Disclaimer: Ich habe keinerlei Rechte an der Geschichte, was den Inhalt von Hasbro´s My Little Pony: Friendship is Magic anbelangt. Abgesehen von meinem OC ist alles deren Eigentum.
Kapitel 7: Mein Cutie-Mark
Applejack blickte zurück, als sie die Anhöhe erklommen. Das Tal lag hinter ihnen und die hohen, aufstrebenden Formen von Cloudsdale würden bald hinter dem Hügel verschwinden. Ihre Freundin lag irgendwo dort oben, zwischen den weißen Wolken der Pegasusstadt. Applejack schickte ihr stumm einen Gruß zu. Wie Rogue gesagt hatte: Ihre Hoffnungen und Wünsche begleiteten sie... Applejack drehte sie sich langsam wieder um und zog den Wagen weiter.
Sie hatte ihren Brief an Rainbow Dash an der kleinen Poststation in Cloudshadow aufgegeben. Es schmerzte sie, ihre Freundin dort zurückzulassen, aber die wachsende Unruhe in ihrem Herzen ließ sie nicht zu, dass sie anders handelte. Sie sehnte sich nach ihrer Familie, nach Big Macintosh, Granny Smith und natürlich nach ihrer kleinen Schwester Applebloom. Die Arbeit war schon vor ihrem Aufbruch schwer gewesen und sie konnte sich nur vorstellen, wie viel schlimmer es seit dem geworden war. Die Apfelbäume vertrugen trockenes Wetter recht gut, aber diese Dürre war nichts im Vergleich zu den wenigen Trockenperioden, die sie gewöhnt waren. Sie hatten so viel Wasser herangeschafft, wie sie konnten, aber die riesigen Haine von Sweet Apple Acres waren einfach zu weitläufig um sie von Huf zu versorgen. Applejack knirschte mit den Zähnen, als sie an die Budcider Brewing Company dachte. Diese Halsabschneider hatten sie dazu gezwungen nach Manehatten zu kommen und sie schließlich eiskalt abgezockt. Glücklicherweise stand der Vertrag mit dieser Brauerei zur Neuverhandlung aus. Sie würden schon schnell genug merken, dass sie ihr dreckiges Spielchen mit der falschen Stute getrieben hatten!
Applejack sah zurück zum Wagen. Hoffentlich gönnte sich Rogue jetzt etwas Ruhe. Als sie ihm geholfen hatte, die Verbandsatteltaschen auf den Wagen zu laden, war ihr die mit Blut verklebte Stelle an seinem linken Knie aufgefallen. Als sie ihn darauf hingewiesen hatte, lächelte er nur unsicher und versicherte, dass es nur eine Schramme war. Sie hatte nur genickt und ihn genauer beobachtet. Er humpelte leicht. Bei diesem Anblick hatte sie nicht lang gefackelt und ihn auf den Wagen expediert, damit er seine Verletzung genauer ansehen und verarzten konnte. Dieser Sturkopf! Er war verletzt, aber zu stolz, um es zuzugeben, auch wenn es dabei zu seinem eigenen Schaden war!
Applejack seufzte leise. Was das anbetraf, konnte sie sich nur an die eigene Schnauze fassen. Es schmerzte sie das zuzugeben, aber ihr Unfall in Manehattan hatte sie mitgenommen, mehr als sie sich eingestehen wollte und genauso, wie Rogue es gesagt hatte. Sie hatte sich bereits gut erholt, aber sie war weit von ihrer Höchstform entfernt. Schon jetzt merkte sie, wie das Gewicht des Wagens ihr zusetzte. Dabei hatte sie ihn vollbeladen mit Äpfeln bis nach Manehattan geschleppt! Sie schüttelte ihren Kopf und kam sich sehr dumm vor. Sie hatte sich bis zum Rande der Erschöpfung abgerackert... und darüber hinaus. Und kaum war sie aufgewacht, wollte sie schon wieder los, obwohl sie sich gefühlt hatte, als würde sie es keine zehn Meter weit schaffen.
Wieder wendete sie den Kopf und blickte zurück zum Wagen, den sie zog.
Sie konnte sich glücklich schätzen, auf Rogue getroffen zu sein. Es war schon ein wenig verrückt... In dieser riesigen Stadt fiel sie ausgerechnet ihrem alten Füllenfreund vor die Hufe. Applejack konnte sich noch gut daran erinnern, wie sie sich zum ersten mal begegnet waren...
„Nein, danke, Tante Orange, aber ich möchte kein Stück Kuchen mehr." Die kleine Applejack musste sich noch immer konzentrieren, um ihren Akzent zu unterdrückten. Tante Orange gab ihr immer so... einen Blick, wenn sie die Wörter abkürzte oder eine falsche Redewendung benutzte.
„Na, gut, Applejack. Warum gehst du nicht mit den anderen Fohlen spielen? Aber passe bitte auf, dass dein Kleid nicht schmutzig wird!"
Applejack blickte betreten auf das blütenreine Weiß hinunter, das sie trug. Wie soll ich den darin richtig spielen?, fragte sie sich im stillen. Dennoch hüpfte sie von dem Stuhl hinunter und näherte sich der Gruppe von Fohlen, die auf der grünen Wiese spielten.
Es war ein herrlicher Tag im Sommer. Die Sonne schien und der Central Park war ein wunderbarer, strahlender Fleck Grün inmitten der großen Stadt. Das Gras war mit den bunten Köpfen der Blumen geschmückt und die sorgsam gestaltete Landschaft war bevölkert von Ponys, die den Nachmittag genossen. Die Familie Orange hatte zum Picknick geladen und die Stuten und Gentlecolts trugen ihren Sonntagsstaat. Man saß zu Tisch und unterhielt sich über Dies und Das, während Kuchen und Tee gereicht wurde. Die Fohlen waren froh, schließlich vom Tisch entlassen zu werden und sich den vielen Spielen hinzugeben, die ein Park im Sommer bereithielt.
Applejack hielt sich abseits, während die anderen Fohlen über die Wiese tollten und sich gegenseitig einen Ball zukickten. Sie kannte keines der Füllen hier. Es war noch nicht lange her, dass sie von Ponyville hierher nach Manehattan gekommen war. Die Großstadt war ihr zuerst wie ein aufregendes Abenteuer vorgekommen, aber das verging schnell. Hier war alles so... anders als in Ponyville. Eine Lady – und Tante Orange hatte keine Zweifel daran gelassen, das Applejack sich von nun an wie eine Lady zu verhalten hatte – tollte nicht herum, machte sich nicht schmutzig, spielte keine Ballspiele (bis auf Federball) und tat auch sonst nichts, was Spaß machte.
Applejack seufzte leise und schritt missmutig über die Wiese. Nicht einmal das Gefühl von frischem Gras unter ihren Hufen war ihr vergönnt. Tante Orange hatte ihr diese feinen, weißen Hufschuhe zum anziehen gegeben. Applejack hielt kurz an und schlüpfte verstohlen aus den feinen Tretern. Ahh... das war viel besser. Wenn sie schon nicht mit den anderen spielen durfte, konnte sie wenigstens einen Spaziergang genießen. Buck darauf, was Tante Orange sagen würde, wenn sie ohne ihre Schuhe zurückkam. Das war ein Problem, um das sie sich später kümmern musste. Applejack kicherte leise, als sie bemerke, das sie eines der ´bösen Wörter´ in Gedanken benutzt hatte. Wenigstens in ihren Gedanken war sie frei.
„N´schuldgung, Duh haschd da was verlor´n!", nuschelte eine Stimme hinter ihr. Sie dreht sich um und sah ein Fohlen in ihrem Alter, das hinter ihr stand. Er hatte graues Fell und eine blonde Mähne, die zu einem etwas lächerlich aussehendem Seitenscheitel gekämmt war. Er war ein Erdpony, wie sie und er nuschelte, weil er ihre Hufschuhe in seinem Mund hinter ihr hertrug.
„Die... gehören mir nicht.", sagte sie und ahmte den hochnäsigen Gesichtsausdruck nach, den sie bei Tante Orange so oft gesehen hatte.
Das Fohlen sah sich unsicher um und sagte dann: „Uhm, Bischt´u dir sischer? Es schah so ausch?" Seine Stimme wurde immer noch durch die Schuhe in seinem Mund gedämpft.
Applejack wollte ihre Schuhe nicht wieder anziehen. Das Gras unter ihren kleinen Hufen fühlte sich so herrlich frisch an, so vertraut, so... wie zuhause.
Sie ließ einen abfälligen Laut von sich (auch etwas, dass sie von Tante Orange gelernt hatte) und wandte sich ab.
Das Erdfüllen blieb ratlos hinter ihr zurück, ihre Schuhe immer noch im Mund.
Applejack trotte langsam zu ein paar Felsen, die sich aus dem Grün des Grases erhoben und von Bäumen umsäumt waren. Sie warf einen kritischen Blick darauf und befand, dass der Stein sauber genug war, um sich dagegen zu lehnen. Die Kühle des Felsens drang langsam durch ihr feines Kleid und sie wagte es sich zu setzen, um den Geruch nach Gras und Sommer tief in sich aufzunehmen. Wie lange war sie hier in Manehattan? Einen, vielleicht zwei Monate? Es kam ihr wie eine Ewigkeit vor. Sie erinnerte sich, wie sie zwischen den Apfelbäumen von Sweet Apple Acres mit ihren Freunden aus der Schule gespielt hatte. Dort gab es keine feinen Kleider, keine Tante Orange, keine graue Stadt, nur das Gras, die Bäume und den wunderbaren Geruch nach reifenden Äpfeln. Dort waren ihre Freunde, ihre Familie, die sich nicht um Flecken auf weißer Spitze scherte und mit einem warmen Apfelkuchen auf sie wartete, wenn sie erschöpft, aber glücklich, am Abend zurückkehrte.
Sie schluchzte kurz und versuchte die Tränen zurückzuhalten, als sie daran dachte. Tante Orange sagte, dass eine Lady ihre wahren Gefühle immer unter Kontrolle hatte. Applejack versuchte es, aber es gelang ihr nicht.
„Ich... lege deine Schuhe einfach hier hin. Du kannst sie anziehen, wenn du willst." Die Stimme des Fohlens klang unsicher, aber er nuschelte nicht mehr. Applejack öffnete kurz die Augen. Das Füllen stand vor ihr und schob mit der Schnauze die weißen Schuhe zu ihr. Sie schloss die Augen wieder.
„Geh weg.", sagte sie leise. Nach ein paar Minuten öffnete sie ihre tränenverschmierten Augen wieder. Das Fohlen stand noch immer vor ihr und betrachtete sie mit unsicherem Blick. Als er sah, dass sie ihn anblickte, lächelte er aufmunternd.
„Geh weg! Geh Weg! Lass mich in Ruhe! Hör auf hinter mir herzulaufen!", schrie sie ihn an. Das junge Erdpony tänzelte erschreckt zurück. Er hielt ihrem Blick noch einen Moment lang stand – was war dieser Ausdruck in seinen Augen? - dann galoppierte er davon.
Applejack gab sich noch einige Minuten ihrer Einsamkeit hin. Schließlich erhob sie sich, wischte sich die Tränen vom Gesicht und zog ihre Hufschuhe wieder an. Dann ging sie langsam zurück zu der großen Wiese, wo die anderen Fohlen spielten.
Das Erdfüllen, das sie so rüde angegangen war, stand beim Tisch der Erwachsenen und hatte seine Vorderläufe auf den Schoß einer Stute in einem cremefarbenen Kleid gelegt. Sie strich ihm mit dem Huf über den Kopf und gab ihm einen kurzen Kuss auf die Stirn. Dann sah sie lächelnd hinterher, wie das Füllen wieder auf die Wiese rannte und die anderen beim Spielen beobachtete.
Applejack ging ein kurzer Stich der Eifersucht durch ihr kleines Herz. Sie betrachtet das kleine Pony aus den Augenwinkeln, während sie langsam weiter über die Wiese ging. Es war... so unfair! Er brauchte keine Kleider zu tragen, die er nicht schmutzig machen durfte. Er konnte nach Herzenslust spielen und dort drüben wartete seine Mutter nur auf ihn...
Sie würde zu ihm hinübergehen und etwas gemeines sagen. Wie dumm er war, ihr die Schuhe hinterher zutragen, oder wie peinlich seine Frisur aussah. Irgendetwas...
Das graue Fohlen saß auf seinen Hinterläufen und beobachtete aufgeregt, wie die anderen den Ball hin und her kickten. Er lachte und rief seinen Altersgenossen etwas Aufmunterndes zu, wenn der eine den anderen austrickste oder einen besonders kräftigen Schuss anbrachte. Keiner von ihnen beachtete ihn, aber es schien ihm egal zu sein. Sie war nur noch wenige Schritte von ihm entfernt, als der Ball von der Flanke eines der Fohlen abprallte und dem jungen Erdpony vor die Hufe rollte. Das graue Fohlen sprang sofort auf und begann den Ball mit der Schnauze zurück zu den anderen zu rollen. Einer der ältesten der Gruppe, ein Fohlen das man schon fast als Heranwachsenden bezeichnen konnte, kam ihm entgegen. Er hob seinen Huf auf den Ball und stieß ihn dann gekonnt zwischen seinen Hinterläufen zu den anderen. Er blickte kurz abfällig auf das kleine Füllen vor ihm, dann drehte er sich um und peitschte seinen Schwanz in das Gesicht des kleinen Erdponys. Das graue Fohlen setzte überrascht auf die Hinterbeine und rieb sich die Augen, wo ihn der kräftige Schweif gestreift hatten.
Applejack blieb stehen. Die Gemeinheiten, die sie auf ihrer Zunge getragen hatte, verschwanden und hinterließen nur einen bitteren Nachgeschmack. Das Fohlen saß noch immer dort und wischte sich über das Gesicht. Sie sah, wie er versuchte, seine Tränen zurückzuhalten.
Langsam trat sie neben ihn und sah hinüber zu den Füllen auf der Wiese, die ungerührt ihr Spiel fortsetzten.
„Was für´n Vollidiot.", sagte sie.
Das Fohlen neben ihr schreckte hoch und sprang auf seine Hufe. Er versuchte seine feuchten Augen vor ihr zu verstecken.
„Swift hat es bestimmt nicht so gemeint.", brachte er hervor und schluckte schwer. „Es war nur ein Versehen." Er schnupfte noch einmal, dann wandte er sich ihr neugierig zu. „Wie heißt du?"
„Ich bin Applejack Apple.", sagte sie und drehte ihren Kopf, um ihn anzusehen.
„Ich bin Rogue! Ah... Rogue Runner!"
Sie kicherte kurz. „Was für ein komischer Name.", sagte sie und hielt sich sofort erschrocken einen Huf vor den Mund.
Rogue schien es nicht zu stören, er lachte sogar darüber. „Das höre ich ganz oft! Wollen wir zusammen etwas spielen?", fragte er sie grinsend.
Applejack lächelte, als sie an diesen Tag zurück dachte. Sie hatten damals beide einen Freund gebraucht... und sie hatten sich gefunden. Sie erinnerte sich noch gut daran, wie wütend Tante Orange gewesen war, als sie am Abend mit schmutzigen Kleid zum Tisch zurückgekehrt war. Sie hatte eine betretenes Gesicht gemacht, so wie es von ihr erwartet wurde, aber im Inneren konnte sie nicht aufhören vor Freude zu lachen. In all dem tristen Grau der großen Stadt, in der ihr so unvertrauten, steifen Umgebung der Großstadtponys und der Strenge von Tante Orange... hatte sie an diesem Nachmittag zum ersten Mal die Sonne wieder gesehen. Die Sonne, die im Herzen jedes Ponys scheinen sollte. Rogue hatte sie ihr gezeigt, als sie es schon fast vergessen hatte.
Sie beschleunigte ihren Schritt wieder und zog den Wagen den Hügel hinab. Vor ihr, geschmiegt an die hohen Berge in der Ferne, konnte sie im weichen Licht des späten Nachmittags die bunten Türme Canterlots erkennen. Darunter breitete sich ein weiteres Tal aus, ein Tiefland, von dem sie wusste, dass es auch ihr geliebtes Ponyville beherbergte. Selbst von ihrem erhöhtem Standpunkt aus konnte sie es jedoch aus der Ferne nicht erkennen. Zwischen ihnen und ihrer Heimat erhob sich das drohende, dunkelgrüne Dickicht des Everfree Forest. Die Straße führt an seinem Rand vorbei, wäre doch ein Pfad hindurch zu gefährlich. Applejack seufzte, als sie an die Abenteuer dachte, die sie schon in diese weglose Wilderniss geführt hatten. Der Everfree Forest war nicht der Ort ohne Wiederkehr, wie viele Ponys von ihm dachten. Aber er war unbestreitbar einer der gefährlichsten Flecken Equestrias. Auch wenn sie nur an seinem Rand lagern würden, mussten sie dennoch wachsam sein.
„Was? Was? Wo sind wir?" Rogue erhob sich von der Ladefläche des Wagens und kletterte auf den Kutschbock. Der Himmel über ihnen hatte eine bereits die rote Färbung des Sonnenuntergangs angenommen. Es musste bereits später Abend sein.
„Applejack! Halt sofort an!", rief er und sprang vom Karren herunter. Er lief um die Deichsel herum und stellte sich seiner Cousine in den Weg. Er stoppte sie mit seinem Huf auf ihrer Brust.
„Huh? Was is´ los, Rogue?", fragte Applejack müde. Ihre Mähne war durchgeschwitzt und ihr Atmen ging schneller als normal, aber sie hielt sich dennoch gut. Trotzdem ging ein kurzer Stich der Schuld durch Rogue.
„Verdammt, AJ, warum hast du mich nicht geweckt? Du hast den Wagen fast den halben Tag gezogen. Du solltest dich doch nicht so anstrengen! Ich übernehme den Rest!", herrschte er sie an. Er nahm eine der Laschen des Zaumzeugs in den Mund und zog daran, um Applejack aus dem Gespann zu lösen.
„S´ is´ ok, mir geht's gut. Die Hitze setzt mir noch n´ bisschen zu, aber du musst dein verletztes Knie schon´.", gab sie ihm zurück.
Rogue rieb sich frustriert den Huf über die Schnauze. „Was beim Tartarus soll ich mit dir machen, Applejack? Du bist diejenige, die sich ausruhen muss. Wie kann man nur so verdammt stur sein!"
„Ach, ja? Das sacht gerad´ der richtige! Wär ich nich´ gewesen, hätteste noch keinen Shiet darum gegeben, was mit deim´ Hinterlauf passiert is´. Du has´ die Pause genauso gebraucht, wie du sachst, das ich 'se brauche!", gab sie laut zurück.
„Du bist diejenige, die im Krankenhaus lag und ich trage auf der Fahrt die Verantwortung für dich! Ich trage die Verantwortung für alles, Applejack!" Rogue war instinktiv in eine aggressive Haltung verfallen, die Vorderläufe gesenkt, die Hinterläufe zum Sprung bereit.
„Glaubst du, ich könnte mir verzeihen, wenn dir auf der Fahrt nach Ponyville etwas passiert? Das ich damit leben könnte, dass du dich kaputt rackerst, während ich selig hinten auf dem Wagen schlafe? Du bist hier der Patient, Applejack, vergiss das nicht!", schrie er.
„Is´ das alles was du willst? Mich sicher in Ponyville abliefern, damit du dir selber sag´n kannst, was für´n guter Sani du gewes´n bist?", antwortete sie ihm wütend.
„NEIN!" Rogue brüllt das Wort hinaus. „Ich will dass du sicher in Ponyville ankommst...", damit ich weiß, das ich etwas richtig machen kann. Damit das Fohlen aufhört zu fallen. „...damit ich wieder ruhig schlafen kann!" Er schnaufte heftig ein und aus. Sein plötzlicher Streit mit Applejack war nur eine Windböe des Sturmes, der in ihm tobe.
„Ich bin keine Glaspüppy, Rogue! Ich bin auch ohne dich gut zurecht gekomm´! Begreif´ das endlich!"
„Ach, ja? Ich habe es ja gesehen, als ich dich von der Straße aufgekratzt habe. Du machst hier niemanden etwas vor, Applejack!"
„Wer hat nach deiner Hilfe gefracht, hä?"
Die beiden Ponys standen sich auf der Straße gegenüber und funkelten sich wütend an.
Es war Rogue, der als erster nachgab. Er schloss die Augen und atmete tief durch. „Bitte verstehe mich einfach, Applejack. Ich mache mir immer noch Sorgen um dich. Und ich trage die Verantwortung für dich. Und du machst es mir nicht gerade leicht."
Die Erdstute entspannte sich etwas, dennoch war ihr Ärger um die Überfürsorglichkeit ihres Cousins nicht geschwunden
„Du weiss´, das ich zu schätz´n weiss´, was du für mich getan has´, Rogue. Aber ich rat´ dir, was immer du vor mir versteckst, komm´ endlich klar damit!" Sie bereute sofort, was sie gesagt hatte, kaum dass die Worte ihren Mund verlassen hatten. Rogue sah sie für einen Moment verletzt an, dann begann er damit sich in das Zaumzeug zu wickeln.
„Rogue... es...", begann sie entschuldigend.
Der junge Hengste winkte nur ab. Er schloss die Schnallen über seiner Brust und begann den Wagen weiterzuziehen.
Es war schon dunkel, als die den Wagen am Wegesrand abstellten. Ein kleiner Bach schlängelte sich einige Meter entfernt von ihnen durch die Heide, das Ufer dicht bewachsen von den dicken Stämmen der Trauerweiden, die ihre weichen Äste in das spärlich fließende Wasser fallen ließen. Auf der anderen Straßenseite, vielleicht zwanzig Meter entfernt, erhoben sich düster und geheimnisvoll die ersten Bäume des Everfree Forests.
Sie hatten die letzten Stunden Tageslicht ausgenutzt und waren ein gutes Stück vorangekommen. Dennoch war es eine unangenehme Zeit gewesen, angefüllt von verletztem Schweigen. Wortlos schälte sich Rogue aus dem Joch der Ambulanz und begann damit Feuerholz für die Nacht zu sammeln. Applejack sah ihm einen Moment lang nach, als er in der Dunkelheit verschwand. Sie fühlte sich immer noch schuldig, dass sie ihn so angefahren hatte. Sie wusste, dass er es ein klein wenig verdient hatte, aber sie wünschte sich, sie wäre etwas... diplomatischer gewesen.
Sie begann mit ihren Hufen ein Loch in trockene Boden zu kratzen, worin sie das Feuer anfachen konnten. Sie war den Rest des Tages nur neben Rogue hergelaufen, während er den Wagen gezogen hatte. Dennoch merkte sie schnell, wie selbst diese leichte Arbeit ihr überraschend zusetzte. Vielleicht hatte sich tatsächlich übernommen...
Sie biss die Zähne zusammen und schabte weiter die Erdbrocken beiseite. Es hatte ihr gutgetan, etwas Dampf abzulassen, aber der Streit mit Rogue war nicht nur unnötig gewesen, sondern auch in höchstem Maße unfair. Die Sorge um ihre Farm, um ihre Familie war in Streitlust umgeschlagen, und Rogue war das einzige Ventil gewesen, das gerade greifbar gewesen war. Dass es sich so aufgeschaukelt hatte, lag nur daran, dass auch ihr Cousin sein Päckchen zu tragen hatte. Sie hätte es einfach nicht so weit kommen lassen dürfen...
Applejack strafte ihre Gestalt und schüttelte das leichte Gefühl von Schwäche ab, dass sie begleitete seit sie den Karren gezogen hatte. Sie würde es wieder gut machen. Sie ging entschlossen zum Wagen und kramte in den Vorräten.
Rogue zertrat den dicken Ast mit seinem Huf in kleinere Teile und wickelte sie zusammen mit den anderen in das Bündel, das er mit sich schleifte. Er hatte einen beachtlichen Haufen zusammengetragen und wischte sich über seine feuchte Stirn. Das sollte für die Nacht reichen. Er schwang das Ganze auf seinen Rücken und ging langsam zurück zum Lager. Applejack hatte bereits etwas trockenes Gras und Moos zusammengesucht, das als Zunder dienen sollte. Rogue warf ihr einen kurzen, überraschten Blick zu, dann legte er das Feuerholz neben die flache Grube, die Applejack ausgehoben hatte und begann damit es aufzuschichten.
Einige Minuten später prasselte das Feuer und vertrieb die voranschreitende Dunkelheit um sie herum mit seinem warmen Schein. Rogue verstaute das Feuerzeug wieder und setzte sich in der Nähe der Deichsel neben Applejack. Sie reichte ihm eine kleine Edelstahlschüssel.
„Lass es dir schmeck´n."
Rogue sah sie einen Moment verwundert an, dann sah er auf die Schüssel. Applejack hatte den Salat seiner Mutter für sie beide als Abendessen angemacht. Das würzige Aroma des Dressings stieg in Rogue´s Nase und ließ das Wasser in seinem Mund zusammenlaufen. Er hatte gut zu Mittag gegessen, aber die Anstrengungen der Fahrt hatten ihn einen gesunden Appetit entwickeln lassen.
„Danke.", brachte er hervor, dann begann er zu essen.
Der Salat hatte bereits unter den warmen Temperaturen gelitten und war nicht mehr ganz so frisch und knackig, wie er ihn gewohnt war. Dennoch hatten ihn die feuchten Umschläge vor dem Verderben bewahrt. Rogue langte ordentlich zu und ließ die grünen Blätter gabelweise in seinem Mund verschwinden. Obwohl es ihm schmeckte, wurde sein Blick wie magisch von der mittlerweile fast schwarzen Baumreihe angezogen, die auf der anderen Straßenseite lag. Sein Schaufeln wurde langsamer, bis seine Gabel schließlich verharrte.
„Ist er das?", fragte er tonlos.
Applejack war gerade dabei eine Kanne Tee in die Glut zu stellen und folgte seinem Blick.
Die grauen Stämme des Waldes erhoben sich wie Säulen in die dunkle Nacht, unverrückbar, stumm, drohend. Der Mond war noch nicht hinter den Bergen aufgegangen, das Land lag in Dunkelheit.
„Ja. Der Everfree Forest." Auch ihr Blick war gefangen in den dunklen, astverhangenen Tiefen des Forstes. Blickte man in diese lichtlose Finsternis, beschlich einen unweigerlich das Gefühl, dass dort drin etwas lauerte, gerade außerhalb der eigenen Wahrnehmung, und seine hungrigen Augen auf einen richtete.
„Man sollte ihn ´Everfreak Forest´ nennen.", brachte Rogue hervor, ein Schaudern in seiner Stimme.
Applejack blickte zu ihm zurück. Dann kicherte sie. Und dann begann sie lauthals zu lachen. Rogue sah sie einige Augenblicke verständnislos an, dann steckte ihn das Gelächter langsam an. Die beiden Ponys lagen im warmen Schein des Feuers und der helle, fröhliche Laut ihres Lachens drang in die Dunkelheit.
Das brach denn Bann. Da drüben standen Bäume, einfach nur Bäume. Was sie an Schrecken verbargen, verschwand nicht, aber es rückte in weite Ferne.
Als sie zu ende gegessen hatten, packte Rogue das Geschirr weg und Applejack schenkte ihnen heißen Tee ein. Die schweißtreibenden Nächte von Manehattan waren hier nur eine ferne Erinnerung. Jetzt drang mit der Dunkelheit eine schon fast vergessene Kälte in das Land. Ob es vielleicht doch an diesem Wald liegt?, fragte sich Rogue. Die seltsame Furcht, die er beim Anblick des Waldes empfunden hatte, war gewichen, aber ihm lief es immer noch kalt den Rücken herunter, wenn er auf das dichte Unterholz sah, in dessen Nähe sie lagerten.
Applejack kicherte noch einmal und reichte ihm einen dampfenden Becher. „Everfreak Forest... Das muss ich meiner Freundin Pinkie erzähl´n. Die lacht sich scheckich!" Rogue nahm ihr dankbar den Becher ab und blies vorsichtig auf den heißen Tee. Die sanft aufsteigenden Schwaden rochen leicht nach Himbeere. Er nahm einen kleinen Schluck und genoss das süße Aroma. Applejack hatte sich mittlerweile wieder beruhigt und machte es sich am warmen Feuer gemütlich, während sie ihren Tee trank. Rogue betrachtete sie kurz, dann stand er auf, ging zum Wagen und zog die beiden Decken von der Ladefläche. Er legte eine um seine Cousine und ließ sich schließlich auf der anderen nieder. Applejack schenkte ihm ein dankbares Lächeln, dann sahen sie beide in das knisternde Feuer.
Schließlich räusperte sich Applejack ernst. „Ich... Ich hab´ mich nie bei dir verabschiedet.", sagte sie langsam. Rogue blickte überrascht auf. Die großen, grünen Augen seiner Cousine waren auf ihn gerichtet. Es lag eine lang zurückliegende Schuld darin, ein tiefes Bereuen und eine Bitte um Verzeihung. Er konnte diesem Blick nicht lange standhalten.
„Ich... Du...", begann er stotternd. Dann schloss er besonnen die Augen und seufzte tief. „Ich verstehe, warum du fort gehen musstest. Heute verstehe ich es. Damals..." Er hob den Blick und sah auf die tausenden von funkelnden Lichtern über ihnen, den Sternenhimmel von Equestria. Wie konnte etwas, dass so lange her war, einen heute noch so sehr schmerzen?
„Damals brach eine Welt für mich zusammen. Ich kann es nur so umschreiben. Am Anfang war ich wütend. Zuerst auf dich, dann auf die Orange-Familie, auf meine Eltern und schließlich auf mich selbst. Dann habe ich mich zurückgezogen. Ich habe mich in meinem Zimmer versteckt und bin nur zur Schule und zum Essen rausgekommen. Ich lag in meinem Bett und habe... gelesen." Rogue stutzte kurz. Er hatte bis jetzt noch nicht darüber nachgedacht. Es war ihm erschienen, als hätte er schon immer gerne gelesen. Der beruhigenden Geruch nach Papier und das leise Rascheln der Seiten war eine Kindheitserinnerung, die so tief in ihm eingebrannt war, dass er nie einen Gedanken daran verschwendet hatte. Aber jetzt erkannte er: Seine Liebe zu Büchern war erst nach Applejacks verschwinden richtig aufgeflammt.
„Ich las was ich in die Hufe bekam. Mein Vater hat eine große Sammlung an Abenteuer- und Sciencefiction-Romanen, also war es leicht, mich unter Büchern zu begraben. ´Der Nornen-Krieg´, ´Die Wächter´, ´Zehn kleine Einhörner´, ´Jagd auf Daring Do´, Captain Honor Mareington´, mein Dad hat sie alle. Und eines Tages..." Er sah wieder zu Applejack. „Eines Tages war es vorbei. Ich kroch unter der Decke hervor, zog Vorhänge beiseite und..." ...und sah die Sonne... „...und war über den Berg." Er sah wieder ins Feuer.
Applejack nickte langsam und drehte ihr Gesicht wieder der Wärme des Lagerfeuers zu. Die tanzenden Flammen hatten etwas hypnotisches, wie sie flackernd über das trockene Holz leckten.
„S´ nich leicht dazu was zu sag´n, Rogue. Aber bitte glaub´ mir: Es tut mir leid. Wirklich un´ aufrichtig leid."
Rogue schloss die Augen und nickte bedächtig. Die willkommene Wärme des Feuers drang durch sein Fell und entspannte ihn. Es waren schmerzvolle Erinnerungen gewesen, alles andere als angenehm. Aber mit Applejack darüber zu reden... hatte ihm Erleichterung davon verschafft. Er hatte seinen Schmerz geteilt und er war weniger geworden. Vielleicht... Vielleicht war es manchmal gut alte Wunden aufzureißen, wenn sie dann endlich verheilen konnten.
Wie auf ein Stichwort erklang, tief in ihm, der leise Schrei eines Fohlens. Sag es ihr, flüsterte eine Stimme in seinem Herzen. Erzähl es ihr und erlaube dieser Wunde endlich zu heilen... Er rang mit sich selbst. Wenn er Applejack diese Geschichte erzählen würde, würde sie ihm mit Verständnis und Mitgefühl begegnen, das wusste er. Sie würde sie sich anhören, bis zum letzten Wort, bis der letzte Tropfen aus ihm herausgelaufen war, jedes peinigende Detail, jede schmerzende Nuance, jede traurige Einzelheit. Dann würde sie zu ihm hinübergehen und ihn fest an sich drücken. Würde ihm zuflüstern, dass es nicht seine Schuld gewesen sei, dass sie für ihn da war, um den Schmerz mit ihm zu teilen. Es war eine wunderschöne Vorstellung, die alleine ausreichte, sein Herz leichter schlagen zu lassen.
Die Worte spulten sich in seinem Geist ab, ebenso mühelos, wie die Szene, die sich dort so oft wiederholt hatte. Aber er brachte nicht ein einziges davon über seine Lippen. So sehr sein Geist auch in Aufruhr war, seine Zunge weigerte sich die erlösenden Worte von sich zu geben. Rogue blieb stumm und der Moment verging.
„Du musst dich nicht bei mir entschuldigen. Wie bereits gesagt, heute verstehe ich es. Aber es ist schön zu wissen, dass du dir wegen mir Gedanken machst." Rogue nippte an seinem Tee um sich zu beruhigen und sah hinüber zu Applejack. „Aber dennoch würde mich eines interessieren: Warum bist du damals so plötzlich verschwunden?"
Applejack kicherte kurz und schlang die Decke enger um sich. „Cutie-Mark Geschichten? Ich bin dabei! Aber du muss mir auch erzähl´n, wie das schicke rote Kreuz auf deine Flanke gekomm´ is´."
Rogue nickte und schenkte sich noch einen Tee nach. Er war entschlossen, die Nacht über Applejack zu wachen und würde dabei wahrscheinlich jede Hilfe brauchen, derer er habhaft werden konnte.
„Also gut.", begann Applejack ihre Geschichte. „Du weis´ ja, das ich ursprünglich aus Ponyville stamm. Als junges Füll´n, da hatt´ ich noch ne blanke Flanke, bin ich aufe Idee gekomm´ dasses n´ Abenteuer wär´ nach Manehattan inne große Stadt zu gehen und bei unsern Verwandt´n den Orange´s zu leb´n und mir ma die Großstadtluft umme Nase weh´n zu lass´n. Kannste dir ja vorstell´n wie das war, die ganzen schnieken Ponys da und ich mitt´n drin, so´n Fohlen vom Land. Der ganze feine Zwirn, das gestochene Gerede, das komische Ess´n... un´ kein Spaß nich´, wohin man auch guckt. S´ is´ auch nich´ so einfach inner Stadt Freunde zu find´n wie zuhaus. Als ich dich gefund´n hab, war ich schon fast am Bod´n un´ bereit mich auszähl´n zu lass´n. Un´ glaub mir, die wenige Zeit, dir wir zusamm´ hatt´n war einer der wenig´n Lichtblicke wenn ich zurückdenk. S´ war so´n Tach wo alles schiefgegang´n is: Ich hab n´ bisschen Mist inner´ Schule für heranwachsende Stuten´ gebaut, weil mich so´n paar möchtegern Fancy-pancy Füllen aufgezog´n ham, als ich den Lehrer in meim´ Akzent geantwortet hab´. S´ war das übliche, n´ paar dumme Sprüche un´ das ganze, aber bei mir ist irgendwas durchgebrannt un´ ich hab ma angefangen, dem Füll´n n´ bisschen was zu erzähl´n, so wie ich´s gehört hab´ als Granny sich annem heiß´n Einmachglas gebrannt hat. S´ hat nich´ lang gedauert, da is´ se heulend davongelauf´n. S´ klar dasses Ärger gab. Tante Orange war außer sich, als der Direx mit ihr gesproch´n hat. Da hab´ ich erstma´ ne Woche Stub´narrest bekomm´. Als ich da sitz´ un´ aus´m Fester guck, weil ich sonst nix anderes zu tun hab´, da schau ich raus und über´m Himmel is´ der größte, schönste Regenbog´n den de´ dir vorstell´n kannst. Un´ nich´ nur dasser strahlt, als hätt´ einer alle Edelsteine Equestrias reingepackt, ne, er zeicht auch noch geradewegs nach Ponyville! Da hab´ ich gewusst, dass was ich hier gesucht hab´, werd´ ich nich´ find´n. Weils nämlich da is´, wo ich herkomm´ un´ dass es mehr als anner Zeit is´, dass ich zurückkomm´. Ich hab mein´ Bündel gepackt, hab´ zu Tante Orange gesacht, dasses Zeit is´ dass ich nach Hause komm´ und hab´ die Hufe geschwung'." Sie kicherte kurz. „S´ kommt mir vor, dass ich kein einzig´s mal angehalt´n hab auf´m Wech bis nach Ponyville. S´ war so schön, als ich am Tor von Sweet Apple Acres angekomm´ bin. Die Familie hat schon gewartet un´ mich begrüßt. In dem Moment hab´ ich gewusst dass ich dahin gehör´. Un´ das nix mich jemals davon trenn´ könnt´. Un´ kaum schau ich mich um, is´ da mein Cutie-Mark." Ein träumerisches Lächeln umspielte Applejacks Lippen, als sie an diesen Augenblick zurück dachte. Sie trank ihren Tee aus und rollte sich etwas zur Seite, um Rogue besser ansehen zu können und gähnte leise.
„Un´ was is´ mit dir, Sugarcube? Was hat dir ein Kreuz auffe Flanke gezaubert?"
Rogue kratzte verlegen mit dem Huf im Staub zwischen den Grashalmen. „Das ist nichts besonderes. Ich hab meines am Cutie-Mark-Tag bekommen, wie viele andere auch."
Applejack spitzte die Ohren. „Cutie-Mark-Tag? Was is´das? Das hör´ ich zum erst´n mal."
Rogue runzelte die Stirn. „Habt ihr so etwas nicht in Ponyville? Das wundert mich."
Applejack schüttelte den Kopf. „Nein. Was hat´s damit auf sich?"
„Nun, der Cutie-Mark-Tag findet zweimal im Jahr statt, einmal in den Frühlings- und den Herbstferien. Es ist so etwas wie ein ´Tag der offenen Tür´ für bestimmte Berufe. Man kann seine Füllen anmelden und dann mit ihnen an einem Programm teilnehmen, das den Beruf spielerisch erklärt. Es war ursprünglich dafür gedacht, junge Ponys ihr Talent in Tätigkeiten entdecken zu lassen, die ein Fohlen nur schwer selbst erforschen kann. Aber mittlerweile ist es zu einer kleinen Attraktion geworden. Das Programm wird vom Bürgermeisteramt unterstützt und erfreut sich allgemeiner Beliebtheit. Es wundert mich ein wenig, dass es noch keine Nachahmer gefunden hat."
Applejack überlegte kurz. „S´ hört sich auf jed´n Fall wie ne dufte Idee an. S´ wäre genau das richtige für Applebloom und die anderen von den Cutie-Mark-Crusadern." Rogue warf ihr einen fragenden Blick zu. Sie lachte kurz. „Keine Angst, du wirs´ noch früh genuch seh´n was ich mein´, wenn wir ihn Ponyville sin´. Applebloom is´ meine kleine Schwester un´ sie und die Sache mit den Cutie-Marks... ach, lass dich einfach überrasch´n."
Rogue nickte langsam. „Die eigentliche Geschichte ist, wie ich dazu kam, ausgerechnet bei der Manehattan Central Ambulance mein Glück zu versuchen..."
Applejack drehte sich auf den Bauch und sah ihn neugierig an. „Erzähl!", verlangte sie.
„Ok. Es muss in dem selben Sommer gewesen sein, als du zurück nach Ponyville gegangen bist. Ich bin damals immer mit der Straßenbahn gefahren, um zur Schule zu kommen. Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie stolz ich gewesen war das erste mal alleine, also ohne meine Eltern, damit fahren zu dürfen. Es hat natürlich nicht lange gedauert, dann war es tägliche Routine für mich, aber ich benutze sie heute auch noch gerne, wenn ich die Gelegenheit dazu habe. Es war kurz vor den Sommerferien, wenn ich mich recht entsinne und es war ein wirklich heißer Sommer. Sicher nicht so heiß wie dieses Jahr, aber dennoch genug um uns regelmäßig Hitzefrei zu bescheren. Ich war gerade auf dem Weg von der Schule nach Hause und saß in der Tram. Ich hatte keinen freien Sitzplatz mehr finden könnte und stand mit den anderen, erwachsenen Ponys im Gang vor den Türen. Ich guckte aus dem Fenster und beobachtete die vielen Ponys, die auf der Straße an mir vorbei rauschten, als ich plötzlich hinter mir einen leisen, dumpfen Schlag höre. Ich drehe mich um und sehe eine ältere Stute, die zwischen den erwachsenen Ponys ohnmächtig geworden war. Sie lag da, mitten auf dem Gang, alle Hufe von sich gestreckt. Die anderen Ponys versuchten ihr Platz zu machen und es bildete sich schnell ein Kreis um sie. Ich sah sie an und wartete darauf, dass einer der Erwachsenen einschritt, dass jemand ihr helfen würde. Aber keiner sagte etwas. Keiner ging zu ihr und kümmerte sich um sie. Sie standen alle nur da und gafften." Rogue verstummte. Er überspielte den Moment der Stille, indem er einen weiteren Ast in das Lagerfeuer warf, während sich die Szene in seinen Gedanken noch einmal abspielte.
„Kannst du dir das vorstellen, wie viel Angst ich diesem Moment hatte? Wo fühlen wir uns sicherer als in der Mitte von anderen Ponys? Wie sehr verlassen wir uns darauf, dass, wenn uns etwas zustößt, einer der anderen uns zu Hilfe kommt. Dass sie uns helfen, sich um uns kümmern, auch wenn sie uns nur fragen, was los ist, oder nur dafür Sorgen, dass Hilfe geschickt wird."
„Ich sah in die Gesichter um mich herum, all diese Erwachsenen, die es so viel besser wissen sollten, was in so einem Fall zu tun ist. Alles was ich sah, waren steinerne Mienen. Das war es, was mir Angst machte. Wie konnten die Erwachsenen, auf die ich mich immer verlassen habe, vor denen ich so viel Respekt hatte, so gleichgültig sein, wo doch offensichtlich ein Pony in Not war?"
Rogue stieß den Ast tiefer in das Feuer und bettet seinen Kopf auf seinen Vorderlauf. „Heute weiß ich, dass sie selbst Angst hatten. Wir Ponys sind Herdentiere. Wir verlassen uns aufeinander, aber wir versuchen uns auch immer der Herde anzupassen. Es ist ein Instinkt. All diese Ponys beobachteten sich gegenseitig. Als keiner Einschritt – passten sie sich dem Verhalten an und schritten selbst nicht ein. Obwohl es das richtige gewesen wäre. Die Herde hatte entschieden das Ereignis zu ignorieren."
Rogue spuckte angewidert in die Flammen. Es zischte kurz. „Ich hatte in meinem Leben noch nie so viel Angst, als ich vortrat und die Alte Stute berührte. Ich stupste mit meiner kleinen Schnauze gegen ihr Gesicht und fragte sie, ob alles in Ordnung sei und ob sie Hilfe brauchte."
Rogue´s Augen blitzten, als er gedankenverloren in das Feuer starrte. „Als ich kleines Füllen meinen Mut zusammen nahm, kamen die anderen Pony´s um mich herum endlich zu Besinnung. Jemand rief dem Tramfahrer zu, dass es hinten einen Unfall gegeben hätte und plötzlich gab es viele Hufe, die helfen wollten. Die alte Stute kam glücklicherweise gerade wieder zu sich. Die Tram hielt und die Rettungsponys wurden alarmiert. Es war nur eine kurze Ohnmacht gewesen und sie musste nicht einmal ins Krankenhaus, da jemand sie nach Hause begleitete." Das Lagerfeuer knackte laut und ein wirbelnder Funkenregen erhob sich in die Nacht.
„Ich trottete nach Hause, wie unter Schock. Meine Mutter merkte natürlich sofort, dass etwas mit mir nicht stimmte. Als ich ihr die Geschichte erzählte, nahm sie mich fest in ihre Vorderläufe und drückte mich. Sie sagte mir, dass sie noch nie so stolz auf mich gewesen war wie jetzt. Als wir zu Abend aßen, erzählte sie es meinem Vater. Mein Dad ist kein Mann der leicht seine Gefühle zeigt, oder viele Worte verliert... aber von dem wenigen, was er darüber sagte, wusste ich, das auch er wirklich stolz auf mich war. Ich lag an diesem Abend noch lange wach in meinem Bett und dachte nach. Ich dachte darüber nach, wie alle diese Ponys dagestanden hatten und einfach nur zusahen. Und dass es nur mich gebraucht hatte, ein kleines Fohlen, um einem Pony zu helfen, wo es kein anderer geschafft hatte."
Rogue seufzte leise. „Beim Ponyball wurde ich immer als einer der letzten gewählt und wenn mir jemand mit Zoff gedroht hat, habe ich mich immer gedrückt. Es gab immer jemanden, der schneller, stärker oder klüger war als ich. Aber damals in dieser Tram... war ich mutiger, als sie alle zusammen. Ich hatte Mut für einen ganzen Wagen voller Ponys, obwohl ich mich gleichzeitig fast zu Tode gefürchtet habe. In dieser Nacht ist kein Cutie-Mark auf meiner Flanke erschienen. Aber mir wurde damals schon klar, dass ich das Pony sein wollte, das vortreten würde, wenn alle anderen den Schweif einziehen. Manchmal reicht ein mutiges Füllen, um alle anderen daran zu erinnern, was das richtige ist."
Rogue starrte noch einen Moment in die leuchtenden Flammen, dann drehte er seinen Kopf zu Applejack. Die Erdstute hatte sich komplett in die Decke eingewickelt, so dass nur ihr Kopf herauslugte und sah ihn mit großen Augen an. Der Anblick brachte ihn zum kichern.
„Ich muss mich anhören wie ein verdammter Held. Weiß Celestia, damals bin ich mir auch wie einer vorgekommen. Jedes Mal, wenn ich das erzähle, gewinnt es mehr an Pathos. Ich war damals einfach ein verängstigtes kleines Fohlen, das für einen Moment Mut gezeigt hat. Das ist alles. Aber lange Rede, kurzer Sinn: Ich habe meine Eltern überreden können mich für das Programm der Feuerwehrponys einzutragen. Meine Mutter war sofort davon begeistert, aber mein Vater hatte so seine Zweifel. Er bestand darauf, mir auch die technische Konstruktionsabteilung seiner Firma zu zeigen, aber ich zog die kleine Spielzeugambulanz an der Feuerwache keine fünf Minuten mit heulender Sirene durch die Straße, als mein Cutie-Mark auftauchte. Das rote Kreuz der Rettungsponys: Verantwortung, Professionalität, Hingabe, Kameradschaft und in der Mitte das Wichtigste von allen. Mitgefühl." Rogue schälte sich aus der Decke und drehte sich so, dass Applejack seine Flanke sehen konnte. Er deutete mit dem Huf auf die Ecken des Kreuzes. „Hier oben steht die Verantwortung. Wir halten das Leben unserer Patienten in unseren Hufen. Darunter die Professionalität und die Hingabe. Beides muss sich die Waage halten. Die Kameradschaft untereinander ist der Anker, an dem wir uns festhalten könnten. Das Mitgefühl hält alles zusammen.", sagte er und deckte sich wieder zu.
Applejack sah ihn immer noch mit großen Augen an. „S´ ne so viel bessere Geschichte als meine.", brachte sie schließlich hervor.
Rogue kratzte wieder verlegen mit seinem Huf im Staub. „Ach, was! Du hast den Ort, zu dem du gehörst, auf dein Fell gezeichnet. Wie viele Pony´s wünschten sich, sie wüssten wirklich, wo sie hingehören? Ich finde, dass deine Geschichte die wesentlich schönere ist." Er strich sich in gespielter Affektiertheit mit dem Huf über die Brust. „Auch wenn sie bei weitem nicht so heroisch war." Das brachte sie beide zum lachen.
Rogue schenkte sich den Rest des Tee´s ein und legte etwas Holz in das Lagerfeuer. Er schauderte kurz und rückte näher an die wärmende Glut. Die Nacht war empfindlich kalt geworden, kälter als er es zu vermuten gewagt hätte. Er stellte seine Tasse beiseite und zog seine Decke zu Applejack, die bereits selig schlummerte. Er schlang die Decke als weiteren Wärmeerhalt um sie und entfernte sich dann. Er wollte zur Sicherheit noch etwas Feuerholz sammeln und sich noch etwas Tee machen. Er hatte zwar den Tag über etwas geschlafen, aber er bemerkte bereits, wie er die Müdigkeit in ihm hochstieg. Er suchte das trockene Astwerk am Fuße der Weiden zusammen und schleppte es zurück zum Lager. Luna´s Mond stand inzwischen hell über dem Tal, so dass er für seine Arbeit keine Lampe benötigte.
Er setzte den Tee auf und wärmte sich am Feuer auf. Er würde es sich gemütlich machen und die Augen offen halten. Er hatte keine Ahnung, wie er den morgigen Tag überstehen sollte, ohne jetzt ordentlich zu schlafen, aber ihm würde schon etwas einfallen. Vielleicht konnte Applejack die ersten, kühlen Stunden übernehmen, während er bis zum späten Vormittag ein Nickerchen hielt. Sie würden am späten Abend in Ponyville eintreffen, also musste er sich nicht allzu sehr schonen. Applejack hatte sich trotz seine Anschnauzerei heute gut gehalten. Es würde reichen, wenn sie ihm nur ein paar Stunden gönnte...
Apropos ´Gönnen´. Rogue kehrte zum Wagen zurück und kramte kurz im Vorratsbeutel, bis er den Sack mit den Nüssen fand. Dann holte er noch eine frische Rolle Verbandsmull aus den Satteltaschen und trug alles zum Lagerfeuer. Er schenkte sich etwas von dem Tee ein und ließ ihn abkühlen, während er den Verband um sein hinteres Knie erneuerte. Es war ein übler Kratzer, aber die Wunde begann bereit zu verschorfen. Er warf den schmutzigen Verband ins Feuer und wickelte eine frische Lage Stoff um sein Bein. Anschließend nippte er an seinem heißen Tee und öffnete den Sack mit den Nüssen. Er griff hinein und fühlte... etwas pelziges.
Rogue atmete tief durch und drehte den Sack dann um. Ein voll gefressenes, glücklich grinsendes Eichhörnchen (mit viel zu weitem Fell) sah ihn aus großen, dunklen Augen an. Das Rettungspony rieb sich entnervt mit dem Huf über das Gesicht. „Ich hoffe, es hat wenigstens geschmeckt...", fragte er. Als er aufsah, war das kleine Tierchen bereits verschwunden. Er schüttelte das leere Säckchen und fragte laut in die Dunkelheit: „Danke, dass du mich diesmal nicht gebissen hast. Aber es wäre zu viel verlangt gewesen, mir etwas übrig zu lassen, oder?" Nur das entfernte Zirpen der Grillen antwortete ihm. „Dachte ich mir." Er nippte weiter an seinem Tee und sah zu, wie das Feuer sich langsam durch die trockenen Äste fraß.
Ein plötzliches Zirpen neben seinem Ohr weckte ihn. Erschreckt sah er sich um. Das Feuer brannte noch, auch wenn es sich bereits durch das dickste Holz gearbeitet hatte und etwas kleiner geworden war. Schnell legte er aus dem Haufen neben dem Feuer nach und sah sich prüfend um. Der Mond stand nicht viel tiefer als in seiner Erinnerung. Er war nur kurz eingenickt. Die Tasse neben ihm war erkaltet und er schüttete den Tee fort, um sich einen neuen einzuschenken. Als er sich wieder zurücklehnten, sah er auf einem Stein neben sich eine einzelne Wahlnuss liegen. Er überspielte seine Überraschung, indem er vorsichtig in seinen Tee blies. „Die kommt besser nicht aus deinen Backentaschen!", rief er gedämpft in die Nacht hinaus. Langsam langte er nach der Nuss, betrachtete sie kurz und steckte sie sich schließlich in den Mund.
Dann trank er weiter seinen Tee und lauschte wachsam in die Nacht hinaus. Es war stiller als in der vergangenen Nacht – das fiel ihm sofort auf. Das Lied der Zikaden drang nur entfernt an sein Ohr. Viel näher war das leise Rauschen von Blättern im Wind... und das leise Knarren der Bäume im nahen Wald.
„Nein... Applebloom...", es war wie ein Seufzen des Windes, zart und kaum hörbar. Dennoch war Rogue sofort auf den Beinen. Der Becher Tee kullerte achtlos zur Seite, als er zu Applejack sprintete.
Die Stute, eingewickelte in die Decken, zittert am ganzen Leib. Ihr Gesicht hatte einen Ausdruck von verstörter Furcht angenommen. Vorsichtig schüttelte Rogue sie an der Schulter.
„Applejack. Wach auf, du hast einen Alptraum.", flüsterte er ihr sanft, aber bestimmt ins Ohr. Nur langsam kam das Erdpony zu sich. „Wa...Wa...Was? Oh, du bist es, Rogue...", sagte sie schwach. „Es is´... so kalt." Sofort legte Rogue ihr einen Huf auf die Stirn und fühlte ihre Temperatur. Celestia sei dank kein Fieber, aber Applejack zitterte noch immer. Sie war im Halbschlaf und versuchte sich tiefer in die warmen Decken zu wickeln. Rogue sah sich um. Er konnte sie nicht viel näher an das Feuer rücken, sonst bestand die Gefahr, dass sie sich Nachts herumwälzte und direkt darin landete. Sie hatten keine Decken mehr, er hatte bereits eine unter sie gelegt und die zwei anderen um sie gewickelt. Was konnte er noch tun, um sie warm zu halten?
Er schloss die Augen und kratzte sich verdrossen am Hinterkopf. Warum zum Tartarus tust du mir das an?, fragte er das Schicksal im allgemeinen. Als hätte er es nicht schon schwer genug in den letzten Tagen gehabt... Also gut, Rogue, du weißt, was du zu tun hast. Sei ein gutes Rettungspony und zieh es ganz professionell durch.
Er beugte sich zu seiner Cousine hinunter und flüsterte leise: „Äh... erschreck nicht, Applejack. Ich komme zu dir unter die Decke. Um dich warm zu halten. Genau. Um dich warm zu halten, sonst nichts." Sie antwortete ihm nicht, sonder erschauderte nur leicht. Vorsichtig hob er die Decke an. Applejack gab einen Laut des Missbehagens von sich, als die kalte Luft an ihren entblößten Rücken drang. Schnell schlüpfte Rogue darunter und zog sie wieder stramm um sie beide. Er zog die Decke über ihrer beiden Schultern, dann lag er still. Mehr als nur peinlich wurde er sich der lebendigen Wärme bewusst, die gegen seinen Bauch drückte. Applejack gab einen kurzen Laut der Behaglichkeit von sich und schmiegte sich fester an ihn, als seine Wärme durch ihr Fell drang.
Oh, my gosh, oh, my gosh, oh, my gosh... Rogue wagte kaum zu atmen. Er schluckte schwer. Ganz ruhig, Rogue, nimm dich zusammen. Das ist deine Cousine da... an... deinem... Bauch. Cousine! Cousine! Cousine! Sie friert und du wärmst sie einfach nur auf. Es ist nichts. Wirklich. Sie hat sich etwas überanstrengt und ist erschöpft, deshalb macht ihr die Kälte mehr aus als dir. Es ist ganz normal, dass du ihr helfen willst, warm zu bleiben. Auch wenn ihr blondes Haar deine Nüstern kitzelt und du weißt, wie umwerfend sie aussieht, wenn ihr feuchtes Fell im Sonnenlicht glitzert...auch wenn sie süß nach Äpfeln duftet und sich wirklich, wirklich eng an dich schmiegt...
Rogue focht einen inneren Kampf mit sich aus, während er nach außen völlig still lag, um Applejack nicht zu wecken. So nahe bei ihr zu liegen... hier konnte er nicht fliehen, wie am Morgen zuvor. Er hatte sich sogar freiwillig in diese Lage begeben. Alleine ihr Geruch trieb ihn langsam, aber sicher, in den Wahnsinn. Wie konnte eine Stute nur so gut riechen? Und warum musste die Stute, die so gut roch, seine Cousine sein? Seine Nüstern ruhten an ihrem Hinterkopf und jeder Atemzug brachte diesen betörenden Duft mit sich.
Und das war nicht alles. Sie hatte sich an ihn geschmiegt und atmete leise, sanft und gleichmäßig. Jedes Heben und Senken ihres Körpers kitzelte die weiche, empfindliche Unterseite seines Bauches, dort wo ihr warmes Fell ihn berührte. Die langen Strähnen ihres Schweifs lagen über seinen Hinterläufen und strichen sanft darüber, fast zärtlich, als ihr Schwanz im Traum leicht zuckte...
Applejack seufzte leise.
Was Rogue an Widerstand aufzubieten hatte, dieser leise Laut fegte es fort, wie das Gebrüll eines Drachen. Er verlor sich im Duft der Äpfel, dem Gefühl des warmen Fells und der überwältigenden Nähe der Stute. Er zog sie sanft an sich, bettete ihren Kopf auf seinen Vorderlauf und schloss sie in eine intime Umarmung. Sein Herz brannte, während sein Verstand leise flüsterte: Es ist nur für einen Moment, nur für einen Moment...
Wieder war es die Sonne in seinem Gesicht, die Rogue weckte. Ihn beschlich ein leises Gefühl des Déjá-vu, als er sich des warmen Körpers in seiner Umarmung bewusst wurde. Er war mit einem Schlag hellwach und erstarrte. Ok, Rogue, sagte er zu sich selbst, du kennst den Drill. Gaaanz langsam aufstehen, um Applejack nicht zu wecken, und dann...
Er öffnete die Augen und sah direkt das Gesicht seiner Cousine, die seinen Blick erwiderte.
Die beiden Pony sahen sie gegenseitig aus großen, erschreckten Augen an. In der Ferne begrüßte ein Eichelhäher mit krächzender Stimme die jungen Strahlen des Tages.
Gleichzeitige rollte sie sich über den Rücken voneinander weg und sprangen auf ihre Hufe.
„Ich... Du... ich wollte nicht...", begannen sie beide gleichzeitig. Dann schlossen sich ihre Münder. Rogue setzte sich auf die Hinterläufe und verbarg sein Gesicht in seinem Huf. Applejack versteckte ihre aufsteigende Schamesröte hinter ihrem braunen Hut. So blieben sie für einige Minuten, während in beiden Köpfen die Gedanken rasten. Es war Applejack, die sich als erste räusperte. „Nun, ich glaub´ wir müss´n uns unterhalt´n."
Rogue hob den Huf von seinem Gesicht und sah zu Boden. „Ja, das müssen wir.", sagte er. „Aber lass uns zuerst noch Tee machen. Wir brauchen ihn jetzt beide."
Rogue legte den letzten Rest Holz ins Feuer, während sich Applejack um die Kanne kümmerte. Sie waren sich sehr wohl bewusst, das sie sich nur ablenkten, aber sie brauchten sowohl die Zeit als auch die Beschäftigung, um ihrer beider Gedanken zu ordnen. Schließlich pfiff der Kessel und sie setzten sich mit dampfenden Bechern an die Reste des Feuers. Ein gutes Stück voneinander entfernt.
„Also, wer will anfang´n?", fragte Applejack.
Rogue seufzte leise. „ Warum nicht ich? Ah... hör zu Applejack, es tut mir leid. Du hast gestern Nacht so gefroren und ich... wusste mir nicht anders zu helfen. Ich bin unter die Decke zu dir geschlüpft um dich warm zu halten und..." Er verstummte. Applejack betrachtete ihn und nahm einen langsamen Schluck aus ihrer Tasse. „S´ aber nicht alles, oder?", fragte sie ihn.
Rogue merkte wie er wieder rot wurde. Sehr rot. Ah, da ist er ja, dachte er, der peinlichste Moment in meinem Leben...
„N...Nein. Nein, das ist nicht alles. Es... Es hat mich einfach verrückt gemacht, so neben dir zu liegen und..." Er schlug die Vorderläufe vor sein Gesicht. Er konnte es einfach nicht mehr ertragen. „Du bist eine der schönsten Stuten, die ich jemals gesehen habe, Applejack! Und du bist stark, dickköpfig, weißt was du willst, bist geradeheraus, unkompliziert und... und... auf tausend andere Arten einfach wunderbar! Das Gefühl, bei dir zu liegen, so nah bei dir... es ist einfach mit mir durchgegangen." Rogue atmete heftig, aufgewühlt durch die verwirrenden Gefühle in seinem Inneren. Er hatte alles herausgelassen. Er wartete in der Dunkelheit hinter seinen Hufen darauf, das Applejack ihn anschreien würde, ihn einen Dummkopf nannte, sich darüber ausließ, dass sie verdammt noch mal Verwandte waren, oder, noch schlimmer, ihn einfach auslachte.
Statt dessen schwieg sie. Langsam senkte Rogue die Läufe vor seinem Gesicht. Applejack lag ihm gegenüber auf dem Bauch, die Vorderläufe unter sich geschlagen und blickte betreten zur Seite. Eine feine Röte hatte sich auf ihre Wangen geschlichen.
„Ka... Kannst du dich noch an gestern früh erinnern?", fragte sie ihn vorsichtig. Rogue nickte stumm. „Ich bin ziemlich früh aufgewacht, das steckt so in mir drin. Aber ich bin noch lieg´n geblieb´n, weil ich dich nich´ hab wecken woll´n. Wir sin´ die Nacht über zusammengerückt und ich hab´ einfach so dagelegen und hab´ dich neben mir schlafen gespürt. Un´...", sie schloss ihre Augen und der sanfte, rote Ton ihrer Wangen wurde tiefer. „Un´ dann has´ du mich umarmt. Ich war zuerst erschrock´n, aber ich hab gewusst, dass du noch schläfst... un´ ich... es hat sich gut angefühlt un´ ich hab´nichts gesacht. Du bis´ dann aufgewacht un´ aufgestanden un´ ich hab so getan, als würd´ ich noch penn´, weil ich nich gewusst hab´, was ich hätt´ sag´n soll´n. Ich hab´ nich´ weiter drüber nachgedacht, den Tach über un´ hab´s schon fast vergessen gehabt nach der Sache mit Cloudsdale."
Es folgte ein betretenes Schweigen. Beide Ponys mieden den Blick des anderen und wussten nicht was sie sagen sollten. Schließlich war es Rogue, der sich einen Ruck gab und die entscheidende Frage stellte: „Wie geht es weiter?"
Applejack schwieg einen Augenblick, dann sah sie ihn an. „Rogue, wir wiss´n, dass wir uns gern hab´n, aber... ham wir uns wirklich so gerne? Auf diese Weise? Wir dürfe´n nich´ vergess´n, das wir Cousine un´ Cousin sin´... wenn auch um n´ paar Eck´n rum. Ich weiß, das is´ ne schwache Ausrede, aber... was is´ das zwischen uns? Ich weiß, dass ich mich in deiner Nähe sicher un´ geborgen fühl, wie ich das bei´m kein´ anderen Hengst fühl´. Aber is´ das nur, weil du mein Füllenfreund bist un´ mein Cousin?"
Rogue kratzte sich verlegen mit dem Huf über den Hinterkopf. „Ich weiß es nicht, Applejack. Ich... kann nicht leugnen, dass ich etwas für dich empfinde... die letzte Nacht hat es mir mehr als deutlich gezeigt. Es war einfach überwältigend, dich in meinen Hufen zu halten... und... und... mir für einen kurzen Moment vorzustellen..." Rogue Stimme verlor sich, als seine Zunge sich weigerte, weiterzusprechen. Applejacks Gesicht glühte vor Verlegenheit, nicht weniger als das ihres Cousins. Er erhob sich, wanderte ein paar Schritte davon und trat nach einem losen Stein im Gras.
„Aber es... fühlte sich nicht richtig an. Verdammt, es war nicht richtig! Es war... als hätte ich mir etwas genommen, das nicht mir gehört. Es war... einfach falsch!" Als er keine Steine mehr fand, trat er statt dessen nach einem Grasbüschel, um seine Frustration los zu werden. „Ich meine, nehmen wir doch einfach mal an, wir wären... dieses spezielle Pony... für einander. Nicht nur dass wir verwandt sind, wir sind auch noch so verschieden! Du hast deine Farm und deine Familie, um die du dich kümmern musst und ich bin ein Manehattaner Rettnugspony durch und durch. Ich weiß, dass das bei so etwas nicht zählen sollte, aber wir beide wissen, das es eine Rolle spielt. Und was ist, wenn es nicht klappt? Dass wir uns wiedergefunden haben, grenzt an ein kleines Wunder! Ich... Ich will das nicht aufs Spiel setzten. Für nichts auf der Welt." Er ließ entmutigt den Kopf sinken.
Applejack erhob sich. „Da ham´ wir uns mächtig was eingebrockt. S´ stimmt, da gibt's ne´ Menge was dageg´n spricht. Ich sach dir, ich hätt´ als letztes gedacht, das wenn´s mich mal erwischt, dasses ausgerechnet mein Cousin sein würd´." Sie ging langsam zu ihm. Er drehte sich um und erwartete sie.
„S´ würde immer zwischen uns steh´n. S´ wäre immer da, unsichtbar, aber vorhand´n. Un´ ich glaub´, s´ würde es langsam vergift´n." Sie blieb vor ihm stehen, ganz nahe.
„Niemand würde es verstehen. Am allerwenigsten wir selbst." Er blickte sie aus seinen großen, blauen Augen an.
Ein Wind erhob sich und blies ein paar ausgetrocknete Blätter über die Straße, brachte das dürre Gras zum schwanken und wirbelte durch die Mähnen zweier Ponys, die sich im Licht des neuen Tages küssten. Es war eine sanfte Berührung, voll des Abschieds von dem, was gewesen sein könnte. Doch als er endete, brachte er das Versprechen nach etwas neuem, das daraus erwachsen konnte.
„Wenn ich dieses spezielle Pony für mich finde, wünsche ich mir, dass er wie du sein wird, Rogue.", flüsterte Applejack. Das junge Rettungspony lächelte verlegen und hob dann seinen Huf. „Freunde?", fragte er mit einem verschmitzten Lächeln im Gesicht. Appeljack nickte und schlug ein. „Freunde."
Als die beiden Ponys wenig später aufbrachen, ließen sie auf diesem Stück des Weges etwas von sich zurück. Aber das wirklich wichtige trugen sie in ihren Herzen mit sich fort.
