Drittes Kapitel, in dem Harry keine Ahnung von Sterndeutung hat

Harry wurde von der Stimme des Moderators aus seiner Schockstarre gerissen, der nun anfing einem bleichen Draco Malfoy die Gewinner vorzustellen. Malfoy schüttelte jedem die Hand, schien aber nicht wirklich anwesend zu sein.

„Und das ist, wie du siehst, unser Gewinner in der Hauptkategorie, Severus Snape."

Ein ersticktes Gurgeln ertönte aus Malfoys Kehle. Dann schien er sich jedoch wieder zu fangen und streckte Harry die Hand entgegen. „Äh... hallo... Severus", stammelte er und betonte den Namen entgeistert.

Harry schüttelte ebenso fassungslos die dargereichte Hand. „Hallo, Mal... äh... hallo."

„Dino Goodluck", sagte Malfoy.

„Ha ha ha", lachte der Moderator, „keine Sorge, Dino, hier kennt jeder deinen Namen. Unser Severus hier, ist wohl nur etwas aufgeregt, sein Idol zu treffen."

Anschließend scheuchte der Moderator alle von der Bühne um sich in einem Hinterzimmer dem Meet and Greet zu widmen, da nun eine Fanband mit dem Namen „Maxwell and the Jumping Oaks" auftreten sollte.

Harry fand sich immer noch halb betäubt in einem Raum mit Sofaecke wieder. Irgendwie war er auf dem Sofa zwischen dem Vampirverschnitt und dem Mädchen mit der engen Robe gelandet, während der rothaarige Sieger auf einem Sessel gegenüber von Malfoy platziert wurde.

„Das ist so aufregend", hauchte das Mädchen und klimperte mit den Augen. Sie hatte es geschafft, den Platz direkt neben Malfoy zu ergattern und streckte nun die Hand aus, um seinen Arm zu tätscheln.

„Vielleicht fangen wir erstmal nochmal mit... euren Namen an", sagte Malfoy und beugte sich etwas von dem Mädchen weg, „in der Aufregung konnte ich die nicht alle behalten."

Die Gruppe kicherte verlegen.

„Ich bin Marilla", fing das Mädchen sofort an. Der rothaarige Junge stellte sich als Dustin vor und der Vampirverschnitt hieß Matt.

Dann ruhten alle Augen auf Harry.

„Äh, also, ich bin... Severus", Malfoy räusperte sich unbehaglich, „aber... äh... mein zweiter Vorname ist Harry und deswegen könnt ihr mich auch so nennen..."

„Gut, ähm", fing Malfoy an, „also bei diesem Meet and Greet habt ihr die Möglichkeit, mich alles zu fragen, was ihr schon immer über Maxwell Prudence wissen wolltet. Wir haben ungefähr eine halbe Stunde Zeit. Dann muss ich zur Autogrammstunde."

„Dino Goodluck ist doch ein Künstlername, oder? Wie heißt du denn in Wirklichkeit?", plapperte Marilla los und Dustin und Matt nickten zustimmend. Harry sah Malfoy ebenso gespannt an.

„Also, ich... ja, Dino Goodluck ist ein Künstlername. Aber meinen echten Namen halte ich aus privaten Gründen aus der Öffentlichkeit zurück." Dabei sah er Harry direkt an.

„Ich würde gerne wissen, ob ein weiteres alternatives Universum geplant ist. Zum Beispiel eins, in dem Arnust Cole der Stiefvater von Maxwell wird", schlug Matt vor.

„Oah, das wäre soo toll!", quietschte Marilla und schon war eine lebhafte Diskussion in Gange, welche alternativen Möglichkeiten die Graphic Novel bot und welche Stolpersteine es gab, die Logiklöcher hervorrufen könnten.

Irgendwann stieß Matt Harry an, „Hey, sag doch auch mal was! Du bist so still. Willst du Dino nicht auch was fragen?"

Alle sahen Harry gespannt an. Auch Malfoy hatte die Lippen angespannt aufeinandergepresst.

„Ähm, jaah...", Harry suchte verzweifelt nach einer unauffälligen Frage, aber je panischer er nachdachte, desto weniger fiel ihm etwas ein, „also... Dino... Wer ist... Maxwell Prudence?", platzte es schließlich aus Harry heraus und dann kam noch ein, „Und was zur Hölle geht hier vor?", aus ihm herausgeschossen.

Die Gruppe starrte ihn verwirrt und teilweise (Marilla) empört an.

Nur Malfoys Wangen hatten sich verschämt gerötet. Schließlich räusperte er sich in die Stille. „Voll gut, genau so etwas würde Maxwell sagen. Du machst das echt gut...", sagte er schließlich nervös. „So, jetzt muss ich leider los zur Autogrammstunde. Es war echt nett, euch alle kennenzulernen."

Und damit floh Malfoy aus dem Raum.

Als Harry wenige Minuten später noch immer leicht verdattert aus dem Backstagebereich trat, wurde er sofort von seinen neuen Freunden umringt, die ihn begeistert mit Fragen über das Treffen mit Dino Goodluck überfielen.

„Alter! Wie hast du das vorhin eigentlich mit deinem Zauberstab gemacht?!", rief Daniel, „Das sah mega echt aus!"

„Riecht Dino genau so gut, wie er aussieht?", fragte Alice gespannt.

Harry antwortete auf alle Fragen recht einsilbig und meinte schließlich, dass er seine Eindrücke erst einmal selbst verarbeiten müsse.

„Hast du schon in den neuen Comic reingelesen?", fragte Vampir-Mike, „Er ist mega gut. Wenn es hier nicht so viel zu entdecken gäbe, würde ich längst in einer Ecke sitzen und schmökern!"

Das rief Harry auf den Plan. Jetzt konnte er vielleicht endlich herausfinden, was es mit Maxwell Prudence auf sich hatte.

Harry schlug das Heft, das er seit seinem Gewinn auf der Bühne in der Hand gehalten hatte, auf und begann zu lesen.

Was er dort sah, war kaum zu glauben. Dort starrte ihn sein eigenes Gesicht an. Na gut, nicht sein eigenes, sondern das von „Maxwell Prudence", das vielleicht etwas scharfkantiger war. Die Frisur lag vielleicht etwas ordentlicher und mehr Muskeln hatte er eindeutig auch. Aber es war doch Harrys Gesicht. Mit Blitznarbe, Brille und dichten Augenbrauen.

Und Maxwell lebte offensichtlich in einer Zaubererschule, in der er mit seinen Freunden Abenteuer erlebte, die Harry mehr als bekannt vorkamen. Die Geschichten waren nicht exakt wie das, was Harry erlebt hatte. Aber wie sollten sie auch. Malfoy kannte schließlich nicht jedes Detail. So ging er offensichtlich davon aus, dass der „Tygriscaput"-Gemeinschaftsraum durch eine steinerne Wand zu erreichen war, so wie es bei den „Anguiscaudas" der Fall war... Das durfte doch nicht wahr sein... Malfoy hatte sein Leben in einem Comic verwurstet! Und fürchterliche alternative Namen hatte er sich auch noch ausgedacht...

„Kommt, drüben ist die Autogrammstunde von Dino Goodluck", wurde Harry schließlich aus seinen Gedanken gerissen, „Wir sollten schauen, dass wir nicht allzu lang anstehen müssen."

Harry lief den anderen wie ferngesteuert nach und achtete kaum auf den Weg. Was war nur geschehen, dass Malfoy anscheinend in der amerikanischen Muggelwelt eine Berühmtheit geworden war. Und das mit Zeichnungen, die auf Harrys Leben aufbauten...

Sie stellten sich an eine Menschenschlange an, die bereits recht lang geworden war und Harry hatte keinen blassen Schimmer, was er tun sollte, wenn er an der Reihe war, sein Autogramm abzuholen. Er entschied sich, diese Entscheidung zu fällen, wenn es so weit war. Wie es derzeit aussah, konnte das noch eine Weile dauern.

„Leute, ich bin so aufgeregt. Wisst ihr, dass ich noch nie jemand Berühmtem begegnet bin?", fragte Alice.

„Zumindest von dem du weißt", sagte Vampir-Mike.

„Hä?"

„Vielleicht bist du schon berühmten Leuten begegnet und wusstest nur nicht, dass sie berühmt sind oder hast sie einfach nicht erkannt", erläuterte Mike.

Harry schaute unwohl in eine andere Richtung.

„Egal, was soll ich nur machen, wenn ich vor ihm stehe? Guckt mal, meine Hände zittern schon total!", rief Alice verzweifelt aus.

„Beruhige dich", meinte Daniel, „Denk einfach daran, dass du heute Frowine bist. Erinnerst du dich noch, was sie gemacht hat, als sie ganz neu auf Ratmole war und dem Troll im Kerker begegnet ist? Sie hat all ihren Mut zusammengenommen und ist ihm entgegengetreten. Obwohl sie fürchterliche Angst hatte, wusste sie, dass sie ihre Freunde beschützen musste."

„War das nicht anders rum?", fragte Harry und erntete stirnrunzelnde Blicke, „Na ja, ähm, Frowine hat doch in der Toilettenkabine geweint, während Maxwell und... der andere... den Troll bekämpft haben."

„Du ergibst überhaupt keinen Sinn, Alter", sagte Kevin, „die werden ja wohl kaum in England eine andere Version veröffentlicht haben."

„Ähm, ich glaube, ich muss die ersten Hefte nochmal lesen", meinte Harry schnell mit einem nervösen Lachen.

Den Rest der Wartezeit blieb er lieber still. Wer wusste schon, was Malfoy noch alles verändert hatte. Womöglich waren Crabbe und Goyle klug und Snape ein fairer Lehrer... Oder die Zentauren waren blutrünstige Monster. Das war genau das, was er Malfoy zutrauen würde.

Deswegen warf er schließlich doch noch ein, „Zentauren... stimmts?", ein. Was ihm verwirrte Blicke, aber auch eine lebhafte Diskussion über Sterndeutung bescherte. Diese Muggel wussten Dank Malfoys Comics offensichtlich besser über die Bedeutung der Sterne bescheid, als Harry selbst...

Endlich war Mike, der ganz vorne stand, als erstes an der Reihe, sein Autogramm von Malfoy abzuholen und Harry wurde unwohl, als er immer weiter auf den Schreibtisch zutrieb.

Und dann standen sie voreinander.