Glauben Sie mir, jedes Herz hat seinen geheimen Kummer, den die Welt nicht kennt, und oft nennen wir einen Menschen kalt, während er nur traurig ist.
Henry Wadsworth Longfellow
Am Anfang
Sie hatten gewonnen. Alles war großartig. Die Bösen waren tot oder im Gefängnis, die Guten hatten alle Medaillen erhalten und die moralisch Fragwürdigen hatten sich in ihre Landschlösser, Herrenhäuser und Wohnungen verzogen. Offenbar hatte alle Welt beschlossen, an nichts komplizierteres mehr zu denken, als Paraden und Jubel, und genoss die rachsüchtige Genugtuung, dabei zuzusehen, wie sich die Tore von Askaban hinter dem letzten verurteilten Todesser schlossen.
Die Lage war großartig. Ganz großartig.
Harry und Ron waren auf der Grundlage ihrer Kriegsverdienste in die Aurorenausbildung aufgenommen worden. Hermine ebenfalls, aber sie schüttelte den Kopf und erklärte, sie würde lieber zurück in die Schule gehen, um sich ihren UTZ zu verdienen und darüber nachzudenken, was sie in Friedenszeiten tun wolle. Ron zog sie dafür auf, dass sie wieder zur Schule wollte, und Molly sagte ihr, sie sei klug und warf ihrem Sohn finstere Blicke zu. Und Hermine lächelte und lächelte und lächelte bis sie eines Tages partout keinen Grund finden konnte, aus ihrem Bett im Grimmauldplatz aufzustehen.
Der Hunger trieb sie schließlich in die Küche, wo sie sich eine Schüssel Cornflakes machte, die Hälfte davon aß, sie dann von sich weg schob und mit dem Kinn in die Hand gestützt versuchte, sich daran zu erinnern, was heute auf ihrer Tagesordnung stand. ‚Mittagessen mit Harry', dachte sie, ‚das wars.' Stattdessen ging sie wieder ins Bett, lag auf der Seite und dachte an gar nichts, bis Harry nach Hause kam und sie dort vorfand.
„Alles in Ordnung mit dir?", fragte er. Sie zuckte im Liegen mit den Schultern und antwortete, alles sei prima, ja, sie sei sich sicher. Vielleicht brüte sie eine Erkältung aus. Sie fühle sich etwas schlapp. Krank. Harry nickte und hantierte geschäftig herum und packte ihre Sachen für Hogwarts. Er sagte ihr, er würde sie vermissen und es sei wirklich schade, das Schuljahr krank zu beginnen, aber dass es ihr in ein oder zwei Tagen schon besser gehen würde, wenn sie erst einmal wieder Zugang zur Bibliothek hätte. Und sie lag da und lächelte und wünschte, er würde verschwinden.
Und dann brachte er sie zum Bahnhof und sie lächelte und lächelte und lächelte, bis sie sich in ihrem Abteil zusammenrollte und ihre Augen schloss und für den Rest der Reise so tat, als würde sie schlafen.
In der Schule angekommen, sagte sie leise zu Professor – jetzt Schulleiterin – McGonagall, dass sie krank und müde sei und lieber nicht an der Begrüßungsfeier und Auswahlzeremonie teilnehmen sollte, und die Frau klickte mit der Zunge und begleitete sie zu den Wohnräumen, die für die zurückkehrenden Acht-Klässler bereitgestellt waren. „Sie sind keine normalen Schüler", erklärte ihr die Frau. „Ihre Bewegungsfreiheit unterliegt nicht den üblichen Schulregeln. Der Zapfenstreich gilt nicht für Sie und es steht Ihnen frei, jederzeit Hogsmeade zu besuchen."
„Wie viele von uns sind zurückgekehrt?", brachte Hermine heraus.
„Ich weiß nicht genau." McGonagall sah ungewöhnlich missbehaglich aus, aber Hermine hakte nicht weiter nach. „Richten Sie sich einfach schön ein und es wird sich schon alles von selbst regeln."
Hermine sah zu, wie die Frau die Tür hinter sich schloss, ließ ihre Tasche, ihre gehasste, geliebte Tasche, auf den Boden fallen und setzte sich auf das Sofa in der Mitte des Zimmers. Sie zog die Knie hoch und saß da und starrte in die Luft, unfähig, die Energie aufzubringen, in ihren eigenen Schlafsaal zu gehen. Sie musste auspacken. Sie musste die Bücher aus der Tasche nehmen und in die Regale stellen. Alles erschien ihr erdrückend, also saß sie bloß da und fragte sich, wieso es so wehtat, wenn sie doch gewonnen hatten und alles gut war und jeder und jede das bekommen hatten, was sie wollten. Wann hatte es aufgehört, sich gut anzufühlen?
Als die Tür zum Gemeinschaftsraum aufging und Draco Malfoy, die Tasche über die Schulter geschwungen, das Zimmer betrat, reagierte sie nicht einmal. Sie reagierte nicht, bis er sagte: „Na großartig. Natürlich ist das Schlammblut diejenige, die zurückgekommen ist."
Ohne sich zu ihm umzudrehen oder sich auch nur zu bewegen, antwortete sie: „Nenn mich noch einmal so und ich brech deine Nase in so viele Stücke, dass selbst Pomfrey dich nicht wieder schön machen kann."
„Droh mir nicht!", sagte er. Sie konnte in seinem Ton hören, wie er sich in Pose warf, und vielleicht war sogar ein wenig Verzweiflung darunter versteckt. Aber ihr war egal, ob Draco Malfoy höhnte oder weinte, es war einfach eine Kränkung zu viel. Sie wollte sein blasses, spitzes Gesicht in die Wand schmettern und so lange weitermachen, bis er nicht einmal mehr daran denken konnte, sie zu beleidigen. Sie wandte sich ihm zu, wie er da an der Schwelle zu seinem eigenen Zimmer stand, und war froh, überhaupt etwas zu fühlen, auch wenn es nur Wut war.
„Ich weiß, dass ich nie gut genug sein werde für deine hochgeschätzte magische Welt, Malfoy. Du und deine Familie und die ganze beschissene Gesellschaft vom Ladenbesitzer bis hin zu Voldemort höchstpersönlich haben mir das verdammt klargemacht. Aber wenn du deinen Mund nicht unter Kontrolle halten kannst, dann mach ich das für dich. Haben wir uns verstanden?" Er antwortete nicht, sondern schlug einfach die Tür zu seinem Zimmer hinter sich zu und ließ sie allein auf der Couch sitzen. Genau wie alle anderen auch.
Am Morgen, nachdem sie die Energie aufgebracht hatte, in ihrem eigenen Schlafsaal ins Bett zu gehen, zerrte Hermine einige Kleidungsstücke aus ihrem nach wie vor gepackten Koffer und zog sich an. Sie band ihre Haare in einen Pferdeschwanz hoch. Eine neue Feder in die Tasche. Arithmantik für Fortgeschrittene. Als ob das eine Rolle spielte. Gerade hatte sie die Tür des Gemeinschaftsraums erreicht, den sie mit dem einzigen Menschen zu teilen schien, den sie am liebsten nie wieder gesehen hätte, da drängte ebendieser sich an ihr vorbei nach drinnen, offensichtlich auf dem Rückweg von einem Frühstück, das er bereits eingenommen hatte.
„Pass auf, Malfoy!", brummte sie.
„Ist doch nicht meine Schuld, dass deine Haare genug Raum für zwei Leute einnehmen!", gab er zurück. Nach einer Pause, fügte er hinzu: „Fast wie dein Ego."
Sie hielt inne und überlegte, ob sie antworten sollte, aber wozu? Sie erinnerte sich an den Rat ihrer Mutter von vor vielen Jahren, dass sie sich niemals etwas anmerken lassen sollte, wenn sie gehänselt wurde, und sie wollte diesen Ratschlag gerade in die Tat umsetzen, als er sagte: „Wie fühlt es sich denn an, dass keiner der anderen kleinen Helden Zeit für dich hat? Früher in der Schule warst du gut genug, für sie die Hausaufgaben zu machen, aber jetzt, wo der Krieg vorbei ist, braucht dich wohl niemand mehr?" Sie zwang sich, die geballten Fäuste an ihren Seiten wieder zu entspannen und legte eine Hand auf die Klinke, um die Tür zu öffnen.
„Hattest du überhaupt irgendwelche Freunde, die dich nicht ausgenutzt haben?", fragte er mit gedehnter Stimme, als sie das Zimmer verließ. Sie schlug nicht einmal die Tür, zog sie einfach nur hinter sich zu. Der Riegel klickte leise, als er ins Schloss fiel, und sie wankte über den Korridor und sank gegen die kalte Steinwand. Nachdem sie einen langen Augenblick über ihre eigene erbärmliche Dramatik nachgesonnen hatte, stand sie auf und trottete in Richtung Große Halle und zu den Wundern der Arithmantik.
Er war da, als sie vom Unterricht zurück kam und immer noch da, als sie zum Abendbrot ging, und sie begann sich schon zu fragen, ob der elende Wichser überhaupt irgendwelchen Unterricht hatte oder einfach nur zurückgekommen war, um ihr das Leben schwer zu machen, als sie ihn ein Astronomiebuch aus seiner Tasche nehmen sah und beobachtete, wie er anfing, sorgfältig Sternenkarten abzuzeichnen. Sie konnte der Versuchung nicht widerstehen, ihn von ihrem Platz auf der Couch aus, wo sie mit ihren eigenen Hausaufgaben im Schoß saß, zu sticheln: „Macht es dir gar nichts aus, dass die Zauberwelt mit einem überholten Modell des Universums arbeitet?", fragte sie, an ihrer Feder kauend. „Ich bin mir relativ sicher, dass die Informationen in mein Astronomiebuch bezüglich der Existenz diverser Planeten in unserem Sonnensystem eher vage waren."
„Hmmm. Wenn deine Muggelwelt so toll ist, dann geh doch zurück!", schlug Malfoy vor, ohne aufzublicken. „Du hast hier keine Freunde; du kannst dort genausogut keine Freunde haben und dich dabei viel besser fühlen in dem Wissen darüber, wie glorreich und profan du im Recht bist über die korrekte Anzahl der Planeten, die du nie sehen oder besuchen oder kartieren oder sonstwas wirst."
Sie sah ihn mit zusammengekniffenen Augen an, aber als er nichts weiter hinzufügte, wandte sie sich wieder ihrem Buch zu, und hatte gerade angefangen über prädiktive Kartographierung zu lesen, als er sagte: „Ich meins ernst, Granger. Geh einfach wieder zu deinen Muggel-Eltern zurück, vorausgesetzt die wollen dich."
Ihr stiegen die Tränen in die Augen, aber sie blinzelte sie fort. Er hatte wohl ihre Reaktion wahrgenommen, denn er fuhr mit dem grausamen Grinsen eines Fieslings, der weiß, dass er eine Schwachstelle gefunden hat, fort: „Oder haben sie dich nicht mehr lieb, Granger?" Sie packte ihre Bücher zurück in die Tasche und stand auf, um in ihr Zimmer zu gehen. Sie war schon auf halbem Weg zur Tür, als er sagte: „Arme kleine Granger! Ganz alleine in der Welt!"
Sie spürte, wie sich ihre Schultern versteiften. „Wenigstens hab ich nie jemanden umgebracht", sagte sie und drehte sich zu ihm um. „Hoffentlich brennt das Mal auf deinem Arm, wenn du versuchst zu schlafen, Malfoy. Ich hoffe, deine Verbrechen rauben dir nachts den Schlaf."
„Miststück!", hörte sie ihn noch zischen, als sie die Tür hinter sich zuzog. Für einen Moment spürte sie eine grausame Befriedigung darüber, dass sie ihn ebenfalls verletzt hatte, bevor sie auf ihr Bett sank, sich zusammenrollte und zu weinen anfing: über die Eltern, die sie in der Tat nicht mehr lieb hatten, die nicht einmal mehr wussten, dass sie existierte.
Sie wusste nicht genau, wie viele Stunden vergingen, während sie da lag, bei vollem Bewusstsein, aber gleichgültig. Sie wollte keinen Tempus-Zauber benutzen, wollte es gar nicht wissen. Es hätte eine Stunde später sein können oder auch vier, als sie wieder aufstand und beschloss, sich in der kleinen Kochnische im Gemeinschaftsraum einen Tee zu machen. Malfoy war sicher schon lange in sein eigenes Zimmer verschwunden, schlummerte wahrscheinlich in der Spezialbettwäsche, die er von zu Hause mitgebracht hatte, damit sein kleiner aristokratischer Arsch sich nicht an den minderwertigen Schullaken wundscheuerte, denen er sonst ausgesetzt wäre.
Leider lag sie falsch. Nicht in Bezug auf die Bettwäsche, wie sich in Zukunft zeigen würde, aber hinsichtlich der Abwesenheit des Dreckskerls. Er saß immer noch am Tisch, vor ihm ausgebreitet waren komplizierte und detaillierte Sternenkarten sowie eine halbleere Flasche Feuer-Whisky und ein Glas, das mit einer goldenen Flüssigkeit gefüllt war. Es bedurfte keiner großartigen hellseherischen Fähigkeiten, um zu erkennen, dass dieses Glas nicht das erste heute Nacht war.
„Granger", sagte er, „mein Pech, dass ausgerechnet du zurückgekommen bist."
„Sorry, dass ich dir dein Schuljahr versaue", murmelte sie. „Du bist in meinem auch nicht gerade ein Highlight."
Er lallte nicht, was auf eine beträchtliche Trinkfestigkeit schließen ließ. Die Wange in die Hand gestützt, sah er zu, wie sie den Raum durchquerte und einen Teekessel auf den winzigen Herd stellte, um Wasser zu kochen. Er beobachtete, wie sie eine Dose aus dem Regal fischte, die so alten Tee enthielt, dass er vermutlich kaum genießbar war; beobachtete, wie sie vorsichtig ein Teeei befüllte, das sie in einer Schublade gefunden hatte.
„So eine Arbeit!", sagte er schließlich. „Wieso nicht einfach was aus den Küchen bestellen?"
„Ich mach Sachen gern selber", sagte sie und konnte hören, wie steif sie dabei klang. Sie hatte keinerlei Bedürfnis, ihm mitzuteilen, wie unwahrscheinlich es war, dass die Elfen ihr irgendwelche Sonderwünsche erfüllten. Hauselfen – vom kaum vernunftbegabten Kreacher einmal abgesehen – hassten sie. Hermines ungebetene Befreiungsversuche von vor dem Krieg hingen ihr immer noch nach. ‚Nicht mal für die Elfen gut genug!', dachte sie. Sie würde darauf wetten, dass die Elfen Malfoy jeden Wunsch erfüllen würden, auch wenn der sie immer nur als minderwertig misshandelt hatte. So sah ihr Leben aus.
„Nimm dir ein Glas und ich teil mit dir", sagte er. „Wenn man genug trinkt, kann man manchmal sogar ohne die Stimmen der Dämonen im Ohr schlafen."
‚Wenn man genug trinkt', hörte sie, ‚ist es einem egal, mit wem man sein Elend teilt, selbst wenn es die verhasste Mitschülerin ist.' Sie stand am Herd und wartete darauf, dass das Wasser kochte. Dann konnte sie die Tasse füllen und mit ihrem Tee zurück in ihr Zimmer gehen.
„Ich mag meine Dämonen", sagte sie in die Stille hinein. „Tust du nicht", sagte Malfoy verächtlich. „Das tut niemand. Darum heißen sie ja Dämonen, Granger." Er atmete hörbar aus. „Komm, trink mit mir!", wiederholte er seine Einladung. „Ich kann dir mit absoluter Sicherheit versprechen, dass ich es nicht ausnutzen werde, wenn du erstmal anständig besoffen bist."
„Würdest ja kein Schlammblut anfassen wollen!", brummte sie bitter und er lachte. „Du sagst es!", antwortete er. „Ich doch nicht. Jetzt schalt schon den verdammten Teekessel ab und erzähl dem großen, bösen Wolf alle deine Probleme." Als sie keine Anstalten machte, fügte er hinzu: „Es sei denn natürlich, du hast Angst."
Hermine Granger dachte über sich selbst gern, dass sie viel zu clever war, um sich billig manipulieren zu lassen. Ron, also Ron wäre sofort auf diese höhnische Bemerkung hereingefallen; und selbst Harry hätte sie dazu gereizt, zu erwidern, dass der Dreckskerl das wohl gern so hätte. Sie aber fühlte sich nur erschöpft und wie betäubt. Sie ließ sich gegen den Küchentresen sinken, streckte langsam die Hand aus, um den Herd auszuschalten und hörte Malfoy hinter sich in sich hineinlachen. Als sie sich umwandte, hatte er seine schönen Sternenkarten weggepackt, ein Glas von irgendwo hergezaubert – soviel dazu, dass sie ihr eigenes Glas mitbringen sollte – und füllte es gerade mit, wie sich herausstellen sollte, dem besten Whisky, den sie je getrunken hatte. Nicht, dass sie eine Kennerin war, aber es war unmöglich, die gute Qualität von Malfoys Schnaps zu verkennen. Geschmeidiges Feuer küsste ihre Kehle und half ihr, sich – obwohl nicht mutig und auch nicht wirklich entspannt – so doch zumindest unangespannt zu fühlen.
Unangespannt, zum ersten Mal, seit der Krieg vorbei war. Unangespannt, zum ersten Mal, seit der Krieg begonnen hatte. „Ist unangespannt ein Wort?", fragte sie ihn, nachdem sie das erste Glas schweigend ausgetrunken hatte und ihm ihren Schwenker zum Neubefüllen hinhielt.
„Nein", sagte er, als er ihr nachschenkte.
„Schade", antwortete sie, „ich denke, es gefällt mir."
„Du bist eine derartige Nervensäge", gab er zurück. „Denkst dir Wörter aus … Kannst du mir mal sagen, warum du hier bist und mein perfektes Versteck mit deinen künstlichen Wörtern und deiner Gryffindor-Überheblichkeit ruinierst?" Sie zuckte mit den Achseln. „Wohin hätte ich denn gehen sollen. Wie du ja so gern betonst", sie erhob ihr Glas in der Parodie eines Toasts, „bin ich ein dreckiges Schlammblut."
„Kriegsheldin", erwiderte er. Sie zuckte erneut mit den Schultern. „Ich wusste nicht, was ich sonst tun sollte", sagte sie, die Wahrheit hörbar in ihrer Stimme. „In der Schule war ich immer gut. Es schien sicher." Sie nahm einen langen Schluck, und nachdem sie das langsame Brennen des Alkohols ihre ganze Kehle herab gefühlt hatte, fügte sie hinzu: „Du, Malfoy, hast mein perfektes Versteck ruiniert."
