Kapitel 3
Das Haus von Geoff und Anne war groß. Sein Schatten fiel über die lange steinige Auffahrt. Weiße Fensterläden und blass rote Klinker an der Fassade gaben dem Haus eine sanfte und einfache Schönheit, während fachmännisch geschnitzte Einzelheiten das Dach abrundeten. Die perfekt gepflegte Umgebung erinnerte Kate erneut an den hohen Wert solcher Häuser.
Die Menschen, die hier lebten, hatten hohe Standards.
Trotz ihrer subtilen Ablehnung für solche geplanten Gemeinden wie diese, konnte sie nicht anders und musste die hübschen Häuser und deren ausgetüftelten Sonderanfertigungen bewundern. Neben ihr musste Castle scheinbar ihre Bewunderung bemerkt haben. Bevor der Wagen anhielt löste er bereits den Gurt. Er rutschte über die Bank des Rücksitzes und eine Hand stützte sich auf ihren Oberschenkel als er sich zu ihr hinüber lehnte. Um zu vermeiden, dass Susan und Howard ihrem Gespräch folgen konnten, flüsterte er ihr ins Ohr.
„Magst du es?", fragte er und unterstrich seine Frage mit einem Lächeln.
Ihr Blick blieb an Geoffs und Annes Zuhause hängen und sie antwortete ohne Zögern. „Es ist einfach schön."
Sein Händedruck auf ihrem Oberschenkel wurde fester bei ihren Worten und drängte sie dazu ihn anzuschauen und nicht aus dem Fenster zu gucken. Sie sah die Ehrlichkeit in seinem Blick, die Sicherheit, die hinter dem Glanz seiner Liebe für sie verborgen war, als er sie anschaute. Sein Lächeln wurde nicht weniger, als er ernst ein Versprechen in die Stille sprach.
„Wir könnten es machen", sagte er. „In einen Vorort ziehen, zu einem Örtchen wie diesem hier, wo wir ein eigenes Haus haben, einen Garten für das Baby, wo er oder sie aufwächst. Wir könnten auch ein Haustier oder…"
„Castle", unterbrach sie ihn. „Wir haben schon ein eigenes Haus. Mit Garten. In den Hamptons." Sie strich mit ihrer Hand lächelnd über seine Wange. „Und wir könnten ein Haustier auch in der Stadt haben. Es sei denn, du möchtest in einen Vorort ziehen."
Sie schaute zu, wie sein Lächeln breiter wurde und fühlte das leichte Kopfschütteln in ihrer Handfläche als seine Antwort. „Du weißt, dass ich das Loft und die Stadt liebe. Und ich habe es geliebt Alexis in New York aufzuziehen. Aber ich dachte du möchtest evtl. eine Änderung… nun, da sich die Dinge ändern", sagte er.
Mit der Hand immer noch auf seiner Wange, lehnte sie sich herüber und küsste ihn zärtlich. Ihr Babybauch drückte sich währenddessen leicht gegen seinen Magen. Seine eigene Hand landete an ihrer Taille und fühlte genau über den Punkt, wo die leichte Rundung ihres Bauches begann.
Sie lächelte ihn an während sie sich zurück lehnte. „Nur, weil sich eine Sache ändert, heißt das nicht, dass alles sich ändern muss", versprach sie. „Im Augenblick und so lange du glücklich bist, denke ich, ist es in Ordnung mit dem Loft und dem Haus in den Hamptons."
„Oh, ich bin auf jeden Fall glücklich, Kate", sagte er.
Das war der Augenblick, in dem sie eine Bewegung auf dem Vordersitz wahrnahmen und Susan blickte über ihre Schulter und lächelte sie an. „Wie süß", schwärmte sie. „Sind Sie bereit, meine Lieben?"
Susan drehte sich wieder weg und zu ihrem Mann auf dem Fahrersitz. „Howard, sei ein Lamm und mache die Tür für Kate auf?"
Geoff und Anne waren ein nettes Paar, herzlich, liebevoll und sie schwärmten füreinander und für ihre Gäste über die gesamte Zeit ihres Besuches. Sie erklärten Geoffs schlechter werdenden Gesundheitszustand und die Erkenntnis, die daraus entstanden war, dass sie ihr Zuhause verlassen mussten. Aber sie erläuterten auch die Vorteile und die Freude in so einer Gemeinde zu leben und waren traurig, diese verlassen zu müssen. Und sie verbrachten eine Menge Zeit damit, Kate und Rick über ihr Leben, ihre Arbeit und ihre Beziehung zu befragen. Sie gratulierten zum kommenden Nachwuchs und erzählten Geschichten ihrer nun schon erwachsenen Kinder.
Nachdem Geoff die Runde unter Entschuldigungen für seinen Mittagsschlaf verließ und sich das Gespräch zu einem Gespräch mit Frauenthemen entwickelt hatte, zogen sich Castle und Howard an das andere Ende des Raumes zurück. Aber auch Howard musste gehen um einen Anruf aus Tokio entgegen zu nehmen und so blieb Castle alleine zurück.
Nach einem Moment stand er auf, schlüpfte nach draußen und ging den Weg hinunter, der sie zur Auffahrt geführt hatte. Er beabsichtigte auf seinem Telefon, das er im Wagen gelassen hatte, nach Neuigkeiten zum Fall zu schauen. Gerade als er den Wagen erreichte und bevor er überhaupt schauen konnte, ob der Wagen offen war, sprach ihn jemand von hinten an.
Er drehte sich um, um zu sehen, wer es war und sah Jacqui mit einem Sonnenhut auf dem Kopf in ihrem Vorgarten stehen. Sie hatte eine Gießkanne zu ihren Füßen stehen und leuchtende rosa Handschuhe zogen seine Aufmerksamkeit zu ihren Händen. Dann verstand er, dass sie sich gerade um den Teil ihres Gartens kümmerte, in dem Rosen blühten.
„Hatten Sie die Möglichkeit das Haus zu sehen?", fragte sie.
Er schluckte, trat aber näher. Wenn er seine Karten richtig ausspielte, konnte er vielleicht das Gespräch zu seinem Vorteil nutzen und eine neue Spur im Fall entdecken. Er setzte sein charmantes Lächeln auf. Das gleiche Lächeln, das er auch auf Buchpremieren und Signierstunden anbot.
„Das haben wir", erzählte er ihr. „Es ist ein schönes Zuhause, aber ich denke, Kate ist noch leicht hin- und hergerissen bezüglich der Nachbarschaft. Wissen Sie, wir sind beide in der Stadt aufgewachsen und ich glaube nicht, dass einer von uns weiß, was er von hier zu erwarten hätte."
Jacqui lächelte zurück. Sie machte eine Show daraus, sich die Handschuhe auszuziehen und lief vorsichtig über das Stück Rasen zwischen ihnen. „Wenn Sie über die Menschen hier reden, ich persönlich finde sie wundervoll."
„Tun Sie das?", fragte er „Darf ich fragen, wieso?"
Ihr Grinsen wurde breiter und sie blickte zu den Häuserreihen, die sie umgaben. „Jeder hier ist nett und sehr höflich. Die meisten haben sogar eine Menge Gemeinsamkeiten und so ist es sehr leicht Freunde zu finden", erklärte sie. „Ich bin sicher, dass Sie und Ihre Frau perfekt zu uns passen würden."
Er nickte bedächtig und drehte sich dann wieder zu ihr um. „So kann ich also davon ausgehen, dass es keine… Skandale hier gibt?"
Jacqui schaute ihn kurz mit großen Augen an. „Skandale?", fragte sie. „So etwas wie Affären?"
Er musste die Worte, die aus ihm rauswollten, zurückhalten, da er sonst über die wahren Gründe ihrer Anwesenheit zu viel verraten hätte. „Sowas ähnliches", antwortete er stattdessen.
Ihre Augen blieben groß, während sich ihre Blicke kurz trafen, um dann über seinen ganzen Körper hinabzugleiten. Er sah die Erkenntnis in ihren Augen aufflackern, während ein strahlendes Lächeln sich auf ihrem Gesicht breit machte und sie dicht an ihn heran trat. Etwas zu dicht.
Er hätte protestiert, wenn ihre nächsten Worte nicht Hoffnung für eine Spur in dem Mordfall gegeben hätten:
„Oh, ich sehe, was Sie möchten", sagte sie. „Gut Rick, wenn Sie mich im Untergeschoss des Country Clubs heute Nacht alleine treffen wollen, könnte ich Ihnen genau das geben."
Sein Mund öffnete sich um zu antworten, als das Öffnen einer Tür zu ihnen hinüber schallte. Er blickte zu Kate und Susan, die sich gerade von Anne verabschiedeten. Er sah, dass Anne zart eine Hand auf Kates Babybauch legte, bevor sie sich abwandte. Die Worte, die sie dabei sprach waren zu leise, als dass er es hätte hören können über die Entfernung, sie ließen Kate aber lächeln, als sie sich in seine Richtung drehte.
Er drehte sich schnell wieder zu Jacqui und bemerkte, dass sie einen Schritt zurückgegangen war und so wieder einen respektablen Abstand zwischen ihnen hergestellt hatte. „Okay", stimmte er zu. „Wir sehen uns dann."
In diesem Augenblick erreichten Kate und Susan die beiden und grüßten Jacqui. Kate warf nur einen kurzen Blick in seine Richtung, war aber dann sofort wieder in ihrer Rolle.
Als sie zurück kamen boten Susan und Howard ihnen an, etwas Zeit für sich zu verbringen. Es brauchte nur einen Augenblick, bevor Kate über ihren Babybauch strich und ankündigte, dass sie auch einen kurzen Mittagsschlaf benötigte. Sie lud Castle ein ihr zu folgen und gab ihnen damit die perfekte Möglichkeit für ein Gespräch.
Natürlich stimmte er zu und folgte ihr die Treppe hinauf. Eine Hand lag auf ihrem Rücken, während er ihr einen zärtlichen Kuss auf die Wange gab.
„Werden wir wirklich Mittagsschlaf halten?", murmelte er.
Sie drehte sich ihm zu und ihr Blick glitt unter ihren Wimpern und mit einer temperamentvollen Dunkelheit in ihren Pupillen von seinen Lippen zu seinen Augen, als sie sprach. „Vielleicht, wenn du deine Karten richtig ausspielst."
Er stöhnte und dämpfte es gegen ihr Haar als sie ihn ins Schlafzimmer führte, das Susan und Howard für sie hergerichtet hatten. Und gleich nachdem sich die Tür hinter ihnen geschlossen hatte, entzog sie sich seinem Griff und schaute ihn ernst und mit Neugier an.
Zurück im Detektiv-Modus, bemerkte er.
„Was hatte Jacqui zu sagen?", fragte sie.
Er lächelte und hörte seine eigene Aufregung in der Stimme als er antwortete. „Sie stimmte einem Treffen mit mir zu, um zu reden. Heute Nacht im Untergeschoss des Country Clubs."
Kate lächelte daraufhin und kreuzte ihre Arme vor der Brust, als sie zufrieden lächelte. „Das ist prima", sagte sie. „Wir können sie zum Fall befragen, ihre Reaktionen sehen…" Sie hielt inne, als sie sein Ansetzen zu einem Einwurf und sein Zusammenzucken bemerkte. „Was ist?"
„Sie hat einem Treffen mit mir zugestimmt", wiederholte er. „Alleine."
„Castle, du kannst sie nicht alleine treffen."
„Warum nicht?"
Sie seufzte und trat näher an ihn heran. Und anstatt nach ihm zu greifen, landeten ihre Hände beschützend auf ihrem Bauch. Er hatte bemerkt, dass sie das nun immer tat, wenn sie sich Sorgen machte. „Weil sie unsere geheimnisvolle Frau oder der Mörder sein könnte. Du kannst nicht einfach in einen Keller gehen und dich mit einer Frau treffen, die du kaum kennst." Sie unterbrach sich und kam mit sorgenvollem Blick noch näher heran. „Was ist, wenn sie versucht, dich umzubringen?"
Ihr Blick fiel gezielt auf ihren Babybauch. „Dann möchte ich dich erst recht nicht dort haben wollen" antwortete er. „Aber du weißt, wo ich bin und ich habe mein Handy bei mir und habe schon schlimmeres durchgemacht. Kate, ich kann das."
„Du hast keine Ahnung von dem, was sie will oder was sie denkt", setzte sie entgegen.
Er lächelte und hoffte, dass sie das etwas beruhigen würde. „Ich versuche nur ein paar Fragen zu stellen und Informationen über den Fall zu erhalten. Sie schien bereit Informationen zu teilen", erklärte er. „Ich glaube wirklich nicht, dass sie eine Mörderin ist, Kate. Ihr Ehemann ist reich, welchen Nutzen sollte Andys Kreditkarte für sie gehabt haben?" Er hielt inne, während sie ihn weiter anstarrte. „Ich verspreche dir, wir werden nur reden."
Sie zögerte, sagte aber kein Wort, als sich sein Arm um ihre Taille legte und er sie an sich zog, um sie sicher in seine Arme zu schließen. Er gab ihr einen Kuss und versuchte so sie zu beruhigen.
„Es wird alles klar gehen."
Und zuletzt sank sie seufzend gegen seine Brust. „Okay. Du kannst gehen."
Während Ryan das Leichenschauhaus betrat, blickte er auf das Telefon in seiner Hand, auf dem das Display mit einer Nachricht von Beckett aufgeleuchtet war. Er steckte es in seine Tasche zurück, als er Lanie bemerkte, die über dem Leichnam des Opfers gebeugt war. Als die Tür hinter ihm zufiel, schaute Lanie auf.
„Du hast etwas für mich?", fragte er.
Er beobachtete, wie Lanie sich von ihrer Arbeit abwandte, sich ihre Handschuhe auszog und sie in einen daneben stehenden Mülleimer warf.
„Jap", sagte sie. „Die Todesursache deines Opfers."
„Vergiftung?"
Lanie rollte lachend mit ihren Augen, als sie um den Tisch herum kam. Sie lehnte sich an ihren Schreibtisch, nahm ein Formular von der Oberfläche und hielt dieses ihm hin. Er nahm es und starrte auf eine Vielzahl von irritierenden Namen, Zahlen und chemischen Formeln.
„Wie lange bist du nochmal ein Detective?" scherzte Lanie. „Ich weiß, mit was er vergiftet wurde."
Ryan schaute zu ihr auf. „Und?"
„Zyanid."
Er zog die Augenbrauen hoch und schaute wieder auf die Seite in seiner Hand. Er realisierte, dass er immer noch nichts von dem verstand, was darauf stand und reichte es an Lanie zurück. Er schaute hinüber, wo das Opfer auf dem Tisch lag und ertappte sich dabei, dass ihm übel wurde bei der Erinnerung an Esposito und wie blass er geworden war, als er das erste Mal den Tatort gesehen hatte.
„Irgendeine Idee, wo das Zyanid herkam?", fragte er und drehte sich wieder Lanie zu.
Sie zuckte mit den Schultern. „Es ist nicht so einfach zu bekommen. Es kann selbst hergestellt werden, wenn du die entsprechende Ausrüstung hast. Aber meistens ist es unter Verschluss. Apotheken und ein paar Schulen könnten es für ihren Chemie-Unterricht haben", erklärte sie, „aber ich kann dir nicht sagen, wo es tatsächlich herkam. Das ist dein Job. Oh, und weder die Flasche noch die Schnapsgläser haben etwas ergeben. Keine Fingerabdrücke, außer denen des Opfers. Das Gleiche gilt für das Armband."
Er nickte und warf einen letzten Blick auf das Opfer.
Lanie hatte das bemerkt, legte ihre Formulare hin, verlor das Auftreten der gradlinigen, klugen Pathologin und war stattdessen voller Mitleid und Sorge.
„Wie geht es Javi?", fragte sie.
Erneut trafen sich ihre Blicke. „Er nimmt es sehr schwer. Aber mit dem hier und den Neuigkeiten, dass Castle und Beckett möglicherweise eine Spur haben…" Er schüttelte er den Kopf. „Wenn wir Fortschritte machen würden, wäre das sehr hilfreich."
„Ihr habt bisher keine anderen Spuren gefunden?", fragte sie.
„Ich habe mit der Sicherheitsfirma gesprochen, für die Andy gearbeitet hat. Sie haben sich seine letzten Aufträge angeschaut. Alles nur das übliche Tagesgeschäft, sie hatten eine große Altertums-Show in dieser Woche gebucht, aber dazu tauchte er nicht auf. Und es waren keine Besonderheiten bei ihm vermerkt. Es scheint, dass Andy gut darin war, brenzlige Situationen zu vermeiden", sagte Ryan.
„Das ist alles?", brummelte Lanie.
„Da ist einfach nichts anderes ungewöhnliches, seine Nachbarn und Kollegen haben nichts bemerkt. Da sind nicht einmal unübliche Telefonate. Nur die Kreditkarte. Und Javi… nimmt den geringen Fortschritt sehr schwer."
Lanie antwortete nicht, sondern nickte einfach nur und es blieb ruhig, bis er sich umdrehte um zu gehen.
Javi schaute sich die Nachrichten von Miguel noch einmal an, bevor er in die Bar trat. Er öffnete die Tür mit seiner Schulter, während er sein Handy in die Tasche schob.
Die Bar war leise, sanfte Musik und die üblichen Geräusche von Unterhaltungen und Gesprächen waren zu hören. Unter nicht so ernsten Umständen würde er sich in so einer Umgebung wohlfühlen. An den Wänden entlang gab es Sitzecken, die Mitte des Raumes war mit Tischen vollgestellt. Die Bar selber war am anderen Ende des Raumes. Es erinnerte ihn fast etwas an das Old Haunt, aber Castle würde beanstanden, dass es hier keine Geschichte gab, so wie in seiner Bar.
Miguel hatte angeregt, sich hier zu treffen, um sich auf dem Laufenden zu halten. Nur ein Blick war nötig und Esposito sah seinen Freund am anderen Ende mit gebeugtem Kopf an der Bar sitzen.
Er ging hinüber und setzte sich auf den Stuhl neben seinem Freund. Miguel wurde auf ihn aufmerksam, als er sich auch ein Bier bestellte. Die Flasche kam in Sekunden und der Barkeeper lächelte, als er zustimmte, für Esposito anzuschreiben.
„Wie geht es dir?", fragte er Miguel nach einem Moment und nahm einen Schluck um seine Frage zu unterstützen.
„Das weißt du doch genau. Chrissie hat mich verlassen und nun ist Andy tot. Und auch auf Arbeit tut sich nichts wirklich", spöttelte er.
Espo nickte und nahm noch einen Schluck von seinem Bier. „Was ist zwischen dir und Chrissie passiert?"
Miguel drehte sich ihm mit hochgezogenen Augenbrauen zu. Er starrte kurz vor sich hin, bevor er auch einen Schluck Bier nahm, sich mit der Hand über den Mund wischte und die Flasche hart zurück auf die hölzerne Oberfläche des Tresens stellte.
„Zur Hölle, wenn ich das wüsste", antwortete er. „Eines Tages stand sie auf und verließ mich einfach. Ich habe seitdem nichts mehr von ihr gehört."
Esposito zog seine Brauen hoch und er war irritiert, was er aber verbarg, indem er einen weiteren Schluck seines Biers nahm. Er hatte Chrissie ein paar Mal getroffen. Sie war ihm nicht wie der Typ erschienen, der einfach verschwindet.
„Sie hat nichts zu den Gründen gesagt?"
Miguel drehte sich ihm wieder zu, ein gewisser Blick in seinen Augen. „Nicht ein Wort. Weißt du, das war auch der Grund, warum es so schwer für mich war."
Er nickte als Antwort, konnte aber nichts weiter dazu sagen, da er selbst noch nie in einer Beziehung gewesen war, die so abrupt beendet wurde, wie Miguel es erzählte.
„Andy hat mir dabei geholfen, das zu verarbeiten", fügte Miguel hinzu.
Damit konnte er arbeiten und das dazu benutzen die Unterhaltung wieder in vertrauteres Territorium zu bringen. Wahrscheinlich sogar sicheres, wenn man den von der Wut ausging, die Miguel unterschwellig ausstrahlte. Er drehte sich wieder der Bar zu und starrte, genau wie scheinbar auch Miguel, auf die Maserung des Holzes.
„Andy war richtig gut darin anderen Leuten zu helfen", sagte er.
„Das war er", stimmte Miguel ihm zu. „Erinnerst du dich noch daran, wie wir in den Hinterhalt rannten, obwohl Andy uns gewarnt hatte? Und trotzdem kam er hinterher und rettete uns. Er sagte nicht einmal ‚Ich hab's euch doch gesagt'."
Bei dieser Erinnerung musste Esposito lächeln, obwohl es so nicht sein sollte. „Jah", sagte er. „Aber ich wurde nur da hinein gezogen, weil du mich gefragt hast."
„Aber trotzdem hattest du einen Anteil daran, dass wir fast umgekommen wären", sagte Miguel.
Der Gedanke, was alles hätte passieren können, während der Zeit, in der sie zusammen dienten, war ernüchternd und ließ das Scherzen über die guten, alten Zeiten verstummen. Das Ergebnis, dem sie nun gegenüber standen, war wirklich das Beste, was sie erhofft hatten. Die meisten ihres Teams waren am Leben und gesund.
„Jah, ich denke wir schulden Andy was dafür, dass er uns von dieser Tour wieder heil rausgebracht hat. An diesem Tag hat er wirklich unsere Leben gerettet.
Miguel nickte und war für einen Moment still, bevor er sich umdrehte. „Machst du irgendwelche Fortschritte damit seinen Mörder zu fassen?", fragte er.
„Miguel…", seufzte Esposito.
„Kumpel, ich weiß, was du sagen wirst", unterbrach er. „Aber Andy rettete mein Leben mehr als einmal. Ich will nur wissen, ob ihr irgendeinen Fortschritt gemacht habt, den Typ zu fassen, der ihn umgebracht hat. Komm' schon, hilf einem Freund hier weiter."
Er schluckte einen weiteren Seufzer hinunter und bemühte sich, dass seine Stimme nicht zitterte, als er sprach: „Du weißt, dass ich keine Informationen in einer laufenden Ermittlung mit dir teilen kann", sagte er.
Miguel starrte ihn an. „Bitte Javier", sagte er, „ich würde es für dich auch tun."
Und er wusste, dass er das nicht tun sollte. Er konnte den logischen Teil seines Verstandes schreien hören, das nicht zu tun. Aber Miguel war sein Freund und die Erinnerungen an all' die Zeiten, die sie beinahe gemeinsam mit Andy an ihrer Seite gestorben wären, schossen ihm durch den Kopf. Das ließ seine Vorbehalte und seinen Willen, den Regeln zu folgen und die Informationen vor Miguel geheim zu halten, verstummen.
„Ist gut", hörte er sich sagen, bevor die aktuellsten Spuren aus ihm heraus sprudelten.
