Hermine bestellte das Astronomiebuch am nächsten Morgen. Sie hatte mit Harry schon lange ein System ausgearbeitet, wie er ihr Muggelbücher zukommen lassen konnte, jedoch teilte sie ihm nicht mit, dass dieses ein Geschenk für Malfoy sein sollte. Dieser Fakt würde, so nahm sie an, nicht sonderlich gut ankommen. Harrys Abneigung gegen seinen Schulhof-Erzfeind war ungebrochen, ungeachtet der Tatsache, dass er bei ihrer Gerichtsverhandlung zugunsten der Familie ausgesagt hatte. Aber wenn der fiese, elende Draco Malfoy ihr ein Sandwich bringen konnte, dann konnte sie noch eins draufsetzen und ihm ein Muggelbuch mit Fotos seiner geliebten Sternennebel besorgen, insbesondere, wenn ihn das unangenehm in die Nähe von Arthur Weasley und seiner naiven Faszination mit Gummienten und Ampeln brachte.

Ihr Trotz verlieh ihr genug Energie, um Harry wegen des Buchs zu schreiben und zur Eulerei hoch zu gehen und sogar noch genug, um wieder zurückzukommen und sich in der Großen Halle einen Teller mit Essen zu beladen. Aber als das vollbracht war, verebbte ihre Energie und sie stocherte erschöpft in ihrem Teller mit Frühstückstoast herum. Fast gegen ihren Willen blinzelte sie zum Slytherin-Tisch hinüber, aber der markante, blonde Schopf, den ihre Augen suchten, war nicht da.

Sie bekam ihn den ganzen Tag nicht zu Gesicht, als sie sich durch Runen und Kräuterkunde quälte, und sah ihn auch beim Abendbrot nicht. Aber als sie in die schlecht durchdachte Unterkunft der Achtklässler – gewiss hatte niemand erwartet, dass nur zwei Schüler wiederkommen und somit ein völlig unsittliches Wohnarrangement vorfinden würden – zurückkehrte, saß er über eine Pergamentrolle gebeugt an dem kleinen, runden Tisch mit einer aus dem Weg geschobenen Kanne voller, wie sie annahm, Tee. Neugierde besiegte den Verstand und sie nahm auf dem anderen Stuhl Platz und beugte sich nach vorn, um zu sehen, an was er arbeitete.

„Auf dem Küchentresen liegen Kekse", sagte Malfoy, aber sie reagierte nicht. Sie war zu beschäftigt damit, seine komplizierte Zeichnung eines Mannes zu bewundern, dessen einzige Gesichtszüge aus dunklen, angedeuteten Augen bestanden, und der ein Schwert hielt, das fest im Würgegriff einer riesigen Schlange gefangen war.

„Voldemort?", fragte sie. Er zuckte zusammen. Die Rede, die er ihr letzte Nacht über Sprache und Wortwahl gehalten hatte, bezog sich offenbar nicht auf den sorglosen Gebrauch des selbstgewählten Spitznamens des Dunklen Lords. Seine einzige Antwort aber war: „Mars." Sie brauchte einen Moment, um zu verstehen, was er meinte. „Der Kriegsgott," sagte sie. „Das ist ... raffiniert. Schauderhaft – echt schauderhaft – aber raffiniert."

„Es ist für meine Sternenkarte", erklärte er. „Ich will für alle Planeten Illustrationen anfertigen. Vielleicht auch für die wichtigsten Monde." Sie dachte an das herrliche Sonnensystem, an dem er zuvor gearbeitet hatte und gab einen zaghaften Ton der Bewunderung von sich.

„Bist es wohl nicht gewohnt, von Leuten umgeben zu sein, denen etwas anderes am Herzen liegt, als Quidditch, Granger?", sprach er affektiert, und ihr kurzer Moment der Bewunderung für sein Talent war dahin, als sie sich daran erinnerte, was für ein wertloser Schnösel der ach-so-raffinierte Typ ihr gegenüber war.

„Ja", äffte sie seinen Ton nach und grinste ihn auf ihre Ellbogen gestützt an. „Wir waren viel zu beschäftigt damit, die Mächte des Bösen zu bekämpfen, um so viel Aufhebens um hübsche, kleine Projekte wie dieses zu machen. Es ist aber ganz goldig."

Er legte die Feder ab. „Gut gemacht", sagte er. „Eine schnelle Antwort, die mich an alle meine schlimmsten Fehler erinnert. Bravo." Die Freude über ihre Schlagfertigkeit lag ihr plötzlich schwer im Magen. Sie schob ihren Stuhl zurück und stand auf.

„Kannst du frischen Tee machen, während du stehst?", fragte Malfoy, bevor sie weggehen konnte, und sie fühlte, wie ihre Fingernägel sich in ihre Handflächen bohrten, als sich ihre Hände zu Fäusten ballten. „Ich bin nicht dafür da, dich zu bedienen, Malfoy!", sagte sie. „Egal, was dein verwöhnter, reinblütiger Arsch gewohnt ist. Mach's selber."

„Dann setz dich wieder hin." Das klang ganz nach einem Befehl und sie starrte ihn wütend an, bis er eine Braue hob und sagte: „Wenn du's nicht machst, dann tu ich es und du stehst dort bloß im Weg herum. Trinkst du nicht gern Tee bei den Hausaufgaben? Du hast letztens welchen gekocht, da hab ich angenommen, dass das deine Angewohnheit ist, aber vielleicht lag ich ja falsch." Er zuckte mit den Schultern. „Ich hab Teeblätter besorgt, die jünger als Merlin sind, ganz im Gegensatz zu dem Zeug, das du benutzen wolltest; es könnte also sogar halbwegs gut schmecken."

Sie setzte sich, wobei sie fast zurück in ihren Stuhl fiel, und beobachtete, wie Draco Malfoy eine frische Kanne Tee zubereitete und mit einer Tasse für sie sowie einem Teller Ingwerkekse zum Tisch zurückkehrte. Sie brummte ein so unwirsches „danke", dass es ihr peinlich war, sich selbst zu hören, griff sich ihr Kräuterkundebuch und begann ohne weitere Worte, die besten Bedingungen für die Zucht von drei der fünf in der heutigen Unterrichtsstunde erwähnten Pflanzen herauszuschreiben. Dann sollte sie die unterschiedlichen Teile einer der Pflanzen abbilden. Sie kniff die Augen zusammen, versuchte zu zeichnen, doch ihre Feder rebellierte und spritzte Tinte über das halbfertige Blatt. Obwohl sie wusste, dass sie den Tintenfleck einfach wegzaubern und von vorn beginnen sollte, dass es schließlich kein Kunstprojekt war, und dass Professor Sprout nur eine halbwegs erkennbare Zeichnung sehen wollte, um sicher zu sein, dass Hermine die Pflanze in der Wildnis korrekt identifizieren konnte, war es ihr plötzlich alles zu viel und sie konnte fühlen, wie ihr Tränen der Enttäuschung und der Selbstverachtung in die Augen stiegen.

Sie hatte wohl einen unterdrückten Ton von sich gegeben, denn der blöde Draco Malfoy blickte von seinem verdammt perfekten Kriegsgott auf und schnaubte: „Du kannst echt ums Verrecken nicht zeichnen, oder, Granger?"

„Nein", sagte sie, schob das Pergament von sich fort und legte mit übertriebener Sorgfalt die Feder ab. „Kein bisschen."

‚Wertlos!', dachte sie beim Anblick des verdorbenen Blattes.

„Ich kann kein bisschen zeichnen, Malfoy. Ich kann überhaupt nichts richtig. Überhaupt gar nichts. Wertlose, dumme, unnütze Mu–"

„Stopp!" Seine Stimme unterbrach sie mitten im Wort und sie warf ihm einen zornigen Blick zu. Ich sag, was ich will, Frettchen!" Sie war sich ihres mürrischen Tonfalls bewusst und es kümmerte sie nicht. „Kann dir doch egal sein. Ich sag ja bloß, was du sowieso denkst!"

„Benimmst du dich immer wie ein bockiges Kind, wenn du dich ärgerst?" Er legte seine eigene Feder ab und hatte die Frechheit, sie anzugrinsen. Sie öffnete den Mund, um ihn zurechtzustutzen, doch bevor sie beginnen konnte, sagte er: „Ich bin nicht Weasley, Granger, und ich geb Kontra, also überleg dir genau, was du sagst. Wie brutal soll es werden?"

Sie wollte sagen, wie sehr sie ihn verabscheute, wie sehr sie ihn leiden sehen wollte, aber er war um den Tisch herum gekommen und hatte sich ihr Pergament gegriffen, um es zu betrachten. Mit einem raschen Zauber entfernte er den Tintenklecks und entwarf mit schneller Feder eine akkurate Wiedergabe des Blattes, mit dem sie so gekämpft hatte.

„Ich hasse dich", murrte sie, als er selbstzufrieden noch flink ein paar Beeren hinzufügte und ihre Feder wieder ablegte. „Dein Minderwertigkeitskomplex ist ganz natürlich", sagte Malfoy. „Das ist schon in Ordnung, Granger. Ich verzeih dir. Kannst du eben nicht ändern, dass ich besser bin als du." Sie sah in finster an. „Ich brauch deine Hilfe nicht", murmelte sie. „Au contraire, kleine Heldin", sagte er.

Im Angesicht ihrer blanken Wut verwandelte sich sein Grinsen fast in den Geist eines echten Lächelns. Das gab ihr den Rest. Sie fühlte die Tränen von vorhin wieder in ihre Augen steigen und diesmal liefen sie ihr wie ein demütigendes Feuer die Wangen hinab. ‚Wertlos, nutzlos', dachte sie. ‚Ich stecke hier fest und brauche Malfoys Hilfe dabei, ein beklopptes Blatt zu malen für ein Fach, das mich nicht mal interessiert.' Kein Wunder, dass Ron sich nicht um sie bemühen wollte. Der Aufwand lohnte sich nicht für eine ... ein ... Wie hatte Malfoy sie genannt? Ein bockiges Kind?' Und bei diesem Gedanken folgte ein neuer Strom Tränen und ihre Nase begann zu verstopfen und sie schniefte, um zu verhindern, dass diese auch noch zu laufen begann – und das alles vor den Augen des verdammten, elenden, selbstgefälligen Draco Malfoy.

Verdammter Draco Malfoy, der ihr ein Taschentuch reichte und dabei von lächerlichen Gryffindors brummelte. Verdammter Draco Malfoy, der sie anraunzte, sich aufs Sofa zu setzen bis sie sich wieder beruhigt hatte, damit ihre Tränenflut nicht noch das vollkommen gelungene Blatt ruiniere, das er ihr gezeichnet hatte. Verdammter Draco Malfoy, der keineswegs selbstgefällig dreinschaute, als er sich neben sie setzte – mit seiner Tasse in der einen Hand und ihrer in der anderen – seine Füße auf einen Hocker platzierte und sagte: „Es ist echt übel, wenn es einen so überwältigt, oder?"

„Frettchen!", murmelte sie.

„Streberin!", konterte er.

Sie warf einen Blick auf ihren illustrierten Aufsatz. „Unfähige Streberin wohl eher", sagte sie. Er reichte ihr ihre Tasse. „So weit würde ich nicht gehen", sagte er. „Du bist zwar dreckig und minderwertig, aber unfähig scheint mir etwas brutal." Sie erwog, ihm den heißen Tee ins Gesicht zu schütten. Stattdessen wischte sie sich noch einmal ihr Gesicht mit seinem Taschentuch ab.

„Als ich festgestellt hab, dass du hier bist", sagte er, und sie schniefte und nahm kleine Schlückchen von dem Tee, den er ihr gegeben hatte, „und sonst niemand außer der dummen, perfekten Granger, da wollte ich mich umdrehen und wieder gehen."

„Weil ich ein Schlammblut bin", sagte sie und wartete auf seine Zustimmung.

„Nein", korrigierte er sie, „weil du eine verdammt selbstgerechte Nervensäge bist." Er nahm einen großen Schluck. „Ich dachte, selbst die Vorhaltungen, wie ich mein Erbe nicht zu schätzen wisse, wären dir vorzuziehen."

„Warum bist du dann geblieben?"

Er zuckte die Achseln. „Konnte dich doch nicht schon wieder gewinnen lassen, oder? Konnte meinem Vater gegenüber doch nicht zugeben, dass er recht hatte, dass mein Platz zu Hause bei den Menschen, die mich lieben sei und nicht in der Schule, wo ..." Er verstummte und ließ seinen Kopf nach hinten gegen die Sofalehne rollen, so dass er die Decke anstarrte. „An der Decke ist eine Leier, Granger", sagte er und was auch immer es gewesen war, das er ihr hatte über die Schule sagen wollen, verschwand hinter seiner Maske.

Sie blickte nach oben. Jemand hatte die Decke in ihrem Teil des Schlosses mit Sternen dekoriert und sie musste lachen, als sie das Sternbild fand, das er sofort erkannt hatte. Leier. Die helle Wega mit einer Raute darunter. „Die Lyra des Orpheus", sagte sie. „Die Geschichte hat mir immer gefallen: in die Hölle gehen, dem Tod trotzen, und alles für die Liebe. Aber ich wette, du hättest lieber den Drachen."

„Du bist doch wirklich auf mein Sternbild fixiert", sagte er. „Versuchst du mir was zu sagen, Granger?"

„Das hättest du wohl gern!", gab sie zurück.

Er legte den Kopf zur Seite, so dass seine Wange auf der Lehne zu liegen kam und betrachtete sie eingehend. Sie wand sich unter seinem Blick, bis er sagte: „Nicht wirklich." Er setzte sich gerade lange genug auf, um seine Teetasse aufzufüllen und auf den Boden zu stellen. Dann lehnte er seinen Kopf wieder zurück und begann erneut, sie mit diesen blassen Augen zu mustern. „Du bist natürlich klug genug", sagte er, als würde er ihre schnippische Bemerkung mit mehr Ernst bedenken, als sie verdiente. „Und stark. Ich denke, die meisten Männer wären geschmeichelt, im Zentrum deiner Aufmerksamkeit zu stehen."

„Aber du nicht", sagte sie. Er sah sie weiter an. „Trink deinen Tee, Granger", sagte er schließlich. Sie trank ein Schlückchen und stellte die Tasse ab. „Ich geh ins Bett", sagte sie. Sie stand auf und schaute auf das durchweichte Taschentuch in ihrer Hand. Sie war unsicher, ob sie es ihm zurückgeben oder erst waschen sollte. Die Jungs in ihrer Vergangenheit hatten nie saubere Taschentücher zur Hand gehabt. Ärmel oder von ihr erschnorrte Objekte waren da in der Regel die Mittel zum Zweck gewesen.

„Behalt's", sagte er. Es hatte sanft geklungen, aber sobald sie ihn ansah, zog er ein angewidertes Gesicht und machte eine wegwerfende Handbewegung. „Als ob ich deine dreckigen Körperflüssigkeiten in meiner Nähe wollte, Granger."

„Malfoy", sagte sie und hielt inne, unsicher, was sie sagen wollte. Möglicherweise ‚danke' oder ‚Warum bist du bloß halb ein Arschloch?' oder sogar ‚Deine Haare sehen lang besser aus'.

„Granger?" fragte er spöttelnd zurück.

„Ich hasse dich", sagte sie. „Aber danke für die Hilfe mit dem Blatt. Und", sie blickte wieder auf das weiße Tuch, „tut mir leid, dass ich so ein –"

„Ist schon okay", unterbrach er sie. Ein Grinsen zog über sein Gesicht. „Hast wahrscheinlich bloß deine Tage, kannst du nichts dafür."

„Du bist so ein Schwein", blaffte sie ihn an, ohne zu denken. „Kannst du nicht mal für länger als fünf Minuten am Stück nett sein?" Er schenkte ihr ein hintergründiges Lächeln. „Nein, nicht wirklich. Und übrigens: Deine Augen sehen nicht halb so tot aus, wenn du wütend auf mich bist."

„Dann werd ich vermutlich das ganze Jahr leidenschaftlich wie das blühende Leben sein", murmelte sie und kehrte dem dummen Draco Malfoy, der nicht einmal wollte, dass sie an ihm interessiert war – nicht dass sie es wäre! – und seinem merkwürdigen, kleinen Lächeln den Rücken. Sie stakte durch den Gemeinschaftsraum zu ihrer Tür und sagte mit dem Rücken zu ihm: „Jedenfalls danke noch einmal für die Hilfe mit dem Blatt."

„Jederzeit", antwortete er. Ihre Hand war bereits auf dem Türgriff, als er etwas so leise hinzufügte, dass sie glaubte, die Worte waren nicht für sie bestimmt: „Die Leier steht nicht für Orpheus' Reise in die Hölle, sondern für seinen Schmerz, wenn er versagt. Er ist an Gram gestorben und nur die Lyra hat überlebt."

Tja, dachte Hermine, das war ja ein fröhlicher Gedanke, um den Tag zu beschließen.