Valentinstag
Sam war auf dem Weg zu seinem Spind, als er an einem Klassenzimmer vorbeikam. Die Tür stand halb offen und Tinas Stimme war laut und deutlich zu vernehmen, ansonsten hätte Sam natürlich nichts mitgekriegt oder gelauscht oder so. Aber als er Blaines Namen hörte blieb er stehen und positionierte sich neben der Tür, um herauszufinden, ob Tina immer noch auf ihrem gruseligen Stalkertrip war.
Wie es sich herausstellte, ja, das war sie.
Es war ein Treffen des ‚Zu jung um verbittert zu sein' Clubs den Tina mit ein paar anderen Mädchen gegründet hatte. Sie hatte das mal erwähnt, aber Sam hatte nie wirklich darüber nachgedacht.
„Bald ist Valentinstag!", sagte Tina. „Es wäre eine der größten Katastrophen überhaupt, wenn ich nicht ein Date hätte. Oder na ja, bald haben werde, wie auch immer."
„Oh, du hast ein Date? Wer ist es? Jemand aus der Football Mannschaft?", fragte irgendein Mädchen.
„Nein, es ist… Blaine Anderson!"
Es herrschte ein paar Momente Schweigen und auch Sam runzelte die Stirn. Blaine hatte nichts in diese Richtung erwähnt. Er hatte sogar gestern erst noch gesagt, dass er Valentinstag dieses Jahr einfach ignorieren würde, weil es ihn zu sehr an Kurt beziehungsweise die Trennung von ihm erinnerte.
„Du meinst… der schwule Blaine?"
„Nenn ihn nicht so", sagte Tina. „Ja, er hat schwule Neigungen, aber wer sagt, dass das richtige Mädchen ihn nicht überzeugen kann?"
„Ähm, alle Schwulen auf der Welt…?"
Sam konnte es nicht glauben, das war doch einfach nur… arrogant, überheblich, und vor allem nicht wahr!
Bevor er auch nur darüber nachdenken konnte, stieß er die Tür auf und ging in den Raum. Die meisten Mädchen sahen ihn überrascht an, während Tina aufsprang und auf ihn zeigte.
„Was willst du hier, du bist nicht verbittert, du hast eine Freundin!"
Tina hatte anscheinend noch nicht mitbekommen, dass Brittany ihn verlassen hatte, um zu ihrer Ex Santana zurückzukehren. Wie auch immer, hier ging es um Wichtigeres.
„Wie kannst du es wagen, so über Blaine zu sprechen? Er würde niemals mit dir ausgehen, selbst wenn es keine Jungs auf der ganzen Welt mehr geben würde!"
„Hast du etwa gelauscht?"
„Du meinst, du hast nicht absichtlich geschrien damit es die ganze Schule mitbekommt?"
Tina stemmte ihre Hände in die Hüften und schickte Sam einen giftigen Blick. Uh, fast bekam er es mit der Angst zu tun. Aber sie war auch nur ein (verbittertes, wie sie ja selbst zugab) Mädchen, da brauchte er keine Angst zu haben. Er straffte die Schultern und erwiderte ihren Blick.
„Blaine mag mich, das hat er selber gesagt", sagte Tina.
„Blaine mag jeden! Und, falls du es vergessen hast, erst vor ein paar Wochen hat er zugegeben, mich zu mögen."
„Als wäre das nicht schon längst vorbei!"
Sam hob die Augenbrauen. „Willst du es wirklich darauf ankommen lassen?"
„Was redest du eigentlich? Ist ja nicht so, als würdest du mit Blaine ausgehen wollen, denn falls du es vergessen hast, du bist immer noch hetero!"
„Ich bin vielleicht hetero, aber trotzdem mehr Blaines Typ als du."
Tina verschränkte ihre Arme. „Was soll das heißen?"
„Es heißt, dass ich den Valentinstag mit Blaine verbringen werde, nicht du."
Sam biss sich auf die Lippe. Warum ließ er sich immer zu den verrücktesten Sachen hinreißen? Es war ja nicht so, als würde er ein Rendezvous mit seinem besten Freund haben wollen. Obwohl er zugeben musste, dass diese Aussicht besser war, als wenn Tina das tat. Sie war nicht nur zu selbstüberzeugt als dass es noch gesund sein könnte, ihr waren Blaine's Gefühle auch total egal. Was für sie zählte war, dass sie ein Date hatte. Dass sie nicht alleine war. Und vielleicht auch der Triumpf, allen erzählen zu können, wie sie einen Schwulen ‚umgedreht' hatte oder so.
„Frag ihn ruhig, aber sei nicht zu enttäuscht wenn er ablehnt", sagte Tina.
Sam lachte. „Witzig, genau das wollte ich gerade zu dir sagen."
„Oh, wir werden ja sehen, wer zuletzt lacht. Raus jetzt!"
Sie zeigte zur Tür und Sam hatte eh keine Lust mehr, hierzubleiben. Er verließ den Raum und lief schneller als gewöhnlich zu seinem Spind. Die hatte doch echt nicht mehr alle Tassen im Schrank! So ein Quatsch, als würde Blaines Schwärmerei für Sam von einem Tag auf den anderen verschwunden sein. Das war wirklich total unsinnig und… nicht wahr… oder?
Nun, zumindest hoffte Sam das, denn wenn es so war und Blaine ablehnte, würde er dastehen wie der letzte Idiot. Aber nun ja, zu spät, jetzt musste er da durch.
Als Sam aus Spanisch kam und zu seinem Spind ging, sah er sie schon von weitem. Tina war ihm zuvor gekommen und redet mit Blaine, plapperte und gackerte, als würde draußen eine rosa Sonne scheinen. War aber nicht so, das wusste Sam. Er beschleunigte seinen Schritt, erreichte die beiden und legte ganz lässig einen Arm um Blaines Schultern, wobei er den Blick auf Tina richtete.
„Hey! Bist du hier, um Rat wegen Hausaufgaben zu fragen oder was?"
„Oh, hi, Sam", sagte Blaine.
Tina verengte ihre Augen (ohne rassistisch klingen zu wollen, aber Sam hätte nicht gedacht, dass es noch mehr ging) und erschoss ihn buchstäblich mit ihrem Blick.
„Nein, ich bin hier, weil Blaine mein bester Freund ist."
„Oh, komisch, und ich dachte, er wäre mein bester Freund."
„Leute, was habt ihr denn? Ihr seid beide meine besten Freunde." Blaine machte sich los und legte ein Buch in seinen Spind, bevor er ihn schloss und sich wieder zu ihnen drehte.
„Ich hab jetzt aus."
Das Glück war auf Sams Seite, denn er hatte auch keine Fächer mehr, während Tina etwas über Mathe grummelte und davon strollte.
Sam rieb sich die Hände. „Na endlich, ich dachte schon, wir werden sie nie los. Hey, machen wir heute was? Ne DVD gucken oder so? Wir können auch zum Comic Laden…?"
„Ich weiß nicht, ich habe ziemlich viel Hausaufgaben auf", sagte Blaine, während sie zum Ausgang gingen. Sam richtete seinen Rucksack gerade.
„Stimmt eigentlich, ich auch. Hilfst du mir?"
Blaine sagte nie nein, wenn Sam Hilfe bei den Hausaufgaben brauchte. Es war wirklich nett und eigentlich gemein von Sam, das auszunutzen. Aber er musste Blaine heute fragen. Nur… wie? ‚Hey Blaine, sollen wir am Valentinstag ausgehen?' Das klang so abgedroschen. Und irgendwie blöd, wenn man die Umstände berücksichtigte, dass Sam von Blaines Schwärmerei wusste und ihm versichert hatte, dass es nie zwischen ihnen stehen würde. Es stand ja nun auch nicht zwischen ihnen, aber… es klang nach ‚falsche Hoffnungen' machen, nicht wahr? Oh Gott, das hatte Sam noch gar nicht bedacht. Am Ende dachte Blaine, Sam wollte sein fester Freund sein.
Sam schaffte es nicht, Blaine an diesem Nachmittag zu fragen und er gab seine Pläne sogar auf, um nicht aus Versehen Blaines Gefühle zu verletzen. Aber als er Tina am nächsten Tag erneut beobachtete, wie sie sich an Blaine heranschlich, war er schon wieder auf 180.
Sam sagte nichts und tat, als wäre er an seinem Spind beschäftigt, während er die beiden ein paar Meter weiter belauschte. Seine Faust verkrampfte sich ungewollt in einem Buch und sein Magen verzog sich auch. Mit jedem Wort von Tina wurde ihm schlechter, und ihm wurde klar, dass er um jeden Preis verhindern musste, dass sie Erfolg hatte. Nicht nur um Blaine zu schützen, sondern auch, weil Sam es einfach nicht ertrug, Blaine mit ihr zu sehen.
„Wir könnten ja am Valentinstag was machen. Rein platonisch, versteht sich", sagte Tina gerade. „Ist doch besser, als wenn wir beide alleine sind, oder nicht?"
Blaine seufzte. „Ach… Nimm es nicht persönlich, Tina, aber eigentlich habe ich keine Lust. Überall wird Liebe und Romantik gefeiert, und ich habe niemanden. Das ist einfach nur…"
Er seufzte so abgrundtief dass Sam ganz flau wurde. Er hasste es, wenn Blaine traurig oder niedergedrückt war. Das verdiente er einfach nicht, denn er war der liebste, wundervollste Mensch auf der ganzen Welt. Das klang zwar kitschig, war aber wahr.
„Hey, du hast doch mich", sagte Tina. Sie strich über Blaines Arm und lächelte ihn so zuckersüß an, dass alle Leute im Radius von zehn Meilen Diabetiker wurden. Und Sam sah an Blaines Gesicht, dass er dabei war, zuzustimmen. Er holte tief Luft, schenkte Tina einen verständnisvollen Blick und –
„Er hat aber auch mich."
Sam stellte sich dazu, ganz wie gestern, und ebenfalls wie gestern legte er seinen Arm um Blaines Schultern.
Blaine sah ihn verdutzt an.
„Wir reden über den Valentinstag, Sam."
„Ich weiß. Ich habe keine Verabredung, weil Brittany in New York bei Santana ist. Also, nicht nur deswegen, sondern weil sie mich verlassen hat. Ist aber total nicht schlimm, ich meine, ähm, ich wäre auch…"
Sam nahm seinen Arm zurück und wusste nicht, wie er es sagen sollte. Er hatte noch nie einen anderen Jungen um ein Date gebeten. Er könnte aber Tinas Trick benutzen, sie mit eigenen Waffen schlagen.
„Ich finde, wir sollten zusammen auf ein platonisches Date gehen, Blaine", sagte er. Aber etwas klang daran nicht richtig. Eigentlich… na ja, eigentlich hätte er doch nichts gegen ein richtiges Date.
Blaines Wangen wurden ein bisschen rot, und er sah zwischen seinen besten Freunden hin und her. Sam fragte sich, ob er wusste, dass die beiden Menschen, die er als beste Freunde betrachtete, sich gegenseitig überhaupt nicht ausstehen konnten. Aber dann wurde er abgelenkt, weil Blaine sagte:
„Also, jetzt soll ich mich zwischen euch entscheiden? Ich will niemanden verletzen. Und eigentlich will ich keine Fake Dates. Das ist zwar lieb gemeint von euch, wirklich, aber…" Er zuckte mit den Schultern, schenkte beiden ein aufmunterndes Lächeln und lief davon.
Sam holte erst mal tief Luft. Abfuhr! So ein Mist.
„Ha! Wusste ich es doch, er fährt nicht mehr auf dich ab. Sonst wäre er jawohl auf deinen lahmen Vorschlag eingegangen."
„Halt die Klappe, Tina, dein Vorschlag war genau derselbe."
Sie reckte ihr Kinn nach oben. „Blaine und ich waren zusammen auf dem Sawdie-Hawkins Ball, und er hätte mich fast geküsst. Und das war sogar, als er noch dachte, auf dich zu stehen. Wie du siehst habe ich mehr Chancen bei ihm als du."
Mit diesem Worten drehte sie sich um und lief mit laut klackernden Absätzen davon. Sam runzelte die Stirn. War das wirklich passiert? War Blaine vielleicht gar nicht ganz schwul, sondern nur ein bisschen, sprich bisexuell? War Tina am Ende tatsächlich ernstzunehmende Konkurrenz?
Sam konnte den ganzen Tag an nichts anderes denken, und es machte ihn verrückt. Er wollte es unbedingt schaffen, dass Blaine mit ihm ausging. Aber er konnte nicht damit argumentieren, dass Tina verrückt war, denn Blaine dachte, Tina wäre ein herzensguter Mensch. Er sah immer nur das Gute in allen Menschen, was zwar ein liebenswerter Charakterzug von ihm war, aber oft halt auch fatal. Blaine hatte einfach keinen gesunden Selbstschutzinstinkt.
Valentinstag war am Freitag, also übermorgen. Sam hatte ein bisschen Angst vor was auch immer Tina sich für Donnerstag ausgedacht hatte, um Blaine noch rumzukriegen. Er hatte auch Bammel davor, wie es sein würde, wenn Blaine letztendlich mit ihm ausging, aber die Wut auf Tina war stärker. Also nahm er sich vor, heute noch etwas zu sagen. Es war Mittwochnachmittag und sie hatten gerade die Hausaufgaben beendet, und da Blaine Hunger hatte, schaute er sich gerade das online Menu einer Pizzeria an.
Während Blaine am Schreibtisch saß, hatte Sam es sich auf seinem Bett bequem gemacht und suchte nach den passenden Worten. Würde Blaine ihm glauben, wenn er sagte, er wollte ein richtiges Date? Oder würde er denken, Sam nahm ihn auf den Arm?
Das war alles obermerkwürdig. Aber im Grunde genommen auch gut. Sam wusste nicht, wieso, aber seit er nicht mehr aufhörte, darüber nachzudenken, fühlte er sich zunehmend kribbeliger in Blaines Gegenwart und musste sich zusammenreißen, um seinen besten Freund nicht die ganze Zeit anzustarren. Er war wirklich hübsch.
„Blaine, also noch mal wegen Freitag…"
„Willst du Pizza Margarita?"
„Was? Ach, ja."
Blaine klickte ein bisschen rum, dann drehte er sich herum in seinem Schreibtischstuhl und blickte Sam an.
„Was ist mit Freitag? Bist du traurig wegen Brittany?"
„Ich weiß nicht, irgendwie nicht. Es war eine schnell verbrennende Flamme, sozusagen. Ich mochte sie total aber irgendwann hat sich ein Schalter umgelegt und dann war da nichts mehr."
Blaine lächelte verständnisvoll. „Ich bin froh, dass sie nicht dein Herz gebrochen hat, Sam."
„Hm, ja. Also, weißt du, ich frage mich in letzter Zeit, ob… ob…" Sam schluckte. Am besten nicht nachdenken, einfach drauflos reden.
„Ob ich vielleicht bi sein könnte. Das geht doch, oder? Dass man entdeckt, auch Jungs zu mögen, nachdem man ein paar Freundinnen hatte?"
Blaines Mund klappte auf und für ein paar Sekunden starrte er Sam regungslos an. Eventuell fasst er sich jedoch, schloss seinen Mund und räusperte sich.
„Klar geht das. Alles ist möglich, selbst dass man es erst mit dreißig herausfindet. Ähm, also, du…?"
„Ich weiß, das kommt total überraschend, ne? Hätte ich bis vor kurzem auch nicht gedacht. Aber irgendwie…" Sam kniff seine Lippen zusammen. Nein, er konnte es Blaine nicht sagen, nicht direkt zumindest. Er würde denken, Sam spinnt. Aber es umschreiben ging auf jeden Fall.
„Also, da ist halt so ein Junge, und in den letzten Tagen hab ich viel an ihn gedacht", sagte Sam. Er schaute auf seine Finger und verknotete sie. „Halt, so… mit Schmetterlingen im Bauch und das alles."
„Oh, wow. Ich muss sagen, das hätte ich wirklich nicht gedacht. Du bist so…"
Sam schaute auf und Blaine zuckte mit den Schultern.
„Normal."
Sam schnaufte. „Du bist auch normal."
„Du weißt, wie ich das meine. Also… tja, und du willst den Jungen jetzt zum Valentinstag ansprechen?"
Sam nickte. Er schaute wieder auf seine Finger, holte tief Luft und stieß dann aus: „Hab ich eigentlich schon. Aber er hat's nicht kapiert."
„Oh, Mist. Vielleicht ist er hetero. Oder du hast dich nicht klar genug ausgedrückt."
„Ja, kann sein. Ich meine, ich hab ihn nach einem platonischen Date gefragt, ziemlich dumm von mir."
Sam atmete aus, jetzt war es raus. Nach etwa drei Sekunden wagte er es, aufzusehen. Blaine starrte ihn wieder an, diesmal unverhohlen.
„Ist das ein Scherz?", wisperte er dann.
Sam kniff die Lippen zusammen und schüttelte den Kopf. Jetzt war es aus, nicht wahr? Blaine würde ihn auslachen. Oder rausschmeißen. Bestimmt rausschmeißen. Niemand wollte, dass der beste Freund einen auf diese Weise mochte. Okay, als es umgekehrt gewesen ist, hat es Sam nicht gestört, aber vielleicht, weil er da schon unterbewusst was gefühlt hat? Wer weiß das schon.
„Oh wow." Blaine fuhr sich über die Haare und schaute aus dem Fenster. „Das… ich meine, du… wirklich?"
Sam konnte nur mit den Schultern zucken. Wenn jemand ihm die Fähigkeit, Sätze zu formulieren, zurückgeben könnte, wäre das wirklich nett. Und zwar jetzt, bitte. Denn er musste etwas sagen, Blaine schaute ihn so fragend und ungläubig an, und wenn Sam nichts sagen, würde er bestimmt denken, das alles ist die größte Verarsche überhaupt.
„Ja, wirklich. Tut mir leid."
„Das braucht dir doch nicht Leid zu tun. Ich meine, du weißt, dass ich… ähm… aber… was jetzt? Das ist echt komisch. Wir können ja nicht… also, wir könnten schon, aber… wie würde das enden?"
„Heißt das, du magst mich immer noch?"
Endlich zeigte sich eine andere Reaktion als Fassungslosigkeit in Blaines Gesicht. Er lächelte aus mitfühlenden Augen.
„Sam, so schnell verschwinden Gefühle nicht."
„Tina hat gesagt, beim Sawdie-Hawkins Ball hättest du sie fast geküsst."
Blaine runzelte die Stirn. „Was? Wie kommt sie denn darauf?"
Sam zuckte mit den Schultern, aber innerlich atmete er auf. Okay, gut, bloß Tinas überaktive Fantasie.
Schweigen legte sich über sie, aber diesmal war Sam nicht nervös. Na gut, er war es, aber nicht ängstlich nervös. Bloß aufgeregt. Blaine mochte ihn noch, cool! Also würde er Freitag mit ihm ausgehen, oder?
„Und jetzt?", fragte Blaine irgendwann.
„Wegen Freitag…?"
Blaine stand auf und platzierte sich vor Sam, was dessen Herz ein paar Saltos schlagen ließ. Und noch ein paar, als Blaine Sams Hand nahm.
„Ein echtes Date, also?", fragte er.
Sam nickte, während Blaine tief Luft holte und schließlich grinste.
„Eigentlich schießen mir gerade tausend Argument durch den Kopf, warum das keine gute Idee ist aber… wie kann ich nein sagen, wenn du mich so anschaust?"
Sam nickte weiterhin, auch wenn er nicht wusste, wie er Blaine anschaute. Wie immer eigentlich. Aber da es nun erlaubt war, seinen besten Freund ohne falsche Hemmungen zu betrachten, gab er sich dem einfach hin.
Den ganzen Donnerstag über kam Sam nicht aus dem Grinsen heraus. Seine Lehrer mussten denken, er war betrunken oder so, aber niemand sprach ihn darauf an. Am besten war es aber, als Tina sich mal wieder an Blaine heranschlich und ihn zu einem Date überreden wollte. Sam lehnte an der Wand nicht weit entfernt und genoss die Schau.
„Schau mal, ich weiß, dass du kein Mitleids-Date willst, aber… Das muss es ja auch nicht sein", sagte sie. Blaine runzelte die Stirn, als er ein Buch aus seinem Spind nahm.
„Wie –"
„Ich meine, wir könnten auch ein richtiges Date haben. Du weißt schon…" Sie zuckte mit den Schultern. „Sawdie-Hawkins hat sich ja doch dazu entwickelt, auch wenn Sam uns unterbrochen hat."
Blaine schloss sorgfältig seinen Spind und drehte sich zu Tina, nun noch mehr Falten als zuvor auf der Stirn.
„Was meinst du damit? Es war alles reine Freundschaft, Tina. Wie du weißt, bin ich schwul."
„Aber du hast doch… Bevor Sam sich eingemischt hat, da warst du dabei mich zu küssen!"
Blaine lachte ungläubig. „Ganz bestimmt nicht, Tina, ich meine… Ich will dir nicht zu nahe treten, du bist ein hübsches Mädchen, aber ich bin wirklich hundertprozentig schwul. Da gibt es keinen Zweifel dran."
„Oh. Na, okay, dann eben doch ein platonisches Date. Das ist doch immer noch besser als alleine –"
„Ich habe schon ein Date. Ein richtiges. Und, Tina… vielleicht solltest du dich in deinen Kursen umschauen? Bestimmt findest du jemanden, der dich wirklich aufrichtig mag und dann werdet ihr glücklich miteinander und alles ist gut…?"
Tina verschränkte ihre Arme und schickte Blaine ein paar grimmige Blicke.
„Mit wem?"
„Na ja, das weiß ich doch nicht, da musst du halt mal gucken."
„Mit wem gehst du aus? Sag mir nicht, Sam. Er benutzt dich nämlich nur, um mir eine reinzuwürgen."
Blaine seufzte. „Tina, das war jetzt aber unter der Gürtellinie."
„Es stimmt doch! Anfang der Woche hat er mich belauscht, als ich über dich geredet habe, und meinte ganz hämisch und bösartig, dass ich dich niemals haben könnte."
„Das klingt aber gar nicht nach Sam." Blaines Blick fand Sams, und er runzelte fragend die Stirn. Sam hatte sich zwar nicht einmischen wollen, aber das konnte er nun doch nicht auf sich beruhen lassen. Er ging zu den beiden und verschränkte die Arme wie Tina.
„Es stimmt, dass ich gesagt habe, dass du nie mit ihr ausgehen wirst", sagte er. „Aber nur, weil es die Wahrheit ist. Sie vergisst gerne mal, dass du schwul bist."
„Und du vergisst, dass du hetero bist, oder was?", fragte Tina ihn.
„Tina, so was kann sich im Laufe der Zeit –"
„Nein, kann es nicht", unterbrach Tina Blaine. „Und wenn es das kann, wieso dann nicht bei dir?"
Blaine antwortete nur mit einem mitleidigen Blick, und Tina stürmte davon.
Sam seufzte. „Oh Mann! Sie ist manchmal echt verrückt."
„Macht ja nichts."
„Und du bist viel zu gutmütig."
Blaine lächelte. Sam wusste im Moment nicht, was es noch zu sagen gab, irgendwie war sein Gehirn wie leergefegt. Sie waren ja noch nicht auf einem Date gewesen, also kein Paar. Und wer sagte, dass sie eins werden würden? Wäre das nicht irgendwie komisch und merkwürdig? Und was, wenn Blaine morgen merkte, dass er Sam doch nicht wollte? Das wäre nicht so komisch, sondern traurig.
„Alles klar?", fragte Blaine.
„Hm? Ja, ich bin nur… in Gedanken bei Englisch. Das hab ich gleich, weißt du? Okay, ich gehe dann mal…" Sam deutete den Gang hinunter, und Blaine nickte. Also ging Sam weg, was sollte er sonst schon tun?
Am nächsten Tag war es dann so weit. Er machte sich bereit für den Abend, aber es ging langsam voran, weil er sich dauernd Szenarien ausmalte, wie es laufen könnte. Einmal die guten Fantasien, wie sie sich amüsieren und am Ende küssen würden, mit Feuerwerken im Hintergrund und allem Drum und Dran. Aber es gab auch schlechte Fantasien, und die wirkten ziemlich einschüchternd. Alles könnte schief gehen. Sam könnte Cola auf Blaines Hemd schütten, ihm auf die Füße trampeln, und den Kuss total versauen. Es würde ihre potentielle Romanze genauso verderben wie ihre Freundschaft. Oh mein Gott, Sam sollte am besten absagen und alles beim Alten belassen!
Natürlich tat er das nicht, dafür freute er sich trotz allem viel zu sehr auf den Abend.
Er holte Blaine ab und dann gingen sie ins Breadstix Restaurant. Es war passend zum Valentinstag mit vielen roten Herzen, fliegenden Amors und Rosen dekoriert. Die romantische Atmosphäre machte Sam klar, dass dies hier tatsächlich ein Date war, wow. Mit Blaine, wer hätte gedacht, dass das jemals geschehen würde!
Das Blöde war nun, dass sie sich schon kannten, also konnte er sein Beklommenheit nicht durch Smalltalk über Blaines Leben überwinden. Er saß auf seinem Sitz, fummelte an seinen Händen herum und blickte durch die Gegend, während sie aufs Essen warteten. Worüber könnten sie reden, worüber?
„Bist du nervös?", fragte Blaine.
„Quatsch. Ich doch nicht."
Blaine lächelte. „Ich aber."
„Oh. Na ja, macht nichts, Blaine, ist total normal. Wenn ich ehrlich bin… ich auch."
„Hab ich mir gedacht", nickte Blaine. Er zog die Schultern nach oben und ließ seinen Kopf kreisen. „Wir müssen uns erst an die neue Situation gewöhnen."
„Ja, genau", sagte Sam. Das Eis war trotzdem nicht gebrochen, deswegen war er froh, als das Essen kam. Sie aßen schweigend, und mit jeder Sekunde klopfte Sams Herz schneller. Das war es, das Schlimmste ist eingetreten. Sie passten nicht zueinander, sie hätten es gar nicht erst versuchen sollen. Shit. Es war seine Schuld, er war kein guter Unterhalter. Obwohl, immerhin hatte er ein paar Imitationen drauf, vielleicht sollte er dieses Ass mal ausspielen.
„There's some good in this world, Mr Frodo, and it's worth fighting for." Zugegeben, das war ihm jetzt nur eingefallen, weil die Figur, die es sagte, auch Sam hieß. Aber besser als nichts, stimmt's?
Blaine lachte. „Wo kam das denn jetzt her?"
Sam zuckte mit den Schultern. „Hab vor kurzem Herr Der Ringe geguckt."
„Ich weiß. Ich war dabei", grinste Blaine.
„Cool." Sam nickte und aß weiter. War das jetzt gut gewesen?
„Ich hoffe trotzdem, dass ich dich nicht an Frodo erinnere", sagte Blaine. „So klein bin ich nämlich nicht!"
„Es kommt nicht auf die Größe an", sagte Sam. Er merkte, wie er rot wurde, weil das irgendwie zweideutig war, und redete schnell weiter. „Ich meine, Frodo und Sam sind klein, aber total große Helden. Die Hauptfiguren und so. Und ohne den anderen wären sie total aufgeschmissen."
Blaine nickte lächelnd. Den Rest des Abends schaffte Sam es, ununterbrochen über Filme zu reden. Er merkte, dass es zu nerdig war, und nicht passend für ein Date, aber er konnte nicht aufhören. Lieber Unsinn reden, als schweigen.
Das größte Übel war dann aber, als sie wieder nach Hause gingen. Sam konnte überhaupt nicht einschätzen, ob es gut gelaufen war und er sich einen Kuss abholen durfte, oder nicht und er sich eine Ohrfeige einfangen würde, wenn er es trotzdem versuchte. Er überlegte hin und her und war deshalb sehr schweigsam im Auto. Das Klischee besagte, dass er sein Date zu Tür bringen müsste, und dort würde sich alles entscheiden. Sollte er das mit Blaine nun auch so machen?
Erst mal parkte er vor Blaines Haus und stellte den Motor aus, um mehr Zeit zum Überlegen zu haben.
„Der Abend hat mir gut gefallen", sagte Blaine leise.
„Ja? Wirklich?"
„Du klingst ja ganz überrascht. Dir nicht?"
„Doch, mir auch! Total!"
Und ein weiterer Moment angespannten Schweigens. Sam schielte zu Blaine, und als ihre Blicke sich trafen, sah er schnell wieder aus dem Fenster. Er hörte Blaine tief einatmen und fragte sich, ob er nach Worten suchte, mit denen er höflich aber bestimmt abhauen konnte.
„Sam…?"
„Hm?"
Sam befeuchtete seine Lippen und drehte den Kopf wieder zu Blaine, dessen Ausdruck Sam einfach nicht deuten konnte. Unter normalen Umständen hätte er es gekonnt, aber jetzt wusste er einfach nicht, ob er gut oder schlecht gelaunt war, ob er gehen wollte, oder sonst was…
„Ich werde dir schon nicht den Kopf abbeißen."
Sam runzelte die Stirn.
„Ich meine, falls du… mich küssen willst."
Oh Gott. Sams gesamte sich in seinem Körper befindende Blut schoss in seinen Kopf und verzierte nun sein Gesicht.
„Oh. Okay."
Und reden konnte er auch nicht, na ganz toll, am besten… Aber hieß das, Blaine wollte es? Hat es ihm am Ende wirklich gefallen?
„Wenn du noch nicht bereit bist, ist das natürlich auch okay. Ich meine, du warst noch nie mit einem anderen Jungen aus, alles kein Problem. Ähm, ich geh am besten einfach rein, oder?" Blaine deutete zum Haus, die Augenbrauen fragend hochgezogen.
„Nein", sagte Sam schnell, wahrscheinlich zu schnell. Aber das war nun auch egal, warum machte er sich eigentlich noch Gedanken darüber, ob er sich blamierte? Er dachte immer zu viel nach, aber Blaine war immer verständnisvoll und nie war es so schlimm, wie Sam es sich ausmalte, und… Ja, doch, warum nicht. Sam lehnte sich über den Schaltknüppel zu Blaine, hielt seine Augen und hoffte, es war eindeutig, was er wollte. Schien so, denn Blaine kam ihm entgegen. Er sah Sam in die Augen, bis ihre Gesichter zu nahe beieinander waren. Blaines Nase schmiegte sich an Sams Wange und Sam spürte seinen Atem. Er schloss seine Augen und schluckte in dem verzweifelten Versuch, nicht von schierer Aufregung ohnmächtig zu werden.
Ja, das war gut. Sam musste nicht reden, nicht nachdenken, einfach nur Blaines Nähe genießen. Es war total heiß im Auto, und die Temperatur hörte nicht auf, anzusteigen. Sams realisierte, dass seine Hand auf Blaines Brust lag und er schob sie weiter hoch, bis in seinen Nacken. Seine Haare waren hart wie Plastik von all dem Gel, das er benutzte, aber Sam mochte es trotzdem, darüber zu streichen.
Er wusste auch gar nicht genau, wer angefangen hatte, aber endlich bewegten ihr Lippen sich gegeneinander. Sam hatte das Gefühl, innerlich zu schmelzen. Wow, einfach nur wow. Blaine war so weich. Und lecker. Oh Gott.
Mit einem leisen Schmatzgeräusch lösten ihre Münder sich voneinander. Auf einmal war es kalt. Sam ließ seine Hand in Blaines Nacken, denn er brauchte diesen Kontakt, sie konnten jetzt doch noch nicht aufhören und den Abend beenden? Es fühlte sich an, als hätte es gerade erst richtig angefangen. Beim nächsten Mal würde Sam den Kuss auf den Anfang des Dates legen, so viel war klar.
Sie schauten sich an, und diesmal empfand Sam das Schweigen nicht als unangenehm. Im Gegenteil, er hätte Stunden so weitermachen könnten.
„Ich will nicht aufdringlich erscheinen", sagte Blaine. „Aber…"
„Will mich mit reinkommen? Okay."
Blaine grinste. Er drückte Sams Schulter, lehnte sich mehr zurück und legte seine Hand auf den Türgriff.
„Wir gehen es trotzdem langsam an, ne? Nur küssen."
„Nur?", sagte Sam. „Das war so geil, ich hätte nichts dagegen, das die ganze Nacht lang zu tun."
Blaine lachte. „Wir werden ja sehen."
Sam grinste nur. Doch, dies hier war auf jeden Fall der Beginn von etwas Wunderbarem.
