„Harry, du solltest wirklich etwas essen!"

Bevor er so genau wusste, was geschah, belud Hermine seinen Teller schon mit einigen Leckereien, die auf dem Tisch herumstanden.

„Ich hab' wirklich keinen Hunger!"

„Papperlapapp, du hast heute Mittag schon nichts gegessen. Ich will keine weiteren Ausreden hören. Es wird erst aufgestanden, wenn dein Teller leer ist!"

Seufzend besah sich Harry den Teller vor sich. Immerhin war er nicht so voll wie Rons Teller. Wenn er sich bemühte würde er es vielleicht wirklich schaffen, alles zu essen. Doch er hatte überhaupt keinen Hunger…

Lustlos stocherte er mit seiner Gabel in den Nudeln herum, doch unter Hermines aufmerksamen Blick musste er schließlich doch etwas davon essen. Nichts schmeckend kaute er darauf herum und schluckte es anschließend herunter. Demonstrativ aß er noch ein paar weitere Nudeln, bevor er seinen Teller weit von sich wegschob. Mehr ging einfach nicht. Sein Magen fühlte sich wie ein einziger Klumpen an. Er war nun doch wirklich nervös. Was wollte Dumbledore nur von ihm?

„Harry, komm schon. Du hast doch gar keinen Grund aufgeregt zu sein. Wir sind erst seit zwei Tagen wieder hier, du hast noch gar nichts angestellt um irgendwie Ärger zu bekommen. Oder hast du etwa…?" Beschwichtigend hob Harry die Hände und schüttelte wild den Kopf. Nein. Bisher hatte er nichts Verbotenes getan.

Bestimmend schob ihm Hermine den Teller wieder vor die Nase. Seufzend aß er noch eine weitere Gabel, doch sein Magen verknotete sich schmerzhaft und er hatte Angst, dass er sich bald übergeben musste.

„'Arry ischd du dasch noch?" fragte Ron schmatzend und schnappte sich schon Harrys Teller. Erleichtert atmete der Pottererbe auf, während Hermine nur verzweifelt den Kopf schüttelte. Mit einem Blick zur Lehrertafel stellte Harry fest, dass Dumbledore bereits verschwunden war. Er nahm seine Schultasche, schulterte sie und verschwand nach einer kurzen Verabschiedung. Langsam machte er sich auf den Weg zum Büro des Direktors und nannte das Passwort „Zitronensorbet", bevor er nach einem leisen Klopfen das Büro betrat.

Dumbledore saß bereits wartend hinter seinem Schreibtisch, auf dem zwei Teller mit Zitronensorbet standen. „Harry, mein Junge, nimm doch bitte Platz! Die Hauselfen waren so nett und haben tatsächlich auf meinen Wunsch hin dieses leckere Dessert zubereitet."

Harrys Mundwinkel zogen sich ein paar Millimeter nach oben, doch ein richtiges Lächeln konnte sich nicht auf seinem Gesicht breitmachen. Nicht einmal Dumbledores offensichtliche Zuneigung zu Zitronen konnte eine Gefühlsregung in ihm hervorrufen.

Kommentarlos ließ sich der Junge der lebte in den bequemen Stuhl nieder und schon seinen Nachtisch nur auf seinem Teller herum. Dumbledores Augen verdunkelten sich merklich und kurzzeitig verschwand das Lächeln auf seinem Gesicht, doch Harry merkte es nicht einmal. Tief atmete der Schulleiter durch, bevor erneut ein sorgloser Ausdruck auf sein Gesicht glitt und er scheinbar unbesorgt das Gespräch begann.

„Wie war dein erster Schultag Harry?" Der Angesprochene zuckte nur mit der Schulter und antwortete eintönig: „Ganz gut."

„Ah, ich habe gesehen du hast auch dieses Jahr wieder Zaubertränke gleich montags morgens." Wieder nur ein Nicken als Antwort.

„Ja, ja, für manche mag es unfair erscheinen, doch irgendjemand muss nun einmal montags Zaubertränke haben. Und zufälligerweise fällt diese Last jedes Mal auf deinen Jahrgang."

Harry wünschte sich nichts sehnlicher, als dass Dumbledore endlich zum Punkt kommen würde. Dann könnte er in die Bibliothek gehen und nach einem Buch suchen, das ihm helfen würde, kämpfen zu können. Vielleicht eins zum Thema duellieren? Nein, Voldemort würde sicherlich nicht mit fairen Karten spielen und sich an die offiziellen Regeln zum Duellieren halten. Vielleicht eher ein Buch mit offensiven Zaubersprüchen? Dann könnte er sein Repertoire an Flüchen und Zaubern erweitern.

„Und was sagst du zu unseren neuen Verteidigungslehrern?"

Leise seufzte Harry, bevor er antwortete. „Tonks ist klasse und Porter scheint einiges von seinem Fach zu verstehen, aber das ist nur der erste Eindruck. Wer weiß, was er noch so für Geheimnisse verbirgt."

Albus lachte laut auf und betrachtete Harry mit einem amüsierten Blick, die blauen Augen funkelten ihm wild entgegen. „Oh Harry, wenn du wüsstest…"

Verwirrt schaute Harry seinen Schulleiter an. Aha. Porter hatte also wirklich das ein oder andere Geheimnis. Doch er konnte sich nicht dafür begeistern, diese Geheimnisse aufzudecken. Sollte er doch seine Leichen im Keller haben… Harry hatte wichtigeres zu tun. Zum Beispiel sich auf den kommenden Krieg vorzubereiten.

Nachdem sich Dumbledore beruhigt hatte seufzte er kurz auf. Er machte sich wirklich Sorgen um seinen Lieblingsschüler. Harry saß da so teilnahmslos und schaute ihn einfach nur mit einem ausdruckslosen Blick an. Sein Gesicht wirkte eingefallen und um einiges schmaler als noch vor den Sommerferien. Die sonst so lebendigen, funkelnden grünen Augen waren nun emotionslos, leblos. Der Junge, der lebte wirkte einfach nur fertig. Er war nicht mehr er selbst, gefangen in seiner Trauer. Umso mehr schmerzte es Albus nun, dem Jungen noch mehr aufzubürden. Doch er wusste, dass kein Weg darauf vorbeiführte. Und es würden auch wieder bessere Zeiten kommen, da war er sich sicher.

„Harry, ich weiß, dass dein Verlust noch sehr schmerzt. Dennoch müssen wir an die Zukunft denken. Der Krieg wird bald beginnen. Es ist nur noch eine Frage der Zeit, bis Voldemort mit kleineren Attacken beginnt und bald schon die Zaubererwelt in Angst und Schrecken versetzt. Ich habe das alles leider schon einmal durchmachen müssen und kenne deshalb sein Vorgehen nur zu gut. Bisher hat sich Voldemort noch zurückgehalten. Seit dem Vorfall im Ministerium gab es keine weiteren Überfälle, die Todesser haben sich ruhig verhalten. Das heißt jedoch nicht, dass Voldemort nur untätig herumsitzt. Er ist dabei seine Armee aufzubauen und rekrutiert bereits die Werwölfe."

Harry musste bei diesen Worten hart schlucken. Ihn hatte es schon gewundert, dass im Tagespropheten bisher keine Artikel über weitere Angriffe aufgetaucht waren. Doch er hätte sich denken können, dass Voldemort alles andere als untätig war. Dass er nun jedoch wahrscheinlich bald die Werwölfe auf seiner Seite hatte, würde für einige unschöne Kämpfe in der Zukunft sorgen. Greybacks war einer der grausamsten Werwölfe, Gerüchte besagten, dass er kleine Kinder zum Frühstück aß. Ein kalter Schauer lief Harry bei diesem Gedanken den Rücken herunter. Hoffentlich war das nur eins der Gerüchte, an dem keinerlei Funken Wahrheit dran war.

„Der Orden des Phönix gibt sein Bestes um diese Rekrutierungsversuche zu unterbinden oder ihnen entgegenzuwirken. Wir beide müssen uns jedoch um einen Weg kümmern, Voldemort endgültig zu besiegen. Laut der Prophezeiung hast du die Macht, die den dunklen Lord bezwingen kann…"

„Und was soll diese Macht sein, Sir?"

Nachdenklich faltete Dumbledore seine Hände auf dem Tisch vor sich und schaute Harry über seine Halbmondbrille hinweg an. Das Funkeln war aus seinen blauen Augen verschwunden. Harry hatte den Schulleiter noch nie so ernst gesehen. Verschwunden war die Maske des lieben Großvaters. Stattdessen saß vor ihm nun ein alter Mann, der zu viel in seinem bisherigen Leben gesehen hatte.

„Nun Harry, ein Mugglesprichwort besagt: Wissen ist Macht." Genervt verdrehte der Pottererbe die Augen. Es war ja klar, dass er von Dumbledore wieder einmal keine eindeutige Antwort bekommen würde. Doch noch bevor er sich beschweren konnte, fuhr der Direktor fort.

„Wie du dir vielleicht schon denken kannst, hat Voldemort die Grenze zwischen Leben und Tod schon lange überschritten. Ich befürchte, nein, ich bin mir ziemlich sicher, dass er bereits in seiner Jugend Schritte eingeleitet hat, um nicht sterben zu müssen."

Eindringlich schaute er Harry in die Augen, bevor er sich leicht in seinem Stuhl nach hinten lehnte, die oberste Schublade in seinem Schreibtisch öffnete und etwas herausholte.

„Vielleicht kannst du dich ja noch an das hier erinnern…?" fragte Dumbledore und legte ein dunkles Notizbuch auf die Tischplatte vor sich.

Neugierig beugte sich Harry nach vorne um besser sehen zu können, was dort lag. Erschrocken zuckte er zusammen und schaute seinen Direktor mit aufgerissenen Augen an.

„Tom Riddles Tagebuch?" hauchte er, nicht ganz begreifend, was das bedeuten sollte.

„Ganz genau, Harry. Tom hat in seiner Schulzeit einen Teil seiner Seele in dieses Tagebuch gesperrt. Das Konzept der Seele und der Seelenspaltung ist sehr kompliziert und es haben sich bisher erst wenige mit diesem komplexen Thema beschäftigt, aber was ich aus meiner Recherche bisher lernen konnte, war, dass eine Seele nur dann in die andere Welt übergehen kann, wenn sie vollständig ist. Als Voldemort das erste Mal in jener Halloweennacht gestorben ist, war ein kleiner Teil seiner Seele noch in diesem Tagebuch eingesperrt. Deshalb ist zwar sein Körper gestorben, doch das Tagebuch hat wie ein Anker gewirkt, der seine Seele in dieser Welt festgehalten hat."

Harry runzelte die Stirn und lehnte sich in seinem Stuhl zurück. Nachdenklich betrachtete er dieses unscheinbare Buch vor sich. Dieses Tagebuch war Schuld daran, dass Voldemort noch lebte?

„Sir, den Teil seiner Seele im Tagebuch… ist sie… Habe ich sie…?" Er war nicht fähig, seine wirren Gedanken in Worte zu fassen.

Hatte er einen Teil einer Seele getötet? Konnte man überhaupt nur einen Teil töten? Oder hatte er die Seele nur aus ihrem Behältnis befreit und sie irrte nun da draußen herum? Oder hatte sich eventuell schon mit Voldemort wiedervereinigt?

Verwirrt schüttelte er den Kopf und schaute den Schulleiter fragend an.

„Ich habe die letzten Jahre dieses Tagebuch genauestens studiert, seitdem ich es von Dobby großzügiger Weise bekommen habe. Es ist keine dunkle Magie mehr in dem Buch zu finden. Die Seele ist weg. Es ist wirklich schwierig zu verstehen, was genau mit einer Seele passiert, wenn sie getötet wird. Du kannst es dir in etwa so vorstellen. Wenn ein Mensch getötet wird, so stirbt sein Körper. Dadurch wird die Seele, die in diesem Körper wohnt, freigelassen. Was mit ihr an dieser Stelle genau passiert, ist eines der größten Rätsel der Menschheit. Ich bin jedoch der Überzeugung, dass die Seele in ein neues Abenteuer übergeht, was auch immer das sein mag. Es ist also der Körper, der die Seele im Hier und Jetzt hält. Als Voldemort einen Teil seiner selbst in dieses Tagebuch transferiert hat, hat er eine Verbindung zwischen dem größten Teil seiner selbst, das in seinem Körper gewohnt hat, und dem Teil im Tagebuch, hergestellt. Als sein Körper vor einigen Jahren gestorben ist, wollte seine Seele in das nächste Abenteuer übergehen, doch die Verbindung zum Tagebuch hat ihn in dieser Welt gehalten. Er war nichts mehr als ein Schatten. Als du in deinem zweiten Schuljahr jedoch das Tagebuch zerstört hast, hast du quasi den Körper der Seele zerstört. Sie hätte quasi in das nächste Abenteuer gehen können"

Angestrengt versuchte Harry das alles zu verarbeiten. Es klang alles irgendwie logisch, doch etwas störte ihn an dem Gedanken.

„Sir, wieso konnte der Teil im Tagebuch gehen, wenn doch eigentlich eine Verbindung zur… Stammseele bestehen sollte? Ist es dann nicht wahrscheinlicher, dass die Tagebuchseele einfach wieder zu Voldemort zurückgekehrt ist?"

Leise kicherte Dumbledore und lehnte sich zufrieden in seinem Stuhl zurück.

„Erst einmal muss ich sagen, dass eine Seele nicht wieder geheilt werden kann. Ist sie einmal zerstört worden, so kann sie nicht wieder zusammengesetzt werden."

„Das heißt also, dass der Teil aus dem Tagebuch noch irgendwo hier herumschwirrt? Vielleicht unten in der Kammer?"

„Ich habe gesagt, dass die hätte gehen können, nicht, dass sie gegangen ist."

„Sir, ich verstehe nicht ganz…?"

„Harry, mit was hast du das Tagebuch zerstört?"

Kurz überlegte der Angesprochene. Er hatte das Tagebuch damals mit dem Zahn eines Basilisken durchstoßen. Der Zahn war so spitz gewesen, dass er das Buch durchlöchert und somit komplett zerstört hatte. Sicherlich hatte auch das Gift seinen Teil dazu beigetragen.

„Eigentlich dürfte Basiliskengift einem normalen Tagebuch nichts anhaben…"

Erneut leuchteten die Augen des Schulleiters zufrieden auf. „Ganz genau, Harry. Du hast dieses Buch in zweifacher Weise zerstört. Durch die physische Gewalt und den spitzen Zahn hast du das Buch und somit den Körper zerstört. Das Gift dagegen hat den Teil der Seele getötet, der darin eingesperrt war."

„Aber wieso ist Voldemort dann immer noch da draußen? Ich meine… also…" Verwirrt holte Harry tief Luft und versuchte seine Gedanken in Worte zu bringen. Das waren so viele Informationen auf einmal und ihm brummte jetzt schon der Schädel, doch er wollte, nein, er musste das alles verstehen. Hier ging es um einen Weg, Voldemort zu töten. Da waren Kopfschmerzen erst einmal egal.

„Wenn der Teil der Seele im Tagebuch dann weg war und Voldemort, er, also, wenn er nach Quirrel keinen anderen Körperbesessen hatte, so hätte er doch einfach… verschwinden müssen? Also ohne Körper und ohne seinen Anker hätte doch seine Seele einfach gehen sollen? Sir, verstehen Sie, was ich meine?" Bei Merlin, Harry verstand nicht einmal selbst, was er mit seinem Gestammel sagen wollte.

„Diese Fragen habe ich mir auch gestellt. Es gibt hierbei einige Dinge zu beachten. Erstens wissen wir leider nicht genau, was Tom in der Zeit zwischen deinem ersten und vierten Schuljahr gemacht hat. Es ist durchaus möglich, dass er sich einen anderen Wirt gesucht hat und somit in einem Körper war, als sein Anker, wie du es so schön formuliert hast, verschwunden ist. Zweitens dürfen wir nicht vergessen, dass Tom sich in deinem ersten Schuljahr von Einhornblut ernährt hat. Was das für eine Wirkung auf seine Seele in diesem Moment hatte, kann ich nur erahnen. Und drittens… bedenke den Zustand, in dem Voldemort bei seiner Wiederauferstehung war. Bevor er erneut einen richtigen Körper hatte, war er in einem Zwischenstadium von Seele und Körper. Und er weiß, welche Rituale er gemacht hat, um in diesen Zustand zu kommen."

Nachdenklich ließ sich Harry das durch den Kopf gehen. Das klang alles ziemlich logisch, und dennoch…

„Wieso höre ich da ein ‚Aber' in Ihren Ausführungen?"

Leise lachte Dumbledore auf und schüttelte den Kopf. „Harry, mein Junge, du überraschst mich heute immer wieder. Ja, es gibt wirklich ein aber. Ich glaube, der Hauptgrund, wieso Tom nicht einfach verschwunden ist, ist einfach, dass er mehr als einen Anker hatte."

Scharf sog Harry die Luft ein. Mehr als ein Anker? Wie war das möglich?

„Wie… wie viele?"

„Genau an dieser Stelle müssen wir ansetzen. Ich versuche seit einigen Monaten herauszufinden, wie viele dieser Behälter Tom erschaffen hat und was sie sein könnten."

Überwältigt schloss Harry die Augen. Wenn er das richtig verstand, so war Voldemort aufgrund dieser… Behälter unsterblich. Bevor sie nicht alle dieser Anker gefunden hatten, konnte Harry den anderen nicht vernichten. Ganz Klasse.

Zitternd holte er Luft, beugte sich nach vorne, stützte die Ellenbogen auf den Knien auf und verbarg sein Gesicht in seinen Händen. Unsterblich. Voldemort war unsterblich. Und Harry dagegen war genau das Gegenteil. Ein sterblicher Junge, der noch nicht einmal seine Schulbildung abgeschlossen hatte. Falls er denn irgendwann einmal all diese Behälter zerstört haben sollte, musste er es immer noch irgendwie schaffen, den dunklen Lord zu töten. Klasse. Gleich zwei Aufgaben, die er unmöglich bewältigen konnte.

Vielleicht hatte Voldemort tausende solcher Anker hergestellt, seine Seele zehntausend Mal gespalten, sie in Kieselsteine gesteckt und auf der gesamten Welt verteilt.

Der Gedanke nahm ihm die Luft zu atmen, sein Magen verknotete sich schmerzhaft. Sein Herz schlug unnatürlich laut und schnell, seine Finger begangen zu zittern.

Wie sollte er das schaffen?

Es war unmöglich.

Er würde scheitern.

Da war er sich ganz sicher.