Kapitel 5
1
Lord Richard Kendrice kam schweißgebadet in seine Gemächer. Er schnallte seine beiden Schwertgürtel ab und legte die Schwerter in die Halterungen an der Wand. Dann stieg er aus seinen Stiefeln, zog seine Hose, das Hemd und die Tunika aus, die er zur Übungsstunde getragen hatte, und ging in sein kleines Badezimmer, um seinen Schweiß abzuwaschen. Als er sich abtrocknete, blieb sein Blick an seinem Spiegelbild im Rasierspiegel hängen. Die Bartstoppeln waren wieder etwas hervorgetreten und er würde sie schneiden müssen. Er schaute in die Augen seines Spiegelbilds und sah einen fiebrigen Glanz darin. Er hatte nicht gut geschlafen. Zuerst hatte er Mühe gehabt, einzuschlafen, und dann war sein Schlaf von seltsamen Träumen durchsetzt gewesen. An die meisten Szenen konnte er sich nur verschwommen erinnern, aber eine war in seinem Gedächtnis geblieben, als er aufwachte.
Es war in den Gärten gewesen. Im Traum war er aufgewacht und hatte einen roten Feuerschein durchs Fenster gesehen. Als er aufstand, um durchs Fenster zu schauen, war er heller geworden. Er hatte eine einzelne entzündete Fackel dort gesehen, und sie hatte mit einer seltsamen Stimme nach ihm gerufen.
"Komm..."
Er wusste, dass er diese Stimme kannte, aber er konnte sie nicht zuordnen. Er war hinunter gegangen und hatte festgestellt, dass er seine rote Tunika trug. Er war zu der Fackel gekommen, und niemand war dort gewesen. Aber ein einsamer Nachtfalter, der mit atemberaubender Geschwindigkeit die Fackel umkreiste, war plötzlich ins Feuer geflogen und verbrannt. Kendrice war zusammenzuckend und mit rasendem Herzen erwacht. In dem Moment, als er erwachte, hatte er gewusst, was der Traum zu bedeuten hatte, aber innerhalb von Augenblicken war dieses Wissen in die Tiefen seines Geistes zurück gesickert und hatte nur Angst und Verstörung hinterlassen.
Am Morgen war er dann zur Ratssitzung gegangen. Er hatte sich nicht konzentrieren können, und Meisterin Impa war wieder abwesend gewesen. Lady Zelda hatte sie entschuldigt, aber er machte sich Sorgen. Man war es nicht gewohnt, dass Meisterin Impa die Ratssitzungen versäumte. Er wollte versuchen, sie darauf anzusprechen.
2
Kendrice nahm sein Rasiermesser und rasierte sein Gesicht, dann zog er eine Hose und eine dunkle Tunika an, und darüber die offizielle Robe der Ratsmitglieder. Für den Abend war ein Bankett im Thronsaal angesetzt, um die Gäste aus einem Nachbarkönigreich zu ehren.
Nachdenklich schritt er durch die langen Gänge, bis er den Saal erreichte. Es hatten sich schon viele Gäste versammelt, und er stellte im Geiste eine Liste mit den Persönlichkeiten zusammen, die er begrüßen wollte. Einige Kinder hüpften um das Buffet herum, und Kendrice musste schmunzeln. Manche Mitglieder des Hofes hatten sich gegen die neue Gepflogenheit gewehrt, dass Kinder an den offiziellen Anlässen teilnehmen durften, aber er fand sie erfrischend. Er hatte sich immer Kinder gewünscht und dachte wehmütig an die Zeit zurück, wo es noch im Bereich des Möglichen gelegen hatte.
Königin Zelda saß mit Helena Elinor und Roselyn Pierce an einem Tisch, neben ihr die Königin aus dem Gastland. Sie unterhielten sich und lachten immer wieder. König Link stand in einer Gruppe mit einigen anderen, offiziell gekleideten Persönlichkeiten zusammen, und Prinz Eric saß auf seinen Schultern und beobachtete die Menge von seiner erhöhten Position.
In einer Ecke des Saals stand Meisterin Impa. Sie trug wie immer ihren Kampfanzug und hinter ihrem Rücken konnte Kendrice ihre beiden Schwerter sehen. Sie war die beste Kämpferin im Königreich, und was den Kampf mit zwei Schwertern betraf, konnte ihr niemand das Wasser reichen, nicht einmal der königliche Schwertmeister, Captain Pierce. Kendrice bewunderte sie dafür, und diese Bewunderung bot ihm eine heftige Motivation, seine Fertigkeiten immer weiter zu verbessern. Er war sich sicher, dass die Übungen mit scharfen Schwertern, die er seit einigen Wochen mit König Link, Jayrid Elinor und Captain Pierce durchführte, einen großen Teil dazu beitrugen.
Impa stand aufrecht und mit verschränkten Armen da und ließ ihren ruhigen Blick langsam durch den Raum streifen. Kendrice merkte, dass sie die Kinder beobachtete und darauf achtete, dass keines sich zu weit von seinen Eltern entfernte. Er ging langsam durch den Saal auf sie zu, während er den Menschen, an denen er vorbei kam, freundlich zunickte. Manche schüttelten ihm die Hand und richteten einige Worte an ihn. Als er Impa näher kam, lief plötzlich ein kleines Mädchen zu ihr, welches Kendrice als Miss Elissa Elinor erkannte, eines der Kinder von Jayrid und Helena Elinor. Sie zerrte an Impas Tunika und sagte etwas, das Kendrice nicht verstehen konnte. Impa antwortete ihr lächelnd, blieb jedoch stehen.
"Aber Ihr müsst sie unbedingt probieren!" hörte Kendrice Miss Elissa wieder sagen, als er weiter schritt.
"Ich schaue später vorbei, Miss Elissa", sagte Impa. "Die Sahnetörtchen von vorhin halten noch ein wenig vor."
"Aber dann werden sie weg sein, Madam Impa, die Leute stürzen sich jetzt schon darauf wie die Geier!"
Kendrice musste lachen und Impa wurde auf ihn aufmerksam. Sofort wurde ihre Miene ernst.
"Ich komme gleich nach, Miss Elissa", sagte sie zu dem Mädchen. "Geht nur und probiert die Mandelschnitten, bevor sie alle sind. Ihr könnt ja aufpassen, dass für mich noch etwas übrig bleibt, in Ordnung?"
"Na schön...", sagte Elissa und schaute respektvoll zu Kendrice, als sie sich entfernte.
"Guten Abend, Madam Impa", sagte Kendrice.
Impa blinzelte und schien verlegen.
"Guten Abend, mein Lord."
"Ich hörte gerade, die Sahnetörtchen seien gut heute Abend. Und die Mandelschnitten müssen vorzüglich sein."
Impa lächelte hastig, aber Kendrice hatte den Eindruck, dass es ihr peinlich war.
Vielleicht solltest du das Thema wechseln.
"Ihr wart heute morgen nicht bei der Ratssitzung, und Lady Zelda meinte, es gehe Euch nicht gut. Ich mache mir Sorgen. Kann ich vielleicht helfen?"
Impa vermied es, ihn anzusehen. Ihre Augen zuckten unruhig durch den Saal, schienen jedoch keinen Halt darin zu finden.
"Ja, ich... es ist alles in Ordnung, Lord Kendrice", sagte Impa und schluckte. Dann wandte sie den Blick ab und schloss für einen Moment die Augen, während sie tief einatmete.
"Vergebt mir", sagte sie hastig, "ich muss gehen."
Mit schnellen Schritten ging sie auf die großen Türen des Thronsaals zu und Kendrice blieb verblüfft zurück. Er sah, wie Königin Zelda sie mit dem Blick verfolgte und ihr im Vorbeigehen etwas sagte. Impa schüttelte jedoch nur den Kopf und verschwand durch die Türen, welche die Wachen für sie öffneten.
3
Weg, nur weg, schnell...
Impa rannte durch die Gänge zu ihren Gemächern. Ihre Schwerter klirrten auf ihrem Rücken und das Blut rauschte in ihren Ohren. Sie hatte sich kaum zurückhalten können. Er war dort vor ihr gewesen, hatte versucht, Konversation mit ihr zu machen, und das einzige woran sie hatte denken können, war, wie sie ihm am schnellsten die Kleider vom Leib reißen konnte. Vier Wochen war es nun her, dass sie seine Lippen gekostet hatte, dass sie seinen festen Körper an ihrem gefühlt hatte, und vier Wochen, seit sie ihn hatte all das vergessen lassen. Tränen drängten in ihren Augen und ihre Sehnsucht nach ihm verzehrte sie.
Sie konnte es sich nicht erlauben, vor den Dienstboten zu schluchzen, die überall ihren Weg kreuzten, und krampfhaft hielt sie die Tränen zurück. Endlich schlug sie die Türen zu ihren Gemächern hinter sich zu und sank zu Boden, während ihr Körper in hilflosen Krämpfen zuckte. Ihr Hände ballten sich zu Fäusten und schlugen auf den Boden, während sie sich bemühte, die Begierde, die in ihr brannte, unter Kontrolle zu halten. Oh, sie hasste sich dafür! Warum hatte sie den Anzug nicht wieder ausgezogen und war zurück zu ihm unter die Decke gekrochen, zurück in die Glückseligkeit seiner Arme, zurück in seine Wärme, seine Kraft... und seine Liebe?
Ein Klopfen an der Tür erregte ihre Aufmerksamkeit und sie hielt erschrocken inne.
"Impa?", kam Zeldas Stimme.
"Geh weg!", rief sie unter Tränen.
Aber wie immer, kam Zelda trotzdem.
Sie kniete sich zu Impa auf den Boden und nahm sie in ihre Arme.
"Oh, meine arme, liebe Impa", sagte sie zärtlich. "Ist es so schlimm?"
"Mir ist schlecht", sagte Impa. "Gleich passiert etwas, glaube ich."
"Soll ich vielleicht Meister Maynard holen?"
"NEIN!", schrie Impa mit schneidender Stimme und wand sich ruckartig aus Zeldas Umarmung. "Ich will nicht, dass er herkommt!"
Zelda wich erschrocken zurück.
"Impa...", sagte sie besänftigend. "Er kann dir helfen. Du musst dich beruhigen..."
"Es geht schon, mir ist einfach nur übel. Götter, wenn ich das gewusst hätte... Wie hast du das nur alles ertragen können?"
Zelda lächelte. "Vermutlich, weil Link bei mir war..."
Impa bedeckte ihr Gesicht mit ihren Händen. "Und du wusstest, dass er dich liebt, dass er sich an eure Liebe erinnert."
"Oh", sagte Zelda.
Impa nickte und wandte den Blick ab.
"Weißt du, ich habe ihm alles genommen. Ich glaubte, es sei nötig, damit er nicht leiden muss. Seine Erinnerung... sie war so hell, so strahlend... sein gesamter Geist war davon durchflutet, und als ich die Barriere errichtete, wurde es beinahe dunkel darin..."
"Oh, Impa... es tut mir so Leid! Gibt es keinen Weg..."
"Du weißt doch, dass es nicht geht. Ich müsste noch einmal in seinen Geist eindringen, und das will ich nicht. Ich hätte das Gefühl, ihn zu... betrügen."
"Aber du weißt ja, manchmal finden die Erinnerungen einen Weg hinaus..."
"Als ich es tat, lag er im Tiefschlaf, deshalb ist die Barriere besonders stark. Ich glaube nicht, dass er sie selbst durchbrechen kann..."
Zelda streichelte sanft ihr Haar.
"Wenn du mir sagen könntest..."
Aber Impa schüttelte nur den Kopf.
"Ich kann nicht. Ich muss das allein durchstehen. Nach den Prüfungen werde ich fortgehen, und bis dahin geht es schon irgendwie. Vielleicht... wenn du mich von den Ratssitzungen befreien könntest... es ist so schwierig, ihre Gesichter auf mir zu fühlen, weil ich so oft abwesend bin."
"Wenn es dir hilft...", sagte Zelda nachdenklich. "Aber ich muss dir eine andere Aufgabe zuteilen, sonst entstehen Gerüchte. Wie wäre es, wenn du Pierce bei der Ausbildung der Elitekämpfer hilfst. Din weiß, dass er genug zu tun hat, er ist sicher dankbar für jede Hilfe."
"Na gut", sagte Impa schniefend.
Zumindest werde ich ihm dort nicht so oft begegnen, wie bei den Ratssitzungen.
4
Er träumte.
Draußen war es dunkel und der Himmel war ein schwarzes Tuch über dem Land. Kein einziger Stern war zu sehen. Trotzdem schien dort etwas zu sein, was ihn anzog. Er stieg aus dem Bett und hörte ein leises Rascheln an seinem Körper. Als er an sich hinab schaute, sah er die rote Tunika. Er betrachtete seine Arme und sah das weiße Hemd. Unwillkürlich ging seine Hand an seinen Gürtel, wo er die vertraute Form des Rubins fühlte. Der Rubin hatte einen Namen, und es war auch der Name des Schwertes.
Es wurde heller im Zimmer, und Kendrice schaute zum Fenster.
"Komm...", hörte er die Fackel draußen rufen.
Er ging hinaus und merkte, dass er irgendwie durch die Wand seiner Gemächer getreten war. Er konnte auch durch alle anderen Wände gehen, durch die Mauern, welche die Gärten umgaben, und durch alle Hecken. Die Fackel zog ihn an und leuchtete hell in der sternlosen Nacht.
Warum ruft sie mich?
Er erreichte sie, aber niemand war dort. Ein großer Nachtfalter schwirrte in engen Kreisen und Spiralen um die Flamme, und Kendrice hörte ein kleines Flüstern.
"Bist du es, der mich ruft?", fragte er.
"Komm... ins Feuer..." flüsterte der Falter und flog in einem weiten Bogen geradewegs in die Flammen. Zischend verbrannte er und die Asche fiel zu Boden. Kendrice wurde von tiefer Trauer ergriffen.
Warum hast du das getan?
Während er um den Falter trauerte, hörte er etwas wie ein Flügelschlagen. Ein Schatten landete neben ihm. Er hob den Blick und schaute in rote Augen, die im Licht der Fackel wie zwei blutrote Sterne leuchteten.
"Wer seid Ihr?", fragte er erstaunt. "Und warum bin ich hier? Könnt Ihr mir das sagen?"
