Kapitel 3

1

Helles Kinderlachen ertönte, als Impa um die Ecke bog. Instinktiv richtete sie ihren Blick nach unten und sah dort ein kleines, rundes Gesicht mit riesigen, blauen Augen, das von goldenen Locken umgeben war. Kleine Arme reckten sich ihr entgegen aus einer niedlichen, grasgrünen Tunika.

"Pa!" sagte der kleine Mund lächelnd, worin schon vier winzige Zähnchen blitzten.

"Eric, wo bist du?", hörte sie weitere Kinderstimmen rufen. Drei ältere Kinder erschienen lachend auf dem Gang. Ihr Lachen erstarb jedoch, als sie Impa sahen, und ihre Gesichter wurden ernst.

"Guten Abend, Meisterin Impa", sagte das älteste Mädchen und machte einen unbeholfenen Knicks.

"Guten Abend, Miss Elissa", sagte Impa. "Seid Ihr auf der Suche nach diesem kleinen Ausreißer hier?"

Damit griff sie nach unten und hob den kleinen Prinzen Eric hoch. Reflexartig hockte er die Beine an, so dass Impa ihn einfach auf ihre Hüfte setzen konnte.

Elissa nickte. "Werdet Ihr auch mit uns essen?", fragte sie artig.

"Ja, ich glaube schon", lächelte Impa. "Wer ist denn noch alles da?"

"Oh, viele sind gekommen", erzählte Elissa aufgeregt. "Mama und Papa, und Sir Link und Lady Zelda... und Captain Pierce mit Lady Roselyn.

"Na, dann wird es ja eine große Gesellschaft werden, nicht wahr?", sagte Impa im höfischen Plauderton. "Wollen wir uns zur Tischgesellschaft begeben, meine Liebe?"

Elissa stieg sofort auf das Spiel ein, reckte ihr Kinn in die Höhe und hob mit spitzen Fingern ihre eingebildeten Röcke.

"Natürlich, meine Liebe, wollen wir hoffen, dass die Suppe bald aufgetragen wird. Ich habe nämlich einen Riesenhunger." Dann brach sie in helles Lachen aus, und Impa schmunzelte amüsiert. Elissas kleine Geschwister beobachteten die beiden misstrauisch, trotteten dann jedoch hinter ihnen her, als Impa mit Prinz Eric und ihrer großen Schwester voraus ging.

Es war der letzte Tag der Woche, und König Link und Königin Zelda trafen ihre Freunde zu einem gemeinsamen Abendmahl in den Gemächern der königlichen Familie.

Impa ging mit den Kindern die letzten Schritte bis zu den Türen der königlichen Wohnräume. Zwei Wachen standen davor und salutierten pflichtbewusst, als Impa sich näherte.

"Madam..." sagten sie beide gleichzeitig.

"Mister Thomas, Mister Daren", grüßte Impa sie mit einem leichten Nicken.

"Ihr werdet schon erwartet, Madam", sagte der Soldat namens Thomas und klopfte an die Tür. Ein junges Dienstmädchen trat heraus.

"Guten Abend, Claire", sagte Impa freundlich.

"Guten Abend, Meisterin Impa", sagte Claire und lächelte. "Kommt herein, die anderen sind schon da. Das Essen ist schon bereit." Sie trat zur Seite, damit Impa eintreten konnte. Dann scheuchte sie die kichernden Kinder ebenfalls hinein.

Im Salon war ein großer Tisch für alle gedeckt worden. Als Impa eintrat, kam Zelda sogleich zu ihr. Eric streckte ihr von Impas Arm aus die Ärmchen entgegen und rief "Ma! Ma!". Zelda nahm ihn auf den Arm und küsste seine Wangen. Dann zog Impa Mutter und Kind in eine warme Umarmung.

"Schön, dass du da bist", sagte Zelda leise.

Link, der schon am Tisch saß, stand auf und kam ebenfalls zu Impa. Er wollte ihre Hand drücken, aber Impa umarmte ihn lachend.

"Glaubt bloß nicht, dass Ihr mich jetzt mit einem Händedruck abspeisen könnt, Eure Majestät", sagte sie. "Damit bin ich nicht zufrieden." Dann zog sie sich zurück und betrachtete liebevoll ihren Schützling.

Dank seines scharfen Verstands und seines freundlichen, bescheidenen, aber mutigen Wesens war Link im Laufe der Jahre zu einem selbstbewussten und verantwortungsvollen Mann heran gewachsen. Er hatte sich das Wohlwollen des Königs und des gesamten Hofes verdient, und kurz vor seiner Hochzeit mit Prinzessin Zelda hatte König Nohansen selbst Link adoptiert, wodurch dieser zu Prinz Link Wilrid Nohansen wurde.

Ein Jahr war es jetzt her, dass König Nohansen den Thron an seine Tochter und seinen Schwiegersohn übergeben hatte, und Impa dachte mit einem Anflug von Wehmut an den Tag vor fünfzehn Jahren zurück, da Link als unbekannter Junge aus den Wäldern in den Schlossgärten aufgetaucht war.

"Das König-sein tut dir gut", sagte sie lächelnd zu ihm.

Link verzog scherzhaft das Gesicht und neigte den Kopf zur Seite. "Mmh, ich glaube, es ist eher das Papa-sein, das mit gut tut. Das König-sein ist das Sahnehäubchen, dass es dazu gab."

Impa winkte amüsiert ab. "Du Angeber! Komm, lass mich die ehrwürdigen Gäste begrüßen."

Jayrid Elinor kam zu Impa und drückte ihr respektvoll die Hand. Er diente in der Hylianischen Armee und war einer der besten Schwertkämpfer von Hyrule. Link hatte ihn während seiner militärischen Ausbildung kennen gelernt und Jayrid war sein Freund geworden. Außerdem war er der Vater von Miss Elissa und ihren beiden kleinen Geschwistern.

"Guten Abend, Madam Impa", begrüßte Jayrid sie und traf ihren Blick mit seinen sanften, dunklen Augen. Liebevoll hatte er den Arm um seine Frau Helena gelegt, die Impa ebenfalls freundlich zunickte.

Zuletzt begrüßte Impa den königlichen Schwertmeister, Captain Daniel Pierce, einen hochgewachsenen Mann Ende vierzig mit dunklen Haaren und leuchtenden blauen Augen, und seine Frau Roslyn. Impa drückte beiden die Hand, aber als sie Captain Pierce freundschaftlich an der Schulter berührte, zuckte dieser zusammen und verzog das Gesicht vor Schmerz.

Impa runzelte die Stirn.

"Was ist passiert?", fragte sie besorgt.

Pierce schaute verlegen zu Boden, aber Roselyn stieß ihm sanft in die Seite.

"Na komm, erzähle Madam Impa, was ihr angestellt habt, kleine Spielkinder, die ihr seid!"

"Es war Kendrice", meldete sich Jayrid.

"Kendrice?", fragte Impa ungläubig. "Meint Ihr unseren Minister Kendrice?"

"Natürlich!", rief Roselyn vorwurfsvoll. "Verbieten sollte man ihnen das!"

Impa war nun völlig verwirrt. Hilfesuchend schaute sie sich um und wartete auf eine Erklärung. Da niemand freiwillig etwas sagte, wandte sie sich an Link.

"Link, was ist passiert? Wieso ist Captain Pierce verletzt?"

"Wollen wir uns vielleicht setzen?", sagte Zelda in die Runde. "Kommt, wir können dann beim Essen weiter sprechen."

Sie schob Impa sanft zu ihrem Stuhl und drückte sie nieder. Impa gehorchte widerstrebend, denn sie hatte das Gefühl, dass hier etwas vor ihr verborgen werden sollte. Ihre Augen verengten sich argwöhnisch, während sie darauf wartete, dass alle Platz nahmen. Als alle saßen und gemeinsam den Göttinnen gedankt hatten, schaute sie wieder fordernd zu Link.

"Nun?" sagte sie und verschränkte mit erhobenem Kinn ihre Arme vor sich.

Link seufzte. "Na schön! Wir brauchten einen vierten Mann, der regelmäßig kommen kann, wenn wir mit den Schwertern üben. Captain Pierce hat ein wenig herum gefragt und Lord Kendrice hat sich angeboten. Wir wechseln uns ab. Er ist ein guter Schwertkämpfer, und alles war in Ordnung bisher, aber in letzter Zeit ist irgend etwas mit ihm los... wir können es nicht genau erklären."

Link schwieg und schaute verlegen zu seinem Freund, als ob er ihn weiter erzählen lassen wollte.

"Mister Elinor?", fragte Impa streng.

"Du brauchst mich gar nicht so anzuschauen", sagte Jayrid in vorwurfsvollem Ton an Link gewandt. "Von mir hat er das nicht!"

Impas Verwirrung stieg. "Wollt ihr endlich reden?", knurrte sie verärgert. "Lasst euch nicht jeden Satz aus der Nase ziehen! Ich will jetzt wissen, was hier los ist!"

Link seufzte abermals. "Etwa vor einem Monat kam er zur Übungsstunde und machte den Vorschlag, dass wir mit scharfen Schwertern kämpfen sollten. Er behauptete, dass er besser werden wolle, und dass nur ein Kampf mit scharfen Schwertern herausfordernd genug für ihn sei, sonst brauche er sich gar nicht anzustrengen. Wir dachten uns nichts dabei und ließen ihm seinen Willen. Er brachte sein eigenes Schwert mit - das mit diesem riesigen Rubin im Knauf, du kennst es ja - und dann kämpften wir abwechselnd gegeneinander. Und... was soll ich sagen... er ist wirklich gut. Ich weiß nicht, woher er das plötzlich hat, aber neuerdings müssen wir uns sehr anstrengen, um mit ihm mitzuhalten..."

Impa hatte Link aufmerksam zugehört, aber je mehr er erzählte, desto düsterer wurde ihr Blick, und endlich ertrug sie es nicht länger.

"Ihr habt mit scharfen Schwertern gekämpft?", brauste sie auf. "Ist euch klar..."

"Impa...", hörte sie Zeldas beruhigende Stimme.

"Wusstest du etwa davon?", rief Impa aufgebracht.

"Nun ja..."

"Es war irgendwie aufregend", sagte Jayrid begeistert, "und wir merkten, dass unsere Konzentration viel besser war. Deshalb machten wir immer weiter. Aber dann... als er auch noch mit den zwei Schwertern ankam..."

"Zwei Schwerter?", hauchte Impa ungläubig, aber Link übernahm wieder und sprach weiter.

"Keiner von uns kann mit zwei Schwertern kämpfen", sagte er, "außer Captain Pierce. Also hat er gegen Kendrice gekämpft und wurde verletzt."

"Kendrice hat Euch besiegt?", hauchte Impa erstaunt und schaute zu Pierce.

"Er hat mich nicht... besiegt!", versetzte Pierce mit verletztem Stolz. "Er hat mich verwundet, aber ich habe ihn geschlagen!"

"Aber nur so gerade", sagte Link.

"Götter, war das ein Kampf!" seufzte Jayrid kopfschüttelnd.

"Das glaube ich nicht!", sagte Impa fest. "Niemand verletzt einfach so Captain Pierce. Vielleicht ist es an der Zeit, dass jemand dem Minister einen Dämpfer verpasst!"

Jayrid nickte eifrig.

"Wann habt ihr die nächste Übungsstunde?", fragte Impa, an alle drei gerichtet.

"Heute Abend", sagte Pierce, "gleich nach Einbruch der Dunkelheit."

"Ihr kämpft bei Dunkelheit?! Was denn noch alles?"

"Ja, er..." stammelte Link und schaute betreten auf seinen Teller.

"Dieser Kendrice hat sie angestiftet", sagte Helena vorwurfsvoll. "Ich weiß nicht was er vorhat..."

"Aber er ist gut!", rief Jayrid. "Und wir sind alle besser geworden. Es ist wie ein Zauber..."

"Na schön!", sagte Impa. "Captain, mit Eurer verletzten Schulter seid Ihr nicht in der Lage, gegen diesen Wunderkämpfer anzutreten, deshalb werde ich Euch heute Abend vertreten. Und wehe Euch, wenn der Minister mich enttäuscht!"

2

Lord Richard Kendrice, Mitglied des Hohen Rats von Hyrule, machte sich bereit für die nächtliche Übungsstunde im Schwertkampf, die für den späten Abend angesetzt war. Um nach langer Zeit seine Fertigkeiten aufzufrischen, hatte er sich dem König, Mister Elinor und Captain Pierce bei ihren Übungskämpfen mit dem Schwert angeschlossen. Die drei waren nach Meisterin Impa die besten Schwertkämpfer, die es im Schloss gab, aber als Kendrice nach der langen Vernachlässigung seines Trainings wieder in seine alte Form zurück gefunden hatte, war er ihnen ein ebenbürtiger Gegner geworden.

Seit seine Frau in jungen Jahren verstorben war, hatte Lord Kendrice nicht wieder geheiratet. Sie hatten keine Kinder bekommen, und obwohl er sich sehnlichst welche wünschte, hatte er es nicht gewagt, sich einer neuen Beziehung zuzuwenden. Und nun, ... war er nicht mehr jung. Er war zwar gesund und hatte einen kräftigen Körper, aber mit seinen dreiundfünfzig Jahren war es für ihn nicht einfach, eine Frau zu finden, die noch Kinder bekommen konnte. Nicht, dass er besonders nach einer Frau gesucht hätte... Er wusste, dass es keine gab, die sein Herz erreichen konnte.

Denn sein Herz gehörte ihm nicht mehr.

Lord Kendrice zog die dunkelblaue Robe der Ratsmitglieder aus, die er über seiner Übungskleidung trug, nahm sein Schwert aus der Halterung an der Wand und befestigte es an seinem Gürtel. Er zog das Schwert aus der Scheide und untersuchte es sorgfältig. Sein Stahl glänzte hellblau im Licht des Kaminfeuers, und der riesige, unregelmäßige Rubin in seinem Knauf funkelte selbst wie rotes Feuer. Langsam schwang Kendrice das Schwert durch die Luft, und sein Gewicht in seiner Hand fühlte sich an, wie eine lebendige Verlängerung seines Armes. Er holte aus und ließ die Klinge probehalber ein paar mal durch die Luft zischen. Dann steckte er das Schwert zufrieden wieder in die Scheide und griff zum zweiten Schwert, das er eigens für die Übungsstunden hatte anfertigen lassen.

Es gab zwei Menschen im Schloss, die mit zwei Schwertern kämpfen konnten. Der eine war Captain Daniel Pierce, der königliche Schwertmeister. Der andere war Meisterin Impa. Kendrice hatte beide schon immer wegen dieser Kunst bewundert. Deshalb hatte er angefangen, seine linke Hand zu trainieren, indem er seine rechte Hand auf den Rücken band, wenn er in seinen Gemächern war. Es war eine Quälerei gewesen, aber er hatte bald festgestellt, dass es sich lohnte, und er machte Fortschritte. Dabei hatte er auch bemerkt, dass sein Geist sich durch die Übungen entwickelte und sein Gedächtnis sich verbessert hatte.

In der Bibliothek des Schlosses hatte er Bücher über den Schwertkampf gefunden - in den Sprachen der verschiedenen Völker von Hyrule, und sogar eines in der Sprache der Sheikah. Als Minister verfügte er über gute Kenntnisse in mehreren Sprachen, aber das Sheikah galt als ausgestorben. Eines Tages hatte er jedoch eine Grammatik des Sheikah in der Bibliothek gefunden und mit ihrer Hilfe begonnen, diese Sprache zu lernen, um auch das letzte Buch über den Schwertkampf lesen zu können.

Lord Kendrice legte den Gurt mit dem zweiten Schwert über seine Schulter. Er trug eine dunkelrote Tunika über einem weißen Hemd und schwarzen Hosen, die ihn weichen Stiefeln steckten. Seine grauen Augen leuchteten in Erwartung des Kampfes heute Abend, als er mit aufrechter Haltung aus seinen Gemächern trat. Sie würden wieder mit scharfen Schwertern kämpfen. Ein Übungskampf unter vertrauten Freunden, doch gewürzt mit dem kleinen Schuss Adrenalin, der ihn verjüngte.

3

Ruhig schritt Lord Kendrice durch die Schlossgärten in Richtung des Übungsgeländes. Der Himmel war verhangen und dunkel, und helle Nachtfalter umflatterten die an den Wegen aufgestellten brennenden Fackeln. Kendrice hatte keine Eile, denn er wusste, dass seine Übungsgegner noch bei der königlichen Familie beim Abendessen saßen. Sie würden alle mit vollen Bäuchen kommen und sich nur träge bewegen. Fast bedauerte er, dass er beim letzten Mal so gnadenlos zu Pierce gewesen war und ihn an der Schulter getroffen hatte. Pierce hatte ihn trotzdem besiegt, und Kendrice hatte sich mit einer Verneigung in seine Schmach ergeben.

Dunkle Stille lag über den Gärten. Kendrice blieb an einer Biegung vor einer Fackel stehen, als ein großer Nachtfalter seine Aufmerksamkeit erregte. In rasenden Wirbeln tanzte er im hellen Feuerschein, flog erst nahe an das Feuer heran und wich immer wieder aus, wenn eine der Flammen mit ihren züngelnden Fingern nach ihm griff. Kendrice starrte wie gebannt auf das faszinierende Schauspiel, und seine Augen glänzten vor Bewunderung.

So schnell war er, so wendig, so mutig, und so kühn!

Doch plötzlich flog der Falter scharf an der Flamme vorbei nach oben und in einem Bogen wieder zurück nach unten, geradewegs ins Feuer. Mit einem leisen Zischen verbrannte er und fiel in einem Häufchen Asche auf das Gras in der Dunkelheit.

Erschrocken wandte Kendrice den Blick ab. Sein Herz hämmerte in seiner Brust, als ein heftiges Gefühl der Vorahnung ihn ergriff.

Ich werde verbrennen...

Widerstrebend ging er weiter. Der feine Kies knirschte unter seinen Stiefeln, und gedankenverloren legte er die rechte Hand auf den Knauf seines Schwertes.

Andyr hieß es. Das Sheikah-Wort für Feuer.

Sie hatten einen guten Platz zum Üben gefunden. Es war ein kreisförmiges Areal, das von einer Hecke umgeben und dadurch vor neugierigen Blicken geschützt war. In der Mitte stand eine große Eiche, deren Wipfel fast von jedem Punkt der Schlossgärten aus zu sehen war. Rund um den Platz hatten sie mehrere Fackeln aufstellen lassen, damit sie auch bei ihren nächtlichen Übungen im Freien kämpfen konnten.

Als Kendrice zu der letzten Fackel vor dem Eingang zu dem verborgenen Areal kam, nahm er sie aus ihrer Halterung und ging damit zu der schmalen Tür in der Hecke. Er trat hindurch und bog um ein abknickendes Stück der Hecke, das auch den Eingang vor neugierigen Blicken schützte. Sechs Fackeln standen dort in der Dunkelheit, und eine leere Halterung. Kendrice ging im Kreis, um mit seiner Fackel die anderen sechs anzuzünden, und stellte seine Fackel dann in die leere Halterung.

Plötzlich erklang ein metallisches Zischen. Er erstarrte und hielt die Luft an, um zu lauschen. Dann kam ein weiteres Zischen, hinter ihm.

Mit klopfendem Herzen drehte er sich um und suchte nach dem Ursprung des Geräusches. Zwei Schwerter waren gezogen worden, und in der Mitte des Areals, im Schatten der Eiche, aber mit weiß leuchtendem Haar im Licht der Fackeln, stand... sie.

4

Bevor er etwas sagen konnte, sprang sie auf ihn. Sie flog durch die Luft und ihre Schwerter zischten wie die Flügel einer Schere aneinander vorbei. Instinktiv ließ Kendrice sich fallen und rollte nach vorn, als sie hinter ihm landete. Gleichzeitig zückte er beide Schwerter, während er sich aus der Rolle erhob. Bei dem Geräusch wirbelte sie herum und hieb mit der rechten Hand waagerecht nach ihm, wonach ihr linkes Schwert senkrecht auf ihn hinab sauste. Wieder duckte er sich unter der waagerechten Klinge hindurch und entkam um Haaresbreite der anderen. Die Scheide an seinem Gürtel behinderte seine Bewegungen, deshalb riss er sie von ihrem Haken und warf sie fort. Impa nutzte die Verzögerung und hackte abwechselnd mit beiden Schwertern auf ihn ein. Er stolperte rückwärts und parierte ihre Hiebe zuerst mit der linken Hand, dann mit beiden Händen. Impa ließ nicht locker, und ihre Augen glitzerten grimmig im Licht der Fackeln.

Kendrice war fasziniert von ihrer Schönheit und ihrer Nähe, und er merkte, wie seine Bewegungen langsamer wurden.

Lass dich nicht in ihren Bann ziehen!

Er presste seine Lippen zusammen und parierte weiter ihre Hiebe, während er nach einer Gelegenheit für einen Angriff suchte.

Sie ist sehr schnell, aber sie duckt sich nicht gern.

Impa begann, abwechselnd mit beiden Schwertern schräge Hiebe auszuführen. Kendrice erkannte seine Chance, denn sie musste weit ausholen, um sich nicht mit den beiden Klingen selbst zu behindern. Er sprang nach vorn, parierte ihre Schläge mit beiden Händen und rollte sich unter ihren ausholenden Armen hinter sie. Mit wehenden Haaren wirbelte sie herum und wollte erneut zuschlagen. Doch Kendrice hatte den Augenblick genutzt und griff bereits an, so dass sie nun ihrerseits parieren musste. Er legte all seine Kraft in seine Hiebe und sie keuchte überrascht. Ihre roten Augen verengten sich und Kendrice merkte, wie sie nach einer Lücke suchte.

Lass sie nicht aus den Augen. Du musst ihre Bewegungen vorausahnen.

Kendrice versuchte, sich nicht von den glühenden roten Augen ablenken zu lassen, von ihren vollen Lippen und dem geschmeidigen Körper in dem eng anliegenden Kampfanzug der Sheikah... Er versuchte, ihre gesamte Gestalt in sich aufzunehmen, so dass er das Spiel ihrer Muskeln beobachten konnte. Er drängte sie zurück und erkannte den Moment, als sie erneut zum Sprung ansetzen wollte...

Blitzschnell imitierte er ihre Kombination vom Anfang und hieb mit beiden Schwertern fast gleichzeitig waagerecht und senkrecht. Sie konnte nicht springen, aber sie duckte sich auch nicht. Stattdessen wich sie zurück, mit dem Rücken zum Baum, und wehrte seine Schläge ab. Sie wollte am Stamm der Eiche vorbei und Kendrice vermutete, dass sie um den Stamm herum wirbeln wollte, um hinter ihn zu kommen, deshalb drängte er sie mit gnadenlosen Hieben zurück zum Stamm.

Er hatte sie in die Enge getrieben. Wild flackerten ihre Augen und suchten nach einer Möglichkeit, zu entkommen, aber Kendrice drang weiter vor.

Ich werde verbrennen...

Zum letzten Mal kreuzten sich ihre Klingen, dann holte Kendrice mit beiden Händen aus und ließ seine beiden Schwerter auf sie hernieder sausen.

Sie wehrte sich nicht. Mit hoch erhobenem Kopf stand sie mit dem Rücken zum Stamm der Eiche und erwartete ihr Schicksal.

Kendrices Klingen zischten durch die Luft und hielten einen Fingerbreit vor ihrem Hals an. Mit gekreuzten Händen blieb er verblüfft stehen, als er die Spitzen ihrer Klingen auf seiner Brust fühlte.

Sie atmete schwer, und feine, feuchte Tropfen glitzerten an ihren Wimpern.

Die Zeit verlangsamte sich, und Kendrice schloss die Augen, als ein Schauer durch seinen Körper fuhr. Er schaute wieder in ihr Gesicht und ihre Lippen bewegten sich.

"Ihr seid gut, Lord Kendrice", sagte sie. "Aber Ihr habt noch nicht gewonnen."

Langsam hob Kendrice seine Schwerter von ihrem Hals und warf sie mit einer entschlossenen Bewegung zu Boden.

"Es ist ein Patt, Madam Impa", sagte er.

Mit einem tiefen Atemzug wich er einen Schritt zurück und legte seine Hände auf Impas Klingen, die immer noch auf seine Brust zeigten. Langsam drückte er sie nach unten. Sie ließ es geschehen und schaute mit ihren roten Augen ihn seine.

"Einverstanden. Aber sagt mir, Lord Kendrice", sagte sie mit einer Stimme, die seine Haut erschauern ließ, "wen wolltet Ihr denn damit beeindrucken?"

Er erreichte ihre zitternden Hände und öffnete sie sanft, um die Schwerter daraus zu nehmen. Mit einem leisen Zischen fielen sie ins Gras. Dann stand Kendrice vor ihr und nahm ihr Gesicht in seine Hände.

"Euch, Mylady", sagte er in ihrer längst vergessenen Sprache, bevor er seine Lippen auf ihre legte, und geradewegs ins Feuer flog.

5

Als sie erwachte, schaute der Mond durchs Fenster und badete das Zimmer in seinem silberblauen Licht. Impa zog ihre Hand vor ihr Gesicht und zählte im Gegenlicht ihre Finger. So viel war in den letzten Tagen geschehen, dass sie das Gefühl hatte, ständig ihre Finger gezählt zu haben. Sie zählte fünf, ebenso wie die Anzahl der gelöschten Kerzen in dem Ständer auf dem kleinen Tisch am Fenster. Ihr Blick strich über den Boden des Zimmers, und sie sah verstreute Kleidungsstücke und Stiefel, sowie Bücher und andere Gegenstände, die ihrer Leidenschaft zum Opfer gefallen waren. In einer Ecke des Zimmers glitzerte es metallisch, als die Strahlen des Mondlichts darauf fielen, und Impa erkannte die vier Schwerter und Scheiden, die dort mit ineinander verwickelten Riemen auf einem Haufen lagen.

Er hatte sie geküsst. Dieser seltsame, starke, wundervolle Mann, dem sie schon tausendmal bei den Ratssitzungen gegenüber gesessen war, hatte sie geküsst.

Sie hatte ihn überraschen wollen, sie hatte in prüfen wollen, und sie hatte ihn demütigen wollen. Deshalb hatte sie bei dem Abendessen bei Link und Zelda nur etwas Obst gegessen, bevor sie in ihre Gemächer geeilt war und ihren Kampfanzug angezogen hatte. Sie hatte ihre beiden Schwerter genommen und auf dem Übungsplatz, den Link, Jayrid und Pierce ihr genannt hatten, auf ihn gewartet, um ihm eine Lektion zu erteilen. Aber er hatte sich gut geschlagen. Sie war von seinen schnellen Reaktionen beeindruckt gewesen, aber auch von seiner starken, wendigen Gestalt, die sie zum ersten Mal ohne die übliche lange Robe der Ratsmitglieder sah. Und diese Augen... diese grimmige Entschlossenheit, und die Sehnsucht, die wie Feuer darin brannte... Sie hatte seine Lippen geschmeckt und sein Begehren in seiner Berührung gefühlt. Als ob mit diesem Kuss sein Feuer auf sie übergesprungen sei, hatte sie ihn an sich gerissen und seinen Kuss erwidert, sich an ihn gedrängt und seinen Körper umklammert, während seine Wärme durch ihren engen Anzug zu ihr drang.

Und dann hatte er ihre Hand genommen und mit der anderen die Schwerter aufgesammelt. Keinen Augenblick hatte er sie los gelassen. In verzweifelter Hast waren sie durch die Dunkelheit in den Gärten zurück zum Schloss gerannt, an den verblüfften Wachen vorbei, bis sie seine Gemächer erreichten. Keuchend und wimmernd hatten sie sich gegenseitig die Kleider vom Leib gerissen, während ihre Lippen sich kein einziges Mal getrennt hatten. Er hatte sie in seinen Armen aufgehoben und in sein großes Bett getragen, wo ihre Körper und Seelen sich in einem wilden Feuer der rasenden Begierde vereinten.

Impa lächelte, als sie tief in ihrem Inneren den kleinen Funken spürte, der dazugekommen war. Zwei Zellen waren vorbereitet worden und hatten auf ihre Erfüllung gewartet. Beide hatten ihren Sinn gefunden, indem ihr Erbe sich auf die liebevollste, leidenschaftlichste und zärtlichste Weise mit den neuen Zellen verbunden hatte.

Wer hätte das gedacht...

Vorsichtig drehte sie sich um und sah ihn neben sich liegen. Er lag so ruhig und entspannt, und obwohl seine Augen geschlossen waren, schien sein Gesicht von innen zu leuchten. Sie legte ihre Hand an seine Wange und er regte sich. Seine Hand kam zu ihrer Hüfte und zog sie näher zu sich. Sofort spürte Impa, wie bestimmte Muskeln in ihrem Körper sich anspannten, bereit, den wilden Tanz aufs Neue zu beginnen.

Aber zuerst...

"Seid Ihr wach, mein Lord?", fragte sie mit tiefer Stimme an seinem Ohr und küsste ihn. Seine starken Hände fuhren über ihren Rücken, und während er sie küsste, richtete er sich auf und drückte sie in die Kissen. Impa ertrug kaum mehr die Erwartung in ihrem Inneren, und sie presste ihn an sich, bis sie sich nach Atem ringend trennen mussten.

"Verfügt über mich, Mylady", sagte er. "Macht mit mir, was Ihr wollt, ich bin Euer Diener." Er kam wieder näher und Impa nahm ihn gierig auf. "Wie... heißt... Euer... Schwert..." gelang es ihr, zwischen den Küssen zu fragen.

"Andyr...", hauchte er.

Impa erkannte das uralte Wort aus ihrer Muttersprache und schlang mit einem verzweifelten Schrei Ihre Beine um seinen Körper, während die wartende Leere in ihrem Inneren sich endlich füllte. "Feuer...", flüsterte sie, als die Flammen sie umfingen.

6

Zum zweiten Mal in dieser Nacht zählte sie ihre Finger. Oh, wie wünschte sie sich, dass es siebzehn wären, oder zwölf, nur nicht zehn, denn das bedeutete, dass der Traum zu Ende war. Lord Richard Kendrice schlief neben ihr, und seine ruhigen, regelmäßigen Atemzüge verrieten, dass er sich im Tiefschlaf befand.

Impa stand auf und suchte leise ihren Kampfanzug und ihre Stiefel zusammen. Als sie sich angezogen hatte, suchte sie im schwachen Licht der Morgendämmerung auch seine Kleider, faltete sie ordentlich zusammen und legte sie auf einen Stuhl. Sie ging zu der Ecke, in welcher die Schwerter lagen, und sortierte alle in die richtige Scheide. Als sie sich im Zimmer umschaute, fand sie jedoch keine Halterung dafür. Sie vermutete, dass sie vielleicht im Salon waren, und nahm sich vor, Kendrices Schwerter wieder einzuräumen, wenn sie seine Gemächer verließ. Auch die beiden Wachen vor dem Eingang zum Schloss würde sie noch einmal besuchen müssen, um die Erinnerung an sie und Kendrice aus ihrem Gedächtnis zu löschen.

Als sie die Bücher aufsammelte, die auf dem Boden verstreut lagen, fiel ihr Blick auf den Titel auf einem Buchrücken. Arut ill Siverdis, las sie in ihrer Muttersprache. Die Kunst des Schwertes. Sie lachte leise auf und fühlte, wie ihre Wangen sich erwärmten. Dieses Schlitzohr, dachte sie, als sie mit den Fingern über die Titelseite strich, wo der Name des Autors zu lesen war: Arut ill Siverdis, ill Impa ill Sheikah.

Sie legte die Bücher in einem ordentlichen Stapel auf den kleinen Tisch am Fenster und schaute sich um. Es war keine Spur der Verwüstung, die sie hinterlassen hatten, mehr zu sehen.

Der Moment war also gekommen.

Als sie sich dem Bett näherte, stahl sich für den Bruchteil eines Augenblicks die Frage in ihren Geist, ob sie ihren Kampfanzug wieder ausziehen sollte und...

Aber dann lächelte sie. Vielleicht, wenn sie ihm einen Schlüssel gab...

Sie ging zum Tisch zurück, wo sie eine Feder und ein kleines Tintenfass fand. Mit klopfendem Herzen nahm sie ihr Buch vom Stapel und schlug die letzte Seite auf. Nur einige Zeilen standen auf dieser Seite. Sie öffnete das Tintenfass und tauchte die Feder hinein. Mit geschwungenen Zügen schrieb sie auf die letzte Seite ihres Buches das eine Wort, das diese viel zu kurze Nacht für sie beide geprägt hatte: Andyr. Dann schloss sie das Buch und legte es wieder auf den Stapel.

Leise ging sie zum Bett und setzte sich auf den Rand. Lord Kendrice lag noch immer im seligen Schlaf, der einer Nacht der befriedigenden Leidenschaft folgte, und sein nackter Brustkorb hob und senkte sich ruhig und gleichmäßig. Impa legte ihre Hände an seine Schläfen und küsste sanft seine Lippen, während sie in seinen Geist eindrang. Sie fand dort so viel Kraft, Energie und Leidenschaft, dass sie beinahe von dem Wirbel mitgerissen wurde. Angezogen von ihrem hellen Licht begab sie sich an den Ort, wo die Erinnerung an die letzte Nacht wie ein Leuchtfeuer in alle Richtungen strahlte. Es widerstrebte ihr, sie einzusperren, denn sie wollte, dass er sich erinnerte. Was würde ihre Mutter sagen?

Tu es.

Langsam begann sie, die Barriere aufzubauen. Doch in die Barriere verwob sie die zarten Ranken ihrer Liebe, ihrer Freude und ihrer Dankbarkeit. Und auch diesmal ließ sie eine schmale Öffnung, die den Schlüssel aufnehmen konnte.

Als sie aus seinem Geist trat, stand sie auf und legte ihre beiden Schwerter an. Sie hob seine Schwerter auf und brachte sie in den Salon, wo sie für beide eine Halterung an der Wand fand. Dann ging sie leise durch die Tür hinaus, und ließ ihr Herz zurück.