange keine Albträume mehr gehabt und jetzt waren sie wieder da. Sie hatte letzte Nacht wie ein Stein geschlafen und sich elend gefühlt. Heute plagten sie Albträume, die sie schon lange vergessen hatte. Sie erinnerte sich nicht an den Traum, aber sie wusste, dass es fürchterlich gewesen sein musste, wenn sie so laut geschrien hatte.
Hermione schlang ihre Arme um ihre Beine und zog diese nahe an ihren Körper. Es gab ihr ein Gefühl von Sicherheit – so als würde sie jemand in den Arm nehmen. Nur für einen Moment.
Sie gab es ungerne zu, aber sie fühlte sich einsam in ihrem Zimmer. In ihrem Bett. In solchen Momenten war sie früher zu Ginny gerannt. Oder zu Ron – zumindest bevor sie sich getrennt hatten. Später hatte sie auch Zuflucht bei Harry gesucht. Und dann war Draco da gewesen und die nächtliche Unruhe war verschwunden.
Sie konnte nicht zu ihm gehen und sich einfach in sein Bett legen. Sie wusste das. Sie wünschte sich aber, dass sie es könnte.
Ein leises Seufzen verließ ihre Lippen, als sie beschloss die Nacht zumindest nicht alleine in ihrem Zimmer zu verbringen.
Hermione zog sich zügig einen kuscheligen Morgenmantel über und verließ ihr Zimmer. Sie brauchte nur zu dem Zimmer gegenüber zu gehen – dort wohnte Daphne immerhin. Sie klopfte nicht einmal, sie drückte einfach so leise es ging die Tür auf und als sie zwei Schritte in das Zimmer machte, stoppte sie. Daphne lag nicht alleine in ihrem Bett und Hermione spürte wie ihre Wangen ganz rot und heiß wurden.
Sie schliefen Beide und somit war es ihr nicht ganz so unangenehm wie es hätte sein können, aber es war ihr dennoch peinlich. Sie wusste gar nicht warum sie davon ausgegangen war, dass Daphne allein sein würde.
Hermione zog zügig die Tür wieder hinter sich zu und atmete tief aus. Der Anblick der zwei Personen in dem Bett hatte sich dennoch in ihr Gedächtnis gebrannt. Sie hätte es nicht sehen sollen, denn um ehrlich zu sein hatte Hermione nicht einmal geahnt, dass gerade Daphne diese Person zu sich ins Bett holen würde. Oder waren sie einfach nur … nebeneinander eingeschlafen? Hermione wollte nicht spekulieren, also schüttelte sie ihren Kopf um die Gedanken los zu werden. Und dann führten ihre Füße sie in eine neue, ganz andere Richtung.
„Granger? Alles okay?"
„Darf ich heute hier bleiben?", fragte das Mädchen schüchtern, als sie sich in das Zimmer geschoben hatte. Sie hatte nicht zu Ginny gehen wollen, denn sie nahm an, dass sie entweder bei Harry war, oder er bei ihr. Es blieb nicht mehr viel Auswahl. Und um ehrlich zu sein, war Pansy nicht gerade ihre letzte, oder gar schlechteste Wahl.
Pansy wirkte etwas verschlafen, aber sie nickte sofort und schlug die Decke bei Seite, so als wolle sie Hermione tatsächlich willkommen heißen. Natürlich verstand Hermione die Geste sofort und ging auf das Bett zu. Sie schlüpfte unter die Decke, behielt aber etwas Abstand zu dem Slytherin Mädchen. Sie wollte ihr nicht zu Nahe treten.
„Willst du drüber reden?", fragte Pansy nach einer ganzen Weile.
„Willst du es dir wirklich anhören?"
Pansy lächelte in die Dunkelheit hinein. Sie hatte Recht, sie würde es sich wohl wirklich nicht unbedingt gerne anhören. Sie würde es aber tun. Sie verstand das Mädchen auf eine Art und Weise immerhin. Sie hatte über die Tage hinweg gesehen, wie nah sich die Zwei gekommen waren und sie konnte definitiv nachvollziehen wie es war, wenn man an einem Malfoy hing. Und ihn vermisste.
„Warum bist du nicht zu ihm gegangen?", fragte Pansy stattdessen und betrachtete das Mädchen im Dunkeln. Sie konnte ihre Gesichtszüge nicht sehen, also auch nicht ob sie überrascht war, oder sogar rot wurde. Sie konnte nur ahnen was sich in ihrem Gesicht abspielte – und in ihrem Kopf.
„Ich kann doch nicht immer zu ihm rennen, wenn ich Albträume hab. Ich … wir sind getrennt von einander. Wir sollten uns darüber freuen. Oder nicht?", Hermione hatte sich in die Decke gekrallt, doch es half ihr auch nicht. Sie war emotional aufgewühlt und das Gespräch … es machte es nicht besser. Sie hätte doch zu jemand Anderem gehen sollen. Zu jemandem, der keine Fragen stellte.
Goyle.
Er war wohl auch die einzige Person, die ihr einfiel.
„Du glaubst, dass man das von euch erwartet oder?"
Hermione antwortete nicht einmal. Sie wüsste auch nicht, was sie dazu sagen sollte.
„Ist ja auch egal. Schlaf etwas, wir haben noch drei Stunden Zeit. Und du solltest zumindest eine Mütze voll Schlaf bekommen. Genau wie ich.", sagte Pansy nach einer ganzen Weile des Schweigens.
„Danke."
„Nicht dafür."
„Was meinst du damit, sie war nicht in ihrem Bett?"
Draco zuckte mit den Schultern und packte seine Sachen zusammen. Er hatte auf Theo gehört und war zum Unterricht gegangen. Zu allen Stunden. Er hatte mit Blaise und Theo in der hintersten Reihe gesessen – in jeder Stunde – und die Professoren ignoriert. Als Blaise es in der letzten Stunde dann nicht mehr aushielt und ihn fragte, was für eine Laus ihm über die Leber gelaufen sei, sprudelte es nur so aus ihm heraus.
„Wie ich schon sagte, ich wollte heute Morgen nach ihr sehen. Ich dachte … wir könnten zusammen zum Frühstück gehen. Und da war sie nicht da. Ihr Bett war zerwühlt und das Fenster weit offen."
„Und du schließt daraus?"
„Nichts. Ich sage nur, dass ich es seltsam finde."
Blaise sah zu Theo herüber, doch dieser schüttelte nur seinen Kopf und zuckte mit den Schultern, so als wüsste er selbst nicht, was er dazu sagen sollte.
„Frag sie doch wo sie war."
Draco rollte seine Augen so heftig, dass ihm kurz schwindelig wurde.
„Ja um wie ein irrer, eifersüchtiger Idiot zu klingen. Klar doch. Super Idee Blaise, warum höre ich bloß nie auf deine genialen Ratschläge?"
„Dein Sarkasmus ist zum schießen, aber jetzt mal im ernst – warum sprecht ihr nicht einfach miteinander? Du wolltest das ja offenbar, es hat sich doch nichts geändert, außer das sie nicht in ihrem Zimmer war."
„Vielleicht ist unser guter Draco ja jetzt abergläubisch geworden und denkt sich, dass es ein Zeichen ist – dafür das sie nicht reden sollen.", grinste Theo und hoffte, dass er Draco damit etwas reizen konnte. Draco wirkte auch gereizt, doch er schnappte nicht zu. Es war als würde ihm dazu die Kraft fehlen.
„Ich … geh jetzt noch etwas fliegen. Wir sehen uns später.", sagte er lediglich und verschwand. Er ließ seine Freunde zurück, die ihm noch eine Weile absolut verwirrt nachsahen.
„Hey Mione.", grüßte Ginny sie fröhlich und setzte sich neben ihre beste Freundin.
„Du hast ja gute Laune.", bemerkte die Brünette und drehte ihr Gesicht zu dem Rotschopf herum, die wirklich mehr als gut gelaunt aussah. Es war schon beinahe auffällig.
„Was ist passiert?"
„Nichts. Was soll schon passiert sein?", entgegnete die Weasley lediglich und streckte ihre Arme weit von ihrem Körper, ehe sie sich rücklings ins Gras fallen ließ.
„Was treibt dich eigentlich nach draußen?"
„Ich dachte, dass ich auch einmal draußen lernen könnte. Solange wie die Tage schön sind zumindest.", gab Hermione zu und starrte in den Himmel hoch. Er war wolkenlos und die Sonne streichelte ihre Haut auf angenehme Art und Weise. Es war nicht wirklich warm, aber es war auch keineswegs kalt. Mit einem Sweatshirt über ihrer Bluse war es definitiv erträglich.
„Wo wir zwei übrigens gerade Mal alleine sind … du wirst nicht glauben wer sich an mich ranschmeißt.", begann Ginny dann sofort und stützte sich auf ihren Unterarmen ab. Es war so, als wäre sie nie weg gewesen und Hermione freute sich darüber. Sie freute sich, dass sie wieder so einfach anknüpfen konnten – so als wären sie nie von einander getrennt worden.
„Lass mich raten – Zabini."
„Woher weißt du das?", fragte Ginny überrascht und starrte die Brünette mit offenem Mund an.
„Weil er ein Frauenheld ist und scheinbar gerne mit dem Feuer spielt. Damit will ich nicht sagen, dass er es nicht ernst meinen könnte – aber ich finde es … einfach nur nicht erstaunlich, wenn du verstehst wie ich das meine."
„Spielt ja auch keine Rolle wie er es meint. Ich hab Harry. Und ich bin sehr glücklich mit ihm.", sagte die Rothaarige trotzig und reckte ihr Kinn in die Luft.
„Aber es ist schon schön oder? Wenn einem jemand seine Aufmerksamkeit schenkt, nicht wahr? Ich meine nach einer Weile fühlt es sich doch nicht mehr so prickelnd an, es ist normal geworden. Und da beginnt man … naja sich weniger zu bemühen. Und wenn dann jemand da ist, der einem plötzlich wieder dieses Gefühl gibt – so als wäre man begehrenswert ...", Hermione lächelte leicht.
„Von wem sprichst du denn jetzt gerade? Du kannst mir nicht sagen, dass es zwischen dir und Malfoy schon so abgeflacht ist – ihr habt ja nicht wirklich lange aneinander gehangen."
Hermione spürte wie ihre Wangen zu glühen begannen.
„Nein nein … so meine ich das nicht. Ich meine …", Hermiones Stimme zitterte leicht. „Es war sehr prickelnd mit Draco. Du kannst es dir gar nicht vorstellen Gin. Ich glaube es war … das wohl seltsamste Erlebnis in meinem Leben. Er hat mir gut getan. Aber er hat mich auch auf die Palme gebracht und das übelste in mir zum Vorschein gebracht. Es war als würde … er neue Seiten in mir wecken, mich ständig herausfordern … als würde es mich verschlingen. Die Sache mit ihm war nie langweilig oder öde. Es war anstrengend und kräftezehrend. Es war leidenschaftlich und … spontan. Es war widersprüchlich und absolut seltsam. Und manchmal … da war es atemberaubend. Es hat mir die Sprache verschlagen.", Hermione lächelte wehmütig, als sie an so manche Situationen zurück dachte in denen Draco sie tatsächlich überrascht hatte. Sie dachte an das Collier, oder an ihren ersten Rundflug. An seine Hände in ihrem Nacken. Sie dachte daran wie er sie in ihrer ersten Nacht aus einem Albtraum geweckt hatte, oder wie er sie beruhigt hatte, als sie ihren Nervenzusammenbruch gehabt hatte – ob nun an ihrem Geburtstag oder an dem einen Tag wegen Ron.
„Weiß er es eigentlich?"
Hermione ließ sich nach hinten fallen. Sie starrte in den Himmel, schützte dabei ihre Augen mit ihrem Arm vor der direkten Sonneneinstrahlung.
„ich glaube schon. Ich habe es ihm gesagt, aber er dachte … es wäre wegen dem Zauber. Ich glaube … irgendwo tief in seinem Kopf ist der Gedanke verankert, dass keiner ihn wirklich lieben könnte. Er ist egozentrisch, zynisch, egoistisch, arrogant, überheblich und kein wenig feinfühlig. Er macht sich ständig über einen lustig, treibt mich in den Wahnsinn mit seinen Anzüglichkeiten und …" Hermione lächelte leicht und drehte ihren Kopf, so dass sie Ginny ansehen konnte. „Das weiß er alles. Er weiß nur nicht, dass man über all das hinwegsehen kann."
„Das du darüber hinwegsehen kannst, meinst du wohl.", erwiderte Ginny lediglich.
„Weil er noch so viel mehr ist Gin. Er ist liebevoll, und zärtlich. Er ist leidenschaftlich und klug. Er ist begabt, wenn er es nur mehr zeigen würde. Er hat Sinn für Familie. Und … er ist aufmerksam."
„Klingt nicht nach dem Malfoy, den ich kenne.", kommentierte die Weasley, lächelte aber. „Sag es ihm. Sei mutig und mach den ersten Schritt."
Hermione atmete tief durch, nickte aber leicht. Sie wusste immerhin das Ginny recht hatte.
„Was glaubst du, mit wem hatte sie ihr Date?"
„Pans – du bist zu neugierig. Warte doch einfach ab. Daph wird es uns schon sagen, wenn es ihr ernst ist."
Pansy seufzte und ließ ihr Gesicht in ihre Hände sinken. Sie war müde von dem Tag. Und sie war neugierig. Und sie war noch so einiges mehr.
„Was mich mehr nervt ist, dass sie wen hat und ich jeden Abend alleine ins Bett steige. Naja bis auf diese Nacht."
„Wen hattest du denn in deinem Bett huh?", fragte Theo grinsend. Tracey stieß ihn mit ihrem Ellenbogen an, doch er lachte nur.
„Ach … es war sowieso nicht so wie ihr denkt. Granger kam in der Nacht zu mir. Sie … konnte wohl nicht schlafen."
„Da kommt sie zu dir?"
Pansy zuckte mit den Schultern. Sie bemerkte nicht einmal wie ernst Theos Gesichtsausdruck geworden war.
„Also … wollen wir Wetten abschließen? Ich bin für Weasley. Die zwei hatten schon ihre Kuschel Session hier auf der Couch, ich wette sie führen diese fort."
Tracey rollte ihre Augen und Theo verzog sein Gesicht.
„Pans – wirklich ich glaube wohl kaum das Daph mit Wiesel ausgeht."
„Wieso nicht? Gryffindor scheint jetzt bei uns Schlangen in zu sein. Schau dir Trace an. Und Draco. Theo du musst dich dann wohl an Thomas oder Finnigan ranwerfen, denn weibliches Material ist nicht mehr vorhanden.", trietzte die Dunkelhaarige ihren Freund, worauf er sie in die Seite knuffte.
„Alberne Kuh.", grinste er nur, worauf sie ihm spielerisch auf den Oberarm schlug.
„Weißt du was … nimm Thomas, ich nehm Finnigan.", sagte sie schließlich und darauf musste sogar Tracey lachen.
Er erkannte das Klopfen sofort. Es war seltsam, immerhin hatte sie noch nie bei ihm angeklopft. Er drehte sich zur Tür herum und da stand sie. Sie lehnte sich gegen den Türrahmen und sah ihn an. Schüchtern. Zurückhaltend.
„Darf ich rein kommen?"
Er nickte nur und erhob sich von seinem Platz am Schreibtisch. Er bewegte sich auf sein Bett zu und nahm auf der Bettkante platz, während Hermione die Tür zumachte und sich gegen diese lehnte. So als würde sie sich nicht trauen zu ihm herüber zu gehen. Seltsam. Es war alles so bizarr.
„Wir sollten reden."
„Über was?"
Er könnte sich selbst ohrfeigen für seine kühle, beinahe abweisende Antwort. Sie hatte sich überwunden und war zu ihm gekommen und er redete so mit ihr.
Doch sie zeigte sich nicht wirklich beeindruckt. Im Gegenteil er konnte wieder dieses mutige, feurige Funkeln in ihren Augen sehen.
„Über uns.", sagte sie nur und machte einige Schritte auf ihn zu um die Entfernung zu überwinden. Sie kniete sich vor ihn auf den Boden und das alleine verwirrte ihn. Er blickte irritiert auf sie herab, als sie seine Hände ergriff und zu ihm aufsah. Wäre es eine weniger ernste Situation, dann würde er einen Witz darüber reißen, dass sie es wohl nicht erwarten konnte vor ihm zu knien – oder dass sie vorher seine Hose schon öffnen müsse. Doch er konnte es nicht. Nicht jetzt.
„Mir ist es egal … ob du mir glaubst oder nicht. Und es ist mir auch egal, ob du ähnlich für mich empfindest Draco. Ich will dich nur nicht … einfach so gehen lassen.", begann sie langsam und mit jedem Wort wurde ihre Stimme weicher, zärtlicher und ihre Finger strichen dabei über seine Handrücken.
„Ich weiß es ist albern, aber ich vermisse dich jetzt schon. Ich kann ohne dich nicht einmal wirklich schlafen.", gestand sie ihm und ihre Wangen färbten sich rot. Es war ihr irgendwie unangenehm, aber andererseits wollte sie mutig sein und ihm ihr Herz ausschütten.
Es war das angsteinflößendste was sie jemals getan hatte. Nicht einmal der Krieg hatte sie so verängstigt, denn da war der Tod die Option. Der Tod war endgültig und sie fürchtete sich nicht davor. Schon lange nicht mehr. Sie hätte ihr Leben gerne für die Sache geopfert.
Das hier war anders. Sie schüttete einem Jungen ihr Herz aus, gestand ihm wie wichtig er ihr war und das sie ihn brauchte – und sie musste leider befürchten, dass er ihr Herz brechen würde. Ob jetzt oder später war nicht klar, aber die Option war offen und sie fürchtete sich davor. Sich jemandem so zu offenbaren war als würde man sich all seiner Kleider entledigen. All seiner Masken und Schutzwälle, die man im Laufe der Jahre aufgebaut und angezogen hatte. Man war plötzlich splitterfasernackt und war schutzlos ausgeliefert und dieses Gefühl war das beängtsigendste, aber auch das befreindste, welches sie je verspürt hatte.
„Wo warst du letzte Nacht?"
Hermione sah ihn mit erstaunten Augen an. Sie hatte nicht mit dieser Frage gerechnet. Sie kam so plötzlich.
„Bei Pansy. Ich konnte nicht schlafen. Ich … konnte nicht zu dir.", gab sie zu und biss sich auf ihre Unterlippe.
„Wieso nicht?"
„Ich hatte Angst. Ich dachte du würdest mich nicht sehen wollen. Ich dachte … naja das ich mich albern verhalte. Aber jetzt ist es mir egal. Ich bin eine Gryffindor oder? Dann sollte ich auch mutig sein. Und das kostet mich all meinen Mut."
„Zu mir zu kommen?"
„Ehrlich zu sein. Zu dir und zu mir. Ich will mit dir zusammen sein.", sprach sie endlich aus was in ihrem Kopf umherschwirrte.
„Exklusiv nehme ich an?"
Hermiones Magen drehte sich bei der Frage um. Es war als würden all ihre Befürchtungen wahr werden. Sie schluckte, nickte dann aber. Sie wusste nicht ob sie etwas anderes verkraften würde. Sie würde lieber mit der Zurückweisung leben als ihn zu teilen … oder?
Sie rechnete damit, dass er sie auslachen würde. Sie wusste nicht wieso sie noch immer glaubte, dass seine grausame Seite zu Tage kommen würde, doch es ging ihr einfach nicht aus dem Kopf. Sie konnte diese Gedanken einfach nicht vollständig verbannen und sich davon befreien.
Umso erstaunter war sie, als er zu ihr auf den Boden glitt. Er kreuzte seine Finger mit ihren und ehe sie noch etwas sagen konnte, presste er seine Lippen fest auf ihre. Es war als würden Millionen von kleinen und großen Feuerwerkskörpern in ihrem Inneren explodieren und alles in ihr zum Leuchten und Funkeln bringen.
„Oh sorry, ich hab dich nicht gesehen … weinst du?"
Das Mädchen wischte über ihre Wangen, fuhr mit ihren Fingern rasch durch ihre Haare und drehte sich dann zu Theo herum, der sie angerempelt hatte. Versehentlich.
„Nein nein, alles okay. Ich hätte nicht hier am Eingang stehen bleiben sollen.", winkte Lisa sofort ab und versuchte sich die Enttäuschung nicht anmerken zu lassen, die sie verspürte.
„Hey – ich seh doch, das du geweint hast." So einfach würde Theo sich nicht abwimmeln lassen. Schon gar nicht von Lisa. Sie hatte ihm auch schon geholfen. Außerdem mochte er sie. Noch immer.
„Es ist wirklich nichts. Ich hab hier … gewartet. Ich hatte gehofft das … aber ist schon gut."
„Du hattest Streit mit Boot.", schlussfolgerte er schließlich und das Mädchen sah betreten zu Boden. Sie hatte nichts darüber sagen wollen, denn sie wusste ja noch, was Theo ihr gesagt hatte. Er mochte sie und sie wollte ihm nicht weh tun.
„Ja. Aber es ist wirklich in Ordnung. Ich warte hier. Geh ruhig wieder rein.", sagte sie nur und verschränkte ihre Arme vor der Brust. Nicht um Abstand zu schaffen, sondern weil ihr langsam kalt wurde.
„Kein Kerl der Welt ist es wert, dass du hier auf ihn wartest und halb erfrierst Turpin. Komm wir gehen dich aufwärmen. In der Küche kriegen wir sicher noch etwas heißes zu Trinken und dann kannst du mir ja erzählen was los ist … oder auch nicht.", schlug Theo vor und zu seinem Erstaunen stieß sie sich sogar von der Wand ab. Vielleicht war ihr auch einfach klar, dass er ebenfalls nicht nachgeben würde. So wie sie damals.
„Also?"
„Wir haben uns eigentlich wegen etwas absolut albernem in die Haare bekommen.", gab das Mädchen zu. Sie starrte in die heiße Schokolade, während sie darüber nachdachte. Es war wirklich albern, aber sie hatten so lange diskutiert – bis sie laut geworden waren und dann war Terry gegangen. Sie wusste immer noch nicht genau wie das hatte passieren können.
„Offensichtlich war es aber wichtig genug um daraus einen Streit zu machen.", sagte er nur und nippte an seinem Tee.
„Wir haben darüber gesprochen … naja wie viele andere Menschen wir schon … in unserem Leben hatten. Also Beziehungstechnisch. Aber nicht nur. Eigentlich … ging es um alles. Terry hat wohl angenommen, dass ich … als keusche Jungfrau gelebt hätte bis zu diesem Zeitpunkt. Dabei lebten wir sogar im selben Haus. Und nachdem ich ihm gesagt hab, dass ich mehr als fünf andere Menschen vor ihm geküsst habe – da ist er aufgesprungen als hätte ihn etwas gestochen.", berichtete das Mädchen nach einigem Zögern. Sie ahnte, dass es für Theo nicht weiter von Belang wäre. Slytherins waren deutlich offener, lockerer. Sie schienen keinerlei Probleme mit Offenheit zu haben. Und Gleichberechtigung im sexuellen Sinne.
„Ganz schön … altmodisch von ihm auszugehen, dass du ein kleines Mauerblümchen bist."
„Das schlimmste ist einfach … ich weiß nicht wie er darauf kommt. Ich meine … wirke ich so auf dich? Ich will damit nicht sagen, dass ich … naja … aber ich glaube schon, dass ich durchaus offen wirke, oder?"
„Darauf gibt es keine richtige Antwort, also spare ich mir meine. Was wichtiger ist … was glaubst du passiert jetzt?"
„Ich weiß es nicht. Ich weiß nur, dass es albern von ihm ist deswegen sauer zu sein. Es ist ja nicht so als … wäre es etwas schlimmes. Jeder muss doch für sich entscheiden wie er leben möchte, was er braucht ..."
„Und du hast auf ihn gewartet um ihm das zu sagen?"
Lisa zuckte mit ihren Schultern. Sie nippte an der heißen Schokolade und leckte dann über ihre Lippe. Nachdenklich.
„Ich bin nicht fair zu dir. Du hörst dir das hier an … dabei ...", Lisa stoppte und sah zu Theo herüber, der sie schon beinahe traurig anlächelte. Es brach ihr das Herz. Sie mochte ihn. Sie mochte ihn sehr und genau das war das Problem. Sie hätte Theo gerne eine Chance gegeben, doch er war zu spät da gewesen. Und sie wollte nichts zerstören, was gut laufen könnte … nur um eine Fantasie auszuleben, die scheitern könnte. Aber verpasste sie damit nicht vielleicht auch etwas?
„Ich hab es dir angeboten oder?"
„Du scheinst darauf zu stehen dich selbst zu quälen, was?"
„Oh wenn du wüsstest worauf ich alles stehe.", sagte Theo schneller als er denken konnte. Er grummelte als er es bemerkte, doch sie schenkte ihm tatsächlich ein Lächeln. Sie war nicht wütend und das erstaunte ihn.
„Danke.", sagte sie stattdessen nur und er nickte.
Sie tranken ihre Getränke und schwiegen … aber im Gegensatz zu dem peinlichen, beinahe unerträglichem Schweigen … war dieses Schweigen angenehm. Schon beinahe friedlich.
