Zweites Kapitel, in dem Harry seinem Namen keine Ehre macht

Es war, als wäre er in seine Schulzeit zurückversetzt.

Er befand sich in einem vorkrieglichen Hogwarts!

Das durfte doch nicht wahr sein!

Es fehlte nichts: Die sich bewegenden Ritterrüstungen, der Blick auf die Ländereien durch die gotischen Fenster, die Schüler, die Scharenweise durch die Gänge liefen und redeten und lachten und mit ihren Besen zum Quidditch unterwegs waren.

Nach einer kurzen Schockstarre fielen Harry dann aber auch die Unterschiede auf: die Ritterrüstungen schienen elektrisch betrieben zu werden, der Blick auf die Ländereien war aufgemalt und die Schüler waren zum großen Teil viel zu alt, um wirklich Schüler zu sein.

Außerdem schienen diese Menschen auffallend häufig rote Haare, braune buschige Haare oder Hakennasen mit fettigem schwarzen Haar zu haben. Und der Gang führte bald in eine größere Halle.

Was war hier los?!

Plötzlich wurde Harry von hinten gepackt. Erschrocken drehte er sich um. Hinter ihm stand Alice und grinste ihn an.

„Boah, zum Glück bist du noch reingekommen. Die haben gerade die Tore für Leute ohne Ticket geschlossen! Komm, die anderen gucken beim Quabble zu. Daniel wollte sogar mitmachen. Aber das dauert ja viel zu lange, wir wollen doch alles sehen!"

So trottete Harry stumm hinter der plappernden Alice her und fragte sich nicht zum ersten Mal, ob er Halluzinationen hatte.

Und dann stand Harry vor einem großen Feld, das mit Kunstrasen ausgelegt war. Auf dem Rasen liefen Leute hin und her und hatten Besen zwischen den Beinen stecken. Aber diese Besen flogen nicht. Sie steckten nur nutzlos da und mussten von den Spielern mit einer Hand festgehalten werden. Die Leute, in verschiedenfarbene Umhänge gehüllt, warfen sich Bälle zu oder in Ringe hinein. Plötzlich wurde Harry angerempelt. Als er sich umdrehte, stand hinter ihm ein junger Mann, der ihm zuzwinkerte.

„Versteck mich!", flüsterte dieser Harry zu und zeigte ihm einen langen Strumpf, der an seinem Gürtel hin und in den etwas rundes gestopft worden war.

Bevor Harry etwas Verdutztes erwidern konnte, wurde der Strumpf schon von einem Dritten aus dem Gürtel gerissen und das Spiel wurde abgepfiffen. Anscheinend hatte die in rote Umhänge gehüllte Mannschaft gewonnen, weil deren Finder den Strumpf, alias Schnutz gefangen hatte.

Verwirrt wurde Harry von seinen Begleitern weiter geschleift.

„Ich will unbedingt in den Zaubertränke-Kochkurs", meinte Vampir-Mike.

„Och nee, kochen? Da kann ich mir hier definitiv Spannenderes vorstellen!", erwiderte der rothaarige Kevin.

„Ich fände das ganz spannend", meinte Alice, „würde mich interessieren, was die da für Ideen haben."

„Auf keinen Fall", mischte sich Daniel ein, „da werden ja wohl kaum echte Zaubertränke gemacht. Außerdem durfte ich gerade beim Quabble nicht mitmachen, weil das angeblich zu lange dauert. Von wegen, nach einer Viertelstunde war der Schnutz gefangen. Und jetzt wollt ihr einen Kochkurs belegen? Der dauert doch mindestens ein paar Stunden!"

„Tja, da steht's zwei zu zwei, was meinst du Harry?", fragte Alice.

Harry, der nur mit einem Ohr zugehört hatte, weil er von den bunt kostümierten Menschenmassen abgelenkt wurde, zuckte ratlos mit den Schultern. „Zaubertränke war noch nie mein Fach..."

Damit war die Sache entschieden. Harrys vier Begleiter entdeckten aber kurz darauf ein Plakat, auf dem zu einem Maxwell Prudence-Kostüm-Wettbewerb eingeladen wurde. Da die Anmeldefrist in einer Viertelstunde enden sollte, rannte die Gruppe los und Vampir-Mike hatte seine Trauer schnell vergessen.

Da Harry nichts besseres zu tun hatte und ehrlich gesagt etwas verunsichert war, rannte er mit.

Sie kamen an einem Tresen an, an dem sich wohl die Teilnehmer des Wettbewerbs registrieren konnten und stellten sich in die Schlange der wartenden Menschen.

„Ich werde keine Chance haben", maulte Alice, während sie ein anderes Mädchen ein paar Leute weiter vorne betrachtete. Das Mädchen hatte langes, lockiges Haar und eine Robe, die sehr eng anlag und wenig der Fantasie überließ.

„Wofür registriere ich mich hier eigentlich?", fragte Harry, der nicht länger im Dunkeln tappen wollte.

„Na, für den Kostümwettbewerb! Ich glaube, du hast super Chancen, als der beste Maxwell Prudence gekürt zu werden. Dein Kostüm ist total genial!", half Kevin wenig hilfreich weiter. Harry wusste noch immer nicht genau, um was es hier ging.

„Und du machst deinem Namen keine Ehre!", sagte Vampir-Mike und die Freunde brachen in Gelächter aus. Harry verstand gar nichts.

Schließlich kam die Gruppe bei dem Registrierungstisch an und sie wurden nach ihren Namen gefragt und für welchen Wettbewerb sie antreten wollten. Harry war etwas unwohl bei der Sache. Er wollte eigentlich nicht mit seinem Namen hausieren gehen. Erstrecht nicht, wenn ihn hier alles an seine Schulzeit erinnerte und er damit rechnen musste, dass lauter umstehende Personen etwas mit seinem Namen anfangen konnten.

Allerdings war Harry noch nie schlagfertig gewesen und als er an die Reihe kam, konnte er nur schnell „Äh, Severus Snape, ich mache bei... äh... Maxwell Prudence mit?" stottern. Dann musste er seinen Namen dem Mädchen hinter dem Tisch noch einmal buchstabieren.

Alice prustete los, als sie ein paar Meter entfernt kurz anhielten. „Was ist das denn für ein Name!? Ich dachte, du heißt Harry?"

„Äh, ja, Harry ist mein zweiter Vorname, ich nehme den meistens, weil Severus so bescheuert klingt...", improvisierte Harry panisch.

„Das kann man wohl sagen", grölte Vampir-Mike, „was haben sich deine Eltern denn bitte dabei gedacht?!"

„Ey, Mike, lass seine Eltern aus dem Spiel. Er kann sie wohl kaum noch fragen", wies Alice den Vampirverschnitt zurecht.

Um von dem unangenehmen Gespräch abzulenken ging Harry auf einen Süßigkeitenstand zu und besah sich, was er hier für Leckereien erwerben konnte. Er war kaum noch überrascht, als er jede Menge Süßes entdeckte, das ihm vage bekannt vorkam. Schließlich entschied er sich für eine Zuckerstange, die wie ein Besen geformt war.

Gerade lutschte Harry genüsslich an dem Borstenende, als er zusammenzuckte. Eine Person stand genau neben ihm und brüllte in ein Megaphon. „DIE TEILNEHMER ZUM KOSTÜMWETTBEWERB FÜR ARNUST COLE WERDEN GEBETEN, SICH ZUM EINGANG DER BÜHNE ZU BEGEBEN! DIE TEILNEHMER FÜR ARNUST COLE!"

„Das bin ich!", juchzte Vampir-Mike und fetzte davon.

„Kommt", sagte Kevin, „Lasst uns unter die Menge mischen und ordentlich Stimmung für Mike machen."

Sie machten sich auf den Weg, konnten vor der Bühne allerdings keine Sitzplätze mehr ergattern und mussten sich hinter die Plastikstuhlreihen stellen.

Ein Moderator trat auf die Bühne und klärte über die Modalitäten auf. Die Kandidaten sollten nacheinander auf die Bühne kommen, möglichst eine Kleinigkeit zu sich selbst sagen und dann ihre verkörperte Figur so gut wie möglich darstellen. Das Publikum sollte für seine Favoriten jubeln und die Kandidaten mit dem meisten Applaus würden gewinnen. Dafür stand ein Applausometer zur Verfügung.

„Kommen wir nun dazu, was ihr heute gewinnen könnt!", strahlte der Moderator, „Die dritten Plätze erhalten eine von Dino Goodluck persönlich signierte Graphic Novel. Und nicht nur irgendeine Ausgabe! Nein! Es ist die erst in einer Woche im Handel erscheinende 34. Folge von Maxwell Prudence!"

Das Publikum brach in Jubel aus. Wenn das schon der dritte Preis war, was würde es dann wohl auf den vordersten Plätzen geben?

„Die Zweiplatzierten erhalten ebenso diese Graphic Novel, sowie einen Eintrittsgutschein für die nächste Convention, die nächstes Jahr in San Francisco stattfinden wird."

Wieder brandete Jubel auf.

„UND DER ERSTE PREIS", rief der Moderator in das Mikrophon, „IST ALL DIES UND - EIN MEET AND GREET MIT DINO GOODLUCK!"

Die Masse explodierte förmlich. Überall warfen die Leute Hexenhüte und teilweise sogar Besen in die Luft und Harry wurde beinahe taub, als Alice in sein rechtes Ohr kreischte.

„OH MEIN GOTT! Ich hoffe so sehr, dass ich gewinne! Ein Treffen mit Dino Goodluck! Ich glaube, ich würde ohnmächtig werden! Er sieht sooo gut aus!"

Auch Daniel und Kevin hatten rote Wangen bekommen. Aber Harry bezweifelte, dass sie die gleiche Motivation wie Alice hatten.

Der Moderator bat nun den ersten Kandidaten des Abends auf die Bühne. Auch dieser junge Mann erinnerte Harry etwas an einen Vampir und so vermutete er, dass Mike es mit seinem Arnust Cole-Kostüm wohl recht gut getroffen hatte. Der Kandidat rief „Du machst deinem Namen keine Ehre" ins Mikrofon und erntete höflichen Applaus.

Harry verstand nicht viel von den Vorgängen. Doch als Mike auf die Bühne trat und „Forever!" in das Mikrophon hauchte, jubelte er genau so laut wie seine neuen Freunde. Auch das restliche Publikum schien angetan und Mike konnte schließlich strahlend den Gewinn für den dritten Platz entgegennehmen.

Anschließend war Alice an der Reihe, die in der Kategorie „Frowine Reglin" antrat. Jedoch musste sie sich genau wie Kevin in dem Kostümwettbewerb für „Lorcan Deren" anderen Teilnehmern geschlagen geben.

Dann wurde Harry von Daniel mitgeschleift, da sie beide in der Hauptkategorie Maxwell Prudence antraten. Sie versammelten sich mit den anderen Teilnehmern in einem kleinen Raum neben dem Bühneneingang.

Eine junge Frau rief sie einzeln auf und gab ihnen ihre Startnummern. Harry stutzte, als sie nach „SEVERUS!" rief, erinnerte sich aber schnell genug an seine Notlösung, um die Nummer Fünf entgegen zu nehmen. Er rief sich immer wieder selbst zur Ordnung. Wo hatte er sich hier nur hineingeritten? Er nahm an einem Kostümwettbewerb teil, für eine offensichtlich fiktive Person, von der er noch nie gehört hatte! Nun, er war Harry Potter und würde das durchziehen.

Glücklicherweise hatte Daniel die Nummer vier und Harry konnte ihn beobachten, wie er auf die Bühne stiefelte und seinen Zauberstab wild herumfuchtelte. Das Publikum schien mittelschwer begeistert.

Und dann war Harry an der Reihe. Mit klopfendem Herzen ging er die kleine Treppe zur Bühne hoch und machte sich auf den Weg zum Mikrofon.

„Ähm... hallo", stammelte Harry, „äh, mein Name ist... Severus Snape... ja..."

Dann trat er zurück, nahm seinen Zauberstab und fuchtelte ihn ebenso wie Daniel.

Das Publikum jubelte wild auf und zu spät bemerkte Harry, dass ihm durch seine Anspannung ein paar bunte Funken aus seinem Zauberstab entwichen waren.

Sein Schicksal war besiegelt.

Harry kam auf den ersten Platz.

Der Moderator rief nun die Sieger der anderen Kostümkategorien auf die Bühne und verkündete, dass sie nun von Dino Goodluck abgeholt werden würden.

Das Publikum wurde muchsmäuschenstill. Dann fing es überall an zu tuscheln und zu raunen.

„Meine Damen und Herren, macht euch bereit! Hier ist er, der Schöpfer unserer erhörten Träume, der Künstler unserer wildesten Phantasien! DINOOOO GOOOODLUUUCK!"

Die Menge tobte, als vom anderen Ende ein blonder Mann die Bühne betrat. Er winkte strahlend ins Publikum.

Dann wandte er sich den Gewinnern des Wettbewerbs zu. Seine Augen glitten über die Gesichter und blieben schließlich auf Harry hängen.

Die Welt schien still zu stehen. Harry wusste nicht, ob das Publikum aufgehört hatte zu jubeln, oder ob er es einfach nur nicht mehr hörte.

Und auch Draco Malfoy schien genau so geschockt zu sein wie er. Denn niemand anderes stand da vor ihm und starrte ihn mit geweiteten Augen an.