Kapitel 1: Eine vielleicht nicht ganz so verrückte Idee
Sie rannte durch dunkle Korridore. Irgendwas war falsch. Ihr Atem rasselte durch ihre Lungen, während sie verzweifelt nach einem Versteck suchte. Sie wusste nicht wo sie war und auch nicht wie sie dort hingekommen ist, aber es stand fest, dass sie von etwas verfolgt wurde.
Blanke Panik machte sich in ihr breit. Sie wusste nicht wohin sie gehen sollte.
Plötzlich war dort eine Türe, rechts von ihr. Groß und massiv blickte die Türe auf sie hinab. Sie überlegte nicht lange, packte den Griff und stürzte hinein. In dem Raum war ein Mann. Schokoladenfarbenes Haar, dunkle Augen, Augenringe. Die Augen milchig weiß, als ob er blind wäre, der Mund voll spitzer Zähne. Die Gliedmaßen bereits in die Länge gewachsen. Sein Atem stank nach verrottendem Fleisch. Er saß da und beobachtete sie durch seine milchigen Augen. Immer bereit, sich auf sie zu stürzen, wenn sie es auch nur wagte sich zu bewegen.
Sie hatte Angst. Und ein schlechtes Gewissen. Sie wusste nicht was er hier tat, aber ihr Herz krampfte sich bei seinem Anblick schmerzhaft zusammen.
Samantha Giddings wachte nass geschwitzt in ihrem Bett auf.
„Scheiße…" fluchte sie und fuhr sich über ihre schweißnasse Stirn. Sie stand auf, war immer noch wacklig auf den Beinen, und trottete langsam in das Badezimmer.
Im Spiegel blickte sie auf eine junge Frau die, dicke Tränensäcke unter ihren Augen trug. Ihr blondes Haar stand ihr zu allen Seiten vom Kopf ab. Sie wusch sich kurz mit kaltem Wasser durch ihr Gesicht und trank einen Schluck Wasser aus dem Hahn.
Das brauchte sie jetzt.
Es war jetzt ein halbes Jahr her, dass sie zusammen mit den anderen an Hannahs und Beths Todestag, zur Lodge gefahren war.
Sie konnte sich noch an jede Einzelheit dieses Abends erinnern. Wie sollte sie es auch nicht tun?
Jede Nacht raubten Alpträume ihren Schlaf. Sie erlebte den Abend und die Nacht immer und immer wieder.
Immer wieder wurde sie von dem Psychopathen gejagt, der sich später als Josh herausstellte, und immer wieder musste sie das Tagebuch von Hannah lesen. Und immer wieder weinte sie sich deswegen in den Schlaf.
Den anderen ging es ähnlich. Chris fühlte sich betrogen von seinem besten Freund und hatte dabei zusehen müssen, wie ein Mann von einem dieser Monster enthauptet worden war. Ashley litt unter immer wiederkehrenden Panikattacken und hatte sich selbst in eine Psychiatrie eingewiesen, in der Hoffnung so ihre traumatischen Erlebnisse mit Chris, verarbeiten zu können.
Jessica war in psychologischer Behandlung, sie war, neben Chris, die einzige die wirklich große körperliche Verletzung neben den geistigen davongetragen hatte. Wie sich später herausgestellt hatte, litt sie an einer Unterkühlung, mehreren gebrochenen Rippen und einem verstauchten Knochen, vermutlich durch den Sturz mit dem Aufzug.
Emily nahm die ganze Sache deutlich besser auf, als alle anderen. Sie war zwar in psychologischer Behandlung, ging allerdings wieder zum College, mit Matt hatte sie Schluss gemacht. Irgendwas war zwischen den beiden vorgefallen, allerdings weigerte Matt sich, darüber zu sprechen. Wenn man Emily darauf ansprach, reagierte sie mit einer Schimpftriade.
Matt ging es auch vergleichsweise gut. Er ging auch zum College, brauchte noch nicht einmal psychologische Betreuung. Er war nach eigenen Aussagen einige Male bei einem gewesen, allerdings hatte dieser ihm schnell klar gemacht, dass er keinen Psychologen benötigte, er sich aber gerne melden könnte, wenn es ihm schlechter gehen sollte.
Mike war ziemlich mitgenommen. Nach den Ereignissen war auch er in Behandlung, flüchtete sich aber viel zu oft in Alkohol. Er litt unter immer wiederkehrenden Alpträumen und hatte große Angst vor Dunkelheit. Außerdem gab es sich die Schuld dafür, dass Josh von einem Wendigo entführt wurde.
Sam selbst war auch in Behandlung, wie fast jeder ihrer Freunde. Sie hatte zu einigen nur noch spärlich Kontakt, beispielsweise Emily, aber mit anderen, wie Chris oder Mike, hatte sie noch regen Kontakt. Mit Chris traf sie sich sogar einmal in der Woche, sie nannten es immer ihr „Heilungstreffen". Sie mussten über die Geschehnisse in den Minen reden, konnten es aber bei ihren Psychologen nicht, die wollten ihnen dann immer erzählen, sie müssen wohl halluziniert haben.
Sie wusste doch was sie gesehen hatte! Sie hatte sich das alles nicht eingebildet! Außerdem war Josh weg. Die Rettungsteams hatten ihn noch nicht finden können. Und langsam aber sicher, war auch sie sich nicht mehr so sicher, ob man ihn überhaupt noch finden würde.
Bob und Melinda waren gebrochen. Man sah es ihnen deutlich an.
Und dann war da noch sie selbst. Sie hatte wirklich daran geglaubt eine Verbindung zu Josh zu haben, ihn zu kennen, aber als er sie (NUR MIT EINEM VERDAMMTEN HANDTUCH BEKLEIDET) durch die Lodge gejagt hatte und später darauf bestand, dass das alles ja nur Spaß gewesen sei, da konnte sie sich nicht erklären, was in seinem Kopf vorgegangen sein muss.
Chris hatte ihr schon oft versucht zu erklären, dass er seine Tabletten nicht genommen hatte und Josh vermutlich noch die falschen verschrieben bekommen hatte, aber es wollte einfach nicht in ihren Kopf gehen, warum er ihr das angetan hatte.
Aus Rache, wegen dem Verschwinden seiner Schwestern? Wohl kaum, denn sie hatte mit dem dämlichen Streich überhaupt nichts zu tun gehabt. Ganz im Gegenteil: Sie hatte die anderen noch überreden wollen, den Streich nicht durchzuziehen, aber keiner hatte auf sie gehört.
Sie machte sich bis zum heutigen Tag Vorwürfe mit Schuld an dieser Misere zu tragen, schließlich hätte sie vehementer werden müssen, statt dabei zuzusehen, wie ihre beste Freundin gedemütigt wurde und anschließend ohne Jacke in den Schnee hinauslief.
In diesem Moment hatte sie noch daran geglaubt Hannah wiedersehen zu können und ihr beizustehen und ihr vielleicht auch mal den Kopf Mike bezüglich zu waschen.
Aber zu diesen Dingen sollte es nie kommen, denn stattdessen war sie zu einem Menschenfressenden Monstrum geworden.
Sie starrte in den Spiegel und sah ihre Augen immer dunkler werden. Die Gedanken kamen wieder zurück.
Josh war seit einem halben Jahr in den Minen. Wenn er überhaupt noch lebte, dann würde er bereits eines dieser Monster sein. Ihren Augen entfloh eine kleine Träne.
Sie war verzweifelt und wusste nichts mit sich anzufangen, denn Schuldgefühle drohten sie aufzufressen.
Wenn sie doch bloß nicht vorausgeklettert wäre. Wenn sie doch bloß bei Mike und Josh geblieben wäre, dann wäre das alles vielleicht nicht passiert.
Und hätte sie die anderen von diesem dämlichen Streich abgehalten, dann wäre nichts von alldem passiert. Sie wären zwar wie jedes Jahr zur Lodge gefahren, aber mit Hannah und Beth und natürlich Josh.
Stattdessen war ihre beste Freundin tot, genauso wie ihre Schwester und der Bruder der beiden verschollen. Alle ihre Freunde weg oder in Behandlung. Und keiner wollte sie verstehen.
Der einzige der auch nur ansatzweise ihren Kummer nachvollziehen konnte war Chris. Er hatte schließlich seinen besten Freund verloren. Auch wenn er sauer auf Josh gewesen war, als alles rausgekommen ist, er war immer noch sein bester Freund. Und außerdem war Chris der einzige der von Joshs Problemen und den Medikamenten gewusst hatte. Josh hatte sich allerdings zurückgezogen nach dem Verschwinden seiner Schwestern. Chris war seitdem nicht mehr an ihn rangekommen, er war wie ausgewechselt gewesen. Allerdings hatte Chris sich nicht vorstellen können, welches Ausmaß Joshs Krankheiten wirklich hatten.
Chris hatte ihr eines Abends, als sie sich getroffen hatten um über alles zu sprechen was vorgefallen war, erzählt, dass Josh an chronischen Depressionen litt. Er war in ärztlicher Behandlung seit er 11 Jahre alt war. Er hatte ihr auch gesagt, dass Josh ohne seine Tabletten ein ganz anderer Mensch war.
Bis heute konnten sie sich sein Verhalten auf dem Berg nicht richtig erklären, sie vermuteten allerdings, dass er falsch behandelt worden war.
Als Mike und Sam in den Minen bei Josh angekommen waren, war dieser komplett weggetreten gewesen. Er hatte halluziniert und große Angst. Er war ganz sicher nicht nur depressiv. Er hatte vermutlich all die Jahre mit einer Krankheit zu kämpfen gehabt, die keiner erkannt hatte und deswegen wurde ihm auch nicht geholfen.
Sam trottete zurück zu ihrem Bett und begab sich wieder in die mittlerweile kalte Decke. Sie hatte länger vor dem Spiegel gestanden als ihr lieb gewesen ist, aber das war ihr neues Leben nach den Vorkommnissen auf dem Berg. Sie dachte über die ganzen wenn's nach und das meist so lange, dass sie sich komplett in eine eigene Welt verlor, eine Welt in der noch alles heil war.
Am nächsten Morgen wachte sie bereits früh auf, sie hatte es nicht geschafft noch einmal richtig einzuschlafen und war deswegen stundenlang in einem Stadium zwischen wach und schlafend gewesen.
Sie packte zuerst auf den kleinen Nachttisch neben ihrem Bett, um an ihr Handy zu kommen.
Als der Bildschirm aufleuchtete, stellte sie fest, dass Chris ihr eine Nachricht geschrieben hatte:
„Wollen wir uns heute treffen? Ich hatte diese Nacht einen seltsamen Einfall…"
Sam antwortete ihm sofort und sagte dem Treffen zu. Sie schlug vor, dass er ja zu ihr kommen könnte.
Chris wohnte in einer WG mit zwei ziemlich schrägen Typen, die von Privatsphäre noch nie etwas gehört hatten. Die beiden platzten einfach immer ohne jegliche Vorwarnung in Chris' Zimmer und das wäre nicht von Vorteil, wenn sie da drin dann über Wendigos und Josh sprachen.
Sam bewegte sich langsam aus ihrem Bett, die Knochen schwer vor Übermüdung, aber sie musste sich jetzt zusammenreißen.
Nach einer kurzen Dusche, zog sie sich schnell etwas gemütliches an und ging in die Küche, um dort Kaffee zu kochen.
Sie wohnte alleine, eine WG war noch nie etwas für sie gewesen. Die meisten Menschen gingen ihr schnell auf den Leim, wenn sie andauernd mit ihnen zusammen sein musste. Deswegen hatte sie sich dazu entschieden, lieber etwas mehr Geld für die monatliche Miete auszugeben, als mit anderen Menschen zusammen zu wohnen.
Manchmal war es zwar sehr einsam und grade wenn ihr übermüdetes Gehirn ihr wieder einen Streich spielte auch besonders gruselig. Manchmal, da sah sie in den Schatten Wendigos vorbeischleichen und sie konnte noch genau ihre Schreie in ihren Ohren hallen hören.
Manchmal war ihre Angst so groß, dass sie sich in ihr Zimmer einschloss und mit Licht schlafen musste, weil sich sonst die Schatten in ihrem Zimmer zu Monstern verwandelten.
Sie lehnte sich gegen die Theke und genoss den Geruch von frisch gebrühtem Kaffee, der ihre Nase umschmeichelte.
Sie verweilte noch einige Minuten an dieser Stelle, entschloss sich aber dann etwas zu essen.
Als sie grade dabei war ihr Brot zu beschmieren, klingelte es.
Etwas aufgeschreckt eilte sie mit den Worten: „Komme schon!" zur Türe und fand Chris dort.
„Guten Morgen, Sam." Sagte er und lächelte sie an. „Ich hab Brötchen mitgebracht!" meinte er und schüttelte stolz die Tüte vor ihrer Nase hin und her.
„Hallo Chris!" begrüßte auch sie ihren Freund und trat zur Seite, damit er eintreten konnte.
Sie deckten so schnell es ging den Tisch für sich und setzten sich anschließend.
„Also," fing Sam seufzend an, „wie geht es Ashley? Ich mache mir ein wenig Sorgen, weil du gesagt hast, dass es ihr in letzter Zeit schlechter ging."
Chris' Stirn legte sich in Falten und er erwiderte: „Sie haben ihr die falschen Pillen gegeben und es zu spät bemerkt!" seine Hand ballte sich zu einer Faust, „So wie bei Josh! Zum Glück haben sie das aber rechtzeitig bemerkt. Ihr geht es jetzt, den Umständen entsprechend, gut."
Sam lächelte ihn warm an und sagte: „Das freut mich. Ich glaube sie hat es besonders schwer. Sie ist leicht überzustrapazieren. Außerdem hat sie sich ja die Schuld an der Sache mit Hannah und Beth gegeben."
„Warum ich eigentlich hier bin," begann Chris und kramte in dem Rucksack herum, den er mitgebracht hatte, „Ich hab was in so einem alten Buch über Indianer Stämme gefunden."
Er brachte ein altes, in Leder gebundenes Buch zutage und grinste triumphierend.
Er schlug eine Seite auf, die mit einem Lesezeichen markiert worden war.
„Hier!" Er drehte das Buch so, dass Sam erkennen konnte worauf er wies.
Es war eine Seite über Wendigos. Mit einem dicken, roten Strich markiert, war ein Unterpunkt mit dem Namen „Rettung eines, in einen Wendigo verwandelten Menschen".
„Was ist das? Woher hast du das überhaupt?" fragte Sam ihn verwirrt. Chris war nie der Typ für Bücher gewesen. Ashley war eine Sammlerin von alten Büchern gewesen, er mochte die Dinge allerdings lieber etwas digitaler und weniger rustikal.
„Ich konnte nicht schlafen und dann habe ich ein wenig recherchiert, über die ganzen Viecher und dann bin ich auf eine Auktion eines alten Indianers gestoßen, der den ganzen Kram seines Urgroßvaters verkaufte. Ich hab's mir geholt, als ich gesehen habe, dass auch etwas über Wendigos drinsteht." Erklärte Chris und wirkte dabei sichtlich stolz auf sich selbst.
Sam griff nach dem Buch und begann zu lesen:
„Heilung eines, in einen Wendigo verwandelten Menschen: Laut den Legenden, wird man nur dann zum Wendigo, wenn man Kannibalismus betreibt. Dann und nur dann, kann man von dem Geist eines Wendigos befallen werden. Das Herz wird zu Eis und man kann die Verwandlung nicht mehr verhindern. Man vergisst, dass man mal ein Mensch war. Allerdings kann man einen Menschen retten. Ich habe es selbst ausprobiert und es scheint zu funktionieren, es ist allerdings extrem gefährlich: Zwingt man einen Wendigo dazu heißen Talg zu trinken, so wird er dazu gezwungen sein Eisherz zu erbrechen und der Geist weicht von ihm. Es ist aber schwer, einen Wendigo überhaupt zu fangen und ihn zu fesseln. Er ist dem Menschen deutlich überlegen, viel schneller, stärker und wendiger. Man sollte also vorsichtig sein, wenn man vorhat jemanden zu heilen."
Sie starrte Chris mit großen Augen an und sagte dann: „Du hast doch nicht vor-?"
„Wir müssen zurück. Es hat keinen Sinn Josh dort zu lassen. Sie haben ihn immer noch nicht gefunden und wie ich in Erfahrung bringen konnte, sind zwei Polizisten nie mehr aus der Mine zurückgekommen. Sie wollen es aufgeben ihn zu finden. Melinda ist am Boden zerstört." Berichtete Chris und sah seine Freundin dabei erwartungsvoll an.
Ein Hauch Hoffnung zwängte sich in ihren Körper und sie nickte entschlossen: „Okay, machen wir es!"
Die beiden schmiedeten die ganze Nacht Pläne. Als die Sonne bereits wieder am Horizont glitzerte, stand ihr Plan fest: Sie wollten auch die anderen ins Boot holen.
Alle hatten schließlich ihren Teil zur Situation von Josh beigetragen und sie sollten wenigstens versuchen ihren Freund zu retten. Sie würden sich in der kommenden Woche vorbereiten und dann freitags zum Berg zurückkehren.
„Wir sollten jetzt erstmal ein paar Stunden Schlaf nachholen…"nuschelte Chris, der seinen Kopf auf dem Tisch abgelegt hatte.
Sam bejahte seinen Vorschlag und die beiden legten sich in Sam's Bett. Es war für die beiden nie ein Problem gewesen im selben Bett zu schlafen, sie waren schließlich Freunde und außerdem keine hormongesteuerten Teenager. Zu Anfang hatte Ash noch Bedenken geäußert, sie war ein ganz anderer Typ Mensch, aber Chris hatte ihr schnell klar gemacht, dass mit Sam niemals etwas laufen könnte.
Kaum hatten ihre Köpfe das Kissen berührt, da wurden sie auch schon ins Land der Träume gerissen.
Es war mitten in der Nacht als Sam auf einmal ein Klopfen an ihrem Fenster vernahm. Sie hatte grade für eine Klausur gelernt und war panisch aufgesprungen als sie das störende Geräusch vernahm.
„Josh?" fragte sie verwirrt als sie den Ältesten Washington Spross vor ihrem Fenster sah.
Schnell rannte sie zum Fenster und ließ Josh hinein. Es war eine warme Mainacht, aber trotzdem wirkte Josh als sei er fast erfroren.
Seine Haut war blass und seine Lippen bläulich, seine Augenringe waren gigantisch, er schien in den letzten Wochen kaum geschlafen zu haben.
„Was machst du hier?" fragte Sam nachdem Josh durch das Fenster geklettert war.
Er starrte sie einige Minuten aus toten Augen an und erwiderte: „Ich…Ich weiß es nicht."
Josh setzte sich auf den Boden und vergrub seinen Kopf in seinen Armen.
„Es ist zu viel, Sam." Hörte sie gedämpft.
Sam setzte sich direkt neben ihn und legte ihre Arme um Josh. Er wirkte so kraftlos, gar nicht mehr wie er selbst, sonst lachte er immer und machte Witze, sprühte nur so vor Energie, aber im Moment wirkte er als sei er nur eine Hülle, ein Schatten seiner selbst.
„Was ist zu viel?" flüsterte sie leise und verständnisvoll.
Sie spürte wie ein vibrieren durch seinen Körper ging ehe er anfing zu weinen.
„Ich hätte sie suchen müssen, verstehst du? Wenn ich damals nicht diese dämliche Challenge mit Chris gemacht hätte, dann wären sie jetzt noch da. Ich hätte sie gefunden und allen anderen ordentlich die Meinung gegeigt. Wir wären alle noch da, verstehst du?" Er brauchte eine Ewigkeit bis er alles erzählte hatte, wurde immer wieder von seinem Schluchzen aufgehalten. Er sah Sam mit vom Weinen roten Augen an, ehe er noch hinzufügte: „Du gibst mir sicherlich auch die Schuld daran, oder?"
Sam schluckte, sie hatte ihn noch nie so aufgelöst erlebt und hatte im ersten Moment nicht gewusst, wie sie reagieren sollte. Sie warf sich förmlich in seine Arme während auch ihr stille Tränen über die Wangen huschten: „Nein, Josh, auf keinen Fall! Ich hätte etwas tun müssen, hätte sie von diesem widerlichen Streich abhalten sollen! Du konntest doch damals nicht ahnen, dass so etwas passieren würde. Im Gegensatz zu dir, war ich bei vollem Bewusstsein!"
Die Schuldgefühle trafen Sam wie ein Lastwagen. Sie hätte es verhindern können, es war auch ihre Schuld, dass Josh jetzt völlig auf sich alleine gestellt war.
Bob und Melinda waren kaum noch zuhause, sie waren immer noch auf der Suche nach den Zwillingen und vergaßen dadurch, dass sie noch einen Sohn hatten, der gebrochener war als alle anderen. Und sie, Sam, hätte etwas daran ändern können. Heute konnte sie sich kaum erklären, wie sie diesen Streich zulassen konnte. Sie hatte doch gewusst, wie unsterblich verliebt Hannah in Mike gewesen war, sie hätte ahnen müssen, dass Hannah blauäugig mitspielen würde.
Aber stattdessen saß sie nun mit Josh weinend auf dem Boden.
„Du warst nur Hannah's und Beth's Freundin. Ich bin ihr großer Bruder, für solche Dinge sind große Brüder da, sie sollen die kleinen Beschützen und nicht betrunken in einer Ecke liegen und hoffen, dass nichts passiert." Sagte Josh bestimmt.
„Du bist nicht schuld, Josh. Dieser blöde Streich ist schuld!" Sam krabbelte zwischen Josh's Beine und bettete ihren Kopf auf seiner Brust. Sein Herz schlug schnell, aber es schlug. Sie war in diesem Moment so erleichtert gewesen, dass es schlug, dass wenigstens er noch da war.
Josh legte seine Arme um ihren Körper und drückte sie leicht an sich.
Die beiden brauchten noch lange Zeit bis keine Tränen mehr flossen und sie sich beruhigt hatten.
„Ich hoffe den anderen ist klar, was sie da gemacht haben." Sagte Josh mit vor Wut zitternder Stimme.
„Ich glaube, es ist ihnen klar. Chris hat gesagt, dass Ashley jeden Tag weint und auch die anderen wirken völlig verändert. Ich glaube sie bereuen es." Meinte Sam und sah in Josh's zorniges Gesicht.
Seine Züge entspannten sich ein wenig und er erwiderte: „Tut mir leid, ich habe die Fassung verloren."
Sam winkte ab und lächelte ihn verständnisvoll an: „Ich verstehe dich. Du kannst dir nicht vorstellen wie oft ich die anderen schon verflucht habe und ihnen das schlechteste der Welt gewünscht habe. Solange wir diese Gedanken nicht real werden lassen, ist es in Ordnung."
Josh seufzte und blickte sie liebevoll an: „Danke, Samantha. Ich wüsste nicht zu wem ich hätte gehen können."
Sie schmiegte ihren Kopf an seine Brust und meinte nur: „Ich danke dir, Josh. Ich wüsste nicht was ich ohne dich tun würde."
Sie fühlte sich in diesem Moment unglaublich Wohl. Was Josh nie gewusst hatte war, dass sie seit sie 14 war eine kleine Schwärmerei für ihn gehabt hatte. Außer Hannah hatte niemand etwas darüber gewusst. Sie hatte es ihr eines Abends beim „Wahl, Wahrheit oder Pflicht" -Spiel gesagt.
„Okay, Wahrheit!" hatte Sam damals gesagt, während sie mit Hannah und Beth in Hannahs Zimmer saßen.
Hannah überlegte kurz und grinste sie an: „Auf wen stehst du?"
Sam wurde augenblicklich rot, sie war damals vielleicht 15 gewesen und bat darum es Hannah zuflüstern zu dürfen.
Diese nickte aufgeregt und Sam flüsterte ihr hochrot den Namen ihres Bruders ins Ohr.
Hannah hatte schockiert reagiert und auch Beth wollte es anschließend wissen, Hannah hatte aber nie auch nur ein Sterbenswörtchen darüber verloren.
„Was findest du so toll an ihm? Er ist doch ein totaler Idiot!" hatte Hannah gefragt, als Beth in ihr Zimmer gegangen war.
„I-Ich weiß nicht so genau, ich finde ihn halt relativ gutaussehend und er ist witzig." Stammelte sich die 15-jährige Sam zusammen.
Hannah lachte und fuhr fort: „Und er ärgert uns immer! Er ist doch total gemein zu dir."
Hannah hatte nie gewusst, dass Josh oft zu Sam kam, wenn Hannah grade Duschen war, um ihr Gesellschaft zu leisten. Und sie hatte nicht gewusst, dass er sie einmal eine halbe Stunde lang in seinen Armen gehalten hatte, weil ihr Kaninchen gestorben war. Damals war sie ohne Vorankündigung bei den Washingtons aufgetaucht, Hannah und Beth waren allerdings mit Jessica und Emily shoppen, war wohl eine ziemlich spontane Aktion gewesen. Josh hatte ihr geöffnet und als er den Grund für ihren Besuch erfahren hatte, hatte er sie wortlos umarmt und ihr zärtlich über den Rücken gestreichelt. Das war der Moment gewesen in dem sie sich völlig hoffnungslos in den großen Bruder ihrer besten Freundin verliebt hatte.
Und genau mit diesem saß sie 4 Jahre später innig auf dem Boden.
„Ich vermisse sie." Sagte Josh plötzlich, „Das Haus ist wie ausgestorben. Ich fühle mich so alleine."
Sam kuschelte sich näher an ihn und erwiderte: „Ich vermisse sie auch. So sehr." Sie seufzte leise, „Aber du bist nicht alleine. Du hast mich, ich werde immer für dich da sein."
„Danke, Sammy." Flüsterte er leise und sie spürte wie er ihren Haaransatz küsste.
Völlig verwirrt wachte Sam auf und sah, dass Chris bereits aufgestanden war, sie hörte leise die Dusche.
Verwirrt und gleichermaßen glücklich streckte sie sich einmal. Es gab wenige Nächte in denen sie nicht von den Vorkommnissen auf dem Berg träumte, und diese Nacht war der Traum besonders schön gewesen.
War das ein gutes Zeichen?
„Guten Morgen, Dornröschen." Chris kam mit einem Handtuch auf den Haaren in das Zimmer hinein. Er benahm sich bei ihr, als ob er Zuhause wäre. Es war ja auch schon fast sein zweites Zuhause geworden. Er hatte in den vergangenen Monaten sehr viel Zeit mit Sam verbracht und zwischen den beiden hatte sich eine Freundschaft entwickelt, die sie nie für möglich gehalten hatte.
Sam hatte nie etwas gegen Chris gehabt, aber er war in ihren Augen immer der beste Freund von Josh oder Schwarm von Ashley gewesen. Mittlerweile war Chris ein wichtiger Bestandteil ihres Lebens geworden. Die beiden verbrachten extrem viel Zeit miteinander. Wenn Chris nicht bei Ashley in der Psychiatrie war, dann war er bei Sam oder die beiden telefonierten. Die beiden vertrauten sich blind und Sam war sehr froh, dass sie ihn hatte.
„Guten Morgen!" sagte Sam strahlend und stand auf.
„Oho, so gut gelaunt?" fragte Chris grinsend und die beiden gingen in die Küche, um sich einen Kaffee zu machen.
„Sagen wir, ich hatte einen angenehmen Traum." Erwiderte Sam selig lächelnd.
Chris ging zur Theke und lehnte sich daran, während Sam die Kaffeemaschine anschmiss.
„Du hast ein wenig geredet im Schlaf…" begann Chris geheimnistuerisch. Sam starrte ihn verwirrt an.
„Du hast von Josh geträumt, nicht wahr?" fragte er zart. Sam hatte Chris nie „offiziell" gesagt, dass sie in Josh verliebt war, aber sie ahnte dass er bereits Bescheid wusste.
Eigentlich war es relativ offensichtlich, wenn Sam so darüber nachdachte, Chris hatte schließlich fast jedes Treffen der beiden mitbekommen und manchmal hatte er seltsame Kommentare abgegeben.
„Habe ich dir schonmal erzählt, dass Josh eines Abends plötzlich vor meinem Fenster stand?" fragte Sam, während die Kaffeemaschine im Hintergrund fröhlich vor sich her gluckerte.
Chris schüttelte den Kopf. Dann erzählte sie davon, wie die beiden miteinander gesprochen hatten und dass Sam sich in diesem Moment sicher war, dass die beiden sich emotional sehr nahegekommen waren. Schließlich hatten beide große Verluste erlebt und sie verstanden den Schmerz des anderen besser, als jeder andere Mensch. Letztlich waren Sam und Josh auf dem Boden eingeschlafen und Sam hatte ihrer Mutter, die die beiden Arm-in-Arm aufgefunden hatte, erklären müssen was es damit auf sich hatte.
Chris hörte ihr die ganze Zeit zu und als der Geruch frischen Kaffees den Raum erfüllte, lächelte er sie an und meinte mit einem Hauch Nostalgie in der Stimme: „Er war schon ein feiner Kerl, oder?"
Sam stimmte stumm zu und begann anschließend den Kaffee in Tassen zu befördern.
Die beiden setzten sich an den Tisch und sahen auf ihren „Schlachtplan".
Chris hatte schon immer einen Faible zur Ordnung gehabt und so sahen sie auf ein ,feinsäuberlich mit einem Computer erstellten, Flussdiagram.
Ihr erster Punkt war mit den anderen zu sprechen.
„Hast du noch reinzufällig Kontakt mit Em oder Matt?" fragte Sam und sah Chris fragend an. Er war eigentlich nie sonderlich gut mit den beiden ausgekommen, allerdings hoffte Sam, dass sie die beiden kontaktieren konnten, ohne groß Aufsehen zu erregen. Es würde seltsam wirken, wenn die beiden plötzlich wieder in Kontakt mit Matt oder Em treten würden, ohne den tatsächlichen Grund dafür zu nennen.
Em würde sofort bemerken, dass etwas nicht stimmte, sie war schließlich nicht auf den Kopf gefallen und Sam bezweifelte, dass sie wieder mit zu den Mienen gehen würde. Matt wäre vermutlich bereit dafür. Auch wenn er nicht die hellste Birne am Leuchter war, so machte er das wett mit seinem großen Herz und seiner Gutmütigkeit. Sam hätte allerdings ein schlechtes Gewissen, wenn er herausfinden würde, was die wahre Intention hinter ihrer Nachricht sein würde.
„Nope. Du weißt… ich und Em sind ein wenig zu verschieden. Dasselbe gilt für Matt, ich meine: er ist ein guter Kerl, weißt du? Aber ich bin nie so richtig warm mit ihm geworden." Antwortete Chris und lehnte sich mit seiner Kaffeetasse in der Hand zurück.
Sam seufzte: „Ich weiß, dass wir jede Hilfe gebrauchen können, aber ich bin mir nicht so sicher, ob es so gut wäre, die beiden plötzlich in unseren Plan einzuweihen. Du weißt wie Em manchmal sein kann und bei Matt hätte ich irgendwie ein schlechtes Gewissen. Du weißt, dass er der einzige von uns ist, dem es einigermaßen gut geht. Ich möchte ihm das nicht kaputt machen." Sam legte die Stirn in Falten und seufzte laut auf. Sie wollte es ihm wirklich nicht kaputt machen, aber auf der anderen Seite wäre Matt eine große Hilfe: Er ist extrem sportlich und mutig, laut Jessica hatte er ihr extrem geholfen, als sie grade aufgewacht war. Und sie konnten wirklich jede Hilfe gebrauchen. Auch Em wäre eine extrem förderliche Person für die Gruppe. Auch wenn sie manchmal etwas biestig war, so hatte sie einen messerscharfen Verstand, allerdings sorgte sie sich die meiste Zeit mehr um sich selbst, als um andere.
„Wir versuchen es wenigstens, Sam. Sie können immer noch absagen, wir werden ihnen zu verstehen geben, dass keiner dazu gezwungen wird mitzumachen. Das ist schließlich fast so etwas wie eine Selbstmordmission." Erklärte Chris entschlossen.
Sam nickte ihm zu. Dann begab sie sich ins Bad, um sich fertig zu machen.
Was ihr viel größere Sorgen bereitete, als Matt und Em, war Ashley. Sie hatte Höllenqualen in dieser Nacht erlitten und es hatte sich gezeigt, dass sie ein unglaublich dünnes Nervenkleid besaß. Sie wusste nicht, ob Ashley überhaupt eine große Hilfe sein würde.
Als Sam wieder in die Küche kam, saß Chris immer noch am Tisch, allerdings mit seinem Handy am Ohr: „Oh, Süße, Sam ist grad gekommen, ich rufe dich später zurück, okay?"
Sam grinste ihn schelmisch an. Wenigstens war Joshs Plan mit seinem „traumatischen Ereignis um Ashley und Chris zusammenzubringen" geglückt. Es war herzerwärmend Chris dabei zu sehen, wie seine Augen strahlten, wenn er auch nur ihre Stimme hörte.
„Ashley?" fragte Sam lächelnd. Chris nickte: „Ja, ich hab' ihr von unserem Plan erzählt."
„Und?"
„Sie ist dabei. Sie meinte, sie wäre es Hannah und Beth schuldig."
AN: Sooo, und das war es auch schon. Ich bin extrem schlecht darin die Anfänge einer Geschichte in Worte zu fassen, wenn jemand ein paar Tipps für mich hätte, wie es mir leichter fallen könnte dieses Wirrwarr an Ideen in ein kurzes Einführungskapitel zu packen, dann wäre ich sehr dankbar.
Ich weiß, dass dieses Fandom schon fast ausgestorben ist, aber irgendwie lässt mich dieses Spiel und seine Geschichte nicht los. Wenn es Kritik daran gibt, wie ich die Charaktere aussehen lasse, dann lasst es mich doch bitte wissen. Ich bin immer offen für Kritik. Auch Hinweise auf Rechtschreib- oder Grammatikfehler sind gerne gesehen (schreibt einfach was euch besonders aufgefallen ist, es müssen keine exakten Zeilen sein, es geht nur darum, dass ich Bescheid weiß wo ich ungefähr suchen kann (z.B. Anfang, Mitte, Ende, Flashback etc.))
Vielen Dank, dass du meine Fanfiktion angeklickt hast und hoffentlich bis zu nächsten Kapitel.
Yoshio
