Kapitel 9
1
Zwei Tage noch bis zu den Prüfungen.
Seit Impa gesehen hatte, wie Kendrice das Buch zurück brachte, hatte sich all ihre Hoffnung aufgelöst. Sie traute sich nicht mehr aus ihren Gemächern, aus Angst, dass sie ihm irgendwo begegnen und zusammenbrechen könne. Sie würden dann womöglich noch Henry holen... den lieben Henry, den sie hatte vergessen lassen...
Warum hatte Kendrice sie so in Flammen versetzt? Sie konnte es sich nicht erklären. Wenn sie ihn sah, zog es ihre Hände wie magisch zu seinen Schläfen, um in seinen Geist einzudringen und endlich ihre eigene Barriere nieder zu reißen, um für immer bei ihm zu sein.
Aber nein. Ich könnte es nicht ertragen.
Zelda war zu ihr gekommen und hatte ihr die Liste der Männer gebracht, die sich für die Prüfung der Elitekämpfer gemeldet hatten. Sie hatte Impa mit solch mitleidvollen Augen angeschaut, dass Impa sich aufgerafft hatte und zum Übungsplatz gegangen war. Sie hatte sich bemüht, nur ihr stolzes, unerschütterliches Selbst zu zeigen. Die Männer waren allesamt höflich und respektvoll zu ihr gewesen, und Captain Pierce hatte sie mit einem vielsagenden, liebevollen Blick begrüßt, der sie sehr an Zelda erinnert hatte. Sie hatte mit einigen Männern gekämpft und ihnen noch einige letzte Hinweise gegeben, und dann hatte sie sich verabschiedet.
Am nächsten Morgen sollte das Turnier beginnen. Die Arenen waren alle schon auf dem riesigen Kampfplatz hinter dem Schloss vorbereitet worden, und sie hatte die Arena inspiziert, auf der die Prüfungskämpfe gehalten werden sollten. Alles hatte seine Ordnung. Danach... würde sie abreisen.
Er würde den Schlüssel nicht mehr finden. Niemand außer Impa wusste, wo er war, und sie durfte es ihm nicht sagen. Sie durfte es niemandem sagen, nicht einmal Zelda.
Ihr Körper krümmte sich im Bett zusammen und sie schlief von tiefen Schluchzern geschüttelt langsam ein. In dem dämmernden Zustand zwischen Schlafen und Wachen schlängelte sich eine feine Präsenz zu ihrem Geist. Bei näherer Betrachtung waren es zwei. Ihre kleinen Geister waren so rein und so zierlich, dass sie sie am liebsten in ihre Arme genommen und an sich gedrückt hätte.
Aber die Zeit wird kommen.
Es würde noch ein halbes Jahr dauern, aber dann könnte sie sie endlich in die Arme nehmen, ihre beiden Kinder.
"Mama..."
Sie fuhr aus ihrem Halbschlaf hoch. Sie hatte die Stimme deutlich gehört... oder war sie nur in ihrem Kopf gewesen?
"Mama..." kam eine zweite Stimme, ein wenig anders als die erste, aber genau so schön.
"Mama, warum bist du traurig?"
Keuchend richtete sie sich auf.
"Drilla?"
"Bin ich Drilla?" Es war das Mädchen, das sprach.
"Ja, mein Schatz, du bist Drilla", antwortete sie.
"Das ist nett... Drilla gefällt mir."
Impa war hellwach und merkte voller Staunen, dass sie mit ihren ungeborenen Kindern über ihre Telepathie sprach.
"Und ich? Wer bin ich?", fragte die andere Stimme.
Impa lächelte. "Du bist Andyr, mein Kleiner."
"Aber... warum bist du traurig, wenn du meinen Namen sagst?"
Ein Schauer durchfuhr Impa und sie setzte an, um zu sprechen. Sie wusste jedoch nicht, was sie sagen sollte.
"Ich bin traurig...", begann sie vorsichtig, "weil ich jemanden lieb habe, den ich nicht bekommen kann. Und dein Name erinnert mich an ihn."
"Warum kannst du ihn nicht bekommen?", fragte diesmal Drilla weiter.
"Weil... nun..."
"Weil du zu feige warst!", brach ihr bewusstes Selbst die Stille in ihren Gedanken. "Du hättest ihn haben können, aber du hast dich nicht getraut, alles aufzugeben und ihm zu gehören. Es darauf ankommen zu lassen. Weißt du nicht, dass die Liebe alle Hürden überwindet? Und schau dir Link und Zelda an. Ihre Liebe hat sogar die Zeitlinien überwunden!"
Zitternd brachte Impa ihre Hände vor ihre Augen und begann, zu zählen. Es waren zwölf Finger. ZWÖLF!
Das kann nicht sein... Niemals hatte sie ihr bewusstes Selbst in einem Traum gehört, oder mit ihm gesprochen. Woher kamen diese Stimmen?
"Mama?", rief sie leise in die Stille. "Wo bist du? Bist du hier?"
Sie erschauerte, als eine sanfte Hand sich auf ihren Hinterkopf legte.
"Ich bin hier."
Impa drehte sich um und fiel in ihre Arme, die sie mit Wärme und Liebe umschlossen.
"Was soll ich tun, Mama?", schluchzte sie. "Ich kann nicht mehr. Ich vergehe vor Sehnsucht nach ihm, ich sterbe ohne ihn. Wenn die Kinder nicht wären, dann... dann... hätte ich schon längst ein Ende gemacht..."
Ihre Mutter drückte sie sanft an sich. "Ich weiß, mein Mädchen. Und ich bin hier, um dir zu helfen."
"Aber wie? Wenn er sich nicht erinnert..."
"Dann kannst du ihn ebenfalls vergessen, mein Kind. Es gibt Möglichkeiten."
Impa löste sich erschrocken von ihr und wich zurück.
"Was... was hast du gesagt?"
"Ich kann dir helfen, ihn zu vergessen. Dann hat dein Herz Ruhe."
"Aber... aber...", stammelte sie. "Ich will ihn nicht vergessen. Ich will, dass er sich an mich erinnert! An uns! An... alles!"
"Das geht nicht, mein Kind..."
"Du kannst ihm immer noch helfen!"
Die beiden Stimmen hatten sich überlagert und Impa hatte sie beide gleichzeitig gehört. Verwirrt schaute sie sich um. Sie sah sich selbst an der Tür zu ihren Gemächern stehen und sie mit strengem Blick anschauen.
"Hast... hast du gesprochen?", fragte sie.
"Das habe ich." Ihr Ton war stolz und befehlend, und Impa glaubte, ihren eigenen Ton darin zu erkennen, den sie hatte, wenn sie mit anderen sprach.
"Wie bist du hierher gekommen?", fragte sie leise. Sie schaute sich um und sah immer noch ihre Mutter hinter sich sitzen.
"Deine Kinder haben mich gerufen. Sie wollen einen Weg finden, dir zu helfen. Sie fühlen deine Traurigkeit."
"Aber... ich will ihn nicht vergessen!"
"Wir wollen dir nicht helfen, zu vergessen, sondern wir wollen dir helfen, ihm zu helfen. Aber dafür müssen wir beide zusammen arbeiten. Dein Unterbewusstsein und dein Bewusstsein. Du musst im Bewusstsein einen Plan erstellen und ihn im Unterbewusstsein ausführen. Das ist der Weg."
Impas Augen schnappten auf. Sofort zählte sie ihre Finger. Sie konnte sie klar erkennen, und es waren zehn.
2
Lord Richard Kendrice erwachte.
Als er sich bewegte, stieß er mit dem Ellenbogen an etwas Hartes in seinem Bett. Er schob die Decke beiseite und fand das Buch. Es waren noch einige Seiten übrig, die nahm er sich vor, am Abend zu lesen. Als er aufstand, fühlte er sich erfrischt und munter. Schnell ging er in sein Badezimmer und wusch sich den Schlaf aus den Augen und von den Gliedern, dann kleidete er sich an. Zuerst wollte er eine Runde durch die Wälder laufen, bevor die Wettbewerbe beim Turnier begannen. Er hatte sich mit Pierce für die Schwertkämpfe der Laien verabredet, die sie sich gerne anschauen wollten.
Seit dem nächtlichen Gespräch mit Captain Pierce hatte Kendrice sich viele Gedanken gemacht. Konnte es sein, dass er sich in den Kämpfen zu sehr von seinen Gefühlen leiten ließ? War es falsch, sich von den Gefühlen leiten zu lassen? Oder durfte man sich nur von den richtigen Gefühlen leiten lassen, wobei die falschen ihn nur behinderten? Er hatte Impas Buch fast durchgelesen und viele neue Erkenntnisse daraus gewonnen, aber sie hatten ihn eher noch mehr verwirrt, als ihm Klarheit geschenkt. Nur die eine Erkenntnis, mit der es ihm gelungen war, Pierce... nicht zu besiegen, aber eben auch nicht zu verlieren, hatte ihm einen entscheidenden Hinweis in die richtige Richtung gegeben. Der Hinweis war, dass es besser sei, in einem Kampf für ein Patt zu kämpfen, als für den Sieg. Das war das Geheimnis. Aber wie konnte er siegen? Wie konnte er... sie besiegen?
Impa. Sie war ihm sehr seltsam erschienen, in den letzten Monaten. Seit einem halben Jahr schien sie nicht mehr sie selbst zu sein. Sie schien ihm auszuweichen, er sah sie kaum noch. Was war mit ihr los? War sie immer noch böse auf ihn wegen dieses kleinen Scharmützels? Sollte er vielleicht versuchen, mit ihr zu sprechen? Aber bisher war sie immer geflohen, wenn er in ihre Nähe kam. Auch schon... vor dem Kampf, bei dem sie ihn verwundet hatte.
Kendrice schüttelte den Kopf, um die verwirrenden Gedanken zu vertreiben. Vielleicht wusste Pierce mehr darüber. Er schien sie sehr gut zu kennen und wusste eine Menge über ihre Eigenarten. Als er sich damals bei Link und Zelda vor ihr entschuldigt hatte, da hatte sie ihm so eisig geantwortet, dass er zuerst dachte, er hätte alles nur noch schlimmer gemacht.
Oder habe ich das wirklich?
Aber Link... er würde doch wissen, was sie meinte. Er kannte sie seit seiner Kindheit. Wieder schüttelte Kendrice den Kopf. Er würde mit Pierce sprechen. Zuerst jedoch, wollte er laufen.
3
Nach dem Mittagessen kam Kendrice zu der Arena, wo er sich mit Captain Pierce treffen wollte. Der Captain war schon eingetroffen und saß mit Link zusammen auf der Tribüne. Auf Links Schultern saß Eric und schaute mit großen, staunenden Augen dem Treiben ringsum zu. Kendrice schmunzelte. Er liebte es, zu sehen, wie liebevoll Link sich um Eric kümmerte. Er versuchte, möglichst ständig mit Eric zusammen zu sein und nahm ihn überall mit, wo es möglich war. Er hatte eine wundervolle Bindung zu seinem Sohn, und Kendrice freute sich für ihn.
Link und Pierce winkten Kendrice zu sich auf die Tribüne. Er ging hinauf, schüttelte beiden Männern die Hand und setzte sich auf einen freien Platz neben Captain Pierce.
"Guten Tag, Lord Kendrice", sagte Link und nahm Eric von seinen Schultern auf seinen Schoß. Eric protestierte, aber Link drückte ihn an sich und sagte lachend: "Wir gehen zu den Bogenschützen. Da gibt es weniger Blutvergießen, auch wenn sie hier ja mit stumpfen Schwertern kämpfen. Meine Herren, ich wünsche Euch viel Spaß!" Damit erhob er sich und machte sich auf den Weg, wobei er Eric wieder auf seine Schultern setzte, um besser durch die Menge zu kommen.
Unten in der Arena machten sich die Kämpfer bereit. Es waren einige stattliche junge Männer aus Castletown, Kakariko und den umliegenden Dörfern. Sie traten mit stumpfen Schwertern gegeneinander an und Kendrice genoss es, ihren Bewegungen zuzusehen.
"Der junge Mann mit der grünen Tunika", sagte Pierce, "was haltet Ihr von ihm?"
Kendrice sah sich den Mann an und nickte anerkennend.
"Ich meine, mit etwas Anleitung und Training in die richtige Richtung, kann etwas aus ihm werden. Und aus dem mit den gelben Hosen ebenfalls."
"Das sehe ich auch so, mein Lord," sagte Pierce. "Ich hoffe nur, Meisterin Impa schaut sich diese Männer ebenfalls an, denn ihr Wort wird ausschlaggebend sein, wenn wir ihnen eine Ausbildung anbieten."
Kendrice zuckte erschrocken zusammen. Impa? Sollte sie hier sein? Beunruhigt ließ er seinen Blick über die Zuschauer auf der Tribüne schweifen...
Und dann sah er sie. Sie saß ihm genau gegenüber auf der anderen Seite der Tribüne. Ihre Haare waren streng zusammengebunden und sie schaute mit grimmigem Blick.
Nicht auf die Kämpfer in der Arena.
Sie schaute über die Arena und die Kämpfer hinweg genau in seine Richtung, und ihre roten Augen bohrten sich in seine. Er lächelte unsicher und deutete ein leichtes Nicken an. Sie tat das Gleiche, aber ihr Ausdruck blieb ernst.
Er wandte den Blick wieder zu den Kämpfern und sagte, ohne Pierce anzuschauen:
"Sie ist da, Captain."
"Ah... Ihr habt sie also auch gesehen..." murmelte Pierce schmunzelnd. Sein Ton hatte die leiseste Spur von Anzüglichkeit und Kendrice war verwirrt. Er schaute wieder zu Impa, aber ihr Blick war noch immer auf ihn gerichtet. Er fühlte sich, als ob ihre Augen in sein innerstes Selbst schauen konnten, und ein Schauer fuhr durch seinen Körper.
"Irgendetwas hat sie", sagte Pierce, der Kendrices Blick gefolgt war. "Sie lässt Euch nicht aus den Augen."
"Sie überlegt bestimmt schon, wie sie mich am besten aufspießen kann mit ihren beiden Schwertern", sagte Kendrice grimmig.
Pierce brach in ein leises Lachen aus und schüttelte den Kopf.
"Wo ich das so sehe...", sagte er. "Ich wollte Euch immer schon einmal fragen, was aus dem Kampf damals in der Nacht geworden ist."
Kendrice schaute ihn verwundert an.
"Welchen Kampf meint Ihr?"
"Na... damals, als Ihr mich an der Schulter verwundet hattet. Wisst Ihr nicht mehr?"
Kendrice schüttelte verwirrt den Kopf.
"Wir waren alle bei Link und Zelda, und Impa war auch dort. Sie war schrecklich wütend darüber, dass Ihr mich verwundet hattet, und sie versprach, mich zu vertreten und Euch eine Lektion zu erteilen. Hat sie es getan?"
Langsam drehte Kendrice sein Gesicht zu Captain Pierce.
"Wovon sprecht Ihr, Captain?"
"Oh... vergebt mir...", murmelte Pierce kopfschüttelnd. "So schlimm war es also..."
Aber Kendrice war sich sicher, dass Pierce dagegen ankämpfte, laut los zu lachen.
Was entgeht mir hier?
Er fühlte, wie eine seltsame, hilflose Wut sich in seinem Inneren aufbaute, die er nicht erklären konnte. Er schluckte und merkte, wie trocken sein Mund war. Als er wieder hinüber zu Impa schaute, war sie verschwunden.
4
Ziellos wanderte sie von einer Arena zur nächsten. Nichts, was es hier gab, konnte ihr Interesse fesseln. Wie konnte es auch, wenn sie ihn überall sah? Sein Bild verfolgte sie vor ihrem inneren Auge, seine Lippen, die sich von ihren lösten, um dieses eine Wort zu sprechen... Immer, wenn sie versuchte, die Augen zu schließen, um seinem Bild zu entkommen, fuhren tausend Schauer über ihren Körper, denn dann fühlte sie seine Lippen auf ihrer Haut und seine Hände, die mit festem Griff über ihre Hüften strichen...
Sie hatte sich für eine Weile auf die Tribüne bei den Schwertkämpfern gesetzt und versucht, den Kämpfen zuzuschauen, aber dann hatte sie Pierce gesehen, und neben Pierce saß er. Er hatte sie angeschaut und gegrüßt, und sie hätte ihn am liebsten mit ihren Fäusten verprügelt, damit sie seinem Bann endlich entkam...
Sie musste einen Plan erstellen. Sie musste ihm sagen, wo der Schlüssel war, ohne es ihm zu sagen. Er musste ihn selber finden, aber einen Hinweis... einen Hinweis musste sie ihm doch geben, denn sie hatte nur noch einen Tag. Sie musste den Plan mit dem Unterbewusstsein ausführen. Aber wie? Wie konnte sie mit ihm Kontakt aufnehmen? Die einzige Möglichkeit, etwas im Unterbewusstsein zu tun, war, indem man... träumte.
Warte mal.
Sie hatte ihn gesehen, er war in ihrem Traum gewesen. Sie hatte sich gewundert, was er dort tat, wieso er in ihrem Traum war, und hatte es für eine Folge ihrer Besessenheit von ihm gehalten. Aber was, wenn sie durch irgend eine seltsame Verschlingung des Schicksals etwas von ihm mitgenommen hatte, was ihm jetzt fehlte? Konnte es sein, dass er sie in seinen Träumen suchte, so wie sie ihn suchte?
Kann es sein, dass er den gleichen Traum hat, wie ich?
In dem ersten Traum, wo sie ihn sah, hatte er ihr zwei Fragen gestellt.
Wer seid Ihr? Und warum bin ich hier? Könnt Ihr mir das sagen?
Der Traum war zu Ende gewesen, bevor sie antworten konnte. Damals hatte sie keine Antwort gehabt, aber jetzt würde sie eine haben. Sie würde ihm sagen, wo er nach dem Schlüssel suchen musste.
