Disclaimer: Ich habe keinerlei Rechte an der Geschichte, was den Inhalt von Hasbro´s My Little Pony: Friendship is Magic anbelangt. Abgesehen von meinem OC ist alles deren Eigentum.
Kapitel 8: Kein schöner Land
I need some Sleep,
Time to put the old horse down,
i´m in too deep
and the wheels keep spinning round.(1)
Rogue hatte keine Ahnung, warum ihm diese Zeile immer wieder durch den Kopf ging. Er benutzte es als Mantra, um sich selbst auf den Beinen und den Kopf oben zu behalten. Die Sonne war bereits wieder hinter den Horizont verschwunden und die die Nacht breitete langsam ihre Decke über Equestria aus. Seine Schultern waren taub vom Joch, was eine wesentliche Verbesserung zu den Schmerzen darstellte, die ihn den Abend über gequält hatten. Seine Hufe waren ihm hingegen treu geblieben und beschwerten sich ausgiebig über jeden einzelnen Schritt.
Er hatte erfolgreich jeden Versuch Applejacks abgewehrt, die Deichsel des Wagens zu übernehmen, auch wenn es ihm mit Voranschreiten des Tages immer schwerer und schwerer gefallen war. Celestia sei dank war die Stute nach ihrer Aussprache am Morgen in keiner streitlustigen Stimmung. Trotzdem unterstützte sie ihn, wo sie nur konnte, schob am Heck des Wagens an und führte ihn schließlich, als er sich nur noch auf das Ziehen konzentrieren konnte. Einzig und alleine die Aussicht auf das baldige Ende ihrer Reise hielt sie beide davon ab noch einmal das Lager aufzuschlagen und sich auszuruhen.
Er zog eine weitere Steigung hinauf, während Applejack von hinten schob, um seine Last zu erleichtern. Plötzlich kam er aus seinem Trott. Seine Hufe gerieten durcheinander und wäre er nicht im Zaumzeug festgeschnallt gewesen, hätte er sich Kopf voran auf die Schnauze gelegt. Ruckend kam die Ambulanz zum stehen. Seine Hufe weigerten sich einfach weiterzugehen.
„AJ, Ich... Ich weiss, es ist nicht mehr weit, aber ich kann einfach nicht mehr." Sein Stolz schmerze, als er das zugab, aber seine Willenskraft war am Ende.
Applejack antwortete nicht, sondern löste einfach das Geschirr um seinen Hals.
„S´ ok, Rogue. Wir sin´ da."
Trunken von der Müdigkeit hob der junge Hengst den Kopf. Jenseits der Steigung erhob sich ein ein großes Farmhaus in den nächtlichen Himmel. Halb Scheune, halb Wohnhaus, stand es in den weiten Feldern von Sweet Apple Acres. Rogue hatte die endlosen Reihen von Apfelbäumen verpasst, die die Straße schon seit einer ganzen Weile säumten. Er war nach Ponyville gekommen, ohne es zu merken.
Die Farm war dunkel, aber der einsame Schein einer Kerze leuchtete in einem der Fenster.
„Das is´ Granny´s Kerze. Sie zündet sie immer an, wenn einer von uns unterwegs is´. Damit wir den Weg nach Haus find´n. Komm, es is´nich´ mehr weit"
Mit dem Ziel vor Augen, mobilisierte Rogue seine letzten Reserven und gemeinsam zogen sie den Wagen durch das Tor zur Farm. Kaum das Applejack einen Huf über Grenze gesetzt hatte, erklang ein lautes Bellen aus dem Gebäude. Ein brauner Schemen sprang über die Halbtür der Scheune und raste auf sie zu. Rogue sprang erschreckt zurück, als Applejack von etwas aus der Dunkelheit angesprungen wurde und auf den Rücken fiel.
„Winona! Hör´ auf damit! Ja, ich hab´dich auch vermisst!" Der Hund schleckte außer sich vor Freude ihr Gesicht ab, während sie kichernd versuchte sich dagegen zu wehren. Rogue entspannte sich, als er erkannte, das es sich um eines der Farmtiere handelte. Im Haus leuchteten langsam die Lichter auf.
Applejack schaffte es schließlich Winona abzuschütteln und half ihrem Cousin dabei den Wagen neben der Scheune zu parken.
„Applejack!", rief eine piepsende Stimme hinter ihnen. Ein junges Füllen mit gelben Fell und roter Mähne stürmte aus der Haustür und warf sich in die Hufe seiner großen Schwester.
„Apple Bloom! Komm her, ich hab´ dich so vermisst!"
Ein Schatten fiel auf die beiden. Rogue blinzelte verwirrt. Es hatte für einen Moment ausgesehen, als währe eine Stück der Scheunenwand lebendig geworden und würde langsam in Richtung seiner Cousine trotten. Dann erkannte er, das es sich um einen riesigen roten Hengst handelte, der langsam aus der Tür gekommen war. Applejack löste sich aus der Umarmung ihrer kleinen Schwester und schlang ihre Vorderhufe um den Hals des Hengstes.
„S´ schön, dasde wieder da bist, AJ.", sagte das große Pony mit tiefer Stimme.
„Ich freu mich auch, wieder zu Haus´ zu sein, Big Macintosh."
Applebloom sprang ungeduldig auf und ab, während Applejack ihren Bruder begrüßte. „Wie war es in Manehattan, Applejack? Warum kommst du so spät? Wer ist das Pony da hinten? Hast du mir was mitgebracht?", bombardierte sie ihre Schwester mit Fragen, kaum das sie sich aus der Umarmung ihres Bruders gelöst hatte.
„Ich weis´ das du neugierig bis´, Apple Bloom, aber wir sollt´n schon alle längst im Bett sein. Ich erzähl´ dir gern alles morgen beim Frühstück, ja? Aber jetz´ lass uns reingeh´n, dann stell´ ich euch Rogue vor." Sie winkte ihrem Cousin zu, ihr nach drinnen zu folgen. Rogue stolperte auf die Beine und trat hinter ihr in das Farmhaus.
Applebloom und Big Macintosh hatte mehrere Öllampen entzündet, die die große Küche in ein warmes Licht tauchten. Die stetig leuchtenden Flammen glitzerten auf poliertem Geschirr, gebeiztem Holz und dem großen, alten Ofen. Rogue fühlte sich unwillkürlich an die Bilder von Stillleben erinnert, die das ´ländliche Leben´ zum Thema hatten. Es stimmte fast bis ins Detail. Dennoch gab es kleine, feine Unterschiede, die das Idyll von der lebendigen Realität unterschieden: Der Dielenfußboden war gepflegt, aber durch unzählige Hufe ausgetreten. Der Ofen war geputzt, aber viele kräftige Mahlzeiten, die darauf gekocht worden waren, hatten dennoch ihre Spuren darauf hinterlassen. Das Linol auf dem Küchentisch war abgewetzt, auch wenn es sauber glänzte.
Am eindringlichsten aber war der Geruch. Viele tausende Mahlzeiten hingen in diesen Wänden und erfüllten die Luft mit dem leichten Duft nach Äpfeln und warmen Fett. Und über allem anderen, der warme, lebendige Geruch nach den Tieren der Farm.
Vor allem das letzte war für das Stadtpony mehr als ungewohnt. Zu seiner eigenen Überraschung störte er sich jedoch nicht daran. Seltsamerweise erinnerte ihn dieser Raum sofort an die Küche seiner Mutter. Äußerlich hatten sie beiden Räume nichts miteinander gemeinsam, aber sie strahlten dasselbe, warme Gefühl aus – Die Wärme des Mittelpunkts einer Familie. Rogue währe jede Wette eingegangen, das sich hier im Haus auch eine Wohnstube befand, mit Sofa, Teppich und hübschen Bildern an der Wand. Und er hätte jede Wette gehalten, das die Apples nicht ein Viertel der Zeit dort verbrachten, die sie hier in der Küche zusammen saßen.
„Applebloom, Big Mac, das ist Rogue, unser Cousin aus Manehattan." Rogue riss sich aus seinen Überlegungen los und konzentrierte sich auf die beiden Pony´s seiner Familie, die er noch nicht kennen gelernt hatte. Apple Bloom saß direkt vor ihm und betrachtete ihn aus ihren großen, orangenen Augen. Ihre rote Mähne war etwas zerzaust, wahrscheinlich hatte sie schon geschlafen und war durch ihre Ankunft aufgeweckt worden.
Rogue lächelte freundlich und hielt ihr den Huf entgegen. „Hallo, kleine Lady. Es freut mich, dich kennen zu lernen." Das Fohlen betrachte seine Huf kurz, dann schüttelte es ihn kräftig. „Rogue, das is´ ja ein komischer Name." Sie kicherte leise.
Rogue warf einen kurzen Blick zu Applejack. „Ja, das höre ich öfter.", sagte er lächelnd. Er drehte sich zu dem großen Hengst um. „Und du musst Big Macintosh sein. Deine Schwester hat mir schon viel von dir erzählt." Er hob seinen Huf, um seinen Cousin zu begrüßen.
Big Mac packte seinen Huf und schüttelte ihn kräftige durch, so das ihm die Zähne klapperten. „Eeyup. S´ schön, einen vonner Familie ausser groß´n Stadt zu treff´n. S´ mächtig fein von dir uns unnere AJ widder zu bring´."
Rogue brauchte eine Sekunde, um die Worte in seinem Kopf zu sortieren. Big Mac´s Akzent war noch eine Spur tiefer als der von AJ. Er kratzte sich verlegen am Hinterkopf. „Um ehrlich zu sein, hat sie mich nicht weniger hierher gebracht, als ich sie. Es war eine lange und harte Reise." Tatsächlich konnte er nicht anders und gähnte im Anschluss daran kräftig und steckte prompt Apple Bloom damit an.
„Komm, Rogue, ich zeich´ dir dein Zimmer. Du schläfst ja fast im Steh´n ein." Applejack deute ihm zu folgen.
Er lief durch die Dunkelheit. Seine Hufe klackerten eine steten Rhythmus auf dem harten Untergrund. Sein Herz pochte wild in seiner Brust, nicht vor Erschöpfung, sondern aus Angst.
Schneller. Schneller! SCHNELLER!
Pear schrie irgendwo in der Dunkelheit vor ihm. Die Luft um ihn herum bekam die zähe Konsistenz von Honig, schloss ihn ein, verlangsamte seinen Galopp fast bis zum Stillstand. Rogue kämpfte gegen den plötzlichen Widerstand, kämpfte gegen seine Angst, kämpfte sogar um jeden Atemzug.
Wieder erklang der Schrei des Füllens in der Dunkelheit. Rogue wusste, er würde nicht schnell genug sein...
Einen schrecklichen Augenblick lang wusste er nicht wo er war. Das war nicht das Bett in seinem Apartment. Er lag auch nicht im kühle Gras ihres Lagerplatzes. Sein Herz raste noch immer vom Alptraum, der ihn aufgeweckt hatte und sein Laken fühlte sich klamm und durchgeschwitzt an.
Es war der Geruch nach Äpfeln, der ihn in die Realität zurückholte.
Das war das Gästezimmer der Sweet Apple Acres Farm. Das war das Gästebett, sofort an der viel zu weichen Matratze zu erkennen. Das war die Sonne des späten Vormittags, die langsam den Raum aufheizte und ihn schwitzen ließ. Das war er unter den dünnen Laken, ein erwachsenes Rettungspony. Zeit aufzustehen und die Schrecken der Nacht abzuschütteln.
Er glitt aus dem Bett auf die knarrenden Holzdielen und streckte sich. Seine Schultern waren immer noch verspannt und gaben einen dumpfen Schmerz von sich, als er sie vorsichtig beanspruchte. Obwohl er lange geschlafen hatte, fühlte er sich immer noch müde, zerschunden und wund. Und schmutzig. Er sah sich im Gästezimmer um. Die Wände des kleine Zimmer waren aus dem gleichen, rot gestrichenen Holz gemacht, wie der Rest des Hauses. Dicke, weißen Fachwerkbalken dazwischen trugen die ganze Konstruktion, viele von ihnen mit einem einfachen, geschnitzten Blättermuster verziert. Ein wuchtiger Schrank, grün bemalt, daneben eine dazu passende Kommode. Darauf stand eine Kanne und eine Waschschüssel aus einfachem Porzellan und ein paar weiße Handtücher. Kein fließendes Wasser in Sweet Apple Acres.
Rogue betrachtete die Schüssel kurz und seufzte dann. Wenn du in Roam bist... Er goss Wasser aus der Kanne in die Schüssel und wusch sich das Gesicht. Das kalte Wasser vertrieb wenigstens die Müdigkeit aus seinen Augen. Dennoch sehnte er sich nach einer Dusche. Er schlang sich das Handtuch um seinen Hals und balancierte die Schüssel mit Wasser auf seinem Rücken. Dann verließ er das Zimmer.
Das Farmhaus war still um ihn herum. Er ging die Treppe ins Erdgeschoss hinunter und blickte sich etwas scheu um. Alles was er hörte, waren die leisen Geräusche von Tieren hinter einer Tür zu seiner Linken und das leise Brodeln von kochendem Wasser aus der Küche. Rogue folgte dem letzteren und streckte den Kopf durch die Tür.
„Ähm... Hallo?", fragte er vorsichtig.
Eine alte, hellgrüne Mähre, die gerade an dem großen, altem Ofen beschäftigt war, wendete den Kopf zu ihm und schenkte ihm ein warmes Lächeln. „Rogue! Komm herein mein Junge! Ich bin gleich bei dir!" Die grauhaarige Stute schob den dampfenden Topf an den Rand des Herdes und wischte sich kurz die Vorderhufe an ihrer Schürze ab. Dann trotte sie langsam auf den jungen Hengst zu. Rogue hielt ihr unsicher den Huf zur Begrüßung entgegen. Die alte Stute hielt sich nicht lange damit auf und umarmte ihn statt dessen fest.
„S´ schön ma´ mein´ Neff´n persönlich´ kenn´ zu lern´." Sie löste sich langsam und betrachtete ihn eingehend von oben bis unten. „Wie groß du gewor´n bist. Deine Mutter hat mir ein paar Bilder geschickt, als du noch so klein warst. Ich bin Granny Smith, deine Großtante."
Rogue war noch etwas vertattert von der herzlichen Begrüßung. „Oh,... hallo, Tante Smith. Ich freue mich auch, dich endlich kennen zu lernen."
Die Mähre kicherte kurz „Nenn´ mich einfach Granny, das tun alle ausser Familie. So, möchteste´ was zum Frühstück´n? Wir stehn hier auf´m Land alle n´ bisschen früher auf und Applejack hat darauf bestand´n dich ausschlaf´n zu lass´n, also ham´ wir ohne dich gefrühstückt. Der Rest is´ schon auf´m Feld und das Mittachess´n is schon auf´m Herd. Aber ich kann dir ne Stulle schmier´n, wenn de´ hungrig bist."
Rogue hörte seinen Magen knurren, als er den köstlichen Duft wahr nahm, der durch die Küche schwebte. „Vielleicht ein kleines Butterbrot, wenn es dir keine Umstände bereitet, Granny. Ich will mir den Appetit für´s Mittagessen nicht verderben."
Granny lächelte. „S´ macht keine Umstände. Ich mach´ ein´ kräftigen Eintopf mit Möhr´n, Kohl, Kartoffel´n un´ Brokkoli, damit du und Applejack wieder zu Kräft´n komm´. Un´ ich hab noch ´n Apfelkuch´n, der schon auf´m Fensterbrett abkühlt." Sie drehte sich wieder zum Herd um und rührte in dem Eintopf.
„Äh, Granny?", fragte Rogue und trat verlegen von einem Huf auf den anderen. Die Mähre legte den Kochlöffel beiseite und sah zu ihm.
„Ja? Was is´, Sugarcube?"
„Wo... Also, äh... kann ich mich hier irgendwo... richtig waschen?", fragte Rogue betreten.
Granny kicherte kurz und sah ihn dann freundlich an. „Hinter´m Haus is´ die Pumpe. S´ nur kaltes Wasser, aber bei der Hitze wird's dir ohnehin gut tun. Da müsste auch irgendwo n´ Stück Seife lieg´n." Rogue nickte ihr dankbar zu und trottete zur Tür hinaus.
Als er aus dem kühlen Schatten des Farmhauses trat, traf ihn die heiße Luft des Tages wie ein feuchter Lappen im Gesicht. Die Felder rings um ihn herum brüteten in der Hitze der strahlenden Sonne. Viele von ihnen lagen brach, was immer auf ihnen gewachsen war, verdorrt und bereits untergepflügt. Der Boden war so ausgedörrt, das sich tiefe Risse in der Scholle gebildet hatten. Erst jenseits davon erstreckte sich, noch immer saftig und grün, der weitläufige Apfelhain. Rogue blieb kurz stehen und betrachtete die Szene mit gemischten Gefühlen. Dann ging er um die Scheune herum.
Die Wasserstelle war eine einfache Hufpumpe, die in einen langen Holztrog ragte. Der Boden ringsherum war mit Steinfliesen ausgelegt, um den Dreck fernzuhalten. Dahinter war ein nach oben offener Verschlag an das Farmhaus angebaut worden, dem ein Vorhang aus einfacher Zeltplane etwas Privatsphäre gab. Eine große Holzwanne und ein Blecheimer standen darin. Etwas skeptisch lugte Rogue hinein. Ein Schwamm, eine weiche Bürste und ein Stück Seife, das letztere befestigt an einem Stück Schnur, lagen in der Wanne. Wieder seufzte Rogue. Wenn die Pony´s in der Stadt von der Romantik des einfachen Lebens auf dem Land schwärmten, waren die sanitären Anlagen selten ein Thema. Man konnte sehen warum.
Rogue schüttet das Wasser aus der Waschschüssel aus und stellte sie mit dem Handtuch beiseite. Dann füllte er den Eimer an der Pumpe und kippte das klare Wasser in die Wanne. Dann füllte er ihn erneut und zog schließlich den Vorhang hinter sich zu. Er stieg vorsichtig in die Wanne – brr, das Wasser war wirklich kalt! - und begann sich mit dem Schwamm einzuseifen.
So ungewohnt die Umstände für ihn auch waren, er begann es schnell zu genießen. Das Wasser spülte den Schweiß und Dreck der Reise von seinem Körper und die Kälte erfrischte ihn aufs Angenehmste. Seine wunden Muskeln ächzten immer noch bei jeder Bewegung, aber das klebrige Gefühl, dessen er sich seit dem Aufstehen so bewusst geworden war, ran in trüben, schillernden Strömen sein Fell hinab. Als er den Eimer über sich ausleerte, um den Rest des Schmutzes und der Seife aus seinem Fell zu waschen, fühlte er sich wie ein komplett neues Pony. Er schüttelte seine Mähne aus und hievte die Wanne auf die Seite, so dass das Schmutzwasser heraus laufen konnte. Dann trottete er aus dem Schatten der Scheune in die warme Sonne und legte sich mit dem Bauch in das trockene Gras. Die Wärme trocknete sein Fell, drang tief in seinen Körper und entspannte ihn. Er lag dort, hinter der Scheune, atmete den Duft der trockene Gräser ein und hörte den Lauten der Zikaden zu, die ihr Lied in der Hitze sangen.
Er hatte heute noch viel zu tun. Er musste Applejack nach dem Mittagessen zum Ponyville Hospital bringen und den Papierkram erledigen. Dann würde er im Dorf Vorräte für den Rückweg besorgen. Er musste den Wagen abladen und alles irgendwie so an sich verstauen, das er es tragen konnte.
Er drehte sich auf den Rücken und ließ die Sonne auch sein Bauchfell trocknen. Das alles würde ihn mindestens bis zum späten Nachmittag beschäftigen. Dann würde es zu spät sein, um noch aufzubrechen. Wieder seufzte er. Währe er nur früher aufgestanden... Aber dann schüttelte er den Kopf. Er hatte eine lange Reise hinter sich und eine nicht weniger anstrengende vor sich. Er hatte den Schlaf gebraucht. Es währe mehr als dumm sich umgehend wieder auf den Rückweg zu machen. Er brauchte etwas Ruhe um sich zu erholen, um dann gestärkt den Rückweg anzutreten. Er würde Applejack bitten, noch eine Nacht hier bleiben zu dürfen und dann wieder aufbrechen.
Er rollte sich auf die Seite und betrachtete die gelben Halme direkt vor seinem Gesicht. Ein winziger Käfer, kaum größer als ein Haarfollikel, kletterte ein vergilbtes Blatt empor. Der kleine schwarze Punkt erreichte die Spitze des Halmes und breitete seine Flügel aus. Dann war er verschwunden.
Seine Mutter hatte ihm gesagt, er solle hier zumindest ein paar Tage verbringen. Ponyville war so ein schöner Ort, hatte sie gesagt. Sein Vater war nicht dort gewesen, um ihn zu verabschieden. Er war sicherlich damit beschäftigt, die Fabriken der Stadt in Betrieb zu halten, also konnte Rogue das verstehen. Aber dennoch...
Steady Runner war nie wirklich mit der Wahl von Rogue zufrieden gewesen. Sicher, der Rettungsdienst war ein angesehener Beruf in der Stadt, aber der junge Hengst war sich sehr wohl des bedeutungsvollen Schweigens bewusst, das seinen Vater ergriff, wann immer er seinen Eltern von seinen Einsätzen erzählte. Rogue glaubte, das sein Vater stolz auf ihn war... aber tief in sich drin auch verletzt darüber, das sein einziger Sohn nicht in seine Fußstapfen getreten war. Steady Runner war eine stilles, ruhiges Pony. Er war immer sehr rational, fast das es Gefühlskälte grenzte. Man musste ihn über Jahre kennen, um die wenigen Zeichen zu deuten, die über sein Gemüt Auskunft gaben. Er gab sich sichtlich Mühe, sich für die Arbeit seines Sohnes zu begeistern, aber gleichzeitig...
Rogue schlang seinen Vorderlauf über seine Augen, um sie vor der blendenden Helligkeit zu schützen, die durch seine Lider drang.
Er war seinem Vater immer ähnlicher gewesen, als seiner Mutter. Er war von Natur aus Introvertiert, konservativ und zurückhaltend. Seine Mutter erst lehrte ihn aus sich herauszugehen, frei zu denken und für die eigene Meinung einzustehen. Steady war sich durchaus seiner Defizite bewusst und wünschte sich sicherlich nicht, das sein Sohn darunter so zu leiden hatte, wie er. Aber das entfernte die beiden gleichzeitig voneinander. Sein Eintritt in die Manehattan Central Ambulance hatte einen tiefen Keil zwischen sie getrieben. Tiefer, als sie es sich beide eingestehen wollten. Am Anfang war Rogue wütend auf seinen Vater gewesen, weil dieser seine Entscheidung nicht zu akzeptieren schien. Doch mit der Zeit hatte der junge Hengst erkannt, das es sein Vater war, der jedes Recht darauf hatte wütend zu sein. Dennoch war er es nicht. Er war nur... enttäuscht. Steady liebte seinen Sohn noch immer über alles, aber jedes mal, wenn er Rogue sah, wurde er an diese Enttäuschung erinnert. Er betrachtete es als ein persönliches Versagen, seinen Sohn nicht dorthin gebracht zu habe, wo er es selbst hingeschafft hatte. Und weil Steady Runner eben Steady Runner war, zog er sich eher zurück, als darüber zu reden. Und weil Rogue der Sohn seines Vaters war, akzeptierte er das. Und sie verletzten sich beide damit nur noch mehr.
Rogue erhob sich langsam und trotte in Richtung Küche zurück. Das schöne, erfrischende Gefühl des Bades war verschwunden und hatte einem dumpfen Gefühl der Schuld platz gemacht.
„Vielen Dank, Granny, für die Gänseblümchen-Brote!", sagte Rogue, als er sich vom Tisch erhob. Die alte Mähre nickte ihm fröhlich zu und sah aus dem Fenster nach ihrem Kuchen. „Was has´ du heute vor, Sugarcube?", fragte sie.
Der junge Hengst kratzte sich verlegen hinter dem Kopf. „Ich wollte mich bis zum Mittagessen noch etwas auf der Farm umsehen, wenn das in Ordnung geht. Dann muss ich mit Applejack in die Klinik und den Papierkram erledigen."
Granny nickte und deckte den Kuchen mit einem Küchentuch ab. „Mach das, mach das. Kannst du Applejack und Big Mac vom Feld hol´n, wenn´s Ess´n fertich is´?", fragte sie.
„Ja, das kann ich machen. Ruf einfach nach mir, ich bleibe in der Nähe."
Rogue verließ die Küche und ging auf der anderen Seite der Scheune herum. Die improvisierte Ambulanz stand noch ebenso an ihrem Platz, wie Sie sie gestern Abend geparkt hatten. Er packte das Sanitätsmaterial von der Ladefläche und trug es erst einmal in das Gästezimmer. Dann begann er nach und nach die leeren Apfelwannen abzuladen.
Er zog die letzte Wanne vom Karren, als er ein kleines, pelziges Bündel dahinter entdeckte. Überrascht stellte er die Wanne neben dem Wagen ab und kletterte auf die Ladefläche. Vorsichtig näherte er sich der kleinen, braunen Pelzkugel. Dann stupste er sie sanft mit der Schnauze an.
Das Eichhörnchen schnellte wie eine Springfeder fast einen Meter in die Höhe. Es klammerte sich sofort an den weißen Laken der Seitenverkleidung fest und versuchte, daran emporzuklettern. Seine kleinen Krallen rutschten daran ab und es fiel zurück auf den Holzboden. Verzweifelt hechtete es unter das Brett des Kutschbocks, die einzige Deckung, die auf dem Wagen zurückgeblieben war.
Rogue ließ sich auf den Bauch nieder, um das Tierchen, das sich in einer Ecke zusammengerollt hatte und ängstlich zitterte, durch seine Größe nicht noch mehr zu erschrecken.
„Hey, hey, ganz ruhig. Ich tu´ dir nichts.", sagte er sanft und schob sich dabei langsam nach vorne. Das Eichhörnchen betrachtete in aus einem dunklen, verschreckten Auge. „Bist du den ganzen weiten Weg mit uns gekommen?", fragte Rogue leise. Er streckte zaghaft seinen Huf aus und berührte das weiche Fell des Tieres. Es erschauderte unter seiner Berührung. Langsam, vorsichtig begann er das Eichhörnchen zu streicheln. „Du bist ganz schön weit weg von Zuhause." Das kleine Tierchen zitterte noch immer, aber es versuchte zumindest nicht mehr zu fliehen. Rogue zog seinen Huf zurück und schob sich auf dem Bauch noch etwas näher heran. „Weißt du den Weg zurück nach Hause?" Das Eichhörnchen legte schützend seinen buschigen Schwanz um sich. Aber es schüttelte zaghaft seinen kleinen Kopf. „Ok. Das ist schlecht." Rogue strich sich mit dem Huf über das Kinn. Dann betrachtete er das kleine Bündel eingehend. „Hör zu, ich weiß, wir hatten einen schlechten Start. Du hast meine Nüsse geklaut und ich hab dich über die halbe Lichtung gejagt." Der junge Hengst rollte mit den Augen. „Und ich hab dich fast vom Baum geschüttelt. Ich sage einfach mal wir sind quitt, okay?" Er hielt seinen Huf unter den Kutschbock. Das Eichhörnchen entrollte sich langsam. Vorsichtig, zögernd, näherte es sich dem entgegen gestreckten Huf und schnupperte zaghaft daran.
Rogue kniff die Augen zusammen. Bitte nicht beißen, bitte nicht beißen... dann spürte er eine sanfte Berührung an seiner Hufspitze. Er wagte es, ein Auge zu öffnen. Das Eichhörnchen hielt seine kleine Pfote gegen seinen Huf. Hat er mich gerade geBrohooft?, fragte sich Rogue überrascht. Das kleine Tier zog sich wieder zurück und erhob sich auf seine Hinterpfoten. Die kleinen, dunklen Augen betrachteten Rogue neugierig. Der junge Hengst zog seinen Vorderlauf zurück und erwiderte den Blick. „Sooo,... du hast dich sozusagen... verlaufen. Wie wäre es, wenn wir es so machen: Du hältst dich in Zukunft von meinen Nüssen fern und ich nehme dich auf dem Rückweg wieder mit? Ich komme auf der Heimfahrt nach Manehattan sowieso wieder an deinem Wald vorbei. Wie klingt das?" Das Eichhörnchen leckte sich über die Pfoten und strich dann über seine kleinen, buschigen Ohren. Es schien... verlegen zu sein? „Hör zu, das ist ebenso seltsam für mich wie für dich, ja? Ich mag es nicht, wenn mich jemand bestiehlt, aber ich schätze, beim ersten Mal hattest du Hunger und beim zweiten Mal war ich dumm genug mein Zeug nicht gut genug wegzupacken. Also, halt dich an mich, oder lass es bleiben." Rogue stemmte sich auf die Vorderläufe und betrachtet das kleine Tier skeptisch von oben. Es sah zu ihm empor und kratzte sich mit seiner Kralle an seiner Vorderpfote. Ja, das war eindeutig ein Ausdruck von Verlegenheit.
Dann sprang es Rogue entgegen. Seine kleinen, scharfen Krallen fanden mühelos Halt im dichten Fell von Rogue´s Vorderlauf, als es flink daran empor lief. Erschreckt zuckte das Rettungspony zurück, während das Eichhörnchen sich geschickt weiter an ihm hoch hangelte. „Hey, was? Das kitzelt!", rief Rogue aus und tänzelte zurück. Das Tierchen schwang sich auf seinen Rücken und krallte sich an seinem langen Hals fest. „Langsam! Langsam!" Der Hengst fiel fast hinterücks vom Wagen hinunter. Dann realisierte er, dass das Eichhörnchen ihm nicht an die Kehle wollte, sondern... Ihn umarmte!
Er kichert leise, als die kleinen Krallen seine Haut unter dem Fell kitzelten. „Schon gut, schon gut. Ich mach das gerne." Das Tierchen ließ ihn los und kletterte zurück auf seinen Rücken. Rogue wandte den Kopf und blickte es lächelnd an. „Tätlicher Angriff auf ein öffentlich bedienstetes Pony, was? Du bist ein echter Bandit!" er überlegte kurz. „Das währe ein guter Name für dich. Was hältst du davon, Bandit?" Das Eichhörnchen stand auf seinem Rücken und nickte heftig. Rogue lachte laut. „Alles klar, Bandit. Halt dich an Rogue, dann bringen wir dich im Hufumdrehen zurück in deine Räuberhöhle!"
Er war gerade dabei das improvisierte Holzgestell vom Karren zu reißen, als er einen Ruf aus dem Farmhaus vernahm. „Rogue! Das Ess´n is´ fertich´. Applejack un´ Big Mac sin´ im Hain. Apple Bloom kommt auch gleich ausser Schule."
Rogue spuckte die Holzlatte in seinem Mund aus und rief zurück: „Alles klar, Granny! Ich gehe sie holen!" Er räumte die Reste des Karrenaufbaus beiseite und sprang dann von der Ladefläche. Bandit hatte seine Arbeit auf der Deichsel sitzende betrachtet und hüpfte von der Seitenwand auf seinen Rücken. Rogue kicherte, als sich die kleinen Pfoten an seinem Pelz festhielten. „Bereit für einen Ausflug?", fragte er seinen Begleiter abenteuerlustig. Ein leisen Quieken war alles, was er als Antwort brauchte. Rogue stemmte seine Hinterläufe in die trockene Erde und galoppierte los. Er spürte, wie sich die kleinen Krallen tiefer in sein Fell gruben und eine ängstlicher Laut von seinem Rücken drang. „Halt dich gut fest!", rief er, als er durch das Tor der Farm preschte und auf der staubigen Straße weiter beschleunigte. Der weiß gestrichene Zaun zu seiner Linken ging ihm bis zu den Schultern und trennte den Hain von der Straße ab. Als der Weg einen Knick machte senkte Rogue entschlossen den Kopf und kniff die Auge zusammen. „Yeehaa!" Seine Hinterläufe stemmten sich in den Boden und stießen ihn kraftvoll ab. Das weiße Holz segelte unter ihm hinweg und seine Hufe griffen in das weiche Gras zwischen den Apfelbäumen. Ohne auch nur langsamer zu werden, stürmte Rogue unter dem Schatten des Haines durch die sauberen Reihen der Bäume. Hier war das Gras noch grün und saftig und die Hitze war abgemildert durch die dichten Blätter. Er konnte nicht anders und lachte, laut und fröhlich, als sein Galopp ihn tiefer und tiefer zwischen die Apfelbäume führte. Seine kurze Mähne wippte im steten Rhythmus seiner Hufe und sein Schweif peitschte im Wind. Die braunen Stämme wurden zu verwischten Schemen, als er weiter beschleunigte. Er lief ein Rennen gegen sich selbst. Da hinter ihm war seine Sorgen und Ängste und vor ihm... war der grüne Hain, der Duft nach Gras und Sommer.
Er lief noch einige Minuten so weiter, bis er schließlich, kaum außer Atem, inmitten des Hains langsam zum Stillstand kam. Er sah sich zu Bandit auf seinem Rücken um und und konnte sich ein Lachen nicht verkneifen, als das kleine Eichhörnchen sich noch immer ängstlich an sein Fell klammerte. „Das ist dafür, das du mir nur eine Nuss übrig gelassen hast.", sagte er kichernd. Dann strich er Bandit beruhigend mit der Schnauze über den Rücken. „Ganz ruhig. Ich lasse es jetzt etwas langsamer angehen." Das kleine Tierchen lockerte seinen Griff und schenkte ihm einen bösen Blick. Das brachte Rogue nur noch mehr zum Lachen. Schließlich sah er sich um. Rings um ihn herum stand der Hain dicht mit den grünen Apfelbäumen. Er war einige Minuten im vollen Galopp gerannt, aber der Hain schien noch kein Ende zu nehmen. Wie konnte er Applejack und Big Mac hier finden?
„Applejack! Big Mac!", rief er laut zwischen den Stämmen hindurch. Sein Ruf verhallte ohne Antwort. „Na, da hab ich mir ja was schönes eingebrockt.", murmelte Rogue zu sich selbst.
„AJ! Big Mac!", rief er noch einmal. Dann lauscht er angestrengt. Immer noch keine Antwort. Er zuckte mit den Schultern. „Dann suchen wir sie eben."
Die endlosen Reihen der Apfelbäume erstreckten sich in alle Richtungen von ihnen weg. Rogue trottete zwischen ihnen hindurch und rief immer wieder nach seiner Cousine und ihrem Bruder. Er hatte geahnt, das Sweet Apple Acres groß war, aber so groß? Wie sollte er die beiden hier finden?
Er rief noch einmal und hörte seine Stimme zwischen den kräftigen Stämmen der Bäume verhallen. Dann spürte er ein Zupfen an seiner Mähne. Er drehte seinen Kopf und sah Bandit, der an den Strähnen seines Kopfes zog und aufgeregt in eine Richtung links von ihnen zeigte. Seine kleinen Ohren mit den langen Fellsträhnen waren weit aufgerichtet und drehten sich suchend hin und her. Rogue blieb stehen und spitzte seinerseits die Ohren. Nein, nichts... Doch! Ein entfernter Laut drang an sein Ohr, der sich von dem immer gleichen Zirpen der Zikaden um ihn herum unterschied. Es war kein Rufen, es war... ein Bellen?
Ein braun-weißer Schemen huschte zwischen den Bäumen auf sie zu. Mit einem angstvollen Quieken huschte Bandit auf Rogue´s Kopf, so weit vom Boden entfernt wie möglich. Rogue tänzelte zurück, als der Hund kurz vor ihm stoppte und aufgeregt an ihm hochsprang.
„Winona! Aus! Aus!", rief Rogue und versuchte Raum zwischen sich und den Hund zu bringen. Wenigsten erinnerte er sich an den Namen des Hofhundes von gestern Abend. Bandit krallte sich an seinem Kopffell fest und keckerte aufgeregt. „Ach, verdammt! Winona! Aus!", Rogue stampfte vor der Schnauze des Hundes mit beiden Hufen auf und ging in Angriffshaltung. Er hoffte, der Hund von Applajack würde seine Körpersprache verstehen und das Eichhörnchen auf seinem Kopf vergessen. Tatsächlich, zu Rogue´s Überraschung, winselte Winona kurz und trat unsicher ein paar Schritte zurück. Dann ließ sie sich auf die Hinterbeine nieder und sah ihn unsicher an.
Rogue sah nach oben. „Ganz ruhig, Bandit." Das kleine Nagetier auf seinem Kopf hielt sich an den Spitzen seiner Ohren fest und blickte streitlustig zu dem Hund hinüber, dessen Augen jede Bewegung verfolgten. Rogue rieb sich kurz mit einem Huf über das Gesicht. „Ok. Winona?" Der Hund sprang auf seine Pfoten und hechelte aufgeregt. „Das ist Bandit." Rogue zeigte mit einem Huf auf das Eichhörnchen auf seinem Kopf. „Bandit: Das ist Winona. Ich will, das ihr euch vertragt, ja? Kein Beißen, von keinem von euch, ok?" Winona nickte mit dem Kopf, hielt dabei aber immer ihren Blick auf Bandit gerichtet. Rogue drehte seine Augen nach oben. Bandit hielt immer noch seine beiden Ohren in seinen Pfoten und gab einen aggressiven Laut von sich. „Bandit! Das gilt auch für dich!", sagte Rogue streng und hielt seinen Blick nach oben gerichtet. Das Eichhörnchen blickte kurz nach unten, dann kletterte es flink seinen Hals hinunter auf den Rücken des Rettungsponys. Rogue sah kurz zwischen den beiden hin und her. Winona saß brav vor ihm und hechelte mit der Zunge. Bandit hatte sich auf die Hinterbeine gestellt und putzte betont abwesend sein Fell. Rogue stutzte kurz. „Nuuuun...", sagte er gedehnt, „Das war einfacher, als ich gedacht habe." Er warf noch jeweils einen misstrauischen Blick auf die beiden. Er traute dem Frieden nicht ganz.
„Winona!" Der Hund sprang bei seinem Ruf auf und bellte aufgeregt. „Kannst du mich zu Applejack bringen? Wo ist Applejack?" Winona bellte noch einmal aufgeregt, dann sauste sie zwischen den Apfelbäumen davon. „Halt dich fest, Bandit!" rief Rogue und eilte dem Hund im Galopp hinterher. Wie beim Tartarus habe ich das gerade gemacht?, fragte sich Rogue.
Winona führte sie zielsicher durch den Hain. Sie fanden Applejack und Big Mac in einer abgelegenen Ecke der Apfelplantage, wo sie gerade einen Wagen mit großen Holzwannen voll von reifen Äpfeln beluden. Ächzend schob Applejack die letzte Wanne auf die Ladefläche und wischte sich dann mit dem Huf den Schweiß von Stirn. Als sie Rogue sah, der durch die grünen Apfelbäume auf sie zu galoppierte, lächelte sie.
„Gut´n Morg´n, Rogue! Na, gut ausgeschlaf´n?", fragte sie ihn, als der junge Hengst langsamer wurde und schließlich vor ihnen stehen blieb.
„Guten Morgen, AJ. Ich bin noch ein bisschen wund von der Fahrt, aber ansonsten habe ich gut geschlafen.", log Rogue grinsend. „Granny hat das Mittagessen fertig. Ich soll euch beide abholen." Er nickte Big Macintosh zu, der sich gerade selbst vor den Wagen spannte. Applejacks Bruder sah zwischen den langen Strähnen seiner Mähne hindurch und grinste kurz. Die drei Pony´s machten sich auf den Weg zurück zum Farmhaus.
Rogue trottete neben Applejack her und sah sich noch immer mit großen Augen im Apfelhain um. Seine Cousine bemerkte seinen Blick und stieß ihn mit ihrer Flanke an.
„Gefällt es dir?", fragte sie ihn.
Rogue sah kurz zu ihr und ließ dann seinen Blick weiter über die weiten Reihen der Apfelbäume streifen. „Es ist einfach wunderbar. Ich hätte nie gedacht, das es so... groß ist. Ich dachte, der Central Park währe riesig, aber hier passt er gleich ein paar Mal rein. Als ich euch gesucht habe, bin ich einfach losgelaufen, immer der Schnauze nach. Es hat sich angefühlt, als könnte ich ewig so weiter rennen. Ein tolles Gefühl." Er sah auf Big Mac, der neben ihnen den Wagen zog. „Aber es ist auch ein ganzer Haufen Arbeit, oder?"
Applejack nickte ernst. „Wir ham´ aus den Felder´n noch rausgeholt, was ging, aber wir ham´ den ganzen Salat un´ n´ großen Teil vone´ Rüb´n verlor´n. Die Karott´n ham´ auch ordentlich was abgekriegt, aber wir konnten sie reinhol´n, bevor sie verdorb´m war´n. Jetzt geht's noch um die Appelbäume."
Rogue sah zu den grünen Blättern empor, die ein sanft durchbrochenes Dach über ihnen bildeten. „Was ist mit ihnen? Sie sehen eigentlich ganz gut aus."
AJ sah ihn kurz an, dann führte sie zu einem der dicken Stämme am Rande des Pfades. „Pass auf.", sagte sie und positionierte ihre Hinterläufe vor dem Baum. Mit einem heftigen Ruck schlugen ihre Hinterläufe aus und gaben dem Stamm einen kräftigen Tritt. Der Baum war schon geerntet worden, so das keine Äpfel auf die beiden fielen, dafür rieselten langsam Blätter um sie herum zu Boden. Applejack strich mit ihrem Huf durch das frisch gefallene Laub. „Siehste? Je länger die Dürre dauert, umso mehr werd´ns." Sie setzten zusammen ihren Weg fort. „Unnere Appelbäume sind stark un´ könn einiges ab. Sin´ ja schon seit Generation´ hier inner Erde verwurzelt. Aber selbst wenn´s Morg´n regnen würd´, hat sie die Dürre mitgenohm´. Sie werd´n anfälliger für Krankheit´n un´Schädlinge. Un´ egal was noch passiert, die Ernte wird mindestens die nächst´n zwei Jahre geringer ausfall´n. Wir hoff´n einfach drauf, das Cloudsdale uns inner nächsten Woche n´ bisschen Reg´n bringen kann. Big Mac hat gesacht, das sie vor zwei Tag´n nen Regen liefer´n wollt´n. Aber sie ham´s wohl nich´ geschafft."
Rogue betrachtete Applejack, während er neben ihr hertrottet. „Du machst dir Sorgen um die Farm, habe ich Recht?"
Seine Cousine sah kurz zu ihm, dann konzentrierte sie sich wieder auf den Weg. Ihr Blick glitt in die Ferne. „S´ währ´ einfacher, wenn da irgendwo ein Silberschweif am Horizont wär´. Meine Freundin, Twilight, arbeitet zusamm´ mit den Prinzessinnen an dem Problem. Aber sie sacht, das se´ immer noch nich versteh´n wohin die Wolk´n verschwind´n. Ich weiß einfach nich´, wie es weiter geh´n soll, wenn den ganze Sommer kein´ Reg´n fällt. Es... es macht mir Angst, wenn ich daran denk´."
Rogue nickte langsam. Es schmerzte ihn, Applejack so niedergeschlagen zu sehen. Wenn er doch nur etwas tun könnte, um ihr zu helfen. Aber was verstand er schon von der Farmarbeit? Alles was er ihr anbieten konnte, war...
Er räusperte sich nervös. „Ich... Ich könnte noch etwas hier bleiben. Es sieht ja so aus, als könntet ihr jeden Huf auf der Farm gebrauchen. Ich habe etwas Urlaub und könnte euch noch ein paar Tage helfen. Wenn du nichts dagegen hast, natürlich."
Abrupt blieb Applejack stehen. Überrascht drehte sich Rogue zu ihr um.
„Nein.", sagte sie bestimmt und schüttelte ihren Kopf. „Du has´ schon mehr als genuch für mich getan, Rogue. Das kann ich nich´ annehm´. Ich weiß´ schon jetz´ nich´, wie ich dir jemals dank´n soll. Du bist immer bei uns willkomm´ un´ kannst bleib´n solang´ du willst, aber das is´ einfach zu viel."
Rogue sah sie verwirrt an. „Aber darum geht es doch gar nicht! Ihr seid Teil meiner Familie! Ich helfe euch gerne!"
Applejack ließ wieder ihren Kopf sinken. Ihr Gesicht war unter der Krempe ihres Hutes verborgen. Rogue trat langsam an sie heran und schob den braunen Stetcolt mit seiner Schnauze nach oben, um ihr in die Augen zu sehen. „Oder ist es, weil du mich nicht hier haben willst? Wegen... wegen dem was auf der Fahrt passiert ist?"
Applejacks großen, grünen Augen blickten ihn erschrocken an. „Nein! Bitte glaub´ das nich´!" Sie sah betreten zur Seite. „S´ einfach nur... ich will einfach nich´ das du glaubst, das du das mach´n müsstest. Nich´ weg´n der Familie un´ nich´ weg´n mir. S´ einfach so..." Sie stampfte ärgerlich mit dem Huf auf. „Da seh´n wir uns Jahre nich´ un´ plötzlich bis´ du da und reißt dir für mich die Hufe aus, so als wär´n wir nie aussernander gewes´n. Als wär´n wir immer noch Füll´nfreunde ´durch dick un´ dünn´. Das mit der Fahrt hierher konnt´ ich ja noch versteh´n, du bist n´ Rettungspony un´ das is´ dein Ding. Aber jetzt willste auch noch auf meiner Farm schuft´n? In deim Urlaub? Was soll´n ich da sag´n?"
Rogue dachte kurz nach. Dann lächelte er. „Wie währe es mit: Ja, klar, du bist eingestellt?"
Applejack blickte ihn einen Moment lang ungläubig an. Dann musste sie selbst kichern.
„Ich habe sowieso keine Ahnung von der Farmarbeit. Machen wir es doch einfach so: ich packe mit an, wo ich kann und bekomme dafür freie Kost und Logis. Hört sich doch nach einem fairen Deal an."
Applejack kicherte noch immer. Sie wischte sich mit ihrem Huf über die Augenwinkel. „Wohl kaum. Ich hau´ dich dabei eiskalt über´s Ohr."
Rogue machte eine abfällige Geste. „Du bist hier die knallharte Geschäftsstute. Und so lange du mich so schnell über den Tisch ziehst, das ich die Reibungshitze als Nestwärme empfinde, sollte alles klar gehen."
Lachend setzten sie zusammen ihren Weg fort, Big Mac hinterher, der bereits einiges an Vorsprung gewonnen hatte.
„Rogue?"
„Mhm?"
„Da sitzt so´n kleines Tierchen auf deim´ Rücken."
„Ich weiß. Lange Geschichte." Er erzählte sie ihr, während sie gemeinsam zurück zum Farmhaus gingen.
„Das war super!", Rogue schob satt seine Schüssel von sich und lehnte sich in dem Küchenstuhl zurück, während er sich mit dem Huf über seinen vollen Bauch streichelte. Granny Smith lächelte, dankbar über das Kompliment, während Apple Bloom die Teller zusammenstellte. „S´freut mich dasses dir geschmeckt hat. Un´ das du noch n´ bisschen bleibts. Ich würd´ gerne hör´n wie Apple Flavour sich inner groß´n Stadt macht." Granny stellte den Kuchen auf den Tisch. Applejack nahm das Messer in den Mund und begann damit ihn zu zerteilen.
„Von all´n hab ich am wenigst´n erwartet, dasses ausgerechnet sie is´, dies´ in die große Stadt zieht. Sie hat immer so fest mit allen vier Huf´n inner Erde gestand´n. Kann kaum glaub´n dasse dort ihr Glück gefund´n hat." Die Alte Mähre seufzte wehmütig. „Aber wo die Liebe hinfällt..."
Rogue durchfuhr es heiß und kalt. „Ich habe ganz vergessen, das ich euch alle von ihr grüßen soll." Applejack schob ihm lächelnd eine Stück des Apfelkuchens herüber. Rogue betrachte es skeptisch. Der Eintopf hatte herrlich geschmeckt und er hatte glatt noch einen Nachschlag verlangt. Eigentlich war er satt... vorsichtig probierte er ein Stück.
„Das Geheimnis is´ der Zimt." sagte Granny später, als sie Rogue sein drittes Stück vom Kuchen reichte. Das Rettungspony machte sich sofort darüber her, als wäre er am Verhungern. Egal wie satt er war – das da war ein kleines Stück vom Himmel auf seinem Teller. Jeder Apfelkuchen, den er bisher gegessen hatte, war Sägemehl im Vergleich zu dieser Delikatesse.
„Granny´s Kuch´n is´ nich´ umsonst das Land auf un´ ab bekannt.", sagte Applejack kichernd, während sie ihren Cousin dabei beobachtete, wie er sich über die Nachspeise hermachte.
„Oh, Celestia, ich lecke gleich den Teller sauber.", schnaufte Rogue, während der letzte Bissen in seinem Mund verschwand. Schließlich musste er aber kapitulieren. Granny stellte die wenigen Reste des Apfelkuchens, die übrig geblieben waren, in den Schrank und schenkte allen noch etwas Apfelsaft aus der Kanne nach.
„Macht ihr euch gleich auf´m Wech inne Klinik?", fragte sie und nahm selbst einen Schluck von dem kühlen Saft.
Applejack blickte überrascht auf. „Was wieso das´n?"
Rogue rollte kurz mit den Augen. „Ich muss dich ganz offiziell dem Krankenhaus in Ponyville übergeben und dann deine Formulare abzeichnen lassen. Wahrscheinlich machen sie noch ein paar Untersuchungen mit dir, aber das sollte nicht lange dauern. In so guter Verfassung wie zu jetzt bist, lassen sie dich bestimmt im Hufumdrehen wieder gehen."
Applejack gab einen Laut des Unmuts von sich und sprang von ihrem Stuhl. „Also gut, wenn´s den sein muss. Aber lass uns am besten gleich aufbrech´n, ich hab´ heut´ noch viel Arbeit vor mir . Je eher dahin, desto eher davon, sach´ ich nur."
Rogue stand ebenfalls auf und folgte ihr.
„So in etwas habe ich es mir vorgestellt.", sagte Rogue, während er sich neugierig umschaute. Er und Applejack gingen im gemächlichen Tempo die Hauptstraße von Ponyville hinunter. Die hell gestrichenen Fachwerkhäuser zu beiden Seiten der Straße leuchteten in der Mittagssonne, während die vielen Bäume, die mitten in Dorf wuchsen, kühlen Schatten spendeten. Das war es, was das Stadtpony am meisten überraschte – Ponyville war so... grün. In Manehattan musste man in den Park gehen, um irgendetwas zu finden, das grün und gewachsen war. Hier hingegen.. Wilder Wein kletterte die Wände der alten, strohgedeckten Häuser empor, aus Blumentöpfen an Fensterbrettern hingen ganze Vorhänge von Blumen, Büsche und Hecken säumten die Nebenstraßen und grünes Gras spross zwischen den Gebäuden.
Applejack schenkte ihm eine Lächeln und begrüßte einige der Ponys, denen sie auf ihrem Weg begegneten. „Enttäuscht?", fragte sie ihn.
Rogue schüttelte mit dem Kopf, ohne sich beim Umschauen stören zu lassen. „Nein, wirklich nicht. Meine Mutter hatte recht. Es ist tatsächlich sehr schön hier."
„Ja, das ises´, oder? Ich bin so froh, wieder hier zu sein. Ich hab´s wirklich vermisst."
Rogue warf seiner Cousine aus den Augenwinkeln einen kurzen Blick zu. Es stimmte, er sah es ihr sofort an. Ihre Augen strahlten heller, ihr Gang war leichter, fast federnd und sie trug ein breites Lächeln auf dem Gesicht. Sie wirkte einfach... glücklich. Rogue freute sich, als er das sah. Als Applejack zurück nach Ponyville und Sweet Apple Acres gekommen war, war es, als hätte man einen entwurzelten Baum zurück in die Erde gestellt. Hier war ihre Heimat, hier gehörte sie hin und nur hier konnte sie richtig aufblühen.
„Wenn wir inner´ Klinik fertig sin´, könn´ wir auf´m Markt noch n´ paar Einkäufe mach´n. Ich hab meine Freundinnen zum Abendess´n eingeladen un´ Granny kocht groß auf. Da lernst´ du sie dann alle kenn´. Naja, bis auf Rainbow Dash natürlich." Applejack´s Gesicht bekam einen abwesenden Ausdruck, als sie an ihre Freundin dachte, die in Cloudsdale zurückgeblieben war. Rogue trottete schweigend neben ihr und überließ seine Cousine ihren Gedanken. „Ich bin mir sicher, ihr geht's gut. S´ nur schade, das sie heut´ abend nich´ dabei sein kann.", brachte AJ schließlich mit einem leisen Seufzer heraus.
Rogue schenkte ihr ein aufmunterndes Lächeln und sie setzten ihren Weg fort.
„Ein Stempel hier, und einer da und hier noch eine Unterschrift vom Arzt." Rogue ging mit einer Krankenschwester, einer blauen Stute mit grüner Mähne, die sie sich hinter dem Kopf zu einem altmodischen Dutt gebunden hatte, gerade den Papierkram durch. Applejack war in eines der Behandlungszimmer gebracht worden, wo eine weitere Schwester, die sich als ´Redheart´ vorgestellt hatte, ein paar einfache Untersuchungen mit ihr anstellte, bis der Doktor nach ihr sehen konnte.
„Sie kommen den ganzen Weg aus Manehattan?", fragte ihn die Schwester, die sich ihm als ´Tenderheart´ vorgestellt hatte.
Rogue kratzte sich verlegen hinter dem Kopf. „Ja, drei Tagesreisen mit der Ambulanz. War eine ganz schöne Strecke."
„Das glaube ich gerne." Schwester Tenderheart drückte die Stempel auf die Formulare und reichte sie Rogue. „Der Doktor kommt gleich, dann kann er ihnen die Unterschrift geben. Wollen sie gleich wieder los?"
Rogue schüttelte den Kopf. „Nein. Ich habe Verwandtschaft hier, bei der ich bleiben kann. Äh...", Er sah sich kurz unsicher um. „Ich will ja nicht neugierig sein, aber wie läuft das hier so bei ihnen auf dem Land? Haben sie auch so viele Schwierigkeiten mit der Hitze?"
Die Krankenschwester steckte ihren Bleistift in ihren Dutt. „Nun, vor allem die älteren Ponys haben mit den Temperaturen zu kämpfen. Wir bekommen immer mehr Herzpatienten herein. Kreislaufbeschwerden, Schwindel, allgemeine Schwäche... es hängt alles mit dem Wetter zusammen. Wir sind das einzige Krankenhaus auf dieser Seite des Tals, also kommt fast alles zu uns. Deshalb sind wir auch ein relativ großes Spital. Wir versorgen nicht nur Ponyville, sondern auch viele der kleiner Ortschaften und die Farmen außen herum."
Rogue stutzte kurz. „Können sie den hier alles behandeln?"
Schwester Tenderheart nickte. „Wir haben bis auf wenige Ausnahmen alle Stationen: Chirurgie mit zwei Operationssälen, Endoskopie, Röntgen, Urologie, Gynäkologie mit Kreißsaal, Intensivstation mit sechs Betten, Hals-Schnauzen-Ohren-Abteilung und Neurologie. Es sind jeweils keine großen Stationen, aber es deckt fast alles ab, was bei uns aufläuft. Wenn wir etwas wirklich schwieriges bekommen, wie Neurochirurgie, schwere Verbrennungen oder Replantationen, verlegen wir den Patienten nach Canterlot in das Royal College Hospital. Aber das kommt so selten vor..."
„Wie verlegen sie denn die Patienten? Hat der Rettungsdienst hier einen Intensiv-Transportwagen?"
Die Krankenschwester schüttelte den Kopf. „Nein, so etwas gibt es hier nicht. Wir schicken ein Nachricht nach Canterlot und die organisieren dann den Transport per Teleport. Im Royal College gibt es genug Einhörner, die dazu fähig sind."
„Mhm, das klingt logisch. Wird der Rettungsdienst hier auch von der Feuerwehr unterhalten?"
Tenderheart warf ihm einen verwirrten Blick zu. „Nein, wir haben hier keinen Rettungsdienst. Wenn ein Pony zu krank oder zu verletzt ist, um von seinen Verwandten oder mit dem Taxi zu uns zu kommen, rückt die Freiwillige Feuerwehr aus. Die bringen ihn dann mit dem Spritzenwagen hierher."
Rogue blickte die Krankenschwester ungläubig an. „Sie haben hier keinen Rettungsdienst? Aber... wer übernimmt denn die Erstversorgung des Patienten? Oder sorgt für einen Verletzungs-gerechten Transport? Ist denn die Freiwillige Feuerwehr dafür ausgebildet?"
Schwester Tenderheart warf ihm einen Seitenblick zu. „Wieso fragen sie nicht den Chief, Pinkie Pie? Sie arbeitet im Sugarcube Corner. pinkes Fell, pinke Mähne, nicht zu übersehen."
Rogue nickte langsam. „Ja, ich denke ich werde mich mal mit ihr unterhalten. Danke für ihre Auskunft, Schwester Tenderheart."
Sie schenkte ihm ein kurzes Lächeln. „Kein Problem."
Rogue trotte in das Behandlungszimmer, wo Schwester Redheart Applejack gerade die Blutdruckmanchette von ihrem Vorderlauf entfernte, während ein hellbraunes Einhorn in einem weißen Doktorkittel die Krankenakte studierte.
„Ihre Werte sind alle ausgezeichnet, Miss Apple, ich sehe keinen Grund sie weiter hier bei uns zu behalten. Dennoch empfehle ich ihnen, sich in nächsten Tage zu schonen und sich aus der Sonne zu halten. Laut dem Brief meines Kollegen aus Manehattan war ihr Zustand bei der Einlieferung kritisch. Von so etwas erholt man sich nicht im Hufumdrehen. Achten sie auf ausreichende Flüssigkeitsaufnahme und eine ausgewogenen Ernährung, das sollte alles etwas beschleunigen. Kommen sie gerne noch einmal vorbei, wenn sie Probleme haben sollten."
Applejack nickte und sprang von der Trage. Rogue räusperte sich mit den zusammengerollten Transportpapieren im Mund. Der Doktor drehte sich um, nahm sie ihm mit seiner Magie ab und studierte sie kurz.
„Was ist das?", fragte er
„Ich brauche noch eine Unterschrift für den erfolgten Transport, Doc."
Das Arztpony sah ihn kurz an und setzte sein Kürzel auf das Papier. „Sie sind das Rettungspony, das den Transport durchgeführt hat, oder?", fragte er beiläufig.
Rogue stutzte kurz. „Ja, genau. Stimmt irgendetwas nicht?"
Der Doktor schüttelte den Kopf. „Nein, alles in Ordnung. Setzten sie sich bitte auf die Trage."
Rogue sah ihn verwundert an. „Was? Wieso das den?"
Der hellbraune Hengst scheuchte ihn auf die Liege und Schwester Redheart begann sofort damit ihm den Blutdruck zu messen. „Mein Kollege hat mich in seinem Bericht gebeten ein Auge auf sie zu haben. Sie haben eine anstrengende Tour hinter sich und er will sicher gehen, das Sie sie ebenso gut überstanden haben, wie ihre Patientin. Und jetzt geben sie mir ihren Vorderlauf, ich muss ihnen Blut abnehmen."
Mit finsterem Gesicht fügte sich Rogue in sein Schicksal, während Applejack ihr Möglichstes tat, nicht laut herauszulachen.
Sie zogen langsam über den Marktplatz von Ponyville. Applejack füllte langsam ihre Satteltaschen, auf die zu tragen Rogue bestanden hatte.
Rogue´s Untersuchungsergebnisse waren gut gewesen, auch wenn ihn der Doktor ermahnt hatte, auf seinen Blutdruck zu achten. Außerdem hatten sie den Kratzer an seinem Knie gesäubert und frisch verbunden. Rogue hatte ihn seit seinem Bad nicht wieder angelegt, da er davon ausgegangen war, das die Wunde geschlossen war. Der Doktor hatte allerdings leichte Entzündungszeichen bemerkt und auf einem sterilen Verband bestanden.
Rogue betrachtete nachdenklich die Auslage der Marktstände, als Applejack an ihn herantrat und ein Bündel Lauch in die Satteltaschen plumpsen ließ. „Puh, ich bin froh, das ich alles gefund´n hab. S´ nich´ mehr viel Auswahl da." Sie hatte recht. Die Lebensmittelstände waren höchstens zu Hälfte gefüllt, einige sogar ganz geschlossen. Frisches Gemüse und Früchte waren selten und teuer geworden. „Wonach schaust du dich um?", fragte die junge Erstute.
„Ich wollte eigentlich ein paar Nüsse für Bandit mitbringen, aber ich finde hier keine. Was essen Eichhörnchen, wenn sie keine Nüsse finden?"
Applejack zuckte mit den Schultern. „Bring ihm doch ne´ Tüte Sonnenblumenkerne mit. S´ sind keine Nüsse, aber nah´ dran. Heute Abend kannste´ dann meine Freundin Fluttershy frag´n, die kennt sich mit Tier´n aus."
Rogue nickte. „Stimmt. Das werde ich machen."
Sie gingen gemeinsam durch Ponyville zurück zur Farm, als ein Gebäude die Aufmerksamkeit von Rogue erregte. „Wohaa! Was ist das den? Ein Baumhaus?"
Applejack folgte seinem Blick. Zwischen den hellen Fachwerkbauten des Dorfes erhob sich ein mächtiger, alter Baum. Aus der dicken Rinde seine Stammes und den großen Blättern seines Daches lugten die bunten Firste von Fenstern, Balkonen und Giebeln. Eine rote Tür führte in seinen Stamm. Obwohl er offensichtlich hohl war, lebte er noch immer. Es war ein phantastisches Gebäude, ein Baum, zu einem Haus umfunktioniert, ohne seine natürliche Ästhetik zu zerstören. Es sah aus, als währe er genau so gewachsen.
„S´ is´ die Bibliothek von Ponyville. Meine Freundin Twilight Sparkle wohnt da. Wie könn´ kurz reinschaun´ un´ gut´n Tach sag´n, wenn du willst."
Rogue nickte, ohne den Blick von dem Baumhaus abzuwenden. „Sehr gerne." Das musste er sich einfach näher ansehen.
Applejack klopfte an die rote Tür. „Einen Moment, ich bin sofort da!", antwortete eine männlich Stimme von drinnen. Einen Moment später öffnete sich die Tür. Rogue sah überrascht auf das kleine, lilane Reptil, das sie mit einem Besen in der Hand und großen grünen Augen ansah.
„Applejack!" rief der kleine Kerl aus und umarmte die Stute. „Schön, das du wieder da bist. Kommt doch herein." Er warf Rogue einen kurzen Blick zu und trat dann beiseite. Die beiden traten an ihm vorbei ins Innere.
War das Äußere der Bibliothek beeindruckend, dann war das Innere atemberaubend. Das Holz des Baumes war sorgsam ausgehöhlt und in einen Raum aus weichen, fließenden Formen gestaltete worden. Höhlungen formten Bücherregale und Treppen aus einem einzigen Stück führten zu Balustraden auf höheren Ebenen. Der Boden war blank geputzt und zeigte die tausend und abertausenden von Jahresringen des Stammes. Überall waren kleine, kunstvolle Schnitzereien angebracht, mit viel Liebe zum Detail.
Und Bücher. Überall Bücher. Auf den Regalen, sauber in Reih´ und Glied, auf den Tischen aufgeschlichtet, in Kisten und Kartons. Rogue´s Augen leuchteten.
„Spike, das is´ mein Cousin, Rogue, aus Manehattan. Rogue, das is´ Spike." Rogue löste sich aus seiner Betrachtung und drehte sich zu dem kleinen... Was beim Tartarus war er?
„Hi, Rogue, freut mich deine Bekanntschaft zu machen. Zum ersten Mal in Ponyville?"
Das Rettungspony nickte kurz. „Die Freude ist ganz auf meiner Seite, Spike. Ja, ich bin zum ersten Mal hier und ich muss sagen..." Er ließ seinen Blick über die ganzen Bücher schweifen, „...es gefällt mir immer besser hier."
Spike stellte den Besen in eine Ecke und strich sich verlegen über seinen grünen Schuppenkamm. „Ja, ganz schön großes Sortiment, was? Twilight hat eine Menge Fachliteratur über Wetterphänomene und Meteorologie aus Canterlot geschickt. Ich bin noch nicht dazu gekommen alles zu sortieren und einzuordnen."
„Apropos, wo is´n Twilight?", fragte Applejack.
„Sie ist noch immer in Canterlot. Sie arbeitet mit den anderen Eierköpfen an dem Dürreproblem. Ich habe sie die ganze Woche praktisch kaum gesehen."
Applejack sah Spike einen Moment lang seltsam an „Spike, has´ du was? Ich hab´ noch nie gehört, wie du Twilight nen Eierkopf genannt has´."
Der kleine Kerl trat verlegen von einem Fuß auf den anderen. „Ach... es ist nichts. Ich... Ich bin nur ein bisschen sauer, das Twilight mich hier alleine die Bibliothek managen lässt. Ich weiß, das sie in Canterlot eine Menge zu tun hat, aber ich hatte gehofft, das sie mich wenigstens mit nimmt. Statt dessen ist jetzt Owloysius bei ihr."
„Kopf hoch Spike. S´ schließlich so, das du ihr Nummer eins Assistent bis´. Sonst würd´ sie keinem die Bibliothek anvertrau´n."
Spike rang sich ein kleines Lächeln ab. „Ja. So wird es wohl sein."
Applejack biss sich auf die Lippen. „Wird se´ den heut´ Abend zum Ess´n komm´ könn´?", fragte sie mit Sorge in der Stimme.
Spike hievte einen der Kartons vom Tisch und begann damit die Bücher darin in die Regal zu sortieren. „Ich weiß es ehrlich gesagt nicht, Applejack. Ich habe ihr deine Einladung geschickt und sie hat auch zugesagt, aber..." Er betrachtete das Buch in seinen Klauen traurig. „Manchmal vergisst sie einfach Sachen." Seine Miene verdüsterte sich. „Auch Sachen die wichtig sind." Er stellte das Buch zu den anderen.
Applejack betrachtete ihn unsicher. Dann trat sie hinter ihn legte ihm einen Huf auf die Schulter. „Was hat se´ vergess´n, Sugarcube?", fragte sie leise.
Spike drehte sich nicht um, sondern schloss nur die Augen. „Ich habe vor vier Tagen Geburtstag gehabt, Applejack."
AJ Gesicht bekam einen traurigen Ausdruck. „S´ tut mir so leid, Spike. Sie is´ nich´ da gewes´n, oder?" Sie drehte ihn mit ihrem Huf um, so das sie ihm ins Gesicht sehen konnte. „Un´ ich bin auch nich´ da gewes´n."
Spike wich ihrem Blick aus und winkte ab. „Mach dir keinen Kopf, Applejack. Wir hatten hier eine kleine Party für mich, dafür hat Pinkie Pie schon gesorgt. Rarity war da, Rainbow, Fluttershy und noch ein paar andere. Wir hatten viel Spaß."
Applejack betrachtete ihn noch einen Moment lang, dann umarmte sie ihn fest. „Alles gute nachträglich zum Geburtstag, Spike. Wenn´s Twilight heute Abend nich´ mehr schafft, komm trotzdem vorbei. Ich würd´ mich freu´n."
Spike sah sie aus seinen großen, grünen Augen dankbar an.
(1) ´I need some Sleep´- The Eels
