Erschöpft ließ er sich auf das weiche Polster sinken und schloss die Augen. Die Dursleys hatten ihn sehr früh zum Bahnhof gebracht mit den Worten, dass sie noch besseres zu tun haben als ihn, den Freak, zum Zug zu bringen. Doch Harry war das nur recht.
Ungesehen konnte er durch die magische Mauer gehen und sich bereits ein Abteil im Hogwartsexpress sichern. Außer ihm war noch keiner am Bahnsteig zu sehen gewesen. Keine nervigen Mitschüler, die ihn entweder mit Verachtung betrachteten oder gezielt ignorierten. Keine überfürsorglichen Freunde, die ihm um den Hals fallen würden.
Er wusste nicht, ob er das ertragen konnte. Ein Gutes hatte die Zeit bei den Dursleys immerhin: Sie versuchten nicht ihn zu trösten. Und besonders nicht mit körperlicher Zuneigung. So sehr er seine Freunde auch schätzte, ihm graute es nun schon vor Hermines überschwänglichen und Mollys erdrückenden Umarmungen. Seine aller erste väterliche Umarmung war damals von Sirius gekommen. Bei den Dursleys war er nie auch nur in den Arm genommen worden, nicht als Kleinkind und auch die restlichen Jahre nicht.
Als er dann die Zaubererwelt betreten und Hermine kennen gelernt hatte, hatte sich das schnell geändert. Seine muggelgeborene Freundin war sehr darauf bedacht ihn mit Umarmungen und freundschaftlichen Berührungen zu überschütten und hatte schnell die weiblichen Mitglieder der Weasleyfamilie mit ins Boot gezogen.
Kopfschüttelnd fragte sich Harry wie er die ersten elf Jahre seines Lebens ohne Hermine überstanden hatte. Innerhalb weniger Monate hatte die schlaue Hexe bereits im ersten Jahr herausgefunden, dass er geradezu ausgehungert nach menschlicher Nähe war.
Das erste Mal, als sie ihn umarmt hatte, war sein gesamter Körper erstarrt. Harry konnte sich noch genau erinnern, wie überrascht er gewesen war, als sich plötzlich schlanke Arme um seinen Hals gelegt und sich ein warmer Körper an ihn gedrückt hatte. Unbeholfen war er dagestanden. Überrascht. Erstarrt. Überfordert.
Sein Herz hatte einen Schlag ausgesetzt, bevor es mit doppelter Geschwindigkeit weiter geschlagen hatte. Unwillkürlich hatte er den Atem angehalten, die Augen weit aufgerissen hatte er auf den buschigen Haarschopf vor ihm gestarrt.
Harry war es wie eine Ewigkeit vorgekommen, doch vermutlich waren es nur wenige Sekunden gewesen, bis er sich dazu aufraffen konnte, sich zu bewegen. Vorsichtig und unbeholfen hatte er seine Arme um Hermines Taille gelegt. Erst zaghaft und federleicht, doch mit jeder verstrichenen Sekunde hatte er sie näher an seinen Körper gezogen.
Als kein Widerstand von ihr kam und sich ihr Griff sogar noch verstärkt hatte, hatte er sein Gesicht in ihren Locken vergraben und tief eingeatmet. Ein Kloß hatte sich in seinem Hals gebildet, das Schlucken war ihm Schwergefallen und seine Augen hatten begonnen zu brennen. Zitternd hatte er einige Male Luft geholt, bevor er sich schließlich zusammenreißen konnte.
Mit einer einzigen Umarmung hatte Hermine die Mauer um sein Herz, die er in den Jahren unter Vernons Aufsicht errichtet hatte, eingerissen. Harry und Hermine hatten nie darüber gesprochen. Nachdem sie sich voneinander gelöst hatten, hatte die muggelgeborene Hexe nur wissend gelächelt und ihn mit zur Bibliothek geschleift. Seitdem war sie immer an seiner Seite, wenn er sie brauchte. Wenn der Druck zu viel wurde oder die Mauer um sein Herz wieder unüberwindbar wurde, brachte sie ihn mit ihren sanften Umarmungen zu sich selbst zurück. Kleine, unscheinbare Berührungen über den Tag verteilt halfen ihm besonders schlimme Zeiten zu überstehen.
Ihm war klar, dass das auf seine Mitschüler und Freunde nach mehr aussah als bloßer Freundschaft. Doch genau das war es. Hermine war die erste Person gewesen, die ihn umarmt und gezeigt hatte, dass Berührungen schön und beruhigend sein können. Er liebte sie dafür und für das, was sie in den letzten Jahren alles für ihn aufgenommen hatte. Doch seine Gefühle beschränkten sich auf freundschaftliche Liebe und das wusste auch Hermine. Im Gegensatz zu manch anderen Jungen in seinem Alter war er durchaus aufmerksam und bekamt die verstohlenen Blicke mancher Mädchen durchaus mit. So war ihm auch nicht entgangen, dass Hermines Herz eindeutig für den dritten in ihrem Bunde schlug und das auch auf Gegenseitigkeit beruhte. Harry hoffte nur, dass Ron es auch bald erkennen und endlich den ersten Schritt machen würde.
Um seinen Freunden nicht im Weg zu stehen hatte er im letzten Jahr versucht von jemand anderem körperlichen Kontakt anzunehmen. So viele anderen in seinem Alter waren das erste Mal verliebt, verspürten den Drang jemand anderen zu küssen, in leidenschaftlichen Umarmungen zu versinken. Harry hatte gedacht romantische Gefühle für Cho Chang zu entwickeln, doch schon bald hatte er gemerkt, dass er sich nur von ihrem Äußeren angezogen gefühlt hatte.
Da war kein Feuerwerk gewesen, als sie sich das erste Mal geküsst hatten. Kein Kribbeln im Bauch. Keine Schmetterlinge.
Ihre Umarmungen und Berührungen hatten ihm nicht das geben können, was er gesucht hatte. Trost. Beruhigung. Das Gefühl geliebt zu werden. Er hatte sich einfach nicht fallen lassen können, sondern hatte das Gefühl gehabt, vor ihr immer den Starken spielen zu müssen. So, wie vor allen anderen. Dabei sollte er in einer Beziehung doch ganz er selbst sein können, oder etwa nicht? Deshalb hatte er ihre Beziehung, oder was auch immer das war, was sie miteinander hatten, relativ schnell beendet.
Tief in Gedanken versunken legte er sich das neue Buch für Verteidigung gegen die dunklen Künste auf den Schoß und schlug es auf. Vielleicht konnte er sich ja ein bisschen ablenken, bis seine Freunde kamen. Doch er bezweifelte, dass das etwas bringen würde. Zu sehr war er besorgt wegen der kommenden Begegnung und Begrüßung seiner Freunde. So sehr er Hermine und ihre Umarmungen auch schätzte, so war er sich dennoch ziemlich sicher, dass er sie dieses Mal nicht ertragen konnte.
Allein der Gedanke, nie wieder eine Umarmung von Sirius zu bekommen, ließ ihn laut schlucken. Nie wieder in den starken, beschützenden Armen versinken zu können, den Kopf an die muskulöse Brust gedrückt. Der einzige Mensch, bei dem er sich beschützt und wirklich geborgen gefühlt hatte, war nun verschwunden, nicht mehr unter den Lebenden.
Harry wusste, dass er das fragile Gerüst seiner selbst, das er mit aller Macht gerade so zusammenhalten konnte, zerbrechen würde, sobald er von Hermines zierlichen Armen umgeben war.
Seufzend schüttelte er den Kopf und konzentrierte sich nun vollständig auf das Buch für das kommende Schuljahr. Er war schon gespannt, wer der neue Lehrer für Verteidigung gegen die dunklen Künste sein würde, doch er war sich sicher, dass er nicht viel schlimmer als Umbridge sein konnte. Immerhin hatte die ehemalige Lehrerin illegale Mittel an ihren Schülern angewendet, während sie Nachsitzen hatten. Wobei, wenn er genauer darüber nachdachte… Schlimmer geht immer. Denn auch die Jahre davor waren die Lehrer in diesem Fach nicht viel besser gewesen. Quirrel hatte Voldemort auf seinem Hinterkopf, Lockhardt war nichts weiter als ein Hochstapler gewesen. Lupin war zwar durchaus kompetent gewesen, doch ein Werwolf an einem Internat war auch nicht ganz ungefährlich. Und der falsche Moody war schließlich ein Todesser gewesen. Da war Umbridge im Vergleich ja fast noch harmlos.
Harry hoffte wirklich, dass es in diesem Schuljahr besser werden würde. Es hatte ihm zwar sehr viel Spaß gemacht, die DA zu unterrichten, doch dieses Jahr würde er das nicht schaffen. Er wusste ja nicht einmal genau, wie er sich auf die Unterrichtsstunden konzentrieren sollte. Seine Gedanken schweiften regelmäßig zu Sirius und dem Geschehen im Ministerium ab. Und wenn er mal nicht daran dachte, dann an die Prophezeiung. Diese schicksalshaften Verse, die sein bisheriges Leben geprägt haben und nun wie eine dunkle Gewitterwolke über ihm hingen, ließen ihn nicht mehr in Ruhe.
Töten oder getötet werden. Mehr stand nicht zur Auswahl.
Beide Möglichkeiten fand Harry nicht besonders prickelnd.
Bevor er jedoch weiter darüber nachdenken konnte, wurde die Abteiltür aufgeschoben und Ron kam herein. Erst jetzt bemerkte der Junge der Lebte die Geräusche um ihn herum und das rege Treiben auf der anderen Seite des Fensters. Eltern verabschiedeten ihre Kinder, Freunde und Schulkameraden begrüßten sich lauthals. Und auch im Zug war lautes Gemurmel zu hören, während sich einige Schüler schon freie Abteile suchten.
Harrys Blick ging ziellos in die Ferne. Ihn würde niemand mehr am Bahnhof verabschieden. Kein Sirius unter Vielsafttrank, der ihn dazu aufforderte möglichst viel Unfug zu treiben. Kein Schnuffel, der schwanzwedeln an ihm hoch springen würde. Keine wehmütigen Abschiede mehr von seiner einzigen väterlichen Bezugsperson.
„Hey Kumpel, alles klar?", fragte Ron betont gutgelaunt, als er in das Abteil kam. Der Rothaarige holte Harry damit effektiv aus seinen trüben Gedanken. Mit einem missglückten Lächeln auf den Lippen drehte sich der Junge, der lebte, zu seinem besten Freund um und nickte nur wortlos.
Im Gegensatz zu ihm schienen die Sommerferien seinem Freund gut getan zu haben. Es kam Harry so vor als sei Ron innerhalb der letzten Wochen um fast einen Kopf gewachsen, seine Schultern wirkten um einiges breiter und seine Haare reichten ihm bis auf die Schultern. Er ähnelte seinem älteren Bruder Bill immer mehr.
Mühelos legte Ron seinen Koffer auf der Ablage über den Sitzen ab, bevor er sich mit einem lauten Seufzen auf dem Sitz gegenüber von Harry fallen ließ.
„Mum lässt Grüße an dich ausrichten und fragt, ob du auch genügend gegessen hast. Du kennst sie ja, Kumpel, am besten schreibst du ihr gleich nach dem Festessen, dass es dir gut geht. Sie hat mir die ganzen Ferien über das Ohr abgenagt, ob du auch regelmäßig schreibst und wie es dir geht. Jeden dritten Tag hat sie morgens vor dem Fenster auf Hedwig gewartet. Und wehe deine Eule war bis zum Mittagessen nicht da, dann hat sie jeden im Haus verrückt gemacht." Lässig hatte Ron das eine Bein über dem anderen verschränkt abgelegt und fuchtelte beim Erzählen wild mit seinen Händen herum.
Kurz glätteten sich die Sorgenfalten in Harrys Gesicht, als er über die Weasley-Mutter nachdachte. Er konnte sich nur zu gut vorstellen, wie sie morgens vor dem Fenster stand und darauf wartete, dass seine Eule kam und seinen Brief mit den üblichen Worten überbrachte.
„Hallo Leute!
Die Dursleys geben mir einige Aufgaben, aber sie behandeln mich gut.
Sehen uns am ersten September,
Harry."
Zu mehr hatte er sich einfach nie aufraffen können. Er hasste es, seine Freunde anlügen zu müssen, weshalb er nie auch nur behauptete, dass es ihm gut ginge, sondern nur, dass seine Verwandten ihn gut behandelten. Harry war sich sicher, dass Ron den unterschied nicht bemerken würde und hatte deshalb immer ihm geschrieben, und nicht Hermine. Seine beste Freundin wäre bei seinen Worten sofort misstrauisch geworden. Ron hingegen hatte seinen Eltern und dem Rest des Ordens wahrscheinlich einfach nur mitgeteilt, dass es ihm gut ginge. Und damit hatte Harry seine Pflicht, alle drei Tage einen Brief an ein Ordensmitglied zu schreiben, erledigt.
„Hast du das von Krum gehört? In seinem letzten Spiel…" Und schon schweifte Ron in eine Diskussion über Quidditsch ab. Harry nickte nur abwesend an den richtigen Stellen oder machte zustimmende Geräusche. Das liebte er an seinem besten Freund so sehr. Egal, wie schlecht es ihm ging oder wie traurig und trist die Welt um ihn herum gerade war, nichts konnte ihn von einer Diskussion über seinen Lieblingssport abhalten. Es war einfach seine Art und Weise mit dem Geschehenen umzugehen. Und darüber war Harry froh. Er hatte in den letzten Wochen seine Freunde wirklich vermisst. Natürlich fiel es ihm schwer über all das hinweg zu kommen oder auch nur daran zu denken, dass Sirius tot war. Doch das sinnlose Geschwafel Rons konnte ihn zumindest etwas aufheitern. Es war so etwas Normales,Ttriviales, Alltägliches… Und es hatte überhaupt nichts mit dem aufkommenden Krieg zu tun.
Verschiedene Mitglieder der DA schauten in den kommenden Minuten kurz in ihrem Abteil vorbei, begrüßten sie kurz und machten sich dann weiter auf die Suche nach einem eigenen Abteil. Harry war sich sicher, dass auch Malfoy in der nächsten Zeit noch vorbeikommen würde und seine alljährliche „Begrüßungsrede" halten würde.
Etwas, worauf Harry verzichten konnte. Besonders, da Lucius Malfoy einen nur sehr kurzen Aufenthalt in Azkaban hatte. Eigentlich war sich der Pottererbe sicher gewesen, dass der Blonde dieses Mal nicht mit seinem Geld freikaufen konnte. Doch anscheinend hatte er sich getäuscht. Nicht einmal zwei Wochen nach dem Kampf in der Ministeriumsabteilung, bei dem die Auferstehung Voldemorts bekannt wurde und mehrere Todesser von den Auroren gefasst wurden, war Malfoy schon wieder auf freiem Fuß und konnte in sein Manor zurückkehren. Etwas, das Harry sehr ärgerte. Wahrscheinlich war Lucius schon wieder dabei dem Minister ins Ohr zu flüstern.
Erneut ging die Abteiltür auf und im Rahmen stand Hermine. Auch sie hatte sich in den letzten Wochen um einiges verändert. Aus dem Teenager war eine junge Frau geworden. Die enganliegende Jeans umschmeichelten sehr vorteilhaft ihre schlanken Beine, der dünne, grüne Pullover betonten ihre weiblichen Vorteile nur zu gut. In sanften Wellen hingen ihre braunen Haare bis zur Mitte ihres Rückens, durch die Länge konnten ihre Haare gut gebändigt werden. Ein sanfter Braunton zierte ihre sonst so helle Haut, eindeutig das Überbleibsel ihres Italienurlaubs. Auch sie war einige Zentimeter gewachsen und wirkte nun fast schon zierlich.
Ihre braunen Augen leuchteten auf als sie Ron betrachtete und seine Veränderungen in sich aufnahm. Mit einem strahlenden Lächeln begrüßte sie den Rothaarigen und zog ihn in ein feste Umarmung, bevor ihr Blick zu Harry wanderte.
Ihr Blick wurde weicher, fürsorglicher, aber auch eindringlicher. Harry war sich sicher, dass sie mit diesem Blick bis ins innerste seiner Seele schauen konnte. Sie sah direkt in das schwarze Loch in seinem Herzen.
„Hallo Harry!" Mehr sagte sie nicht, als sie sich mit einigem Abstand neben ihn setzte. Erleichtert seufzte er auf. Seine Hermine. Sie schien genau gemerkt zu haben, dass er ihre fürsorgliche Art in diesem Moment nicht ertragen konnte. Hermine schien immer genau zu wissen, wie sie sich verhalten sollte oder was in ihm vorging.
Harry versank in eine angenehme Stille, während er abwesend seinen beiden besten Freunden zuhörte, wie sie sich gegenseitig von ihren Sommerferien erzählten. Die letzten Jahre hatten sie zumindest immer einen Teil der Ferien gemeinsam verbracht, sei es im Fuchsbau oder im Grimmaultplatz. Doch dieses Jahr hatten Hermines Eltern darauf bestanden, die gesamte Zeit mit ihr zu verbringen. Die Grangers waren schwer erschüttert gewesen von Hermines Verletzungen, die sie sich in der Mysteriumsabteilung zugezogen hatte. Ihnen war erst dann klargeworden, in was für einer Gefahr ihre Tochter schwebte. Laut ihren Briefen hatte Hermine viele erklärende Gespräche mit ihren Eltern führen müssen. Über die Gesellschaft der Zauberer und Hermines Stand darin, sowie über den vergangenen und den neuen, aufkommenden Krieg. Doch schlussendlich hatte sie die Grangers davon überzeugen können, dass sie sich nur dann vor den Gefahren, die auf sie lauerten, verteidigen konnte, wenn sie darauf in Hogwarts vorbereitet werden konnte. Nur deshalb durfte sie in das Internat zurückkehren.
Die Zeit verging erstaunlich schnell, während Harry abwesend aus dem Fenster starrte und die vorbeirauschende Landschaft betrachtete. Kaum einer hatte sie während der gesamten Fahrt gestört, bis zu diesem Moment. Ruckartig ging die Tür auf. Mit erhobenem Kopf stand Draco Malfoy in der Tür und betrachtete die drei Insassen mit abfälligem Blick.
„Na wenn das nicht das Wiesel, das Schlammblut und das Narbengesicht sind. Na Potty-Potty, wie geht es deinem Köter?" Nach der Reihe nach betrachtete er sie, bevor er sich theatralisch an den Kopf fasste. „Ach wie dumm von mir, wie konnte ich nur vergessen, dass er sich hat umbringen lassen?"
Harry wandte gelangweilt seinen Blick vom Malfoy-Erben ab und schaute erneut zum Fenster hinaus, hoffend, dass man seinen gequälten Gesichtsausdruck nicht sah. Ihn schmerzten die Worte des Blonden. Er versuchte unauffällig tief Luft zu holen, den Schmerz in seinem Herzen wegzuatmen. Da war nichts anderes als Trauer über das Geschehene. Trauer über den Tod seines Paten.
Anstatt wie sonst immer war da keine Wut. Keine Wut über Malfoys Worte, nicht der Drang, verbal zu antworten oder physisch auf ihn loszugehen. Harry wollte einfach nur seine Ruhe vor ihm haben. Er hatte einfach keine Energie dazu auf die Worte zu reagieren und er war einfach nur erfüllt von einer alles einnehmenden Müdigkeit.
Ron dagegen sprang wutentbrannt auf. Mit geballten Fäusten sprang er von seinem Platz auf, nahm die Türklinke in die Hand und gab der Tür einen groben Schups. Malfoy stieß einen spitzen Schrei aus, als die Tür seinen Fuß einklemmte und verschwand danach mit einem gemurmelten: „Das wirst du bereuen Wiesel". Seine zwei Bodyguards namens Grabbe und Goyle folgten ihm wortlos.
Schulterzuckend ließ sich Ron wieder auf seinen Platz sinkend und beschwerte sich leise murmeln bei Hermine über die Unverschämtheit des Blonden.
Harry reagierte äußerlich auf nichts der Geschehnisse und bekam auch nicht mit, wie sich seine zwei besten Freunde bei seinem Verhalten besorgt einen Blick zuwarfen. Innerlich gratulierte er Ron jedoch zu seinem Verhalten. Statt wie sonst verbal auf die Attacken zu reagieren hatte der Rotschopf einfach nur die Tür zugemacht – und damit vermutlich einen größeren Streit zwischen den verfeindeten Häusern verhindert.
Gegen Ende der Fahrt verschwanden Ron und Hermine im Vertrauensschülerabteil um kurz mit den anderen zu besprechen, wer wann seine Runden im Schloss drehen würde. Doch nach bereits einer viertel Stunde kamen sie wieder zurück und der Rest der Fahrt ging ohne weitere Vorkommnisse vorbei.
Auf dem Bahnsteig herrschte wildes Gewusel, als die drei zusammen mit den restlichen Schülern den Zug verließen und sich zu den Kutschen begaben. Das Trio landete zusammen mit Neville und Luna in einer Kutsche, die sie freudig begrüßten. Unter lautem Getuschel setzten sie sich zu viert an den Gryffindortisch, nachdem sie sich von Luna verabschiedet hatten.
Nun, da Lord Voldemort im Ministerium gesichtet worden war, war auch der Tagesprophet Harry gegenüber wieder besser gesinnt. Bereits Anfang der Sommerferien hatte es eine Sonderausgabe des Propheten gegeben, in der die Ereignisse im Ministerium sehr detailliert beschrieben worden waren. Seit diesem Zeitpunkt wurde er von der Zeitung wieder verehrt. Statt wie im vergangenen Jahr als Lügner dargestellt zu werden, wurde er nun als Auserwählter betitelt. Zwar war in keiner Art und Weise die Prophezeiung erwähnt worden, dennoch hatte ihn Rita als Retter der Zaubererwelt bezeichnet. Während seine Mitschüler im vergangenen Schuljahr abwertend hinter seinem Rücken über ihn gelästert und ihn Lügner und Schwindler genannt hatten, so konnte er dieses Mal fast schon verehrende Wortfetzen auffangen.
„Hast du gelesen wie er die Todesser auseinander genommen hat? Er soll ihnen ziemlich zugesetzt haben!"
„Mein Vater meint er sei der Auserwählte."
Kopfschüttelnd nahm er einen Schluck Kürbissaft und drehte sich abwartend zur Tür um, durch die gerade die neuen Erstklässler kamen. Es waren gerade einmal fünfzehn Kinder, die sich mit großen Augen umsahen. Verängstigt und neugierig liefen sie von McGonnagal angeführt durch die Mitte der Tische, bevor sie sich vor dem Lehrertisch versammelten und auf den Beginn der Sortierung warteten.
Dumbledore erhob sich von seinem Platz und sofort kehrte Ruhe in die Halle ein.
„Meine lieben Schüler, ich heiße euch Willkommen zu einem neuen Schuljahr auf Schloss Hogwarts, der Schule für Hexerei und Zauberei. Ich bin sicher, ihr habt euch alle viel zu erzählen und seid schon sehr hungrig, doch zuerst müssen unsere neuen Schüler eingeteilt werden."
Nachdem der sprechende Hut sein Lied vorgetragen hat, begann die stellvertretende Direktorin die Namen der Schüler vorzulesen. Fünf kamen nach Gryffindor, drei nach Slytherin, vier gehörten danach zu den Hufflepuffs und drei durften am Ravenclaw-Tisch platznehmen.
Unter angeregten Gesprächen wurde das Festessen verspeist. Harry jedoch stocherte nur lustlos in seinem Essen herum. Er hatte einfach kein Appetit. Es war ihm einfach schon wieder alles zu viel. Zu viele Menschen. Zu viele mitleidige Blicke. Zu viel Getuschel. Einfach zu viel. Er wollte nur noch aus der Halle fliehen, sich hinter den Vorhängen seines Bettes verkriechen und die Stille genießen. Ein paar Minuten einfach nur für sich selbst haben.
Doch er wusste genau, dass er nicht abhauen konnte, bevor Dumbledore das Fest für beendet erklärt.
Eben jener stand nach dem Dessert erneut auf und richtete seine funkelnden Augen auf die Schüler vor ihm, die verhalten über seine lila Roben lachten, auf denen die Sterne nur so funkelnden.
„Liebe Schüler, nach diesem wunderbaren Festessen gibt es einige Worte an euch zu richten. Der Verbotene Wald ist genau das: Verboten. Wer dennoch den Wald betritt, muss mit schwerwiegenden Konsequenzen rechnen. Des Weiteren gibt es eine Liste mit verbotenen Gegenständen, die in Herr Filchs Büro aushängt. Ich soll noch einmal ausdrücklich darauf hinweisen, dass sämtliche Weasley-Artikel strengstens verboten sind, alle Vergehen werden mit Strafarbeiten bestraft. Schüler ab dem dritten Jahr dürfen mit der Erlaubnis der Eltern an einigen Wochenenden Hogsmeade besuchen, die Formulare dazu bitte bei euren Hauslehrern abgeben. Da uns Frau Umbridge am Ende des letztes Jahres verlassen hat…"
An dieser Stelle ging lauter Jubel durch die Halle, einige Schüler standen sogar auf und klatschten, stampften sogar. Dumbledore machte beschwichtigende Handbewegungen, bevor er fortfahren konnte.
„Da wir nun also erneut die Stelle des Verteidigung gegen die dunklen Künste Stelle neu zu besetzten haben, darf ich euch eure neuen Lehrer vorstellen. Ich freue mich euch mitteilen zu können, dass wir erneut Hilfe vom Ministerium bekommen haben und uns die Aurorenabteilung Nymphadora Tonks zur Verfügung gestellt hat!"
Unter lautem Applaus stand eine schlanke, junge Frau mit auffallend pinken Haaren auf. Mit ihrem herzförmigen Gesicht und einem großen Lächeln winkte sie in die Runde und zwinkerte Harry und seinen Freunden zu, die am lautesten klatschten. Überrascht schauten sich die drei am Gryffindortisch an. Damit hatte keiner von ihnen gerechnet.
Nachdem sich der Applaus gelegt hatte, beugte sich Hermine zu Harry und Ron und wollte gerade mit ihnen diese neue Entwicklung bereden, als Dumbledore erneut das Wort ergriff.
„Da Professor Tonks jedoch auch weiterhin als Auror beschäftigt ist und gerade in so einer schweren und dunklen Zeit jeder Auror gebraucht wird, bekommt sie tatkräftige Unterstützung von ihrem Partner Jason Porter! Professor Tonks wird die Jahre eins bis vier unterrichten und Professor Porter die Jahre fünf bis sieben. Sie werden sich gegenseitig vertreten, sollte einer von ihnen einen Auftrag als Auror ausführen müssen."
Ein großgewachsener Mann erhob sich von seinem Platz neben Tonks und verbeugte sich unter mäßigem Applaus in Richtung der Schüler. Jason Porter war ungefähr 1,85m groß, er hatte breite Schultern und eine schmale Hüfte. Seine langen Beine steckten in Drachenlederstiefel, während er statt der üblichen Lehrerroben eine enge schwarze Hose und ein schwarzes Langarmshirt trug, das seinen muskulösen Oberkörper umschmeichelte. Mit stechenden, grünen Augen betrachtete er die Schüler vor sich und nicht nur ein Junge oder Mädchen rutschte unruhig auf seinem oder ihrem Stuhl herum. Ein Dreitagebart zierte sein schmales Gesicht mit den hohen Wangenknochen und er hatte seine schwarzen Haare ganz kurz geschnitten. Er schien um ungefähr 25 Jahre alt zu sein, vielleicht ein oder zwei Jahre jünger oder älter, es war schwer einzuschätzen. Doch trotz seines jungen Alters strahlte er eine Aurora von Unnahbarkeit und Macht aus. Ein paar der älteren Schülerinnen seufzten bei seinem Anblick entzückt auf, während besonders die männlichen Schüler ihn eher misstrauisch betrachteten.
Auch Harry musterte seinen neuen Lehrer mit zusamengekniffenen Augen. Er wusste nicht so recht, was er von dem jungen Lehrer halten sollte. Harry misstraute von Grund auf sämtlichen Angestellten des Ministeriums, besonders nach dem Fiasko vom letzten Jahr. Dennoch wirkte er auf den ersten Blick zumindest einigermaßen kompetent. Unter den engen Ärmeln des Oberteils konnte man die Umrisse eines Zauberstabhalters am Unterarm erkennen und die Spitze des Zauberstabes schaute am Ärmel heraus. Allein das ließ schon darauf schließen, dass er etwas von seinem Beruf verstand. Auch die Tatsache, dass Tonks, die in Harrys Augen durchaus ein erfahrener und fähiger Auror war, nur die untersten Klassen unterrichtete und Porter die höheren, deutete darauf hin, dass er durchaus gut in dem war, was er tat. Doch Harry würde sich in den nächsten Wochen selbst ein Bild davon machen, was der neue Lehrer wirklich drauf hatte.
Nach einigen abschließenden Worten beendete der Direktor das Fest und schickte alle Schüler in die Gemeinschaftsräume. Sofort sprang Harry von seinem Platz auf, winkte seinen Freunden schnell zu und machte sich auf den Weg in seinen Schlafsaal.
Er war einfach nur froh, dem Trubel in der großen Halle endlich entkommen zu können. Dank einiger Abkürzungen kam er als erstes im Gemeinschaftsraum an und begab sich sofort in seinen Schlafsaal. Schnell zog er sich im angrenzenden Bad um, kroch in sein Bett und verschloss die Vorhänge. Nach einem Stillezauber ließ er sich erschöpft auf die Matratze sinken, den Zauberstab unter seinem Kissen verbergend.
Endlich.
Endlich Stille.
Erleichtert seufzte er auf und lauschte seinem eigenen Herzschlag.
Babumm. Babumm.
Tief atmete er ein und ließ die Luft anschließend laut entweichen.
Es war ein harter Tag gewesen. Nach über zwei Monaten bei den Dursleys fühlte er sich von den vielen Menschen um ihn herum erdrückt. Nicht nur von den Menschen an sich, sondern besonders von ihren Erwartungen. Vor ihnen konnte er nicht einfach er selbst sein und in seiner Trauer und Melancholie versinken. Er musste den starken Jungen spielen, an den die Zauberergesellschaft glauben konnte.
Seine wahren Gefühle unter einer Maske versteckend hatte er versucht durch den Tag zu kommen und er war der Meinung, dass er das alles ganz gut hinbekommen hatte. Doch nun fühlte sich Harry einfach nur erschöpft. Er wollte nichts weiter als einfach nur zu schlafen und zu hoffen, dass am nächsten Tag einfach alles besser laufen würde.
Doch er wusste, dass diese Hoffnung vergeblich war.
Erneut seufzte er auf, drehte sich auf die Seite und legte eine Hand unter seinen Kopf. Müde schloss er die Augen.
Es war zwar noch relativ früh am Abend, doch er wusste, dass er am nächsten Tag all seine Kraft brauchen würde. Der Unterricht würde beginnen. Und er würde den ganzen Tag von seinen Freunden und Schulkameraden umgeben sein. Malfoy und seine Kumpanen würden ihn sicherlich auch nicht in Ruhe lassen und besonders vor ihnen durfte er die Fassung nicht verlieren. Und auch bei seinem neuen Lehrer für Verteidigung gegen die dunklen Künste wollte er erst einmal vorsichtig sein.
Ihm blieb also nichts übrig als die Zähne zusammen zu beißen und sein Bestes zu geben.
