Disclaimer: Ich habe keinerlei Rechte an der Geschichte, was den Inhalt von Hasbro´s My Little Pony: Friendship is Magic anbelangt. Abgesehen von meinem OC ist alles deren Eigentum.
Kapitel 12: Wolfsmond
Die Sonne lugte gerade eben über die fernen Berggipfel und Ponyville lag noch in tiefem Schlummer. Nach dem kurzen Regenschauer des Vortages hatte sich in der Kühle des Morgens Tau auf dem getrimmten Gras zwischen den Häusern gebildet, der in den ersten Strahlen des Morgens glitzerte. Das Dorf war still, bis auf das erste Singen der Vögel, die den jungen Tag begrüßten.
Rogue war weit und breit das einzige Pony, das auf den Beinen war. Er schlich verstohlen durch die verlassenen Straßen von Ponyville, mehr aus Furcht vor seinem eigenen schlechten Gewissen, als aus Angst vor Entdeckung. Als er noch vor Sonnenaufgang aus seinem unruhigen Schlaf erwachte, war ihm sein in der Nacht gefasster Plan noch einleuchtend und sinnvoll vorgekommen, wie ein plötzlicher, genialer Geistesblitz. Nachdem er sich fertig gemacht hatte und sich seinem Ziel immer weiter näherte, schwand allerdings seine Entschlossenheit zusehends und Zweifel machten sich in ihm breit.
Er war dabei, willentlich und vorsätzlich eine Grenze zu überschreiten, sowohl was seine eigene Auffassung von Moral und Ethik betraf, als auch die vieler Ponys. Wenn er sich erwischen ließ, konnte er sich kaum herausreden. Und selbst wenn er unentdeckt davonkäme, war der Erfolg alles andere als Gewiss. Es gab zu viele Unwägbarkeiten, zu viele Wenn´s und Aber´s und schon eine Kleinigkeit mochte alles zunichte machen.
Er verharrte unsicher, als hinter der Häuserecke die Bibliothek in sein Blickfeld kam. Noch war Zeit umzudrehen, diesen dummen Plan zu vergessen und nach Sweet Apple Acres zurückzukehren, bevor die Apples aufwachten. Er konnte noch ein-, zwei Stunden wertvollen Schlafes bekommen, bevor er sich Gedanken über seine Rückkehr nach Manehattan machte. Dort konnte er sich wieder in seine Arbeit und seinen Alltag stürzen und Pear so tief darunter begraben, dass er hoffentlich nie wieder zum Vorschein kam. Er konnte einfach gehen.
Ein Quieken von seinem Rücken riss ihn aus seinen Gedanken. Bandit stand auf den Hinterbeinen auf seinem Rücken und warf ihm einen ungeduldigen Blick zu. Das Flughörnchen zupfte auffordernd an seiner kurzen Mähne und zeigte mit seiner kleinen Kralle auf den Hausbaum vor ihnen.
„Ist ja schon gut, Bandit. Ich gehe ja schon." Sein kleiner Freund hatte Recht. Er tat das hier nicht nur für sich. Vielleicht... vielleicht würde es helfen. Vielleicht konnte er helfen. Vielleicht etwas richtig machen. Seine Fehler ausbügeln. Buße tun.
Rogue schlich sich näher an den großen Baum, der die Bibliothek von Ponyville beherbergte. Er ging um den kräftigen Stamm herum und versteckte sich hinter einem Busch auf der der Straße abgewandten Seite. Vorsichtig lugte er zwischen den Blättern des Strauches hindurch. Der Hausbaum hatte viele kleine Fenster, Giebel und Balkone, die in alle Richtungen zeigten. Er besah sie sich alle eingehend, bis er glaubte, das richtige Fenster gefunden zu haben. Geduckt näherte er sich dem natürlich gewachsenen Gebäude, bis er direkt unter der Öffnung stand. Das Fenster war geschlossen, aber Rogue hoffte, dass es nur angelehnt war. Bandit sprang von seiner Schulter und krallte seine Pfoten in die dicke Rinde des Baumes. Mit der geübten Flinkheit eines geborenen Kletterers überwand das kleine Tier die Höhe mühelos und warf einen Blick durch die Glasscheibe. Dann stemmte es sich mit seinem ganzen Körper gegen den Fensterrahmen. Rogues Magen krampfte sich ängstlich zusammen, als das Fenster mit einem leichten Quietschen ein Stück aufschwang.
Bandit sprang zurück auf die Fensterbank und verharrte aufmerksam. Nach einigen Sekunden, in denen Rogue unten unruhig auf der Stelle trat, winkte ihm das Flughörnchen. Das Rettungspony gab einen leisen Laut der Erleichterung von sich, dann wühlte es kurz in seinen Satteltaschen. Er hatte nicht das Risiko eingehen wollen, auf der Farm nach etwas Geeignetem Ausschau zu halten, deshalb hatte Rogue eine Mullbinde ausgerollt und mit einem kleinen Stein, den er vom Wegesrand aufgelesen hatte, an einem Ende beschwert. Er nahm die improvisierte Schnur in seinen Mund und begann sie wie eine Schleuder herumzuwirbeln. Es brauchte mehrere Versuche, aber schließlich fiel der Verbandstoff über einen der Äste des Hausbaumes. Schnell band Rogue das kleine Paket an eines der Enden und zog es am anderen nach oben. Bandit schnappte sich das Bündel, nagte den einfachen Knoten durch und verschwand mit dem Päckchen, das größer war als er selbst, in der Fensteröffnung.
Draußen wagte es Rogue kaum zu atmen. Er zog den Rest der Mullbinde vom Baum und stopfte sie zurück in die Satteltaschen, dann ging er unruhig auf und ab, während er immer wieder sorgenvolle Blicke hoch zu dem angelehnten Fenster warf. Was dauerte da so lange? War Bandit erwischt worden? Vielleicht sollte er sich wieder in dem Busch verstecken, bevor...
Ein kleiner, brauner Schemen huschte aus der Fensteröffnung und sprang von der Fensterbank. Bandit breitete seine Flughäute aus und landete gekonnte auf dem Rasen neben Rogue. Das Rettungspony war so aufgeregt, dass er kaum abwartete, bis sein kleiner Freund auf seinen Rücken geklettert war, als er schon Fersengeld gab. Er rannte in vollem Galopp davon in die nächste Gasse, nur fort aus dem Sichtbereich der Bibliothek.
Ich habe das nicht nur für mich getan, dachte Rogue, während er zurück nach Sweet Apple Acres lief. Sondern auch für sie. Mit diesem Gedanken wurde sein Herz ein klein wenig leichter.
Twilight drehte sich unruhig in ihrem Bett herum, geplagt von schlechten Träumen, angefüllt von Schuld und Versagen. Auf ihrem Nachttisch, zuoberst eines ganzen Stapels von Büchern, die sich dort angesammelt hatten, lag ein kleiner, schmaler Band mit Gedichten. Eine kleine Notiz war als Lesezeichen zwischen eine bestimmte Seite gesteckt worden und harrte darauf von ihr entdeckt zu werden.
Als Rogue durch die Küchentür auf der Farm trat, wurden die Apples gerade wach. Er hörte Türen schlagen und die verschlafene Stimme von Apple Bloom aus dem ersten Stock, die Applejack in quengeligem Ton um ´noch fünf Minut´n´ bat . Er ging in die Diele und legte die kleine Satteltasche, die er sich geliehen hatte, zurück in die Gaderobe. Als er sich umdrehte, die zusammengeknüllte Mullbinde im Mund, stand ihm auf dem Fuß der Treppe Applejack gegenüber. Ihre Mähne war wieder zu dem üblichen, einfachen Zopf gebunden und sie trug ihren braunen Stetcolt auf dem Kopf. Sie betrachtete ihn einen Augenblick, dann bedeutete sie ihm still zu folgen.
In der Küche entfachte sie das Feuer im Ofen aufs Neue und stellte eine Kanne mit Wasser auf die Herdplatte. Rogue beobachtete sie wortlos dabei und wartete, bis sie ihre Arbeit beendet hatte und sie zwei Tassen dampfenden Kaffees auf den Küchentisch stellte. „Wir ham´ ein bisschen Zeit. Big Mac un´ Granny schlafen am Sonntag n´ bisschen aus un´ Apple Bloom wird sich auch noch n´ paar Mal umdreh´n. Red´n wir."
Das junge Rettungspony zögerte einen Moment, dann setzte er sich zu seiner Cousine.
„Ich werde morgen nach Manehattan aufbrechen.", stieß Rouge plötzlich hervor. „Ich gehe nach Hause zurück."
Applejack antwortete ihm nicht sofort, aber der Ausdruck in ihrem Gesicht sprach Bände. Ein kurzer, verletzter Ausdruck huschte drüber und sie ließ enttäuscht die Ohren hängen. „Ja, ich hab´s mir schon fast gedacht.", brachte sie schließlich leise hervor. Sie ordnete einen Moment lang ihre Gedanken, dann straffte sie ihre Gestalt und sah ihm entschlossen ins Gesicht. „Ich lass´ dich nich´ geh´n. Nich´ einfach so. S´ mir egal was de´ darüber denkst, aber ich seh´ mir nich´ länger an, wie de´ dich selber weiterhin kaputtmachst!" Sie klopfte gedämpft, aber nachdrücklich auf den Tisch. „Spuck´s aus, Rogue! Ich lass´ keine Ausflüchte mehr gelt´n! Sach´s mir jetzt, oder scher´ dich von mir aus zum Tartarus!", schnaufte sie wütend.
Rogue zuckte vor dem unerwarteten Ausbruch seiner Cousine zurück. Er wich ihrem Blick aus, konnte ihr nicht in die Augen sehen, in diese großen, tiefen Brunnen, die ihn jetzt mit einem smaragdgrünen Feuer anblitzten. Seine Hufe schoben unruhig die Kaffeetasse hin und her, während er versuchte die Spinnweben aus seinem Kopf zu vertreiben und einen Weg zu finden, dem Gespräch zu entkommen.
Applejack betrachtete ihn einen Moment lang schweigend, dann riss sie sich ihren Hut vom Kopf und schleuderte ihn zornig gegen die Anrichte, so dass die Gläser darin heftig klirrten. „Wer sacht´, dass die Apples n´ Dickkopf ham, hat dich noch nich´ geseh´n! Muss´ ich´s erst aus dir rausprügl´n, wenn ich´s dir nich´ ausser Schnauze zieh´n kann? Glaub´ bloss´ nich´ das ich´s nich´ könnt'!"
Das Rettungspony hob langsam den Kopf. Seine Augen waren müde und blutunterlaufen vom fehlendem Schlaf. Seine Stimme hatte etwas schleppendes, etwas, das über rein körperliche Erschöpfung hinausging."Würdest du das wirklich tun?", fragte er tonlos. „Mich schlagen?"
Die Erdstute sackte ein Stück in sich zusammen und ließ ihren Kopf hängen. „Nein. Nein, das würd´ ich nich´.", sagte sie betont sanfter und schüttelte langsam ihr Haupt.
„Aber vielleicht solltest du das." Es war nun ein leises Flüstern, mehr zu sich selbst, als zu seiner Cousine. Dennoch hörte sie es.
Die beiden Tassen wurden vom Tisch gewischt, als Applejack sich mit ihren kräftigen Hinterläufen abstieß und mit einem einzigen großen Satz über den Tisch katapultierte. Rogue wurde vollkommen überrascht, als sie ihn mit der vollen Wucht ihres Körpers umriss und zu Boden warf. Er versuchte sich zur Wehr zu setzen, aber sie drückte seine beiden Vorderläufe mit ihren Hufen zu Boden und setzte sich mit ihrem ganzen Gewicht auf seine Brust. Klirrend zersprang eine der Tassen, als sie vom Tisch rollte. Der braune Kaffee plätscherte leise auf den Küchenboden.
„Was is' los mit dir? Was läuft bei dir verkehrt, Rogue?", schrie sie ihm wütend in Gesicht. Aplplejack's Nüstern waren nur wenige Hufbreit von seinem Gesicht entfernt.
Einen Augenblick lang wallte Trotz in dem Hengst auf. Er versuchte sich zu befreien, kämpfte gegen den Griff seiner Cousine an. Er war selbst ein trainiertes Pony, aber Applejack hielt ihn weiter fest, kniete sie jetzt sogar auf seine Vorderläufe, als er sich wehrte. Rogue drehe seinen Kopf beiseite, als AJ´s Schnauze ihm dadurch noch näher kam.
Schließlich gab er auf. Er war zu müde und ausgelaugt, um ihr noch länger Widerstand entgegenzubringen. Er gab seinen aussichtslosen Kampf auf und lag still unter ihr. Er konnte ihren heftigen, heißen Atem an seinem Nacken spüren. Die kurze, aber heftige Auseinandersetzung hatte sie beide zum Keuchen gebracht.
„´Lestia, ich will dir helf´n Rogue. Bitte...bitte, lass dir helf´n.", flüsterte sie ihm ins Ohr. Er konnte das Flehen in ihrer Stimme hören und die Tränen, die in ihr hochstiegen. Langsam, vorsichtig, nahm sie ihre Knie von seinen Vorderläufen und rutschte an ihm hinunter, bis sie Wange an Wange lagen.
Das verdienst du nicht. Du verdienst das hier nicht, du verdienst sie nicht, nichts von allem hier. Rogue rang diesen Gedanken nieder, kämpfte sich durch das überwältigende Gefühl der Schuld, das ihn in so festem Griff hielt. Es war ein fast physischer Akt für ihn, sich nicht wieder in der wogenden See seiner Gefühle zu verlieren. Er war müde, ausgelaugt, übernächtigt und seelisch mehr als angeschlagen. Sein Widerstand schwand und die dunklen Wasser in seinem Geist wollten ihn davontragen.
I am the Captain of my Soul...
Zuerst zögernd, doch dann mit der Kraft der Verzweiflung, schlang er seine Vorderläufe um seine Cousine, drückte sie an sich, hielt sich an ihr fest, als der Sturm in seinem Inneren ihn fortzureißen drohte. Sie war sein Anker, war es immer gewesen. Er sah Pear fallen, schreien, Bandit springen, sah sie beiden auf dem Boden liegen, sah Manehattan bei Sonnenuntergang, Mrs. Blossoms hoffnungsvolles Gesicht, als sie die Tür öffnete, sah Trotter, als er sich an ihm festhielt, sah das Fohlen fallen, fallen, fallen...
Auf dem Küchenboden der alten Farm der Apples, während die verschütteten Kaffeepfützen langsam kalt wurden und ihr herbes Aroma den vielfarbigen Düften des Raumes ihr eigenes olfaktorisches Momentum hinzufügten, hielt Rogue Applejack so fest in seinen Hufen, wie ein Ertrinkender einen Rettungsring.
Und er erzählte es ihr.
Als Big Mac die Treppe hinuntertrottete, die Augen noch klein vor Morgenmüdigkeit, dachte er sich nicht viel dabei, als er die Tür zur Küche mit seinem Kopf aufdrückte. Als er allerdings seinen Cousin auf dem Boden liegen sah, mit seiner Schwester auf seinem Bauch und seine Hufe fest um sie geschlungen, während sie sanft seine Wange mit der ihren streichelte, war er sofort so hellwach, wie es der gesamte Kaffee der Applefarm nicht vermocht hätte.
Viele Ponys hielten Big Macintosh für langsam und etwas einfältig, da er nur wenige Worte verlor und sich gerne im Hintergrund hielt. Sie sahen in ihm nur das große, stille Landpony, das hart arbeitete und die schwierigen Geschäfte seiner Schwester überließ. Sie taten ihm damit unrecht: Hinter seiner großen, roten Stirn ging mehr vor, als selbst seine Freunde von ihm erwarten würden. Dass er seine Gedanken einfach und in gerader Linie hielt und nicht bei jeder Gelegenheit damit herausplatzte, mochte auf manche dumm wirken, aber es lag eine Art von Weisheit darin, die weit über seine Jahre hinausging.
Applejack tat das worin sie gut war: Sie führte die Farm. Er tat, worin er gut war: Er arbeitete hart. Er war ihr älterer Bruder, aber er war gerne hinter sie zurückgetreten und hatte ihr die Führung des Geschäftes überlassen, denn es war das beste für die Familie. Mit wenigen Worten (und das mochte Big Mac): Er vertraute seiner Schwester. Vollkommen und Rückhaltslos. Und deshalb trat er leise zurück durch den Türrahmen und schloss lautlos die Tür hinter sich, ohne dass die beiden ihn bemerkt hatten. Im Flur dachte er einen Moment darüber nach, was er gesehen hatte, dann schüttelte er schmunzelnd den Kopf. „Nope.", sagte er zu sich selbst.
Apple Bloom stand auf der Treppe und blickte ihren Bruder neugierig an, „Is´ Applejack schon mit dem Frühstück fertig?", fragte sie etwas verschlafen. Der große, rote Hengst warf einen kurzen Blick auf die Tür zu Küche, dann schüttelte er wieder den Kopf. „Komm, wir fütter´n erst die Tiere. Dann gib´s Frühstück."
Das kleine Fohlen klopfte ungeduldig mit ihrem Huf auf die Holztreppe. „Aber heut´ ist Sonntag! Ich hab´ Hunger!"
Big Mac lächelte nachsichtig. „Ssht! Ab´mit dir!" Er nickte zu der Tür, die zum Stall führte.
„Owww!" Apple Bloom trottete enttäuscht die Stiege hinunter und ging gehorsam in den Stall. Big Mac folgte ihr, aber nicht, bevor er noch einen letzten Blick auf die Küchentür geworfen hatte. Es wurde Zeit, dass er sich mit Rogue unterhielt. Er war immer noch ein großer Bruder...
„Rogue, es... es tut mir so..." Applejack hatte sich etwas erhoben und sah ihm mit tränenfeuchten Augen ins Gesicht. Dennoch wollte sie ihre Nähe zu ihm nicht aufgeben, wollte ihm auch körperlich das Gefühl geben, dass sie für ihn da war. Das junge Rettungspony wich ihrem Blick aus.
„Sag´ es nicht. Bitte."
„Aber... Aber..." Sie suchte nach den richtigen Worten.
„Er ist tot, AJ. Und ich kann niemanden dafür verantwortlich machen, außer mir selbst. Es ist meine Schuld. Meine. Nicht die von Pear, weil er gesprungen ist, oder die seiner Mutter, weil sie sich von seinem Vater getrennt hat, oder die von Trotter, weil als er aus seinem Sichtfeld gestürzt ist und er die Magie nicht mehr aufrecht erhalten konnte. Es ist meine Schuld, einzig und alleine. Und... und... Ich werde einfach nicht damit fertig!" Er schluchzte unterdrückt. „Ich will hier nicht weg. Ich will nicht fort von Sweet Apple Acres, von Apple Bloom, Big Mac und Granny und... und..." Er drehte seine Kopf langsam, bis er direkt in ihre großen, grünen Augen sah. „Ich will nicht fort von dir."
Sie sahen sich einen Moment lang gegenseitig tief in die Augen. Plötzlich wurden sie sich beide der Intimität dieses Augenblicks bewusst und der Intensität ihrer Berührung. Sie erröteten gleichzeitig.
Langsam, nicht zu hastig, um ihre gegenseitigen Gefühle nicht zu verletzten, trennten sie sich voneinander. Applejack erhob sich auf ihre Hufe und Rogue rollte sich auf den Bauch, um aufzustehen. Schließlich standen sie nebeneinander und eine peinliche Stille breitete sich dort aus, wo noch so viel zu sagen gewesen wäre.
„Ich... will nicht weg von hier.", fuhr er schließlich fort. „Aber ich merke, wie sich meine Probleme auf deine Familie übertragen. Wie ihr euch Sorgen um mich macht. Wie... wie du... Ich..." Er verstummte, als ihm die Worte fehlten, all das, was in ihm vorging, auszudrücken.
„Rogue. S´ is´ auch deine Familie." Applejack trat auf ihn zu und legte ihm einen Huf auf seine Schulter. „Seit du hier bis´... du bist kein Fremder für mich oder einer von mein´ viel´n entfernt´n Verwandten. S´ is´ als wärst´e schon immer n´ Teil der Familie gewes´n un´... hast nur lange Urlaub gemacht. Wir...Ich bin immer für dich da, durch dick un´ dünn. Ich kann mir nich´ ma´ ansatzweise vorstell´n wie´s is´ sowas zu erleb´n, aber wir könn´ das gemeinsam durchsteh´n, du, ich un´ die Familie. Bitte geh´nich´. Bitte nich´."
Rogue bemerkte, wie ihm leicht die Knie zitterten. Es war sein fester Entschluss gewesen, Ponyville hinter sich zu lassen und seine Probleme nicht weiter auf die Apples abzuladen. Aber er konnte nicht leugnen, wie sehr dieser stille Flecken Erde an sein Herz gewachsen war. Wie sehr er ihm wohlgetan hatte. Es war eine Sache, sich für sich selbst zu entscheiden, fortzugehen. Sich wieder zurückzuziehen auf das sichere, gewohnte Terrain des Einzelgängers, wo er mit der Zeit vielleicht lernen würde, irgendwie damit umzugehen. Der Gedanke war verlockend, er versprach die Sicherheit des Altgewohnten und Bekannten. Doch zugleich war dort das nagende Gefühl in ihm, dass dies vielleicht nicht ausreichen würde.
Und nun war da Applejack, das Pony, das er vor allen anderen hatte davor schützen wollen in diese traurige Angelegenheit mit hineingezogen zu werden. Rogue's Gefühlswelt war zu einem Minenfeld geworden, in dem jeder Tritt katastrophale Folgen nach sich ziehen konnte.
Er schloss seine Augen und atmete tief durch, versuchte sich zu beruhigen. Er konnte die sanfte Berührung ihres Hufes auf seinem Fell spüren und die Wärme, die von dieser einfachen Geste ausging ausging. Auf eine gewisse Art und Weise war sie ihm in diesem Augenblick noch näher als vor wenigen Minuten, dort unten auf dem Boden. In diesem Moment spürte er klarer als jemals zuvor die enorme Anziehungskraft, die sie auf ihn hatte. Sie zog ihn an wie eine Motte das Licht. Seit er aus Manehattan aufgebrochen war, ja seit sie sich wieder getroffen hatten, drehte sich seine Welt um diese orangefarbene Stute. Ihre Verpflichtungen zu erledigen; Sie sicher nach Hause zu bringen; Ihr bei der Arbeit zu helfen; sich mit ihren Freundinnen gut zu stellen... all das tat er letztlich für sie.
Und genau das war das Problem.
Rogue war gestern bewusst geworden, wie tiefgreifend das Trauma war, dass der Tod von Pear in ihm ausgelöst hatte. Er hatte gehofft, es durch Zeit und ein paar schöne Erinnerungen übertünchen zu können, aber sein Rückfall hatte ihn eines Besseren belehrt. Er wusste nicht mehr weiter. Er hatte es ernst gemeint, als er zu seiner Cousine gesagt hatte, dass er nicht fort wollte. Er spürte in seinem tiefsten Innersten, dass er hier am besten aufgehoben war. Aber er wusste ebenso, dass, sollte kein Wunder geschehen, es ein schmerzhafter Prozess werden würde, nicht nur für ihn selbst, sondern auch für die Ponys, die ihm nahestanden. Auch für sie. Er wollte, er konnte ihr das nicht antun.
I am the master of my fate...
„Es tut mir leid, Applejack. Ich kann euch da nicht noch mehr mit hineinziehen. Das ist etwas, mit dem ich selbst fertig werden muss."
Er ging hinüber zu der Anrichte, hob den Hut auf und platzierte ihn wieder auf ihrem Kopf. „Aber ich danke dir, dass du mich dazu gebracht hast es dir zu erzählen." Und er meinte es auch so. Vielleicht würde er jetzt wenigstens ruhig schlafen können. „Ich lege mich noch etwas hin. Wartet nicht mit dem Essen auf mich."
Er drehte sich um und ließ Applejack alleine in der Küche zurück, die sich nun noch mehr Sorgen machte als vorher.
Rogue schloss die Tür hinter sich und ließ sich kraftlos auf das Bett fallen. Als er langsam in den Schlaf hinüber glitt, war sein letzter Gedanke: Es war nicht alles nur für Applejack. Ich hoffe, Twilight findet das Buch und...
Irgendwie hatte sie schließlich den Weg zu ihm gefunden. Rogue hatte sich einen Moment von dem lauten Treiben im Haus zurückgezogen und lag alleine auf der Bank vor der Tür zum Innenhof. Er genoss die erste Wärme des Frühlings auf seinem Fell, als ein Schatten auf ihn viel. Er öffnete die Augen und blinzelte in der Helligkeit. Grace stand vor ihm und sah auf ihn herab, ihr Gesicht ausdruckslos. Er rollte sich überrascht auf den Bauch, etwas verlegen darüber, dass ihn in einer so entspannten Pose vorgefunden hatte."Oh... willst... willst du dich setzen?", fragte er sie unsicher. Die aschgraue Stute nickte stumm und nahm Platz.
Sie saßen eine Zeit lang schweigend nebeneinander. Rogue warf ihr hin und wieder einen nervösen Blick zu. Seit ihrer Trennung war sie ihm gegenüber sehr... abweisend gewesen. Es hatte ihn ein wenig überrascht sie heute auf der Geburtstagsparty von Sweet Water zu finden, aber es war eigentlich nichts außergewöhnliches. Ihre Bekanntenkreise überschnitten sich teilweise.
Sie hatte ein paar spitze Bemerkungen in seine Richtung abgefeuert und sich ansonsten darauf konzentriert, ihn nicht zu beachten. Rogue hatte es runter geschluckt und sich nicht darauf eingelassen. Er wusste, das war ihre Art und Weise damit fertig zu werden. Dieses Spielchen begann jedes mal aufs Neue, wenn sie sich zufällig irgendwo begegneten.
Er ließ sich nichts anmerken, aber es verletzte ihn tief. Er hatte geglaubt, dass sie sich im Guten getrennt hatten. Sie hatten sich gegenseitig gestanden, dass sie immer noch starke Gefühle füreinander hegten, aber einfach nicht dazu in der Lage waren, eine Beziehung miteinander zu führen. Dieses letzte Gespräch war mehr als seltsam gewesen. Sie hatten sich beide sehr angestrengt sachlich und rational zu bleiben. Und sie beide hatten gemerkt, wie schwer ihnen das fiel. Es endete damit, dass sie ihre gesamte Beziehung aufrollten und je mehr sie über ihre eigenen Gefühle dem anderen preisgaben... umso klinischer und steriler wurde es. Als würde es nicht um die Liebe zwischen ihnen beiden gehen, sondern um zwei vollkommen andere Ponys, deren Beziehung sie von außen betrachteten.
Das war es, was Rogue die meiste Pein bereitet hatte. Es reichte ihnen nicht, einen Punkt zu setzen, an dem Schluss war. Sie mussten das Gute, das sie hatten, auch noch auseinanderpflücken, es auf einen kalten Obdutkionstisch schnallen und emotionslos Stück für Stück sezieren, bis nichts mehr davon übrig war. Er hatte an ihren Augen ablesen können, dass sie ebenso empfand. Doch anstatt aufzuhören, machten sie einfach weiter, schnitten tiefer und tiefer...
„Es tut mir Leid.", sagte sie und ließ ihn damit aus seinen Gedanken aufschrecken. Er wendete sich ihr zu und sah sie überrascht an.
„Was tut dir Leid?", fragte er sie.
Grace wischte sich verlegen eine Strähne ihrer langen, kohlrabenschwarzen Mähne aus dem Gesicht. „Ich sollte nicht so gemein zu dir sein. Es... es geht einfach mit mir durch. Noch einmal: es tut mir Leid."
Der junge Hengst sah sie noch einen Moment lang an, dann nickte er langsam. „Schon gut. Ich komme damit zurecht.", log er sie an.
Die Stute blickte betreten zu Boden. „Ich habe von dir und Peach gehört. Schön, dass du wieder jemanden gefunden hast."
Rogue musste einen Augenblick lang nachdenken, bis er verstand, was sie meinte. Sweet hatte ihm die quirlige kleine Stute im Dew Pond vorgestellt. Sie war ein Rettungspony von der East Flank und ein hübsches junges Ding. Er war ein paar Mal mit ihr ausgegangen, aber bis auf die Arbeit hatten sie wenig gemeinsam. Er hatte schon seit Wochen nichts mehr von ihr gehört.
„Ich... Wir sollten aufhören, uns über den Weg zu laufen, Rogue. Es reißt zu viele alte Wunden wieder auf. Wir können einfach nicht miteinander, so einfach ist das. Und so kompliziert." Sie starrte konzentriert auf ihre Hufe, um seinem Blick nicht zu begegnen.
Wieder schwiegen sie. Schließlich räusperte die Rogue. „Ja, vielleicht hast du recht. Es reißt alte Wunden wieder auf." Er stand von der Bank auf und ließ seinen Blick über den kleinen Innenhof der Stadthäuser schweifen. „Ich will nur, dass du weißt, das ich die letzten zwei Jahre für mich wunderschön waren. Und ich möchte sie um nichts in der Welt missen." Damit wandte er sich um und ging davon. Sie dort zurückzulassen tat mehr weh als alles andere zuvor.
Das letzte Bild seines Traumes, der schmale Durchgang zwischen den hohen Häusern, der langsam durch seine aufsteigenden Tränen verwischte, stand ihm immer noch glasklar vor Augen, als er aufwachte.
Er quälte sich unter dem dünnen Laken hervor und warf einen kurzen Blick aus dem Fenster. Die Sonne hatte ihren Zenit bereits überschritten, es musste inzwischen Nachmittag sein. Er fühlte sich wund und angeschlagen, fast schlimmer, als zu dem Zeitpunkt, als er sich hingelegt hatte. Er schüttelte sich kräftig und goss sich etwas Wasser aus der Kanne auf der Kommode in die Waschschüssel. Er tauchte sein Gesicht hinein und rubbelte sich anschließend ordentlich ab, um seine Lethargie loszuwerden.
Er wünschte sie einen Spiegel. Weniger, um sein Äußeres zu begutachten, sondern um sich einen Moment lang in der Selbstbetrachtung zu versenken. Es war wesentlich leichter, über sich selbst nachzudenken, wenn man in sein eigenes Spiegelbild sah.
Es klopfte an der Tür.
Rogue drehte sich überrascht um und strich sich mit seinem Huf die feuchte Mähne wieder nach vorne. Dann trotte er zur Tür und öffnete sie.
Wäre Apple Blooms große, rote Mähnenschleife nicht gewesen, hätte er sie auf den ersten Blick glatt übersehen. Das gelbe Füllen sah mit ihren großen, runden Augen zu ihm auf, ein kleines Kuvert in ihrem Mund. Sie ließ es vor sich zu Boden fallen und schob es ihm mit einem Huf zu.
„Hey, Rogue! Pinkie hat das vor 'ner Stunde für dich abgegeben. Ich hab´ gehört, wie du aufgestand´n bist, also hab´ ich geklopft."
Das junge Rettungspony sah einen Moment lang auf den pinken Umschlag, der mit aufgedruckten Luftballons verziert war. Waren das bunte Lufschlangen, die da herausragten?
„Danke, Apple Bloom. Wo ist der Rest der Familie?"
„AJ ist gleich los zu Fluttershy, nachdem sie den Brief bekommen hat. Granny schläft in der Küche und Big Mac sitzt schon den ganzen Tag draußen unter´m Kastanienbaum." Sie warf ihm einen neugierigen Blick zu. „Stimmt es, dass du morgen wieder zurück nach Manehattan gehst?"
Rogue zögerte einen Augenblick lang, dann nickte er langsam. „Ja. Es wird Zeit für mich nach Hause zu kommen."
Apple Bloom trat unruhig von einem Huf auf den anderen, dann stürzte sie plötzlich los, in Richtung ihres Zimmers. „ Warte nen´ Augenblick!", rief sie ihm noch über die Schulter zu, dann verschwand sie durch die Tür. Rogue blickte ihr verdutzt hinterher, bis sie kurz darauf mit einem Blatt im Mund wieder zurückkehrte. Sie ließ es zwischen sie beide auf den Boden fallen und strich sich verlegen über ihren Hinterkopf. „Ich wollt´ es dir eigentlich Morgen zum Abschied geb´n. Aber... vielleicht willst du es jetzt schon hab´n."
Er sah auf das Blatt Papier zu seinen Hufen. Drei kleine Szenen waren mit bunten Wachsmalkreiden drauf gemalt worden, in einem erstaunlichen Detailreichtum. In der ersten zog ein graues Erdpony einen weißen Wagen mit einem dicken, roten Kreuz darauf. Aus dem Verdeck des Wagens ragte der Kopf einer orangenen Stute mit dem unverwechselbaren Hut auf dem Kopf. Beide Ponys lächelten sich vergnügt an.
Das nächste Bild zeigte das graue Erdpony auf dem Boden sitzend, mit drei kleineren Ponys vor sich. Sein Blick war aufmerksam und ein leichtes Lächeln zeichnete sich auf seinem Gesicht ab. Die drei kleinen Füllen waren in verschiedenen Posen gezeichnet worden, der orangene Pegasus mit der purpuroten Mähne hatte seinen Kopf angriffslustig gesenkt, während das weiße Einhorn auf seinen Hinterläufen saß und mit weit geöffnetem Mund lachte. Das gelbe Fohlen mit der roten Schleife hatte einen Huf erhoben und kicherte mit geschlossenen Augen.
Die letzte Szene war offensichtlich der Fantasie entsprungen. Es zeigte das graue Pony, die orangene Stute, das gelbe Fohlen, eine grüne, alte Mähre und einen großen, roten Hengst, wie sie zwischen einem Regen aus blauen Tropfen tanzten.
Rogue betrachtete das Bild lange, während Apple Bloom vor ihm nervös mit dem Huf über das Holz strich. Schließlich hob er den Kopf.
„Das ist wunderschön, Apple Bloom."
Das kleine Füllen zauberte ein breites Lächeln auf ihr Gesicht und machte vor Freude einen Satz in die Luft. „Es gefällt dir?", fragte sie aufgeregt.
Rogue blickte wieder auf das Bild und nickte. Plötzlich schlangen sich ihm ein paar kleiner, gelber Hufe um den Hals. Er war für einen kurzen Moment überrumpelt, dann erwiderte er die Umarmung.
„Ich mag dich, Rogue.", flüsterte ihm das kleine Fohlen ins Ohr.
Der junge Hengst schluckte den Kloß herunter, der sich in seiner Kehle gebildet hatte. Es war nur ein einziger, kurzer Nachmittag gewesen, den er zusammen mit seiner kleinen Cousine verbracht hatte. Doch im Rückblick war es vielleicht seine schönste Zeit in Ponyville gewesen, als seine Sorgen scheinbar nicht ferner sein konnten. Es berührte ihn, wie fest sie ihn in ihr kleines Herz geschlossen hatte.
„Ich mag dich auch, Apple Bloom. Sehr sogar."
„Du kommst uns doch wieder besuchen, oder?"
Er löste die Umarmung und hielt sie mit seinen Hufen an der Schulter. „Ganz bestimmt.", sagte er mit sanften Lächeln, während er ihr fest in die Augen sah. „Ich verspreche es dir."
Er rubbelte ihr spielerisch über den Kopf und zerzauste ihre rote Mähne. „Jetzt aber ab mit dir! Es ist Sonntag und Sweety Belle und Scootaloo fragen sich bestimmt schon wo du bleibst. Grüß sie von mir!"
Apple Bloom kicherte sprang die Treppe hinunter. „Mach´ ich!", rief sie ihm noch hinterher.
Rogue blieb auf der Diele stehen und sah dem kleinen Fohlen noch nach, als sie längst verschwunden war. Schließlich seufzte er schwer und hob das Kuvert auf, das noch immer auf der Türschwelle lag.
Er klappte den unverschlossenen Umschlag mit der Zunge auf und zog das einzelne Blatt mit den Zähnen hervor, das darin lag. Er faltete es auf dem Bett auf.
Einladung
Du (Ja, DU ganz besonders!) bist herzlich eingeladen zu der super-duper Willkommen-zuhause-und-werde-schnell-wieder-gesund-Party für und mit Rainbow Dash!
Heute, am Sonntag Abend, im kleinen Park hinter der Bibliothek. Für Essen und Getränke ist gesorgt! (aber für Mehr ist immer Platz!)
Rogue las den Brief und schüttelte dabei abwesend den Umschlag aus. Es waren tatsächlich Luftschlangen gewesen, die in das Kuvert gesteckt worden waren. Zusammen mit einem ganzen hufvoll Glitter.
Nachdem er geendet hatte, setzte sich vor dem Bett auf seine Hinterläufe und strich gedankenverloren durch den funkelnden Haufen Pailletten am Boden. Wenn ihm nach etwas jetzt nicht der Sinn stand, dann nach einer Party. Er ging gegen seinen Willen aus Ponyville fort, aber zum Besten von allen. Er bezweifelte, dass er unter diesen Umständen eine Bereicherung für das lustige Treiben dort war. Er konnte kaum fröhlich und ausgelassen sein, wenn er an den schweren, einsamen Weg dachte, der vor ihm lag. Die lange Strecke nach Manehattan zurück war noch der leichteste Teil davon.
Aber er konnte sich nicht davor drücken. Er erschauderte leicht, als er daran dachte. Er schuldete es Pinkie Pie ihr mindestens von Angesicht zu Angesicht zu sagen, dass er die Planung für den Ehrenamtlichen Rettungsdienst nicht innerhalb der Frist vorlegen konnte. Und Applejack wäre sicher ruhiger ums Herz, wenn er zumindest vorgab sich an seinem letzten Abend hier zu amüsieren. Er konnte Rainbow Dash fragen, ob seine Erstversorgung Früchte getragen hatte und es ihr gut ging. Und vielleicht erhaschte er einen kurzen Blick auf Twilight...
Wieder seufzte er. Morgen würde alles vorbei sein. Es war nur eine kleine Hürde, die er zu überwinden hatte. Dann würde Ponyville und all seine bitter-süßen Ablenkungen hinter ihm zurückbleiben. Er hatte erledigt, was es hier zu tun gab. Dann würde er fortgehen und alles mit sich alleine ausmachen können. Alleine...
Als Rogue aus dem kühlen Schatten des Farmhauses trat, empfing ihn der Tag mit der bereits so gewohnten Hitze eines Backofens. Die Luft flirrte über den Feldern und der kurze Regenguss von gestern schien nicht mehr als eine ferne Erinnerung. Er strich ziellos über die Farm, unschlüssig darüber, was er als nächstes mit sich anfangen sollte. Das meiste seiner Reisevorbereitungen konnte er erst morgen erledigen, wenn die Geschäfte wieder geöffnet hatten. Sein Besuch bei Fluttershy hatte sich auch erledigt, nicht nur weil sie wahrscheinlich mit der Rückkehr von Rainbow Dash beschäftigt war, sondern auch, weil Bandit spätestens in drei Tagen zurück in seinen heimischen Wäldern war. Er konnte sie heute Abend fragen, was er für den Weg dort hin noch über seinen kleinen Begleiter wissen musste.
Versunken in seine eigenen Gedanken, blickte er überrascht auf, als er eine Stimme ihm zurufen hörte.
„Ey, Rogue. Wohin geht's?"
Der junge Hengst drehte sich um und sah Big Macintosh unter dem Schatten eines großen, alten Baumes liegen, jenseits der Geräteschuppen, wohin ihn seine Wanderung getrieben hatte. Sein großer Cousin lag auf dem Rücken, bequem gegen den Stamm gelehnt und kaute entspannt auf einem Strohhalm in seinem Mund, während er ihn aus halbgeschlossenen Augen betrachtete. Das junge Rettungspony trotte langsam zu ihm hinüber und atmete unwillkürlich auf, als er unter die Schatten spendenden Blätter trat. Die Sonne war heute wirklich unerträglich.
Er setzte sich neben dem roten Hengst auf die Erde und wischte sich mit dem Vorderlauf den Schweiß aus dem Gesicht.
„Na? Wie geht's?", fragte ihn Big Mac. Sein Kopf ruhte immer noch auf seiner breiten Brust, nur ein einzelnes, grünes Auge war auf seinen Cousin gerichtet.
Rogue ließ sich auf seinen Bauch niedersinken und verschränkte seine Vorderläufe vor der Brust. „Du weißt, dass ich morgen wieder aufbreche, oder?"
Big Mac nickte bedächtig. „AJ hat´s heut´ beim Mittach´ gesacht´. S´ mächtig schade."
Sie lagen eine Weile schweigend beieinander, dann räusperte sich der rote Hengst. „Se´ is´ schon ne´ Wucht, unsere AJ, oder?"
Rogue sah ihn einen Augenblick erschreckt an. Das einzelne Auge seines Cousins betrachtete ihn unter seinen halb geschlossene Liedern aufmerksam. Er wich dem Blick aus und sah zu Boden, während er merkte, wie er langsam rot wurde.
Big Mac lächelte und schloss besonnen seine Augen, während er den Halm in seiner Schnauze herum rollte. „S´ also, wie ich´s mir gedacht hab´."
Rogue sah überrascht auf und stotterte: „Ich wollte nicht... ich meine... es ist nicht so... Wir..." Er brach verlegen ab.
„Eeyup. Genau."
Der blaugraue Hengst sprang auf seine vier Hufe und hob abwehrend einen Vorderlauf. „Es ist nicht so, wie du denkst!", stieß er hervor. „Ich und Applejack, wir sind nur gute Freunde und überhaupt, wir sind doch verwandt und wir passen gar nicht zueinander und in Manehattan wartet Schwester Darling auf mich und Twilight..." Er schlug einen Huf vor seinen Mund und stopfte sich selbst das Maul. Er hörte sich an, als hätte er eine ganze Ladung von Stuten auf Halde. Dabei bereiteten ihm eine alleine bereits Kopfzerbrechen. Warum... Warum hast du Twilight erwähnt?, fragte er sich selbst, aber der Gedanke wurde fort gewischt, als er ängstlich auf die Reaktion seines großen Cousins wartete.
Big Macintosh klappte seine Augenlider nach oben und warf ihm einen argwöhnischen Blick zu. Er spuckte den Grashalm in seinem Mund beiseite und erhob sich langsam. Seine große Gestalt ragte über Rogue auf, der sich plötzlich sehr klein vorkam.
„Hab´ mich nich´ in dir getäuscht, Rogue, oda´? Hab´ nich´ gedacht, s´ anständiges Pony un´ s´ stimmt nich´, oda´? Spielst´ doch keine Spielchen mit meina´ klein´ Schwester?" Die tiefe Stimme des Hengstes hatte einen bedrohlichen, grollenden Unterton angenommen.
Rogue wich erschrocken einen Schritt zurück. „Nein, Big Mac, du verstehst das falsch! Ich und Applejack, wir... ich und sie... also..." Seine Schultern sackten herab, als er es aufgab. „ Es ist kompliziert." Er sah unsicher zu dem großen Hengst auf. „Ist es so offensichtlich?", fragte er besorgt.
Big Mac verharrte einen Moment regungslos, dann entspannte er sich. Jetzt war es an ihm verlegen zur Seite zu blicken. „Hab´ euch heut´ morgen geseh´n. Hab´ das ein- oder and´re gehört."
Das Rettungspony hob den Kopf und sah ihm überrascht in die Augen. „Du hast uns belauscht?"
Big Mac schüttelte den Kopf. „Nope. Hab´ euch da lieg´n seh´n un´ was gehört, als ich die Tür zugemacht hab´. Hab´ mir den Rest gedacht." Er setzte sich auf seine Hinterläufe und machte ein nachdenkliches Gesicht. „S´ meine kleine Schwester. Kenn´ se´ in- und auswendich´. Hab´ se´ noch nie so geseh´n." Er atmete tief ein und stieß seinen Atmen mit einem Seufzer wieder aus. „Hab´ euch beide die letzten Tage beobachtet. Sin´ paar Puzzleteile annen´ Platz gefall´n, als ich´s heut´ morgen geseh´n hab´. Hab´ mich gefreut, dasses´ nen´ richtig´n getroff´n hat." Er blickte etwas unsicher auf. „Hab´ n´ bisschen zu viel gedacht, isses´ nich´ so?"
Rogue blickte in neugierig an. „Aber... wir sind miteinander verwandt... sie ist meine Cousine. Vielleicht um eine Ecke herum, aber das ändert doch nichts daran. Ich denke nicht... Ich denke...es ist nicht richtig!"
Big Mac schüttelte langsam seinen Kopf. „Was is ´ schon richtich´ un´ was falsch? Hab´ genuch´ Stut´n geseh´n, die Huf in Huf gegang´n sin, Hab´ Rummy erwischt, wie er seine Zunge in Easy´s Mund gesteckt hat. Wenn´ glücklich macht - Was soll´s? Glaubste´ ich will was andres´ als das meine´ Schwester glücklich is´? Was ich geseh´n hab, bis´n feiner Kerl, Rogue. AJ vertraut dir, un´ s´ mehr als ich über den Rest von ner´ Bargage sag´n kann, die hier schon mal aufgetaucht is´. Bis´ halt ihr Cousin umme´ Ecke rum. S´ nich´ das Thema. Haste´ se´ lieb?"
Rogue errötete wieder. „Es ist nicht so einfach, Big Mac."
Der rote Hengst schnaubte abfällig. „Isses´ nich´? Wovor haste´ Angst?"
Der junge Hengst zögerte einen Moment, dann schloss er die Augen. „Davor, dass es nicht klappt. Dass wir eines Tages wieder auseinander gehen und ich sie verliere. Dass wir herausfinden, dass wir doch nicht so gut zueinander passen, wie wir dachten. Dass wir etwas finden, das wir an dem anderen nicht ausstehen können. Dass ich nicht hier bleiben kann oder will." Er blickte auf und sah hoch zu dem Blätterdach, durch das die strahlende Sonne glitzerte. „Ja, es macht mir Angst, wenn ich daran denke. Ich... ich..." Er wollte es aussprechen, aber seine Zunge verknotete sich unwillkürlich. Na, los, neckte ihn die kleine Stimme in seinem Kopf. Es ist nur eine kleines Wort. Es fängt mit ´L´ an und hört mit... „Ich mag sie zu sehr, um das zu riskieren.", wich er feige aus.
Big Mac betrachtete ihn einen Moment lang, dann schob er sich einen neuen Grashalm zwischen die Zähne. „Wirst´ es nie rausfind´n, wenn des´ nich´ riskierst."
Rogue nickte langsam und verdrossen. Sein Cousin hatte Recht. Was war besser: Es zu versuchen und zu scheitern, oder die Hufe in den Schoß legen und die Chance verstreichen zu lassen?
Er schüttelte traurig den Kopf. Er hatte sich bereits entschieden. Er würde mit eingekniffenen Schwanz nach Hause laufen. In diesem Moment hasste er sich selbst dafür.
„Hey, Jungs! Worüber sprecht´n ihr?"
Die beiden Hengste wirbelten erschreckt herum, als sie Applejacks Stimme hinter sich hörten. Die junge Stute war gerade unter den Schatten des Baumes getreten und betrachtet sie beide mit einem fröhlichen Lächeln.
Rogue und Big Mac warfen sich einen kurzen Seitenblick zu, dann antwortete das Rettungspony schnell: „Hengstsachen!" Er sah zu Big Mac und zog seine Augenbraue hoch.
Der rote Hengst nickte gemächlich. „Eeyup!"
Applejacks runzelte überrascht die Stirn. „Oh! Mmh, ok... soll ich euch alleine lass´n?"
Rogue schüttelte seinen Kopf, etwas zu heftig, um nicht verdächtig zu wirken. „Nein, nein, wir sind gerade fertig, oder?"
„Eeyup!"
Die orangene Stute beobachtete ihre beiden Verwandten argwöhnisch. „Na, guuuut...", sagte sie gedehnt. „Wir sollt´n uns langsam für die Party fertigmach´n, wenn wer´ nich´ zu spät komm´ woll´n." Sie fixierte Rogue und eine leichte Besorgnis schlich sich in ihre Stimme. „Du kommst doch auch, oder, Rogue?"
Der junge Hengst nickte und schaffte es, ein Grinsen auf seinem Gesicht erscheinen zu lassen. „Klar! Nichts könnte mich davon abhalten!"
Seine kleine Vorstellung war anscheinend gut genug, den Applejack lächelte erleichtert. „Na, dann los!"
Die Sonne schickte sich gerade dazu an, hinter dem Horizont zu verschwinden, als die vier Ponys – Applejack, Big Macintosh, Apple Bloom und Rogue – in dem kleinen Park hinter der Bibliothek ankamen. Der Platz war nicht nicht wieder zuerkennen – Als Rogue heute Morgen hier vorbei geschlichen war, standen zwischen den Bäumen nur ein paar Parkbänke. Der einzige Schmuck waren die bunten Wimpelbänder gewesen, die überall im Dorf zu finden waren und sich zwischen den Ästen spannten. Jetzt waren ganze Reihen von farbenfrohen Lampions dazugekommen und bunte Banner waren überall angebracht worden. Tische und Bänke waren in kleinen, vereinzelten Gruppen angeordnet und ein riesiges Büfett ließ den langen Tisch unter seinem Gewischt ächzen. Überall waren Ponys unterwegs, die miteinander schwatzen, lachten und sich bei den vielen Süßigkeiten bedienten, die überall aufgestellt waren. Das halbe Dorf musste auf den Beinen sein.
Apple Bloom wartete nicht lange und raste sofort los, als sie Scootaloo und Sweety Belle unter einem der Tische sitzen sah. Big Mac wurde von einem dunkelbraunen Pegasushengst begrüßt und ging mit ihm zusammen los, um sich einen Happen zu organisieren. Applejack führte Rogue tiefer in die Menge der Ponys.
„AJ! Hey! Hier sind wir!" Die Erdstute reckte suchend den Kopf in die Richtung, aus der die Stimme gekommen war, dann hellte sich ihre Miene sichtlich auf. „Rainbow! Ihr habt uns gefund´n!" Sie drängten sich an einer Gruppe Stuten vorbei, die sich aufgeregt miteinander unterhielten. Twilight, Fluttershy, Pinkie Pie, Rarity und eine zyanblaue Stute mit regenbogenfarbener Mähne, die Rogue sofort als Rainbow Dash wiedererkannte, standen zusammen und begrüßten Applejack in ihrer Mitte.
Die orangene Erdstute umarmte Rainbow nur kurz, was Rogue etwas verwunderte, dann sah sie sich um. „S´ toll, was de´ inner kurzen Zeit geschafft has´ Pinkie! Hier fehlt wirklich nix!"
Das pinke Pony sprang aufgeregt auf und ab. „Endlich kann ich mal wieder eine große Party schmeißen! Wir haben jede Menge Essen, Spiele und später gibt's auch Musik!" Sie blickte an Applejack vorbei und winkte aufgeregt mit dem Huf. „Hi, Rogue!"
Das schien AJ an etwas zu erinnern. Sie winkte den jungen Hengst in den Kreis der Stuten. Etwas verlegen trat Rogue vor und warf einen kurzen Blick in die Runde. Fluttershy sah mit scheuem Blick hinter ihrer Mähne hervor, Rarity betrachtete ihn zwischen ihren langen Winpern, Pinkie Pie grinste ihn breit an, Rainbow hatte fragend eine Augenbraue erhoben und Twilight... Twilights Gesicht blieb ausdruckslos.
„S´ mein Cousin, Rogue Runner, von dem ich dir schon erzählt hab´, Rainbow. Der dich bei Cloudsdale verarztet hat."
Die blaue Pegasusstute machte einen argwöhnischen Gesichtsausdruck und schüttelte dem Rettungspony kurz den Huf. „Oh, hi. Schön dich kennen zu lernen." Ihr Tonfall war alles andere als freundlich.
Bitte sehr, gerne geschehen, meldete sich eine sarkastische Stimme in Rogue´s Hinterkopf, als er er die kühle Begrüßung hörte, aber er schob sie beiseite. Er erinnerte sich rechtzeitig daran, dass sie ihm damals bereits das ´Du´ angeboten hatte, als er sie fragte: „Geht es dir wieder besser, Rainbow?"
Die Stute warf ihm noch einen misstrauischen Blick zu, dann zuckte sie mit den Schultern. „Meh. Geht so. Ich kann wieder fliegen, aber die haben gesagt, ich soll es die nächsten Tage nicht übertreiben. Nicht dass die Wunde aufreißt."
Das Rettungspony wollte gerade zu einer weiteren Frage ansetzen, als die blaue Stute etwas hinter ihm entdeckte und sich flink an ihm vorbeidrückte.
„Hey, Spike!"
Der kleine Drache hielt eine große Schüssel mit Edelsteinen in seiner Ellenbeuge und lief auf Rainbow zu, um sie in eine feste Umarmung zu ziehen.
„Da bist du ja endlich wieder! Twilight hat mir schon erzählt dass du zurück in Ponyville bist! Tut mir leid, dass ich dich nicht mit den anderen bei Fluttershy hab´ begrüßen können." Rainbow kicherte und winkte abwehrend mit dem Huf. „Kein Problem. Wäre sowieso ein bisschen voll geworden, mit meinem ganzen Zeug dort."
Spike nickte und knabberte an einem großen Rubin. „Du wohnst also bei ihr, solange du kein neues Haus bauen kannst? Wie bist du eigentlich von Cloudsdale hierher zurückgekommen?"
„Ich bin auf der Regenwolke geritten, die nach Ponyville geschickt worden ist." Sie kratzte sich verlegen am Hinterkopf. „Soarin hat dafür gesorgt, dass ich mitkam. Er beaufsichtigt die Verteilungstrupps."
Der kleine Drache blickte überrascht auf. „Soarin? Soarin von den Wonderbolts? Mit dem du auf der Hochzeit getanzt hast?"
Die blaue Stute errötete leicht, dann schüttelte sie heftig den Kopf. „So ist das nicht! Er... ich...", sie kam ins Stottern und wechselte schnell das Thema. „Hey, Spike, willst du meine coole Narbe sehen?"
„Klar!", er leckte sich die kleinen Klauen ab und stellte die Schüssel beiseite. Rainbow hob ihren linken Flügel an und strich mit dem Huf ihr Fell beiseite. Ein schmaler Streifen war rasiert worden und eine frische, rote Narbe zog sich über ihre Haut, etwa einen halben Huf lang. „Sie haben mir einen Splitter von einer Rippe rausholen müssen, der zu nahe an die Lunge geraten war."
Der kleine Drache lehnte sich nach vorne und streckte neugierig eine Kralle danach aus. „Cool!"
Rainbow wich zurück und klappte ihren Flügel wieder zurück. „Hey, anschauen, nicht anfassen!"
Rogue verließ die anderen und trottete zum Büfett hinüber. Obwohl er den Tag über nur ein paar Äpfel zwischendurch gegessen hatte, fühlte er sich nicht wirklich hungrig. Er nahm sich anstandshalber ein Stück Kuchen und schenkte mehrere Gläser mit dem seltsam grünen Punsch ein, der in einer großen, runden Bowle bereitstand. Er stellte alles auf ein kleines Tablett und balancierte es auf seinem Rücken zurück zu Applejack und den anderen. „Ich habe euch was zu Trinken mitgebracht."
Seine Cousine nahm ein Glas und nippte vorsichtig daran, während er ihre Freundinnen bediente. Bei Pinkie konnte man sich niemals sicher sein, was einem in einem harmlosen Glas erwartete.
„Mmh... danke." Fluttershy lugte hinter der pinken Strähne ihrer langen Mähne hervor und hielt das Glas in beiden Hufen. Etwas überrascht verharrte Rogue einen Moment und blickte den gelben Pegasus neugierig an. „Kein Problem.", sagte er schließlich. Sie nahm einen kleinen Schluck von der Bowle. Einen Augenblick lang hielt ihr einzelnes blaues Auge seinem Blick stand, dann sah sie scheu weg.
„Oh, vielen Dank, Darling. Ich war geradezu am verdursten!" Rarity hüllte ihre Magie um ein Glas und ließ es zu sich schweben.
„Gerne geschehen." Rogue setzte sich an einen Tisch in der Nähe und mümmelte lustlos an dem Stück Torte. Sie schmeckte gut, aber er konnte es einfach nicht richtig würdigen. Während er mechanisch Bissen um Bissen runterschluckte, nippte er an seinem Glas. War das Paprika-Geschmack? Grüne Paprika? Er nippte noch einmal. Tatsächlich... es schmeckte aber überraschend gut.
Während er trank, ließ er seinen Blick über die Gruppe der Stuten schweifen, die zusammen stand und sich miteinander unterhielt. Rarity, Applejack und Rainbow plapperten aufgeregt durcheinander, während sich Fluttershy auf die Hinterläufe gesetzt hatte und ihnen aufmerksam zuhörte. Pinkie stopfte sich ein Stück Kuchen nach dem anderen hinein und machte ein vergnügtes Gesicht. Wo ließ sie das nur alles? Twilight stand neben ihr und folgte der Unterhaltung, ohne sich einzumischen. Sie sah heute etwas besser aus, ihre schöne purpurne Mähne mit dem dünnen, violetten Streifen war ordentlich gekämmt und die Ringe unter ihren Augen nur noch ein leichter Schatten. Sie schien immer noch still und in sich gekehrt zu sein, aber hin und wieder umspielte ein Lächeln ihre Lippen, wenn jemand aus der Gruppe etwas lustiges sagte. Es erleichterte Rogue ungemein sie so zu sehen. Sie schien langsam darüber hinweg zukommen. Und vielleicht... vielleicht hatte er etwas dazu beitragen können. Er wünschte sich, er könnte sie fragen. Aber das war natürlich ausgeschlossen.
Als er sie länger betrachtete, begann er sich unwillkürlich zu fragen, ob Twilight nicht in einer ähnlichen Situation wie er selbst war. Nach dem, was er in der Bibliothek belauscht hatte – Ein Schauder der Verlegenheit ran an ihm herunter, als er daran dachte – schien sie sich selbst die Schuld für den Vorfall in Canterlot zu geben. Und wie er hatte sie Schwierigkeiten von dieser Überzeugung abzuweichen, obwohl alle so felsenfest behaupteten, sie könne nichts dafür.
Rogue begann sich zu fragen, ob sein erster Eindruck von Twilight an diesem Abend stimmte. War sie wirklich dabei, das, was ihr zugestoßen war, zu verarbeiten, oder hielt sie hier nur die Fassade aufrecht, so wie er selbst? Er konzentrierte sich auf ihre Bewegungen und ihre Mimik. Das nervöse Zucken der Ohren, das allzu plötzliche Grinsen, dessen Fröhlichkeit ihre Augen nicht zu erreichen vermochte... Rogues Herz sank ein Stück, als er diese kleinen Zeichen wahr nahm.
Nein, sie war noch nicht über den Berg. Als er sie jetzt ansah, stand es ihr praktisch ins Gesicht geschrieben. Ihre Sorgen erdrückten sie immer noch. Er wünschte nur, er könnte...
Er schüttelte langsam und traurig den Kopf. Er konnte nicht. Morgen schon würde er fort sein. Er kannte diese Stute immer noch kaum und selbst wenn und falls er auch nur die Spur einer Ahnung davon hätte, würde sie seine Hilfe nicht annehmen. Und welche Hilfe konnte das schon sein? Er kam ja kaum mit sich selbst klar. Er war ein kleines Rettungspony aus Manehattan, während sie zusammen mit den Prinzessinnen an dem großen Problem der Dürre arbeitete.
Als er daran dachte, erinnerte er sich an die Worte von Twilight in der Bibliothek. Auch wenn sich alle Ponys zuversichtlich gaben und die Auswirkungen des fehlenden Regens so gut wie möglich zu ignorieren suchten, gaben Twilights Offenbarungen an Spike doch Anlass zur Sorge. Er hatte darüber bisher nicht weiter nachgedacht, sondern diese Information zusammen mit der peinlichen Szene so weit hinten in seinem Geist verstaut, wie es ihm möglich gewesen war. Warum auch? Wenn er sich umsah, war von einer Krise kaum etwas zu bemerken. Aber wenn eine Lösung tatsächlich noch in weiter Ferne war, dann...
Rogue riss sich aus seinen Gedanken, als er merkte, wie er beobachtet wurde. Er wendete seinen Blick von der lavendelfarbenen Stute ab, die er abwesend betrachtet hatte und sah ein Stück beiseite.
Spike stand neben Twilight und warf ihm einen misstrauischen Blick zu.
Rogue sah panisch zwischen Spike und Twilight hin und her. Oh, buck! Er hat bemerkt, wie ich sie angestarrt habe und jetzt denkt er bestimmt, ich bin irgendein Freak, wenn er das nicht ohnehin schon gedacht hat und jetzt hat er mich erwischt, buck, buck buck!, zuckte es ihm durch den Kopf. Schnell konzentrierte er sich auf die Reste des Kuchens vor ihm. Nach einigen Sekunden, in denen er so tat, als würde er sich enthusiastisch dem Stück Torte widmen, riskierte er noch einmal einen Blick auf den kleinen Drachen.
Spike hatte sich wieder der Gruppe zugewandt und schien ihn nicht weiter zu beachten. Rogue stieß einen Seufzer der Erleichterung aus.
Die Nacht brach herein und die Lampions wurden angezündet, so dass der kleine Park in ihren warmen bunten Schein gehüllt wurde. Colgate und Lyra, die beiden freiwilligen Feuerwehrponys, hatten Rogue gefunden und sich zu ihm an den Tisch gesetzt, zusammen mit einer cremefarbenen Stute, deren dunkelblau-pinke Mähne sich an den Spitzen aufrollte und sich als ´Bon Bon´ vorstellte. Sie machten etwas Smalltalk, bis Colgate schließlich die unausweichliche Frage stellte: „Kannst du uns von ein paar deiner Einsätze erzählen, Rogue?"
Er war froh über die Ablenkung und ließ sich gerne darauf ein. „Wir sind zu einem Unfall beim Rangierbahnhof gerufen worden. Als wir ankamen, waren die zwei Zugponys in heller Aufregung und brachten kein einziges verständliches Wort heraus. Wir konnten nur am Rand des Geländes parken, also schnappen wir uns unsere Koffer und liefen los. Ein kleiner Arbeitswagen war aus der Schiene gesprungen und hatte den schweren Weichensteller gerammt. Ich gehe um den vordersten Wagen herum und schaue hoch zur Scheibe, wo das Bremspony sitzen sollte. Die ganze Scheibe – und ich meine die ganze Scheibe – war komplett rot." Er legte eine kurze Pause ein, um Stuten erschreckt einatmen zu lassen. Sie enttäuschten ihn nicht.
„Ich erstarre kurz, dann öffne ich die kleine Tür. Drinnen sah es nicht besser aus. Die ganze Kanzel tropfte nur so. Und mittendrin liegt ein Pony neben seinem Stuhl, bewusstlos. Ich konnte gar nicht sehen, was mit ihm los war, so voll war er mit dem Zeug." Weitere entsetzte Geräusche. „Ich steige in die Kanzel und fange an ihn zu untersuchen, während Trotter, mein Kollege, seinen Diagnosezauber wirkt. Aber alles was ich finden kann, ist eine kleine Platzwunde am Hinterkopf. Ich suche weiter, schließlich muss das ganze Blut ja irgendwo herkommen! Trotter hat inzwischen seinen Zauber abgeschlossen und guckt mich komisch an. Ich starre zurück, frage ihn, warum er mir nicht hilft. Er streckt seinen Huf aus, tippt ihn in eine der Pfützen am Boden und dann..." dramatische Pause. „...leckt er daran." Die Stuten stöhnten vor Ekel gleichzeitig auf. „Ich schaue ihn an, als ob er von allen guten Geistern verlassen wäre und er sagt nur ganz trocken ´Mmh, Tomatensuppe.´ Und da rieche ich es auch. Der Bremser hatte den 20-Liter-Topf mit der Tomatensuppe für die Schicht hinter sich stehen, als der Wagen verunglückt ist. Der Deckel hatte ihn am Kopf getroffen und ausgeknockt, aber ihm fehlte letztlich nicht viel. Und Celestia sei Dank war die Suppe nur noch lauwarm." Colgate, Lyra und Bon Bon lachten erleichtert. Ja, ja, der Rettungsdienst in Manehattan, immer eine spaßige Angelegenheit, meldete sich eine sarkastische Stimme in Rogue´s Hinterkopf. Tolle Geschichten, immer wieder gerne erzählt und zum Schluss geht es immer gut aus. Natürlich mal abgesehen von denen, die... nicht gutausgehen. Er schob den unwillkommenen Gedanken beiseite.
„Hey, wird hier was erzählt, was ich auch gerne hören würde?" Pinkie ploppte hinter Lyra und Bon Bon auf und legte ihre Vorderläufe über ihre Schultern.
Rogue konnte sich ein kleines Kichern nicht verkneifen. Pinkie hatte ein Talent für überraschende Auftritte im richtigen Moment.
„Nur ein paar alte Rettungsdienst-Geschichten. Übrigens, danke für deine Einladung, Pinkie. Das ist eine tolle Party."
Das pinke Pony winkte ab. „Wäre mir nicht in den Sinn gekommen, dich außen vor zu lassen. Wenn dir das schon gefällt, dann warte mal ab, bis die Musik anfängt! Vinyl Scratch schuldet mir noch einen Gefallen, und wird heute für uns die Platten tanzen lassen!" Sie wippte mit entschlossenem Gesichtsausdruck zum Beat einer Musik, die nur sie hören konnte. „Hey, dann kannst du mit Applejack tanzen!"
Rogue blickte erschreckt auf. „Was? Wieso..."
„Oh! Oh! Und mit mir musst du auch tanzen, Rogue! Vielleicht kannst du mir ein paar neue Schritte aus Manehattan beibringen! Und Twilight! Sie guckt dich schon den ganzen Abend so komisch an, wenn du nicht hinsiehst!"
Das junge Rettungspony schrank langsam in sich zusammen.
„Tu... Tut sie das?", fragte er unsicher.
„Tut, Tut, tut sie! Ich habe ihr erzählt, warum du ihr nachspioniert hast! Jetzt ist bestimmt alles klar!"
Rogues entglitten die Gesichtszüge. Er klopfte nervös seine Hufspitzen aneinander. „Und wie... also, wie hat sie reagiert?"
Pinkie Pie hielt einen Moment inne und überlegte angestrengt. „Naja, zuerst war sie ein bisschen wütend, aber dann hat Fluttershy gesagt..."
Sein Gesicht war eine Maske des Entsetzens. „Fluttershy war auch da?" quiekte er ungefähr drei Tonlagen zu hoch.
„Oh, ja, und Rainbow auch. Rarity und Applejack kamen etwas später, als der Tee fertig war. Auf jeden Fall hat Fluttershy dich in Schutz genommen und gesagt, dass du aus guter Absicht gehandelt hast. Rainbow ist im wahrsten Sinne des Wortes an die Decke gegangen und wollte gleich los, um dich zur Rede zu stellen, aber ich konnte sie beruhigen. Alles Piko-Bello!" Sie zwinkerte ihm zu.
Rogue verbarg sein Gesicht in seinen Hufen und atmete schwer. Er war sich der neugierigen Blicke der drei Stuten am Tisch mehr als bewusst. Oh, Celestia, ich komme noch heute Nacht vorbei. Kannst du mich bitte, bitte auf den Mond schicken? Vielleicht gibt es da noch ein Pony, dass von der ganzen Sache nichts mitbekommen hat.
„Alles in Ordnung Rogue? Was ist los mit dir?"
Er rang sich ein gequältes Lächeln ab. Morgen, dachte er, Morgen ist alles vorbei. Wenn ich weit genug von hier wegkomme, finde ich vielleicht irgendwann ein Pony, dem ich wieder in die Augen sehen kann. „Super, Pinkie. Vielen Dank." Er versuchte es, aber er konnte die Ironie nicht ganz aus seiner Stimme verbannen. Glücklicherweise war die pinke Stute vollkommen immun dagegen. Sie lächelte breit. „Gerne geschehen!"
„Soooo, wenn ihr mich jetzt entschuldigt...", sagte Rogue gedehnt und erhob sich langsam. „Ich habe da noch was... also, ich muss... ähm, bis später!" Er drehte sich um und flüchtete in vollem Galopp.
Die Straßen Ponyvilles waren dunkel und verlassen, als Rogue still durch das Dorf trottete. Der Mond am Himmel war nur eine schmale Sichel, die kaum Licht auf das Land warf und die Häuser waren bis auf wenige Ausnahmen dunkel. Er sah kein einziges Pony, alle, die bis zu diesem Zeitpunkt noch wach waren, nahmen an der Party teil. Er hörte aus der Entfernung, wie das dumpfe Dröhnen eines Basses einsetzte. Im Park ging es gerade erst so richtig los.
Das war es dann also. Er hatte sich schlussendlich vor Applejack und ihren Freundinnen zum absoluten Idioten und Freak gestempelt. Auch wenn AJ und Rarity bis jetzt noch nichts von seinem Fehltritt in der Bibliothek mitbekommen hatten, würde das jemand auf der Party bestimmt nachholen. Er konnte Pinkie Pie nicht einmal böse sein. Sie hatte es sicherlich nur gut gemeint. Und es mit schlafwandlerischer Sicherheit noch hundert mal schlimmer gemacht.
Er hielt inne und strich sich mit einem Huf über das Gesicht. Wie konnte er diesen Stuten je wieder unter die Augen treten? Wie konnte er sich bei Applejack je wieder sehen lassen? Das war praktisch der schlimmste aller möglichen Fälle. Und er war eingetreten. Hätte er sich nur auf seinen Instinkt verlassen und wäre nicht zu dieser verdammten Party gegangen... Er seufzte schwer. Damit hatte es nichts zu tun. Der Schaden war bereits vorher angerichtet worden.
Es war seltsam, wie das Schicksal manchmal so spielte. Ein einfacher, neugieriger Blick auf die lavendelfarbene Stute auf Applejacks Hofparty hatte ausgereicht, um eine Kette von Ereignissen auszulösen, die sich wie ein Korkenzieher weiter und weiter drehten. Er hatte geglaubt im Guten zu handeln, hatte seinem Drang nachgegeben, helfen zu wollen und jetzt... Der Weg zum Tartarus war mit guten Vorsätzen gepflastert. Es sah so aus, als wäre Rogue ihn bis zum bitteren Ende gegangen.
Vielleicht, wenn er zurückginge, um alles zu erklären...
Er schüttelte traurig den Kopf. Er hatte weder den Mut, noch die Kraft dazu. Was würde Applejack nun von ihm denken? Würde sie enttäuscht sein, wütend? Nichts davon konnte er ertragen. Es würde schon schwer genug sein, ihr morgen gegenüber zu treten. Wenn er aufrichtig zu sich selbst war, fürchtete er sich davor.
Wann war er so unsicher geworden? Was war los mit ihm? Zuhause in Manehattan hatte er sich im Griff, glitt anstaltslos durch seinen Alltag, ohne anzuecken. Er war sich sicher in dem was er tat und wusste bestimmt, was der nächste Tag für ihn bereithielt. Seit er hier war, lief irgendwie alles, was er anpackte, aus dem Ruder. Ponyville war ihm wie ein aufregendes Abenteuer vorgekommen, aber er merkte, wie es begann, an seinen ohnehin schon strapazierten Nerven zu zerren. Was als Urlaub begonnen hatte, entwickelte sich zunehmend zu einem emotionalen Desaster und es war kaum Besserung in Sicht.
Er blickte auf das stille Dorf um ihn herum. Es stimmte, er war sich hier so lebendig vorgekommen, wie schon seit einer Ewigkeit nicht mehr. Seine Zeit hier war eine Achterbahnfahrt gewesen, mit vielen Höhen und Tiefen. Aber jede Fahrt musste einmal enden. Hier und jetzt kam er sich einfach nur verloren vor. Es war Zeit nach Hause zu gehen.
Er hatte den Gedanken noch nicht einmal richtig beendet, als er das Läuten der Glocke hörte.
Rogue erstarrte für einen Moment auf der dunklen Straße von Ponyville, als das helle Klingen der Feuerglocke klar durch die Nacht drang. Es riss ihn so unvermittelt aus seinen Gedanken, dass er einen Moment brauchte, um zu realisieren, was der Klang zu bedeuten hatte. Er suchte vor dem Sternenhimmel die Silhouette des Feuerturmes, woher das Läuten drang. Zwischen zwei strohgedeckten Dächern machte er sie schließlich aus. Er hatte sich auf seiner ziellosen Wanderung durch Ponyville unwillkürlich nach Sweet Apple Acres orientiert und war fast am Rande des Dorfes angekommen. Das Spritzenhaus war nur einen Steinwurf entfernt. Rogue startete durch.
Er war mit den Straßen des Dorfes noch nicht gut genug vertraut, deshalb behielt er den dunklen Schatten des Turmes einfach im Blick und stürmte direkt durch den Garten der beiden Häuser, die sich zwischen ihm und der Feuerwache befanden. In der Dunkelheit trat er durch weiche Blumenbeete und rannte ein dünnes Gestell um, an dem wahrscheinlich Tomaten wuchsen, aber er sah den niedrigen Gartenzaun früh genug, um über ihn hinwegzusetzen. Das Spritzenhaus erhob sich als dunkler Schatten vor ihm, er konnte im schwachen Sternenlicht noch nichteinmal das Pony am Eingang ausmachen, das die Glocke läuten musste.
Dann rannte er mit voller Wucht in etwas weiches, nachgiebiges. Der Aufschlag ließ ihn zurückprallen und überrascht zu Boden gehen. Das, wo immer er dagegen gerannt war, gab einen abhackten, bellenden Laut von sich und wirbelte herum. Rogue konnte noch immer nicht ausmachen, was es war. Er konnte den Boden und die Häuser im Hintergrund erkennen, aber die Gestalt vor ihm blieb ein bloßer Schatten, etwas größer als er selbst. Dann schnappte sie nach ihm.
Er sah das kurze Aufblitzen von weißen, scharfen Zähne in einer langen Schnauze. Erschrocken rollte er sich herum. Das Maul klappte mit einem hörbaren Klacken dort zusammen, wo er eben noch gelegen hatte.
Rogue sprang auf seine Hufe und versuchte panisch Platz zwischen sich und den plötzlichen Angreifer zu bekommen. Dann sprang ihn etwas von der Seite an.
Allein sein Instinkt rettete ihn. Die kleinen, grauen Zellen in seinem Rückgrat besannen sich auf eine Zeit zurück, als es alltäglich war, das Dinge mit scharfen Zähnen Ponys ansprangen und feuerten eine lange unbenutzte Routine ab: Rogue trat mit aller Macht mit den Hinterläufen aus. Der Winkel war alles andere als perfekt und er streifte seinen Angreifer nur an der Seite, aber es genügte, dass die scharfen Zähne vor seinem Gesicht zubissen und sich nicht in seinen verwundbaren Hals gruben. Dennoch riss ihn die Attacke um, als sein schattenhafter Gegner gegen ihn prallte und auf ihm landete. Rogue bekam einen kurzen Endruck von sehnigen Muskeln, die sich geschmeidig unter einem dichten Fell bewegten, dann schlug er wild mit den Vorderläufen aus, um die spitzen Fänge von sich fernzuhalten, die nach ihm schnappten. Eine Welle eisiger Kälte streifte sein Gesicht und leß sein Fell sofort taub werden. Dann traf sein Huf auf etwas feuchtes, weiches und ein schmerzerfüllter, tierischer Laut erklang. Plötzlich war das Gewicht, das ihn niederdrückte, verschwunden.
Rogue war nicht in der Lage zu denken. Der Angriff war aus heiterem Himmel gekommen, völlig unvermutet. Seine Körper erzitterte unter der rollende Woge von Adrenalin, das durch seine Adern gepumpt wurde. Der kleine, urtümliche Teil seines Gehirns, der noch immer akkurat arbeitete, schrie ihm immer nur einen Gedanken entgegen: Flucht! Flucht! Flucht!
Er sprang auf und galoppierte dem einzigen Ziel entgegen, das Sicherheit verhieß: Die dunkle Silhouette des Spritzenhauses, dessen Glocke noch immer wie von Sinnen läutete.
Reißzahnbewährte Mäuler schnappten aus der Dunkelheit nach ihm, wie in einem furchtbaren Alptraum. Sie schienen überall zu sein, dunkle Schemen, in der Finsternis der Nacht kaum auszumachen. Sein Herz schlug so laut, als wolle es seine Brust sprengen.
Mit einem letzten, verzweifelten Satz rettete er sich in die Ecke zwischen dem Turm und dem Spritzenhaus. Er schlug hart an der Holzwand auf und wirbelte herum, seine Verfolger auf den Fersen wähnend. Seine Lungen arbeiteten so schnell sie konnten und dennoch fühlte er, wie ihm die Angst die Kehle zuschnürte.
Etwas bewegte sich im Schatten neben ihm. Rogue zuckte zurück, erhob sich auf seine Hinterläufe und schlug blind mit den Vorderhufen aus. Im letzten Moment erhaschte er im fahlen Sternenlicht den Schimmer einer hellroten Mähne und das leichte Glühen eines Hornes. Er stemmte sich gegen sein eigenes Körpergewicht und warf sich gegen die Wand hinter ihm, um die Gestalt vor ihm nicht zu treffen. Es war ein Pony.
Die Stute hatte das Seil der Feuerglocke im Mund und zog beständig daran, während die Magie ihres Hornes einen Holzrechen umklammert hielt und damit wild nach den Schatten ausschlug, die sie beide umkreisten. Ihre Augen waren vor Angst und Panik geweitet und Blut glitzerte auf ihren Flanken.
Rogue kämpfte sich zurück auf seine Hufe und wich zurück in die Ecke. Er wischte sie über die Seite seines Gesichtes, wo ihn die seltsame Kälte gestreift hatte und die sich noch immer taub anfühlte. „Was sind das für Dinger?"
Die Stute warf ihm nur einen furchterfüllten Blick zu und zog weiter an dem Seil.
Die Schattengestalten hatten sie in die Ecke gedrängt. Ihre Zahl war unmöglich auszumachen, da ihr Fell mit dem dunklen Hintergrund nahezu verschmolz. Nur ihr leisen, knurrenden Laute verrieten sie. Dennoch griffen sie nicht an.
Rogue bemerkte, dass er zitterte. Doch es war nicht nur die Reaktion seines Körpers auf die plötzliche Gewalt, er zitterte auch vor Kälte. Er konnte seinen Atem an der Luft kondensieren sehen. Langsam kam sein Verstand wieder in Gang. Er drängte sich an der Stute vorbei und trieb seinen Huf mit aller Gewalt durch die kleine Glasscheibe des Kästchens neben der Tür. Dann stieß er das Pony beiseite und bellte ihr zu: „Da drin ist der Schlüssel! Mach auf!" Er griff sich den Holzrechen, den sie vor Überraschung hatte fallen lassen, mit den Zähnen und schwenkte ihn wild der Meute entgegen. Das Knurren kam näher.
Das Glitzern von scharfen Zähnen im Licht der Sterne. Ein Schatten, bereit zum Sprung. Rogue ließ seinen Kopf herumwirbeln und schleuderte den Rechen dem ungenannten Grauen in der Dunkelheit entgegen. Er zuckte ängstlich zurück, als etwas vor ihm mit Macht gegen die Holzwand des Turmes prallte.
„Jetzt!", schrie er der Stute über seinen Rücken zu. Der Schatten vor ihm rührte sich.
„Jetzt!" Die Gestalt, eine Nuance dunkler als die Finsternis um sie herum, richtete sich auf.
„Jetzt!" Sie fletschte die Zähne.
Der Schlüssel klickte im Schloss. Rogue zögerte nicht und machte einen Satz rückwärts. Er prallte gegen die Stute und rollte mit ihr in einem chaotischen Haufen durch die Tür. Er befreite sich von ihr und rollte sich auf dem Boden herum, seinen Hinterlauf ausgestreckt. Sein Huf erwischte die Kante der Tür und stieß sie zu. Bevor sie sich ganz schließen konnte, prallte sie gegen ein Hindernis und wieder war ein bellender, schmerzerfüllter Laut zu hören.
Das Rettungspony warf sich mit der Kraft der Verzweiflung gegen die Holztür und schaffte es sie zu schließen. Ein plötzlicher Aufschlag ließ sie erzittern. Er stemmte sich mit aller Macht dagegen.
„Licht! Licht!" Er hörte das schmerzhafte, abgehakte Keuchen der Einhornstute in der völligen Finsternis des Spritzenhauses, dann glühte langsam der rote Schimmer ihres Horns auf.
Etwas begann gegen die Tür zu drücken. Zuerst nur sanft, als wolle es das Hindernis erkunden, das die Beute so plötzlich verbarg. Doch die Kraft dahinter steigerte sich schnell.
„Da muss irgendwo ein Apparat für die Gasbeleuchtung sein! Neben dem Durchgang zur Fahrzeughalle!" Er winkte mit einem Huf in die ungefähre Richtung, dann musste er sich mit aller Gewalt gegen die Tür stemmen. Er biss die Zähne zusammen und grub seine Hufe in den Holzboden um seinen Stand zu verbessern. Ein dumpfer Aufschlag von der anderen Seite drückte die Tür einen Spalt breit auf, bevor Rogue sie wieder schließen konnte.
„Schnell!"
Ein weiterer Schlag. Seine Hufe rutschten auf dem glatten Boden weg.
„Oh, Celestia..."
Er verlor den Halt.
Die Tür flog auf. Die Kälte drang wie eine Woge in das Erdgeschoss des Turmes. Vor dem Sternenhimmel erhoben sich die Schatten, bereit zum Sprung.
Die Gaslaternen flammten auf und fluteten das Spritzenhaus mit blendender Helligkeit. Ein gepeinigtes Winseln erklang von der Türschwelle, dann waren die Schatten verschwunden.
Rogue erhob sich langsam, bereit zum Sprung, sollte eine der Alptraumgestalten sich durch den Türstock wagen. Seine Augen tränten im plötzlichen, blendenden Licht. Er rieb mit seinem Huf darüber. Ohne die Tür aus seinem Blick zu lassen, fragte er die Stute: „Alles in Ordnung? Bist du verletzt?"
Sie atmete immer noch schwer, antwortete ihm aber. „Eines von den Dingern hat mich in die Flanke gebissen."
Das Rettungspony stieß die Tür mit seinem Huf zu und verkeilte sie mit einer der Feueräxte von der Wand. Er wollte nicht riskieren seinen Kopf in die Türöffnung zu strecken, um den Schlüssel abzuziehen.
„Wir sind hier erst einmal sicher, denke ich. Sie scheinen Angst vor dem Licht zu haben." Er warf einen Blick auf die Stute. Sie hatte ein pinkes Fell, etwas dunkler als das von Pinkie Pie und eine glatte, hellrote Mähne. Ihr Cutie-Mark war unter dem geronnen Blut auf ihrer Flanke nicht zu erkennen. Es tropfte immer noch auf den Boden.
Er ging zu den Sanitätssatteltaschen, die an der Wand neben den Krankentragen hingen und schlang sich eine um. Dann zog er ein paar sterile Kompressen hervor und drückte sie auf die Wunde an ihrem Hinterteil. Sie sog schmerzvoll die Luft ein und zuckte etwas zurück, blieb aber stehen.
„Drück´ weiter darauf." Rogue zog eine große Mullbinde hervor und begann damit ihren Rumpf zu umwickeln, um die Kompressen zu fixieren.
Irgendwo, tief in sich drin, wusste er, dass er sich unter Schock befand. Er war Hals über Kopf in einen Kampf auf Leben und Tod mit einem unsichtbaren, furchterregenden Gegner geraten und nur gerade so mit heilem Fell davon gekommen. Seine Hufe zitterten noch immer, so dass er Schwierigkeiten hatte, den Verband ordentlich anzulegen, aber die gewohnte Arbeit half ihm etwas. Er bekam das Bild der vor seinem Gesicht zuschnappenden Zähne einfach nicht aus dem Kopf.
„Es ist nicht so schlimm.", sagte er in einem so beruhigenden Tonfall, wie es ihm eben möglich war. Er wusste nicht genau, zu wem er sprach, zu sich selbst, oder der Stute. „Vielleicht nur oberflächlich. Hat vielleicht nur ein Gefäß in den Muskeln erwischt, deshalb blutet es noch. Wenn du fest darauf drückst, hört es schließlich auf." Er warf einen kurzen Blick auf die Tür, dann fuhr er fort. „Sie können nicht hinein. Und bald kommen die anderen und..." Er erstarrte. Der Rest des Verbandsmulls fiel aus seinen Hufen und rollte über den Boden.
„Was? Was ist? Ist irgendwas mit meiner Flanke?", fragte die Stute in panischen Tonfall und reckte den Hals, um einen Blick auf ihr Hinterteil zu werfen.
Rogue erhob sich und starrte zur Tür. „Drück... Drück weiter auf die Wunde, auch wenn es wehtut. Schließ die Tür hinter mir."
„Was?", fragte die Stute entsetzt. „Was hast du vor? Du willst da doch nicht wieder hinausgehen!"
Er rückte die Sanitätstasche auf seinem Rücken zurecht, ohne die Tür aus den Augen zu lassen. Sie war kaum fünf Schritte von ihm entfernt, aber sein Blick war glasig, glitt in weite Ferne. Bitte, lass die Musik laut genug sein, betete er im Stillen.
„Sie laufen direkt in die Falle. Wenn sie die Glocke gehört haben, geht es ihnen nicht anders als uns." Applejack... Big Macintosh... Pinkie Pie... Twilight... Fluttershy... Rarity... Celestia und Luna, jedes Pony wird kommen, um zu sehen, warum die Glocke läutet. Wenn ich bloß nicht zu spät komme...
Er zog die Axt beiseite, wo sie als Türkeil gedient hatte und atmete tief durch.
Er hatte Angst. So grässliche, furchtbare, vernichtende Angst. Zum ersten Mal in seinem jungen Leben blickte er dem Tod von Angesicht zu Angesicht ins Auge. Er war dort, jenseits dieser dünnen Holztür, wartete und lauerte auf ihn.
Jedes junge Leben fühlt sich unsterblich, wähnt sich in seinem tiefsten Inneren unvergänglich. Das Konzept des Sterbens, des Vergehens, auch wenn man alt genug ist, um es zu verstehen, bleibt fern und etwas, das anderen zustößt. Die Realität, die absolute Gewissheit, dass eines Tages das eigene Leben enden wird, ist fern und scheint nicht zu zählen. Es ist nicht Teil der persönlichen Wirklichkeit.
Rogue verstand nun endlich die weit aufgerissenen Augen seiner Patienten mit Herzinfarkt, mit schweren Verletzungen, mit unheilbaren Krankheiten, die sie auffraßen. Es war die Berührung des fahlen Ponys auf der eigenen Schulter, so kalt, so endgültig.
Er war kein Held. Er war nur ein einfaches Rettungspony und er war zu jung zum Sterben. Er schreckte vor der Tür zurück, vor dem unnennbaren Grauen, die sie verhieß, die schnappenden Fänge, die geifernden Mäuler. Er konnte nicht dort hinausgehen. Nicht... nicht... für alles... alles in der... Welt...
´Wenn ich dieses spezielle Pony für mich finde, wünsche ich mir, dass er wie du sein wird, Rogue.´
Beyond this place of wrath and tears
Looms but the Horror of the shade,
And yet the menace of the years
Finds and shall find me unafraid.
Man muss nicht immer Tapfer sein. Manchmal reicht nur kleiner Augenblick, eine Sekunde, in der man die Angst niederkämpft, sich selbst ins kalte Wasser wirft.
Rogue riss die Tür auf und rannte um sein Leben. Und um das Leben der vielen Ponys, die sich nur auf ihn verlassen konnten.
