Sarah Grace malte seit einer Stunde an einem Bild von irgendeiner irischen Landschaft. Kevin lächelte als er das sah. Es freute ihn riesig, dass sie so eine Begeisterung für das Land aufbringen konnte. Und da alle ihre Großeltern gälisch mit ihr sprachen, lernte sie auch das. Mittlerweile war sich Kevin nicht mal mehr sicher, ob sie besser Englisch oder gälisch konnte, weshalb er versuchte wirklich beides ausgeglichen mit ihr zu reden.
„Getränke?". Die Frage der Flugbegleiterin riss ihn aus seinen Gedanken. „Ja, Zwei Gläser Orangensaft und eine Cola, oder?" Fragend drehte er sich zu Alexis. „Wow, ja, bin ich so leicht zu durchschauen", lachte die junge Frau. Die letzten Stunden waren so schnell vergangen. Kevin hatte Alexis Fotos gezeigt und sie hatten über Rick und Kate und Gott und die Welt geredet. Dann hat Alexis über ihren Urlaub erzählt. Über Jason. Kevin hatte gesehen, wie sehr sie sich bemühen musste, nicht zu weinen.
„Daidi, kommt Alexis jetzt auch zu meiner Party?", Sarah Grace zog an seinem Ärmel und flüsterte. Kevin hatte das schon ganz vergessen. Sarah Grace Geburtstag war schon nächste Woche und er hatte ihr eine Feier versprochen. „Schatz, das ist eine tolle Idee. Willst du sie nicht selbst fragen?". Er fand die Idee wirklich gut. So hatte er zumindest auch jemanden, um zu reden. Kate und Rick kamen mit ihren Kindern und Espo und Lanie. „Ich hab' ihr eine Einladung gemalt!", strahlte Sarah ihn an.
Sie hatte fast drei Tage gebraucht, um sie von dem Jetlag zu erholen, wobei sie sich fragte, ob das am Jetlag lag oder an Jason. Die ersten Tage waren schrecklich gewesen. Aber heute ging es ihr gut. Zumindest besser. Außerdem freute sie sich auf die Party. Die Einladung, die Sarah Grace ihr gezeichnet hatte, hing am Rand ihres Spiegels. Darauf waren ein Mann sie vermutete es sollte Kevin sein), ein kleines Mädchen mit einer Krone und ein Hund. Sie wusste nicht ganz, was es mit dem Hund auf sich hatte, aber er war eine gute Inspiration für ihr Geschenk gewesen. Sie war im irischen Viertel unterwegs gewesen und hatte ein nettes Märchenbuch gefunden gälisch/englisch und dazu einen Stoffhund mit Kleeblattanhänger. Sarah Grace hatte ihr am Flugzeit erzählt, wie gern sie Stofftiere hatte und was in ihrer Sammlung noch unbedingt fehlte. Alexis musste lächeln. Kevin würde sie hassen, wie ihr Dad jeden gehasst hatte, der noch mehr Stofftiere in den Castle-Haushalt brachte. Ihre Gedanken wurden vom Klopfen an der Tür unterbrochen. Das musste ihr Dad, Kate und die Kinder sein. Schnell griff sie nach ihrer Tasche, den Geschenken und eilte Richtung Tür.
Espo, Lanie und Javier Jr. sowie Sarahs Großeltern waren schon da, als Alexis und die anderen ankamen. Auf dem Tisch häuften sich schon Geschenke und Sarah Grace lief in einem wunderschönen grünen Kleid auf Johanna und Graham zu. Das Mädchen war so süß. Obwohl es ganz deutlich war, dass sie eigentlich mit den Kids spielen wollte, begrüßte sie zuerst sehr höflich Kate, sie und ihren Vater. Danach war sie aber so schnell weg wie man nur schauen konnte. Bis zum Kuchen waren die Kinder mit irgendeiner Version von Räuber und Gendarm beschäftigt. Das Problem war nur, dass niemand der Räuber sein wollte. Innerhalb kürzester Zeit war das Problem aber gelöst: Ihr Dad war der Räuber.
„Zeit für Kuchen und Geschenke, Kinder...und Castle!", hörte sie Kevin aus dem Esszimmer rufen. Als endlich alle am Tisch waren sangen sie Happy Birthday und packten die Geschenke aus. Als Sarah Grace den Hund sah, vergrößerten sich ihre Augen fast um das doppelte. „Daidi, Daidi, Ta Sean". „Auf Englisch, Kleine! Wir sind nicht alleine...", ermahnte sie Kevin. „Dad, das ist Sean. Opis Hund!" Alexis musste lachen, da hatte sie wohl ins Schwarze getroffen. „Danke, Tante Alexis!" In dem Moment lag ihr das kleine Mädchen schon um den Hals.
Zwei Stunden später lagen die Kinder – fast übereinander- in Sarah Grace' Zimmer und schauten gebannt irgendeinen Kinderfilm. Mittlerweile war aus der Nachmittagsparty eine Übernachtungsparty geworden- hauptsächlich, weil ihr Dad darauf bestanden hatte. Da aber alle arbeiten mussten am nächsten Tag, blieb Kevin allein mit den Kindern zurück. Alexis sollte die Rasselbande am nächsten Tag abholen und mit ihnen in den Zoo gehen. Sie hatte noch beim Abwasch geholfen, weshalb sie die letzte war, die ging. „Danke für alles, Kevin und danke für die Einladung", sagte sie zum Abschied mit einem Lächeln. Die Party war wirklich eine tolle Ablenkung gewesen. „Ich muss mich bedanken für die Hilfe und das großartige Geschenk. Ich hab' Sarah Grace schon lange nicht mehr so glücklich gesehen."
Was folgte, zumindest kam es Kevin so vor, war einer von diesen eigenartigen Momenten, in denen man etwas sagen will, aber nicht weiß wie und wann. Alexis war bereits beim Treppenabsatz und er hatte fast die Türe geschlossen, als es doch noch irgendwie aus ihm hinaus sprudelte: „Ähm, Alexis?" Die junge Frau drehte sich mit einem Lächeln auf den Lippen zu ihm um und sag ihm fragend in die Augen. „Ich...äh...Willst du vielleicht einmal einen Kaffee mit mir trinken. Ich mein - also...du musst nicht. Nur, ich hab'...ich glaub'..."- „Gerne. Du hast ja meine Nummer! Wir sehen und morgen" Mehr als ein erleichtertes Lachen brachte er in diesem Moment nicht zustande. Als er die Türe hinter sich geschlossen hatte, begann sein Herz zu rasen. Einatmen, ausatmen. Was war das? Kurzschluss. Ein Date. Ein Date mit Castles Tochter. Er war quasi tot. Castle würde ihn umbringen. Doch nicht einmal das konnte ihn aus seinem Stimmungshoch reißen. Nachdem er einen letzten Blick in das Zimmer geworden hatte, legte er wie jeden Abend Sinatra auf, schlüpfte aus seinem T-Shirt und legte sich in sein Bett. Das letzte was er -wie jeden Abend sah- war das Familienfoto auf seinem Nachtkästchen.
Der nächste Tag begann chaotisch. Vier Kinder mussten angezogen werden und auf die Übergabe vorbereitet, was dazu führte, dass er im Endeffekt fast 15 Minuten zu spät- und unrasiert- im Büro war. Die Lifttür öffnete sich und das erste was er hörte war Becketts Stimme „Kevin, Kommst du bitte". Mit einem Seufzen steuerte er das Büro „Becket, es tut mir leid..." mitten im Satz merkte er, dass er nicht alleine war. Vor ihm saßen noch zwei Männer in schwarzen Anzügen. FBI. Keine Frage. Und sicher kein gutes Zeichen. Sein verwirrt- misstrauischer Blick musste auffällig gewesen sein. „Kevin, ich wollte es ihnen ausreden..." „Detective, wir brauchen sie."
