Verschlafen saß Harry am Gryffindortisch und versuchte das aufgeregte Getratschte um ihn herum zu ignorieren. Seine Hauslehrerin Minerva McGonagall verteilte gerade die neuen Stundenpläne und alle seine Mitschüler mussten natürlich sofort darüber diskutieren, was bei ihnen als erstes auf dem Plan stand. Harry dagegen musste nicht einmal darauf schauen um zu wissen, welches Fach er montags morgens als erstes hatte. Zaubertränke. Das war schon immer so gewesen und würde sich wohl auch nicht mehr ändern.

Was Harry jedoch überrascht hatte, waren seine ZAG-Ergebnisse. Trotz seiner sonst so schlechten Noten in Zaubertränke hatte er es geschafft in der Prüfung ein Ohnegleichen zu erhalten. Da ist wohl trotz den ständigen Beleidigungen seines Lehrers etwas vom Soff hängen geblieben.

Und auch in Verteidigung gegen die dunklen Künste, Pflege magischer Geschöpfe und in Zauberkunst hatte er jeweils ein Ohnegleichen erhalten. Wie er das in Zauberkunst geschafft hatte, wunderte ihn ebenso wie Zaubertränke. Verwandlung und Kräuterkunde hatte er mit einem Erwartungen übertroffen abgeschlossen, während er in Geschichte und Wahrsagen gnadenlos versagt hatte. Doch damit konnte er leben.

Seinem ursprünglichen Berufswunsch des Aurors stand damit nichts mehr im Wege. Harry war sich jedoch nicht mehr sicher, ob er wirklich für den Rest seines Lebens dunkle Zauberer jagen wollte. Natürlich war es für ihn wichtig, die Welt zu verbessern und für seine zukünftigen Kinder, sollte er denn den Krieg überhaupt überleben, eine friedliche Welt zu hinterlassen. Doch er hatte mit Voldemort nun wirklich genug zu tun. Und hatte er sich nicht ein bisschen Ruhe verdient, wenn er den dunklen Lord dann irgendwann einmal besiegt haben sollte?

Laut seufzte er auf, stützte die Arme auf dem Tisch vor sich auf und vergrub sein Gesicht in seinen Händen. Eigentlich waren seine ganzen Gedanken bezüglich seiner Zukunft, Familienplanung und Berufswunsch sinnlos. Bevor er Voldemort nicht vernichtet hatte, hatte er eh keine Zeit für so etwas wie eine Beziehung, geschweige denn eine Ausbildung zu einem Beruf, der ihm wirklich Spaß machte.

Solange der dunkle Lord lebte und die Prophezeiung im Raum stand, braucht er gar nicht über ein normales Leben nachdenken. Die Wahrscheinlichkeit, dass er überhaupt überlebte, war verschwindend gering. Und wenn er so darüber nachdachte, war es sehr wahrscheinlich, dass er nicht einmal sein letztes Schuljahr überleben würde. An Voldemorts Stelle würde Harry Hogwarts angreifen, bevor er seine Schulausbildung abgeschlossen hätte. Denn je älter Harry wurde, desto mehr Wissen konnte er ansammeln und desto mehr Zeit hatte er zu trainieren. Wer weiß, vielleicht würde der entscheidende Kampf ja schon in den nächsten Monaten geschehen? Und er, Harry, war vollkommen unvorbereitet!

Plötzlich wurde sein Atem hektischer, laut schnaufend holte er Luft und blies sie sofort wieder aus. Sein Herz schlug schmerzhaft schnell und Sterne tanzten vor seinen geschlossenen Augen, die er fest zusammenkniff. Blanke Panik ergriff ihn, verschluckte ihn wie ein schwarzes Loch. Der Krieg konnte jederzeit losgehen und er saß hier, in der großen Halle, machte sich Gedanken über eine sehr unwahrscheinliche Zukunft und konnte was…? Nichts. Einfach nichts. Was war die Macht, die er laut der Prophezeiung beherrschen sollte, mit der er Voldemort vernichten konnte? Und was machte er, um diese Macht zu finden? Nichts. In seiner Trauer schwimmen. Die Angst paralysierte ihn, machte das Atmen immer schwieriger. Das Gemurmel seiner Mitschüler verschwamm zu einem einheitlichen, summenden Ton, während seine Gedanken ihn zu erdrücken drohten. Sein Magen krampfte sich schmerzhaft zusammen, seine Speiseröhre begann zu brennen. Leise stöhnte er auf, bemerkte es jedoch nicht einmal.

Er würde sterben. Und damit seine Freunde im Stich lassen, sie ebenfalls zum Tode verdammen.

Erschrocken zuckte Harry zusammen, als sich plötzlich eine große Hand auf seine Schulter legte. Langsam hob er den Kopf und schaute, wessen Hand das war. Immer noch hektisch atmend und mit wild pochendem Herzen schaute er direkt in die grünen Augen seines Verteidigung gegen die dunklen Künste Professors. Mit einem warmen und dennoch ernsten Blick betrachtete er Harry, bevor er ihm kurz zunickte und dann leise, mit männlicher und tiefer Stimme flüsterte: „Verzweifle nicht. Alles wird gut werden."

Aufmunternd drückte er Harrys Schulter, bevor er mit langen Schritten zum Lehrertisch ging und sich dort auf seinem Platz niederließ.

Verwirrt schaute der Junge der lebte seinem Lehrer hinterher. Was war denn das? Er hatte Professor Porter bisher nur beim Willkommensfest gesehen und seitdem noch nicht mit hm geredet, und dennoch hatte der andere gerade versucht ihn zu trösten?

Vorsichtig blickte sich Harry um, betrachtete genau die Gesichter seiner Mitschüler, doch keiner schien dieses kurze Gespräch bemerkt zu haben. Auch nicht Hermine und Ron, die sich gerade neben ihm niederließen und sich erst einmal das Frühstück auf den Teller legten.

Kopfschüttelnd richtete er den Blick wieder auf den Lehrertisch, von dem ihm gerade Dumbledore mit einem traurigen Lächeln zuzwinkerte. Aha. Immerhin hatte einer die Begegnung mitbekommen, Harry hatte es sich also nicht nur eingebildet. Kurz hob Harry die Hand und winkte dem Schulleiter zu, bevor sein Blick weiterwanderte, erneut zu seinem neuen Lehrer, der gerade genüsslich von seinem Kaffee trank, während Tonks, die neben ihm saß, ihm etwas zuflüsterte. Gedankenverloren und mit unfokussiertem Blick nickte Porter, bevor er sich zu seinem Kollegen auf seiner anderen Seite beugte und diesem ebenfalls etwas zuflüsterte. Erstaunt beobachtete Harry wie Snape, der gerade von seinem Toast abbiss, bei dem, was Porter ihm sagte, verwundet die Augenbraue hochzog, kurze Zeit weiterkaute und dann grinste.

Harry klappte fast der Mund auf, als er das sah. Severus Snape, sein verhasster Tränkelehrer, der Alptraum jeden Schülers, der griesgrämige Tränkemeister, er grinste! Und nicht sein gehässiges Du-bist-so-ein-Dummkopf-Grinsen, sondern ein wirklich freundliches, ernst gemeintes Grinsen!

Schmerzhaft stieß Harry Hermine, die neben ihm saß, den Ellenbogen in die Rippen und deutete mit einem Kopfnicken zum Lehrertisch.

„Siehst du auch was ich sehe? Grinst Snape?"

Hermine nickte nur verwundert, während die zwei beobachteten, wie Snape, Porter und Tonks sich aufgeregt unterhielten und schließlich alle, zufrieden lächelnd, nickten. Professor Porter und Tonks widmeten sich wieder ihrem Essen, doch Snape beobachtete die beiden noch kurz. Unter dem erstaunten Blick der zwei Gryffindors klopfte er Porter freundschaftlich auf die Schulter und blickte ihn herausfordernd an, bevor auch er wieder seinen Toast in die Hand nahm und weiter aß.

Sprachlos wandte sich Harry wieder an seine Freundin. Was war denn das gewesen? Snape mit einem Lächeln auf dem Gesicht? Einem anderen Professor freundlich auf die Schulter klopfend?

Auch Hermine sah ihn fassungslos an und konnte erst einmal keine passenden Worte dazu finden.

Die Interaktion der drei Lehrer ließen für Harry einige Fragen aufkommen. Wer war der neue Professor? Er kam offensichtlich gut mit Tonks aus, die ja im Orden war, und er war selbst Auror, was eigentlich für ihn sprach. Auch die Tatsache, dass er offensichtlich bemerkt haben musste, was in Harry vorgegangen und wie es ihm ergangen war, ließen ihn in einem positiven Licht dastehen, genauso wie Harrys Drang, ihm glauben zu wollen. Ja, der Junge der lebte hatte schon immer eine relativ gute Menschenkenntnis besessen und sein Bauchgefühl hatte ihn bisher nur selten im Stich gelassen. Als er die Hand auf seiner Schulter gespürt hatte, hatte er sich unweigerlich wohl gefühlt. Beschützt. Verstanden. Aufgemuntert. Nur bei wenigen Menschen hatte er diese Gefühle bisher gespürt. Und auch die Tatsache, dass der andere in seinen Worten so überzeugt geklungen hatte. Als würde er wissen, dass wirklich alles wieder gut werden würde. Harry hatte den Worten sofort geglaubt.

Erst jetzt bemerkte er, dass seine Panik verschwunden war. Einfach so verpufft. Und das nur, durch seinen Professor.

Während sein Bauch ihm eindeutig sagte, dass er diesem Mann vertrauen konnte, so schrie sein Kopf doch ganz laut Nein. Er kannte Jason Porter überhaupt nicht. Wusste nichts über ihn. Wie alt er war, woher er kam, wieso er Auror war oder wie er zum dunklen Lord stand. Zwar wusste Harry, dass Snape ein Spion war, dennoch machte es ihn sehr misstrauisch, dass Porter so gut mit dem Spion auskam und ihm sogar zum Lächeln brachte.

Erneut seufzte er auf und entschied sich dazu, einfach erst einmal weiter zu beobachten. Was anderes blieb ihm sowieso nicht übrig. Porter musste sich erst einmal im Klassenzimmer beweisen, bevor er sich weitere Gedanken über den anderen machen würde. Doch eins stand fest: Harry würde in der Anwesenheit des anderen erst einmal vorsichtig sein. Wer weiß, was der andere noch so alles verbarg.

Zusammen mit Hermine verließ Harry die große Halle in Richtung Zaubertränkeklassenzimmer. Ron dagegen hatte eine Freistunde und war in den Gemeinschaftsraum zurückgekehrt, da er nicht die erforderliche Note erreicht hatte, um den Kurs weiterhin belegen zu können. Doch seinem glücklichen Gesicht nach zu urteilen war er nicht besonders traurig darüber.

Wer konnte es ihm verübeln? Harry war selbst ein bisschen flau in der Magengegend, als er daran dachte, die nächsten zwei Stunden am laufenden Band beleidigt und beobachtet zu werden.

„Was glaubst du, was hat Professor Porter zu Professor Snape gesagt?" fragte Hermine in die angenehme Stille hinein, während sie als einer der ersten durch die leeren Korridore in die Kerker liefen. Ahnungslos zuckte Harry mit den Schultern. „Vielleicht hat er einen Witz erzählt oder so?"

Ungläubig schaute ihn Hermine an, während er den Kopf schüttelte. „Ehrlich Hermine, ich hab keine Ahnung. Ich wusste nicht einmal, dass Snape so etwas wie ein Grinsen überhaupt körperlich beherrscht. So griesgrämig wie er immer schaut…"

Leise auflachend hackte sich Hermine bei ihm ein. „Ich glaube, die zwei sind befreundet. Und Professor Tonks steckt da auch irgendwie mit drin." Harry wäre bei dieser Aussage fast gestolpert, konnte sich mit Hermines Hilfe aber wieder auffangen, bevor er Bekanntschaft mit dem Boden machte.

„Bitte was? Snape soll mit irgendjemandem befreundet sein?" Bestätigend nickte Hermine, während sie ihn weiter Richtung Klassenzimmer drängte. „Hast du nicht gesehen, wie die drei verschwörerische Blicke ausgetauscht haben? Und Professor Snape hat Professor Porter auf die Schulter geklatscht. Ich habe noch nie gesehen, wie er jemanden freiwillig in einer nicht bedrohlichen Art berührt hat. Selbst bei Professor Dumbledore zieht er immer eine Grimasse, wenn er ihm die Hand schütteln muss oder ähnliches. Aber bei Porter? Der Kontakt ging eindeutig von ihm aus und sein Gesicht war fast schon entspannt. Irgendetwas verbindet die drei und ich könnte wetten, es ist Freundschaft."

„Aber Tonks… sie sah letztes Jahr nicht so aus, als wäre sie mit Snape befreundet?"

Leise seufzte Hermine auf. „Ja, aber es sah auch nicht aus, als wären sie nicht befreundet."

Verwirrt schüttelte Harry den Kopf und versuchte, an all die Situationen zu denken, bei denen Tonks und Snape zusammengestoßen waren. Und er musste Hermine Recht geben. Kein einziges Mal hatten die zwei sich angezickt, angekeift oder gegenseitig beleidigt. Aber sie waren auch nicht besonders freundschaftlich miteinander umgegangen. Das letzte Mal als er Tonks jedoch gesehen hatte, war während der Weihnachtsferien gewesen und da war Snape nicht im Hauptquartier. Und am Ende des Schuljahres hatte er Tonks nur ganz kurz gesehen und auch da war kein Snape dabei gewesen. Er konnte also eigentlich nicht viel zu vergangenen Begegnungen der beiden sagen.

„Aber woher sollen Porter und Snape sich kennen? Tonks ist klar" an dieser Stelle senkte Harry seine Stimme „immerhin sind beide im Orden. Aber Porter? Von ihm habe ich vorher noch nie etwas gehört. Und er sieht zu jung aus, um ein ehemaliger Schulkamerad von Snape sein zu können."

Zustimmend nickte Hermine. Gedankenverloren öffnete Harry die Tür zum Klassenzimmer und zusammen setzten sie sich an einen Tisch relativ in der Mitte des Zimmers. Während sie ihre Sachen auspackten, wunderte sich Harry erneut darüber, wie vertraut Snape mit den zwei anderen Professoren umgegangen war.

Er hatte Porter freiwillig berührt, etwas, das er nicht einmal mit Dumbledore tat – zumindest soweit Harry wusste. Doch was verband die drei und woher kannten sie sich? Hermines Beobachtung hatte eine Neugierde in ihm geweckt, die er schon eine ganze Weile nicht mehr gespürt hatte.

Und so wie er seine Freundin kannte, würde sie gleich nach dem Nachmittagsunterricht, oder vielleicht sogar schon in der Mittagspause, in die Bücherei verschwinden und die alten Jahrbücher durchschauen.

Vielleicht sollte er auch schauen, dass er ein paar Informationen beschaffen konnte. Ja, gleich heute Abend würde er einen Brief an Sirius schreiben und… Doch weiter kamen seine Gedanken gar nicht erst. Sirius.

Eine eiskalte Faust schloss sich um seinen Magen, sein Blick trübte sich und er stolperte einige Schritte. Besorgt griff Hermine nach seinem Unterarm und versuchte ihn zu stützen.

„Harry, ist alles ok mit dir?" Doch sein blasses Gesicht und seine ausdruckslosen Augen schienen Antwort genug zu sein. Bestimmt zog sie ihn in das Zaubertränkeklassenzimmer und setzte ihn auf einen Stuhl relativ weit hinten, weit weg von der Tafel und somit Snape. Doch Harry nahm das nur am Rande wahr.

Für einige Minuten hatte er vergessen, dass Sirius nicht mehr da war. Für einen kurzen Augenblick hatte seine Neugier das Zepter über seinen Körper und seine Gedanken übernommen, er hatte sich fast wieder normal gefühlt. Doch nun fühlte er sich dafür umso schlechter. Wie konnte er vergessen, dass sein Pate gestorben war? Und das wegen ihm? Wie konnte er dieses Opfer, diese Tragödie, auch nur für einen Moment vergessen, und das wegen Snape und seinem komischen Verhalten?

Erschöpft ließ er den Kopf hängen. Seine Schuldgefühle erdrückten ihn, nahmen ihm die Luft zu atmen. Er bekam nicht einmal mit, wie die restlichen Schüler in den Raum kamen oder wie Snape den Unterricht begann. Mechanisch schnitt er die Zutaten klein, die ihm Hermine vor die Nase legte. Was für einen Trank sie zubereiteten konnte er beim besten Willen nicht sagen. Und es war ihm in diesem Moment auch ziemlich egal.

Krampfhaft versuchte er die Tränen zurückzuhalten. Er schluckte einige Male, doch der Kloß in seinem Hals wollte einfach nicht verschwinden. Wieso? Wieso nur? Wieso Sirius? Und wieso tat es so weh?

Wie durch ein Wunder überstand er die Doppelstunde Zaubertränke ohne Unfall und auch der anschließende Verwandlungsunterricht ging relativ schnell vorbei, während seine Gedanken in einer Spirale um die Ereignisse im Ministerium gefangen waren. Das Essen in der Großen Halle beachtete er überhaupt nicht, genauso wenig wie die besorgten Blicke seiner Freunde. Ein sanftes Zwicken holte ihn jedoch gegen Ende der Pause aus seinen Gedanken. Verwirrt schüttelte Harry den Kopf und schaute auf seine Schneeeule Hedwig, die vor ihm auf den Tisch saß und ihm ihr Bein hinhielt, an dem ein Brief hing.

„Hallo meine Schöne, na hast du Hunger?" fragte er sie liebevoll, während er ihr ihre Last abnahm. Mit flacher Hand hielt er Hedwig einen Eulenkeks hin, den sie vorsichtig mit ihrem Schnabel aufnahm, bevor sie aus der Halle flog.

Verwirrt öffnete Harry den Brief. Wer schrieb ihm denn bitte um die Mittagszeit? Normalerweise kam die Post immer morgens zum Frühstück. Auch seine Schulkameraden sahen ihn und den Brief in seiner Hand neugierig an.

Schulterzuckend senkte er den Blick und begann zu lesen.

Lieber Harry,

ich hoffe deine erste Nacht war erholsam und dein Tag bisher sehr lehrreich.

Ich würde mich freuen, wenn wir das Dessert heute Abend gemeinsam in meinem Büro verspeisen könnten.

Vielleicht gibt es ja zufälligerweise Zitronensorbet?

Liebe Grüße

Albus Dumbledore.

Ausdruckslos starrte Harry auf den Brief. Zusammen mit Dumbledore Dessert essen? Was hatte der Schulleiter denn nun schon wieder geplant? Würden sie wirklich nur Dessert essen, oder was das eine versteckte Botschaft für etwas anderes? Seufzend zuckte Harry mit den Schultern. Ihm blieb wohl nichts anderes übrig als abzuwarten. Sorgfältig faltete er den Brief, steckte ihn in seine Schultertasche und nickte dem Schulleiter zustimmend zu.

„Wasch warn dasch?" fragte Ron mit vollem Mund und deutete mit dem Kopf zu Harrys Schultasche.

Angeekelt verzog der Junge der Lebte das Gesicht. Musste Ron denn immer mit vollem Mund reden?

„Dumbledore will mich heute Abend sehen. Ich weiß aber auch nicht wieso."

Hermine runzelte die Stirn und wollte etwas sagen, doch sie verkniff es sich im letzten Moment. Doch Harry fragte gar nicht erst nach. Es interessierte ihn ehrlich gesagt auch nicht. Er würde schon früh genug erfahren, was Dumbledore von ihm wollte.

Nachdem Ron endlich seinen Mund leer hatte, packte das Trio seine Sachen und machte sich auf den Weg zum Klassenzimmer für Verteidigung gegen die dunklen Künste. Anders als in den vorherigen Jahren war das Zimmer jedoch nicht besonders dekoriert. Keine pinken Wände oder ausgestopfte Tiere. Stattdessen stand vor der Tafel an der Vorderseite des Zimmers eine längliche Duelierplattform.

Leise tuschelnd setzte sich das Trio in die Mitte des Zimmers und wartete gespannt auf den neuen Lehrer. Eben dieser kam mit leisen Schritten durch die Tür, schloss diese und stellte sich breitbeinig auf die Plattform. Mit verschränkten Armen blickte er auf seine Klasse, die Sechstklässler aus Gryffindor und Ravenclaw.

Sofort herrschte Stille in dem Raum, während Professor Porter scheinbar jeden seiner Schüler mit seinen grünen Augen musterte. Erneut trug der junge Professor eine schwarze, enge Hose, Drachenlederstiefel und dieses Mal ein dunkelgraues Langarmshirt mit einigen Knöpfen am Ausschnitt, von denen die obersten beiden geöffnet waren. Mit tiefer Stimme begann er zu sprechen.

„Willkommen in meinem Kurs zur Verteidigung gegen die dunklen Künste. Wie Sie sicherlich schon wissen ist mein Name Jason Porter. Ich bin 24 Jahre alt und bin hauptberuflich Auror." Ein Raunen ging durch die Klasse. Der neue Lehrer war so jung? Einige Schülerinnen seufzten entzückt auf und tuschelten aufgeregt mit ihren Nachbarinnen.

Auch Harry wurde bei den Worten seines Lehrers aufmerksam und vergrub die Gedanken an Sirius erst einmal tief in sich.

Klar, er hatte sich schon gedacht, dass der neue Lehrer relativ jung war, aber so jung? Er musste ja gerade erst seine Ausbildung als Auror beendet haben und schon arbeitete er als Lehrer nebenbei? Damit das Ministerium das erlaubte, musste er wirklich sehr gut sein.

Während Porter eine kleine Pause in seiner Rede einlegte, betrat Tonks das Klassenzimmer und ging zwischen den Tischen hindurch zu der kleinen Plattform, auf der ihr Kollege schon stand. Breit lächelnd winkte sie Hermine, Ron und Harry zu und stolperte dabei über die erste Stufe, die zur Plattform führte. Doch noch bevor sie wirklich hinfallen und sich verletzen konnte, war Porter da und fing sie elegant auf.

Verlegen grinste Tonks in die Runde, während die Schüler laut lachten und Porter nur den kopfschüttelte und ihr aufhalf.

„Dieser Tollpatsch hier ist Professor Tonks." Die Aurorin winkte einmal in die Runde, bevor sie ihren Kollegen leicht auf den Oberarm schlug. Leise lachte Porter und fuhr dann fort.

„Professor Tonks wird meinen Unterricht übernehmen, wenn ich auf einer Mission bin oder einen Notfall habe. Nach Ihrem letzten Schuljahr bin ich mir sicher, dass Sie alle etwas misstrauisch gegenüber dem Ministerium sind, besonders gegenüber den Lehrern, die vom Ministerium zur Verfügung gestellt werden. Und genau das ist der Grund, wieso Professor Tonks und ich hier sind."

An dieser Stelle übernahm Tonks. „Um Ihnen allen, der Zukunft der Zaubererwelt, und besonders Ihren Eltern zu zeigen, dass das Ministerium durchaus kompetent sein kann, wurden wir zum Unterrichten geschickt. Sozusagen um den Fehler des letzten Jahres wieder gut zu machen. Zumindest ist das unserer Erklärung. Fudge" ein Räuspern erklang an dieser Stelle von Professor Porter „Entschuldigung, Minister Fudge würde seine Fehler nie im Leben zugeben, also sprecht ihn lieber nicht darauf an."

Amüsiertes, aber auch nervöses Lachen erklang im Raum, während sich die Schüler verwundert ansahen. Bisher hatte es keiner ihrer Lehrer gewagt öffentlich etwas gegen den Minister zu sagen und nun standen da vorne zwei Auroren, die einfach so aus dem Nichts Fudge kritisierten. Auch wenn Porter anscheinend darauf bestand, ihn MINISTER Fudge zu nennen, so war sich Harry dennoch sicher, dass er nicht viel auf das Oberhaupt der Zaubererwelt hielt. Und das machte ihn in Harrys Augen gleich noch sympathischer.

Erneut klang Porters tiefe Stimme durch den Raum, während er mit großen Schritten die Plattform auf und abging. „Wie wir mitbekommen haben, haben Sie alle im letzten Jahr nicht sonderlich viel in diesem Fach gelernt. Deshalb müssen wir dieses Jahr einiges aufholen. Um das bewerkstelligen zu können, haben Sie jeden Montagmittag zwei Doppelstunden Verteidigung, mittwochs morgens eine Doppelstunde und freitags vor dem Mittagessen eine weitere Doppelstunde." Kollektives Aufstöhnen ging durch den Raum.

„Freitags werden Sie Theorieunterricht haben. Das dort erlangte wissen wird montags dann praktisch umgesetzt. Mittwochs jedoch haben wir etwas Anderes für Sie geplant. Dazu jedoch mehr am kommenden Mittwoch. Des Weiteren werden Professor Tonks und ich jeden Freitagabend zwischen Abendessen und Ausgangssperre eine Sprechstunde halten. Während dieser Zeit können Sie gerne mit sämtlichen Fragen zu uns kommen. Sei es wegen einer Hausaufgabe, einem Zauber, den sie irgendwo gelesen haben, oder einfach nur um zu reden. Wir haben immer ein offenes Ohr für Sie."

Tonks nickte zustimmend und übernahm das Reden. „Außerdem wird es dieses Wochenende ein Event für all unsere Klassen geben. Ein großes Thema für alle Klassenstufen wird dieses Jahr das Duellieren sein. Um Ihnen zu zeigen, wie ein richtiges Duell aussieht, konnte Jason unseren allseits geliebten" an dieser Stelle konnte sich Porter ein leises Lachen nicht verkneifen" Tränkemeister dazu überreden ein kleines Show-Duell mit ihm zu veranstalten. Kommenden Samstag um 15 Uhr wird es in der großen Halle stattfinden und ich rate Ihnen allen anwesend zu sein. Ich selbst durfte schon einige Duelle zwischen den beiden beobachten und ich muss sagen, es ist jedes Mal bis zum Schluss spannend."

Aufgeregtes Getuschel brach unter den Schülern aus und auch Hermine lehnte sich leicht zu Harry rüber und flüsterte in sein Ohr: „Ich wette darüber haben die drei heute Morgen geredet!" Harry nickte nur zustimmend und konzentrierte sich erneut auf seine Lehrer.

„Heute werden wir jedoch mit einigen einfachen Zaubern anfangen um zu testen wie weit Sie alle sind. Bitte stellen Sie sich alle in einer Reihe nebeneinander hier oben auf der Plattform auf."

Es dauerte einige Momente, bis alle Schüler auf der Plattform nebeneinander standen und erwartungsvoll ihre Lehrer anschauten.

„Nacheinander werden Sie nun alle den Schildzauber probieren. Sie haben genau einen Versuch. Mr. Finnigan, da Sie ganz links stehen, dürfen Sie anfangen. Mr. Thomas, Sie kommen danach. Wir gehen die Reihe von links nach rechts durch. Sollten Sie den Zauber schaffen, klasse. Wenn nicht, dann kommt ihr Nachbar dran. Professor Tonks wird notieren, wer Probleme mit welchem Zauber hat. Ihre Hausaufgabe für nächsten Montag ist es dann diese Zauber, die Sie nicht geschafft haben, zu üben. Wir werden es nächste Woche kontrollieren. Und los geht's!"

Mit Stolz konnte Harry beobachten, wie all seine Mitschüler, die in der DA waren, den Zauber problemlos beherrschten. Und auch der Patronus war für die wenigsten ein Problem. Dennoch hatten einige seiner Mitschüler Probleme mit dem Expeliamus oder anderen Zaubersprüchen.

Die zwei Doppelstunden gingen schnell um und noch bevor Harry sich versah, saß er zusammen mit Hermine und Ron in der Bibliothek. Sie versuchten vor dem Abendessen, das in einer halben Stunde begann, noch schnell erste Notizen für ihre Zaubertrankhausaufgabe zu machen. Während Ron jammerte, da sie bereits am ersten Schultag in der Bibliothek waren, so war das Harry doch ganz Recht. Er hatte seine Panik vom Frühstück nicht vergessen. Je schneller er seine Hausaufgaben machte, desto schneller konnte er sich mit den wirklich wichtigen Themen beschäftigen. Er musste lernen. Sich selbst auf den kommenden Krieg vorbereiten. Besser werden. Kämpfen lernen.

Sein Entschluss stand: Die freie Zeit, die er zwischen Unterricht und dem Schlafen hatte, würde er ab sofort immer in der Bibliothek verbringen.

Es war sein Leben. Und das Leben seiner Freunde. Er konnte nicht riskieren noch einmal einen geliebten Menschen zu verlieren. Und um das zu verhindern, musste er lernen und besser werden. Gleich heute Abend würde er damit beginnen. Er hoffte nur, dass das Gespräch mit Dumbledore nicht so lange gehen würde. Vielleicht konnte er dann noch schnell vor der Nachtruhe in die Bibliothek huschen, sich ein Buch schnappen und das noch im Bett lesen?

Doch erst einmal musste er das Gespräch noch hinter sich bringen…