Kapitel 15: Hermione VII

Als ich die Räumlichkeiten betrat, die ich jetzt mit Severus teilte, begrüßte Adeline mich mit dem Ruf „Mama!" und rannte zu mir hin, ihre kleinen Füße tappten auf dem Boden. Dann hängte sie sich an mein Bein und sah mit einem Lächeln zu mir auf. Mimi stand seitwärts von uns und hielt einen Plüschcrup. Sie sah immer so still und schüchtern aus, wenn ich sie sah. Ich fand es schwierig, mir vorzustellen, dass sie mit Adeline spielte und sich um sie kümmerte.

„Danke, Mimi", sagte ich zu der Hauselfe, die sich verbeugte und mit einem leisen Plopp verschwand. Ich fragte mich, was sie sonst noch in Hogwarts tat.

„Hey, Adeline", sagte ich und kniete nieder, um sie anzusehen. „Also was habt du und Mimi gemacht?"

Statt mir verbal zu antworten, rannte Adeline hinüber und hob den Spielzeugcrup auf, dann hielt sie ihn mir lächelnd hin. Er wedelte mit dem Schwanz.

„Oh", sagte ich nickend. „Das scheint sehr lustig zu sein. Willst du weiter mit Plüschtieren spielen?"

Ich sagte Plüschtiere, weil etwa vier weitere im Zimmer herumlagen. Eines davon kurvte über den Teppich auf genau dieselbe Art, wie ich Muggelroboterspielzeuge aus meiner Kinderzeit in Erinnerung hatte. Mit anderen Worten: nicht sehr realistisch. Adeline fing an, im Zimmer umherzurennen, hob alle Spielzeuge auf, bis sie sie alle in den Armen hielt. Bei manchen musste sie es mehrmals probieren, denn sobald sie drei in den Armen hatte, fiel eines davon herunter, sobald sie noch eins aufzuheben versuchte. Dann nahm sie sie und setzte sie auf das Sofa, wo sie sich durch ihre verschiedenen magischen Bewegungen wieder ausbreiteten. Der Crup wedelte wieder mit dem Schwanz und sah uns hilflos an.

Ich sah zu, während sie die Tiere sorgsam in einem Bereich hielt und schnell alle wieder zurückholte, die sich wegbewegten. Dabei murmelte sie leise Silben und Konsonanten, die noch keine rechten Worte waren. Anscheinend war es ihre eigene Sprache, aber sie schien sehr wortgewandt darin zu sein. Nach einigen Minuten ging ich hinüber, kniete mich neben das Sofa und überlegte, ob sie bei dieser speziellen Tätigkeit Hilfe wollte, oder ob sie erwartete, dass ich mich selbst mit etwas anderem beschäftigte. Was mich dann daran erinnerte, dass ich tatsächlich Dinge zu tun hatte. Severus hatte mir die Notizen gegeben, die die Vertretungsprofessorin während der zwei Wochen vorbereitet hatte, in der sie meinen Unterricht gehalten hatte, und in denen sie erklärte, was sie durchnommen und welche Hausaufgaben sie aufgegeben hatte und Derartiges.

Daher stand ich auf, ging in mein Schlafzimmer und holte die Ledermappe, dann ging ich ins Wohnzimmer zurück und setzte mich auf das Sofa neben den Haufen Plüschtiere, auf die Adeline aufpasste, und um die sie sich kümmerte. Ich öffnete die Mappe und nahm die Pergamente heraus, dann begann ich, sie durchzublättern. Obenauf befand sich ein Brief der Vertretung, den ich schnell las, dann machte ich weiter. Beim Durchsehen fand ich die Information unzureichend. Ich nahm an, dass sich eine Klassenliste genau wie die Dinge, die ich das ganze Jahr durchgenommen hatte, in meinem Büro befand.

„Adeline", sagte ich und sah die Zweijährige an.

Sie sah zu mir hinüber.

„Willst du in mein Büro mitgehen, damit ich einige Unterlagen für den Unterricht holen kann?", fragte ich sie. „Wir brauchen nicht lange."

Sie schnappte einen Spielzeugkniesel und drückte ihn an sich, dann sah sie mich erwartungsvoll an. Die Beine des Kniesels bewegten sich mechanisch an ihrer Brust. Ich nahm dies als Einverständnis und stand daher mit der Ledermappe in der Hand auf, dann hob ich Adeline auf meinen anderen Arm, setzte sie auf meine Hüfte und ging zur Tür hinüber.

Die Korridore waren größtenteils verlassen, weil die meisten Schüler jetzt im Unterricht waren. Adeline saß ruhig in meinen Armen, hielt das Plüschtier fest und sah sich um, während wir liefen. Es dauerte nicht lange, mein Büro zu erreichen, das nur ein Stockwerk und einige Flure weit entfernt lag. Sobald wir drinnen waren, setzte ich Adeline ab und sah mich um. Zehn Jahre hatten es nicht viel verändert.

In den Regalen waren ein paar mehr Bücher, eigentlich einige mehr, und an den Wänden ein paar neue Gemälde sowie ein Banner der Holyhead Harpies, das kleiner war als das in Ginnys Wohnzimmer. Ich ging zum Schreibtisch hin und setzte mich auf den Stuhl dahinter. Adeline folgte mir, dann streckte sie die Arme nach mir aus; also hob ich sie hoch und setzte sie auf meinen Schoß.

„Was glaubst du, Adeline?", fragte ich sie und zog die Schubladen auf, um sie durchzusehen. Sie waren genauso wie vor zehn Jahren geordnet. Ich hatte fünfzehn Klassen, zwei in jedem Jahrgang außer den Gryffindor und Slytherin Zweitklässlern, die den Unterricht alleine hatten, was bedeutete, dass ich drei Klassen des zweiten Schuljahrs hatte.

Adeline antwortete mit einer Reihe von Wörtern, die ich nicht verstehen konnte, dann rutschte sie von meinem Schoß hinunter und rannte auf die andere Seite des Schreibtischs. Ich nahm die Unterlagen, die ich brauchte – es waren mehrere Ordner – und folgte ihr.

„Komm, lass uns zurückgehen", sagte ich und öffnete die Tür. Adeline folgte mir, dann nahm sie meine Hand, und wir gingen zusammen zurück.

Ich verbrachte den Rest dieses Morgens damit, die Klassenunterlagen durchzusehen, um herauszufinden, was ich tun musste, und mich mental darauf vorzubereiten. Außerdem gab ich Adeline ihre morgendliche Zwischenmahlzeit, und ein wenig später belohnte ich sie dafür, dass sie das Töpfchen benutzt hatte. Meistenteils amüsierte sie sich alleine. Nachdem sie fertig war, mit den Plüschtieren zu spielen, blätterte sie durch mehrere Bilderbücher, die alle bewegte Bilder enthielten, und stapelte dann eine zeitlang Bücher. Gegen Mittag spielte ich mit ihr Verstecken. Gerade, als sie schläfrig auszusehen begann, kam Severus zurück.

„Wie geht es Adeline?", fragte er beim Eintreten.

Ich schaute dorthin, wo die Zweijährige auf dem Boden saß und gebannt auf die Bilder in einem ihrer Bücher starrte. Ich saß am Tisch und blätterte durch Notizen und Lehrbücher, um mich darauf vorzubereiten zu unterrichten. Meine erste Unterrichtsstunde war in einer halben Stunde.

„Sie hat sich fast den ganzen Tag allein beschäftigt", antwortete ich. „Ich habe mein Unterrichtsmaterial durchgesehen."

„Bist du bereit, dich der Kritik von Elfjährigen zu stellen?", fragte Severus und klang dabei amüsiert. Auf seinen Lippen erschien ein schiefes Lächeln.

„Nicht ganz", sagte ich. „In meiner Zeit habe ich erst einen Monat unterrichtet … Ich fürchte, ich werde den Anforderungen nicht gerecht werden können, die ich bereits für mich gesetzt habe."

„Die Schüler lieben dich", antwortete Severus. „Du brauchst dir keine Sorgen zu machen."

„Ich wünschte, ich könnte das glauben", sagte ich, als Severus zu Adeline hinüberging, sie hochhob und ihr einen Kuss auf die Stirn gab.

„Zeit für ein Mittagsschläfchen", informierte er sie. Sie zog ein Gesicht, erhob aber keine Einwände. Stattdessen beugte sie sich hinab und griff nach dem Buch, das noch auf dem Boden lag. Severus hob es auf und reichte es ihr, dann trug er sie in ihr Zimmer hinüber.

Ich stand auf, folgte ihnen und beobachtete, wie er sie in das Kinderbett legte und die Rollos hinunterließ, um den Raum abzudunkeln. Dann schloss er leise die Tür und kam heraus, um sich neben mich zu stellen. Lächelnd ging er hinüber und setzte sich auf das Sofa.

„War sie brav?", fragte er mich.

Ich nickte und ging zurück zu dem Platz, auf dem ich zuvor am Tisch gesessen hatte. Dort begann ich, meine Sachen zusammenzupacken. Mein Rücken war Severus zugewandt, und wieder einmal fühlte ich mich in seiner Gegenwart unbehaglich. Was sollte ich zu ihm sagen? Schließlich drehte ich mich um, ergriff die Ledermappe, setzte mich wieder auf meinen Stuhl und sah zu Severus hinüber.

„Kann ich dich etwas Persönliches fragen?", sagte ich vorsichtig und beobachtete seine Reaktion.

„Frag mich, was du willst, Hermione", antwortete er, „und ich werde die Frage beantworten. Zwischen uns gibt es keine persönlichen Fragen."

„Was ist mit Lily?", fragte ich.

„Lily?" Er sah nicht überrascht aus. Vielleicht hatte er dieses Gesräch schon einmal mit mir geführt.

„Bin ich nur ein Ersatz für sie?", drängte ich.

„Nein", erklärte er einfach.

„Aber es schien … es schien, dass deine Liebe zu ihr so mächtig war, dass obwohl diese nie erwidert wurde, obwohl sie starb, du weiter für sie und ihren Sohn gelebt hast … Bedauerst du nie, dass es nicht sie ist, hier, bei dir, anstelle von mir?" Ich verstummte, als ich den Blick in Severus' Augen sah, der sagte, dass nichts davon für ihn jetzt von Bedeutung war.

„Nein", sagte Severus noch einmal einfach, führte es dieses Mal jedoch weiter aus. „Ich bedauere nicht, dass ich Lily nie geheiratet habe, weil so, wie die Dinge sich entwicket haben, ich stattdessen dich geheiratet habe. Es hat mir für viele Jahre Schmerz bereitet, ja, aber letztlich … bin ich froh, dass sie James Potter und nicht mich geheiratet hat, denn wenn ich Lily geheiratet hätte, wäre ich jetzt nicht mit dir zusammen."

„Oh", sagte ich leise und war etwas überrascht. Obgleich es dumm war, dachte ein Teil von mir: Er liebt mich WIRKLICH! Ich glitt wieder zurück auf meinen Stuhl und wandte die Augen von ihm ab, obwohl ich ihn weiter anstarren, seinen Gesichtsausdruck und seine Züge aufnehmen wollte. War er vorher schon so gewesen? In meiner Zeit? Oder war dies eine Veränderung, die ich bei ihm bewirkt hatte … diese ruhige Rücksichtnahme und Fürsorge? Ich wollte jetzt zurückgehen und es sehen, Severus Snape mit neuen Augen ansehen …

„Du gehst besser zum Unterricht", kommentierte er einige Augenblicke später.

Ich nickte, und nahm meine Sachen, dann lächelte ich ihn etwas schüchtern an und ging. Ich hatte das Gefühl, einer Klasse von wahrscheinlich gelangweilten Teenagern gegenüberzutreten, die nur wenige Jahre jünger als ich waren, war bei weitem nicht so schwierig wie Snape gegenüberzutreten, nachdem ich wusste, dass ich ihn heiratete. Das Lächeln blieb auf meinem Gesicht.