Kapitel 2: Familienangelegenheiten
„Da kommen Sie!" Das Feuerwehrpony Sweet Water winkte seine Kameraden heran, die gerade dabei waren, den Leiterwagen zu waschen. Die Ponyambulanz kam langsam um die Ecke gefahren, der völlig erschöpfte Rogue an der Deichsel und Trotter neben ihm, der ihm half, den Wagen zu ziehen. Als Sweet Water sah, wie Rogue den Kopf hängen ließ, während ihm der Schweiß in Strömen herunterlief, eilte er zum Rettungswagen und half mit ihn auf den Vorplatz der Wache zu ziehen. Japsend befreite sich Rogue von dem Zaumzeug und ließ sich einfach unter die Deichsel fallen, wo er sich darauf konzentrierte, seine Atmung wieder unter Kontrolle zu bekommen.
„Alles in Ordnung, Rogue?" Sweet stupste das junge Erdpony mit dem Kopf an, um nach ihm zu sehen. Rogue reagierte nicht, schnaufte nur schwer. Trotter legte seinen Vorderlauf auf die Schulter von Sweet. Das Feuerwehrpony konnte jetzt erkennen, das auch das ältere Einhorn erschöpft und durchgeschwitzt aussah.
„Harte Schicht, Sweet. Diese verdammte Hitze. Wir waren den ganzen Tag unterwegs, von einem Einsatz zum nächsten. Hey, Leute!", er rief zu den anderen Feuerwehrponys, die den Leiterwagen abspritzten.
„Bringt mal den Schlauch her!" Die Feuerwehrponys sahen sich kurz an, dann sprangen sie vom Wagen und schleiften den Wasserschlauch hinter sich her.
„Na los, worauf wartet ihr noch." Trotter zeigte mit seinem Huf auf den zusammengesunkenen Rogue.
Die Feuerwehrponys, die den Schlauch hielten, grinsten sich kurz an, dann öffneten sie die Messingdüse. Rogue sprang fast einen Meter senkrecht in die Höhe, als der kalte Wasserstrahl ihn traf. Er tänzelte unter dem Druck des Wassers einige Schritte zurück, stemmte sich dann aber mit dem ganzen Körper gegen die herrlich kalte Dusche. Er tauchte seinen Kopf in den Strahl und schüttelte dann seine Mähne aus, als er merkte, wie seine Lebensgeister zurückkehrten.
„In Ordnung, Leute, das reicht. Nicht dass er das ganze Wasser für sich allein braucht. Dann bleibt ja nichts mehr für mich übrig.", mit einem Lachen streifte Trotter seine Weste ab und sprang direkt in den kalten Strahl des Wasserschlauchs hinein.
Rogue packte seine Weste zur restlichen Dreckwäsche in den Beutel an seinem Spind und kämmte sich anschließend die noch feuchte Mähne nach vorne, so wie er sie gerne trug. Die kalte Dusche war erfrischend gewesen, aber dennoch steckte ihm der anstrengende Tag noch in den Knochen.
Er und Totter hatten den Wagen zurück in die Halle gezogen, nachdem sie sich etwas abgetrocknet hatten. Das ältere Einhorn hatte die medizinischen Vorräte an Bord aufgefüllt, während Rogue mit einer Feile die schwarzen Stellen am Wagen abhobelte, wo das Rad von der Reibung an den engen Wänden der Gassen das Kokeln angefangen hatte. Die frische Schicht Farbe, die er danach auftrug, hatte noch nicht einmal zu trocknen angefangen, als ihre Ablösung bereits zum nächsten Einsatz losfuhr.
Die Sonne war bereits hinter der Skyline von Manehattan verschwunden, doch die stehende Stadtluft war noch immer getränkt von der Hitze des Tages. Trotter kam auf seinem Weg nach draußen an Rogue vorbei und schlang kameradschaftlich seinen Vorderlauf um den Hals des jüngeren Hengstes.
„Hast dich heute trotz allem gut gehalten, Junge. Was hältst du davon, wenn ich dir ein eiskaltes Cider im Dew Pond ausgebe? Die Feuerwehrponys kommen auch mit. Die Nacht wird wahrscheinlich genauso schwül wie die letzte und wir sollten unser möglichstes versuchen, um der Austrocknung vorzubeugen!", sagte er mit einem Lachen.
Ich wünschte, er würde aufhören mich ´Junge´ zu nennen, dachte Rogue im stillen. Dann seufzte er.
„Tut mir leid, Trotter, aber ich hab noch was zu erledigen. Das nächste Mal bin ich dabei."
Trotter warf ihm einen wissenden Blick zu.
„Was zu erledigen, mhm. Das hat doch nicht zufällig mit einer gewissen hübschen Erdstute zu tun, unserer kleinen Prinzessin in Nöten, oder?"
Trotter sah verlegen zur Seite.
„Vielleicht. Oder so was Ähnliches." Trotter gab ein bellendes Lachen von sich und klopfte Rogue mit dem Huf gegen die Brust.
„Na, dann bist du entschuldigt, Junge. Hengste in Hitze soll man nicht aufhalten. Halt dich ran!"
Er lachte umso lauter, als er sah, wie Rogue zutiefst errötete. Noch immer kichernd ging er zu der Gruppe Feuerwehrponys in Zivil, die sich am Ausgang der Wache gesammelt hatte. Rogue sah im nach.
Da geht er und hat keine Ahnung. Rogue schüttelte sich den Gedanken aus dem Kopf und schloss seinen Spind ab.
Das Sacred Hooves Hospital war eines der ältesten Krankenhäuser in Manehattan. Wie jedes Krankenhaus war es mit der Zeit wie ein eigener Organismus gewachsen, hatte sich über den Krankenhausgarten ausgebreitet, hatte Wucherungen an seinen Trakten und Flügeln bekommen und sogar einige seiner kleinen Ableger geschluckt, die vorher über das Gelände verteilt gewesen waren. Während Rogue sich über die große Vortreppe dem Haupteingang näherte, überlegte er, dass er noch nie ein Krankenhaus gesehen hatte, an dem nicht gerade an dem einen oder anderen Winkel gebaut wurde. Ein Krankenhaus schien ein Gebäude zu sein, das nie wirklich ganz fertig war. Auch jetzt war ein Teil der Fassade eingerüstet und ein großer Kran ragte in den mittlerweile dunklen Himmel.
Rogue trottete zum Empfangstresen, wo ein junges Einhorn einem vernachlässigt aussehenden Esel erklärte, das dies hier ein Krankenhaus und keine Notfallapotheke war. Wenn er seine Pillen haben wollte, müsste er genauso wie alle anderen warten, bis ihn der Doktor angesehen hatte und ein Rezept ausstellte, Punkt. Grummelnd zog der Esel ab und gesellte sich zu den anderen wartenden Ponys in der Aufnahme. Die junge Einhornstute blickte anschließend Rogue über den Rand Ihrer Brille fragend an.
„Guten Abend. Ich bin Rogue Runner von Manehattan Central Ambulance. Wir haben heute ein junge Stute namens Applejack mit Hitzeerschöpfung eingeliefert. Ich wollte mich erkundigen wie es ihr geht.", fragte das junge Erdpony höflich.
Die Rezeptionistin warf ihm einen abschätzenden Blick zu.
„Können Sie sich ausweisen?", fragte Sie Ihn in einem gelangweilten Tonfall.
Rogue seufzte leise.
„Hören Sie, klopfen sie bei Doktor Do an. Er kennt mich, er hat die Patientin aufgenommen und er sollte noch Dienst haben. Können Sie mir den Gefallen tun?", fragte er freundlich.
Das Einhorn betrachtete ihn noch einen Moment, dann schloss sie die Augen und ihr Horn begann in einem hellen Violett zu glühen, als sie bei Doktor Do mittels Magie ´anklopfte´. Es dauerte nur einen Augenblick, dann schlug sie wieder die Augen auf.
„Setzen Sie sich bitte. Der Doktor kommt gleich runter."
Rogue bedankte sich bei ihr und nahm im Wartezimmer platz. Er sah über die Reihen der kranken Ponys, die hier auf Behandlung warteten, bis sein Blick auf einen kleinen Laden im Foyer des Hospitals fiel, der gerade dabei war zu schließen. Rogue sprang auf.
„Warten Sie einen Moment!" rief er dem müde aussehendem Erdpony zu, das gerade die Auslagen wegräumte.
„Du siehst so aus wie ich mich fühle...", sagte Rogue mit einem Grinsen, als Doktor Do ihn aus dem Wartebereich abholte. Der junge Arzt rieb sich mit seinem Huf die Augen und grinste dann zurück.
„So schlimm? Na, du siehst auch nicht gerade taufrisch aus. War wohl für uns alle ein harter Tag. Diese Hitze..." Der Doktor seufzte.
„Wie geht es Applejack? Hat sie sich wieder etwas erholt?"
Doktor Do lächelte.
„Die orange Stute mit der Hitzeerschöpfung? Sie ist ein echtes Erdpony. So etwas haut sie nicht aus den Hufeisen. Sie hat einen ernsten Hitzschlag erlitten und war stark dehydriert, aber nach ein paar Infusionen war sie wieder auf dem Damm. Ein paar Tage Ruhe und sie ist wieder quietschfidel wie ein junges Fohlen. Du wirst ihr aber trotzdem nicht guten Tag sagen können. Ich habe ihr etwas zur Beruhigung gegeben und sie schläft jetzt."
Rogue warf Do einen kurzen Seitenblick zu.
„Etwas zur Beruhigung? Warum das denn?"
Doktor Do schüttelte den Kopf.
„Als sie zum ersten mal richtig aufgewacht ist, sprang sie uns fast von der Trage. Rief irgendwas von einer Fuhre Äpfel die sie dringend ausliefern müsste. Nachdem was Trotter mir erzählt hat, hätte sie das fast umgebracht, aber sie konnte an nichts anderes denken. Also habe ich ihr etwas zum Schlafen gegeben."
„Es scheint ihr ja wirklich wichtig zu sein.", entgegnete Rogue dem Doktor.
„Mag sein. Aber zur Zeit kann sie wahrscheinlich nicht einmal richtig stehen, ohne sich irgendwo festzuhalten. Da sind wir."
Die beiden Pony blieben vor einer Glasscheibe stehen, hinter der Applejack in ihrem Krankenbett tief schlummerte. Das Krankenzimmer war dunkel bis auf eine kleine Nachtleuchte, die ein sanftes, gelbes Licht auf die sauberen Laken warf. Doktor Do räusperte sich, als er merkte, wie sie beide in den friedlichen Anblick versunken waren.
„Kennst du sie eigentlich? Ihr Rettungsponys kommt nur selten auf einen persönlichen Besuch bei euren Patienten vorbei."
Rogue seufzte tief.
„Sie ist meine Cousine 2. Grades."
Do schlug sich mit dem Huf vor die Stirn.
„Deine Cousine? Ha, verdammt, ich dachte schon... ach, vergiss was ich gesagt habe.", beendete er den Satz, als er den kalten Blick sah, den Rogue ihm zuwarf.
Der Doktor sah verlegen weg und ließ schamvoll den Kopf sinken. Dann aber hob er ihn wieder und stürmte los, den Gang hinunter. Über seinen Rücken hinweg rief er zu Rogue zurück:
„Entschuldige mich, ich muss was erledigen!" Dann rief er in die andere Richtung den Gang hinunter.
„Turf! Turf! Warte auf mich!" Ein Zebra mit glattrasierter Mähne in einem grünem OP-Hemd blieb am Ende des Ganges stehen und begrüßte Do freundschaftlich. Die beiden unterhielten sich angeregt und verschwanden um die Ecke.
Rogue blickte den beiden nach. Die Freundschaft zwischen Doktor Do und dem Chirurgie-Zebra war in der ganzen Klinik legendär. Es gab Rogue eine kurzen Stich, das er es nie geschafft hatte mit einem andere Pony eine so tiefe Freundschaft zu schließen, wie er sie bei den beiden erlebt hatte. Er hatte natürlich Freunde in Manehattan, ein paar Hengste und Stuten aus der Schule oder seiner Ausbildung und natürlich seiner Arbeit. Er genoss die Zeit mit ihnen und hatte seinen Spaß, wenn er sie um sich hatte, aber er würde von keinem behaupten ein wirklich enger Freund zu sein. Die anderen Ponys blieben ihm immer ein Stück weit fern.
Rogue schüttelte den Kopf. Nein, das war nicht richtig. Er hielt sie auf Abstand.
Der junge Hengst hob den Kopf, als er bemerkte, dass er deprimiert auf den glänzenden Linoleumboden des Flures starrte. Er blickte wieder durch das Fenster in den Krankenraum. Appeljack hatte sich im Schlaf umgedreht. In ihr friedliches Gesicht hatte sich ein besorgter Ausdruck geschlichen, so als hätte sie einen schlechten Traum.
Rogue kannte sich aufgrund seines Praktikums in der Klinik gut aus und so bereitete es ihm keine Mühe in der Stationsküche eine Vase zu finden. Nachdem er sie mit Wasser gefüllt hatte, schlich er sich leise in das Zimmer von Applejack und stellte die Blumenvase auf das kleine Nachttischchen neben dem Krankenbett. Vorsichtig zog er den Blumenstrauß aus seiner Satteltasche, den er in letzter Minute im Foyer der Klinik gekauft hatte und stellte sie ins Wasser. Behutsam zupfte er das bunte Bukette zurecht. Als sich die junge Erdstute im Bett neben ihm regte, erstarrte Rogue.
„Huhh...Apple Bloom... Nein, ich kann nicht... Manehattan... die Lieferung..."
Applejack atmete schwer und Schweiß glitzerte auf ihrer Stirn. Rogue zog ihr die Decke zurück über die Schultern und strich ihr ein paar verirrte Strähnen aus dem Gesicht. Als er sie mit dem Huf berührte, fühlte er, dass ihre Temperatur wieder leicht angestiegen war. Sie hatte Fieber. Er beugte sich über die unruhig schlafende Stute, bis sein Mund direkt an ihrem Ohr lag.
„Mach dir keine Sorgen, Applejack. Ich... die Familie kümmert sich darum." Rogue trat zurück und sah sich noch einmal kurz um. Applejack schwitzte noch immer, aber ihr angespannter Gesichtsausdruck hatte sich entspannt und sie atmete wieder ruhiger. Rogue wusste, was er nun zu tun hatte.
Das junge Rettungspony galoppierte durch die schwüle Luft des nächtlichen Manehattans in Richtung Lower East Flank. Er hatte die Stationsschwester über das Fieber von AJ informiert und dann schnell das Hospital verlassen. Jetzt war er dorthin unterwegs, wo er immer hinging, wenn er einen guten Rat brauchte: Zu seinen Eltern.
Rogues Vater, Steady Runner, war Angestellter der Wasserwerke Manehattans, ein Ingenieur, der an der Umsetzung der Kraft des Hudcolt Rivers für die Industrie arbeite. Rogue wusste das er wahrscheinlich nicht Zuhause sein würde. Die anhaltende Hitzewelle, die ganz Equestria in nie gekannter Härte heimsuchte, hatte den großen Strom zu einem schmalen Band schrumpfen lassen, die Wasserräder der großen Fabriken standen vielerorts still. Sicherlich war das pflichtbewusste Pony dabei, seinen Teil zur Lösung des Problems beizutragen und wenigstens den wirtschaftlichen Motor der Stadt am Laufen zu halten.
Aber Rogue wusste, das ihm sein Vater hier wahrscheinlich ohnehin nicht sehr hilfreich sein könnte. Seine Beziehung zur weitreichenden Apple-Familie und ihrem örtlichen Ableger, der Orange-Familie, waren nie die besten gewesen. Es war ein Zeugnis der Liebe zwischen ihm und Rogues Mutter, Apple Flavour, dass sie trotz aller Schwierigkeiten mit der Familie zusammengefunden hatten. Steady Runner war ein hochvergeistigtes Einhorn das nie mit der Bodenständigkeit der Apples zurechtgekommen war.
Apple Flavour dagegen war ein wahrer Spross ihrer Familie: Beliebt und aufrichtig, praktisch veranlagt und mit einem ordentlichen Dickkopf ausgestattet, war sie genau die Richtige um Rogue jetzt zu helfen. Wenn jemand die Bedeutung von ´Familie´ verstand, dann seine Mutter.
Rogue´s Hufe klapperten über das Kopfsteinpflaster der fast leeren Straßen. Die Hitze des Tages hatte die meisten Ponys bei Einbruch der Nacht erschöpft in ihre Betten sinken lassen, nur einige unermüdliche Nachtschwärmer waren noch unterwegs. Die Häuser in diese Straße waren schmale, hohe Bürgerheime, schmuck heraus geputzt mit bescheidenem Wohlstand. Rogue kam schlitternd vor der Hausnummer 20 zum Stehen und erklomm schwer atmend die wenigen Stufen bis zur Haustür im Hochparterre. Er zog ein paar mal heftig an der Klingelschnur.
Er wartete geduldig einige Minuten, bis er durch das Milchglas der Scheibe den sanften Schein einer Kerze sah. Kurz darauf öffnete ihm seine Mutter die Tür. Die ältere Stute mit glänzend-gelben Fell und einer lang wallenden, blutroten Mähne trug ein leichtes Nachthemd und hielt die Kerze in die Höhe, um zu sehen, wer dort geklopft hatte. Ihre leuchtend blauen Augen, die sie ihrem Sohn vererbt hatte, wurden groß, als sie den nächtlichen Besucher erkannte.
„Rogue! Was um Celestias Willen, machst du denn um diese Uhrzeit hier? Ist etwas passiert? Komm erstmal herein." Gehorsam trottete Rogue in den Flur und folgte seiner Mutter in die Küche, wo diese bereits etwas mehr Licht machte.
„Uh...Uh... Mom, ich... Uh... Ich hab heute Applejack... uh..." Rogue keuchte immer noch. Er hatte noch immer keine Gelegenheit gehabt sich richtig auszuruhen. Die Schwüle setzte ihm zu, auch wenn die geflieste, saubere Küche wesentlich kühler war als der Rest von Manehattan. Seine Mutter drehte sich zu ihm um und legte einen Huf auf ihre Lippen.
„Schschsch. Dein Vater ist sehr spät nach Hause gekommen und schläft. Und du bist offensichtlich ganz erschöpft. Ich mache uns jetzt erstmal eine heiße Schokolade, während du in Ruhe zu Atem kommst. Reden können wir danach immer noch."
„Aber Ma, ich schwitze jetzt schon wie ein Schneepony in der Sonne..." Seine Mutter schnitt ihm das Wort ab.
„Papperlapapp. Ma Smith hat immer gesagt: ´Das beste an einem heißen Tag ist etwas heißes zu trinken. Das kalte Zeug macht einen nur noch mehr schwitzen.´"
Rogue ließ den Kopf sinken und hievte sich schicksalsergeben auf einen der Stühle des Esstisches. Wie sollte man auch gegen die gesammelten Weisheiten der Apple-Familie argumentieren?
Apple Flavour widmete sich klappernd und behände der Zubereitung der heißen Schokolade. Tatsächlich hatte dieses Geräusch eine beruhigende Wirkung auf Rogue. Es erinnerte ihn, wie er früher auf diesem Stuhl gesessen hatte und staunend der unerklärlichen Magie zugesehen hatte, die seine Mutter in der Küche wirkte, ganz ohne ein glühendes Horn. Sie war ein Erdpony, aber ihre heiße Schokolade war dennoch die reinste Zauberei. Damals hatte er davon geträumt, dass er eine Tasse mit diesem wunderbaren Trank mit der Post nach Canterlot schickte und dass Prinzessin Celestia sie so gut fand, dass sie hier zu Besuch kam. Er hatte schließlich heimlich eine der Tassen unter dem Vorwand entwendet, er wolle die Schokolade auf seinem Zimmer trinken. Er hatte die Tasse in eine Schachtel getan und sie mit alten Zeitungen vor dem Umkippen ausgepolstert. Dann brachte er das ganze zur Poststation zwei Straßen weiter. Er wusste noch genau, wie er auf das Packpapier schrieb:
An Prinzessin Celestia
Canterlot, königlicher Palast
Dringende Lieferung (Vorsicht Heiß!)
Er war vor Stolz fast geplatzt, als er das Paket dem Postboten übergab. Jedoch kam das Paket ein paar Tage später zurück zu ihnen nach Hause, das Packpapier durchweicht mit den dunklen Flecken der ausgelaufenen Schokolade. Weder sein Vater noch seine Mutter hatten etwas gesagt, aber er hatte dennoch einen Blick auf den Zettel erhaschen können, denn die Poststelle darauf geklebt hatte:
Paket unzustellbar (Auslaufende Flüssigkeiten)
Bitte stellen Sie sicher, das alle Flüssigkeiten,
die Sie verschicken möchten, in ordentlich
verschlossenen Behältnissen verpackt sind.
Rogue lief ein leichter Schauer der Scham ob seiner kindlichen Naivität den Rücken herunter. Aber sein Missbehagen war durch das süße Gefühl der Nostalgie gemildert.
Seine Mutter stellte die zwei Tassen auf den Tisch und setzte sich ihm gegenüber. Der junge Hengst nahm vorsichtig einen Schluck von der Schokolade, um sich nicht die Lippen zu verbrühen. Unnötig, wie sich herausstellte. Wie immer hatte seine Mutter daran gedacht, das heiße Getränk etwas abkühlen zu lassen, bevor sie es ihrem Sohn hinstellte. Sie hatte nicht einmal die Marshmallows vergessen.
Nachdem die beiden ein paar Schlucke getrunken hatten, schenkte sie ihrem Sohn ein aufmunterndes Lächeln.
„Also, erzähl mal. Was ist los?"
Rogue atmete einmal tief durch, um sich zu sammeln und das einlullende Gefühl der Nostalgie abzuschütteln.
„Kennst du noch Applejack?", fragte er seine Mutter. Sie stutzte kurz.
„Applejack? Warte einen Augenblick... ja, natürlich. Sie arbeitet in Sweet Apple Acres in Ponyville. Groß, orangenes Fell, schöne blonde Mähne. Sommersprossen. Habe ich Recht?"
Rogue nickte bestätigend.
„Ich habe sie heute ins Sacred Hooves Hospital eingeliefert." Die Augen seiner Mutter wurden groß, als sie das hörte.
„Ist alles in Ordnung mit AJ? Es ist doch hoffentlich nichts ernstes?", fragte sie mit Besorgnis in ihrer Stimme. Rogue winkte beruhigend ab.
„Sie hatte einen ernsten Zusammenbruch wegen der Hitze. Sie hatte sich selbst vor einen riesigen Karren mit Äpfeln gespannt. Ich vermute, dass sie den ganzen Weg von Ponyville hierher zurückgelegt hat, ohne genug zu trinken oder genug Pausen einzulegen. Sie war vollkommen erschöpft. Die Hitze hat ihr den Rest gegeben.
Ich habe gerade nach ihr gesehen und sie erholt sich, wird aber noch einige Tag schwach bleiben und darf sich nicht anstrengen."
Seine Mutter ließ einen Seufzer der Erleichterung von sich.
„Weißt du, was sie hier in Manehattan gewollt haben könnte?", fragte er.
„Soweit ich weiß, liefert Sweet Apple Acres auch an Betriebe hier in Manehattan. Die Äpfel sind dort besonders saftig und süß, wie der Name schon sagt. Aber normalerweise werden sie mit der Bahn verschickt, das geht am schnellsten... Ach, du meine Güte!" Apple Flavour hielt sich erschreckt einen Huf vor den Mund.
„Was? Was ist?", fragte Rogue aufgeregt. Seine Mutter antwortete nicht, sondern ging zu einem Fach an der Küchenzeile, wo die alten Zeitungen der Familie abgelegt wurden. Sie blätterte kurz, bis sie eine Ausgabe der Manehattan Times aus dem Stapel zog. Sie schlug die zweite Seite auf und schob sie zu ihrem Sohn hinüber. Rogue las den Seitenaufmacher:
Dürre in Equestria verschärft sich
Der schon seit Wochen ausbleibende Regen und die hohen Temperaturen nehmen zunehmend Einfluss auf das alltägliche Leben in Equestria. Viele der Flüsse im Hinterland führen nur noch Niedrigwasser oder sind gar gänzlich versiegt. Vielerorts kann die Versorgung der Bevölkerung nur noch durch Tiefbrunnen und Wasserlieferungen von den großen Strömen gewährleistet werden. In den trockeneren Gegenden des Reiches wurde die Bevölkerung mittlerweile von offizieller Stelle dazu angehalten, das verfügbare Trinkwasser zu sparen und wenn möglich zu rationieren. Die ansässigen Bauern befürchten eine Missernte von bisher ungekanntem Ausmaß, da nicht genug Wasser zur Verfügung steht, um die Pflanzungen in der ständig zunehmenden Hitze zu bewässern. Erste Befürchtungen über eine kommende Nahrungsmittelknappheit wurden von Prinzessin Celestia entkräftet. „Wir stehen in Verhandlung über die Einfuhr von Lebensmitteln aus den Zebra-Nationen. Unsere Aufgabe besteht nun darin, Reserven zu schaffen, sollte die Dürre anhalten.", so die Schwesterregentin von Canterlot. Zur Frage nach den Ursachen für die außergewöhnlich hohen Temperaturen und das ausbleiben des Regens äußerte sich Prinzessin Celestia wie folgt: „Sowohl Ich als auch meine Schwester, sowie eine ausgesuchte Riege äußerst fähiger Vertreter aller Ponyarten arbeiten mit Hochdruck an diesem Problem. Ich bin zuversichtlich, dass wir zu einer Lösung kommen werden, bevor sich die Probleme weiter verschärfen. Ich rufe alle Ponys von Equestria auf, sich in dieser Zeit der Not mehr denn je die Tugenden der Freundschaft ins Gedächtnis zu rufen und sich gegenseitig zu helfen, wo es nur geht. Wir mögen eine Zeit der Prüfungen erleben, aber wir haben einander, um diese gemeinsam zu überstehen." Die Erklärung der Prinzessin wurde mit Applaus begrüßt.
Die anhaltende Dürre ist dennoch weiterhin ein Rätsel, auch für erfahrene Wetterexperten. Tear Drop, Koordinator der equestrianischen Wetterpegasie äußerte sich auf eine entsprechende Frage: "Ein solches Wetterphänomen ist mir bisher nicht untergekommen, noch gibt es Aufzeichnungen darüber. Es bilden sich einfach keine Wolken, die unsere Wetterpegasie zusammentreiben könnten, um es regnen zu lassen. Sie sind einfach wie weggewischt!"
Das königliche Ministerium für Jahreszeiten lehnte bisher eine Pressekonferenz ab. In einer schriftlichen Stellungnahme hieß es: "...Die Forderung nach einer vorzeitigen Einführung des Herbstes mittels Einhorn-Magie wäre zur Mitte des Sommers kontraproduktiv. Aufgrund unserer Forschungen sind wir sicher, dass mit einer erheblichen Vermehrung von Sturmfronten zu rechnen wäre, die katastrophale Auswirkungen auf das Wettersystem von Equestria haben könnte..."
Währenddessen leidet die Wirtschaft Equestrias immer stärker unter dem Ausbleiben des Regens. Neben den Schwierigkeiten in der Landwirtschaft müssen immer mehr industrielle Betriebe die Arbeit einstellen, da ihnen aufgrund der gesunkenen Flusspegel die Energie der Wasserräder fehlt. Steamy Gears, Vorarbeiter der Fillydelphia Smithing Compony sagte zur Manehattan Times: "Wir mussten den Betrieb auf ein Minimum reduzieren, da die Wasserräder alle im trockenen liegen. Wir haben die Belegschaft auf Kurzarbeit reduziert, aber wenn der Pegelstand länger so bleibt, müssen wir anfangen, Ponys zu entlassen."
Doch nicht nur die Industrie hat mit dem Mangel an Wasser zu kämpfen. Die Equestria Railroad Compony hat auf vielen Überland-Strecken den Betrieb eingestellt. Mighty Pounder, Vorstand der ERC erklärte dazu in einer Pressekonferenz: "In vielen Stationen fehlt es mittlerweile an Wasser um unsere Triebponys zu versorgen. Die zunehmende Hitze macht außerdem die Arbeit an den Waggons unerträglich. Ich halte es daher für unverantwortlich, den Betrieb auf den unterversorgten Strecken fortzusetzen. Sobald sich die Lage bessert, werden wir selbstverständlich die Linien reaktivieren." Auf die Frage, ob die Stilllegung bestimmter Linien mit dem stark angestiegenen Personalaufwand zusammenhing, den das ständige Austauschen der Triebponys in der Hitze verursachte, gab der Vorstand keinen Kommentar ab. Sheriff Silverstar aus Appleloosa entgegnete auf die Erklärung: "Wir können die Triebponys mit genug Wasser versorgen. Trotzdem hat die ERC unsere Linie vorübergehend stillgelegt. Ich kann nicht verstehen, wie sie die einzige Lebensader der Stadt...
Rouge legte die Zeitung beiseite und sah seine Mutter an.
„Deshalb hat sie den Karren selbst gezogen. Die Bahnverbindung zwischen Ponyville und Manehattan wird auch von den Stilllegungen betroffen sein. Verdammt!" Rogue klopfte ärgerlich mit dem Huf auf den Tisch, dass der Tafelaufsatz klirrte. Sein Mutter warf ihm einen bösen Blick zu. Plötzlich erinnerte sich Rogue daran, das oben sein Vater schlief. Er senkte seine Stimme als er fortfuhr.
„Das war unverantwortlich! Sie hätte sich niemals alleine auf so einen Weg machen dürfen. Was hat sie sich nur dabei gedacht?"
Seine Mutter seufzte leise und schüttelte den Kopf.
„Du kommst mehr nach deinem Vater, deshalb verstehst du es nicht. Die Apple-Familie ist schon seit Generationen im Apfelgewerbe und sie... Wir nehmen diese Arbeit sehr ernst. Wenn AJ der Meinung ist, es wäre ihre Pflicht die Ladung auszuliefern, dann wird sie sich durch keine Unannehmlichkeit und kein Hindernis davon abhalten lassen."
Rogue´s Ärger über die Dummheit – oder war es die sprichwörtliche Sturheit der Apple-Familie?, dachte er im Stillen zu sich – seiner Cousine war jedoch nicht verraucht.
„Sie hat sich dabei fast umgebracht!", beharrte er. Seine Mutter warf Ihm einen strengen Blick zu.
„Ich weiß, wie viel dir dein Beruf bedeutet, Rogue. Was würdest du tun, um ein verletztes Pony rechtzeitig ins Krankenhaus zu bringen? Wie weit würdest du gehen? Was würdest du riskieren?"
Rogue schnaubte.
„Das ist nicht dasselbe. Bei mir geht es um Leben. Bei Applejack nur um Äpfel.", sagte er abfällig.
Jetzt war es an seiner Mutter wütend auf den Tisch zu klopfen.
„Untersteh´ dich, junger Hengst! In dies´m Haus hab´ ich dich nich´ zur Arroganz erzogen! Wie kannst du´s wagen, anderen Ponys zu unterstellen, sie würd´n ihren Job nich´ genauso ernst nehm´ wie du dein´? S´ mag im Abbelgeschäft nich´ um Leb´n un´ Tod geh´n, aba s´ das was die Familie seid Generation´ macht und worauf se Stolz is´! So is´ es, so war´s un´ so wird's auch immer bleib´n!"
Rogue erstarrte. Er wusste, das er seine Mutter zur Weißglut gebracht hatte, als sie in den alten Apple-Familien-Slang zurück fiel, den sie sich in Manehattan so mühsam abgewöhnt hatte. Das geschah nur selten und nur, wenn Apple Flavour wirklich wütend war.
Der junge Hengst neigte reumütig seinen Kopf.
„Es tut mir leid, Mom. Ich... das war nicht fair, was ich gesagt habe. Du hast recht."
Seine Mutter atmete tief durch, um sich zu beruhigen und rang sich dann zu einem Lächeln durch.
„Also gut, solange du es dir hinter die Ohren schreibst. Entschuldige bitte, dass ich aufgebraust bin. Ich habe immer mein Möglichstes getan, um dafür zu sorgen, dass du nicht zu einem dieser dummen Ponys mit der Nase in der Luft heranwächst, von denen es in Manehattan ohnehin viel zuviele gibt. Aber jetzt heraus mit der Sprache."
Rogue sah seine Mutter fragend an. Sie warf Ihm einen wissenden Blick zu.
„Ich kenne dich zu gut, Rogue. Du würdest deine liebe Mutter nicht mitten in der Nacht aus dem Schlaf reißen, um ihr den neuesten Rettungspony-Klatsch zu tratschen, auch wenn es dabei um die Familie geht. Also: Wobei braucht du meine Hilfe bei dieser Sache?"
Rogue sah verlegen in seine Tasse, wo trübe der dunkle Bodensatz seiner heißen Schokolade schwappte. Wie immer hatte seine Mutter recht behalten: Zum einen fühlte er sich nach dem warmen, süßen Getränk erfrischt und lebendiger, zum anderen brauchte er tatsächlich Ihre Hilfe.
„Ich habe Morgen Spätschicht in der Wache, also habe ich in der Frühe frei. Ich habe mir gedacht, dass ich die Auslieferung der Äpfel für Applejack übernehmen könnte. Sie scheint sich wirklich den Kopf darüber zu zerbrechen und diese Aufregung ist das letzte was sie jetzt braucht. Aber der Wagen ist in der Verwahrstelle. Eigentlich kann ihn da nur der Besitzer abholen, oder... ein Familienmitglied." Er sah hoffnungsvoll zu seiner Mutter auf. Sie schenkte ihm ein breites Lächeln.
„Das ist mein Junge. Vielleicht steckt doch mehr Apple-Pony in dir als ich zu hoffen gewagt habe. Natürlich helfe ich dir! Wir werden morgen gemeinsam zur Verwahrstelle gehen, den Wagen abholen und dann kannst du die Lieferung für AJ übernehmen." Zufrieden mit dem gefassten Plan erhob sie sich von ihrem Stuhl und stellte die Tassen in die Spüle.
„Du schläfst doch heute hier, oder Rogue? Ich habe in deinem alten Zimmer frische Laken aufgezogen."
„Äh, ich wollte eigentlich...", entgegnete er, doch seine Mutter unterbrach ihn wieder.
„Ach, was. Ich mache dir Morgen Frühstück und wir gehen gemeinsam los. Es wäre doch unsinnig, wenn du jetzt noch zu deiner Wohnung laufen müsstest, nur um morgen den selben Weg wieder zurückzukommen." Sie gähnte leise.
„Zeit, das wir ins Bett kommen. Es wird morgen für uns beide ein langer Tag.", sagte sie und trottete aus der Küche.
Das unvermeidliche Gefühl der Nostalgie kam wieder in Rogue hoch, als er sein altes Kinderzimmer betrat. Seine Eltern wohnten nur einige Blocks von ihm entfernt und er versuchte zumindest sie regelmäßig zu besuchen. Doch seit seinem Auszug vor mittlerweile fünf Jahren war er nicht mehr in die Verlegenheit gekommen, seinen Huf in dieses Zimmer zu setzen.
Sein Kinderzimmer war immer mit den warmen, umsorgten Erinnerungen verbunden gewesen, die er als Teil seines Erwachsenwerdens weit von sich geschoben hatte. Er hatte lange keinen Gedanken mehr an den Hort seiner Kindheit verschwendet. Als er heute, mit dem Abstand von einigen Jahren, wieder in das Zimmer trat, fragte er sich selbst, warum er diese Erinnerungen und das warme Gefühl so verdrängt hatte.
Die so vertrauten vier Wände waren mit einem undefinierten Gefühl von Schuld geschwängert. Sein Zimmer war wie eine warme Decke gewesen, in die man sich gegen die Unbillen des Lebens da draußen wickeln konnte. Sie waren ein Nest, ein Versteck, ein Rückzugspunkt der immer behaglich, immer sicher und immer vertraut war. Als er älter wurde, begann er zu begreifen, das dies keine Selbstverständlichkeit war. Es waren seine Eltern, die ihn hier beschützten, umsorgten, verteidigten. Wie konnte er sich da nicht schuldig fühlen? Wie oft hatte er seine Eltern enttäuscht? Wie oft war er nicht das Pony gewesen, dass sie sich gewünscht hatten? Er war nicht aufs College gegangen, wie es sein Vater sich gewünscht hätte. Er war nicht ins Familiengeschäft eingestiegen, wie es seine Mutter gerne gesehen hätte. Sie hatten ihm dieses Zimmer gegeben, das für all die Jahre von Pflege, Fürsorge und Hingabe stand, die sie für ihn aufgebracht hatten. Es war dieses unbestimmte Gefühl von Schuld gewesen, das ihn aus diesen vier Wänden vertrieben hatte und in den Jahren danach keinen Gedanken mehr daran verlieren ließ.
Seine Eltern hatten den Raum zu einem Gästezimmer umfunktioniert, aber es gab immer noch genug Gegenstände, die seit seiner Zeit als Fohlen unverändert geblieben waren. Die alte Schrankkommode war von seinem Vater abgeschliffen und neu gebeizt worden (wahrscheinlich um die ganzen Aufkleber der Hockey-Mannschaften zu entfernen, die Rogue darauf geklebt hatte), aber ihr imitierter Biederpony-Charme war wie eine feste Größe im Raum. Sein altes Bett mit dem schmiedereisernen Kopfrahmen, das in filigraner Arbeit Prinzessin Celestia und die Sonne zeigte, die über den Schlafenden wachen sollten, war ebenso am selben Platz, wie die Sportwimpel seiner alten Schule an der Wand. Seine alten Poster waren verschwunden (einige hatte er in seine neue Wohnung mitgenommen), genauso wie der große Flauschteppich vor dem Bett, der zwar wunderbar weich und warm gewesen war, aber nach vielen Jahren im Zimmer eines heranwachsenden Fohlens seine besten Zeiten schon gesehen hatte. Einige neue Landschaftsbilder lockerten die frischgestrichene Wand auf und sein Vater hatte einen neuen Schreibtisch aufgestellt, um seinem Hobby hier nachzugehen – dem Bau von hölzernen Schiffsmodellen. Jetzt lag der unvollendete Rumpf einer Fregatte zusammen mit den mannigfaltigen Werkzeugen eines Hobbybastlers im Schein des Mondes verlassen da. Rogue trottete zu der kleinen Werft in seinem Zimmer (ja, er musste sich eingestehen, trotz allem dachte er immer noch von diesem Kinderzimmer als sein Raum) und besah sich das unvollendete Werk seines Vaters.
Jede Planke, jede Spiere, jeder winziger Balken war von dem akkuraten Ingenieur sauber geschnitten, gehobelt und geschliffen worden, bevor sie mit Harz angeklebt wurde. Der feine Holzstaub dieser Arbeit hatte sich auf den zierlichen Werkzeugen dieser Zunft niedergeschlagen und verbreitete ein leichtes Aroma nach Sandelholz im Raum. Das Modell war fern von seiner Vollendung, doch die Liebe, mit der es gebaut wurde, sprach aus jeder vollendeten Rundung des hölzernen Schiffes.
Neben der Arbeitsfläche lagen einige Blätter Papier mit den feinen, handgezeichneten Entwürfen für das fertige Modell. Aus reiner Neugier schob Rogue die Blätter vorsichtig mit seinem Huf auf und blätterte sie durch. Auf einem der untersten Blätter war eine Konzeptzeichnung zu sehen, die das ganze Schiff zeigte. Eine stolze Fregatte, gezeichnet bis zur letzten Planke mit vollem Segelzeug und hohem Heck. Stolz prangte ihr Name am Bug, gezeichnet in filigranen Bleistiftstrichen.
Rogue lege die Blätter wieder zusammen und legte sie zurück neben die Arbeitsfläche, darauf achtend, dass sie ebenso lagen, wie er sie gefunden hatte. Nichts sollte darauf hinweisen, dass er herumgestöbert hatte. Dennoch fühlte er sich etwas schuldig, als er unter die frischen, sauberen Laken seines alten Bettes schlüpfte. Er schloss die Augen und versuchte das Gefühl loszuwerden.
Sein Vater war kein Hengst, der seine Gefühle frei auslebte. Er war ein stilles Pony, hoch intelligent, gebildet und doch in sich gekehrt. So verschieden von seiner Stute. Doch er hatte Wege gefunden, ihr seine Liebe auf andere Art und Weise zu zeigen.
Als Rogue langsam in unruhige Träume sank, blieb das unvollendete Modell auf dem Schreibtisch zurück. Ein Schiff, auf dem jede Planke, jeder Balken und jedes Stück Segel mit Liebe gemacht worden war. Ein Schiff, das den Namen ´Apple Flavour´ tragen sollte.
Die Sonne auf seinem Gesicht weckte Rogue aus seinem Schlaf. Er blinzelt in der strahlenden Helligkeit und wischte sich mit einem Huf über das Gesicht um die Müdigkeit aus seinen Augen zu vertreiben. Noch etwas benommen schälte er sich aus dem dünnen Laken, das ihm in der schwülen Nacht als Decke gedient hatte. Fast beiläufig fiel sein Blick auf den einfachen Blechwecker auf dem Nachttisch. Es war bereits nach 10 Uhr.
Wie von der Tarantel gestochen fuhr der junge Hengst auf und sprang von der Bettkante auf seine vier Hufe. 10 Uhr! Seine Mutter hätte ihn schon längst wecken sollen! Sein Dienst begann nicht vor 15 Uhr, aber es war noch so viel zu erledigen! Rogue stürmte aus seinem alten Zimmer und rief nach seiner Mom.
Das alte Haus, so wohl vertraut und geliebt, blieb still. Vorsichtig und ein wenig ehrfürchtig stieß er mit einem Huf die Tür zum Schlafzimmer seiner Eltern direkt gegenüber auf. Das große Bett war leer, die Kissen ausgeschüttelt, die Laken sauber drapiert und die Tagesdecke darüber ausgebreitet. Rogue galoppierte die Treppe nach unten. Auch die Küche und das Wohnzimmer waren wie gewohnt, sauber und aufgeräumt und vor allem, leer. Verwirrt trottete Rogue zurück in die Küche und setzte sich auf einen der Stühle am Esstisch. Warum hatte seine Mutter ihn nicht geweckt? Das sein Vater verschwunden war, war nur zu verständlich – sicherlich war er wieder zu seiner Arbeit geeilt. Aber es war seine Mutter gewesen, die vorgeschlagen hatte, gemeinsam zu Verwahrstelle zu gehen. Wo war sie?
Die Küche war sauber, aber in der Spüle sah Rogue ein Paar benutzter Teller und Tassen, die noch nicht abgespült worden waren. Daneben, auf der Anrichte, eine Papiertüte und darauf geklebt – Ein Zettel! Rogue sprang auf und las die Notiz in der unverkennbar geschwungenen Handschrift seiner Mutter:
Guten Morgen Rogue,
Ich bin noch los um einige Erkundigungen einzuholen. Ich habe Brötchen geholt, Marmelade ist im Eisschrank (Ich habe Erdbeere gekauft, ich weiß, wie gerne du sie magst). Ich bin bald zurück.
Rogue seufzte und öffnete die Tüte, an die der Zettel geheftet war. Der wunderbare Geruch nach frischen Brötchen stieg in seine Nüstern und erinnerte ihn daran, dass er seit mehr als 20 Stunden nichts anständiges mehr gegessen hatte.
Was kann ein Pony gegen solch tollkühne Liebe ausrichten? Fragte sich Rogue mit einem Lächeln auf den Lippen. Er fügte sich ins unvermeidliche und machte sich Frühstück.
Als Apple Flavour zur Tür herein kam, fand sie ihren Sohn im Flur, wie er sich eines der vielen gerahmten Fotos ansah, die hier hingen. In eines der eleganten, hellen Kleider gehüllt, die gerade Mode in Manehattan Mode waren, komplett mit Hut und einer reich verzierten Satteltasche aus weißem Leinen, trat sie hinter ihn und sah auf die Abbildung, die er betrachtete.
Das Foto war im Central Park aufgenommen worden. Es zeigte eine große Gruppe Ponys vor einem Pavillon, die glücklich in das Objektiv schauten, gekleidet in der Mode wie sie vor 15 Jahren hier üblich war. Sie erkannte sich selbst auf dem Foto wieder, wie sie neben ihrem Ehehengst stand, dessen Lächeln einen Anflug von Gezwungenheit erahnen ließ. In der rechten unteren Ecke standen einige Fohlen zusammen. Der achtjährige Rogue trug ein für sein Alter ernstes Gesicht zur Schau, fast als ahne er, mit welcher Miene er dieses Foto Jahre später betrachten würde. Neben ihm, im selben Alter, stand die jüngere Ausgabe von Applejack, die ein wenig verlegen in die Kamera blickte.
Apple Flavour legt ihrem Sohn einen Huf auf die Schulter.
Rogue löste sich vom Anblick und sah zu seiner Mutter.
„Ich erinnere mich noch an das Picknick. An diesem Tag habe ich Applejack kennen gelernt.", sagte der junge Hengst leise.
Apple Flavour ließ ihm ein aufmunterndes Lächeln zukommen. Dann wandte sie sich dem Bild zu, um sich selbst an diesen Tag zu erinnern.
„Ihr wart damals fast unzertrennlich. Sie kam frisch aus Ponyville und kannte hier praktisch niemanden. Zuerst bist du ihr die ganze Zeit nachgelaufen, bis sie dich angefaucht hat, das sein zu lassen. Dann ist sie den Rest des Tages um dich herumgeschlichen, um sich bei dir zu entschuldigen. Sie war damals so alleine und ich habe mich sehr gefreut, dass du versucht hast, dich mit ihr anzufreunden. Ihr habt damals beide einen Freund gebraucht."
Rogue brachte ein unsicheres Lächeln zustande.
„Ja, das stimmt." Er hatte immer Mühe gehabt Freunde zu finden. Er war seit damals besser darin geworden, aber es fiel immer noch alles andere als leicht. Er blickte wieder auf das alte Foto mit dem kleinen Füllen, das sich einmal zu der hübschen junge Stute entwickeln sollte, die jetzt in einem Bett im Sacred Hoves Hospital lag.
Sie hatten beide damals einen Freund gebraucht. Er, weil er sich immer dumm und unbeholfen in der Gegenwart seiner Altersgenossen vorkam. Egal um was es ging, ob Laufen, Fangen, Spielen, immer schienen die anderen schneller, stärker oder schlauer als er zu sein. Als er das andere Fohlen sah, das ebenso abseits der anderen stand, kam es ihm nur natürlich vor, dass er ihre Freundschaft suchte, von Außenseiter zu Außenseiter. Und es war wunderbar gewesen. Zumindest eine Zeit lang.
„Es war sehr schwierig für dich, als sie nach Hause zurückkehrte."
´Schwierig´ war nur ein Wort. Das Gefühl, etwas zu verlieren, dass man sich so lange gewünscht hatte, es endlich bekam, nur damit es einem wieder entrissen wurde, war eine ganz andere Sache. Das Wort `Schwierig´ wurde dem nicht gerecht.
„Ich weiß noch, das du für Wochen untröstlich warst."
Wie fühlt sich ein achtjähriges Fohlen, wenn scheinbar jede Farbe aus der Welt verschwunden war? Ganz einfach – es gewöhnt sich daran. Nach einiger Zeit lässt der Schmerz nach. Die Wunde verkrustet und der Schorf fällt ab. Wenn genug Zeit vergangen ist, vergisst man es ganz und gar – bis man auf die Stelle blickt und die Narben sieht, die es hinterlassen hat. Und man, für einen kurzen Augenblick, noch einmal alles erlebt. Rogue blickte auf sein jüngeres Selbst und das Füllen neben ihm. Er blickte auf eine Narbe, die er schon lange vergessen hatte.
Der Schmerz war noch da, tief vergraben in ihm. Die ältesten Wunden sind immer die tiefsten. Aber die Narbe hielt und die Wunde brach nicht erneut auf. Die Zeit und das Verständnis des Erwachsenwerdens hatten sie genug geheilt. Er seufzte.
„Applejack war nie ein Stadtpony gewesen. Sie wäre hier zugrunde gegangen. Es war gut, dass sie zurückgegangen ist, nach Ponyville. Vielleicht nicht gerade das beste für mich, aber notwendig für sie."
Seine Mutter umarmte ihn und gab ihm einen liebevollen Kuss auf die Wange.
„Das stimmt. Sie ist eine Apple und ihre Welt ist grünes Gras und rote Äpfel, nicht die grauen Straßen und hohen Schatten von Manehattan." Es war etwas Wehmut in ihrer Stimme zu hören.
Sie trat zurück und atmete tief durch.
„Hast du dich gewaschen? Wir sollten langsam los, wenn wir rechtzeitig nach Lost Lot wollen." Rogue nickte.
„Ich habe nur auf dich gewartet.", sagte er.
