Danach tranken sie schweigend. Hermine wollte nicht zu genau über diese merkwürdige Kameradschaft nachdenken. Sie hasste Malfoy. Hass war natürlich falsch. Ihre Mutter hätte ihr geraten, Mitleid mit dem Arschloch zu haben, anstatt ihre Energie mit Hass zu verschwenden: ‚Wie unglücklich muss ein Mensch sein, um so grausam zu werden', hätte sie gesagt. ‚Stell dir mal vor, wie es sein muss, mit seinen Gedanken leben zu müssen. Seine wirkliche Strafe ist die Hölle, die er sich selbst geschaffen hat.'

Ihre Mutter war eine nette, freundliche, tolerante Frau, die sich für gesunde Zähne und Sozialdemokratie interessierte. Sie war nie von einer Wahnsinnigen auf dem Boden eines aristokratischen Hauses gefoltert worden, weil die sie für etwas hasste, das so unveränderlich war, wie ihre Geburt. Ihre Mutter war nie gegen dieselben Vorurteile in den Krieg gezogen, die ihr Zechbruder hier jahrelang in Schulhofsticheleien zum Ausdruck gebracht hatte. Ihre Mutter wusste nichts darüber. Konnte es nicht wissen.

Natürlich hätte Hermine gar nicht gewollt, dass ihre Mutter Bescheid wusste. Und es war ja nicht so, als stünde sie allein mit ihrem Hass. Malfoy hasste sie auch. Hasste sie dafür, dass sie die falschen Eltern hatte, hasste sie wahrscheinlich dafür, dass sie einen Krieg gewonnen hatte, den sie lieber nicht durchgemacht hätte. Hasste, hasste, hasste. Sie hasste ihn. Er hasste sie. Und doch …

Sie studierte die Landschaft seines Gesichts, während sie kleine Schlucke von seinem vorzüglichen Alkohol nahm. Seine grauen Augen waren halb geschlossen, und die dunklen Ringe unter ihnen waren die einzige Farbe in seinem Gesicht – falls Flecken aus dunklerem Grau überhaupt als Farbe galten. Er hatte seine Haare wachsen lassen, so dass sie jetzt seine eindrucksvollen Wangenknochen und das Kinn, das zu eckig war, um je als schön zu gelten, umspielten. Schließlich, nach einem langen Schweigen, das nie gesellig werden wollte, fragte er: „Welche Fächer hast du belegt?"

‚Ich plaudere mit Draco Malfoy', dachte Hermine, ‚es geschehen noch Zeichen und Wunder.'

„Alles", antwortete sie. Dann zuckte sie mit den Schultern: „Außer Muggelkunde und Wahrsagen. Das erste ist größtenteils unzutreffend und das zweite …" Sie unterbrach sich und überlegte, wie sie erklären konnte, wie sehr sie Wahrsagen verachtete, wie es sie mit instinktiver Wut und Verzweiflung erfüllte und den Wunsch in ihr erweckte, sich ins Bett zu verkriechen und nie wieder hervorzukommen.

„Du hast vermutlich genug von Prophezeiungen", sagte er, bevor er sein Glas leerte. Er beäugte die Flasche, als versuche er zu entscheiden, ob er noch ein Glas trinken solle. „Mir geht es jedenfalls so." Er schien sich gegen ein weiteres Glas zu entscheiden. Ihr Bedürfnis, die höfliche Konversation aufrechtzuerhalten, ließ sie, noch bevor er aufstehen und gehen konnte, fragen: „Und du? Welche Kurse hast du belegt?"

„Nur Astronomie und Zaubertränke", antwortete er. Eine Hälfte seines Mundes verzog sich zu einem Lächeln. „Wir können ja nicht alle Streber sein, so wie du. Hast du was zu beweisen?"

Sie sagte schlicht: „Ja."

Er blinzelte und für einen kurzen Augenblick sah sie etwas in seinen Augen aufflackern. Die Muskeln spannten sich an und die Pupillen weiteten sich, und er sah so elend aus, wie sie sich fühlte. Zum ersten Mal fragte sie sich, wie wohl seine Dämonen aussahen und ob es die offensichtlichen waren oder ob es da noch andere gab. Sie lehnte sich unbewusst nach vorn und fasste ihn genau ins Auge. Ein Halblächeln tanzte erneut über sein Gesicht und das Fenster, das sich ins Innere seiner Seele geöffnet hatte, schloss sich wieder. „Gefällt dir, was du siehst, Granger?", fragte er.

Sie lehnte sich zurück. „Blasierte Schnösel – nicht mein Typ", sagte sie. „Auch wenn ich mich sehr für den Whisky bedanke." Sie erhob sich zum Gehen und musste sich mit einer Hand an der Lehne ihres Stuhles festhalten, als das Zimmer um sie herum zu tanzen begann und der Fußboden nicht dort war, wo sie erwartet hatte.

„Schaffst du's?", fragte er.

„Mir gehts gut", sagte sie.

„Lügnerin." Er sprach das Wort so leise, dass sie sich nicht sicher war, ob sie ihn richtig verstanden hatte. Zuerst glaubte sie, seine Bemerkung bezog sich auf ihren bemerkenswerten Mangel an Nüchternheit. Doch als sie sich nach ihm umdrehte, bedachte er sie mit einem viel zu verständnisvollen Blick.

Er hasste sie. Sie hasste ihn. Und doch. Sie lächelte angespannt und sagte: „Ich mag deine Sternenkarten. Gute Arbeit."

„Jeder ist in irgendwas gut", sagte er. Sie zuckte mit den Achseln und schaffte es zurück in ihr Zimmer, ohne zu bös zu stolpern und ließ ihn am Tisch zurück, wo er alleine saß und nachdenklich die fast leere Flasche betrachtete.

Als sie am nächsten Morgen aufstand, hatte sie den Geschmack von Galle im Mund und ihr dröhnte der Schädel. Das heiße Wasser der Dusche half weder mit dem einen noch dem anderen. Auf dem Tisch, an dem sie gestern gesessen und getrunken hatten, fand sie eine kleine, blaue, verkorkte Flasche und einen Zettel mit der Aufschrift ‚Trink mich'. Sie dachte darüber nach, ob Malfoy sie wohl vergiften würde. Spielte es eine Rolle, ob er sie umbrachte? Sie entschied, dass es das nicht tat, und trank die Flasche in einem Schluck leer.

Es war kein Gift. Oder besser gesagt: Falls es Gift war, war es sowohl mit einer Verzögerungswirkung ausgestattet, als auch raffiniert in einem Ausnüchterungstrank versteckt, der weit besser war, als alles, was Ron oder Harry je im Angebot gehabt hatten. Als sie nach dem Frühstück das Klassenzimmer für Fortgeschrittene Zaubertränke betrat, saß Malfoy bereits an einem Tisch und grinste sie an. „In Anbetracht der Tatsache, dass du nicht mit dem Kopf in der Toilette hängst und dir wünschst, du wärst tot, nehme ich an, dass du meiner Morgengabe vertraut hast?"

„Wieso sollte ich dir nicht vertrauen?", fragte sie mit dem liebreizendsten Lächeln, dessen sie fähig war, als sie auf den Stuhl neben ihm glitt und ihn damit zu ihrem Arbeitspartner erklärte. „Oh, stimmt ja!", fügte sie hinzu. „Du hältst mich für wertlosen Dreck, der den Tod verdient!" Sie tätschelte seine Hand und wartete auf eine sichtbare Reaktion. Er hob bloß die Augenbrauen und wartete, dass sie aufhörte. Professor Slughorn räusperte sich mit Blick auf die letzten Nachzügler und Nachzüglerinnen – ‚allesamt Armleuchter', dachte Hermine, selbstzufrieden hinsichtlich ihrer Partnerwahl. Ungeachtet Malfoys persönlicher Mängel, war er doch ein ausgezeichneter Zaubertrankbrauer und musste sich nicht von Hermine mitziehen lassen. Sie beugte sich zu ihm hinüber und flüsterte in sein Ohr: „Ich wette, du hast es genossen, deiner Tante dabei zuzusehen, wie sie mit Dreck wie mir kurzen Prozess macht." Slughorn räusperte sich erneut und Hermine genoss den Schauer der Schadenfreude, der ihr den Rücken hinabrann, während sie sich gerade hinsetzte und ihre Feder auspackte.

Sie war in ihre Mitschriften zu Slughorns ominösen Ausführungen über Schrumpelfeigen vertieft, als Malfoy sich bückte, um ein neues Blatt Pergament aus seiner Tasche zu nehmen, und ihr dabei zuraunte: „Ich hab es sicherlich genauso genossen wie du, als dein geschätzter Harry Potter mich in einem Mädchenklo fast umgebracht hat." Wie ertappt drehte sie mit einem Ruck den Kopf zur Seite, um ihn anzusehen, aber er war auf den Professor konzentriert, als sei sie gar nicht da. Nach dem Unterricht, als Slughorn noch immer davon schwärmte, wie sie in ihren kommenden praktischen Unterrichtsstunden selbst sehen könnten, wie die unscheinbare, doch wirkmächtige Schrumpelfeige jeden Zaubertrank verwandeln könne, schwang sich Malfoy seine Tasche über die Schulter und war aus der Tür, bevor sie irgendetwas sagen konnte.

Nicht, dass sie überhaupt irgendetwas von dem voreingenommenen, arroganten, dreckigen …

Sie wurde sich ihrer eigenen Gedanken bewusst und ihre Energie schwand dahin. Sie fuhr sich mit der Hand übers Gesicht und eine Stimme in ihrem Kopf sagte: ‚Das ist genau der Grund, warum du keine Freunde hast. Du hast sechs Jahre lang mit zwei Mädchen ein kleines Zimmer geteilt und dich nie mit ihnen angefreundet. Du bist eine gemeine, wertlose Streberin, die zu nichts weiter gut ist, als Dinge herauszufinden. Wenn jemand einen schwierigen Zauber lernen oder deinen Aufsatz abschreiben will, dann bist du plötzlich die Größte, aber sonst? Sonst haben sie nichts für dich übrig, und da liegen sie auch richtig.' Die restlichen Unterrichtsstunden des Tages schaltete sie auf Automatik, fertigte mechanisch Mitschriften an, was ihr nach jahrelanger Übung nicht schwerfiel, und trottete dann zurück in ihr Zimmer. Abendbrot schien ihr zu aufwändig, also sortierte sie ihre Unterrichtsordner nach Farbe und ordnete sie sorgfältig auf ihrem Schreibtisch an. Dann starrte sie auf das Arrangement.

„Jeder ist in irgendwas gut", murmelte sie, „schätze bei mir ist es Schule."

Sie saß immer noch mit angezogenen Knien auf dem Bett, als Malfoy an ihre Tür hämmerte. Als sie mit einem mürrischen „Was?!" öffnete, hielt er ihr einen Teller hin. Auf dem Teller lag ein Sandwich. Sie starrte erst das Brot an und dann ihn.

„Freu dich nicht zu früh!", sagte er. „Ich hab reingespuckt."

„Lügner", sagte sie.

Draco Malfoy hielt ihr das Sandwich hin und sah sie an. „Mir ist schon klar, dass es in deiner Welt wahrscheinlich keine Manieren gibt", sagte er, „und dass du mit Sicherheit bei Potter und Weasley keine aufgeschnappt hast, aber jetzt musst du den Teller nehmen, den ich dir gebracht habe, und ‚Danke' sagen. Ob du das Ding nachher wegschmeißt, ist deine Entscheidung."

„Warum hast du mir Abendbrot gebracht?", fragte sie ihn und ließ den Teller unberührt.

„Damit du ein noch schlechteres Gewissen kriegst darüber, was du in Zaubertränke zu mir gesagt hast", antwortete er ruhig. Er trat in ihr Zimmer, sah die Ordner auf ihrem Schreibtisch und verdrehte die Augen. „Um Merlins willen, Granger, du bist echt unglaublich." Mit seiner freien Hand schob er einen Teil ihrer ordentlich angeordneten Kreation zur Seite und stellte den Teller ab.

„Danke", sagte sie automatisch.

„Fast, als wärst du eine echte Person", sagte er.

Sie öffnete den Mund, um etwas zu erwidern und schloss ihn wieder.

„Gefällt dir wohl nicht, im Unrecht zu sein?", frage er mit offenkundigem Genuss.

„Du bist ein Arschloch", sagte sie.

„Stimmt." Er lächelte. „Wie fandest du es eigentlich, das dein kleiner Held mich fast umgebracht hat und kaum Konsequenzen dafür tragen musste? Wenn ich ihn blutend liegen gelassen hätte –-"

„Fand ich nicht gut", unterbrach sie ihn. „Ich hab ihm gesagt, er soll nicht … Es spielt jetzt keine Rolle mehr." Sie holte tief Luft. „Danke für den Trank heute früh. Das war sehr aufmerksam von dir." Sie beobachtete sein Gesicht und er erschien überrascht; sie hatte ihn aus dem Konzept gebracht. Das gefiel ihr. Aus Neugierde, was passieren würde, schob sie nach: „Und es tut mir leid, was ich in Zaubertränke gesagt habe. Das war unangebracht. Ich bin mir sicher, das mit anzusehen, war –"

„Sicherlich nicht so schlimm, wie es zu erleben", sagte er mit einem sehr britischen ‚lass-uns-Schluss-machen-bevor-es-noch-eine-peinliche-Zurschaustellung-von-Gefühlen-gibt'-Tonfall.

„Sicherlich nicht", stimmte sie zu.

Er trat einen Schritt zurück und lehnte sich gegen den Türrahmen. „Heute Nacht ist gute Sicht auf die Sterne", sagte er, scheinbar unsicher, ob er einfach gehen sollte. „Es ist zwar leider fast Vollmond, aber wolkenlos. Ich weiß nicht, ob du Astronomie belegt hast, aber ich hatte vor, auf den Turm zu gehen und zu versuchen, einen Sternennebel zu sehen." Er zuckte mit den Schultern. „Bei Mondlicht ist es vermutlich verlorene Liebesmüh, aber man weiß nie, wann man Glück hat."

„Hab ich", sagte sie. „Ich meine, ich hab Astronomie belegt."

„Natürlich hast du das." Draco Malfoy klang nicht überrascht. Erstaunlicherweise klang er auch nicht verärgert oder verstimmt. Wenn überhaupt, so klang er belustigt.

„In meinem Stundenplan hab ich gar keine Sternbesichtigung für heute Nacht gesehen", sagte sie und sah mit gerunzelter Stirn den dunkelblauen Ordner an, der für Astronomie vorgesehen war, als hätte er sie irgendwie hintergangen. Bis jetzt enthielt er einzig den Stundenplan, den sie im Sommer zugeschickt bekommen hatte, und in dem alle Unterrichtsstunden und die benötigten Sachmittel verzeichnet waren.

„Es ist nicht für den Unterricht, Granger", sagte Malfoy. Jetzt war er definitiv belustigt, dachte sie verstimmt. Wie konnte der blöde Kerl es wagen, sich auf ihre Kosten zu amüsieren? „Es ist einfach bloß für das Vergnügen, die Sterne zu betrachten." Ihr fiel zwar nicht wortwörtlich die Kinnlade herunter, aber sie musste ein gewisses Maß an Verblüffung zum Ausdruck gebracht haben, denn der Dreckskerl lachte doch tatsächlich. „Machst du in deinen endlosen Schulaufgaben nie irgendetwas einfach nur zum Spaß?", fragte er. „Bist du wirklich so eine Streberin, dass du dich nur für Zensuren interessierst?" Das war schmerzhaft nah an den Dingen, die ihr Lavender und Ron und Harry und so viele andere über die Jahre an den Kopf geworfen hatten, und sie erstarrte. Malfoy fuhr sich fast unabsichtlich mit der Zunge über die Lippen und ihre Augen wanderten zu seinem Mund, als sie darauf wartete, dass er sich auf ihren Schwachpunkt stürzte. Stattdessen sagte er einfach: „Sternennebel sind wunderschön. Natürlich schwierig zu sehen. Man muss genau die richtigen Bedingungen erwischen und gute Instrumente haben. Ich hab sicherlich ein besseres Teleskop als du. Optik plus magische Erweiterungen. Hattest du schon mal das Vergnügen?"

„Ein Teleskop zu benutzen?" Sie schaffte es, ein gewisses Maß an Verachtung in ihre Stimme zu legen.

„Nein", sagte er mit erneut belustigter Stimme. „Einen Sternennebel zu sehen."

„Nein", gab sie zu. „Ich hab natürlich Fotos gesehen, aber –"

„Fotografien?", fragte er mit plötzlichem Interesse. „Wie das?"

„Muggeltechnologie", antwortete sie.

„Hast du welche hier?"

Hermine lächelte im Angesicht von Malfoys Bemühen, sein ungeduldiges Interesse zu verbergen. „Nein", sagte sie, „aber ich könnte ein Buch mit welchen bestellen und Harry bitten, es mir mit der Eulenpost weiterzuleiten."

„Das würde ich sehr zu schätzen wissen", sagte Malfoy.

„Naja", gab sie zurück. „Ich muss dir doch ein schlechtes Gewissen machen für Kommentare wie, dass ich fast wie eine echte Person sei."

Auf seinem Gesicht formte sich ein winziger Anflug dessen, was ein ehrliches Lächeln sein konnte. „Das musst du wohl. Iss dein Abendbrot und, falls du mit mir auf den Turm willst, halt dich in zwei Stunden bereit."