Kapitel 8
1
Die Prüfungen der Elitekämpfer rückten langsam näher. Sie waren für Anfang September angesetzt und es würde eine riesige Veranstaltung werden. Zuerst sollte es ein Turnier für alle Kämpfer geben, die teilnehmen wollten, in verschiedenen Disziplinen wie Schwertkampf, Bogenschießen, aber auch Rennen und Schwimmen. Bisher hatte Impa immer nur als Prüferin teilgenommen. Die Männer - und manchmal auch Frauen - trainierten und meldeten sich dann für die Prüfung an, wenn sie glaubten, bereit dafür zu sein. Die Prüfungen waren sehr streng, denn Impa duldete kein Versagen. Alle Soldaten wussten das und trainierten deshalb um so härter. Sie hatte bei vielen von denen, die sie ausbildete, gute Fortschritte bemerkt und sagte Pierce, welchem von ihnen sie die Prüfung empfehlen würde, und welche lieber noch warten sollten. Pierce hielt sich gewissenhaft daran, denn er wollte sich natürlich mit seinen Kämpfern nicht vor dem versammelten Publikum blamieren. Die Menschen kamen aus ganz Hyrule zu den Prüfungen, und nicht nur Hylianer, sondern sogar Gerudos, Zoras und Goronen würden unter den Zuschauern sein.
Auch Impas Kinder wuchsen langsam in ihr heran. Sie waren zwar immer noch winzig klein, denn sie würden erst in der zweiten Hälfte der Schwangerschaft schneller wachsen, aber ihr Geist entwickelte sich schon sehr früh. Langsam wurde sie ruhiger und vermutete, dass die Kinder etwas damit zu tun hatten. Sie verzehrte sich immer noch nach Kendrice und erlebte alles von Hitzewellen bis kalte Schweißausbrüche, wenn sie ihm begegnete, aber sie konnte wieder besser schlafen und der Appetit war auch wieder gekommen. Da sie die einzige lebende Sheikah war, gab es keine Hebammen, die Erfahrung mit ihrer Schwangerschaft hatten, und Impa hätte es sowieso keiner Hebamme erzählt. Sie würde nach den Prüfungen gehen müssen, denn wenn die Schwangerschaft erst mal sichtbar wurde... sie fürchtete, dass sie es nicht ertragen können würde.
Bei den regelmäßigen Abendessen mit Link und Zelda hatte Captain Pierce erzählt, dass Lord Kendrices Trainingszeiten sich verdoppelt hatten. "Er ist in eine Art wahnsinnigen Eifer gefallen", hatte er erzählt. "Ich glaube, er gibt nicht auf, bis er mich geschlagen hat."
"Das führt doch hoffentlich nicht zu einer... Wettbewerbsfehde zwischen Euch beiden, oder?", hatte Link gefragt, aber Pierce hatte nur schmunzelnd abgewinkt. "Ich glaube, das Training hält ihn jung, und er hat angefangen, jede Menge Bücher über den Schwertkampf zu lesen. Er holt sogar welche aus dem Ausland! Aber", fügte er dann mit einer ehrfürchtigen Verneigung vor Impa hinzu, "ich bin der Meinung, dass es nur ein einziges Buch gibt, das er lesen muss."
Impa wusste, dass Kendrice ihr Buch ausgeliehen hatte. Sie wusste nur von diesem einzigen Exemplar in der Schlossbibliothek.
Hat er es zurück gebracht?
Sie würde es überprüfen müssen.
Deshalb ging sie nun zielstrebig durch die Gänge in Richtung der Bibliothek und lächelte die Wachen an, die vor der Tür standen.
"Madam Impa...", grüßten sie. Einer von ihnen war ein guter Kämpfer und sie hatte Pierce empfohlen, dass er ihn zur Prüfung anmeldete. Auch Mister Thomas und Mister Daren, Link und Zeldas Leibwächter, waren unter den Kandidaten.
Der eine Soldat sprang behände vor und öffnete die Tür für Impa. "Ihr seid ein Schmeichler", sagte sie ihm zwinkernd. Sie konnte sogar ab und zu mit den Wachen flirten, ohne gleich in Tränen auszubrechen. Der Soldat verneigte sich ehrfürchtig. "Wie Ihr meint, Madam."
Sie wusste, dass Kendrice viel Zeit in der Bibliothek verbrachte, deshalb blieb sie vor der Tür stehen, als die Wachen die Türen hinter ihr geschlossen hatten. Sie ließ ihren Blick über die Bücherregale schweifen und suchte nach ihm. Wenn er da war, würde sie sofort wieder gehen und später wieder kommen. Aber die Bibliothek war leer, abgesehen von dem jungen Mädchen, das die Ausleihe bediente. Sie grüßte Impa mit einem leichten Nicken, und Impa ging geradewegs zu dem Regal, wo sie wusste, dass ihr Buch üblicherweise stand. Es war nicht da. Impa überlegte und ging zu dem Mädchen bei der Ausleihe.
"Miss Lane", begann sie. "Ich suche nach dem Buch Arut ill Siverdis. Ist es gegenwärtig ausgeliehen?"
Das Mädchen schaute in seiner Liste nach und nickte. "Ja, Lord Kendrice hat es noch, aber er sollte es heute wieder zurück bringen."
Ein Schauer durchfuhr Impa.
Nein...
"Soll ich es für Euch reservieren, Madam Impa?"
"Wie bitte?"
Ein schreckliches Brausen stieg in Impas Ohren und ihre Sicht verschwamm. Sie fühlte, wie ihre Beine nachgaben und griff instinktiv nach dem Tisch.
"Madam Impa, geht es Euch gut?", fragte das Mädchen mit ängstlicher Stimme.
Impa schluckte und bemühte sich, stehen zu bleiben. Sie schaute das Mädchen trotz des lauten Rauschens in ihren Ohren an und zwang sich, die Augen offen zu halten.
"Ja... Miss Lane. Nein, Ihr müsst es nicht reservieren, ich habe es schon gelesen..."
Sie zwang ihre Beine, sich zu bewegen und schritt zur Tür.
Als sie ihre Hand auf den Türknauf legen wollte, bewegte er sich, und Impa zog die Finger weg, als ob sie sich verbrannt hätte. Sie wich zurück, und die Tür öffnete sich.
Sie sah das Gesicht des Wachmannes, der die Tür öffnete und beiseite trat, damit Lord Richard Kendrice eintreten konnte.
Er war kaum einen Schritt weit von ihr entfernt und schaute sie verwundert an. Ihr Blick blieb an den Büchern hängen, die er in der Hand trug. Ihr Buch war darunter.
"Madam Impa...", grüßte Kendrice sie. Seine Stimme war kaum ein Hauchen und ihre Augen kamen zurück zu seinen Lippen. Sie konnte sich kaum zurückhalten, ihre Hand auszustrecken, um diese Lippen zu berühren, die mit solcher Leidenschaft küssen konnten...
Und die es nun nie wieder tun würden.
Sie wich zurück und ließ ihn vorbei gehen, dann rannte sie durch die offenen Türen hinaus.
Das war es. Ihr Leben war zu Ende.
2
Lord Richard Kendrice schaute ihr stirnrunzelnd nach.
Etwas war dort in ihrem Blick gewesen, bevor sie gegangen war. Etwas Zerbrochenes, Endgültiges. Er sann einen Moment verwirrt darüber nach, dann schüttelte er den Kopf, wie um die seltsamen Gedanken zu vertreiben, und schritt weiter in die Bibliothek hinein.
Er ging zu dem Tisch der Bibliothekarin, Miss Lane, wie er wusste.
"Guten Tag, Lord Kendrice", sagte sie mit einem Lächeln. "Waren die Bücher hilfreich?"
"Ich fürchte, das, was ich suchte, war nicht darunter", sagte er bedauernd. Aber ich muss sie heute zurück bringen, nicht wahr?"
"Ja, Lord Kendrice", sagte Miss Lane. "Möchtet Ihr vielleicht noch einmal schauen?"
"Ich glaube, ich habe sonst alle gelesen, die mich interessieren", sagte er traurig. "Vielleicht später."
"Wie Ihr wünscht, mein Lord", sagte sie und nahm die Bücher, um sie ins Regal zu bringen. Als Kendrice sah, wie sie die Bücher einsammelte und sie fort brachte, ergriff ihn plötzlich ein seltsames Gefühl. Er hatte Impas Buch und die Grammatik zurück gebracht. Arut ill Siverdis war das letzte Buch aus der Bibliothek, das den Schwertkampf behandelte, und er hatte es nicht vollständig gelesen. Konnte es dann nicht sein, dass er etwas verpasste?
"Wartet bitte einen Augenblick, Miss Lane", rief er.
"Ja...?"
"Könntet... könntet Ihr nachschauen, wer Arut ill Siverdis außer mir sonst noch ausgeliehen hat?"
"Niemand, das weiß ich", sagte Miss Lane sofort. "Es ist ja in Sheikah geschrieben, und niemand kennt die Sprache heute mehr." Sie wollte schon weiter gehen. Aber er hatte sie mit ein paar Schritten erreicht und hielt sie am Arm zurück.
"Wie lange seid Ihr schon hier, Miss Lane?", fragte er sie.
Sie blieb stehen und schaute ihn stirnrunzelnd an.
"Ich arbeite schon fünf Jahre hier, mein Lord, und in der Zeit hat außer Euch niemand das Buch ausgeliehen."
"Und vorher?", bohrte er weiter. "Ich meine, bevor Ihr anfingt, hier zu arbeiten. Gibt es darüber noch Einträge?"
Ihr Gesicht hellte sich auf. "Ihr meint von Mister Warner? Er hat vor mir in der Bibliothek gearbeitet."
"Ja... zum Beispiel. Könntet Ihr sie holen?" fragte Kendrice.
"Ich glaube schon", sagte sie. "Wartet einen Augenblick." Sie ging zurück und legte die beiden Bücher wieder auf den Tisch. Kendrice folgte ihr mit angehaltenem Atem. Miss Lane ging zu einem kleinen Schrank hinter ihrem Tisch und holte einige Bücher heraus. Sie schaute kurz hinein und brachte dann eines zum Tisch.
"Das ist es. Ich werde mal nachschauen... Ah, hier ist es schon. Es war vor... ungefähr sieben Jahren, da hat noch jemand das Buch ausgeliehen."
"Wer war es?", fragte Kendrice, und seine Hände zitterten vor Anspannung.
"Captain Pierce."
"Was?" sagte Kendrice überrascht.
Natürlich.
"Dieser Bastard!", rief Kendrice aus.
"Wie meint Ihr, mein Lord?", fragte Miss Lane zaghaft.
"Oh, vergebt mir, Miss Lane", sagte er. "Aber in diesem Fall möchte ich Arut ill Siverdis gerne wieder mitnehmen. Und die Grammatik auch."
3
Mit leichtem Herzen kehrte Kendrice in seine Gemächer zurück und brachte die beiden Bücher mit, die er schon fast wieder abgegeben hätte.
Bis zu den Prüfungen waren es noch zwei Wochen, und Pierce hatte alle Hände voll zu tun mit der Vorbereitung seiner Prüflinge. Das Training würde sich also für Kendrice in Grenzen halten. Es sei denn...
Nein... sie wird sich niemals dazu herablassen... Nicht, wenn du nichts hast, um sie zu beeindrucken.
Er nahm sich sofort das Buch vor und las eifrig weiter von der Stelle, bis zu welcher er vorher gekommen war. Irgendwo in diesem Buch musste das Geheimnis enthalten sein, von dem Pierce gesprochen hatte.
Er las nun mit völlig neuer Motivation, begierig, absolut nichts zu verpassen. Mit der Zeit fiel ihm auf, dass viele Wörter auf seltsame Weise dem Hylianischen ähnlich klangen. Besonders das Wort für Schwert. Er suchte nach anderen Ähnlichkeiten und fand Regeln, Gesetze, die er von einem Wort auf andere übertragen konnte. So lernte er, sich Worte zu erschließen, die er nicht kannte, und je mehr Worte er lernte, desto schneller konnte er lesen. Nach einigen Tagen war er bis zur Hälfte des Buches gekommen, und der Inhalt war für ihn wie eine Offenbarung. Der Text sprach von Gefühlen, von einem Gespür für den Gegner, das der Kämpfer entwickeln musste. Durch gezielte Beobachtung der Mimik und der Körpersprache konnte er die Handlungen des Gegners voraus berechnen, konnte seine Absichten deuten.
Und dann, eines Abends, als Kendrice eigentlich schon zu Bett gehen wollte, stieß er auf den Schatz. Es war ein einziger Satz auf einer Seite Text, aber in dem Moment, als er ihn las, wusste er, dass er gefunden hatte, was er suchte.
Er legte das Buch beiseite und zog sich wieder an. Schnell nahm er seine beiden Schwerter und lief hinaus auf den Gang. Captain Pierce wohnte in einem anderen Flügel des Schlosses, und es war ein langer Weg, aber er würde alles tun. Er musste es wissen!
Als er zu Captain Pierces Tür kam, trommelte er voller Ungeduld mit seinen Fäusten darauf.
Pierce kam im Morgenmantel heraus, mit einem Kerzenständer in der Hand.
"Lord Kendrice!", rief er überrascht aus. "Was führt Euch..."
"Ich habe es gefunden!", sagte Kendrice mit verschwörerischer Miene.
"Was gefunden?", fragte Pierce mit gerunzelter Stirn.
"Das Geheimnis! Das Geheimnis des Schwertes, Ihr wisst schon. Arut ill Siverdis!
Pierces Mund öffnete sich in plötzlichem Verstehen.
"Ah...", machte er.
"Und Ihr müsst jetzt sofort mit mir kämpfen!", drängte Kendrice. "Ich kann nicht schlafen, bevor ich es ausprobiert habe."
"Aber..."
"Na los, Captain. Ich will es bei Dunkelheit machen, mit zwei scharfen Schwertern. Ihr wisst doch, tagsüber geht das nicht. Der König hat es nicht gern, wenn uns jemand sieht."
Captain Pierce fuhr sich mit den Fingern durchs Haar und schüttelte den Kopf."
"Na schön", murmelte er. "Meine Frau wird nicht davon erbaut sein. Ich bin gleich bei Euch. Geht schon vor und entzündet die Fackeln."
4
Kendrice ergriff im Vorbeigehen eine Fackel von denen, die entlang der Wände in Halterungen steckten. Aufgeregt ging er durch die Gänge und konnte sich kaum zurück halten, zu rennen. Aber mit seinen Schwertern in der einen Hand und der Fackel in der anderen, war es nicht einfach. Er ärgerte sich darüber, dass er nicht die Schwertgurte mitgenommen hatte, aber noch einmal in seine Gemächer zurück zu gehen, würde zu lange dauern. Deshalb ging er, so schnell er konnte. Die Wachen an den Ausgangstüren sahen, dass er die Hände voll hatte, und öffneten die Türen für ihn. Ihre Mienen zeigten Verwunderung, aber sie sagten nichts, denn sie wussten, dass Lord Kendrice oft abends noch mit dem Schwert übte, obwohl es diesmal schon reichlich spät war.
Kendrice nahm den kürzesten Weg zu den Gärten und suchte entlang der Wege nach Fackeln, die er anzünden konnte. Von diesem Teil des Schlosses aus war er noch nie zum verborgenen Übungsplatz gegangen, deshalb fand er die Fackeln nicht sofort. Aber als er um eine Ecke bog, sah er eine aufrechte Halterung in einer Nische einer Hecke stehen und zündete sie an. Als er weiter gehen wollte, hielt ihn ein seltsames Gefühl der Vertrautheit mit diesem Anblick zurück. Das Feuer der Fackel leuchtete rot in der Nacht und Kendrice starrte mit großen Augen in die Flammen, als er sich an seinen Traum erinnerte.
Wer seid Ihr? Und warum bin ich hier? Könnt Ihr mir das sagen?
Plötzlich wusste er, dass er schon einmal auf diese Weise in die Flammen geschaut hatte - außerhalb seines Traums. Aber er konnte sich nicht daran erinnern. Er schüttelte den Kopf und ging weiter, zur nächsten Fackel. Als er sich dem runden Übungsplatz näherte, fand er die Fackel wieder, die er kannte, und zündete sie an. Dann ging er durch die schmale Tür in der Hecke und bog um das abknickende Stück. Wieder ergriff ihn das seltsame Gefühl der Vertrautheit. Er ging zur ersten Fackel und zündete sie an, und das Gefühl, dass die Zeit still stand, war überwältigend. Langsam zeichnete er seinen Weg zu allen anderen Fackeln nach und steckte seine Fackel in die letzte Halterung. Als er fertig war, zog er seine beiden Schwerter aus den Scheiden, und das Geräusch ließ ihn erschauern. Ruckartig drehte er sich zum Stamm der Eiche um und spähte in die Schatten.
Er wusste, dass er dies oder etwas Ähnliches schon einmal erlebt hatte. Aber wenn er sonst mit Link, Jayrid und Pierce kämpfte, waren sie immer zu viert oder zu zweit angekommen, niemals allein.
Und dennoch...
Kendrice hörte das leise Rascheln der Hecke, als Captain Pierce den Übungsplatz betrat. Hastig kam er in das Rund und legte seine Schwertgurte zu Kendrices Scheiden auf den Boden.
"Ihr müsst mir dies wieder gut machen, mein Lord", sagte er. "Roselyn hat mir die Hölle heiß gemacht. Dass sie nicht gleich die Wachen auf mich gehetzt hat, war auch alles."
Kendrice nickte. "Ich danke Euch, Captain. Er drückte dankbar Pierces Arm. "Dies ist sehr wichtig für mich."
"Ja, ich weiß," sagte Pierce. "Also, bis zu welcher Seite seid Ihr gekommen?"
"Etwa bis zur Hälfte. Dann fand ich etwas. Ich will es ausprobieren."
Pierce schürzte die Lippen und nickte nachdenklich. "Ja, das könnte so ungefähr hinkommen. Also dann...", und damit ergriff er seine beiden Schwerter und warf sich in seine Kampfposition. "...verteidigt Euch, mein Lord."
5
Atemlos und schweißgebadet reichten die beiden Männer sich die Hand.
"Wie ich sehe, habt Ihr gelernt", sagte Captain Pierce. "Es ist nicht einfach, dieses Sheikah, habe ich recht?"
Kendrice schüttelte den Kopf. "In der letzten Woche habe ich mir fast jede Nacht um die Ohren geschlagen, um bis dorthin zu lesen. Ich hätte das Buch schon fast wieder zurück gebracht, als mir einfiel, zu fragen, wer es vor mir ausgeliehen hatte."
Pierce schmunzelte kopfschüttelnd. "Sehr schlau, in der Tat, mein Lord."
"Wie seid Ihr eigentlich dazu gekommen?", fragte Kendrice neugierig.
"Nun, ich war auf der Suche nach Literatur, die ich meinen Elitekämpfern empfehlen konnte - denen, die sich auch für die Taktik interessieren, nicht nur für die Technik. So habe ich dann die Bibliothek durchforstet und alles gelesen, was es dazu gab. Als ich mich einmal mit König Nohansen darüber unterhielt, sagte er mir:
"Wartet mal einen Moment, Captain Pierce, ich glaube, ich habe da etwas für Euch."
Dann ging er in sein Arbeitszimmer und kam mit Arut ill Siverdis wieder. Er sagte mir, es sei ein Buch aus der Bibliothek, und ich und nahm es mit. Als ich zu Hause war und in das Buch schaute, war ich verblüfft, denn ich verstand kein einziges Wort darin. Ich schaute mir den Autor an - und war wie vor den Kopf geschlagen. Es war Impa! Ich dachte mir, jeder weiß, dass Impa die letzte Sheikah ist, und sie hat das Buch wahrscheinlich in ihrer Muttersprache geschrieben. Ich fragte also ein wenig herum und hörte von einem Wissenschaftler, der in der Nähe des Hylia-Sees lebt. Ich besuchte ihn und er hatte tatsächlich eine Grammatik des Sheikah."
Sie gingen und löschten die Fackeln auf dem Übungsplatz, und Pierce erzählte weiter.
"Er war aber ein Schlitzohr, dieser Wissenschaftler. Er wollte von mir einen komischen, stinkenden Frosch für das Buch haben. Ich musste zu den Zoras reiten und in ihrem Laden für ein Vermögen einen solchen Frosch kaufen - ich erfuhr erst später, dass man in der Nähe von Zoras Gebiet diese Frösche überall im Wasser findet, die haben mich ganz schön übers Ohr gehauen. Der Wissenschaftler wollte den Frosch lebendig haben und ich musste mich beeilen, denn außerhalb des Wassers konnte er nicht lange überleben. Aber schließlich überließ der Mann mir die Grammatik - und da sind wir also."
"Dann seid Ihr also derjenige, der die Grammatik in die Bibliothek gebracht hat!", sagte Kendrice erstaunt.
"Jawohl, mein Lord!", sagte Captain Pierce mit einer scherzhaften Verneigung. "Zu Euren Diensten. Aber jetzt, wenn Ihr nichts dagegen habt, möchte ich in mein warmes Bett zurück. Wir können morgen noch weiter sprechen, wenn Ihr mögt."
"Wenn ich überhaupt aus dem Bett komme...", sagte Kendrice. "Mir tun alle Knochen weh. Wenn ich gewusst hätte, dass dieser Kampf so lange dauert..."
"Das liegt daran, dass Ihr das Buch noch nicht zu Ende gelesen habt, mein Lord", sagte Pierce. "Erst wenn Ihr das ganze Buch gelesen habt, werdet Ihr in der Lage sein, sie zu besiegen."
Ruckartig wandte Kendrice sich zu Pierce um.
"Wie meint Ihr das?", fragte er stirnrunzelnd.
"Na... ich dachte... Ihr habt Euch doch in den Kopf gesetzt, Meisterin Impa zu besiegen, oder nicht? Warum solltet Ihr sonst diesen ganzen Aufwand betreiben?"
"So habe ich es noch nie betrachtet...", sagte Kendrice nachdenklich. Schon wieder war da dieses vertraute Gefühl. "Habt Ihr sie denn jemals besiegt?"
"Oh, ich werde mich hüten, gegen sie zu kämpfen", sagte Pierce lachend. "Sie ist gnadenlos in ihrer Rache. Und es geht das Gerücht um, dass der Mann, der sie jemals besiegt, ihr Schicksal sein wird."
"Es hat sie also noch nie jemand besiegt? Kein einziger?"
"Nein", sagte Pierce kurz mit einem schiefen Lächeln. "Möchtet Ihr es versuchen?"
Ein Schauer fuhr durch Kendrices Körper. Er atmete tief ein und schaute zu Pierce. "Ich weiß nicht, Captain. Sagt Ihr es mir."
Pierce verzog den Mund und blieb stehen. Er kratzte sich am Kopf und wiegte ihn leicht hin und her. "Eure Technik ist sehr gut, Ihr seid sehr wendig und ausdauernd, und ihr habt auch nichts dagegen, einmal zu Boden zu gehen. Was Euch meiner Meinung nach fehlt... ist die Gelassenheit."
Ein erstaunter Ausdruck trat in Kendrices Gesicht. Mit einer Geste forderte er Pierce auf, weiter zu sprechen.
"Vergebt mir, mein Lord", sagte Pierce und räusperte sich, "aber... Impa... ist eine sehr schöne Frau. Sie ist stark und stolz und kühn... und schön. Wenn man sie kämpfen sieht, ist das wie...ich weiß nicht, wie ich es beschreiben soll... wie ein Zauber. Sie zieht einen in ihren Bann. Keiner entgeht ihr."
Kendrice schluckte und wandte den Blick ab.
"Und ich habe Euch zugesehen, als Ihr mit ihr kämpftet. Ihr habt sie herausgefordert. Ihr habt sie verhöhnt und gedemütigt. Und sie zeigte keine Gnade. Es war etwas in diesem Kampf - von beiden Seiten - also, wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich meinen..."
Er schnaubte lächelnd und schüttelte den Kopf. Kendrice wandte sich erschrocken wieder zu Pierce, als dieser abbrach. Er hatte das heftige Gefühl, etwas Wichtigem auf der Spur zu sein, etwas, das einen Unterschied machen konnte zwischen Leben und Tod.
"Was? Was meint Ihr, Captain? Sprecht weiter!"
Aber Pierce löschte die letzte Fackel und ergriff Kendrices Schulter. "Es ist spät, mein Lord. Lest das Buch zu Ende, und Ihr werdet verstehen. Vorher würde ich an Eurer Stelle Impa nicht unter die Augen treten. Gute Nacht, mein Freund."
Damit ließ Pierce ihn stehen und verschwand in der Dunkelheit.
