Kapitel 4
Als die Sonne hinter dem Horizont versunken war und die Dächer im Mondschein glitzerten, wurde es still in der Nachbarschaft. Die Fenster der Wohn- und Esszimmer strahlten voller Leben, etwas Bewegung und Schatten fielen über die Lichter, wie in einem Stummfilm. Es waren Schnappschüsse des Lebens im Umland, in einer reichen und ruhigen Gemeinde, die mit der Sonne schlafen ging. In der Stadt, die er sein Zuhause nannte, war das anders.
Für einen Moment wunderte sich Rick, wie es wohl wäre hier zu leben. Kate, ihr Baby und ein Haus, das dem in den Hamptons sehr ähnlich war. Ein perfekt gepflegter Rasen und Garten und eine Leichtigkeit zu leben, welche die Stadt niemals bieten würde. Vielleicht auch ein Haustier. Ihr Kind würde dort aufwachsen, wo es rausgehen und spielen konnte, ohne dass sie sich Sorgen machen mussten. Und der Tod würde für seine oder ihre Eltern auch kein ständiger Begleiter sein.
Er wunderte sich und dachte auch über Kates Angebot nach dieses Leben hier in Betracht zu ziehen, wenn es das war, was er wollte. Aber das war es nicht. Selbst nach wenigen Tagen vermisste er die Unruhe der Stadt und die Geräusche, die von den vielen Menschen ausgingen. Er würde sich nach der Möglichkeit sehnen nur ein paar Blocks zum nächsten Laden laufen zu müssen oder einen Kaffee zu bekommen, seinem Kind die Kultur und die Beweise großartiger menschlicher Talente zu zeigen, so wie er die Gelegenheit hatte, dieses Alexis, als sie noch jünger war, zu zeigen.
Und Kate würde das auch vermissen.
Sie waren beide Stadtmenschen, geboren und hier aufgewachsen. Es war in ihrem Blut. Das ruhige Leben war in Ordnung für eine vorübergehende Auszeit, aber sie brauchten das Tempo eines Lebens in New York.
Und noch mehr, als er den Ferrari auf einen Parkplatz am Country Club abstellte und sein Blick über die vielen leeren Plätze hinweg wanderte. Das helle Scheinwerferlicht schien die Dunkelheit, die sich bereits über das Gebiet gelegt hatte, zu durchbrechen. Ein offensichtlicher Beweis dafür, dass er da war, wo offensichtlich nur noch wenige andere waren. Da waren nur noch ein paar Autos links von ihm, die zur Tür führten. Eine Todesstille beherrschte die Umgebung.
Es war fast ein abwegiger Gedanke, dass das die Örtlichkeit war, wo gestern noch die Party stattgefunden hatte. Voller Leben und Freude. Dass die Fenster, die nun im Dunkeln lagen, Lichter über den Rasen und die Schatten ihres Vergnügens an die Wände im Inneren geworfen hatten.
Er bemerkte, dass er sich nach der Stadt und den Menschenmengen sehnte, in die er verschwinden konnte, wenn etwas schief ging. Er sehnte sich nach der Vertrautheit der Stadt, in der er aufgewachsen war und deren Hektik und ständigen Bewegung, die er zu seinem Vorteil nutzen konnte.
Und trotzdem stieg er nun aus dem Auto aus und konnte seine eigenen Schritte hören, als er zur Tür ging.
Mit einer Hand griff er die Klinke, mit der anderen Hand griff er in seine Hosentasche um sein Telefon heraus zu holen. Er wollte Kate eine Nachricht senden, dass er angekommen war und sie anrufen würde, sobald es ihm möglich war, aber…
Ein schriller und durchdringender Schrei unterbrach die Stille. Er war laut genug um ihn zu erschrecken und sein Blick fiel wieder auf die Tür.
War sie schon offen gewesen, als er auf sie zuging?
Er beeilte sich sein Telefon wieder in die Tasche zu schieben und stolperte etwas, als er die Tür mit seiner Schulter aufstieß. Seine Schritte waren schwerfällig, als er die Treppen hinunterlief und er ignorierte die Dunkelheit der Eingangshalle, sondern ging in die Richtung, aus der er den Schrei vermutete.
Was wäre, wenn jemand von dem Treffen erfahren hatte? Vielleicht war es der Mörder, der nun versuchte Jacqui ruhig zu stellen. Aber vielleicht war auch Jacqui der Mörder.
Vielleicht…
Er hielt an der letzten Stufe inne und sein Schwung brachte ihn fast zu Fall. Und dann sah er Jacqui dort stehen. Ihre Hände lagen an ihren Hüften, ihre Augen waren von dunklem Makeup umrandet, ihr Körper war nur in Stoffstücken und Lederriemen gekleidet. Und was?
„Hallo Rick", schnurrte sie.
„Jacqui", keuchte er. „Ich… ich habe einen Schrei gehört."
Ein Lachen sprudelte aus ihr heraus. „Oh, machen Sie sich darüber keine Sorgen. Amy und Jake haben nur ein wenig Spaß", sagte sie.
Oh. Oh…
Etwa Spaß, Spaß?
„Kommen Sie mit", fuhr sie fort, trat näher an ihn heran und legte eine Hand auf seinen Arm. „Auch wir können etwas Spaß haben."
Kate setzte sich auf das plüschige Sofa in Susans und Howards Wohnzimmer. Mit übergeschlagenen Beinen ließ sie sich in die Kissen sinken. Susan setzte sich auf das andere Ende der Couch und faltete ihre Hände über den Knien.
„War das Abendessen in Ordnung, meine Liebe?", fragte Susan.
Sie antwortete mit einem Nicken und legte ihre Hand über die Wölbung ihres Babybauches. „Es war vorzüglich. Vielen Dank", sagte sie. „Das Baby hat es auch sehr genossen." Sie lächelte und Susan beobachtete sie, wie ihre Hand über das Leben unter ihrer Haut strich.
„Das ist immer ein großes Lob", sagte Susan und drehte sich auf der Couch, um Beckett besser anschauen zu können. „Das ist Ihr erstes, nicht wahr?"
„Ist das so offensichtlich?"
Susan lachte, ein leises Kichern, das im Raum verklang. „Nein, natürlich nicht", versprach sie. „Aber Sie stehen in der Öffentlichkeit und ich habe bisher nur von Ricks ältester Tochter in den Buchumschlägen gelesen."
Kate nickte lächelnd. „Aber ja, natürlich. Das ist Alexis", bestätigte sie. „Es ist also nicht sein erstes, aber unser erstes gemeinsames."
Die Antwort war zuerst gemurmelt. „Sie werden wahrscheinlich seine Erfahrungen als angenehm empfinden, wenn das Baby kommt", bot Susan an und ihre Worte hörten sich an, als ob sie dachte, dass Kate beruhigt werden müsste wegen die Tatsache, dass ihr Mann bereits ein Kind hatte.
Kate wollte gerade antworten, dass sie Alexis liebte und immer dankbar für ihre Anwesenheit in ihrem Leben war, aber Susan fuhr fort, bevor sie sprechen konnte.
„Ich muss gestehen, dass ich etwas erstaunt war, als ich erfuhr, dass Sie schwanger sind", sagte sie.
Kates Blick glitt zu ihrem Bauch, als Erinnerungen an den Tag hochkamen, an dem sie erfahren hatte, dass sie schwanger war. An den Schock, als Castle die Möglichkeit aufbrachte. Die Unfähigkeit es tatsächlich zu glauben, als der Schwangerschaftstest positiv ausfiel. Die Angst, die sie in den ersten Wochen der Schwangerschaft begleitet hatte.
„Oh?"
Susan zuckte mit den Schultern. „Nun, dass Sie angeschossen wurden war schon sehr öffentlich, wenn man bedenkt, dass dadurch vermutlich eine korrupte Verbindung in der CIA aufgelöst wurde", erklärte sie. „Und ich habe einfach nicht gedacht, dass Sie so kurz danach ein Kind erwarten würden."
„Oh", wiederholte sie mit leisem Lachen und ihre Hand strich immer noch über ihren Babybauch unter ihrem Shirt. „Um ehrlich zu sein, ich auch nicht. Dieses Baby war auf jeden Fall eine Überraschung."
„Eine gute, hoffe ich?", sagte Susan. „Ich weiß, dass meine Kinder das Beste war, was mir jemals passiert ist."
Kate lächelte und nickte leicht, aber sicher. „Das war es, als der erste Schock vorbei war", sagte sie. „Und Rick dabei zu haben, half sehr."
Susans Lächeln wurde größer, ein Zeichen von Zuneigung, das Kate angenehm fand, wenn sie an die andererseits vorhandene Stille, fast gefühllose Aura dachte, die in dieser Nachbarschaft vorhanden zu sein schien. Da war eine Wärme in diesem Lächeln, die über die übliche Höflichkeit und Freude hinausging.
„Es hilft, wenn man jemanden dabei hat, der einen liebt, nicht wahr?"
Kate lächelte wieder. „Das ist richtig", stimmte sie zu. „Und da wir gerade davon sprechen, wird Howard zu uns stoßen?"
Susan hörte nicht auf zu lächeln, als sie mit den Händen durch die Luft wedelte. „Oh, wahrscheinlich eher nicht. Er tendiert dazu, sich in seinem Büro zu verkriechen und bis in den späten Abend zu arbeiten", erklärte sie und rückte noch etwas näher an Kate heran. „Ich hoffe, es stört Sie nicht, wenn ich frage, aber wissen Sie schon, ob es ein Junge oder ein Mädchen wird?"
Jacquis Hand drückte fest seinen Oberarm und brachte ihn damit in die Gegenwart zurück. Er zwinkerte die Überraschung aus seinen Gedanken und schüttelte seinen Kopf um sich wieder auf den Moment zu konzentrieren. Dabei sah er ihr Grinsen, als sie ihn sanft am Arm von der letzten Stufe der Treppe weiter in den Keller hinein zog.
„Komm' schon, Rick", flüsterte sie. „Wir wollen doch mit unserem Spaß nicht hier beginnen."
Er wollte überhaupt keinen Spaß mit Jacqui beginnen und Angst und Bedauern machten sich bei ihm bereits bemerkbar, als er ihr gestattete, ihn hinunter in den Flur des Kellers und weiter in den Raum hinein zu führen.
Der Keller des Country Clubs bestand überwiegend aus einem Flur mit weißen Wänden und sechs, zumeist geschlossenen, Türen. Der Boden war vollständig mit Parkett ausgelegt und stellte einen Kontrast zu den Wänden dar. Die Dunkelheit zog sich entlang der Schwellen der offenen und geschlossenen Türen.
Es gab ein Bett und einen Nachttisch im ersten Raum, an dem Jacqui ihn vorbei führte. Von den Haken, die an einer Wand angebracht waren, hingen ein paar Handschellen, Lederriemen und eine Maske, die der sehr ähnelte, mit der Beckett ihn vor einigen Jahren gehänselt hatte.
„So, was machen Sie so hier unten?", fragte er.
Ihr Lachen war dunkel und genauso heiser, wie die Stimme der alternativen Person, die sie angenommen hatte, wie er bezeugen konnte. Die Version von Jacqui mit zerzausten Haaren und dunklem Makeup, Stilletos und Stoffstreifen über ihrer Haut. „Ist das nicht offensichtlich, Rick?", fragte sie. „Komm' schon, Rick. Ich kenne deine Geschichte. Hat Kate dich so naiv gemacht?"
Er schüttelte sofort seinen Kopf und war schon fast dabei zu antworten, dass Kate alles machte außer das, als sein Blick durch eine geöffnete Tür fiel.
Nur mit einem Korsett und einem kurzen Rock bekleidet, der nur knapp den Po bedeckte, stand Liz dort. Ihr Haar war zu einem Pferdeschwanz gebunden und in einer Hand hielt sie einen Stock, während sie auf den Boden starrte, wo…
„Howard?"
Der ältere Mann schaute zu ihm auf. Der Kummer, der in seinem Blick zu sehen war, war fast lächerlich, wenn man sah, wie er angezogen war. Büschel von künstlicher Wolle umrahmten sein Gesicht und waren über seinen Rücken drapiert. Ein Band mit einer Glocke war um seinen Hals gebunden und alles zusammen stellte ein Lammkostüm dar, das zum Teil sehr amüsant, aber auch sehr bizarr wirkte.
Aber Howard sagte nichts, auch nicht als Liz ihm mit dem Stock auf den Kopf tippte und so Castles Aufmerksamkeit wieder auf sich zog.
„Ich nehme also an, hier unten heißen Sie Miss Tokio?"
Ihre einzige Antwort war ein Grinsen.
Jacqui sagte überhaupt nichts, sondern zog ihn weiter in den Keller hinein, bis sie sich zu ihm umdrehte und wieder nach seinem Arm griff. Sie drängte ihn zurück, bis er mit seinem Rücken an der Wand stand und seine Schultern an den Türrahmen stießen.
„Es ist gut, dass du nun mich hast, nicht wahr?", schnurrte sie wieder und lehnte sich vor, um an seinem Ohrläppchen zu knabbern.
Er stieß sie von sich. Sie grinste, schob die Tür auf und drückte zurück, was ihn zum Stolpern brachte, bis seine Knie etwas berührten und er rückwärts auf eine Matratze fiel.
„Du willst also dieses Spiel spielen?", sagte sie. „Ich bin diejenige, die die Kontrolle hier hat, Rick."
Sie drückte ihn auf die Matratze zurück und seine Hände griffen nach ihrer Taille um sie weg zu halten, als sie versuchte, über das Bett zu ihm hinüber zu klettern.
„Nein. Nein, Jacqui. Ich… Kate. Ich bin verheiratet", stieß er aus. „Ich bin nicht…"
Aber er konnte es ihr nicht sagen. Er konnte es nicht riskieren, wenn die Möglichkeit bestand, dass sie die Mörderin war oder die mysteriöse Frau, nach der sie suchten. Nicht, wenn sie bereits die Oberhand hatte und ihn auf das Bett presste und es für weit Schlimmeres nutzen konnte, so wie sie in dieses Domina-Spiel eingetaucht war.
„Bekommst du kalte Füße, Rick?" Sie grinste und ihre Hände legten sich auf seine Schenkel. „Und da dachte ich, in der Stadt ist man skandalöser als in der ländlichen Gegend."
Die Stadt. Ja. Die Stadt. Er konnte damit umgehen. Kann…
„Oh", brachte er heraus. „Kennen Sie jemanden in der Stadt?"
Sie lachte wieder, diesmal nah an seinem Ohr. Sie versuchte sich über ihn zu beugen, obwohl seine Hände sie wegstießen. „Eine Menge Leute", antwortete sie. „Warum? Warum möchtest du das wissen?"
„Ich bin nur neugierig", sagte er ausweichend. „Fährt irgendjemand von hier öfters in die Stadt? In den letzten Tagen vielleicht?"
Daraufhin spannte ihr Körper sich und sie entfernte sich von ihm. Sie schien das Spiel, das sie die ganze Zeit spielten, vergessen zu haben, während sie an ihrer Lippe nagte und ihre Augen sich argwöhnisch verengten. Ihre Hände griffen fester zu und ihr Blick glitt über seinen Körper.
„Das ist nun wirklich nicht die richtige Zeit für ein zwangloses Gespräch", sagte sie mit leiser Stimme.
„Aber kennen Sie jemanden?"
Ihre Augen wurden noch argwöhnischer. „Da gibt es Tina, meine Haushälterin", gab sie zu.
„Würde sie sich mit männlicher Begleitung in der Stadt treffen?", fragte er.
„Warum? Suchst du nach jemanden, der mich ersetzt, wenn du nach Hause gehst?", entgegnete Jacqui und ihr Grinsen kehrte zurück, bis sie seinen ernsten Gesichtsausdruck sah. „Nein, würde sie nicht."
„Sind Sie sich sicher?"
Sie zögerte nicht zu nicken. „Vertrau' mir, männliche Begleitung ist das letzte, wonach Tina jetzt gerade sucht."
Sein Kiefer verspannte sich bei dieser Auskunft und verwirrt zog er seine Brauen hoch. „Wieso wissen Sie das?"
Jacqui blickte finster: „Das ist Tinas Sache, nicht meine." Sie wartete einen Moment, bevor sie wieder grinste und ihre Hände erneut seinen Schenkel entlang strichen, was ihn schaudern ließ. Sie strich über seinen Schoß und presste ihre Hände flach gegen seine Brust um ihn auf die Matratze zu drücken. Sie kletterte auf das Bett und setzte sich auf seine Oberschenkel. Trotz seiner Versuche sich dagegen zu wehren, griff sie nach seinen Händen und hielt diese über seinem Kopf fest.
„Das hier allerdings", flüsterte sie dann wieder in ihrer rauchigen Domina-Stimme, „ist meine Sache."
Kate konnte sich gerade noch davon abhalten schon wieder auf die Uhr zu schauen. Ein weiterer Versuch mit angehaltenem Atem zu sehen, wie die Minuten vergingen. Es war eigentlich noch nicht sehr lange, aber der Drang ihr Telefon nach Nachrichten zu überprüfen war groß.
„Machen Sie sich keine Sorgen, meine Liebe", sagte Susan, die offensichtlich die wachsende Unruhe wahrgenommen hatte. „Wie lange arbeitet er nun schon mit dem NYPD?"
Sie lächelte, während ihr Bilder ihres ersten Tages durch den Kopf schossen und sie daran erinnerten, wie weit sie gekommen waren. „Acht Jahre", antwortete sie, während ihre Hand wieder über die Wölbung ihres Bauches strich.
„Und ich bin mir sicher, dass sie im Laufe der Jahre weitaus gefährlichere Situationen erlebt haben", sagte Susan und lächelte leicht, als sie das zustimmende Nicken sah. „Würden Sie nicht zustimmen, dass Rick in der Lage ist, einen Abend mit Jacqui zu überstehen?"
Kate nickte als Antwort und sie war mit dem Wissen, dass es zutraf, etwas beruhigt, obwohl immer noch ein mulmiges Gefühl blieb. „Das ist er", stimmte sie zu. „Aber ich mache mir trotzdem Sorgen."
Susans Antwort war ein Lachen, ein sanftes Glucksen, das aus ihr heraus brach. „Aber natürlich, meine Liebe. Er ist Ihr Ehemann und Sie haben gemeinsam schon großen Gefahren gegenüber gestanden. Ich würde nichts anderes erwarten", sagte sie. „Würde es Ihnen helfen, wenn ich Sie ablenke?"
Dem Bedürfnis nach Ablenkung nachzugeben, fühlte sich fast wie eine Schwäche an, aber sie lächelte aufgrund des Angebots und das schien für Susan genug als Antwort zu sein.
Die ältere Frau stand auf, ging zu Kate hinüber und streckte ihre Hand aus. Sie lächelte beruhigend, während sie darauf wartete, dass Kate die Hand ergriff.
Das tat sie. Ihre freie Hand ruhte auf ihrem Babybauch, während Susan ihr von der Couch hoch half.
„Howard hat ein Schachspiel in seinem Büro. Warum spielen wir nicht eine Runde?", schlug sie vor.
Obwohl sie unsicher war, ob Schach nun das Richtige war, um sie davon abzuhalten, sich ständig Sorgen zu machen, nickte Kate. Sie gestattete Susan sie vom Wohnzimmer durch das Treppenhaus zu führen, bis sie zum bekannten oberen Aufgang gelangten. Sie gingen an mehreren Türen vorbei, auch an der, hinter der ihr und Ricks Schlafzimmer lag, bevor sie die Tür erreichten, nach der Susan gesucht hatte.
Sie schob die Tür auf und entschuldigte sich schon bei Howard für die Störung, bis sie bemerkte, dass der Raum leer war.
Howard war nicht zu Hause.
„Oh", stieß sie aus. „Das ist seltsam."
Aber sie sagte es so, als wenn das ganz normal wäre und sie sich darum keine Sorgen machte, dass ihr Ehemann vermisst wurde. Nirgends zu finden war. Weg war.
„Geht Howard öfters am Abend einfach mal weg?"
Susan antwortete mit einem Kopfschütteln. „Ich bin mir sicher, dass er nur kurz weg ist, um noch Arbeit zu erledigen oder Freunde zu besuchen."
„Ohne es Ihnen zu sagen?"
Sie zuckte mit den Schultern und schaute wieder in das leere Büro. An den Wänden waren Bücherregale und geschlossene Vitrinen. Der gesamte Raum erstrahlte in warmen Brauntönen durch das schimmernde Holz. Der Schreibtisch stand in der Mitte des Raumes, der Computerbildschirm schien dunkel zu sein, wenn man von dem fehlenden Lichtschimmer im Raum ausging. Er sah… unbenutzt aus.
Und der Raum erinnerte an eine traditionellere und teurere Version von Castles Büro.
Castle.
"Ich bin mir sicher, ihm geht es gut, wo immer er ist ", sagte Susan plötzlich. "Schlechte Dinge passieren hier nur selten."
Aber schlimme Sachen passierten überall. Unerwartet und ohne Vorwarnung.
Howard war weg. Und Castle war zu einem Treffen mit einer Frau gegangen, die sie kaum kannten und die sehr wohl die Mörderin sein könnte, nach der sie suchten. Etwas Schreckliches konnte Howard oder Castle passiert sein.
Alles mögliche konnte passiert sein.
"Oh, meine Liebe", sagte Susan. "Ich glaube nicht, dass eine Ablenkung im Moment das Richtige für Sie wäre."
Ihr Mund öffnete sich um dem zu widersprechen, aber sie brachte keinen Ton heraus. Weil ihr Herz vor Sorge raste und das wurde auch noch dadurch intensiviert, dass sie sich die schlimmsten Sachen vorstellte.
Nach einem Moment griff Susan nach ihr, nahm ihre Hand und drückte sie sanft.
"Wie wäre es, wenn wir zum Country Club gehen?", schlug sie vor.
"Aber..."
"Das ist der einzige Weg, damit sie aufhören, sich Sorgen zu machen", sagte Susan ehrlicherweise. "Und wenn sich jemand wundert, warum wir da sind, können wir immer noch sagen, dass wir für einen Drink dort sind. Ich bin immerhin ein Mitglied."
Bevor Kate sich dazu bringen konnte abzulehnen oder zuzustimmen, führte Susan sie bereits zur Tür.
Jacqui erhob sich vom Bett, als sie sicher war, dass er sich nicht bewegen würde. Sie grinste ihn mit einem Blick über die Schulter noch an, bevor sie ging. Bevor er wegsah, bemerkte er noch den extra Schwung in ihren Hüften.
Kate würde ihn umbringen. Nicht nur, dass er kaum eine neue Spur in ihrem Fall hatte, aber sie machte sich sicher auch Sorgen um ihn. Jacqui kehrte mit Handschellen mit Fellbesatz, die von ihrem Finger baumelten zum Bett zurück und glitt zurück auf seinen Schoß.
"Dann fangen wir mal langsam an, Rick."
Er stieß sich vom Bett ab als sie die Handschellen um seine Handgelenke legen wollte. Seine Hände faßten nach ihren Hüften und er schob sie erneut von sich.
Keine noch so potentielle Spur konnte es rechtfertigen, dass er sich ans Bett fesseln ließ, wenn er sie kaum kannte und wenn Kate bei Susan auf ihn wartete.
"Ich kann das nicht, Jacqui", sagte er ihr wieder. "Kate. Ich bin sehr glücklich mit Kate."
Sie bot ihm nur hochgezogene Augenbrauen an und grinste erneut. "Du würdest nicht nach einer Affäre suchen, wenn du das wirklich wärst."
Nach einer Affäre suchen?
"Mach' dir keine Sorgen", sagt sie. "Lass' mich die Führung übernehmen und ich stelle sicher, dass es das wert ist."
Sie stieß ihn wieder zurück, als ein Klicken im Raum zu hören war. Er dachte zuerst, dass es die Handschelle war, die sich um sein Handgelenk schloss.
Erst als das Geräusch auch weiterhin zu hören war, ein gleichmäßiger Rhythmus mit einem Echo, das er sehr gut kannte, begriff er, dass es Schritte waren. Wahrscheinlich Liz, die weiter das machte, was sie...
"Howard?"
Susan? Susan war hier? Hier im Keller, in diesem Domina-Zwinger, in dem auch er sich unbeabsichtigt befand?
Und wenn Susan hier war, dann musste auch Kate hier sein.
Tatsächlich dauerte es nur einen Moment und die geschlossene Tür des Raumes wurde aufgestoßen. Kate erschien im Türrahmen mit einer Hand auf der Klinke, die andere war zu einer Faust geballt.
Er zuckte zusammen.
"Was zum Teufel geht hier vor, Castle?"
