Kapitel 6

Eine Vase aus Glas ging hinter ihr zu Bruch. Miguels Kugel war durch das ganze Wohnzimmer geflogen und in der Wand ihm gegenüber eingeschlagen.

Das war aber genug, dass Susan schrie und Castle nach Chrissie griff, um sie auf den Boden zu ziehen und mit ihr hinter das Sofa zu kriechen. Beckett schaute nach unten, wo Chrissie in sich zusammen gesunken war, ihren Kopf auf die Knie presste und Entschuldigungen vor sich hin murmelte, während Castle versuchte, sie zu beruhigen.

Und dann ging der zweite Schuss los. Dieses Mal schlug die Kugel in der Eck-Vitrine im Raum ein und wieder ging Glas zu Bruch.

Castle verließ seinen Platz neben Chrissie und kroch stattdessen zu Beckett hinüber. Seine Hand umfing ihren Knöchel und zog leicht daran. Sie musste sich dazu zwingen weiter zu Miguel zu schauen, um ihn davon abzuhalten mit der nächsten Kugel auf ihren Ehemann zu zielen.

„Kate", zischte er. „Komm runter."

Sie blickte weiter nach vorne, hoffte aber, dass er das leichte Kopfschütteln sehen konnte.

„Bitte, Kate."

Ihre Hände hielten die Waffe fester, ihr geäußertes ‚Ich kann nicht' blieb ungehört, als sie weiterhin Miguel anstarrte. Mit der Waffe in seiner Hand immer noch in ihre Richtung zielend, irrte sein Blick im Raum umher und suchte ihn ab, fand aber nur Leere.

„Wo ist sie?", schrie er.

„Wer?", entgegnete sie.

Miguel schüttelte seinen Kopf, griff die Waffe nochmals fester und zielte noch direkter auf sie. „Sie wissen, wen ich meine", sagte er. „Wo zum Teufel ist meine Ehefrau?"

Castle drückte ihren Knöchel fester und es dauerte einen Moment, bis sie begriff, dass er ihr Hosenbein hochschob und ihre Ersatzwaffe aus ihrem Knöchelholster zog. Er flüsterte ein stilles ‚Gott sei Dank', dass sie sich entschieden hatte, heute beide Waffen mitzunehmen und kroch leise davon.

Sie wollte ihm zurufen da und unten zu bleiben, aber das würde nur die Aufmerksamkeit von Miguel auf ihn lenken.

„Ich kenne Ihre Ehefrau nicht", log sie und versuchte zu verdrängen, dass eine Waffe auf sie gerichtet war.

„Hören Sie auf zu lügen", brüllte er zurück. Mit seiner Hand richtete er die Waffe auf die Wand hinter ihr und gab einen weiteren Schuss ab. Eine Warnung, die an ihrem Kopf vorbei flog. „Esposito hat mir erzählt, dass Sie sie gefunden haben. Sie ist unter dem Namen Tina hier."

„Ich kenne sie nicht", wiederholte sie.

Mit seiner Waffe zielte Miguel erneut. Dieses Mal über seinen Kopf und auf den Kronleuchter, der im Eingangsbereich hing. Das Geräusch von zerborstenem Glas unterdrückte den schmerzvollen Ruf von Susan und wurde durch das Aufflammen eines Feuers übertönt.

Ihr Herz verkrampfte sich und sie spürte die Angst. Hätte sie nicht ihre Waffe auf Miguel gerichtet, würde sich mit ihrer Hand über ihren Babybauch streichen, um ihr rasendes Herz zu beruhigen und sich an das wachsende Leben in ihr zu erinnern. Sie würde weglaufen von Susans Heim und sich in Sicherheit bringen.

„Susan, gehen Sie raus", befahl sie, bevor sie sich wieder zu Miguel drehte. „Ich will Sie nicht erschießen, Miguel", versprach sie. „Sie haben Espositos Leben gerettet. Er vertraut Ihnen, macht sich um Sie Gedanken. Ich möchte Sie nicht verletzen, aber wenn Sie nicht Ihre Waffe runter nehmen, habe ich keine Wahl."

„Sagen Sie mir, wo meine Frau ist!", kam die Antwort durch das Haus dröhnend. „Oder ich erschieße Sie."

Er zielte wieder auf ihren Oberkörper und sie duckte sich in dem Augenblick hinter dem Stuhl als Castle auf der anderen Seite des Raumes mit auf Miguel gerichteter Waffe hochkam. Er drückte den Abzug und sandte den anderen Mann taumelnd und vor Schmerzen stöhnend zu Boden.

Der Knoten in ihrer Brust löste sich.

Castle kehrte dorthin zurück, wo sie und Chrissie hinter der Couch hockten und hielt ihr zuerst die Hand entgegen. Er half ihr auf die Füße, was aufgrund ihrer zitternden Beine schwierig war, während ihre Hand auf ihren Babybauch fiel.

„Geh' raus", befahl er.

Sie nickte und lief aus dem brennenden Haus, während er Chrissie aufhalf, sie zur Hintertür führte und nur wenige Schritte hinter ihr war.


Die Fahrt zurück in die Stadt war von dem Moment an ruhig, als sie ihren Anruf bei Ryan und einen zweiten Anruf beim Commissioner beendet hatte. Castle hatte verlangt, dass er fuhr und immer wenn sie anhielten, fiel sein Blick auf ihren Bauch und er legte seine Hand dorthin.

Als sie in einen Parkplatz in der Nähe des Reviers anhielten, legte sie ihre Hand über seine. „Es tut mir leid", murmelte sie.

Er schüttelte den Kopf. „Du musst dich nicht entschuldigen. Ich weiß, dass du ihn nicht erschießen wolltest", flüsterte er. „Ich bin nur froh, dass euch nichts passiert ist.

Sie lächelte sanft als sie zu ihm aufschaute und ihn anblickte, während sie sich über die Mittelkonsole lehnte, um ihm einen Kuss zu geben.

„Danke, dass du so mitgedacht hast", flüsterte sie. „Und dafür, dass du Chrissie geholfen hast. Sie konnte das wirklich gebrauchen."

Sein Nicken war zurückhaltend und er gab ihr noch einen Kuss, bevor er sich vom Auto wegdrehte, um sie zum Revier zu begleiten.

Als sie das Revier betraten, war, wie versprochen, der Commissioner da und wartete zusammen mit Deputy Inspector Gates in ihrem Büro. Die Jungs saßen mit gesenkten Köpfen nervös und trübsinnig am Schreibtisch von Esposito. Sie hielt nur kurz an und sprach ein paar aufmunternde Wort zu jedem, entschuldigte sich bei Esposito und ging weiter zu ihrem Büro.

Der Commissioner drehte sich in dem Moment um, als sie die Tür hinter sich schloss. „Captain Beckett", sagte er. „Es scheint so, dass ihr Revier die Angewohnheit hat, die Regeln zu brechen."

„Wir bekommen aber jedes Mal den Mörder, Sir", entgegnete sie.

„Sie haben zugelassen, dass beinahe eine unschuldige Frau umgebracht wurde", diskutierte er. „Einer Ihrer Detectives hat vertrauliche Informationen an einen Zivilisten weiter gegeben und dieser hat sich auch noch als der Mörder entpuppt. Sagen Sie mir, warum er nicht gefeuert werden sollte."

Sie kreuzte ihre Arme über der Brust und biss die Zähne zusammen. „Detective Esposito ist ein guter Polizist. Ein Fehler rechtfertigt nicht, ihn zu entlassen, Sir."

„Was Sie nicht sagen", spöttelte er.

„Und sie führt eins der effektivsten Reviere in der Stadt", warf Gates ein und lächelte beruhigend. „Menschen machen Fehler, Sir. Aber Detective Esposito ist gut in seinem Job und hat es nicht verdient so hart bestraft zu werden, nur weil dieser Fehler Sie auch persönlich betroffen hat."

Der Commissioner blickte wütend, aber seine Schultern entspannten sich bei dieser Anschuldigung, als wenn er diese als wahr akzeptieren würde. Espositos Fehler betraf ihn persönlich, endete er doch in einer Schießerei im Haus der Schwester des Commissioner und einem Brand, der erheblichen Schaden angerichtet hatte, bevor er gelöscht werden konnte.

"Er hat eine Kündigung nicht verdient", sagte Beckett. "Suspendieren Sie ihn oder irgendetwas anderes, aber dieser Fehler rechtfertigt nicht eine so weitreichende Bestrafung."

Der Commissioner warf ihr wieder einen wütenden Blick zu. "Ich werde ihn nicht suspendieren, Captain Beckett", sagte er. "Aber er muss die Konsequenzen tragen. Detective Esposito und alle anderen, die in die Sache involviert waren, werden erst dann befördert, wenn sie die Prüfung erneut abgelegt haben."

Ihr Herz sank und ihr Blick ging dorthin, wo die Jungs zusammen mit Castle auf die Entscheidung des Commissioner warteten. Sie nickte trotzdem.

Es war besser als die Alternative.


Die Einladung von Ryan auf einen Drink zu akzeptieren war möglicherweise ein Fehler, wie er bemerkte, als er die Bar betrat, die jener, die er am Abend zuvor mit Miguel besucht hatte, sehr ähnelte. Aber sein Partner hatte angeboten zu zahlen, hatte nach dem Tag, den sie hatten, Trost angeboten und Esposito wollte auch nicht wirklich nach Hause in seine leere Wohnung.

Er rutschte in die Nische gegenüber von Ryan und versuchte die Geräusche, die sie umgaben, auszublenden und er konzentrierte sich auf seinen Partner, der gerade die Getränke bestellte.

Innerhalb von Minuten kamen zwei Whiskey und ein paar Flaschen Bier. Ryan schob eines der Gläser in seine Richtung und nahm sich selbst auch eines. Sein Partner nahm zuerst den Whiskey und in der Hoffnung das Brennen des Alkohols würde den Schmerz in seiner Brust etwas lindern, machte Esposito es ihm nach.

„Es tut mir leid um deine Freunde", sagte Ryan.

Esposito schaute ihn an und nahm einen Schluck Bier bevor er sprach. „Ich kann es nicht glauben, dass er mich für Informationen benutzte. Er wollte nur, dass wir Chrissie für ihn finden, damit er Rache an ihr nehmen konnte, weil sie ihn verlassen hatte. War dir aufgefallen, dass er derjenige war, der vorgeschlagen hat, dass wir Undercover gehen? Ich wurde auf ganzer Linie ausgenutzt", sagte er kopfschüttelnd. „Aber es tut mir leid, dass du wieder nach unten auf die Warteliste für das Sergeant-Examen gerutscht bist", fuhr er fort und hoffte, dass sein leichtes Lächeln den Stich, den Ryan sicher fühlen würde, lindern konnte.

Aber sein Partner lächelte zurück. „Mach dir darüber keine Sorgen", sagte er. „Wenn eins von zwei Kindern eine gute Ausbildung bekommt, ist das ein gutes Ergebnis."

Bedauern machte sich bei ihm breit, obwohl er wusste, dass Ryan nur scherzte. Er stellte sich vor, wie Sarah Grace und Nicholas möglicherweise unter den Folgen einer unhaltbaren finanziellen Situation leiden mussten, die auch er teilweise mit zu vertreten hatte.

„Bro, es ist wirklich alles gut", sagte Ryan. „Richtigerweise hast du Miguel mit deinem Leben vertraut, nach allem was du durchgemacht hast. Und es war nur logisch, dass du ihm dann auch mit Details des Falles vertraut hast."

„Es war gegen die Regeln", spöttelte er.

Ryan zuckte mit den Schultern. „Wir haben alle schon mal die Regeln gebrochen", bot er an. „Und du hast unter den Umständen das Beste daraus gemacht, Bro."

Aber das hatte er nicht. Die Vergangenheit hatte die Wahrnehmung der Gegenwart beeinträchtigt, bis er daran erinnert wurde, wie wenig er eigentlich wusste. Er hatte einem Mann, der seine Frau missbrauchte, den genauen Aufenthaltsort dieser Frau genannt. Er hatte einem Mörder die Einzelheiten der Untersuchung des Mordes seines Opfers erzählt. Er hatte den Mörder seiner Frau hinterher gesandt und unschuldige Menschen und sein Team dadurch in Gefahr gebracht.

„Ich hätte schlauer sein müssen", sagte er zu Ryan. „Verdammt, Miguel war genau das Gegenteil von dem, was ich dachte. Selbst Menschen, denen du vertraust, können dich reinlegen."

Ryan wartete, bis er aufschaute bevor er sprach und hielt seine Flasche wie zu einem Toast hoch. „Tut mir leid", sagte er. „Aber nicht jeder wird dich reinlegen."

Esposito spiegelte sein halbherziges Lächeln wider und hob ebenfalls seine Flasche um mit Ryan anzustoßen. „Danke."


Castle fand Beckett, wie sie am Wohnzimmerfenster stand, in der einen Hand eine Tasse Tee, die andere Hand auf ihrem Babybauch. Es war eine Angewohnheit, die sie angenommen hatte, seitdem der Bauch zu sehen war. Bei dem Anblick lächelte er. Seine Ehefrau in einem weiten Pulli, Haare zu einem Pferdeschwanz gebunden und in das nachlassende Sonnenlicht getaucht.

Er trat an sie heran, legte seine Arme um ihre Taille, faltete seine Hände über ihren Bauch und sie lehnte sich an ihn. Sie legte ihren Kopf an seine Schulter und das gab ihm die Gelegenheit ihr einen Kuss auf die Stirn zu geben.

„Ich habe die Stadt vermisst", flüsterte sie.

Sein Lachen war auf ihrer Haut zu spüren und er drückte sich in ihr Haar. „Du sagst das doch nicht nur, damit ich aufhöre über das Umland zu sprechen, oder?", fragte er.

Sie drehte sich in seinen Armen, stellte ihre Tasse auf das Klavier und schlang ihre Arme um seinen Hals. Sie stellte sich auf die Zehenspitzen, gab ihm einen Kuss und erlaubte ihm so das kleine Lächeln zu sehen, das sich auf ihrem Gesicht breit machte.

„Nein", flüsterte sie. „Wenn du wirklich in Erwägung ziehst, in das Umland zu ziehen, können wir das."

Aber er schüttelte seinen Kopf, lehnte sich wieder vor um sie wieder zu küssen und seine Hände wanderten von ihrem Rücken zur Wölbung ihres Bauches. „Das will ich nicht", flüsterte er zurück. „Unser Kind kann den ganzen Central Park Stück für Stück erkunden und nicht nur einen Garten hinter dem Haus."

Ihr Lächeln wurde größer, ihr Kopf senkte sich, während sie nickte und versuchte das freudige Leuchten in ihren Augen zu verbergen.

„Und wir können auch hier ein Haustier haben", sagte er. „Natürlich nur, wenn wir das wollen. Und unser Kind wird die Kultur kennenlernen und die Stadt erforschen. Wir werden ihm oder ihr die ganzen Freuden von chinesischem Essen oder New Yorker Pizza zum Mitnehmen beibringen und wie wundervoll es ist, von so vielen Menschen umgeben zu sein."

Er beugte sich herab, gab ihr einen Kuss auf den Kopf, einen weiteren an die Schläfe und als sie sich zurück lehnte, einen dritten Kuss auf ihre Nase, was ihre Augen vor Freude kräuseln ließ. Sie streckte sich auch nochmal und ließ ihre Lippen über seine gleiten.

„Die Stadt wird zu unserem Kind genauso gut sein wie zu uns", versprach er zwischen weiteren Küssen.

Sie lehnte sich kurz zurück, ihre Augen leuchtend und glücklich als sie zustimmend nickte, bevor sie ihn erneut küsste.