Sie hatte nicht vor, auf den Astronomieturm zu steigen. Hermine aß das Sandwich, das Draco Malfoy ihr gebracht hatte, indem sie mechanisch ihre ruckartig Kiefer auf und ab bewegte. Sie zwang sich zum Essen, weil es unbequem war, zu hungrig zu sein, und weil sie wusste, dass sie Nahrung zum Leben brauchte und sie wollte sich nicht umbringen.

Sie wollte einfach nur nicht sein.

Sie saß in ihrem Zimmer und starrte die Wand an und starrte auf die Schulordner mit ihren akribisch perfekten Mitschriften in Fächern, die sie nur belegte, um zu beweisen, dass sie es konnte. Und sie starrte auf den dunkelblauen Astronomieordner mit dem Stundenplan, der keinesfalls eine private Himmelsbeobachtung mit Ausnahme-Schleimscheißer Draco Malfoy beinhaltete. Dann zog sie ihre Schuhe an, warf sich einen von Molly Weasley gestrickten Wollpulli mit einem schiefen H in der Mitte über, band sich einen kastanienbraunen Schal um den Hals und traf Malfoy im Gemeinschaftsraum.

Er hielt ein beachtliches Teleskop unterm Arm und nickte bloß mit dem Kopf Richtung Tür, die Hermine wortlos öffnete und für ihn offen hielt. Schweigend bestiegen sie den Astronomieturm, und Draco baute das Teleskop bei bedauerlich hellem Mondlicht auf und richtete es gen Himmel. Sie sah ihm dabei zu, wie er aufwändig Schrauben justierte und schließlich zufrieden in sich hineinlächelte.

„So", sagte er und trat zur Seite, damit sie hindurchschauen konnte. Das war das erste Wort das einer von ihnen gesprochen hatte. „Saturn. Du kannst sogar die Ringe sehen."

Sie schaute durch das Teleskop und musste unwillkürlich tief Luft holen. Der Planet hing direkt vor ihrem Auge: eine weiße Kugel mit einem ovalen Ring darum. Sie gab ungern zu, dass seine Ausrüstung besser war als ihre, aber er hatte definitiv ein Teleskop gekauft, das ihrem Schulgerät weit überlegen war. Als sie versuchte, noch näher heranzukommen, stolperte sie, stieß gegen einen Hebel und der Planet verschwamm in undeutliches Grau. Sie hörte sich selbst einen enttäuschten Laut ausstoßen, als er verschwand.

Malfoy murmelte empört etwas von fahrlässigen Gryffindors und trat hinter sie, so dass sie seinen Körper spüren konnte, der den ihren nicht ganz berührte, als er den Hebel langsam zurück in Position brachte. Als sie wieder scharf sehen konnte, sagte sie „da" und er unterbrach sein Justieren und entfernte sich wieder von ihr. Ohne den ungebetenen Schutz, den er ihr von der frischen Nachtluft geboten hatte, fühlte ihr Rücken sich kalt an.

Sie betrachtete das magisch perfekte Bild des Planeten für etliche weitere lange Minuten, staunte wie scharf es war, und trat dann zurück und legte den Kopf in den Nacken, um den Mond anzusehen.

„Warum sind wir die einzigen?", fragte sie.

„Du meinst, die einzigen, die zurückgekommen sind? Ganz einfach. Für mich ist es besser hier als zu Hause, und für die meisten anderen ist es umgekehrt. Die Mehrheit unserer alten Mitschüler und Mitschülerinnen werden ihre Prüfungen im Frühling machen, ohne das Jahr hier verbracht zu haben." Er zuckte mit den Achseln. „Das Ministerium fand es wohl politisch opportun, das zu ermöglichen."

Sie sah ihn an. „Und du?"

„Ich habe meinem Vater gesagt, was ich davon halte, dass er den Todessern beigetreten ist", antwortete Malfoy. „Hatte er nicht viel für übrig. Es wurde laut." Sein Lächeln schien bleich im Mondlicht. „In Hogwarts ist es wenigstens leiser."

„Das war verdammt dumm", meinte Hermine.

„Möglicherweise die einzige Sache, über die du und ich uns je einig waren", stimmte Malfoy zu. Er trat wieder ans Teleskop. „Vielleicht kann ich den Drachen finden."

Sie prustete und er sagte mit dem Auge an der Linse: „Ist doch nicht meine Schuld, dass du nach der Tochter der schönen Helena benannt bist anstatt nach einem Stern. Du könntest schon ein wenig mehr daran arbeiten, deine Eifersucht auf meinen überlegenen Namen im Zaum zu halten."

„Bist du immer so ein egozentrischer Arsch?", verlangte sie zu wissen. Draco drehte wieder an Rädchen und trat dann zurück, um ihr einen Blick auf das zu ermöglichen, was sich als der Hauptstern im Sternbild des Drachen herausstellte. „Wenigstens bin ich ein reinblütiger, egozentrischer Arsch", sagte er. Sie blickte nicht einmal vom Teleskop auf, sondern sagte bloß: „Ja, Malfoy, du bist ein qualitativ hochwertiger Darmausgang; das gesteh ich dir zu."

Als sie sich umdrehte, stand er gegen eine der Säulen gelehnt und starrte ins Leere. „Ich sollte ihn umbringen", sagte er. „Snape hat's für mich gemacht. Genau hier hab ich zugesehen, wie er gestorben ist."

Sie wollte ihm sagen, dass sie das nicht interessierte. Sie wollte ihm sagen, dass er sich all diese Schrecken selbst eingebrockt hatte, und dass er jedes Quäntchen Schmerz, das er nun empfand, verdient hatte; und dachte er denn, dass ihr in unsichtbarer Farbe ‚Seelenmülleimer' auf die Stirn geschrieben stand? Sie öffnete ihren Mund, um ihm einige dieser Dinge und noch mehr an den Kopf zu werfen, aber sie schloss ihn wieder und sah Draco an, trauriger denn je.

„Das tut mir leid", flüsterte sie. Er verschränkte die Arme und beäugte sie kritisch. „Helena war wenigstens schön", sagte er mit seinem üblichen spöttischen Grinsen. „Eine sagenumwobene Schönheit. Männer sind für sie in den Krieg gezogen." Er ließ seine Augen an ihr auf und ab wandern. „Darum muss sich Helenas Tochter keine Sorgen machen."

„Ich hab genug von Kriegen", erwiderte Hermine. „Ich denke, ich kann ohne diese Auszeichnung leben." Sie rümpfte die Nase. „Ist nicht so, als würden sich Leute um das Privileg prügeln, deine Aufmerksamkeit auf sich zu spüren, Malfoy."

„Nein", stimmte er zu, „ich bin dieser Tage Persona non grata. Nicht mal Parkinson antwortet auf meine Eulen."

„Hattest du überhaupt irgendwelche Freunde, die dich nicht ausgenutzt haben?", wiederholte sie seine höhnische Bemerkung vom ersten Tag dieses seltsamen Jahres. Aber aus ihrem Mund klang es eher verloren als vorsätzlich grausam.

Sie beobachtete, wie er ihr nicht antwortete, beobachtete wie er die Säule hinab sank bis er auf dem Boden zum Sitzen kam – mit dem Rücken gegen den Marmor und seinen Schultern gegen die Vergangenheit – beobachtete wie er in den Nachthimmel starrte. „Nein", sagte er schließlich. „Offenbar keinen einzigen."

Sie setzte sich neben ihn, darauf bedacht, den Mistkerl nicht zu berühren, und sagte: „Tut weh, stimmts?"

„Ach, dein blöder Potter verehrt dich doch!", sagte Malfoy abweisend. „Nur eine, die so kaputt im Kopf ist wie du gerade, merkt das nicht, Granger. Merlin! Und Weasley auch. Ich dachte, dass du in dieses Rattennest reinblütiger Sozialhilfeempfänger einheiraten wolltest." Er schnaubte: "Ich wette, Arthur Weasley hätte das prima gefallen! Sein eigener kleiner Muggel, zum Untersuchen, Experimentieren und Ausquetschen."

Hermine konnte fühlen, wie die Luft aus ihr wich, als sie hörte, wie ausgerechnet Draco Malfoy das auf den Punkt brachte, woran sie sich bei den Weasleys nie hatte gewöhnen können. Nicht Ron, Ron scherte sich nicht darum, dass sie von Muggeln abstammte, er hatte sowieso kein Interesse an Muggeldingen. Allerdings hatte er auch kein Interesse an ihr, nicht so, wie sie es sich wünschte; aber das war in Ordnung, sie waren sowieso viel bessere Freunde als Liebende. Das hatte sie sich wieder und wieder gesagt, als klar wurde, dass es vorbei war mit ihnen, oder besser gesagt, dass nie etwas aus ihnen werden würde. Sie waren einfach das Vielleicht, das verpufft war, die Freunde, die sich durch die Intensität des Krieges dazu hatten verführen lassen, zu glauben, dass mehr zwischen ihnen bestand als nur Freundschaft.

‚So was kommt vor', hatte sie zu ihm gesagt, ‚Krieg bringt Leute dazu, sich in Liebesaffären zu stürzen.' Er sah dankbar aus, dass sie nicht mehr aus der Fassung geraten war im Angesicht seiner ungeschickten Versuche, etwas zu beenden, dass nie richtig angefangen hatte. ‚Ich werd dich immer lieben, Hermine', hatte er gesagt. Sie hatte die Wand hinter seiner Schulter anvisiert und gelogen: ‚Es ist in Ordnung. Es ist besser so.' Er hatte die Lüge nicht bemerkt. Jetzt, wo sie hier mit Draco Malfoy saß, fragte sie sich, ob er wohl aufmerksam genug gewesen wäre, zu erkennen, dass sie innerlich gestorben war im Verlaufe dieses Gesprächs. ‚Es ist gut so', hatte sie gesagt. ‚Ich geh zurück zur Schule. Fernbeziehungen funktionieren sowieso nie.' Ron hatte genickt und geschluckt und sie waren nach unten zum Abendbrot gegangen, wo seine Mutter den Großteil des Abends damit verbracht hatte, ihn dafür auszuschimpfen, dass er nicht auch nach Hogwarts zurückkehren wollte. Arthur hatte ihr einige unsinnige Fragen zu Ampeln gestellt.

„Ich mochte nie sein kleines Muggellexikon auf zwei Beinen sein", sagte Hermine. „Das werd ich nicht vermissen."

„Glaub ich sofort", stimmte Malfoy zu. Sie sah zu ihm hinüber und er starrte immer noch den Mond an. „Entschuldige, dass ich dich um die Fotografien gebeten habe", sagte er. Sie gab einen verwirrtes Ton von sich, und er fügte hinzu: „Von den Sternennebeln. Ich würde nie so sein wollen wie …"

„Keine Sorge", sagte sie, „das bist du nicht."

„Du bist nicht bloß ein Lexikon auf zwei Beinen, weißt du", sagte er, und in Erwiderung ihres fragenden Blicks erklärte er: „Ich bezweifle, dass du genug weißt, um als Buch zu gelten, Granger, egal wie oft du dich durch Geschichte von Hogwarts arbeitest, um die Geheimnisse zu enthüllen, wie du dich am besten integrierst."

„Ihr habt mir alle sehr gut klargemacht, dass ich das niemals schaffen kann", murmelte sie. Sie wollte gerade aufstehen, um zu gehen und den elenden Dreckskerl alleine die Sterne anschauen zu lassen, auch wenn Saturn wunderschön ausgesehen hatte, als er die Hand ausstreckte und ihr Handgelenk berührte. „Wieso würdest du das auch wollen?", fragte er.

„Du hast gut reden!", sagte sie. „Perfekter kleiner Reinblüter mit deinem perfekten blonden Haar und deiner perfekten Familie und deinem perfekten kleinen Platz in deiner perfekten kleinen Welt." Sie zögert jedoch, als er mit seinen blassen Augen ihr Gesicht absuchte, und entzog ihr Handgelenk nicht seinem sanften Griff.

„Das ist dein Ernst", sagte er schließlich. Er ließ den Blick nicht von ihrem Gesicht, als er seinen Ärmel hochrollte und den Arm ausstreckte. „Meine perfekte kleine Welt hat mir das angetan, Granger. Und jetzt wollen keine meiner perfekten kleinen Freunde mehr mit mir reden und meine perfekte kleine Familie hat mir erklärt, dass ich nichts verstehe." Ihm entfuhr ein raues Lachen. „Ich denke, ich versteh ganz ausgezeichnet. Bleib in deinem goldenen Käfig und morde, wenn es dir befohlen wird und stell keine Fragen und hab keine Meinung."

„Hast du aber nicht", erwiderte sie. „Irgendjemanden ermordet, mein ich."

„Nicht, dass ich's nicht versucht hätte", sagte er und ließ den Arm sinken. „Und jetzt bin ich dazu verurteilt, mich dem Schlammblut anzuvertrauen." Er ließ seinen Kopf nach hinten gegen die Säule rollen. „Erst ein Geist und nun du. In der Tat: ein perfekter kleiner Reinblüter."

Hermine zuckte zurück. „Arschloch!", sagte sie.

„Willst du mich jetzt schlagen?", fragte er. „Tu's. Ich halt sogar still für dich." Er drehte sich zu ihr. „Los, Granger, schlag mich zusammen. Erteil mir eine Lehre, dass ich mich hüte, Worte zu benutzen, die du nicht magst." Als sie sich nicht regte, zuckte er mit den Schultern und ließ seinen Kopf wieder nach hinten fallen. „Oder nicht. Steht dir frei."

„Es ist –"

„Ein grauenvolles Schimpfwort, das dich in die Schranken weisen soll?", fragte er. „Hass in einem Wort? Grausam? Unangebracht?" Er lächelte. „Ich bin ein Arschloch, Granger. Gewöhn dich dran. Ich hab nicht vor, mich zu ändern, und wir werden das ganze Schuljahr zusammenwohnen." Hermine konnte fühlen, wie die Kälte des Steinbodens durch alle Kleidungsschichten in sie eindrang und holte schaudernd Luft. „Ich hasse dich echt!", sagte sie.

„Ich weiß." Draco Malfoy klang größtenteils resigniert. „Machen alle", fügte er noch hinzu. „Egal, was ich in Zukunft mache, die meisten werden das für alle Zeit tun." Er deutete auf den Himmel. „Die Sterne schauen bloß zurück. Egal, was ich getan oder nicht getan hab, oder gesagt oder nicht gesagt hab, sie sind einfach da und verbrennen langsam in so unendlicher Entfernung, dass nichts, was ich tue, einen Einfluss auf sie hat. Ich bin ihnen egal, aber wenigstens hassen sie mich nicht."

„Saturn war wunderschön", versuchte Hermine. Ihre Worte hingen in der kalten Luft zwischen ihnen. Sie war unsicher, was sie zu diesem Menschen sagen sollte, den sie hasste und doch, trotz aller Wünsche, die sie je hätte haben können, verstand; der sie verabscheute und dennoch anscheinend ebenfalls verstand. ‚Der Krieg und seine Folgen', mutmaßte sie, ‚produziert die seltsamsten Verbündeten.'

Schließlich antwortete Malfoy: „Wenn der Mond nicht scheint, zeig ich dir einen Sternennebel. Viel besser."

„Das wäre schön", sagte sie. Sie biss sich auf die Lippe und fügte hinzu: „Du bist trotzdem ein Arschloch." Er lachte – lachte tatsächlich – und so wütend Hermine auch war, sie spürte doch ein winziges Zupfen an ihrem Mundwinkel.

Er stand auf, stellte das Teleskop neu ein, und ohne weitere Emotionen auszutauschen, verbrachten sie gemeinsam eine fast angenehme Stunde, in der Draco Malfoy Sterne aufspürte, indem er sein kompliziertes Teleskop justierte und Hermine sich zunehmend entspannte, als sie das Vertrauen gewann, jemanden anders die Arbeit tun zu lassen. Als sie schließlich zusammenpackten, fühlte sie sich gelöster, als sie in den vergangenen Monaten je gewesen war.

„Danke", raunte sie ihm zu, als sie ihm die Tür aufhielt. „Jederzeit, Granger", antwortete er.

Bevor sie sich in ihr Schlafzimmer und die Gesellschaft ihrer Ordner und des nach wie vor unausgepackten Koffers zurückzog, fragte Hermine: „Hast du wirklich ins Sandwich gespuckt?" Draco stellte das Teleskop ab und sah sie an. „Das wäre vielsagend", sagte er endlich. „Aber wenn du persönlich zum Abendbrot kommen und dich selbst verpflegen würdest wie jede vernünftige Person, dann müsstest du dir keine Sorgen darum machen, ob ich dein Essen kontaminiere, oder?"

„Ich brauch keinen Aufpasser", sagte Hermine mit zu Schlitzen verengten Augen. „Mir gehts gut."

„Vielleicht wichs ich nächstes mal rein. Kannst du wirklich den Unterschied erkennen zwischen der Mayonnaise, die sie hier in Hogwarts machen und –"

„Du bist ekelhaft!", sagte Hermine.

„Ist Potter aufgefallen, dass du dahinschwindest?", fragte Malfoy. „Oder haben er und Weasley dir geglaubt, als du gesagt hast, dir ginge es gut?"

„Wieso interessiert dich das überhaupt?", verlangte sie zu wissen. „Schlammblut und so?"

Er hob das Teleskop an und war schon einige Schritte in Richtung seines Zimmers gegangen, bevor er antwortete, ohne sich auch nur umzudrehen: „Ich hab in den letzten Jahren meistens auf das gehört, was Leute mir zu sagen hatten und nicht darauf geachtet, was sie taten. Sie haben mir gesagt, was wahr sei und was ich denken und wem ich trauen solle und was richtig sei – und im Rückblick hätte ich mal lieber anderen Dingen meine Aufmerksamkeit schenken sollen als Worten."

Das erinnerte Hermine daran, dass Draco – auch wenn er einen erbärmlichen Menschen abgab – doch auch klug war; schlau und scharfsinnig und, was auch immer der Grund, aufmerksam, was sie betraf.

„Ich hätte gedacht", sagte er, „dass du auch klug genug wärst, auf mehr zu achten als bloße Worte."